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Gruppe II. Bekleidungs-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Taillenumfangs geschnitten werden musste. Die Kon 
fektion braucht zur Bluse nur den Kleiderrock hinzu 
zufügen, und das vollständige Kleid ist fertig. Die 
ersten Versuche erfolgten mit bedrucktem Perkal, später 
ging man zu einfarbigen Wollstoffen über, bis schliess 
lich Detaillist und Publikum, vom Blusenkostüm auf 
das Taillenkleid hingeleitet, sich allen Geboten der 
Mode willig unterwarfen. 
Auch der kühlste Beurteiler der Gruppe II wird 
den Leistungen der Kostümkonfektion seinen Beifall 
nicht vorenthalten haben. Bei den hocheleganten Cour 
roben wie bei den einfachsten Kleidern liess sich der 
Beweis der völligen Neuheit und des selbständigen Ge 
schmacks führen. In richtiger Beurteilung des Aus 
stellungszwecks war von den Beteiligten eine umfassende 
Darstellung mit aller Sorgfalt geschaffen worden. 
Die Ausstellung von Kinderkleidchen liess die zur 
Zeit in Frage kommenden beiden Arten dieser Ber 
liner Konfektion erkennen, von denen die eine Wasch 
stoffe, die andere Woll- und Plüschware verarbeitet. 
Dabei blieb die letztere durchaus im Hintertreffen. Den 
wollenen Kleidern ist es gelungen, nicht nur zusammen 
mit den Waschkleidern sich Eingang in England und 
Holland zu verschaffen, sondern auch in überseeische 
Länder einzudringen. Der Umfang des Absatzes ist 
am besten aus der Thatsache zu erkennen, dass die 
bedeutendste Firma in der Lage ist, zur Sicherung 
ihres Bedarfs vor Beginn der Saison Stoffabschlüsse 
von oft iooo Stück zu machen. Das Waschgenre 
stellte sich in Bezug auf Kleidchen und Schürzenkleid 
chen in berechtigtem, Aufsehen erweckendem Um 
fange vor und bewies, dass Berlin hierin während der 
letzten Jahre bedeutende Fortschritte gemacht hat. 
Der hochgeachtete ältere Konkurrent Plauen i. V. liefert 
zwar heute noch die nötigen Stickereien, die Kon 
fektionsunterschiede treten aber nicht mehr so be 
deutend hervor, als es noch vor fünf Jahren der Fall 
gewesen wäre. 
Jupons-, Schürzen-, Blusenkonfektion. 
Der Unterrock steht nach der chronologischen 
Ordnung an der Spitze. In dem Aeltesten-Bericht 1863 
wird bereits seine Zugehörigkeit zur Konfektion fest 
gestellt. Diese Berichte aus früheren Jahren beziehen 
sich aber oft auf den Detailhandel. Das älteste, jetzt 
hier bestehende Engrosgeschäft*) für die Fabrikation 
von Jupons wurde 1865 begründet. Die Massen 
herstellung von weissen, bestickten Battiströcken ist 
von Plauen schon früher betrieben worden und dem 
Vogtlande auch heute noch verblieben. Der Ruf Ber 
lins gründet sich auf die Einführung farbig gemusterter, 
baumwollener und wollener Röcke. Die Branche erfuhr 
während langer Jahre keinen nennenswerten Aufschwung. 
Die bescheidenen, auf Sparsamkeitsrücksichten gegrün 
*) Orgler und Fidelmann. 
deten Anforderungen Deutschlands gaben der Fabrikation 
keine Anregung, die ausgefahrenen Geleise zu ver 
lassen. War es doch fast eine feststehende Regel, das 
alternde Kleid in einen neuen Unterrock zu ver 
wandeln! 
Die Konfektion blieb auf die Verarbeitung von 
Flanellen, Moirees, englischem gestreiften Wollrips, 
wattiertem Zanella beschränkt und dehnte sich nur 
sehr langsam auf halbseidene Stoffe aus. Vor etwa 
zwei Jahren musste die ängstliche Sparsamkeit plötzlich 
der Mode das Feld räumen. Heute scheint es fast, 
als wolle man das Schwergewicht der Toilette auf 
das Unterkleid verlegen. Die theuersten seidenen 
Stoffe gelangen zur Verarbeitung, und es gehört nicht 
zu den Seltenheiten, dass trotz der niedrigen Seiden 
konjunktur, lediglich infolge des durch die Mode be 
stimmten grossen Stoffverbrauchs und der reichen 
Spitzenausführung, 150 Mark für den Unterrock be 
zahlt werden. 
DieSchürzenkonfektion erlebte neuerdings einen 
ähnlichen Aufschwung. Im Gegensatz zu Plauen, das 
als Sitz grossartiger Maschinenstickereien in Tändel- 
und Luxusschürzen Bedeutendes leistet, verlegte sich 
Berlin seit den achtziger Jahren auf Schürzen aus 
bedruckten Stoffen und brachte geradezu erstaunliche 
Mengen, wenn auch anfänglich meist in den unter 
geordnetsten Qualitäten, in den Verkehr. Seit 1890 
hat sich der Absatz noch vergrössert, während die 
Durchschnittspreise erheblich gestiegen sind. Berlin 
erzeugt jetzt die fantasiereichsten Schnitte und ver 
arbeitet die besten Stickereien und Stoffe für Kinder-, 
Damen- und Wirtschaftsschürzen. Ein Spezialgebiet, 
auf welchem Berlin unerreicht geblieben ist, ist das 
der schwarzwollenen und seidenen Schürzen. 
In der Bluse begrüssen wir die neueste, von der 
Mode der Berliner — keiner fremden — Bekleidungs 
industrie gebotene Gabe. Als gegen 1890 die Tricot- 
taille ihre Beliebtheit einzubüssen begann, tauchte 
zuerst die F'antasiebluse in der langen Jackenform auf. 
Der Erfolg bewirkte schnell verbesserte Schnitte und 
die Verarbeitung von hübschen, eleganten Stoffen. 
Man fertigte wechselweise Hänge-, Marie Antoinette-, 
Shawl- und Flügelblusen aus freundlich bedrucktem 
Perkal, aus Zephyrs, Battist, Organdy oder Pique für 
den Sommer und Foules, Kaschmirs oder auch aus 
Sammeten für den Winter. Der Absatz vermehrte sich 
oft von einem Jahr zum andern um das Vielfache. 
Die Zahl der Fabrikanten ist grösser als in irgend 
einem anderen Zweige der Konfektion. Darunter be 
finden sich mehrere, die während der Hauptmonate 
der Sommer- und Wintersaison täglich an 100 Dutzend 
versenden. Für die Massenartikel, deren bis jetzt nur 
Erwähnung geschehen, wird das Dutzend Winterblusen 
auf durchschnittlich 48 Mark, Sommerblusen auf 36 Mark 
abgeschätzt.
	        
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