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Porzellan-, Chamotte-, Glas-Industrie Gruppe V Gruppe V. Porzellan-, Chamotte- und Glasindustrie

Full text: Offizieller Spezial-Katalog ... der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 Porzellan-, Chamotte-, Glas-Industrie Gruppe V

Gruppe V. Porzellan-, Chamotte- und Glas-Industrie 
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der industriellen und künstlerischen Erzeugnisse dieses Muster-Instituts, wird 
es rechtfertigen, wenn wir es versuchen, an dieser Stelle ihrer geschichtlichen 
Entwickelung, sowie ihren kunstgewerblichen Bestrebungen zu folgen. 
Das Institut der Königlichen Porzellan-Manufaktur zu Berlin, dessen 
Betriebswerkstätten seit 1871 auf dem an der Westgrenze des Thiergartens 
gelegenen Grundstück zwischen der Unterspree und der Charlottenburger 
Chaussee errichtet sind, blickt gegenwärtig auf ein einhundertdreiunddreissig- 
jähriges Dasein zurück. 
Im Jahre 1762 erwarb Friedrich der Grosse für 225000 Thaler die 
bisher im Besitz des reichen Berliner Kaufmanns Gotzkowsky befindliche 
Porzellanfabrik als Eigenthum, welche dieser angesichts seines drohenden 
Bankerotts dem Könige zum Kauf angeboten hatte. In Gotzkowskys Fabrik 
war die von dem Kaufmann Wegely in Berlin begründete Anstalt, die von 
diesem bei der Noth des Landes und der Unsicherheit der Verhältnisse 
während des siebenjährigen Krieges 1757 aufgegeben worden war, wieder 
erstanden. 
Der grosse König, wie viele seiner gekrönten Zeitgenossen ein leiden 
schaftlicher Liebhaber des Porzellans, zeigte sich persönlich ernstlich be 
müht, die von ihm zur „Königlichen“ erhobene Manufaktur zu einer neuen, 
blühenden Entwickelung zu bringen. 
Gotzkowsky’s bewährter Pabrikdirektor Grieninger verbheb in diesem 
Amt, und mit ihm trat das gesammte Arbeitspersonal, 146 Leute, in den 
königlichen Dienst ein. Durch die Gunst und Fürsorge des Königs wuchs 
die Produktion der Manufaktur nach Umfang und Werth ihrer Leistungen 
überraschend schnell. Die Erzeugnisse aus jener Zeit erreichten eine Höhe 
der technischen und künstlerischen Vortrefflichkeit, welche von denen 
keiner anderen gleichzeitigen übertroffen wird. In den Formen, wie in 
den plastischen und den gemalten Dekorationen der Vasen und Tafel- 
Services, in den Statuetten, Gruppen und Tafelaufsätzen kam aller Reiz 
und alle Grazie des Rococostils und -Geschmacks zum anmuthigsten und 
vollendetsten Ausdruck. Um diese Zeit war die Zahl der Arbeiter in der 
Manufaktur bereits auf 400 gestiegen, die der Brennöfen auf zehn. 
Nach dem Tode des grossen Königs trat der Minister von Heinitz an 
die Spitze der aus den Direktoren Grieninger, Klipfel und Oberbergrath 
Rosenstiel zusammengesetzten leitenden Kommission. 
Die Manufaktur hielt sich bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts 
hinein auf ihrer alten Höhe. Eine grosse Anzahl meisterlich gearbeiteter 
und dekorirter Prunkstücke und Statuetten aus dieser Zeit giebt hiervon 
Beweis. Die bisherigen unvollkommenen Brennöfen wurden durch die 
damals hier erfundenen Rund- und Etagenöfen verdrängt, in welchen gleich 
zeitig das Vorbrennen, das Garbrennen im Gutfeuer und das Brennen der 
erforderlichen Thonkapseln, der Behälter für die in den Ofen einzustellenden 
Porzellan-Erzeugnisse, ausgeführt werden konnten. 
Verhängnissvoll wurden für die Manufaktur die schweren Kriegs- und 
Unglücksjahre Preussens, die ihr vom Feinde aufgelegten Kontributionen, 
Zwangslieferungen kostbarer Geschirre an den kaiserlichen Hof und die 
französischen Generale, die allgemeine Noth und Verarmung des Landes, 
die noch lange die Aera des Krieges und der Okkupation überdauerte; ver 
hängnissvoll aber auch der während der folgenden Jahrzehnte zur allgemeinen 
Herrschaft gelangende antikisirende Geschmack und Stil auch auf kunstgewerb 
lichen Gebieten, dessen Anwendung auf die Porzellanbildnerei der innersten 
Natur dieses Materials widerstrebt.
	        
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