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Das Verkehrswesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Es erübrigt noch, einer eigenartigen Vermittlungs- 
anstal 4 - für den städtischen Verkehr mit Lebensmitteln 
zu erwähnen, wie sie keine der grossen Weltstädte in 
so vollkommener Weise besitzt, das ist die seit dem 
3. Mai 1886 bestehende Güterabfertigung der Central 
markthalle am Alexanderplatz. Die für diese be 
stimmten Sendungen werden auf den Eingangsbahn 
höfen und Ringbahnstationen tagsüber gesammelt und 
in der betriebsfreien Nachtpause von 12 1 ln bis 4 Uhr 
mit besonderen Markthallengüterzügen der Markthalle 
zugeführt. Ungeheure Mengen von Lebensmitteln 
strömen von nah und fern hier zusammen; der gesamte 
Kleinhandel versorgt sich hier, selbst aus den ent 
fernteren Sladtgegenden, da die Centralmarkthalle als 
die billigste und reichhaltigste Bezugsquelle gilt. In 
den Nacht- und ersten Vormittagsstunden sind die um 
liegenden Strassen von Hunderten von Fuhrwerken 
dicht besetzt, um die gekauften Waren in alle Stadt 
teile zu bringen. Der Eingang an Lebensmitteln be 
trug im Jahre 1896 etwa 55000 Tonnen, wovon 
ungefährt 40 °/o auf Obst und Südfrüchte, 11 °/o auf 
Fleisch, 9 °/o auf Gemüse, 5 °/o auf Kartoffeln und der 
Rest auf sonstige Lebensmittel entfielen. 
C. Der Strassenverkehr. 
Alle Lebensäusserungen einer städtischen Be 
völkerung, all ihr Thun und Lassen spiegeln sich im 
Strassenverkehr wieder. Je zahlreicher die Menge, um 
so mannigfaltiger und wechselreicher ihre Thätigkeit, 
um so lebhafter ihr Verkehr, um so verschlungener 
die Pfade und Bewegungen des letzteren! Berlin unter 
scheidet sich von anderen europäischen Grossstädten 
dadurch, dass es- nicht ein einzelnes Verkehrscentrum 
besitzt, wie etwa die City in London, sondern dass der 
Verkehr sich mehr gleichmässig über die Stadt ver 
breitet. Natürlich giebt es auch hier einzelne Strassen- 
ztige, auf denen das Getriebe besonders lebhaft ist; 
hier wurden in den letzten Jahren amtliche Zählungen 
vorgenommen, deren Ergebnisse in nachstehender 
Tabelle zusammengefasst sind; die Zählungen umfassen 
den Zeitraum von morgens 6 Uhr bis abends 10 Uhr. 
Der stärkste Fussgängerverkehr ist hiernach in der 
Königstrasse unterm Stadtbahnbogen, in zweiter Linie 
Unter den Linden, Ecke Friedrichstrasse; der stärkste 
Wagenverkehr auf dem Potsdamer Platz. 
Als grösste Verkehrsziffern anderer Grossstädte 
wurden gezählt in London auf Londonbridge an einem 
Tage 22242 Fuhrwerke und 110 525 Fussgänger, in 
Paris in der Rue Rivoli 28000 Wagen. Man sieht also, 
dass der Berliner Strassenverkehr an Dichtheit zeit 
weilig dem anderer Weltstädte nichts nachgiebt. 
Das älteste öffentliche Strassenverkehrsmittel sind 
die im Jahre 1814 eingeführten Droschken; 1846 
zählte man deren 1008, zwanzig Jahre später 2260, nach 
weiteren zwanzig Jahren 4522 und im Jahre 1896 
7190 Stück. Droschken 1. Klasse bestehen seit dem 
Jahre 1871, sie haben gegenüber denen 2. Klasse rasch 
überhandgenommen, ein Zeichen des wachsenden Wohl 
standes und des immer zunehmenden Bedürfnisses einer 
schnelleren Beförderung. 
Neben den Droschken bestanden seit 1846 Thor 
wagen, auch nach ihrem damaligen Eigentümer 
Kremser genannt; der Gebrauch dieser etwas alt- 
väterisch anmutenden Wagen, die fast ausschliesslich 
zu Vergnügungsfahrten in die Umgebung von Berlin 
auf besondere Bestellung benutzt werden, ist sehr 
im Rückgang begriffen; ihre Zahl ist auf etwa 200 
gesunken. 
Um so wichtiger ist die Einrichtung der O mnibusse 
geworden. Die ersten fünf Omnibuslinien wurden im 
Jahre 1846 in Betrieb gesetzt, der Wettbewerb der zu 
gleich entstandenen Thorwagen und der sonstigen Lohn 
fuhrwerke liess jene zuerst nicht recht gedeihen. Seit 
Tabelle 14. Nach Weisung des Strassenverkehrs Berlins. 
Fussgänger 
Wagen 
Ort der Zählung 
Dezember 
Mai 
März 
Juni 
| Dezember 
Mai 
März 
Juni 
1891 
1892 
00 
•o 
1S95 
1891 
1S92 
1893 
1895 
Brandenburger Thor 
27 944 
46 221 
2S417 
41 2S2 
6 707 
9 776 
7 019 
8055 
Unter den Linden, Ecke Friedrichstrasse 
125054 
117 869 
ii 4 766 
92 012 
12 172 
18 071 
14 922 
12 260 
Chausseestrasse, Ecke Invalidenstrasse 
94945 
65 735 
63035 
73 684 
12 966 
I I I 12 
12163 
10 099 
Rosenthalerstrasse, am Hacke’schen Markt 
107 210 
93 6 47 
91 400 
89 744 
5 246 
5 io 4 
5 553 
5 852 
Kurfürstenbrücke 
Ol 322 
49 55° 
— 
41 382 
6 299 
6 544 
7 102 
4 543 
Königstrasse, am Bahnhof Alexanderplatz ..... 
120 274 
140 959 
I 2 I 221 
137 029 
9 985 
10 493 
10452 
10 914 
Grosse Frankfurterstrasse 
66 704 
76 817 
72 742 
— 
6 901 
7 240 
7 498 
— 
Holzmarktstrasse, Ecke Alexanderstrasse 
81 311 
103 337 
93 910 
67 899 
10255 
11 288 
10775 
10 187 
45 775 
51 4S8 
5' 8 47 
60 846 
4 934 
5 019 
6693 
8 262 
Leipzigerstrasse, Ecke Komm an dan teil stras»e .... 
85 279 
8 5 374 
59 868 
58353 
7 354 
7 699 
7151 
8 202 
» » Jerusalemerstrasse 
100 739 
— 
68 184 
51761 
7 532 
— 
6 750 
6869 
» » Friedrichstrasse 
87 188 
38 028 
64 063 
41139 
7 633 
6871 
6 899 
7 556 
Potsdamer Platz 
93 801 
70518 
72 421 
74499 
19 213 
20 25O 
16 027 
19685 
Belle-Alliancebrücke ... 
107 198 
90 642 
74665 
78055 
7 754 
8953 
9 242 
9 55' 
Oranienbrücke 
95 * 7 1 
77 760 
88561 
65153 
5 455 
6 006 
5 866 
6035
	        
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