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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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zentrischen Gestaltungen Frankreichs dem deutschen 
Geschmack nur selten Zusagen, und namentlich, da 
beide Länder für den Bezug von Fantasiestrohgeflechten 
auf die Schweiz angewiesen sind und deshalb Neuheiten 
hierin ebenso frühzeitig nach Berlin wie nach Paris 
gelangen. Die Ausstellung war noch nicht geschlossen, 
der Winterbedarf noch nicht entwickelt, als man be 
reits begonnen hatte, neue Sommerformen zu bauen. 
Garnierte Damenhüte. 
Der Damenhutputz ist einer der Hauptfaktoren, 
durch die das Modewarengeschäft belebt wird; er ist 
hatten einzelne Engroshäuser in Frankfurt a. M. schon 
vor dem Kriege ähnliche Ausstellungen französischer 
Modelle eingeführt. Um das Jahr 1880 etwa ahmte 
zuerst eine aus Köln nach Berlin übergesiedelte Firma 
(Gebrüder E. & S. Bing) das Beispiel nach. Die Sonder 
ausstellungen in den Geschäftsräumen haben sich zu 
einer feststehenden Einrichtung aller mit dem Putzfache 
in Verbindung stehenden Engroshäuser entwickelt. 
Auf dieser Grundlage entwickelten sich seit etwa 
einem halben Jahrzehnt die Berliner Modellgeschäfte, 
die ihre Aufgabe darin suchen, nicht nur Modelle nach- 
zubilden, sondern sie im Einklang mit der allgemeinen 
in jedem Augenblick den Schwankungen der Mode 
unterworfen. Noch vor zwei Jahrzehnten wurde kein 
Hut als modern anerkannt, der nicht aus Paris kam oder 
wenigstens als das treue Abbild eines Pariser Musters 
bezeichnet werden konnte. Weder die Form des Hutes, 
noch dessen Ausputz galt als zulässig, wenn sie nicht 
den Pariser Stempel trugen. Neuerdings ist hierin eine 
erhebliche Aenderung eingetreten. 
Seit langer Zeit ist es Sitte, dass die grösseren Putz 
geschäfte der französischen Hauptstadt vor Beginn jeder 
Saison, also im März und August,, Modellausstellungen 
veranstalten, teils zur Belehrung der europäischen 
Modistinnen, teils als Wegweiser für die Engroskäufer, 
welche nach Paris kommen, um sich mit Seidenstoffen, 
Bändern, Spitzen und Perlarbeiten zu versorgen. Für 
die deutschen Mode-Detailgeschäfte und Modistinnen 
Strömung der Mode selbständig zu entwerfen und 
billiger als die Pariser herzustellen, um dadurch den 
Ankauf der Modelle für die Putzmacherinnen zu er 
leichtern, die auf diesem Wege in den Stand gesetzt 
werden, anstatt der Zeichnungen fertige Hüte mit nach 
Hause zu bringen. Es bestehen hier etwa zwölf der 
artige härmen, von denen nur eine geringe Zahl sich 
an der Ausstellung beteiligt hat. 
Der neue Zweig der Putzbranche erwies sich bald 
als sehr wichtig für die Ausbreitung des deutschen Ge 
schmacks im Ausland. Berlin besuchende Holländer, 
Russen, Skandinavier lernten unsern Putz kennen und 
schätzen. Kleinere Versuche führten zu Wiederholungen 
der Einkäufe und zur Erwerbung einer festen Kundschaft, 
welche sich ununterbrochen vermehrt und eingestandener- 
massen durch die Ausstellung überseeischen Zuwachs er
	        
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