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Preface

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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verhältnismässig schnell ausgebaut worden; die Betriebs 
und Tarifeinrichtungen haben aber keineswegs mit dem 
rapide gesteigerten Verkehrsbedürfnis Schritt gehalten. 
Dem neuen Mitbewerber brachte man im Vater 
lande und jenseits der Grenzen nicht gerade freund 
liche Gesinnungen entgegen. Noch bis in unsere Zeit 
war es vielerorts herkömmlich, Nüchternheit, säuerliche, 
oberflächliche Spottsucht und Witzelei, Kleinlichkeit, 
Geschmacklosigkeit als kennzeichnende Eigenschaften 
des Berliners hinzustellen. Wie hätte auf solcher Grund 
lage gediegene ernste Arbeit, echtes kunstgewerbliches 
Streben, opferbereite Hingabe an grosse Aufgaben er 
wachsen können? Dass aber dies alles aus dem Berliner 
Boden erwachsen ist, steht heute über allem Zweifel 
fest. Berlins Gewerbe hat seine Reifeprüfung abgelegt. 
Wenn draussen im Treptower Park das Bild unserer 
Gewerbethätigkeit nicht ganz vollständig war, so kommt 
dies daher, dass Industrie und Gewerbe einerseits noch 
nicht allgemein von der Nützlichkeit der Ausstellungen 
überzeugt sind, andererseits gegenüber grossen Ver 
anstaltungen noch nicht immer das wünschenswerte 
Gefühl der Zusammengehörigkeit haben. Die Erwägung, 
dass ein Werk, wie es unsere Gewerbe-Ausstellung war, 
zunächst dem Einzelnen um des Ganzen willen Opfer 
auferlegt, dann aber, je grösser der Erfolg ist, desto 
mehr allen Beteiligten Nutzen bringt, setzt einen etwas 
freieren Blick voraus, als ihn bisher manche in ihrem 
besonderen Arbeitsgebiet keineswegs kurzsichtige In 
dustrielle bethätigt haben. 
Berlin hat auf der »Berliner Gewerbe-Ausstellung 
1896« nicht alles, was es leistet, wohl aber eine reiche 
Fülle von Beispielen dessen, was es leisten kann, der 
Welt vorgeführt. Recht ansehnlich war, wie oft in ähn 
lichen Fällen, die Zahl der griesgrämlichen Besucher, die 
nur das interessierte, was nicht da war, und die vor 
lauter kritischen Bemerkungen über etwaige Lücken der 
Ausstellung garnicht dazu kamen, das zu bemerken, was 
da war, geschweige denn es anzuerkennen. Berlin 
und seine Arbeit haben es nicht nötig, das Wohl 
wollen und die Nachsicht der Gäste anzurufen; was 
wir aber mit Fug beanspruchen dürfen, das ist die 
Beachtung des Urteils zuständiger Fachmänner. Eine 
zahlreiche Schar solcher berufenen Beurteiler ist er 
freulicherweise zur Mitwirkung an dem vorliegenden 
amtlichen Berichtswerk gewonnen worden. Wohl wird 
es vom Arbeitsausschuss der Ausstellung selbst heraus 
gegeben, aber das bedeutet keineswegs, dass hervor 
getretene Mängel und begangene Fehler beschönigt 
werden sollen; im Gegenteil: dieses Werk hat die 
Aufgabe, mit voller Unbefangenheit die Summe der 
»Berliner Gewerbe - Ausstellung 1896« zu ziehen, die 
Ergebnisse zu sammeln, sie mit dem Gesamtstande 
unserer Industrieentwicklung zu vergleichen und die 
Erfahrungen zur künftigen Beherzigung und Verwertung 
festzulegen. Es mag allen Beteiligten zur Genug- 
thuung gereichen, dass der Befund ein überwiegend 
befriedigender ist. 
In Berlin haben im Laufe des zu Ende gehenden 
Jahrhunderts dreimal je zwei aufeinander folgende, 
die verschiedenen Arbeitszweige planmässig zusammen 
fassende Vorführungen gewerblicher Leistungen statt 
gefunden: im dritten Jahrzehnt die Ausstellungen von 
1822 und 1827, im fünften diejenigen von 1844 und 1849 
und in unserer Zeit diejenigen von 1879 und 1896. Galt 
es in den früheren Fällen, erst die Anfänge moderner 
Gewerbethätigkeit in Preussen bezw. in Deutschland 
aufzuzeigen, dann den Beweis einer rüstig fort 
schreitenden Entwicklung zu führen, so trat im 
Jahre 1879 das den Anforderungen der Neuzeit sich 
anpassende industrielle und kunstgewerbliche Berlin 
vor die Augen der Welt —- im Treptower Park wurde 
festgestellt, dass wir heute das, was wir 1879 wollten, 
bereits können. 
Die Jahresberichte der englischen, französischen, 
belgischen Konsuln in allen Teilen der überseeischen 
Welt enthalten seit Jahren zahlreiche Klagen darüber, 
dass die deutsche Industrie durch ihre Leistungen in 
Bezug auf Güte, Brauchbarkeit, geschmackvolle Aus 
führung bei verhältnismässiger Billigkeit in einem Ge 
schäftszweige nach dem anderen die Mitbewerber aus 
dem Felde schlägt. Die Reichshauptstadt hat an diesem 
siegreichen Vordringen der deutschen Arbeit einen 
unverhältnismässig grossen Anteil; sie erwirbt sich ein 
besonderes Verdienst dadurch, dass sie auf dem Gebiete 
des Exports zugleich in grossem Umfange die Pionier- 
thätigkeit zu gunsten der gesamten nationalen Industrie 
mit Eifer und Umsicht und deshalb auch mit Erfolg 
übernommen hat. Die Besucher, die aus allen euro 
päischen Ländern und aus allen Absatzgebieten der 
Welt anlässlich der 1896 er Ausstellung zu uns kamen, 
haben nicht nur sehr erheblich gekauft und bestellt, 
sondern, was weit wichtiger ist, von unserer industriellen 
Entwicklung den Gesamteindruck mitgenommen, dass 
hier mit Ernst und Ausdauer, mit der unseren Mit 
bewerbern so unangenehmen Zähigkeit und dem von 
unseren grossen Dichtern und Denkern erzogenen Hoch 
sinn tüchtige Arbeit geleistet wird, die den Durchschnitt 
weitaus überragt und die sich darum den Erdkreis 
erobert. 
Wissenschaft, Kunst und technische Praxis haben 
sich in Berlin mehr als in vielen anderen Industrie 
plätzen zu neuen, schönen Leistungen verbunden. Auf 
den Gebieten der angewandten Chemie und Elektrizität, 
der Photographie, des Kunstgewerbes, der Hygiene, 
der graphischen Gewerbe, der Nahrungsmittelindustrie, 
der Instrumentenfabrikation, des Maschinenbaues, des 
Unterrichtswesens, des Gartenbaues und nach vielen 
anderen Richtungen hin sind die befruchtenden Ein 
wirkungen der nationalen Geistesthätigkeit auf die wirt 
schaftliche Arbeit so weitgehend wie segensreich.
	        
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