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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Seit dieser Zeit ist es den Schuhmachern durch 
Umsicht und Fleiss gelungen, ihre bevorzugte Stellung 
unter den Berliner Gewerken zu behaupten. 
Wenn auch die Handwerksmeister eine nicht gerade 
grosse Anzahl von Gehilfen beschäftigten, so erzielten 
sie doch mit ihren Erzeugnissen gute Verkaufspreise, 
so dass das Handwerk in der That einen »goldenen 
Boden« hatte. 
Etwa vor fünfzig Jahren machte sich im Schuh 
machergewerbe ein bedeutender Umschwung bemerkbar. 
Dazu trug einerseits das Bedürfnis nach Verfeinerung 
der Fussbekleidung und anderseits besonders die Er 
findung von Maschinen bei, welche die Handarbeit in 
mancher Beziehung zu ersetzen im stände waren. 
In den vierziger Jahren wurden von den Männern 
gewalkte, lederne Schaft-, Kropf- oder Schnürstiefel, 
dagegen von den Frauen aus Zeugstofif oder Leder 
gefertigte Schnür- und sogenannte Kreuzbänderschuhe 
getragen. Die Böden derselben wurden auf Rand oder 
durchgenäht oder — bei den leichteren Damenschuhen 
—- umgewandt hergestellt. Diesen Fabrikaten erwuchs 
bald durch die in Nordamerika erfundenen Speilstiefel, 
bei denen die Sohle nicht durch die Naht befestigt, 
sondern durch Holzstifte aufgenagelt war, eine grosse 
Konkurrenz. Die erste Maschine zur Fabrikation der 
Holzstifte, welche bis dahin mühsam mit der Hand ge 
schnitten waren, führte im Jahre 1844 der Schuhmacher 
meister Kranz in Dresden von Amerika ein. Die nun 
mehr bedeutend erleichterte Herstellung der Speilstiefel 
breitete sich bald überallhin aus und kommt heute 
noch, hauptsächlich bei Herstellung der gewöhnlichen 
Schuhwaren, in grossem Umfange zur Anwendung. Zu 
Anfang der fünfziger Jahre gewann die Mode der 
Damen, Zeugstiefel zu tragen, noch mehr Ausdehnung. 
Am meisten beliebt wurden Schnürstiefel, deren Oberteil 
aus Serge hergestellt war. Jedoch war die Anfertigung 
mit verhältnismässig viel Mühe und Kosten verbunden, 
da die Oberteile sorgfältig mit der Hand zur Naht ge 
bracht werden mussten, eine Arbeit, welche für eine 
geübte Näherin 1 bis D/2 Tag in Anspruch nahm. 
Das Tragen der Sergestiefel war deshalb nur den 
Frauen der wohlhabenderen Bevölkerungsschichten 
möglich. 
Im Jahre 1846 erfand Howe die Nähmaschine, die 
bald auch zur Herstellung der Schäfte für Zeugstiefel 
Verwendung finden konnte. Dadurch wurde die Her 
stellung dieser Fussbekleidung bedeutend erleichtert 
und entsprechend verbilligt. So kam es, dass jetzt die 
Sergestiefel in noch bedeutenderem Umfange fabriziert 
und wegen ihrer Wohlfeilheit auch von der weniger 
bemittelten Frauenwelt gekauft werden konnten. 
Jedoch haftete den Schnürschuhen der Mangel an, 
dass das Verschnüren beim Anziehen immerhin eine 
gewisse Zeit und Mühe beanspruchte. Um diesen Miss 
stand zu beseitigen, wurde anfangs der sechziger Jahre 
der Versuch gemacht, die Stiefel vermittelst Einsetzens 
von Gummizügen in den Oberteil so herzustellen, dass 
sowohl ein bequemes An- und Ausziehen derselben er 
möglicht, als auch ein fester Sitz des Stiefels am Fuss 
erreicht wurde. Der Versuch gelang, zumal von den 
Firmen Boissier in Berlin und Orth in Leipzig auch 
eine Nähmaschine konstruiert wurde, welche nicht nur 
wie die oben erwähnte Howesche für Zeugstoffe, sondern 
auch für die Lederarbeit Verwendung finden konnte 
und deshalb zum Einnähen der Gummizüge in den 
Oberteil des Stiefels geeignet erschien. Nur ein Um 
stand stellte sich der allgemeinen Verwendung der 
Gummizüge hemmend in den Weg, nämlich ihre grosse 
Kostspieligkeit, da ein Meter Gummizug nicht unter 
12 Mark zu kaufen war. Somit blieb der Serge 
schnürschuh bis in die siebziger Jahre die begehrteste 
Damenfussbekleidung. 
Gegen Mitte der sechziger Jahre wurden in Berlin 
die ersten Verkaufsbazare begründet, welche ihren 
Bedarf teilweise in Strafanstalten herstellen Hessen, den 
selben aber grösstenteils aus England, Wien und Pir 
masens deckten. Bis zu dieser Zeit waren fertige Schuh 
waren nur auf den Märkten zu kaufen, welche von 
Schuhmachern hauptsächlich aus den Städten Pirmasens, 
Weissenfels, Erfurt, Pegau, Dahme, Kalau, Herzberg, 
Strausberg, Prenzlau, Neustadt i. Schles., Burg und 
Wriezen a. d. Oder stark beschickt waren. Die Markt 
stiefel wurden wegen ihrer Billigkeit vorwiegend von 
der ärmeren Volksklasse gekauft, während der besser 
gestellte Teil der Bevölkerung es vorzog, sich bei hie 
sigen Schuhmachermeistern Massstiefei anfertigen zu 
lassen, welche vor der Marktware den Vorzug grösserer 
Eleganz und Dauerhaftigkeit und vor allen Dingen 
der genaueren Anpassung an den individuellen Fuss 
hatten. 
Ausgangs der sechziger Jahre machten die Eng 
länder den Versuch, gerivetes, d. i. mit Messingstiften 
genietetes Schuhwerk, bei welchem die Sohle mit 
Messingstiften am Oberleder und an der Brandsohle 
befestigt wird, auf den deutschen Markt zu bringen. 
Es gelang ihnen aber nicht, für diese P’abrikate nennens 
werten Absatz zu finden, da die oben bezeichneten 
Speilstiefel schon überall als durchaus praktisch an 
erkannt waren und aus diesem Grunde auch seitens 
der Militärverwaltung bald für die Armee hergestellt 
wurden. 
In diese Zeit fällt die Verwendung der ersten 
Maschinen im Berliner Schuhmachergewerbc, ein Um 
stand, der für die Weiterentwicklung desselben von 
einschneidender Wichtigkeit werden sollte, weil nun 
mehr der Weg zur Fabrikation von Schuhwaren in 
Grossbetrieben angebahnt war. Die Engländer waren 
es, welche die ersten Maschinen zum Stanzen (Schneiden) 
und Walzen der Sohlen nach Deutschland importierten. 
Damit war schon für die Herstellung der Schuhwaren
	        
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