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Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Issue 8 Gesundheitspflege, Wohlfahrts-Einrichtungen, Unterricht und Erziehung

Gruppe XIX. Unterricht und Erziehung 51 
gut vorgebildetes, tüchtiges Arbeitspersonal zu sorgen. Infolge 
solcher Erwägungen wurde zunächst dem Schulwesen besondere 
Fürsorge gewidmet. Die Volksschule fand nach ihrem inneren und 
äusseren Ausbau sorgsamere Beachtung und bessere Pflege, haupt 
sächlich auch seitens aller Faktoren der gewerbetreibenden Kreise; 
Fortbildungs- und Fachschulen wurden in grösserer Zahl eingerichtet. 
Und nicht umsonst sind diese Anstrengungen gewesen. ■ Seit jener 
Zeit ist das deutsche Schulwesen in lebhaftem Aufblühen begriffen, 
und trotz der Mängel, die ihm noch anhaften, findet es vielfache 
Zustimmung; denn seine Leistungen bilden eine gute Grundlage 
für den weiteren Aufbau des in den einzelnen Berufszweigen noth- 
wendigen Wissens. In den beiden letzten Jahrzehnten ist aber auch 
die deutsche Industrie zu schönster Entwickelung gekommen; sie hat 
sich in allen Welttheilen einen guten Ruf erworben, so dass die 
deutschen Fabrikate oft genug allen übrigen vorgezogen werden. 
Sollte man bei einem solchen Parallelismus der Entwickelung nicht 
von der hohen Wichtigkeit sprechen können, die unsere Schule für 
Industrie und Gewerbe hat? 
Vielfach war und ist bei der Berufswahl eine bedaüernswerthe 
Missachtung der gewerbetreibenden Berufszweige zu konstatiren, so 
dass selbst ein Schreiber sich mehr dünkt als ein ehrsamer, tüch 
tiger Handwerksmeister. Die fähigen Schüler der höheren Lehr 
anstalten wenden sich zumeist den sogenannten höheren, den 
geistigen Berufszweigen zu; die Universitäten sind überfüllt; das 
gelehrte Proletariat ist bedenklich angewachsen. Auch die begabten 
Köpfe der Volksschule findet man später häufig genug als Schreiber 
und etwa noch als Handlungslehrlinge wieder, während es dem 
Handwerk an ausreichendem Nachwuchs guter Kräfte mangelt. Der 
schöne Grundsatz ist vergessen, dass es weit ehrenvoller ist, in 
einem bescheidenen Berufe der erste zu sein, als in einem höheren 
der letzte. Die menschliche Gesellschaft aber braucht, so schreibt 
Schuldirektor Dr. Wilk in Gotha, das Kleine ebenso nothwendig als 
das Grosse, die Arbeit der Hand ebenso wie die des Kopfes. Alle 
Berufsarten bilden einen einzigen grossen Organismus; verkümmert 
nur ein einziges seiner Glieder, so leidet der ganze Gesellschafts 
körper. Darum muss die Schule sich diesem Streben der Zeit ent 
gegenstellen, das die Arbeit des Kopfes überschätzt und die Arbeit 
der Hand unter ihrem Werthe sieht, wenigstens so weit die Leistung 
des Einzelnen reicht. Elf Zwölftel der gesammten arbeitsfähigen 
Bevölkerung Deutschlands ist in Berufen thätig, die der Hände 
Arbeit erfordern. Daher ist es nothwendig, dass das Kind, wenn 
es ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden will, 
dahin kommt, den Werth der Handarbeit und der gewerbetreibenden 
Menschheit in richtiger Weise zu würdigen; es muss einen Einblick 
gewinnen lernen, welche Summe von Nachdenken und Mühe ange 
wendet worden ist, um einen Gegenstand anzufertigen, den es 
vielleicht um geringes Geld kaufen kann. Das Kind nun zu der 
nothwendigen Achtung vor der Hände Arbeit zu erziehen, in ihm
	        
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