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Full text: "Von Schreibtisch und Werkstatt" / Stein, Philipp

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Wenn man „Kunst" — die Blüthe der menschlichen Thätigkeit zu nennen pflegt, 
so mag das Gewerbe das Samenkorn, — die Industrie die Wurzel und der tfandel der 
Pflanzenstiel sein, der ihr die Kräfte zuführt, aus denen die Summe hervorging. 
Berlin, 5. Februar J896. 
Die neue Schauspielkunst. 
„Aunst und Natur 
„Sei auf der Bühne Lines nur; 
„wenn Aunst sich in Natur verwandelt, 
„Dann hat Natur mit Runst gehandelt." 
Nicht ohne Absicht setze ich diese goldenen Worte Lessings voran. 
Ls ist nicht gar lange her, daß kritische Heißsporne den Anbruch einer neuen 
Schauspielkunst verkündigt und verherrlicht haben. 
Diese sogenannte neue Kunst sollte darin bestehen, daß Darsteller, Regisseur, 
Requisiteur, Decorationsmaler und Theatermeister in allen ihren Darbietungen unbedingte 
Naturwahrheit inne halten. — An sich ist diese Forderung vollkommen richtig und freudig 
zu unterschreiben. Aber neu ist sie nicht; ihre Uebung galt von je als der Gipfel der 
darstellenden Kunst. 
wie dem aber auch sei: die Forderung, das hohle Pathos auszurotten, die Bühnen- 
kunst naturwahr zu gestalten, die dichterischen Gebilde mit ächtester Lebenswahrheit zu 
erfüllen, diese Forderung ist mit Dank und Genugthuung vorbehaltlos willkommen zu 
heißen und sie darf nicht verstummen und nicht erlahmen, bis sie auf der ganzen Linie 
vollzogen ist, auch von den Lässigen und noch Zaudernden. 
kjohle Declamation ist das Grab aller Wahrheit und Lharacteristik. 
wie die Meininger Scenirungskunst den Blick geschärft und erweitert hat, wie sie, 
wenn im Geiste ihres Schöpfers geübt und nicht übertrieben, — — die künstlerische 
Wirkung fördert und vertieft, so wird auch die darstellende Kunst reichen Nutzen 
ziehen aus den lauten Ermahnungen, wenn diese überall richtig verstanden werden. 
Leider aber werden bereits vielfach Irrthümer kenntlich. Irrthümlich nur kann 
die Auffassung sein, als bestehe die Forderung, Goethe und Schiller in dem saloppen Tone 
der Berliner Posse zu spielen, die trivialen Laute und Gesten der Straße in das vornehme 
Lustspiel zu verpflanzen. 
ksier wird die berufene Kunstkritik nachdrücklich ihres Amtes walten müssen, damit 
nicht an die Stelle der alten eine neue Unnatur trete, die, wie angedeutet, bereits vielfach 
zu bemerken ist. Ls muß nicht durchaus „ein handfester, haarbuschiger Geselle" sein, der 
„die Leidenschaft in Fetzen, in rechte Lumpen zerreißt" —; ein artiges, zahmes Bürschchen 
bringt das auch zu Stande im leichtesten Bummeltone. 
Also Wahrheit, strenge Naturwahrheit, aber — streng im Stile der Sichtung. 
westend-Berlin, März s89<5.
        
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