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Full text: Insekten schützen! Pestizide stoppen! / Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Rights reserved)

! N E Z T Ü H C S N E T K INSE ! N E P P O T S E ID IZ T S E P 31 Wildbienen­arten vom Aussterben bedroht! WENIGER INSEKTEN – WENIGER BIENEN Das Bienensterben ist seit Jahren ein großes Thema. Oft geht es dabei vor allem um die Honigbiene. Mehr noch sind es aber Wildbienen und andere Insekten, die in Gefahr sind. In den letzten 27 Jahren hat die Biomasse der Insekten um 76 Prozent abgenommen – und das in Naturschutzgebieten. In landwirtschaft­ lich genutzten Gebieten könnte der Insektenschwund sogar noch drastischer sein. Die intensive Landwirt­ schaft steht im Verdacht, eine der Hauptursachen für den dramatischen Rückgang zu sein. Das Verschwinden von Rainen, Blühwiesen, Streuobstwiesen und Hecken, der Umbruch von Grünland, die Überdüngung und der hohe Einsatz von Pestiziden verursachen das Insek­ tensterben. Der Rückgang betrifft nicht nur einzelne Gruppen wie Schmetterlinge oder Bienen, sondern flie­ gende Insekten insgesamt – und er ist gravierender als befürchtet. Das Insektensterben hat dramatische Auswirkungen auf das Ökosystem, denn viele Vögel und F­ ledermäuse brauchen Insekten als Nahrung. Aber auch für uns Menschen sind Insekten wichtig: Zwei Drittel der Nahrungspflanzen sind auf Bestäuber angewiesen. Ohne ihre Leistung sinken Qualität und Ertrag beson­ ders bei Obst und Gemüse. Auf dem Frühstückstisch würden ohne Bestäubungsleistung zum Beispiel Kaffee, Kakao, Obst, Apfelsaft und auch die Nüsse im Müsli fehlen. Wichtige Bestäuber sind die Wildbienen. In Deutsch­ land leben über 560 verschiedene Arten. Mittler­ weile sind davon über 220 gefährdet und 31 Arten vom ­ Aussterben bedroht. Doch eigentlich brauchen ­Wildbienen nicht viel zum Leben, außer einem ausrei­ chenden Blüten­pflanzenangebot mit Pollen und N ­ ektar zum Fressen und für die Larvenaufzucht, geeignete Nistmöglichkeiten sowie Material zum Nestbau. Doch in einer von der industriellen Landwirtschaft geprägten Landschaft mangelt es genau daran. PESTIZIDEINSATZ IN DER INTENSIVEN LANDWIRTSCHAFT Zu den Pestiziden, die gegen Schädlinge eingesetzt werden, kommen Herbizide, die gegen Wildkräuter ein­ gesetzt werden, und Fungizide gegen Pilze zum Einsatz. Heute ist die Agrarlandschaft gekennzeichnet durch Spezialisierung, Monokulturen und hohe Effizienz. Für sogenannte Nützlinge fehlen die Rückzugsmöglich­ keiten, denn Insekten benötigen blühende Pflanzen, breite Ackersäume, Heckenbiotope, Brachen oder Blüh­ flächen, um zu überleben. Dies befördert die Ausbreitung von Schädlingen und somit einen hohen Einsatz von Insektiziden. Derzeit werden in Deutschland etwa 270 verschiedene Pestizidwirkstoffe eingesetzt, und das in sehr großen Mengen- insbesondere in der Land- und Forstwirtschaft. Der hohe Einsatz hat überwiegend wirt­ schaftliche Gründe. Seit Jahrzehnten geht die Menge der Insekten zurück, denn Pestizide schaden nicht nur den Organismen, die sie bekämpfen sollen. Sie schädigen auch Nützlinge, verunreinigen Gewässer und führen zu Vergiftungen und Krankheiten bei Menschen. Insgesamt waren es im Jahr 2016 32.000 Tonnen r­ einer Wirkstoff. Die Gruppe der Herbizide macht mit 32 Pro­ zent den größten Anteil an den abgegebenen Spritz­ mitteln aus. Pestizide sind ein lukratives G ­ eschäft: Geschätzt wird der weltweite Umsatz auf etwa 45 Milliarden Euro. Das Geschäft teilen sich sechs Konzerne untereinander auf – darunter Bayer, BASF und Syngenta. Agrochemiekonzerne machen mit Pestiziden einen sehr hohen Umsatz. 45 Milliarden weltweiter Umsatz 32.000 t reiner Pestizid­wirkstoff im Einsatz 2016 94.000 t Pestizide im ­Verkauf 2016 PESTIZIDEINSATZ KOMMT UNS TEUER Die Kosten für die Zulassung von Pestiziden und die Kontrolle der Rückstände beispielsweise in Lebens­ mitteln trägt die Gesellschaft. Außerdem gelangen ­Pestizide durch Abfluss und Abdrift in Gewässer. Tüm­ pel, Flüsse und Seen sind wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Mikroorganismen, Würmern und ­Insekten. Pestizide in Gewässern schädigen die Biodiversität. ­Außerdem gelangen Pestizide ins Grundwasser. Zwischen 2009 und 2012 überschritten etwa 5 Prozent der Proben im oberflächennahen Grundwasser die ge­ setzlichen Grenzwerte für Pestizide. Zudem gefährdet der Pestizideinsatz die Bestäuber, was zu großen Ernteverlusten führen kann. Insbesondere die oftmals vergessenen wilden Schwestern der Bienen sorgen für die Bestäubung der Pflanzen. Wildbienen übernehmen diese Arbeit dort, wo keine Imker vorhan­ den sind. Etwa 150 verschiedene Nutzpflanzen und rund 90 Prozent der Wildpflanzen sind abhängig von der Bestäubung durch Insekten. Diese Bestäubungsleistung entspricht laut Weltbiodiversitätsrat (ipbes) einem welt­ weiten jährlichen Wert von 500 Milliarden Euro. AUSWIRKUNGEN AUF DIE MENSCHLICHE GESUNDHEIT Nicht nur die Insekten leiden unter dem Einsatz der Pestizide. Die gesundheitlichen Folgen für uns Men­ schen sind schwerwiegend. Viele Pestizide stehen im Verdacht, eine krebserregende Wirkung zu haben. Be­ sonders gefährlich ist die Langzeitwirkung. Pestizide können das Erbgut verändern und das I­mmunsystem beeinträchtigen und somit A ­ llergien auslösen. Hinzu kommt, dass langfristige Folgen des hohen Pestizid­ einsatzes bisher noch nicht ausreichend untersucht wurden. Auch zur Wechselwirkung verschiedener Stof­ fe gibt es kaum Informationen. Mit den Erkrankungen durch den Pestizideinsatz ent­ stehen hohe gesellschaftliche Kosten, das Gesundheits­ system trägt. Landwirt*innen, die Pestizide einsetzen, sind aufgrund der hohen Exposition besonders gefährdet. Die neuro­ logische Krankheit Parkinson kann beispielsweise durch bestimmte Pestizid-Inhaltsstoffe ausgelöst werden, wenn Menschen ihnen regelmäßig ausgesetzt sind. In Frankreich ist sie bei Landwirt*innen sogar als Berufs­ krankheit anerkannt. 560 270 Pestizidwirkstoffe sind in Deutschland zugelassen. Über Wildbienenarten leben in Deutschland. Davon: gefährdet Daraus werden 753 Pestizidprodukte hergestellt. 220 31 vom Aussterben bedroht Neonikotinoide sind 5.000 mal ca. toxischer als das verbotene DDT. In 27 Jahren ist die Biomasse der Insekten um 32.000 t 76 % zurückgegangen. Pestizidwirkstoffe wurden 2016 im Inland eingesetzt. 90 % der wildblühenden Pflanzenarten Fortbestand von fast hängt vom Transfer des Pollens durch Bestäuber ab. Bestäubungsleistung entspricht einem Marktwert Ohne die Bestäubungsleistung sinken Qualität und Ertrag. Auf dem Frühstückstisch würde einiges fehlen … 200 bis 500 von Milliarden Euro jährlich. Äpfel werden durchschnittlich mal pro Jahr gespritzt. 21 94.000 t Pestizide wurden 2016 in Deutschland an berufliche Anwender verkauft. www.bund.net/pestizide PROBLEME MIT ZULASSUNGSVERFAHREN VON PESTIZIDEN Unternehmen dürfen Pestizide nicht einfach auf den Markt bringen. Wirkstoffe für Pestizide müssen in der Europäischen Union genehmigt werden, zudem werden Rückstandshöchstwerte beispielsweise für Lebensmit­ tel festgelegt. In Deutschland werden Pestizide dann in der kompletten Formulierung aus Wirkstoffen und Trägersubstanzen zugelassen, wobei eine gegenseitige Anerkennung der Zulassungen in der EU vorgesehen ist. Zuständig ist bei uns das Bundesamt für Verbrau­ cherschutz und Lebensmittelsicherheit. Leider fehlen in vielen Fällen ausreichende Daten über die länger­ fristigen Auswirkungen der Pestizide oder die Kombina­ tionswirkungen verschiedener Inhaltsstoffe. Die Zulas­ sungsverfahren stützen sich zudem auf Studien, die der Hersteller in Auftrag gegeben hat. Studien von unab­ hängigen wissenschaftlichen Einrichtungen werden in den Zulassungsverfahren kaum herangezogen. Hier ist eine Überarbeitung dringend notwendig. Der BUND fordert, den Zulassungsprozess für Pestizide so zu reformieren, dass die Umwelt sowie die mensch­ liche Gesundheit angemessen geschützt werden. Zu­ künftig muss die Prüfung von Pestiziden industrie unabhängig erfolgen, zur Finanzierung unabhängiger Studien soll die Industrie in einen Fonds einzahlen. Auch Langzeitwirkungen und Kombinationseffekte müssen beachtet werden. Die Auswirkungen auf Insek­ ten müssen in Zukunft besser berücksichtigt werden. ALTERNATIVEN ZUM PESTIZIDEINSATZ Der weltweite Rückgang von Bestäubern macht ein Umdenken in der Landwirtschaft unerlässlich. Die in­ dustrielle Landwirtschaft bietet kaum Lebensraum für Insekten und ist durch einen sehr hohen ChemikalienEinsatz geprägt. Die Bildung von Resistenzen bei Schäd­ lingen, aber auch bei Unkräutern zieht einen immer höheren Einsatz von Pestiziden nach sich. Grundsätz­ lich muss die Menge an Pestiziden deutlich reduziert werden, um die Wildbienen und andere Insekten zu schützen. Besonders gefährliche Pestizide wie Glypho­ sat oder die Wirkstoffgruppe der Neonikotinoide dürfen keine Zulassung mehr erhalten. Eine Alternativen bietet der Ökolandbau, doch noch immer gibt es viel zu wenig Öko-Flächen. Schon vor Jahren hat sich Deutschland zum Ziel gesetzt, 20 Prozent Ökolandbau zu erreichen, im Jahr 2016 wur­ den jedoch lediglich 7,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch bewirtschaftet. Dabei steigt die Nachfrage nach Bio-Produkten stetig. Im konventionellen Anbau muss die Menge an aus­ gebrachten Pestiziden so gering wie möglich gehalten werden, hierzu bieten sich zahlreiche Ansätze an. Bei­ spielsweise können regional angepasste, schädlingsre­ sistente Sorten genutzt werden. Außerdem kann beim Getreide durch die Wahl standfester Sorten auf die Ausbringung von Halmverkürzern verzichtet werden. Landwirt*innen können Schadinsekten und Wildkräuter durch gute Anbauplanung, breite Fruchtfolgen und An­ baupausen einzelner Kulturen minimieren. Außerdem können sie mechanische Maßnahmen sowie biologi­ schen Pflanzenschutz einsetzen. Besonders artenreich sind in aller Regel die Randbe­ reiche bewirtschafteter Felder. Bei Ackerrandstreifen­ programmen verzichtet der Landwirt auf Pestizide und wird für den Mehraufwand und Ertragsverlust finanziell entschädigt. Randstreifen beherbergen „Nützlinge“ und tragen zur Bekämpfung von „Schädlingen“ bei. JETZT BIENENRETTER*IN WERDEN Wildbienen benötigen natürliche Refugien, wie zum Beispiel alte Bäume oder offene Flächen. Der Mangel an Lebensräumen lässt sich durch „Insektenhotels“ nicht ersetzen. Trotzdem kann einiges getan werden. Etwa 40 Arten lassen sich mit Nisthilfen in den eigenen Garten locken. Einfach zu bauende Nisthilfen können mit Hilfe von senkrecht angebrachten, markhaltigen Pflanzenstängeln, Schilfhalmen, Bambusröhrchen oder in Hartholz gebohrte Röhren hergerichtet werden. Be­ stimmte Wildbienen-Arten, die für gewöhnlich gern Abbruchkanten besiedeln, bevorzugen als Quartier auch künstlich gestaltete Mini-Steilabhänge oder aus Lehm gefertigte Mini-Wände. Für die dazugehörigen Anpflanzungen sollten einheimische sowie nektar- und pollenreiche Blumen ausgewählt werden, denn ­diese werden von den Wildbienen besonders bevorzugt. Grundsätzlich gilt auch: Je vielfältiger die Bepflan­ zung, desto besser. Jetzt aus dem Pestizideinsatz AUSSTEIGEN! FOLGENDE MASSNAHMEN SIND WICHTIG: Reduktion der Pestizidmenge Umlenken in der Agrarpolitik Die Bundesregierung muss ein ambitioniertes Pestizid­ reduktionsprogramm mit Forschung und Beratung ent­wickeln. Die Einführung einer Pestizid-Abgabe wäre ein wirksames Mittel, um die Menge der Pestizide zu senken und besonders gefährliche Stoffe zu ersetzen. Pestizideinsatz in ökologisch wertvollen Gebieten muss generell untersagt sein. Zusätzlich ist ein Umlenken in der Agrarpolitik not­ wendig. Mit der Finanzierung des europäischen Natur­ schutzes und der anstehenden Veränderung der euro­ päischen Agrarpolitik im Rahmen der GAP hat die EU zwei unmittelbare Werkzeuge in der Hand, um den Schutz der Bestäuber zu verbessern. Nur so wird zu­ dem die langfristige Nachhaltigkeit der Landwirtschaft und des Naturschutzes sichergestellt. Die von der EU ins Leben gerufene Bestäuberinitiative muss messbare Veränderungen bringen, die den Bestäubern und der Biodiversität in großem Umfang zugutekommen. Verbot von besonders gefährlichen Stoffen Das Insektensterben zu stoppen kann ohne ein Verbot von besonders gefährlichen Pestiziden nicht gelingen. Insbesondere Nervengifte mit so fataler Wirkung wie die Neonikotinoide gehören nicht in unsere Umwelt. Sie schädigen nachweislich Honig- und Wildbienen. Drei Neonikotinoide wurden deshalb bereits im Freiland verboten – allerdings sind noch w ­ eitere Neonikotinoide auf dem Markt. Die Bundesregierung muss ihr Verspre­ chen umsetzen, aus der Glyphosat-­Nutzung bis 2021 auszusteigen. Pestizideinsatz in ökologisch wertvollen Gebieten muss untersagt und nachweislich schädliche Stoffe müssen komplett verboten werden. Impressum: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. · Friends of the Earth Germany · Am Köllnischen Park 1 · 10179 Berlin · Fon (030) 27 5864-0 · Fax -40 E-Mail: info@bund.net · www.bund.net · Text: Katrin Wenz · Grafik: Ellen Stockmar · Fotos: S. 2 – valio84sl/istockphoto.com; S. 5 - Tyler Olson/Adobe Stock; S. 6, 7, 10 – pixabay; S. 13, 16 – Jörg Farys/dieprojektoren; S. 14, Tyler Olson/fotolia; Hintergrundgrafik Wiese: 31moonlight31/ fotolia · Gestaltung: dieprojektoren.de · Druck: dieUmweltdruckerei · Berlin, September 2018
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