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Full text: Alt-Berlin auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896

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Herr Geheimrath Reuter hält den Brief des Herrn Müller für nicht recht 
verständlich! Wir meinen aber, derselbe läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. 
Die betreffenden Bestinimungen tut § 7 unserer Statuten sind höchst mangel 
haft und räumen einer etwaigen Ranküne und der Willkür ein ganz freies Feld 
ein. — Drei Monate hatte der Herr Geheimrath gebraucht, um unter den zahl 
reichen Zuschriften und Handlungen jenen Brief heraus zu finden, der sich als 
Material gebrauchen ließ, den Ausschluß dieses unseres Vereinsmitgliedes ins 
Werk zu setzen; drei Monate, um eine dafür günstige Vorstandssitzung zu finden, 
.zu deren Beschlußfähigkeit nur eine geringe Anzahl anwesend zu sein braucht. In 
zwei Tagen sollte der so plötzlich Angegriffene mit seinen Gegenmaaßregcln in Ord 
nung sein. In der That vortrefflich vorbereitet und ausgeführt. 
Neun Vorstandsmitglieder, die unter dem Eindrücke einer einseitigen Dar 
stellung und Darlegung der Sache ihres 1. Vorsitzenden stehen mußten: zwei dem 
Vorsitzenden in gleicher Weise und auch freundschaftlich nahestehende, von ihm 
selbst ausgesuchte Ausschuß-Mitglieder, denen auch nur theilweise eine wahr 
heitsgetreue Darlegung des Sachverhalts kundzugeben, dem betroffenen Ver- 
einsmitgliede ganz unmöglich geniacht war! — Also elf Personen gegen zwei, die 
-Herr Müller zu stellen hatte. — Elf gegen zwei war also auch zu wetten, daß 
Herr Reuter seine Absicht erreichen würde. — Zudem ließ sich der Bekanntenkreis, 
den Herr Müller unter den modernen Mitgliedern des Vereins hatte, unter denen 
kaum einer eine so schwierige und heikle Mission annahm, von den seit einigen 
Jahren fungirenden Vorsitzenden leicht übersehen und be—rechnen. 
Gelang es Herrn Reuter, Herrn Müller mit der bürgerlichen Schmach zu 
belasten, der erste und einzige zu sein, der in der langen, ein Menschen-Alter 
erreichenden Zeit des Bestehens dieser hochgeachteten Gesellschaft aus derselben ge- 
waltsam entfernt werden mußte, nun so war der Genannte moralisch ohnmächtig, 
mundtod für immer, und Herr Reuter hatte von diesem Mitglieds, welches allein 
in alle Verhältnisse von Alt-Berlin eingeweiht war und darüber Auskunft zu 
geben vermochte, weder in Bezug von „Alt-Berlin", noch sonst nichts mehr zu 
fürchten. 
Angesichts einer so kritischen Sachlage ward dem bedrohten Vereinsmitgliede 
gerathen, derselben durch einen raschen, freiwilligen Austritt aus dem Verein zu 
vorzukommen. „Nein, erwiderte der Bedrohte, vor einer derartigen Hand 
lungsweise freiwillig das Feld räumen, hieße die heiligen Interessen unserer vater 
ländischen Gesellschaft und die eigene Ueberzeugung preisgeben." 
Nun gelang es aber dem Herrit Müller, die ganze Sachlage einem Mit- 
gliede des Vereins für die Geschichte Berlins klarzulegen, welches jener, den 
Blicken des gegenwärtigen Vorsitzenden so fernstehenden Vergangenheit angehörte, 
deren lebensvollen und geistreichen Wirken zu Zeiten des Herrn Geheimraths 
Schneider unser Geschichts-Verein die Kraft und das Ansehen verdankt, von denen 
derselbe jetzt zehren kann. 
Es fand nun eine durchaus gründliche Untersuchung der ganzen An 
gelegenheit und ein sich daraus ergebendes Resümee statt, welches wir zu ver-
	        
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