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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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es auch, welcher den Schreiber dieser Zeilen, der in 
den 70er Jahren in seinem Betriebe eine der ersten 
Kraftmaschinen zur Anwendung brachte, veranlasst hat, 
diesen Maschinenbetrieb bald wieder aufzugeben, um 
zur Herstellung der Handarbeit zurückzukehren und 
dieser Fabrikationsmethode bis zum heutigen Tage treu 
zu bleiben. 
In allerneuster Zeit hat nun das Mac Kay’sche 
System durch die sogenannte Goodyear-Maschine 
bedeutende Verbesserungen erfahren, so dass dieselbe 
neben ausserordentlicher Leistungsfähigkeit imstande 
sein soll, in geradezu vollendeter Weise die menschliche 
Arbeit zu ersetzen. Eine derartige Maschine war auf 
der Ausstellung in Thätigkeit zu sehen. Dieselbe be 
stand aus einer Zwick-, einer Rahmeneinstech-, einer 
Sohlenauflege-, einer Näh- und einer Glättmaschine. Die 
Fabrikationsweise ist in kurzem folgende: Der fertig 
hergerichtete Schaft wird in der Zwickmaschine auf 
den Leisten gebracht. Starke Eisenklammern zwängen 
die Spitze und den hinteren Teil des Schaftes über den 
Leisten, und behende Eisenfinger thun dasselbe mit 
dem Ballen und dem Gelenke. Zwickstifte werden nun 
ganz leicht mit dem Stifter, der selbständig die ge 
brauchten Stifte ersetzt, eingeschlagen. Dann kommt 
der Schuh zur Rahmeneinstechmaschine, die schnell und 
sicher mit gebogener Ahle und starkem Pechdraht den 
Rand an Oberteil und Brandsohle näht, ohne sie jemals 
zu durchstechen. Nachdem dann die Sohle mittels 
der Sohlenauflegemaschine an die Brandsohle fest heran 
gedrückt ist, schneidet eine andere Maschine die Sohle 
der Form des Leistens entsprechend zurecht und ritzt 
zugleich längs der Kante eine flache Furche zur Auf 
nahme der Naht. Der Pechfaden läuft beständig durch 
heisses Pech, wird also damit unausgesetzt getränkt. 
Er soll dadurch dauerhafter werden und auch eher im 
stande sein, die Nähte wasserdicht zu halten, als ein 
nur an kaltem Pech geriebener Faden. Die Sohlen 
werden sodann an den Rand genäht, ohne dass ein 
Stich durch das Vorstechen für den folgenden gelockert 
wird. Die Stiche verlaufen ganz gleichmässig und 
werden mit einem immer gleich straffen Faden fest an 
gezogen. Die Sohle ist nunmehr durch zwei Nähte am 
Oberteil befestigt, und nachdem die Glättmaschine noch 
die Sohle von Seite zu Seite, vorn und hinten derart 
bearbeitet hat, dass die Nahtfurche überall geschlossen 
ist, bleibt nur noch der Bau des Absatzes und das 
Ausputzen des Schuhes übrig. 
Man wird sich der Ansicht nicht verschliessen 
können, dass das vorbeschriebene Maschinensystem 
derartige Verbesserungen enthält, dass es alle früheren 
P'abrikationsmethoden überflügeln muss und dieselben 
aus allen Betrieben, die konkurrenzfähig bleiben wollen, 
in absehbarer Zeit verdrängen wird. Ebensowenig 
wird man verkennen können, dass dieses System der 
Handarbeit noch erfolgreichere Konkurrenz machen 
wird, als dies den bisher in Gebrauch gewesenen 
Maschinen gelungen ist. Aber trotzdem braucht das 
Schuhmacherhandwerk nicht allzu trübe in die Zukunft 
zu blicken. Die eigentliche Massschuhmacherei wird 
seine Domäne bleiben, während die Maschine auch in 
Zukunft nur Schablonenarbeit liefern wird. Gerade 
dieser Umstand wird sicherlich nach wie vor die 
besser situierten Schichten der Bevölkerung veranlassen, 
seine Fussbekleidung nach Mass an fertigen zu lassen. 
Und wenn das Schuhmacherhandwerk an seiner Ent 
wicklung ebenso rüstig weiter arbeitet, wie bisher, 
wenn es auch in Zukunft solche hervorragende Leistun 
gen aufzuweisen hat, wie es sie auf der Berliner Ge 
werbe-Ausstellung 1896 zur Schau stellen konnte, so 
wird es sich auch für die Folge trotz der Konkurrenz 
der Maschinenarbeit behaupten. 
R. Esser 
Hoflieferant Sr. Maj. des Kaisers und Königs. 
Die Herrenwäsche-Fabrikation. 
Aus dem für grössere Unternehmungen schon 
längst vorbereiteten Boden entsprang 1865 ein neuer 
Zweig der Berliner Bekleidungs-Industrie. Die fabrik- 
mässige Herstellung von Herrenkragen und Manschetten 
erzielte sehr bald, unterstützt durch die rasche Steigerung 
des Konsums, überraschende Erfolge. 
Die Arbeitsstuben der Detailgeschäfte genügten 
nicht mehr, nachdem Kragen und Manschetten in den 
Etat aller nur einigermassen Bemittelten aufgenommen 
worden waren und sich schon im genannten Jahre zu 
einem wertvollen Handelsartikel ausgebildet hatten. In 
Frankreich und England blühten Dutzende von Fabriken. 
Die Versorgung Deutschlands erfolgte zunächst ganz 
überwiegend von England aus, das infolge seiner 
grossen Leinwandfabrikation Frankreich überflügelte. 
Vermittler dieses Handels war Hamburg, das von 
jeher die engsten geschäftlichen Verbindungen mit den 
grossen Industriestätten Grossbritanniens unterhielt. 
Sachsen beschäftigte sich zur Zeit zwar mit der Her 
stellung gestärkter Wäsche,. fabrizierte aber nur Damen 
kragen und Herrenvorhemden — jene breiten Brust 
vorlagen, die um Hals und Leib durch schmale Bänder 
befestigt wurden. 
In Berlin wurde damals die fabrikmässige Her 
stellung von Herrenwäsche namentlich seitens junger 
Kaufleute in die Hand genommen, die nach einer 
neuen Grundlage der Selbständigkeit suchten. Diese 
Branche war hierzu um so geeigneter, als die Fabrikation 
ziemlich einfach war und für die Anfangskäufe des be 
nötigten Materials eine grosse Kapitalsanlage nicht er 
forderte. Seit mehr als 20 Jahren war überdies die 
Nähmaschine in Thätigkeit und hatte bereits eine grosse 
Ausbreitung erlangt. Die Arbeitsteilung verlief in der
	        
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