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Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Gesundheitspflege, Wohlfahrts-Einrichtungen, Unterricht und Erziehung

50 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
kann aber wohl selten die Ausbildung, die der Volksschüler bis zu 
seinem 14. Lebensjahre erhält, mag diese auch noch so gut sein, 
für ausreichend gelten, um in seinem später zu ergreifenden Berufe 
etwas Tüchtiges zu leisten. Darum setze sich auf die Volksschule 
die allgemeine Fortbildungsschule, in der besonders die für 
alle Berufszweige wichtigen Lehrfächer (Deutsch, Rechnen, 
Geometrie, Zeichnen, Buchführung) Berücksichtigung finden. Leider 
hat die Fortbildungsschule noch nicht die allgemeine Verbreitung, 
die ihrer wichtigen Aufgabe wegen nothwendig wäre; auch ist ihr 
Besuch noch nicht obligatorisch, so dass sie nur einem bescheidenen 
Theile der Rekruten des Gewerbes und der Industrie zu gute kommt. 
Ausser der geringen Neigung der jungen Leute, ihre freie Zeit dem 
Schulbesuche zu opfern, ist auch die Gleichgiltigkeit, zuweilen sogar 
offenbarer Widerstand mancher Meister und Lehrherren die Ursache, 
dass viele Fortbildungsschulen nur ein kümmerliches Dasein fristen. 
Am besten dient die Fachschule, deren Unterricht gerade auf 
einen speziellen Arbeitszweig zugeschnitten ist, den Interessen des 
Gewerbes und der Industrie. Natürlich ist sie nur an Orten mög 
lich, wo eine grössere Zahl von Lehrlingen desselben Handwerks 
vorhanden ist. 
Auch für die Ausbildung des weiblichen Geschlechts gelten, 
soweit es gewerblich und industriell thätig ist, die gleichen Forde 
rungen wie für das männliche. Auch bei ihm muss durch Fort- 
bildungs- und Fachschulen Gelegenheit zu einer tüchtigen, all 
gemeinen und fachlichen Vorbildung für den speziellen Erwerbs 
zweig geschaffen werden. 
Eine gute Volksschule in Verbindung mit zweckmässig aus 
gestatteten Fortbildungs- und Fachschulen ist somit eine wichtige 
Vorbedingung für das Gedeihen des Gewerbes und der Industrie, 
welche um so bessere Leistungen aufweisen werden, je voll 
kommener die Schulen sind. Wie die Schule, eingedenk eines ihrer 
ersten Grundsätze: „Nicht der Schule, sondern dem Leben“ ; hre 
Bildungsziele und Bildungsmittel der fortschreitenden Kultur ent 
sprechend umgestaltet und anpasst, um auf diese Weise den 
Forderungen des praktischen Lebens thunlichst vollkommen zu 
dienen, so müssen auch wiederum die Männer der gewerblichen 
Thätigkeit ihre Fürsorge der Schule zuwenden, um diese so aus 
reichend zu fördern, dass sie den an sie gestellten Ansprüchen 
nach Möglichkeit gerecht werden kann. 
Als im Jahre 1876 Professor Reuleaux im Anschluss an die 
Ausstellung zu Philadelphia sein tadelndes Urtheil über den Stand 
der deutschen Industrie fällte, da wurden manchem Vertrauens 
seligen die Augen geöffnet. Mannigfache Faktoren hatten zu diesem 
Niedergange mitgewirkt, unter ihnen vor allem Thatlosigkeit, Selbst 
bewunderung, übertriebenes Vertrauen auf die Güte der einzelnen 
Leistungen und ein wenig geeignetes Arbeitspersonal. Man sah 
damals ein, dass es nothwendig sei, alle Kräfte für die Hebung des 
Gewerbes und der Industrie einzusetzen, insbesondere aber für ein
	        
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