Path:
Die Festlichkeiten in der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

171 
Teile des Schiffes durch farbige und leuchtende Guir- 
landen verbunden. Selbst die Schiffswandung war durch 
leuchtende Blumen geschmückt. Das Ganze bot durch 
seine ungewöhnlichen Farben und Formen und durch 
seine wundervolle künstlerische Ausgestaltung ein ausser 
ordentlich schönes Gegenstück zu dem glänzenden und 
strahlenden Theehause im oberen Teile des Neuen Sees. 
Auch dem Hauptgebäude hatte man an diesem 
Tage eine künstlerische Dekoration angedeihen lassen. 
Von den Balkons der beiden Haupttürme wallten die 
deutsche und die chinesische Handelsflagge in grösstem 
Massstabe herab, und glänzende Lichtreihen, wie eine 
Kerzenillumination wirkend, umsäumten die Zinnen und 
Brüstungen des Gebäudes. So bildete das Hauptgebäude 
einen reizvollen Hintergrund für das farbenprächtige 
Schauspiel, welches sich bei der Rundfahrt durch die 
Illumination desNeuen Seees selbst entfaltete. Die Ungunst 
der Witterung in den nächstfolgenden Tagen liess es 
leider nicht zu, die schönen Bauten auf dem Neuen 
See länger zu erhalten. Nach ungefähr einer Woche 
wurden sie abgebrochen, zum Bedauern aller, die von 
dem chinesischen Fest einen bleibenden künstlerischen 
Eindruck davongetragen hatten. 
Am 29. Juni wurde die Ausstellung vom Nieder 
österreichischen Gewerbe-Verein besucht. Nach 
dem die Herren im Hörsaal des Gebäudes für Chemie 
vom Empfangskomitee herzlich begrüsst worden waren, 
wurde ein Rundgang durch das Haupt-Industriegebäude, 
unter Führung der Gruppenvorstände, unternommen. 
Nach etwa zweistündigem Aufenthalt verliessen die 
Wiener Gäste das Hauptgebäude und machten in zwei 
Extrazügen der elektrischen Rundbahn eine Rundfahrt um 
den Ausstellungspark bis zur Station Marineschauspiele. 
Von dort begab sich die Gesellschaft nach dem Riesen 
zelt, wo das Festmahl stattfand, das durch der Be 
deutung des Tages entsprechende Tafelmusik und 
Gesang der österreichischen und deutschen National 
hymnen sein Gepräge erhielt. Am Dienstag, dem 
30. Juni, erschienen die Wiener Herren abermals in der 
Ausstellung, wo sie verschiedene Sehenswürdigkeiten 
eingehend besichtigten und am Abend ein vom Empfangs 
komitee veranstaltetes Festsouper im Hauptrestaurant 
einnahmen, wo bei trefflichen Reden zu Ehren der 
verbündeten Mächte und Becherklang die fröhlichste 
Stimmung zum Ausdruck kam. 
An demselben Tage versammelte ein feierliches 
Festmahl im Restaurant der Marine-Schauspiele die 
Preisrichter, die Vorstände und zahlreiche Aussteller 
mit Damen zur Feier der Eröffnung der Gruppe III 
(Bau- und Ingenieurwesen). 
Am 2. Juli fand ein Riesen-Zapfenstreich in 
der Ausstellung statt, bei welchem die Trommler und 
Spielleute des 2., 3. und 4. Garde-Regiments z. F., des 
Garde-Füsilier-Regiments und des 1., 2. und 3. Eisen 
bahn-Regiments mitwirkten. 
Das amerikanische Riesen-Feuerwerk, das 
am 9. Juli eine grosse Menschenmenge in die Aus 
stellung lockte, war vom herrlichsten Sommerwetter 
begünstigt. Sofort nach Einbruch der Dunkelheit be 
gann das schöne pyrotechnische Schauspiel. Der teil 
weise überbrückte Neue See war vom Publikum in 
dichten Reihen umgeben, und Schlag auf Schlag folgten 
sich die Nummern des ungemein reichhaltigen Pro 
gramms, welches viele interessante Bilder bot. Ganz 
besonders ernteten das mächtige Feuerrad, der Gold 
regen und der Verwandlungsfächer den Beifall des 
Publikums. Mit lautem Jubel wurden die wirkungsvoll 
ausgeführten Feuerbilder des deutschen Kaiserpaares 
begrüsst, die unter den Klängen der Nationalhymne ab 
gebrannt wurden. Bereits vor der betr. amerikanischen 
Firma hatte sich eine italienische zur Ausführung 
grosser Feuerwerke gemeldet; ihr Anerbieten musste 
jedoch abgelehnt werden, weil sowohl die Polizei 
behörde als auch die Feuerversicherungs-Gesellschaften 
Einspruch erhoben. Nichtsdestoweniger wurden ita 
lienische Feuerwerke in kleinerem Massstabe bei den 
Marineschauspielen erlaubt. Den Amerikanern wurde 
übrigens die Bedingung gestellt, dass die Anwendung 
hochfliegender Körper unterblieb. Dass hierdurch eine 
gewisse Beeinträchtigung der Wirkung des Feuerwerks 
entstand, zeigte sich besonders bei der Veranstaltung 
des zweiten grossen Feuerwerks, welches für den 23. Juli 
dem Berliner Feuerwerker Zeidler übertragen war. Von 
da an verhinderten die Behörden weitere Feuerwerke in 
der Ausstellung; die Illuminationen dagegen fanden 
bis zum Schluss der Ausstellung in regelmässigen 
Zwischenräumen statt; nur hier und da mussten sie 
wegen des Wetters Ungunst verlegt werden. Sie 
wurden als ein herrliches, fast immer Neues bietendes 
Schauspiel von Tausenden und Abertausenden stets 
gern besucht. 
Am 28. Juli nachmittags fand sich der Verein 
deutscher Eisenbahnverwaltungen, der am Morgen 
im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses die Feier seines 
50jährigen Bestehens begangen hatte, im Hauptrestau 
rant der Berliner Gewerbe-Ausstellung zu einem feier 
lichen Festmahl zusammen. Unter den Klängen des 
Wagner’sehen Tannhäuser-Marsches nahm die aus 
270 Personen bestehende Gesellschaft ihre Plätze ein. 
An der Haupttafel sassen die Minister und Ehrengäste, 
während die übrigen Teilnehmer die Längstafeln be 
setzten. In höchst animierter Stimmung verlief das 
Mahl; am Spätabend versammelten sich die Teilnehmer 
auf der reichgeschmückten Veranda, um sich an dem 
Anblick des prächtigen Schauspiels einer grossen Illumi 
nation zu ergötzen. 
Trotzdem für des Sedantages Feier keine be 
sonderen Veranstaltungen getroffen worden waren, 
war der 2. September doch ein Festtag auch in der 
Gewerbe-Ausstellung, der sich durch besonders leb-
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.