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Full text: "Von Schreibtisch und Werkstatt" / Stein, Philipp

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Handel und Industrie bedürfen zu ihrem Gedeihen Freiheit der Bewegung, sie sind 
für die Wohlfahrt jedes Volkes unerläßlich; gefördert können sie nur durch die Tüchtigkeit 
derer werden, die sich mit ihnen berufsmäßig beschäftigen; alle Bevormundungen und 
Zwangsmaßregeln schaden mehr als sie nützen. 
Geheimer Kommerzien-Rath. 
Aus dem märkischen Sande ist Berlins Industrie empor gewachsen, aber sie hat 
während eines Jahrhunderts gezeigt, daß sie nicht auf Sand gebaut. Ihre eigentliche 
und kraftvollejLntwicklung begann in jener Zeit, als die Stein-Hardenberg'sche Gesetz 
gebung — die Städteordnung, die Gewerbefreiheit — ihren Einfluß geltend machte. 
Der Bürger, seit Jahrhunderten wieder auf seine eigene Thatkraft gestellt, hat im 
Laufe der Jahrzehnte in einer großen Zahl von Vereinen, Bildungs- und Lehranstalten, 
wie sie keine andere Stadt der Welt besitzt, sich die geistigen Werkzeuge geschaffen, mit 
denen die Berliner Gewerbethätigkeit auf die hohe Stufe geführt wurde, auf der man sie 
heute erblickt. Die Gewerbeausstellung wird ein übersichtliches und stolzes Bild dieser 
Gewerbethätigkeit vor Aller Augen führen, wöge die gegenwärtige Generation ans 
Allem, das sie schauen wird, Anregung schöpfen zur Nacheiferung und zu neuem Schaffen! 
Berlin, den Februar 1(896. 
Auf keinem Gebiete hat Berlin größere Fortschritte gemacht als auf dem des Bank- 
und Geldwesens. 
Noch vor vierzig Jahren mußte der preußische Staat sich wegen Befriedigung seiner 
Geldbedürfnisse an außerberlinische Häuser wenden: noch vor fünfundzwanzig Jahren war 
der deutsche Import- und Exporthandel im wesentlichcn'von dem guten willen der Londoner 
Bankhäuser abhängig. Heute ist die Berliner Börse der Brt, an welchem die Lonrentration 
der wirthschaftlichen Kräfte des gesammten Deutschlands am vollständigsten zum Ausdruck 
gelangt: heute erstreckt dieselbe ihre Thätigkeit weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. 
In den Beziehungen von Nation zu Nation fällt im Frieden der Börse die gleiche 
Aufgabe zu wie im Kriege der Armee. Die Parteien, welche die Börse zerstören wollen, 
handeln daher ebenso unzweckmäßig wie die Parteien, welche früher die Armee bekämpften. 
Es ist unbegreiflich, daß Industrie und Landwirthschaft sich feindlich gegenüber 
stehen; durch ein sriedliches Zusammengehen können doch alle beide nur gewinnen.
        
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