Path:
Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

247 
Die naturgemäss nicht billigen Durchbruch-Arbeiten 
haben zunächst in Amerika und England viele Lieb 
haber gefunden. Von dort gingen unseren Wäsche 
magazinen viele Bestellungen auf Aussteuern zu, in 
welchen namentlich Parade-Kissen und Decken eine 
Rolle spielten. Neuerdings haben sich dafür auch im 
Inlande viele Liebhaber gefunden. 
Die Krawatten - Fabrikation. 
Die steifen, handbreiten, schwarzen Lastingbinden 
mit den weitgespreizten Flügeln der Vatermörder, in 
welche man einst nicht allein den Hals, sondern auch 
einen guten Teil des Kopfes steckte, die viereckigen, 
seidenen Tücher in der Grösse unserer Cachenez, die 
sauber gefaltet um den Hals geschoben wurden, die 
kleinen, schmalen Shlipse sind heute verschwunden. 
Der Verkauf und auch zum Teil die Anfertigung aller 
jener alten Krawatten-Formen lag in den Händen der 
Handschuhmacher und Bandagisten. Eine eigentliche 
Krawatten-Fabrikation als besonderer Gewerbezweig ist 
in Deutschland erst seit höchstens 40 Jahren vorhanden. 
England und Frankreich waren uns in dieser Beziehung 
voraus und deckten einen grossen Teil des deutschen 
Bedarfs auch noch lange nach der Einrichtung in 
ländischer Fabriken. 
In nächster Nähe Krefelds, der Stadt der Seidenstoff- 
Weberei, gelegen, unternahmen zuerst Neuss und Elber 
feld die Anfertigung von Krawatten in grösserem Mass- 
stabe. Ihnen folgte bald das sich zum Mittelpunkte des 
deutschen Engros-Verkehrs entwickelnde Berlin. Der 
schnelle Aufschwung beruht auch hier auf dem steigenden 
Bedarf, dem emsigen Aufsuchen inländischer und aus 
ländischer Abnehmer, der planmässigen Heranziehung 
und Ausbildung eines tüchtigen Arbeiterstammes. 
Namentlich letzterer Umstand machte sich geltend, wie 
es ja überhaupt selbst für Bezirke mit billigen Arbeits 
löhnen immer schwerer wurde, Berlin in der Hand 
arbeit zu schlagen. Heute sind wir dahin gelangt, mit 
England und Frankreich nicht nur in die Schranken zu 
treten, sondern sie vielfach zu überflügeln, was das 
Ausland selbst in steigendem Masse anerkennt. 
Zuerst führten schwarze Stoffe den Reigen, dann 
ging man auf einfarbige und schliesslich auf mehrfarbig 
gemusterte über. Während geraumer Zeit kamen die 
Stoffe in grossen Mengen aus Frankreich, England und 
Oesterreich, gegenwärtig dürfte kaum der zehnte Teil 
der Fremde entstammen. Krefeld und Umgegend 
decken °/io des Bedarfs. Der schöne Erfolg der 
Krawatten-Ausstellung ist daher zu einem wesentlichen 
Teil der deutschen Stofffabrikation zu danken. 
Die Formen der Krawatten haben sich seit Jahren 
wenig geändert. Die 4 Hauptformen: die Schleife, 
der Schifferknoten, der Selbstbinder, sowie das Plastron 
wiederholen sich von Jahr zu Jahr. Bald treibt die 
Mode die eine, bald die andere an die Spitze des 
Konsums. Als die Jägerhemden und die hochge 
schlossenen Westen an der Tagesordnung waren, ge 
noss das Plastron den Vorzug, nach Einführung der 
ausgeschnittenen Westen und der weissen Oberhemden 
kamen Schleifen und Schifferknoten — Regates —• an 
die Reihe. Die Fabrikation stellt sich die Aufgabe, 
beide möglichst natürlich, als seien sie von der Hand 
des Trägers geschlungen, herzustellen. 
Unsere Konfektion hat sich des inländischen Be 
darfs fast völlig bemächtigt. England liefert nur noch 
einen ganz geringen Teil desselben. Berlin versorgt 
Holland, die Schweiz, Belgien, Rumänien und hat be 
trächtliche Abnehmer im Norden. Der überseeische 
Export ist bis jetzt auch in diesem Geschäftszweig nicht 
nennenswert. 
Wir besitzen etwa 25 grössere und eben so viele 
kleinere Fabriken in Berlin, die zusammen jährlich an 
1250000 Dutzend Krawatten im Gesammtwert von 
9—io Millionen Mark erzeugen, von welcher Summe 
die in diesem Zweige der Berliner Industrie beschäf 
tigten ungefähr 6000 Arbeiter den fünften Teil als 
Lohn beziehen. 
Die Industrie hatte ihre vornehmsten Firmen zur 
Ausstellung entsandt. Alle modernen Krawattenformen, 
alle Materialien waren in übersichtlicher Anordnung 
dem Urteil der Fachkenner unterbreitet. Der Geschmack 
unserer Fabrikanten erwies sich, von einigen Aus 
nahmen abgesehen, als trefflich und frei von jeder 
schablonenhaften Richtung. Originelle Kombinationen 
und Einzelverwendungen der Farbenwirkungen in den 
Seidenstoffen überraschten; wie es auch lehrreich war, 
die ausserordentlich grosse Zahl der Stoffarten, mit 
denen eine grosse Krawattenfabrik zu rechnen hat, 
kennen zu lernen. 
Die Weisswaren-Konfektion. 
Die Weisswaren-Konfektion stand um das Ende 
des vorigen Jahrhunderts zu Paris in hoher Blüthe. 
Feine Musslins, Spitzen und Spitzenstoffe wurden in 
Frankreich in den verschiedensten P'ormen von den 
Damen als Shawls um den Hals, als Kragen, Fichus 
und Schärpen um Schulter und Taille, von den Herren 
als Brustjabots und Manschettenvolants getragen. Die 
Mode fand weithin Nachahmung, • und die genannten 
Artikel sind zum Teil noch heute unter den alten fran 
zösischen Bezeichnungen bei uns bekannt. Namentlich 
folgte der Putz des weiblichen Geschlechts dem fran 
zösischen Muster, wenigstens soweit es sich um die An 
gehörigen der wohlhabenden Klassen handelt, die 
übrigens die Fertigstellung der betr. feinen Weisswaren 
selbst bewirkten. Die damals noch ausschliesslich mit 
der Hand hergestellten Spitzen waren ihres Wertes
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.