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Die Anlagen und Bauten der Ausstellung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Nur wenig ausgiebiger war die farbige Behandlung 
der beiden Haupt-Innenräume dieser Anlage. Die 
Kuppelhalle hatte zwei Kuppelschalen, deren untere 
zusammen mit den Wänden einen Schmuck erhalten 
hatte, der in einer Nachahmung einer Inkrustation von 
lichten Marmorarten bestand. Die obere Kuppelschale, 
durch einschneidende Oeffnungen beleuchtet, blieb ohne 
besondern Schmuck. Das sichtbare Holzwerk der Decke 
des Hauptsaales war braunrot gestrichen; in dem 
gleichen Ton stand das den Raum umziehende Paneel. 
Zwischen diesem und der Decke zog sich ein breiter 
Fries hin, der einen Schmuck aus gelbem Rankenwerk 
erhalten hatte, das sich um typisch wiederkehrende 
Figurenpaare in mittelalterlicher Tracht in einer über 
trieben zierlichen Bewegung schlang. Diese dekorativen 
Malereien wie auch der Fries des Turmes und die 
Ausschmückung der Kuppelhalle stammten von Gathe- 
mann & Kellner. Die Kaskadenanlage vor dem Um 
gang der Kuppelhalle bestand aus drei Abtreppungen, 
über die das Wasser in den See fiel. In der Achse 
der Anlage befand sich eine Kanaleinfahrt und über 
dieser thronte Berolina auf dem Berliner Wappentiere, 
in der erhobenen Linken den Siegeslorbeer haltend, 
während sich die Rechte auf einen Schild mit der 
Kaiserkrone stützte. Der Hauptgestalt waren zwei alle 
gorische Nebengestalten, ein Fischer und eine weibliche 
Figur mit Früchten, beigegeben. Der Urheber der 
Gruppe war Professor Wide mann. Bei den künstle 
rischen Arbeiten dieses Gebäudes war noch die Anstalt 
für Glasmalerei von Paul Gerhard Heinersdorff & Co. 
durch Lieferung der Glasgemälde des Kuppelsaales be 
teiligt. Den Hauptteil der technischen Ausführungen 
hatten Ph. Holzmann & Co. übernommen. Die Funda 
mente des Wasserturmes mauerte H. Jaenicke; die 
Eisenkonstruktion des Turmes (nach den Berechnungen 
des Ingenieurs R. Bergfeld) und der eine Fahrstuhl 
wurden von der Berlin-Anhaltischen Maschinen 
bau-Aktiengesellschaft in Berlin-Moabit ausgeführt. 
Die umfangreichen Drahtputzarbeiten besorgten Bos- 
wau & Knauer; den zweiten Fahrstuhl baute die 
Firma Carl Flohr; die Zimmerarbeiten des Baues über 
nahmen Klemke & Ülbrich, sowie Schwien. Die 
Stuck- und Bildhauerarbeiten rührten von den Firmen 
Zeyer und Drechsler, Schirmer, Kretschmar und 
Olbricht her; die Anstreicherarbeiten hatten Binsky 
und Sonnenburg; die Aluminiumkuppel deckte 
Karney, die Ziegeldächer Neu meist er. 
Wir wenden uns nunmehr den Gebäuden zu, die 
ohne bestimmte Beziehungen zu anderen Teilen der 
Ausstellung lediglich dem eigenen Zweck zu genügen 
hatten. Das nach den Entwürfen des Architekten 
Hans Grisebach entworfene Gebäude für Chemie 
und Optik hatte die Gegenstände der Gruppen IX, XI 
und XVII, Chemie, wissenschaftliche Instrumente und 
Photographie, aufzunehmen. Bei den bisher besprochenen 
Gebäuden stand im Hinblick auf den anzustrebenden 
repräsentativen Eindruck die künstlerische Form in 
erster Linie, bei dem Chemiegebäude trat sie an die 
zweite Stelle, der Gebrauchszweck rückte an die erste. 
Dennoch war auch hier die Erfüllung der künst 
lerischen Aufgabe von grosser Bedeutung. Wenn 
gleich die eigenartige Form des Bauwerks bei den 
Laien nicht durchgehends ohne Widerspruch geblieben 
ist, so muss der Fachmann doch anerkennen, dass die 
künstlerische Form ein strenges und folgerichtiges Er 
gebnis der Bedingungen war, welche Bestimmung, Ma 
terial und Kosten des Gebäudes stellten, und hierin 
liegt der besondere Wert des Bauwerks. Feuersicher 
sollte es sein, daher eine leichte, vom Ingenieur 
Leitholf berechnete Eisenkonstruktion mit Drahtputz; 
übersichtlich sollte es sein, daher die langgestreckte, 
kirchenartige Anlage von 12 Gewölbesystemen, deren 
apsidenartiger Abschluss durch ein amphitheatralisches 
Auditorium gebildet wurde, das gemeinverständlichen 
Vorträgen diente; zu dem Ausstellungsraum für feine 
optische Instrumente und für Photographieen sollte das 
Licht möglichst ungehindert zufluten, daher die grossen 
Fenster und die basilikale Anlage, die sich ausserdem 
gleichwie die in das Gewölbe und das Dach einschnei 
denden Fenster mit dem Korbbogen, sowie das niedrig 
gehaltene Mittelgewölbe aus dem verhältnismässig 
kargen Betrage der Bausumme ergab. Man kann so 
mit sagen, dass in diesem Gebäude Form und Zweck 
in einem bemerkenswerten Grade verschmolzen waren. 
Das Gebäude war so gelagert, dass, um die nächst- 
liegenden Bauformen des Kirchenbaues zur Bezeich 
nung heranzuziehen, seine durch zwei leichte, gefällige 
Türme bezeichnete Chorseite mit dem sich vorschie 
benden Querschiff dem vom Haupteingang zur Aus 
stellung zuströmenden Besucherstrom sich zukehrte. 
Die Abmessungen waren ungewöhnlich gross; die 
bebaute Fläche erreichte 6300 qm; das Mittelschiff war 
18 m weit und gegen 22 m hoch. Aus diesem nicht 
übertriebenen, sondern eher beschränkten Höhenver 
hältnis ergab sich die grossräumige Wirkung des Schiffes. 
Die beiden Seitenschiffe waren etwa 7,5 m weit und 8,5 m 
hoch; das Querschiff hatte nahezu 19 m Weite und 
eine Länge von etwa 49 m. Die Länge des Mittel 
schiffes betrug bis zum Querschiff etwa 82 m, die der 
Seitenschiffe gegen 90 m. Die gesamte Länge des 
Bauwerks erreichte nahezu 138 m. Die Türme er 
hoben sich zu einer Höhe von 40 m. Der Hörsaal 
hatte einen Halbmesser von 15 m und fasste 350 Sitz- 
und 150 Stehplätze. Das konstruktive Gerüst bestand 
durchgehends aus Eisen; besondere Konstruktions 
schwierigkeiten ergaben sich nicht. Die Lieferung des 
Eisengerüstes erfolgte durch die Firma Rössemann 
und Kühnemann; die innerhalb 10 Wochen erfolgte 
Aufstellung der Wände erfolgte mittels Fahrrüstung. 
Bemerkenswert waren die Riesenfenster der beiden
	        
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