Path:
Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

269 
feinsten Farbensinn und vollendeten Geschmack aus 
gezeichnet, haben sich bis in das fernste Ausland einen 
Namen gemacht, und unsere Reichshauptstadt ist auch 
auf dem Felde der Kostümschneiderei ein Centralpunkt 
geworden. Die meisten Bühnen beziehen ihren Bedarf 
von Berlin, wo man infolge der Massenfabrikation, die 
zahlreichen Arbeitern beiderlei Geschlechts lohnenden 
Verdienst giebt, imstande ist, die betreffenden Aus 
stattungen weit billiger zu schaffen, als dies den ein 
zelnen Direktionen im Falle der Selbstherstellung möglich 
wäre, abgesehen davon, dass diesen auch die bedeuten 
den künstlerischen Kräfte, Zeichner, Maler, Zuschneider, 
deren sich die hiesigen Ateliers versichert haben, nicht 
zur Verfügung stehen und sie so immerhin nur Stück 
werk zu schaffen imstande sind. Um dies zu erkennen, 
brauchte man auf der Ausstellung nur die hervorragend 
schönen und treuen altdeutschen Kostüme, die Lohen- 
grin-Ausstattung, »Walther von Stolzing« und »Evchen« 
aus den »Meistersingern«, »Rigoletto« und die Pracht 
gestalten aus Wallensteins Lager, alles so echt und 
stilgerecht, wie nur immer wünschenswert, ferner die 
ausgestellten Waffen und Rüstungen zu prüfen, die 
mit den blendend schönen Damen- und vorwiegend 
Operettenkostümen Ausstattungsstücke repräsentierten, 
welche sich die Direktion einer mittleren und kleinen 
Bühne nicht leisten kann. 
Aber noch ein anderes, in der Geschichte des 
heutigen Theaters schwerwiegendes Verdienst haben 
sich unsere Berliner Firmen nicht nur um die Bühnen 
leiter, sondern auch um die Bühnendichter bezw. die 
ganze dramatische Litteratur durch die Schaffung der 
ausserordentlich segensreichen Leihanstalten erworben, 
aus denen die kleineren Direktoren jene künstlerisch 
vollendeten, historisch treuen Ausstattungen gegen ein 
Entgelt, das naturgemäss weit unter den Kosten der 
Selbstherstellung steht, leihweise beziehen können. 
Wer da weiss, welche Rolle die reiche Ausstattung 
bei einer ganzen Reihe von Bühnenwerken spielt, wie 
von ihr der Erfolg und damit auch die Zahl der 
Wiederholungen abhängt, wird den hohen Wert der 
erwähnten Einrichtung, die in ihrer heutigen Vollendung 
von Berlin ausging, für alle Beteiligten und in erster 
Reihe für das Publikum derjenigen kleineren Theater 
städte anerkennen, denen gewisse dramatische Werke 
entweder überhaüpt nicht oder doch nur höchst mangel 
haft vorgeführt würden, wenn die Direktionen die Aus 
stattungen aus eigenen Mitteln beschaffen müssten. 
Alles in allem hat uns die Berliner Gewerbe-Aus 
stellung gezeigt, dass die Fabrikation des Theater 
kostüms bei uns in würdiger, ja hervorragendster Weise 
vertreten ist, und dass wir hierin heute jeder Kon 
kurrenz des In- und Auslandes erfolgreich die Spitze 
bieten können. Fritz Brentano. 
Historische Trachten. 
Der Vorsitzende der Gruppe II, Herr Moritz Bacher, 
hatte den glücklichen Gedanken, dem »fin de siede« ein 
Bild der Vergangenheit nach genauen Originalen mög 
lichst wahrheitsgetreu plastisch vorzuführen; vortreff 
liche Mitarbeiter fand der Aussteller in dem Maler 
Gutknecht und der Firma Verch & Flothow. 
Der in der Mittelhalle des Hauptindustrie-Gebäudes, 
zwischen den Ausstellungen Rudolph Hertzog und 
Herrmann Gerson befindliche Pavillon gestattete von 
aussen und innen die genaueste Besichtigung der Aus 
stellungsobjekte. Diese streng nach den Ueberlieferungen 
der jeweiligen Perioden gekleideten männlichen, weib 
lichen und kindlichen Figuren waren durch die Angabe 
derjenigen Zeit, deren Mode sie veranschaulichten, 
gekennzeichnet. 
120 Gestalten repräsentierten die Reihe der Moden 
des 19. Jahrhunderts. Sie gaben Kunde von den 
Stoffen, Farben, Schnitten, die seit 1796 bis auf unsere 
Zeit von den Damen und Stutzern jeder Epoche ge 
tragen worden. Die sinnreich arrangierten Gruppen 
erteilten Belehrung über alle Arten des Damenputzes 
und der Damentoilette, gleichzeitig auch über die An 
züge der männlichen Civil- und Militär-Bevölkerung. 
Die heutige Bekleidungsindustrie wird der ästhe 
tischen Seite des Bildes keinen Beifall entgegentragen. 
Doch lässt sich nicht in Zweifel stellen, dass viele Vor 
teile oder Nachteile jener alten Moden in den Ent 
würfen, welche unweit davon als Muster modernen 
Geschmackes ausgestellt waren, nachklingen. 
Wer seine Erinnerung durch die zur Ausgabe ge 
langte bildliche Darstellung der historischen Trachten 
auffrischt, wird einen bekannten Zug in der Bekleidung 
der jungen Reiterin (1803) entdecken; auch die Schönen 
unserer Tage suchen eine Annäherung zwischen den 
Schnitten der Herren- und Damengarderobe herbei 
zuführen. • 
Um fünf Jahre fortschreitend entdecken wirAermel, 
so nahe verwandt den heutigen, als seien sie dem 
neuesten Modejournal entlehnt; gleichfalls tragen die 
beiden Freundinnen (1816) Rockgarnierungen zur Schau, 
welche auf wenigen Ball- und Gesellschaftsroben des 
letzten Winters gefehlt haben dürften. 
Die Gewissheit gewann freilich der Betrachter der 
Trachtenausstellung, dass die auf merkantile und in 
dustrielle Beschäftigung angewiesene Bevölkerung einen 
der wichtigsten Faktoren ihrer gedeihlichen Existenz 
entbehren würde, wenn die bescheidenen Ansprüche 
der Generation aus der ersten Hälfte unseres Jahr 
hunderts als massgebend für denVerbrauch der Gegen 
wart gelten sollten. 
L. A.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.