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Die Anlagen und Bauten der Ausstellung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Formen geführt haben. In Paris verlangte der an sich 
geschwungene Trocadero-Hiigel eine Bekrönung von ent 
sprechender Grundform, in Berlin das halbrunde Haupt 
des Seees eine diesem sich anpassende Architektur. 
Für die architektonische Durchbildung des Auf 
baues des nach der dargelegten Grundrissanordnung 
errichteten Bauwerks waren der ungewöhnlich grosse 
Massstab und das verwandte Material entscheidend. 
Es sind Beurteilungen laut geworden, welche an der 
hispanisierend-orientalisierenden Gestaltung des Auf 
baues Anstoss nahmen: die betreffenden Kritiker hätten 
an seiner Stelle lieber ein Gebäude von nationalen 
Formen gesehen. Diese kamen aber doch an anderen 
Bauten des Ausstellungsgebiets, z. B. am Wohlfahrts 
und am Fischereigebäude, wenn auch vom nordischen 
Stil etwas beeinflusst, ferner an einer Reihe kleinerer Bau 
lichkeiten und vor allem in Alt-Berlin in umfangreicher 
und ungemein reizvoller Weise zu ihrem Rechte; das 
Ganze hätte infolgedessen leicht einen eintönigen Ein 
druck hervorgerufen, wenn auch für die beiden Haupt 
gebäude nationale Formen gewählt worden wären. Ob 
mit ihnen der grosse Massstab so glücklich hätte be 
zwungen werden können, wie es geschehen ist, darf 
ebenfalls bezweifelt werden. Die der nationalen Kunst 
fremde Anlage eines Forums, welche durch die Ver 
hältnisse gegeben war und sich glänzend bewährt hat, 
würde übrigens angesichts einer ganz überwiegend aus 
nationalen Bauwerken bestehenden Umrahmung eine 
offenbare künstlerische Disharmonie erzeugt haben. 
/ 
Der vorübergehende Charakter des Bauwerks, die 
sommerlich-heitere Jahreszeit mit ihrem, wenn auch 
spärlicher als in anderen Sommern bemessenen hellen 
Sonnenschein, das festliche Gepränge der ganzen Ver 
anstaltung, die Bewältigung grosser Massen durch 
grosse Linien, die der gewählte Stil in so einfacher 
Weise ermöglicht, endlich die Wahl der Bauausfüh 
rung, bei der die Drahtputzfläche in ihrer weissen 
Farbe eine beherrschende Rolle spielte, alles das 
waren Gründe genug, die angewandten Stilformen zu 
rechtfertigen. 
Im Hinblick auf die beigegebenen Abbildungen 
haben wir bezüglich des Aufbaues und der Gestaltung 
des Aeussern nur noch wenig hinzuzufügen. Mit dem 
weissen Charakter der Putzfläche gingen das Rot der 
Dachflächen, das Silbergrau der Aluminiumbedachung 
der grossen und kleinen Kuppeln, die auf einzelne 
Stellen beschränkte reichere Farbengebung, wie das 
schimmernde Gold der dreibogigen Eingangshalle, die 
farbigen Bordüren der kleinen Kopfkuppelbauten 
u. s. w., das Grün der umgebenden, durch dichten Baum 
bestand geschmückten Landschaft in wirkungsvollster 
Weise zusammen. Wo, wie an den Gesimsen, an den 
Galerieen der Kuppeln und Türme das Holz als tek 
tonisches Material in die Erscheinung trat, da hatte 
es eine braune Lasur erhalten, die sich der Farben 
symphonie des Ganzen gut einfügte. Eine wirkungs 
volle Belebung hatte die Wandelhalle durch auf den 
Firstkamm aufgesetzte kugelförmige Zierbäume mit 
Pflanzengehängen erhalten. Das Innere dieser Halle 
war weiss, mit Ausnahme der kleinen Flächen, welche 
die gedrehten, geschnitzten u. s. w. Holzarbeiten der 
Thiiren und Fensterfüllungen darboten. Der kleine 
Kuppelraum war gleichfalls vollkommen weiss und 
steigerte hierdurch die mächtige Wirkung des Haupt 
kuppelraumes. In diesem vereinigten sich Gross 
artigkeit der Anlage, reiche plastische Ausschmückung, 
farbige Behandlung und eigenartige malerische Dar 
stellung zu einem Ganzen von tiefem Eindruck. Die 
in wohlüberlegter Weise in ihrer Höhenentwicklung 
nicht übertriebene Kuppel wurde vorbereitet durch 
4 Zwickelbildungen, für die der Bildhauer August 
Vogel den schönen plastischen Schmuck geschaffen 
hatte. Die Kuppelpfeiler setzten, mit Brunnenschalen, 
die laufendes Wasser aufnehmen sollten, versehen, auf 
dem Boden auf. In einer niederen Zone folgte dann 
emblematisches Ornamentwerk, das sich bis zu dem 
sehr niederen Kämpfergesims erstreckte, wenn man 
dieses durchlaufende Gesims überhaupt als Kämpfer 
gesims bezeichnen darf, und von hier ging der Kuppel 
zwickel aus. Die vier Zwickel enthielten in reicher 
ornamentaler und figürlicher plastischer Darstellung 
die vier stehenden Göttergestalten Pallas, Ceres, 
Vulkan und Merkur, deren Postamente auf masken 
geschmückten Voluten vorgekragt waren. In ihrer 
allegorischen Bedeutung stellten die Gestalten die 
Kunst, Industrie und Landwirtschaft, Gewerbe und 
Handel dar. Sie hatten etwa dreifache Lebensgrösse 
und waren zu beiden Seiten des Postaments von etwa 
3,50 m grossen lagernden Figuren begleitet, welche in 
ihrer Charakterisierung und in den ihnen beigegebenen 
Emblemen die Hauptgestalt durch symbolische Dar 
stellung ergänzten. So lagen zu Seiten der Pallas- 
Athene Figuren mit Symbolen von Kunst und Buch 
druck, zu Seiten der Ceres Sinnbilder des Ackerbaues 
und der Chemie,' neben dem Vulkan solche des Ma 
schinenbaues und der Industrie, neben dem Merkur 
Figuren aus dem Bereich der Handels- und der Kriegs 
schiffahrt. Die Masken der erwähnten Voluten trugen 
die Bezeichnungen Handel, Gewerbe, Industrie, Kunst. 
Diesen Worten entsprachen oberhalb der Haupt 
figuren, von je zwei Nebenfiguren vor einem mächtigen 
Adler begleitet, die Worte: Treue, Fleiss, Stärke, 
Friede. Reiches ornamentales Beiwerk umrahmte sie. 
Am Rande der Zwickel zog sich bis zur Höhe des 
ersten Kuppelkranzes, der eine durchweg vergoldete 
Bogenarchitektur trug, ein bewegtes Geäst hin, das 
der Charakterisierung der Hauptfiguren angepasst war. 
Neben Athene rankte sich der Siegeslorbeer empor, 
neben Ceres Apfel- und Weinlaub, neben Merkur 
Fichtenzweige und neben Vulkan Eichenlaub. In
	        
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