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Chemische Industrie Gruppe VII Gruppe XVII. Photographie

Full text: Chemische Industrie Gruppe VII

86 Spezial-Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 
lösung, zum Gebrauch frisch dargestellt und sofort wegen ihrer 
kurzen Haltbarkeit verbraucht werden müssen, waren die neuen 
Platten nicht feucht, sondern trocken und viele Monate lang halt 
bar; sie konnten deshalb im Voraus fabrizirt und in den Handel 
gebracht werden. Die unangenehme Selbstpräparation war erspart. 
Dann bestanden diese Platten nicht aus dünnen, leicht verletzbaren 
Kollodschichten, sondern aus dauerhaften Gelatineschichten, welche 
Bromsilber einschlossen. Bei Einführung dieser Platten aus England 
fand die Neuheit einigen Widerstand. Aber die Thatsache, dass solche 
Platten zehn bis zwanzig Mal empfindlicher sind als Kollodiumplatten, 
entschied ihren Sieg. Die Sitzungszeit war nunmehr auf V20 herab 
gedrückt, ein sehr grosser Vortheil bei unruhigen Modellen. 
Diese nicht zu verachtenden Eigenschaften Avaren von höchster 
Bedeutung für die fl nt Wickelung der Dilettanten-, Liebhaber- resp. 
Amateurphotographie. Zur Zeit, avo der nasse Kollodprozess 
dominirte, Avar die Zahl der Dilettanten gering. Die Unsauberkeit 
bei der Herstellung von Platten, die unvermeidlichen Silberflecken 
an Händen und Kleidern, die grosse Masse der nöthigen Lösungen etc. 
machte das Photographiren, namentlich auf Beisen, öfter zu einer 
Strapaze. Dem war nun abgeholfen, und seit der Zeit wuchs die 
Zahl der Amateure rapid, so dass man jetzt in Deutschland allein 
neben 3500 Fachphotographen 30 000 Amateure zählt. Ganz be 
sonders kamen die neuen Gelatinetrockenplatten der Avissenschaft- 
lichen Photographie zu gute, dem photographirenden Astronomen, 
Geographen, Forschungsreisenden, Mikroskopiker, Zoologen,Botaniker, 
Mineralogen. Hier hört die Photographie auf, ein Zeitvertreib zu 
sein, hier dient sie ernsten, Avissenschaftlichen Zwecken. Kein 
Wunder daher, dass der Verbrauch photographischer Artikel ge 
waltig zunahm, dass Trockenplattenfabriken in Deutschland aufge- 
than wurden, deren Zahl mit der Zeit erheblich wuchs, und 
während früher die Trockenplatten aus England bezogen Avurden, 
wurde bald die deutsche Trockenplatte ein ganz bedeutender Export 
artikel. 
Mit der Trockenplatte allein Avar es aber nicht gethan. Die 
von Tag zu Tag zunehmende Zahl der Amateure verlangte auch 
Cameras, Linsen, Schalen, Kopirrahmen, photographische Chemi 
kalien etc. etc., und so erwuchs durch Einführung der Trocken 
platte eine grosse photographische Industrie in Holzapparaten, 
Glasgefässen, optischen Linsen etc., die nach Millionen exportirt. 
Früher standen die englischen Apparate obenan, jetzt Averden in 
aller Welt die deutschen, in erster Linie die Berliner, bei Aveitem 
bevorzugt. Unsere Ausstellung Aveist vortreffliche Repräsentanten 
dieser Industrie auf. 
Die ausserordentliche Empfindlichkeit der Platten macht die 
Aufnahme von Momentbildern zu einer Spielerei. Man kam 
diesem Sport entgegen durch Herstellung von Momentcameras; 
diese bedurften keines Stativs mehr. Der Apparat Avird mit der 
Hand gehalten; man drückt auf einen Knopf, der einen Moment-
        
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