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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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nicht nur eine Arbeitsteilung möglich, sondern auch 
ein Ersatz für die menschliche Arbeitskraft geschaffen. 
Eine weit grössere Bedeutung gewann die von 
dem Amerikaner Mac Kay erfundene Durchnähmaschine, 
da diese es ermöglichte, mit einer Kettenstichnaht, 
welche gleichzeitig durch Sohle, Oberleder und Brand 
sohle hindurchging, die Sohle mit dem Oberleder zu 
verbinden. Diese Maschine, welche im Laufe der Zeit 
noch kleinere Verbesserungen erfuhr, legte den Grund 
für die heute so bedeutende Berliner Schuhwaren 
fabrikation. Schon Anfang der achtziger Jahre hatte 
diese einen solchen Umfang gewonnen, dass sie ver 
suchen konnte, nicht nur die in- und ausländische Kon 
kurrenz vom Berliner Markte zu verdrängen, sondern 
auch den weit älteren Schuhwarenindustrieen Sachsens, 
Thüringens und Süddeutschlands ihre Absatzgebiete 
streitig zu machen. Im Jahre 1884 beliefen sich bei 
spielsweise die Umsätze der Berliner Schuhfabriken 
schon auf mehrere Millionen Mark. Der erzielte Ge 
winn war freilich infolge der überall sich bemerkbar 
machenden Massenproduktion und des dadurch her 
vorgerufenen Preisdrucks nur gering. Trotzdem hat 
sich die Zahl der Berliner Schuhwarenfabriken in den 
letzten zehn Jahren vermehrt, wenn auch nicht in 
dem Masse, dass sie im stände wären, den auswärtigen 
Fabriken, namentlich Süddeutschlands und Hamburgs, 
den Markt in Lederschuhwaren streitig zu machen. 
Die Berliner Industrie, welche mit den hohen nord 
deutschen und dazu grossstädtischen Arbeitslöhnen zu 
rechnen hat, wird, wenn sie noch mit einigem Nutzen 
arbeiten will, mehr und mehr dazu gedrängt, bessere 
Fabrikate herzustellen und direkt an die Detailgeschäfte 
abzusetzen. Diese Notwendigkeit hat aber die segens 
reiche Folge gehabt, der Berliner Ware, wo sie sich 
Eingang zu verschaffen gewusst hat, die Kundschaft 
dauernd zu sichern. 
Einen erfreulichen Aufschwung hat eine wichtige 
Spezialität der Schuhbranche, die Fabrikation derBall- 
und Galanterieschuhe, genommen. Dieselbe ist in 
den letzten Jahren als eine sehr beachtenswerte, selb 
ständige Industrie emporgekommen. Bis vor kurzem 
noch beherrschte das Pariser und hauptsächlich das 
Wiener Produkt in dieser Branche den deutschen Markt 
fast vollständig. Nunmehr ist es aber einigen hiesigen, 
sehr rührigen Firmen nach Heranziehung von öster 
reichischen Arbeitern gelungen, durch ihre ausgezeich 
neten Fabrikate die ausländische Konkurrenz fast zu 
beseitigen. 
Der Export von Schuhwaren bewegt sich bis 
jetzt noch in bescheidenen Grenzen; indes ist auch hier 
ein stetes Vordringen der Berliner Schuhwarenfabrikation 
zu erkennen. Namentlich sind es Belgien und Holland, 
welche das hiesige Produkt günstig aufnehmen. Der 
deutsch-russische Handelsvertrag freilich konnte schon 
um deswillen die Ausfuhr dorthin wenig' erhöhen, weil 
Russland infolge seiner billigen Rohmaterialien und 
niedrigen Arbeitslöhne seine Schuhwaren selbst von 
Jahr zu Jahr billiger zu erzeugen vermag und be 
deutende Fortschritte in der Schuhwarenfabrikation 
gemacht hat. Erfreuliche Folgen des russischen 
Handelsvertrages zeigen sich jedoch indirekt insofern, 
als verschiedene deutsche Industriebezirke, welche gute 
Konsumenten für Berliner Schuhwaren sind, stärker 
beschäftigt werden und naturgemäss ihre Einkäufe am 
Platze erhöhen. 
Ungleich günstiger liegt der Export nach Süd 
amerika, nach England und den englischen Kolonieen, 
wo billige Produktionsbedingungen, welche eine erfolg 
reiche Konkurrenz der deutschen Schuhwaaren-Industrie 
ausschliessen würden, in absehbarer Zeit nicht zu er 
warten sind. 
Eine zur Schuhwaaren - Fabrikation in enger Be 
ziehung stehende Industrie, die Schäftefabrikation, 
ist seit Anfang der achtziger Jahre in Berlin zu einer 
schnellen Bliithe gelangt. Bis dahin pflegten die Schuh 
machermeister selbst ihre Schäfte zu schneiden und zu 
steppen. Nun aber kam man allgemein zu der Ueber- 
zeugung, dass es vorteilhafter ist, nahtfertige Schäfte 
zu beziehen, als dieselben im eigenen Betriebe herzu 
stellen. In Süddeutschland entstanden damals die ersten 
Schäftefabriken und führten ihre Erzeugnisse auch nach 
hier ein. Jedoch schon nach wenigen Jahren bemächtigte 
sich Berlin selbst dieses Industriezweiges, und zwar in 
solchem Umfange, dass im Jahre 1885 in 15 grösseren 
und 130 kleineren Fabriken 1200 Arbeiter und 500 Näh 
maschinen beschäftigt werden konnten. Die Fabrikate 
wurden in Berlin selbst und in Deutschland abgesetzt, 
zum Teil aber auch nach Holland, Skandinavien und 
der Schweiz exportiert. Die Schäftefabrikation stieg 
dann in den nächsten Jahren noch ganz bedeutend, 
kam aber im Jahre 1889 zum Stillstände, um von da 
ab mehr und mehr zurückzugehen. Die Bliithezeit war 
also nur kurz. Diese auffallende Erscheinung findet 
ihre Erklärung darin, dass die neuentstandenen Gross 
betriebe in der Schuhwaren-Fabrikation anfingen, ihre 
Schäfte selbst herzustellen und die Schäftefabriken nur 
noch Abnehmer bei den Kleinbetrieben fanden. Wenn 
nun die Berliner Schäftefabrikation trotz dieser un 
günstigen Verhältnisse und trotz der billigen Herstellung 
von Schäften in kleineren Orten heute noch lebensfähig 
ist und in der deutschen Schäfte-Industrie mit den ersten 
Platz einnimmt, so hat sie dies dem Umstande zu ver 
danken, dass sie Fabrikate, unerreicht in Sauberkeit 
der Ausführung und Eleganz des Schnittes, herstellt, 
die stets die Anerkennung der Sachverständigen und 
überall Käufer finden. 
In einem ähnlich engen Zusammenhänge mit der 
Schuhwaren-Industrie wie die Schäftefabrikation steht die 
Herstellung von Filzschuhen. Dieser verhältnismässig 
junge Zweig unserer Schuhwaren-F'abrikation wurde aus
	        
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