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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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industrie in Gemeinschaft mit derjenigen vieler anderen 
deutschen Plätze, allerdings unter Anspannung der 
äussersten Kräfte, schon einem über Erwarten grossen 
Teile der Anforderungen des Weltmarktes gerecht 
werden. 
In diese Zeit des Aufschwungs der Berliner Blumen 
industrie fiel die Entstehung der Preussischen Straf 
anstaltsbetriebe. Sie hemmten die Entwicklung des 
blühenden Industriezweiges auf lange Jahre hinaus und 
übten ihre unheilvolle Wirkung namentlich auf die Berliner 
Fabrikation aus, da der Strafanstaltsunternehmer in 
Berlin seinen Wohnsitz nahm, um von hier aus, schliess 
lich mit einem Apparat von noo fast ausschliesslich 
männlichen Sträflingen, den Markt mit minderwertigen 
Erzeugnissen zu überschwemmen. Diese Schundware, 
welche ihrer aussergewöhnlichen Billigkeit wegen viel 
gekauft wurde, gab nach verhältnismässig kurzer ‘Zeit 
dem gesamten Berliner Fabrikat das Gepräge und 
schädigte sein Ansehen im In- und Auslande ebenso 
schnell, wie dieses sich vordem Anerkennung zu ver 
schaffen gewusst hatte. Den freien Betrieben, welche dem 
rapiden Preisniedergange auch nicht annähernd zu folgen 
imstande waren, wurde durch die Gefängnisindustrie die 
Herstellung derjenigen minderwertigen Waren entzogen, 
welche zur fachgemässen Ausbildung ihres Personals 
und zur Erhaltung desselben während der stillen 
Saison unumgänglich nötig waren: an Stelle der ehe 
maligen mühevollen Sorgfalt, mustergültige Fabrikate 
zu erzeugen, trat eine rücksichtslose Hast, feinere Er 
zeugnisse möglichst geringwertig herzustellen, und so 
war der wirtschaftliche Verfall der Berliner Blumen 
industrie die unausbleibliche Folge. Die Gewichtsmengen 
des Exports stiegen zwar noch einige Zeit hindurch; sie 
bezogen sich aber fast nur auf die Produkte der Straf 
anstalten sowie auf die minderwertigen Erzeugnisse der 
sächsischen Gebirgsorte und boten in ihrer Gesamtheit 
dem wertvollen französischen Import kein Gegengewicht. 
Die Gewerbeausstellung von 1879 fand hiernach in 
Bezug auf die Berliner Blumenbranche ein verwüstetes 
Arbeitsfeld vor. Wohl hatte eine kleine Anzahl von 
Blumenfabrikanten, welche sich, dem gesunkenen Be 
darf entsprechend, trotz aller Schwierigkeiten und 
Hemmnisse, die Pflege einer besseren Warengattung an 
gelegen sein liessen, die Ausstellung beschickt; irgend 
einen erwähnenswerten Erfolg konnten sie aber trotz 
ihrer tüchtigen Leistungen nicht verzeichnen. 
Erst, als auf die dringenden Vorstellungen der 
deutschen Blumenindustriellen und die von Jahr zu Jahr 
höheren Orts eingegangenen Eingaben der Berliner 
Fabrikanten um Aufhebung der Strafanstaltsbetriebe 
diese zuerst eingeschränkt und dann Dank der Einsicht 
der Staatsregierung nach fast 18jährigem Bestehen voll 
ständig beseitigt wurden, konnten die Berliner l'abri- 
kanten, soweit sie nicht der rücksichtslosen Ausbeutung 
ihres Arbeitsfeldes durch die Gefängnisbetriebe bereits 
zum Opfer gefallen waren, den Wiederaufbau ihrer In 
dustrie und deren gesunde Weiterentwicklung in die 
Hand nehmen. 
Beim Anblick der diesmaligen Ausstellung künst 
licher Blumen und Blätter sowie der Zusammenstellung 
von solchen zu Putz und Zimmerschmuck musste sich 
dem unter dem Eindruck der eben angedeuteten Ent 
wicklungsgeschichte der Berliner Blumenindustrie stehen 
den Fachmanne zuerst das lebhafte Bedauern aufdrängen, 
dass ein grosser Teil der Berliner Blumenfabrikanten, 
nachdem ihnen wieder freie Bahn gegeben war, sich 
die Gelegenheit entgehen liess, mit in den Wettbewerb 
einzutreten und beizutragen zu dem Werke, welches 
ein übersichtliches Gesamtbild von der Entwicklung 
ihres Industriezweiges und dem immerhin erfreulichen 
Aufschwünge geben sollte, welchen derselbe seit Be 
seitigung der Gefängnisindustrie genommen hatte. 
Diese Zurückhaltung vieler leistungsfähigen Firmen, der 
ihnen mangelnde weitere Blick sowie ihre geringe Opfer 
willigkeit haben namentlich insofern einen unvorteil 
haften Eindruck hinterlassen, als Berlin sich, wie vorher 
schon angedeutet, in den guten Ruf, welchen die 
deutsche Blumen- und Blätterindustrie im In- wie im 
Auslande nun wieder mit vollem Recht geniesst, mit 
mehreren anderen kraftvoll emporstrebenden P'abri- 
kationszentren teilen muss. Es hätte gewissermassen 
Ehrensache der Berliner Vertreter dieser Industrie sein 
müssen, möglichst in ihrer Gesamtheit den Beweis zu 
liefern, dass sie der ihnen in Deutschland naturgemäss 
zustehenden Führerrolle, trotz aller ihnen in den Weg 
gelegten Hindernisse, gewachsen und nicht Willens sind, 
den ersten Platz einer anderen deutschen Stadt zu über 
lassen. Ausserdem durften die abseits gebliebenen 
Fabrikanten nicht vergessen, dass die Schaustellung 
mustergiltiger künstlicher Blumen bisher niemals ver 
fehlt hat, eine hervorragende Anziehungskraft, nament 
lich auf den weiblichen Teil des grossen Publikums, 
d. h. die Hauptkonsumenten, auszuüben. Das vom 
Beschauen vieler tausender gewerblicher und kunst 
gewerblicher Erzeugnisse ermüdete und teilnahmlos ge 
wordene Auge wird wieder angeregt und ruht dann mit 
Wohlgefallen auf den künstlichen Nachbildungen der 
Kinder Floras, welche in ihrer Anspruchslosigkeit oft 
nicht erkennen lassen, welches Mass von Intelligenz, 
wie viele fleissige und geschickte Hände zu ihrer natur 
getreuen Herstellung erforderlich waren. 
Abgesehen von einigen Geschmacksverirrungen, 
bildete die naturgetreue Wiedergabe dessen, was Feld 
und Garten bieten, die Signatur der diesmaligen Aus 
stellung künstlicher Blumen und Blätter. Es ist ein er 
freuliches Zeichen, dass die deutschen Blumenfabrikanten 
schon seit einer Reihe von Jahren, gleich vielen Anderen, 
ihre Blicke nicht mehr mit dem ehemaligen Unfehlbar 
keitsglauben auf Paris richten, sondern in erster Reihe 
die Natur mit ihrem unerschöpflichen Reichtum an
	        
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