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Introduction

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

I 
Ganze der Industrieentwicklung zu übersehen, was doch 
ei forderlich ist, um für die individuelle Begabung das 
richtige Wirkungsfeld zu finden und die eigene Güter 
erzeugung dem künftigen Bedürfnisse anpassen zu können. 
Das Ausstellungswesen wird an Bedeutung noch 
gewinnen, wenn die neuerdings bezüglich des Nutzens 
der Elektrotechnik für das Kleingewerbe von W. Siemens 
u. a. ausgesprochenen Erwartungen sich erfüllen. Binnen 
kurzer Frist würde dann die Zahl derjenigen selbst 
ständigen mittleren und kleineren Gewerbetreibenden 
ausserordentlich anschwellen, welchen mittels elektrischer 
Kraftübertragung die mechanische Arbeitsleistung für 
einen geringen Betrag abgenommen, also die Konzen 
trierung ihrer eigenen Thätigkeit auf die geschmack 
volle und gediegene Ausgestaltung des Arbeitserzeug 
nisses ermöglicht wird. Diese Gewerbetreibenden haben 
eigenartige Leistungen vorzuführen, also Ausstellungen 
nötig. 
In den Erörterungen über das Ausstellungswesen 
begegnet man Anhängern der Welt-, Landes-, Orts 
und Fachausstellungen, und es ist vielfach vor 
gekommen, dass die einen von den anderen lebhaft be 
kämpft wurden. Die B'rage des räumlichen Bereichs ist 
in erster Linie nach den Verhältnissen des Einzelfalles, 
insbesondere nach Massgabe der zu Gebote stehenden 
Mittel, zu entscheiden. Prinzipielle Gegensätze bestehen 
darüber, ob allgemeine oder Fachausstellungen vor 
zuziehen sind. Wer für die sachgemässe Würdigung 
seiner Erzeugnisse technische Vorkenntnisse voraussetzen 
muss, die nur bei einem begrenzten, dafür aber haupt 
sächlich als Abnehmer in Frage kommenden Kreise 
von Besuchern vorhanden sein können, der wird Fach 
ausstellungen wünschen; in erster Linie gilt dies von 
der Maschinenindustrie und den verwandten Arbeits 
zweigen. Diejenigen Gewerbe aber, die sich an den 
Geschmack und das Interesse Aller wenden, wie 
dies namentlich beim ganzen Kunstgewerbe der Fall 
ist, werden unter sonst gleichen Umständen bei all 
gemeinen Ausstellungen besser ihre Rechnung finden. 
Ein Ausgleich ist nur von der Durchdringung der ge 
samten industriellen Thätigkeit mit kunstgewerblichen 
Anschauungen und von der Versorgung des Gewerbes 
mit billiger und ausgiebiger mechanischer Kraft zu 
erwarten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Entwicklung 
diesen Zielen nahegekommen sein wird, ist jedenfalls 
die Schablone hier wie überall im wirtschaftlichen Leben 
vom Uebel. 
Je mehr die Ausstellungen aller Art an Zahl, Um 
fang und Bedeutung zunehmen, desto dringlicher wird 
eine am besten internationale, mindestens aber nationale 
Organisation des Ausstellungswesens. Es liegt 
zunächst im allseitigen Interesse, die störende Häufung 
unter sich konkurrierender Ausstellungen zu vermeiden. 
Sodann wird es darauf ankommen, von langer Hand dahin 
zu wirken, dass im entscheidenden Augenblick eine an 
erkannte und erfahrene Körperschaft vorhanden sei, 
deren Aufgabe darin besteht, nur ausstellungswürdige 
Gegenstände zuzulassen und so der oft beklagten Be 
einträchtigung der Qualität durch die Quantität vor 
zubeugen; — schon im Interesse der Ersparnis über 
flüssiger Kosten für Räumlichkeiten, Dekoration u. s. w. 
muss dieses Problem endlich gelöst werden. Vielleicht 
könnten die in Rede stehenden Organisationen zugleich 
die Mitheranziehung von Preisrichtern, die nicht am Aus 
stellungsorte bezw. im Ausstellungslande wohnen, von 
vornherein sichern. Dieses Verfahren wird seitens der 
Beteiligten mehr und mehr als der einzige Ausweg aus 
vielfachen Schwierigkeiten anerkannt, namentlich nach 
den Erörterungen über die Urteile unserer Preisrichter 
von 1896, die doch nach bestem Wissen und Können 
mit Eifer und Mühe ihres Amtes gewaltet haben. 
Deshalb wird es von Wichtigkeit sein, mindestens 
in den grossen Städten, Vorkehrungen zu treffen, um 
für die Vorbereitung der zu veranstaltenden Ausstel 
lungen die Mitwirkung befähigter und sachkundiger 
Männer und die fortdauernde Sammlung alles wichtigen, 
die Entwicklung des Ausstellungswesens betreffenden 
Materials sicherzustellen. Auf diese Weise kann ver 
mieden werden, dass man in jedem einzelnen Falle wieder 
von vorn anfangen muss. Die früher und anderwärts 
gemachten Erfahrungen würden dann in unvergleichlich 
grösserem Umfange als bisher berücksichtigt werden. 
Die Erscheinungen, die als »Ausstellungsschwindel« 
und »Ausstellungsplage« zusammengefasst werden und 
zur »Ausstellungsmüdigkeit« zu führen pflegen, würden 
allein durch die endliche Schaffung einer dauernden 
Organisation wirksam zu bekämpfen sein. Endlich würde 
die Errichtung stehender Ausstellungsgebäude die 
bedeutendste Aufgabe für die dauernden Ausstellungs- 
Organisationen darstellen. Bedeutende Summen werden 
erspart werden, sobald nicht in jedem Einzelfalle die 
sämtlichen Bauwerke neu errichtet werden müssen. 
Ob die im Obigen empfohlenen Massnahmen von 
Staats wegen zu treffen oder dem privaten Vorgehen 
zu überlassen sind, kann an dieser Stelle nicht ent 
schieden werden. Wünschenswert ist aber, dass die 
Meinungsverschiedenheit über die Instanzenfrage die 
Sache selbst nicht länger verzögere. Ein zweckmässiger 
Ausweg würde darin bestehen, dass die beteiligten 
Organe des Staates gemeinsam mit den freien Ver 
einigungen der Interessenten die nötigen Schritte thun. 
Einstweilen soll vorliegendes Werk das Material über 
Berlin 1896 den künftig nach gleichen Zielen Strebenden 
übergeben. 
* * 
* 
Das Werk »Berlin und seine Arbeit« ist unter Mit 
wirkung von nahezu neunzig Mitarbeitern hergestellt 
worden, denen an dieser Stelle für ihre Beiträge der 
Dank der Herausgeber ausgesprochen sei. Die Gesamt
	        
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