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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Ein frischer Zugwind begann die geschäftliche 
Atmosphäre Berlins im Jahre 1870 zu beleben und 
entfachte sofort die Unternehmungslust vieler Spezial- 
Pelzgeschäfte, der sich vergrössernde P’remdenverkehr 
regte zum Ausbau der Läden, zum Ansammeln feinerer 
Waren und zu deren Entfaltung in eleganten Schaufenstern 
an. Wohlhabende Besucher der Stadt, namentlich 
Küssen, deren Versorgungsplatz mit Pelzen sonst allein 
Paris gewesen war, kauften hier und legten Preise an, 
wie sie von einheimischen Käufern niemals erzielt 
worden waren. 
Von der eigentlichen, auch heute noch den Kern 
des Pelzgeschäfts bildenden Kürschnerei zweigte sich 
vor bald 30 Jahren die Engroskonfektion ab. Sie 
unternahm die Verfertigung von Damenbarretts, Muffen, 
Manchetten, Boas, Herrenmützen, Kragen und dergl. 
im grossen, um diese Artikel, die sogenannten Pelz 
galanteriewaren, an die Kürschner und Kaufleute im 
In- und Auslande wieder zu verkaufen. 
Ein plötzlicher Umschwung, der die Berliner Pelz 
warenindustrie mächtig förderte, wurde in der Fabri 
kation und im Handel dadurch hervorgebfacht, dass 
die Mäntelkonfektion sich des Pelzes für ihre Zwecke 
bemächtigte und hierfür überraschend schnell die An 
erkennung aller Absatzländer fand. Um die Mitte der 
achtziger Jahre begann man Pelzbesätze zu verwenden, 
diese nahmen bald an Umfang zu, bis der seidene und 
wollene Oberstoff dem Pelzüberzug weichen musste. 
Diese Moderichtung hatte gerade im Ausstellungsjahr 
eine nie zuvor beobachtete Höhe erreicht. 
Unsere Stadt erhob sich bald mit ihrer Pelz 
konfektion und mit den bereits erwähnten kleineren 
Pelzwaren und -Besätzen zur Lieferantin des Welt 
marktes. Nicht allein Europa, sondern auch Amerika 
trat als, Käufer auf. Selbst von südlich gelegenen 
Ländern wird dem Geschmack der Pelzmode gehuldigt, 
so dass sich die Ausfuhr bis nach Südamerika erstreckt: 
die dortige Nachfrage bezieht sich namentlich auf 
schmale Streifenbesätze von Schwanen- und Gansfellen, 
sowie von Nutria. Ausserordentlich gross ist die Zahl 
der Tiere, welche ihr Fell zu Markte tragen. Unsere 
Kürschner verarbeiten, wie die glänzend ausgestattete 
Ausstellung zeigte, die edelsten Pelze. Im Carl Salbach- 
schen Pavillon befand sich ein Herrenpelz aus sibirischem 
Zobel mit Seeotter-Besatz im Werte von 20 000 Mark, 
ein Prachtstück, das selten seinesgleichen findet. Das 
Seeotterfell, aus dem der Kragenbesatz geschnitten war, 
und das Gegenstück, welches, ganz erhalten, die Aus 
stellung schmückte, waren die kostbarsten Felle, die 
im Jahre 1896 auf der Londoner Januar-Pelzauktion 
zum Verkauf gelangt waren. Gleich tadellose Kern 
ware wird nur ganz vereinzelt gefunden. Derselbe 
Kürschnermeister hatte 20 Fuchsarten aus allen Teilen 
der Welt zusammengestellt. Der äusserste Norden, 
sowie die arabische Wüste hatten Pelze zu dieser 
Sammlung geliefert. Während das ausgesuchte Fell 
eines Labrador-Schwanzfuchses mit 2000 Mark bezahlt 
werden muss, geben die südlichen Zonen ihre minder 
wertigen Pelze für ebenso viele Pfennige her. 
Der hohe Preis einzelner Pelzarten, wie des so 
genannten »Kamtschatka-Bibers« (in Wirklichkeit das 
Fell des Seeotters), des Nerz, Zobel, Seal, giebt Ver 
anlassung, sie durch Bearbeitung geringerer Felle nach 
zuahmen. 
Die Damenwelt ist daher stets im stände, 
wenigstens dem Aeusseren nach, der Moderichtung zu 
folgen, und anstatt eines Schultermäntelchens aus 
echtem Seal, das man sich meist, des hohen Preises 
von 400 bis 500 Mark wegen, versagen muss, einen 
Kragen aus Seal-Bisam, d. h. aus sealartig gefärbtem 
und bearbeitetem Bisamfell, zu kaufen. 
Den meisten Besuchern unserer Ausstellung mangelte 
es an den nötigen Fachkenntnissen, um den hohen 
Wert der aufgehäuften Kostbarkeiten, insbesondere die 
darin niedergelegte Geschicklichkeit, Arbeitskraft und 
Ausdauer vollkommen würdigen zu können. Die Aus 
führung einzelner Stücke ragte weit über das Gewöhn 
liche hinaus, aber die eigentliche Kunst der Kürschner 
technik war unter der Oberfläche, für den Laien nicht 
erkennbar, verborgen. Manche edle, aber sehr kurze 
Felle lassen sich in ihrer natürlichen Grösse nicht ver 
wenden. Der gewandte Kürschner vermag jedoch ein 
45 bis 50 cm langes Zobelfell auf künstliche Weise, 
mit Ausschluss von Streckapparaten, bis auf ein Meter 
zu verlängern, ohne dass der Wert des Felles, die 
Zeichnung desselben, im geringsten darunter leidet. 
Die Felle werden zu diesem Zwecke vermittelst eines 
Messers durch winzige Keilschnitte zerteilt, dann der 
Länge nach verschoben und auf der Rückseite wieder 
zusammengenäht. Die technische Bezeichnung dieses 
Verfahrens ist Auslassen oder Gallionieren. In der 
Ausstellung befanden sich mehrere nach dieser Methode 
verfertigte Pelerinen, die aus 35 Nerzfellen und aus 
über 100 Schweifen zusammengesetzt waren. Der 
Arbeitslohn für einen derartigen Mantel beläuft sich 
auf 250 Mark, und wenn der Wert des Pelzvverks und 
die Schwierigkeit, 35 Felle in genau übereinstimmender 
Farbe herauszusortieren, eingerechnet werden, ergiebt 
sich ein Herstellungswert von 1700 bis 1800 Mark. 
Der vom Obermeister der Kürschner-Innung Herrn 
R. Lampe (i. F. A. Arndt) ausgestellte — 2 1 /i qm 
grosse — Pelzmosaik - Teppich, dessen Zeichnung 
die Siegessäule, umgeben von den Emblemen des 
Reiches, darstellte, erforderte einen Arbeitslohn von 
600 Mark. 
In Berlin wohn<*n 400 selbständige Kürschner, von 
denen 100 Innungsmeister sind und meistens Laden 
geschäfte betreiben. Die übrigen sind grösstenteils in 
eigener Werkstätte für die Export-Spezialgeschäfte oder 
für die Mäntelkonfektion thätig. Nach der Statistik der
	        
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