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Full text: "Von Schreibtisch und Werkstatt" / Stein, Philipp

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Die modernen Völker-Friedensfeste pflegen gewöhnlich an ein wenig friedliches 
Lreigniß anzuknüpfen. Die Pariser Weltausstellung von j889 galt der Erinnerung an 
das blutige Revolutionsjahr j789, und die Berliner Gewerbe-Ausstellung j896 gilt der 
25jährigen Erinnerung an die Begründung des Deutschen Reiches, der stolzen Frucht all' 
der Thaten der Tapferen, die begeistert ihr Blut für ein großes Ideal opferten, dessen 
endliche Verwirklichung die deutsche Nation im Jahre s895 in militärischer weise 
feierte, die Hauptstadt des neuerstandenen Deutschen Reiches im Jahre j896 
unter Theilnahme aller Nationen in friedlicher weise feiern will. Lin Friedensfest soll 
die Berliner Gewerbe-Ausstellung j896 sein, aus den Siegesfanfaren werden 
Friedensfanfaren, welche die ganze Welt einladen, Iheilzunehmen an dieser Friedensfeier. 
Mit blutigem Eisen mußte das Deutsche Reich zusammengehämmert werden, ein Viertel 
jahrhundert steht es da im äußeren Frieden. In der Reichshauptstadt concentriren sich 
des Reiches beste Kräfte, seine schöpferischsten Elemente, und darum wird die Berliner 
Gewerbe-Ausstellung j896 nicht nur offenbaren, was Berlin, sondern, was das gesammte 
Deutsche Reich in all' diesen Jahren der äußeren Ruhe geleistet und errungen, wie es in 
seinem Innern sich gestaltet, wie es die Segnungen des Friedens, die modernen Errungen 
schaften des Geistes, der Cultur, der Kunst und der Humanität, die Fortschritte des 
Handels, des Gewerbes und der Technik sich zu eigen gemacht hat. Das allein will und 
soll die Berliner Gewerbe-Ausstellung s89§ lehren, Hoffentlich lehrt sie es. 
Berlin, 20. Januar j896. 
Die inneren Beziehungen zwischen dem Aufblühen von Handel und Industrie und 
dem von Kunst und Wissenschaft lehren Geschichte und Erfahrung. Daß Poesie und 
Malerei bei uns einen alles in allem höchst erfreulichen und viel versprechenden Aufschwung 
genommen haben, verdanken wir — und das ist nicht allein meine Überzeugung — am 
allermeisten dem gewaltigen Emporstreben Berlins. 
von dieser Entwickelung soll die Ausstellung Zeugnis ablegen und zugleich sie 
fördern, wie sehr müssen also auch die Männer vom Schreibtisch ihr Gelingen wünschen! 
Ein erfreuendes Gefühl aber ist es für sie, sich im Zusammenhang mit den Vertretern 
der productiven Arbeit zu wissen, von denen sie eine falsche Anschauung so oft scheidet. 
wie der mensch, der sich durch fleiß, begabung und glück aus engen Verhältnissen 
emporgearbeitet, sich kaum je mit freier anmuth auf der errungenen höhe zu bewegen lernt, 
kann auch Berlin als jüngste „Weltstadt" das fischcrdorf und die duodezresidenz noch 
immer nicht überwinden, und sein ganzes sein und thun schwankt zwischen kleinlichkeit 
und anmaßung hin und her; und auch darin stimmt der vergleich, daß es wenige ehrliche 
freunde hat und — hört, dagegen von unzählichen theils albernen, theils gewissenlosen 
Schmeichlern umdrängt wird und — sich bethören läßt. 
Berlin, im Februar J896.
        
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