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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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wendigen Strohgeflechte einen Zoll von 24 Mark für 
100 kg, und grosse Betriebsanlagen in anderen Ländern, 
wie Frankreich, Belgien und England, sind im Wett 
bewerb nicht zu überwinden. Berlin vermag, namentlich 
wegen seiner grossstädtischen Löhne, nur einen kleinen 
Bruchteil des inländischen Verbrauchs zu decken: be 
sonders seit die Maschinenarbeit eingeführt und dadurch 
der schon oben erwähnte Vorteil Berlins bezüglich der 
Leistungsfähigkeit der Handarbeit zunichte geworden 
ist, ging die Befriedigung des Massenbedarfs auf Dresden, 
Breslau und einige andere Plätze über. Dafür ver 
blieb unserer Stadt der bessere Modehut, weil Berlin 
als Mittelpunkt des deutschen Putzhandels Gelegenheit 
Vorsprung und sichert dem hiesigen Fabrikat auch für 
die Zukunft das bisher erworbene Ansehen. 
Im Jahre 1882 schätzte der Aeltesten-Bericht die 
Zahl der in Berlin fertiggestellten Herren-, Damen- und 
Kinder-Strohhüte auf jährlich 1 Million und waren dabei 
150 männliche und 800 weibliche Arbeiter beschäftigt. 
Die gegenwärtig vorhandenen 25 Fabriken arbeiten mit 
rund 2000 Personen und produzieren je nach dem Ge 
schäftsgänge einen jährlichen Wert von 2 bis 2 1 /z Milk 
Mark. 
Ein beträchtlicher Teil der Damenfilzhüte ist seit 
Einführung der kleinen, hochköpfigen Reisehüte in den 
Bereich der Herrenhutfabrikation übergegangen. Der 
Renaissance-Spitzen-Gardine. 
hat, alle vom Auslande eingeführten Neuheiten aufzu 
nehmen und schnell, für den deutschen Geschmack zu 
gestutzt, in den Verkehr zu bringen. Die Moden wechseln 
gerade in Damenhüten oft so urplötzlich, dass die Fabri 
kation bei dem geringsten Zeitverlust behindert wird, 
sich rechtzeitig damit in Einklang zu setzen. Im Gegen 
sätze zu früheren Zeiten, wo es sich nur um die Grund 
farben schwarz, braun, weiss handelte, verlangen die 
Konsumenten jetzt die verschiedensten Farbentöne in 
Stroh und anderen Geflechten. In den letzten beiden 
Jahren haben sich den Spahn-, Stroh- und Litzen 
geflechten noch andere Mischungen aus Rosshaar, 
Chenille, Filz- und Tuchstreifen beigesellt. Die Ver 
arbeitung der Fantasiegenres darf aber der Maschine 
nicht überlassen, sondern muss mit der Hand aus 
geführt werden: diese Notwendigkeit verleiht Berlin einen 
Damenhut-Branche ist die Herstellung der Modeformen 
aus rohen farbigen Filzplatten, die ohne grössere 
maschinelle Anlagen bewerkstelligt werden kann, Vor 
behalten geblieben. 
In der Ausstellung waren alle in Frage kommen 
den Momente, der Geschmack, die harbe, die Aibeits- 
teilung sehr anschaulich vorgeführt. Die bei dei Er 
öffnung ausgestellten Modelle liessen die Hauptstärke 
Berlins in Stroh- und Filzhüten gut erkennen. Nach der 
am 17. August stattgefundenen Auswechslung trat die 
Wintermode in ihre Rechte, nachdem bis zu diesem 
Zeitpunkte der Sommerbedarf vorgeherrscht hatte. 
Berlin hat sich thatsächlich auf diesem Gebiete von 
der Herrschaft der französischen Mode befreit. Ohne 
auf die Winke von dorther zu warten, geht man hier 
selbständig an das Entwerfen der Formen, da die ex
	        
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