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Gruppe I. Textil-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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derungen dieser zu entsprechen suchen musste. Das 
ist auch gelungen, so dass Berlin heute wieder ein be 
trächtliches Absatzgebiet in überseeischen Plätzen be 
sitzt. In den jüngsten Jahren übrigens hat auch die 
Fantasietücher ein ähnliches Schicksal erreicht, so dass 
die Produktion derselben gegen früher erheblich hat 
vermindert und durch die anderer Artikel ersetzt werden 
müssen. 
Wir haben damit das Gebiet der Strickerei 
und Wirkerei erreicht, die gleichfalls zu den Industrie 
zweigen gehören, in welchen Berlin sich hervor 
ragende Bedeutung verschafft hat. Die derzeitige Lage 
ist allgemein keine rosige, Berlin hat überdies stark 
unter der erdrückenden Konkurrenz sächsischer Fabri 
ken zu leiden. Gegenwärtig wird die Zahl der 
durch Berlins Strumpffabrikations-Firmen beschäftigten 
Maschinen auf 6500 geschätzt, wovon sich 2000 in Berlin 
und seinen Vororten befinden. Der ungefähre jährliche 
Umsatz der gesamten hiesigen Strumpfwarenbranche 
aber wird auf 7'/2 Millionen Mark geschätzt, den 
bedeutenden Export mit eingeschlossen. 
Als letztes Hauptgebiet der Textilindustrie würde 
die Posamentiererei anzuführen sein. Sie ist eine 
in der Hauptstadt alteingesessene Industrie, die, von 
Jahrzehnt zu Jahrzehnt aufblühend, kaum bedeutende 
Schwankungen in ihrer Entwicklung und in ihrem Be 
stehen aufzuweisen hat. Zur Zeit, als die Seiden 
weberei hier in Blüte stand, hat die Posamentiererei, 
deren Artikel den kostbaren Stoffen dieser Weberei 
angepasst werden mussten, in Bezug auf Geschmack 
viel gelernt und ihren bis heute behaupteten Ruf ele 
ganter und dauerhafter Arbeit begründet. Auch der 
Export gewisser Posamentierartikel ist ein sehr an 
sehnlicher. 
Von den Hilfsgebieten der Textilindustrie, nämlich 
der Bleicherei, Färberei, Druckerei und Ap 
pretur, nimmt in Berlin die Färberei den ersten Platz 
ein; ihr folgt die Appretur. Die Färberei ist seit alter 
Zeit hier zu Hause, wo ihr das weiche Spreewasser 
sehr zu statten kam. Sie arbeitete zunächst im An 
schluss an die Wollenweberei und erhielt durch die 
Einführung der Seidenweberei in Berlin eine erneute 
Anregung. Der Niedergang der Seidenweberei hat die 
Seidenfärberei nicht weiter berührt, da es sich einerseits 
nicht um das Färben ganzer Stücke handelte, ande 
rerseits gefärbte Seiden in den übrigen Gebieten der 
Textilindustrie und den verwandten Industriezweigen 
in immer grösserer Menge gebraucht wurden, indem 
sich unausgesetzt neue Gelegenheiten für die Verwen 
dung dieser Garne boten. Hinzu kamen während der 
jüngsten Jahrzehnte die erstaunlichen Fortschritte der 
Farbenchemie, die die Berliner Färbereien mit grosser 
Rührigkeit sich zu eigen machten. Das Quan 
tum hier gefärbter Seide betrug für das Jahr 1870 
rund 100 000 kg, während es für das vorige Jahr be 
reits auf 190000 kg gestiegen ist, sich also in 2 5 Jahren 
fast verdoppelt hat. Die eben beregten Errungen 
schaften der Farbenchemie haben sich natürlich 
nicht nur in der Seidenfärberei Geltung verschafft, 
sondern auch in der Woll- und Baumwollgarnfärberei, 
von denen die erstere in der gesammten Berliner 
Färberei die Hauptrolle spielt: ihre Leistung im Jahre 
1895 wird auf 2 l /a Millionen kg angegeben. Da 
Berlin nicht allein wollene und halbwollene Web 
waren erzeugt, sondern auch die Wirkerei und 
die Posamentiererei, die Stickerei, Häkelei und Näherei 
eine nicht unbeträchtliche Menge von Baumwollgarn 
verarbeiten, so ist auch die Färberei dieser Garne 
von grosser Bedeutung. Hatte doch das Jahr 1895 
ungefähr 3 50 000 kg an gefärbtem Baumwollgarn zu 
verzeichnen. Die Färberei von Leinengarn wird hier 
nicht betrieben, es sei denn für ganz kleine Quanti 
täten in Ausnahmefällen. Dagegen bildet die Jute 
garnfärberei einen Teil der Beschäftigung einzelner 
Färbereien. 
Die Wollwebereien besitzen zum Teil eigene 
Färbereien für ihren Bedarf und haben auch die zur 
anderweiten Vollendung der Waren erforderlichen 
Appreturen angeschlossen. Letztere sind aber auch als 
Sonderbetriebe vorhanden, die gleichzeitig die Stück 
färberei betreiben. Die Appretur ist von grosser Be 
deutung für die ganze Webwarenbranche, denn von 
dieser Arbeit hängt zumeist das Aussehen der fertigen 
Waren ab. 
Eine besondere Art von Färberei- und Appretur 
anstalten bilden diejenigen, welche sich mit der Auf 
frischung und Wiederinstandsetzung von Gebrauchs 
gegenständen textiler Natur befassen. Es zählen hierzu 
hiesige Firmen, die sich einen Weltruf erworben 
haben, aber nicht nur durch die zuletzt angegebene 
Thätigkeit, sondern auch durch die des Färbens 
von Garnen aller Art. Den Bedürfnissen der Neuzeit 
entsprechend hat sich auch die mechanische Teppich- 
rcinigung in Berlin entwickelt. 
Die Bleicherei baumwollener Garne wird hier 
seitens der Baumwollfärbereien ausgeführt, die auch das 
Bedrucken dieser und anderer Garne übernehmen. 
Für sich bestehende Stoff-Druckereien sind nur ver 
einzelt vorhanden. Die Kattundruckerei war vor langen 
Jahren in Berlin nicht unbedeutend, verlor aber den 
Boden, als die Baumwollweberei sich von hier abwandte. 
In Bezug auf den Bau von Textilmaschinen und 
die Fabrikation von Gerätschaften, die für die Arbeits 
maschinen der verschiedenen Gebiete der Textilindustrie 
oder bei Ausübung ihrer Arbeiten notwendig sind, 
bietet die Hauptstadt wenig. Ein Bedürfnis für den 
Bau von Spinnmaschinen und mechanischen Web- 
sttihlen ist an Berlin niemals herangetreten. Hand 
webstühle und Posamentierstühle werden, da sie zu 
meist aus Holz bestehen, von Schreinern angefertigt,
	        
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