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Full text: "Von Schreibtisch und Werkstatt" / Stein, Philipp

Die Stellung der Frau zu Handel, Industrie und Gewerbe ist in unsrem Jahr 
hundert eine gänzlich veränderte geworden; veranlaßt durch diese Umgestaltung aller wirt 
schaftlichen und sozialen Verhältnisse, begann die Frau über die Gefahren nachzudenken, 
welche ihrem ganzen Geschlecht aus dieser Umwälzung erwuchsen, und hatte den U!ut, durch 
Selbsthilfe sich eine Verbesserung ihres Loses zu erkämpfen. 
Der beständige Ruf: „Die Frau gehört in's bsaus" fand seine Gegenwirkung in der 
Thatsache, daß der Großbetrieb, die Fabrikation durch Maschinen und dadurch die über 
raschende Entwicklung der Gewerbe, die ksausindustrie und ksandarbeit immer mehr ver 
drängten, in welchen die Frauen bis dahin, außer dem Lehr- und Erziehfach ihre einzigen 
Erwerbsquellen fanden. Eine unübersehbare Masse weiblicher Arbeitskräfte wurde frei, 
unzählige Existenzen wurden in ihrem Lebensnerv bedroht und die Frauen, denen sich zu 
verheiraten immer mehr erschwert wurde, mußten, hinausgedrängt aus dem Kaufe auf den 
Markt des Lebens, den Kampf um's Dasein auf sich nehmen. 
Da traten am Anfang der zweiten ksälfte unsres Jahrhunderts Pionierinnen auf, 
welche eine Frauenbewegung in's Werk setzten, mit dem Rufe: „Arbeit ist Pflicht und Ehre 
für die Frau, wie für den Mann und Jede und Jeder ist zu dem Berufe berechtigt, zu dcni 
er befähigt ist!" Damit wurde die Bahn freigemacht zur Erwerbsthätigkeit der Frau, 
welche allseitig riesige Fortschritte gemacht hat. Das alberne gesellschaftliche Vorurteil, daß 
Erwerbsarbeit erniedrigt, ist damit gefallen. Aber auch die kjauswirtschaft hat durch die 
technischen Erfindungen eine so große Umgestaltung erfahren, daß die Fran gezwungen ist 
sich in das Wesen derselben wissenschaftlich zu vertiefen und aus der schlaffmachenden ge 
wohnheitsmäßigen Uebung der häuslichen Arbeiten in eine, auf wissenschaftlichen Grund 
sähen und Fachkenntnissen beruhende Berufsthätigkeit hinüberzuleiten, wie sie durch Koch- 
und Kaushaltungsschulen und das Studium der Nationalökonomie, der Gesundheitslehre, 
der Lhemie und Physiologie geboten ist. 
Der Sinn der Frau wurde über den Familienegoismus hinaus auf den Nothstand 
der großen Massen gelenkt. 
Das traurige Los der Proletarier, bei denen auch die verheiratete Frau außer dem Kaufe 
arbeiten muß, die Betrachtung, daß die gesunde Ernährung die Grundlage der Leistungs 
fähigkeit ist und daß die Einzelküchc des Notleidenden eine solche ausschließt, führte mich im 
Jahre s866 zur Begründung der Volksküchen, die in der sorgfältigen Zubereitung derMassen- 
speisung nach den Gesetzen der Ernährungslehre, mit Berücksichtigung des Wohlgeschmacks 
und billigsten Preises ohne Gewinn die Arbeitskraft unsrer Massen erhöhen und ihre Lage 
erleichtern soll. 
Berlin, 2. April J896 a 
Staat und Gemeinde haben es in der Kand, die Frauen nicht tiefer in den Ab 
grund des Elends, wie es z. B. in der kausindustrie der Berliner Konfektion herrscht, 
sinken zu lassen, sondern durch bessere Ausbildung und erweiterten Erwerb sie äußerlich 
und innerlich für den Dienst der Menschheit nutzbar zu machen. Unser Staat und unsre 
Stadt, die durch Arbeit groß geworden, dürfen nicht ferner der größeren kälfte der Be 
völkerung das Recht auf jede einträgliche Arbeit verkümmern, die Wege zur höheren 
Geistesbildung verbauen, den Zutritt zu den besser bezahlten Ämtern versagen. Recht 
an der gemeinnützigen Menschheitsarbeit und Recht der Selbsthilfe durch Lrwerbsarbeit 
— das ist das Ziel der modernen Frauenbewegung, die bei uns von Staat und Gemeinde 
so lange verkannt war, und die doch lediglich jedem Menschen Arbeit nach Maßgabe seiner 
Fähigkeiten, jeder Fähigkeit ihren Lohn nach Maßgabe ihrer Leistung sichern will.
        
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