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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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halten hat. Die Aussteller der Damenhutbranche haben 
die junge Industrie mit rühmlicher Geschicklichkeit ver 
treten. Die beigegebene Abbildung der Ausstellung 
von H, Dewitz giebt ein gutes Beispiel davon. 
Die in den genannten Monaten aus allen Teilen 
Deutschlands hierher kommenden Geschäftsdamen wissen 
in den für sie mit allen Behaglichkeiten eingerichteten 
Ausstellungen von Pariser und Berliner Hutmodellen, 
deren Ankauf für sie zu teuer wäre, genau das Gestell 
(»das Fagon«) des Hutes, die schwierige Anordnung der 
Bänder, die Stellung der Federn, die Lage der Blumen 
mit dem Stift festzuhalten und lernen dabei die jeweilig 
gangbarsten Zuthaten und die beliebtesten Farben kennen, 
die sie dann selbst zu Hause ihren Kundinnen vorzulegen 
haben. Tausende dieser fremden Gäste durchschwärmen 
um den Frühlings- und Herbstesanfang die Umgebung 
der Leipziger Strasse, des Spittelmarktes und des Haus 
voigteiplatzes, wo sich die Ausstellungen befinden. 
Perl- und Filigran-Manufaktur. 
Den fertig garnierten Hüten schlossen sich in der 
Ausstellung die verschiedenen Materialien an, die zu 
ihrer Ausschmückung erforderlich sind und zum grossen 
Teil aus der Fremde bezogen werden müssen: in grosser 
Mannigfaltigkeit zeigten sich die weissen und farbigen 
Krystalle, die Strass-Ornamente und die ausserordentlich 
verschiedenartigen Perlenverzierungen. Die Fabrikation 
dieser Artikel hat sich in Berlin eingebürgert, nachdem 
bereits seit vielen Jahren Offenbach a. M. deren Her 
stellung übernommen hatte. Die ersten Organisations 
versuche fallen mit dem Beginn der deutschen Modell 
ausstellungen zusammen; auf beiden Gebieten schritt die 
Entwicklung im gleichmässigen Tempo vorwärts. Aus 
dem Bereich der Berliner Perl- und Filigran-Hutschmuck- 
Fabrikation nahmen an der Ausstellung mehrere Firmen 
teil, die neben Perl-Aigrettes und -Flügeln, Bordüren 
und Gehängen ganze Hüte aus Goldfiligran, Perlen und 
Füttern in wertvoller Bearbeitung und allen Anforde 
rungen des Luxus entsprechend zur Anschauung brachten. 
L. Ahronheim. 
Künstliche Blumen. 
Wenn auch in der Berliner Chronik einer Blumen 
fabrik Erwähnung geschieht, welche, bereits in den letzten 
Regierungsjahren Friedrichs des Grossen durch eine 
Frau de Rieux in Berlin gegründet, durch ihre Lei 
stungen sowohl, wie auch durch Geldzuwendungen des 
sich für dieses Unternehmen sehr interessierenden 
Königs einen grossen Umfang erlangt haben soll, so 
reicht eine fabrikmässige Herstellung künstlicher Blumen 
in Berlin, welche auf den deutschen Markt von einigem 
Einfluss gewesen wäre, nur bis in die zwanziger Jahre 
unseres Jahrhunderts zurück. Bis dahin wurde der 
Bedarf fast ausschliesslich aus Frankreich gedeckt, 
während in Berlin, mit wenigen Ausnahmen, nur ein 
geringwertiges Fabrikat hergestellt wurde, dessen An 
fertigung in den damaligen Kleinbetrieben lediglich 
durch Handarbeit oder unter Anwendung sehr unvoll 
kommener Werkzeuge geschah. 
Erst Anfang der dreissiger Jahre, als ein geschickter 
Berliner Graveur mit der Anfertigung von Stanzen, 
Pressen und anderen maschinellen Einrichtungen zur 
Herstellung künstlicher Blumen begann, wurde ein Auf 
schwung der Berliner Blumenindustrie erkennbar. 
Durch diese neuen technischen Hilfsmittel wurden unsere 
Blumenindustriellen qualitativ und quantitativ leistungs 
fähig, so dass bereits in den vierziger Jahren von 
Berlin und einigen anderen deutschen Plätzen aus ein 
grosser Teil des inländischen Bedarfs an künstlichen 
Blumen gedeckt und sogar vom Auslande, namentlich 
von * Russland, eingehende Aufträge erledigt werden 
konnten. 
Saison für Saison erschienen von Paris aus Neu 
heiten, zu deren Herstellung neue, oft komplizierte 
technische Hilfsmittel erforderlich waren, welche einer 
seits nicht immer mit der nötigen Schnelligkeit beschafft 
werden konnten und andererseits den einzelnen Blumen 
fabrikanten unverhältnissmässige Kosten auferlegten. 
Die Folge war, dass man, je mehr der Bedarf stieg, 
desto mehr zu einer Arbeitsteilung überging, wie Paris 
sie damals schon seit Jahren anwandte. So entstand 
während der ersten fünfziger Jahre in Berlin, 
München, Dresden, Leipzig und einigen sächsischen 
Gebirgsorten in schneller Reihenfolge eine Anzahl von 
Fabriken, welche sich ausschliesslich mit der Anfertigung 
von künstlichen Blättern, einzelnen Blumen, Früchten 
oder Blumenbestandteilen befassten. Diese Betriebs 
teilung hatte den grossen Vorzug, dass ein in Bezug 
auf die einzelnen Spezialitäten geübteres Arbeitspersonal 
herangezogen werden konnte und ein Teil der vor 
handenen Blumengeschäfte, sowie eine Reihe neu ent 
stehender Firmen in die Lage versetzt wurden, sich nur 
noch mit dem Konfektionieren der aus den Spezialitäten 
fabriken bezogenen Einzelblumen und Blätter und dem 
Vertriebe der so fertiggestellten Hutzweige, Ballgarni 
turen u. s. w. zu beschäftigen. 
Da Berlin als Grossstadt mit seinem eigenen Bedarf 
und als Zentralstelle der Kunstpflege den gedeihlichsten 
Boden für eine derartige Modeindustrie darbot, ent 
wickelte sich hier die Blumenindustrie unter den neu- 
geschaffenen Verhältnissen in der erfreulichsten Weise. 
Mit der zunehmenden Verdrängung des französischen 
Fabrikats im Inlande wusste sie sich, wie aus den 
steigenden Exportzahlen hervorgeht, durch gute Qua 
litäten bei mässigen Preisen auch im Auslande mehr 
und mehr Geltung zu verschaffen, und als durch die 
Belagerung von Paris, dieser bedeutendste Platz der 
Blumenindustrie für längere Zeit vom Handelsverkehr 
abgeschlossen wurde, konnte die Berliner Blumen
	        
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