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Full text: "Von Schreibtisch und Werkstatt" / Stein, Philipp

Ls gab eine Zeit, in der sämmtliche Loncertgeber Berlins, wie gewisse Parlaments- 
Fraktionen, in einer einzigen Droschke Platz gehabt hätten. Ls war die „gute" alte 
Zeit, in der ein Lonccrt noch als „Lreigniß" angesehen wurde und die Virtuosen nur 
sporadisch auftraten. Die Haare waren lang, die Kunst echt, die Begeisterung unver 
fälscht und das Billet kostete einen Thaler. Das sparsame Publikum drehte ihn in r- 
mals um, bevor es ihn ausgab. Kam aber paganini oder Liszt, dann gab der Berliner 
Musikenthusiast seinem Herzen einen Ruck und ließ sich das vergnügen sogar zwei harte 
Thaler kosten, wie schwelgte er aber dann in dem Kunstgenüsse! wochenlang wurde 
von nichts als von dem italienischen „Hexenmeister" gesprochen. Die erdenklichsten Fabeln 
wurden ihm angedichtet, und mit besonders lebhafter Phantasie begabte Zuhörer wollten 
gar den Pferdefuß an ihm entdecken, denn so wie Paganini konnte nur der ff ff ff spielen. 
Und welchen Aufruhr erregte erst Liszt in den Gemüthern der Berliner Mufikfexel Dem 
genialen Pianisten wurden von seinen Bewunderern die Pferde ausgespannt; ihm zu 
Ehren ließ man Tauben aufflattern und um das Glas, aus dem er getrunken, raufte 
sich im Loncertsaal das „ewig Weibliche" . .. 
Die Zeiten haben sich seitdem gewaltig geändert. Db zum Vortheil? Berlin 
hatte damals für bedeutende Aufführungen nur einen Loncertsaal — die Singakademie, 
und es waren wirkliche Künstler, die sich daselbst hören ließen. Für die Virtuosenschaar.n, 
die jetzt nach Berlin strömen, sind sechs Loncertsäle nicht ausreichend. Das Publikum 
wäre freilich oft in einem einzigen unterzubringen. Die Musik wird heute en gros 
betrieben. Die Konservatorien speien alljährlich einige Dutzend „fertiger" Künstler aus. 
Lin Musikerxroletariat ist die natürliche Folge einer solchen Massenfabrikation. Die 
Musikkritik, auf die die Ärmsten — wie oft vergebens — ihre Hoffnung bauen, weiß rin 
Lied davon zu singen. Die Einzigen, die aus diesem Ansturm Vortheil ziehen, sind ie 
Loncertagenten, ihnen ist der Loncertgeber, nicht selten mit den vom Munde abgedarbten 
Ersparnissen, in jedem Falle tributpflichtig. Publikus kauft nur in außerordentlichen Fällen 
ein Billet — etwa, wenn ein Taktir-virtuose „Mode" ist, besteht im Übrigen zumeist aus 
Freischärlern. Glücklicherweise besitzen wir auch in unserer Zeit noch echte Künstler, unter 
der Ungunst der Verhältnisse haben aber auch sie zu leiden. 
Die Entwickelung des öffentlichen Berliner Musiklebens ist also keineswegs erfreulich. 
Ls kann sich nur dann günstiger gestalten, wenn das leere Stroh des Dilettantismus aus 
den Loncertsälen schwindet und wahre Kunst in dieselben wieder ihren Einzug hält.
        
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