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Gruppe I. Textil-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Fabrikanten der Hauptstadt nicht zurückgeblieben, und 
der Nähmaschinenbau der letzteren erfreut sich im In 
lande und im Auslande guten Rufs. Die verschiedenen 
Gebiete der Textilindustrie und anderer eng mit ihr 
verbundenen Industriezweige, vor allem die Bekleidungs 
industrie, bedürfen der Nähmaschinen in den den Eigen 
tümlichkeiten der zu nähenden Waren angepassten 
Konstruktionen. Wie vielseitig heute diese Maschinen 
sind, geht schon aus ihren unzähligen Benennungen 
hervor. Man kennt Handschuhnähmaschinen, Leder- 
und Sohlennähmaschinen, Pelznähmaschinen, Tricotage- 
nähmaschinen, Hut- und Mützennähmaschinen, Wäsche 
nähmaschinen u. a. m.; von wesentlicher Bedeutung 
sind die Knopflochnähmaschinen geworden. Je nach 
der mit den Nähmaschinen hergestellten Naht werden 
sie als Kettenstich-, Doppelsteppstich-, Ueberwendlich- 
und Zierstichnähmaschinen bezeichnet. Zu letzteren 
gehören z. B. die Feston- und Languettiernähmaschinen. 
Als eine besondere Art derselben darf die Kurbelstick 
maschine gelten, welche sich in den letzten Jahren 
infolge ihrer Verbesserung in überraschendem Masse 
in die Werk- und Wohnstätten eingeführt hat. Ferner 
unterscheidet man die Nähmaschinen nach der Anzahl 
der gleichzeitig arbeitenden Nadeln als Ein-, Zwei- und 
Mehrnadelmaschinen. Nach ihrer Bauart werden die 
Nähmaschinen als Säulen-, Cylinder- N. u. s. w. in den 
Handel gebracht. 
Alle diese Arten der Nähmaschinen waren auf der 
1896 er Gewerbe-Ausstellung reichlich vertreten. Was 
sie praktisch zu leisten imstande sind, wurde an ein 
zelnen, insbesondere an Stick- und einigen Spezial 
maschinen gezeigt, die ungemein fesselnd auf das Publi 
kum wirkten. Höchst interessant waren zwei Modelle in 
stark vergrössertem Massstabe, von denen das eine eine 
belehrende Darstellung der Langschiffchennähmaschine 
(Singer), das andere eine solche der Rundschiffchennäh 
maschine (Phönix) gab. Die arbeitenden Organe beider 
Maschinen waren von den erstere bedeckenden Teilen 
entblösst, und infolge der Benutzung eines sehr lang 
samen elektrischen Antriebs der Maschinen war die unter 
schiedliche Stichbildung aufs Deutlichste zu verfolgen. 
Wie weit die Durchbildung der Nähmaschinen in 
ihren besonderen Einrichtungen für die mannigfachen 
Gebrauchszwecke vorgeschritten ist, und was Dank vor 
züglicher Ausführung diese Maschinen leisten können, 
das bewiesen die in Betrieb befindlichen Kurbelstick 
maschinen und die mittels derselben zum Teil sehr 
wirkungsvoll bestickten Sachen, die gleich an Ort und 
Stelle in Gestalt von Taschentüchern, Tellerservietten, 
Tischdeckchen und dergl. mehr starken Absatz fanden. 
Ferner zeugten hiervon in Bewegung befindliche 
Knopflochnähmaschinen, die mit staunenerregender 
Schnelligkeit und Sicherheit vollkommen automatisch 
Knopflöcher in Wäschegegenstände, Kleiderstoffe, 
Tricotagen, lederne Handschuhe u. s. w. nähten und 
verriegelten, sowohl Lang-, als auch Rundknopflöcher. 
Solche Maschinen sind auch wohl mit selbstthätiger 
Ausschaltung versehen, d. h. sie setzen sich still, so 
bald das Knopfloch vollendet ist. Letzteres wird 
übrigens bei seiner Bildung durch ein an der Näh 
vorrichtung angeordnetes Messer selbstthätig einge 
schnitten, so dass die Nähmaschine die gesamte Arbeit 
ohne besondere Beihilfe des Arbeiters verrichtet. Die Art 
der Verriegelungsstiche wird je nach den Gebrauchs 
gegenständen verschieden gewählt und werden mit Rück 
sicht hierauf von einander abweichende Einrichtungen 
gefordert. Mit so ausgebildeten Knopflochnähmaschinen 
lassen sich, sofern sie mechanisch betrieben werden, pro 
Minute 3 bis 4 Knopflöcher fertigstellen. 
Kurbelstickmaschinen, meist nach Bonaz’schem 
System, zur Herstellung von Kettenstich, Moosstich 
und Pelz- oder Haarimitationen auf den verschiedensten 
Stoffen, Geweben, Leder u. s. w. mittels Stick- und 
Nähmaterialien, Gold- und Silberfäden, ferner solche 
mit Soutachier- und Schnurvorrichtung, und zwar 
einzeln oder kombiniert an der Maschine angebracht, 
desgleichen mit Vorrichtung zur Bildung von Zickzack 
kettnähten auf Handschuhen und Konfektionsartikeln; 
Cylinderkurbelstick- und Cylindernähmaschinen zur Be- 
stickung bezw. zum Nähen hohler Gegenstände, wie 
Strümpfe, auch Gasglühlichtstrümpfe, Plandschuhe, 
Aermel, Hüte; Kurbelstickmaschinen zur Erzeugung 
aller möglichen Sticksticharten (Hexenstich, Pilgerstich, 
Flach- oder Füllstich und Knotenstich) und für Stoff 
unterlagen jeder Sorte, auch zum Aufnähen von Perl 
schnüren verwendbar, boten sich dem Beschauer als die 
weiteren bedeutsamen Fortschritte der letzten Jahrzehnte 
dar. Auch eine für die Stickerei mit dem Pantographen 
eingerichtete Nähmaschine, d. i. eine Vorrichtung, die 
den zu bestickenden Stoff nach gegebenem Muster unter 
der Nadel hin- und herbewegt, war vorhanden. 
Allen den bisher aufgeführten Maschinen kommen 
diejenigen Verbesserungen zu Gute, die den Näh 
maschinen im Allgemeinen zu Teil geworden sind und 
vorzugsweise die für die Stichbildung erforderlichen 
Organe, Nadel, Schiffchen oder Greifer, Stoffdrücker 
und Stoffschieber angehen. Der gemeinsame Haupt 
zweck dieser Vervollkommnungen gipfelt in der Er 
langung grösstmöglicher Nähgeschwindigkeit unter Wah 
rung höchster Nähsicherheit. An Mehrnadelmaschinen 
waren Zweinadelmaschinen zum Umsteppen der Auf 
nähte (Einsteppen von Handschuhdaumen und zum 
Säumen), Dreinadelmaschinen zu gleichem Zweck, zwecks 
Erzielung einer doppelten Wulstnaht und Viernadel 
maschinen für dreifache Wulstnaht oder eine solche 
zweimal umsteppt, vorhanden. 
Was die Bauart der Nähmaschinen angeht, so bot 
auch diese viel Abwechselung. Der Cylindernähma 
schinen wurde bereits gedacht. Hier erwähnenswert 
erscheinen noch Nähmaschinen mit hängendem Arm für
	        
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