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Gruppe I. Textil-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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schmackvolle Muster, von zollpolitischen Dingen gar 
nicht zu reden. Auch was die Sammetfabrikation be 
trifft, so haben sich die rheinischen Fabriken von früh 
an die Anfertigung dauernd gängiger Waren angelegen 
sein lassen: sofern diese in Betracht kamen, konnte 
Berlin nicht konkurrieren. Aehnliches gilt für die 
Bandweberei. Allen diesen Umständen dürfte es zu 
zuschreiben sein, dass Berlin den in der Seidenweberei 
erreichten hohen Standpunkt aufgeben und trotz rühmlich 
anzuerkennender Anstrengungen auf diese Fabrikation 
bis auf wenige Ueberreste verzichten musste. Der 
Versuch, dieselbe maschinell zu betreiben, ist hier nicht 
gemacht worden; er würde bei der heutigen Lage der 
Verhältnisse zweifelsohne keinen Erfolg gehabt haben. 
Dagegen ist man in dem benachbarten Städtchen 
Bernau zum mechanischen Betrieb übergegangen. 
Anders, und zwar bedeutend günstiger, hat sich die 
Wollweberei Berlins entwickelt. Es mag das zum Teil 
an den Eigenschaften des Materials liegen, welches, wie 
keines der sonst für Textilerzeugnisse benutzten Roh 
materialien, den Vorteil der Verwendbarkeit für die 
mannigfachsten Bedürfnis- und Luxuszwecke aufweist und 
infolgedessen selbst unter den ungünstigen Verhältnissen 
der Gressstadt die der fabrikmässigen Verarbeitung be 
gegnenden Widerstände zu überwinden vermag. Zwar 
giebt es auch in diesem Industriezweig, wie in den anderen 
Webereigebieten, eine grössere Zahl von Fabrikanten, die 
ihre Etablissements auswärts, zumeist in Schlesien, dann in 
der Mark liegen haben und nur die kaufmännische 
Leitung von Berlin aus bewirken oder auch den 
in ihren Betrieben angefertigten Waren die Veredelung 
und Zurüstung durch die hiesigen Färbereien und 
Appreturen angedeihen lassen. Die Fabrikation von 
wollenen und halbwollenen Webwaren jedoch hat sich 
in Berlin selbst nicht nur bis auf den heutigen Tag 
erhalten, sondern stetig vermehrt. Sie umfasst in der 
Hauptsache wollene und halbwollene Stoffe für Herren- 
und Damenkleidungsstücke, wie Mäntel-, Kleider-, Rock 
stoffe. In der Fabrikation von Plüschen und plüsch 
artigen Stoffen für Konfektionszwecke besitzt Berlin eine 
Spezialität; seine Krimmer und Astrachans haben einen 
Weltruf. Besatzartikel gleicher Gattung schliessen 
sich ebenbürtig an. Auch in Pelzimitationen leistet 
die hiesige Fabrikation Vorzügliches. Eine weitere 
Spezialität der Hauptstadt bilden gewebte Shawls und 
Tücher. Endlich ist noch die Teppichweberei an 
zuführen, in welcher sich Berlin in den letzten Jahren 
mächtig emporgearbeitet hat. Es sind das nur die 
Hauptbranchen der hierorts geübten Wollweberei, aber 
immerhin sind es derart umfassende Arbeitsgebiete, 
dass daraus die hohe Entwicklung und Bedeutung 
der Wollweberei Berlins ersichtlich wird. Das ergiebt 
sich auch aus folgenden Zahlen: 
An gehenden Webstühlen für wollene und halb 
wollene Waren wurden im Jahre 1843 in Berlin 789 
und in Potsdam 1367 gezählt. Nach dem bereits 
angezogenen Spezialkatalog der Gruppe I soll die An 
zahl der hier zur Zeit im Gange befindlichen mechanischen 
Webstühle für die bezeichneten Waren 1400 und die der 
Handwebstühle 6000 betragen. Die Zwischenjahre weisen 
ein beständiges Steigen der Ausgangszahl auf, trotzdem 
einzelne Sonderzweige durch den Einfluss des Wechsels 
der Mode nicht unberührt geblieben sind. Auf den 
hiesigen Stühlen sollen jährlich 260000 Stück Ware im 
Gesamtwerte von 28 Millionen Mark erzeugt werden, 
wovon für ca. 8 Millionen Mark Ware ins Ausland 
gehen. An Teppichwaren leistet Berlin jährlich 
für rund 5 Millionen Mark Ware, d. i. den vierten Teil 
der in ganz Deutschland verfertigten Teppichware, und 
sendet hiervon für etwa 600 000 Mark ins Ausland. 
Im Hinblick auf Vorstehendes und auf die Thatsache, 
dass bereits lange vor 1843 die Wollweberei in Berlin 
festen Fuss gefasst hatte, darf angenommen werden, 
dass dieselbe sich, von unvorhergesehenen gewaltsamen 
Störungen abgesehen, stetig weiter entwickeln und den 
gegenwärtig errungenen Standpunkt fortgesetzt festigen 
und behaupten werde. 
Wenn vorhin gesagt wurde, dass einzelne Spezial 
zweige durch den Wechsel der Mode in Mitleidenschaft 
gezogen worden seien, so könnte dem entgegengehalten 
werden, dass das zeitweise wohl mehr oder minder mit 
allen Textilerzeugnissen der Fall ist, die nicht gerade 
den notwendigen Bedürfnissen zugeordnet werden 
können. Das trifft wohl zu, aber im gemeinten Falle 
handelt es sich um Modeänderungen, die einen ganzen 
Fabrikationszweig auf längere Jahre hindurch empfind 
lich schädigen. Dies gilt gegenwärtig in erster Linie 
von der Tücher- und Shawlweberei, die früher in Berlin 
in üppigster Blüte stand. Die Shawls haben zum Teil 
anderen gewebten Umhängen weichen müssen, zum 
Teil sind sie durch die sogenannten Fantasiewaren 
verdrängt worden. Es sind das bekanntlich gestrickte, 
gewirkte, gehäkelte oder durch Rahmenarbeit gewon 
nene Sachen, die in der äusseren Ausstattung der 
Damen- und Kinderwelt eine grosse Rolle spielen. 
Nachdem man sich an gewebten Tüchern und Shawls, 
insbesondere den grossen Umschlagtüchern, einer Haupt 
spezialität Berlins, satt gesehen hatte, ging man schnellen 
Schrittes zum Gebrauch von Fantasietüchern und 
deren Ersatz über, die den Vorteil unbegrenzter Mannig 
faltigkeit gewähren, in denen schnell etwas Neues ge 
boten werden kann, sei es durch das Material, sei es 
durch die Eigenart des auf Grund des Herstellungs 
verfahrens erzielten Aussehens. Einen so weiten Spiel 
raum wie sie lassen die Webwaren nicht zu. In diesen 
Fantasiewaren wurde Berlin in vieler Beziehung ton 
angebend und zum Hauptsitz der Fabrikation be 
stimmter Nouveautds, die auch vom Ausland stark be 
gehrt werden, während sich die Tücher- und Shawl 
weberei fremden Märkten zuwenden und den Anfor
	        
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