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Full text: Basisbericht Umweltgerechtigkeit / Klimeczek, Heinz-Josef (Rights reserved)

Berlin: gesünder und lebenswerter Basisbericht Umweltgerechtigkeit Grundlagen für die sozialräumliche Umweltpolitik Basisbericht Umweltgerechtigkeit Grundlagen für die sozialräumliche Umweltpolitik Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Impressum Herausgeber Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Brückenstraße 6 10179 Berlin Konzeption, Inhalte und Projektleitung Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek in Zusammenarbeit mit Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG sowie Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Bezirksamt Mitte von Berlin BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Berlin), Landesverband Berlin e. V. Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Technische Universität Berlin, Fachgebiet Technische Akustik Technische Universität Dresden, Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ Umweltbundesamt Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Kassel, Fachgebiet Umweltmeteorologie Universität Leipzig, Institut für Geographie Fachliche Unterstützung und Datenbereitstellung Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Referat Stadtentwicklungsplanung Referat Naturschutz, Landschaftsplanung, Forstwesen Referat Geodateninfrastruktur Referat Immissionsschutz Fachliche Unterstützung (Umweltmedizin/Umweltbezogener Gesundheitsschutz) Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Referat Öffentlicher Gesundheitsdienst, Prävention und Gesundheitsförderung, Familienplanung, Transplantationsmedien, Infektionsschutz, Umwelthygiene, Arzneimittelwesen und Medizinproduktsicherheit Redaktion Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek, Udo Dittfurth, Anna Luxat Titelbild Fürcho GmbH Berlin, Februar 2019 3 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Die Inhalte der einzelnen Beiträge geben die Meinung der jeweiligen Autorin beziehungsweise des jeweiligen Autors wieder, die von den Herausgebenden nicht in jedem Fall geteilt werden muss. Mitwirkende Gösta Baganz, SRP Gesellschaft für Stadt- und Regionalplanung mbH Dr.-Ing. Thilo Becker, Technische Universität Dresden Prof. Dr.-Ing. Udo Becker, Technische Universität Dresden Dörte Bienert, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Christa Böhme, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Hartmut Bömermann, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Björn Brodner, Universität Bielefeld Christiane Bunge, Umweltbundesamt Dr.-Ing. René Burghardt, Universität Kassel Jeffrey Butler, Bezirksamt Mitte von Berlin Dr. Thomas Claßen, Universität Bielefeld Arno Deißler, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Horst Diekmann, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Dr. rer. Nina Dieckmann, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Pia Louisa Dilba, Leuphana Universität Lüneburg Udo Dittfurth, Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Daniel Eckert, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Dr. Horst-Dietrich Elvers, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin Nicole Erfurth, Camp-Group gGmbH Dr. Christa Etling, GEO-NET Umweltconsulting GmbH Dr. Ulrich Franck, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ Dirk Funk, GEO-NET Umweltconsulting GmbH Dr. Katharina Gabriel, Universität Bremen Dr. Regine Grafe, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin Prof. Dr. Ilse Helbrecht, Humboldt-Universität zu Berlin Sabine Hilpert, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz PD Dr. Franz Hölker, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Prof. Dr. Claudia Hornberg, Universität Bielefeld Kerstin Jahnke, ASUM GmbH/Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Dr. Andreas Kerschbaumer, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Prof. Dr. Lutz Katzschner, Universität Kassel Dr. Annegret Kindler, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Prof. Dr. Heike Köckler, Hochschule für Gesundheit, Bochum Prof. Urs Kohlbrenner, Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Maria Krautzberger, Umweltbundesamt Helga Kuechly, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Dr. Christopher Kyba, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Prof. Dr. Tobia Lakes, Humboldt-Universität zu Berlin Mareike Limber, Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Herbert Lohner, BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Berlin e. V. (BUND) Martin Lutz, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Susanne Lutz, Lebensplan Anna Luxat, Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Dr. Werner Maschewsky, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg Katrin Mörer, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ Marcus Münnich, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin Heidrun Nagel, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Thomas Preuß, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Dr. Annette Rauterberg-Wulf, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz 4 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Jessica Reiter, Freie Universität Berlin Katja Scheinig, Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Dr. Katharina Scherber, Freie Universität Berlin Kirsten Schipkowski, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp, Technische Universität Berlin Sebastian Schlüter, Humboldt-Universität zu Berlin Dr. Hedi Schreiber, Umweltbundesamt Dr. Tim Schwarz, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Prof. Dr. Olver Schwedes, Technische Universität Berlin Kerstin Stelmacher, Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Peter Trute, GEO-NET Umweltconsulting GmbH Prof. Dr. Martin Voss, Freie Universität Berlin Julia Wagner, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Prof. Dr. Ulrike Weiland, Universität Leipzig, Institut für Geographie Jörn Welsch, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Josefine Wüst, Camp-Group gGmbH Dr. Michael Zschiesche, Unabhängiges Institut für Umweltfragen UfU – e. V. Lesehinweis Mit dem „Basisbericht Umweltgerechtigkeit“ liegt bundesweit erstmalig eine sozialraumbezogene Umweltbelastungsanalyse für einen Metropolenraum vor. Die Analyse liefert kleinräumige Aussagen zur Wohn- und Umweltqualität und erfolgt ausschließlich für die Raumhierarchie der Lebensweltlich orientierten Räume (LOR in Form der 447 Planungsräume). Aufgrund der Vielzahl der gesundheitsrelevanten Kern- und Ergänzungsindikatoren sowie der konzeptionellen Entwicklung, die prozesshaft vonstattenging, war allerdings die Festlegung eines gemeinsamen Ausgangs- beziehungsweise aktuellen Betrachtungszeitpunkts nicht möglich, da einerseits die jeweilige Datengrundlage für die Indikatoren unabhängig voneinander und in unterschiedlichen Zeiträumen erhoben beziehungsweise fortgeschrieben wird, andererseits in der Entwicklungsphase des Konzeptes immer wieder neue Fragestellungen und Fortschreibungen erfolgten. Die Daten für die Lärm- sowie Luftbelastung werden beispielsweise – entsprechend den EU-Vorgaben – nur alle fünf Jahre erhoben. Daten zur sozialen Problematik und zum Mietspiegel werden alle zwei Jahre fortgeschrieben beziehungsweise veröffentlicht, die Einwohnerdaten im Turnus von sechs Monaten. Es bleibt der Fortschreibung und Aktualisierung des Monitorings überlassen, hier auf eine stärkere Synchronisierung der Datenbasis hinzuwirken. Mit dem „Basisbericht Umweltgerechtigkeit“ und der darin entwickelten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUK) legt die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz ein Angebot und eine Grundlage vor, die die planenden Fachverwaltungen auf der Senats- und Bezirksebene und anderen Akteure bei der Implementierung und Umsetzung einer Politik für mehr Umweltgerechtigkeit in Berlin unterstützen sollen. Der Bericht wurde als Sammelband unterschiedlicher Fachbeiträge konzipiert, um sich dem komplexen und interdisziplinären Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ aus einer unterschiedlichen, möglichst umfassenden wissenschaftlich gestützten Sicht zu nähern. Der Bericht ist daher eine im besten Sinne des Wortes wissenschaftlich fundierte Grundlagenarbeit und ein wichtiger Ausgangspunkt für eine ressortübergreifende Strategie, Berlin gerechter, gesünder und lebenswerter zu machen. Die einzelnen Beiträge dieses Sammelbandes und Berichtes, der unter der Federführung der Umweltverwaltung erstellt wurde, geben die Auffassungen der Autoren wieder. 5 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhalt Vorwort der Senatorin ​für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Regine Günther 14 Geleitwort für den Basisbericht „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ Umweltbundesamt Maria Krautzberger 15 Geleitwort für den Basisbericht 2017/18 „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Rudolf Frees 17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Zusammenfassung Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 18 1 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Hintergrundinformationen und Vorbemerkungen Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 2 Umweltgerechtigkeit – Grundlagen und Rahmenbedingungen 29 2.1 Umweltbezogene Gerechtigkeit im internationalen Kontext Hochschule für Gesundheit, Bochum Prof. Dr. Heike Köckler 29 2.2 Umweltgerechtigkeit am Beispiel europäischer Metropolregionen Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg Prof. Dr. Werner Maschewsky 33 2.3 Umweltgerechtigkeit im bundesdeutschen Kontext Umweltbundesamt, Fachgebiet II 1.1 „Übergreifende Angelegenheiten Umwelt und Gesundheit“ Dr. Hedi Schreiber, Christiane Bunge 38 2.4 Gesundheit und Umwelt – Der Beitrag der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zu einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik im Land Berlin Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 2.5 Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum – Ergebnisse eines Planspiels mit Kommunen Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Christa Böhme, Thomas Preuß 2.6 Umweltgerechtigkeit – Betrachtungen am Beispiel der Arbeit des BUND Berlin BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Berlin e. V. (BUND Berlin) Herbert Lohner 2.7 Umwelt(un)gerechtigkeit und Wahrnehmung – Zur subjektiven Einschätzung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen am Beispiel Lärm Unabhängiges Institut für Umweltfragen UfU – e. V. Dr. Michael Zschiesche 26 42 53 57 59 6 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.8 Geographische Informationssysteme (GIS) – Karten und Analysen im Themenfeld Umweltgerechtigkeit Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Prof. Dr. Tobia Lakes 2.9 Lebensweltlich orientierte Räume und Datenpool Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Abteilung 2 – Regional- und Kommunalstatistik, Regionales Bezugssystem Hartmut Bömermann 3 Umweltgerechtigkeit – Die sozialräumliche Dimension von Umwelt und Gesundheit 3.1 Sozialstruktur und Umweltgerechtigkeit Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Prof. Dr. Ilse Helbrecht, Sebastian Schlüter 68 3.2 Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin 2013 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Referat Stadtentwicklungsplanung Heidrun Nagel 80 3.3 Umweltbelastungen, Umweltressourcen und Gesundheit Universität Bielefeld,‌Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG 7 Umwelt und Gesundheit Prof. Dr. Claudia Hornberg,​ Dr. Thomas Claßen, Björn Brodner 85 3.4 Thermische Belastung und Gesundheit Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Abteilung Sozialepidemiologie Dr. Katharina Gabriel 99 3.5 Umweltgerechtigkeit – Der Boden – Zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Referat Bodenschutz und Altlastensanierung Sabine Hilbert, Arno Deißler 3.6 Umweltgerechtigkeit durch Healing Architecture – Ein Beitrag zum gesundheitsorientierten Planen und Bauen in mehrfach belasteten Gebieten Berlins Technische Universität Berlin Dr.-Ing. habil. Katharina Brichetti 3.7 Psychische Gesundheit, Wohlbefinden und Urbanität – ein Beitrag zum neuen wissenschaftlichen Themenfeld „Neurourbanistik“ Leuphana Universität Lüneburg Pia Louisa Dilba 3.8 Umweltgerechtigkeit im Kontext der Risiko- und Katastrophenforschung Freie Universität Berlin, Katastrophenforschungsstelle (KFS) Prof. Dr. Martin Voss, Jessica Reiter 62 65 68 104 108 113 119 Exkurs 1: Stadtentwicklung und Gesundheit – Ein Beitrag zu den historischen Wurzeln der Berliner Umweltgerechtigkeitsdebatte 123 Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 7 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 4 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Der integrierte Umweltgerechtigkeitsansatz Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 4.1 Die „Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk)“ 132 4.1.1 Das Umweltgerechtigkeitsmonitoring (1. und 2. Stufe) 135 4.1.2 Die räumliche Planungsebene 138 4.1.3 Die Umsetzungsebene 140 4.1.4 Wirkungs- und Prozessanalyse (Evaluation) 141 4.2 Zur Umsetzung der Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) – Sachstand 142 4.3 Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption – Perspektiven 144 5 Sozialräumliche Umweltbelastungen in Berlin – Kern- und Ergänzungsindikatoren und Umweltgerechtigkeitskarte 2016/17 147 5.1 Auswertung „Gesamtstadt“ Kern- und Ergänzungsindikatoren 147 5.1.1 Kernindikator 1: Sozialräumliche Verteilung der Lärmbelastung in Berlin Technische Universität Dresden, Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ Prof. Dr.-Ing. Udo Becker, Dr.-Ing. Thilo Becker 147 5.1.2 Kernindikator 2: Sozialräumliche Verteilung der Luftbelastung in Berlin Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie, Abteilung Studien Dr. Annegret Kindler Department Umweltimmunologie und Core Facility Studien Dr. Ulrich Franck 152 5.1.3 Kernindikator 3: Sozialräumliche Verteilung der Grün- und Freiflächenversorgung in Berlin Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek SRP Gesellschaft für Stadt- und Regionalplanung mbH Gösta Baganz 5.1.4 Kernindikator 4: Bioklima – Sozialräumliche Verteilung der bioklimatischen Belastung in Berlin Universität Kassel, Fachgebiet Umweltmeteorologie Prof. Dr. Lutz Katzschner, Dr.-Ing. René Burghardt Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Umweltatlas Jörn Welsch 5.1.5 Kernindikator 5: Soziale Problematik/Status-Index Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 5.1.6 Zusammenführung der umweltbezogenen Kernindikatoren – Die Mehrfachbelastungskarte Umwelt Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 5.1.7 Ergänzungsindikator 1: Überwiegende Realnutzung Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 131 157 162 168 170 173 8 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.8 Ergänzungsindikator 2: Sozialräumliche Verteilung der Baustruktur Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 5.1.9 Ergänzungsindikator 3: Sozialräumliche Verteilung der Wohnlagen in Berlin 181 Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 5.1.10 Zusammenführung der umwelt- und sozialbezogenen Kernindikatoren – Die integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Sozialstruktur Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Prof. Dr. Tobia Lakes Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 5.1.11 Die integrierten Mehrfachbelastungskarten und die Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2016/17 Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner 175 186 190 5.2 Die 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 196 5.2.1 Auswertungen für die 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 5.3 Auswertungen für die Berliner Bezirke – „Bezirksprofile“ Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth, Katja Scheinig, Mareike Limber 200 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 203 5.3.2 Übersicht Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 208 5.3.3 Übersicht Bezirk Pankow 213 5.3.4 Übersicht Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf 218 5.3.5 Übersicht Bezirk Spandau 223 5.3.6 Übersicht Bezirk Steglitz-Zehlendorf 228 5.3.7 Übersicht Bezirk Tempelhof-Schöneberg 233 5.3.8 Übersicht Bezirk Neukölln 238 5.3.9 Übersicht Bezirk Treptow-Köpenick 243 198 5.3.10 Übersicht Bezirk Marzahn-Hellersdorf 248 5.3.11 Übersicht Bezirk Lichtenberg 253 5.3.12 Übersicht Bezirk Reinickendorf 258 5.3.13 Zusammenfassung Bezirksprofile 263 9 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 6 Sozialräumliche Umweltbelastungen – Planungsräume mit besonderen Gesundheits- und Umweltrisiken 6.1 Ergänzungsindikator 4: Lebens- und Umweltrisiken/Risikokommunikation Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 6.2 Ergänzungsindikator 5: Umweltbelastung, soziale Benachteiligung und kleinräumige Sterblichkeit im Land Berlin Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit Jeffrey Butler Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Hartmut Bömermann Exkurs 2: Freiflächenverfügbarkeit und das Vorkommen von Adipositas bei Kindern – Eine Analyse anhand der Schuleingangsuntersuchungen im Bezirk Berlin-Mitte Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit Jeffrey Butler 6.3 Ergänzungsindikator 6: Sozialräumliche Belastungen durch Lichtverschmutzung Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Dr. Katharina Gabriel, PD Dr. Franz Hölker, Helga Kuechly, Dr. Christopher Kyba, Dörte Bienert 6.4 Ergänzungsindikator 7: Klimawandel und Gesundheit – Veränderungen der thermischen Belastung Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Umweltatlas Jörn Welsch Technische Universität Berlin Dr. Katharina Scherber GEO-NET – Umweltconsulting GmbH Dr. Christa Etling 7 Die Umsetzung der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption 7.1 Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ im Kontext der „Leipzig-Charta“ sowie des Berliner Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 7.2 Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ – Strategien und Maßnahmen auf der Senats- und bezirklichen Ebene Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 264 264 269 274 278 281 295 295 298 10 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Exkurs 3: Umweltgerechtigkeit – Aspekte des allgemeinen und besonderen Städtebaurechts Exkurs 3.1: Umweltgerechtigkeit – Aspekte der formellen und informellen Planung Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Zentrales Dr. jur. Nina Dieckmann Exkurs 3.2: Bedeutung und Umsetzung der Umweltgerechtigkeit in der Bauleitplanung Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Abteilung Städtebau und Projekte Dr.-Ing. Tim Schwarz Exkurs 3.3: Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen – Spurensuche und Ansatzpunkte Universität Leipzig, Institut für Geographie Prof. Dr. Ulrike Weiland Exkurs 3.4: Umweltgerechtigkeit – Förderprogramme des Bundes und der Länder (Besonderes Städtebaurecht) Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth 311 311 313 318 326 7.3 Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ im Kontext der Berliner „Smart-City-Strategie“ Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 8 Akteure vor Ort – Bausteine für mehr Umweltgerechtigkeit in den Berliner Quartieren 8.1 Handeln für Umweltgerechtigkeit in der Sozialen Stadt – Hintergrund und Zielsetzung des 1. Fachkongresses zum Themenfeld Umweltgerechtigkeit Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Kerstin Jahnke, Kerstin Stelmacher Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) Juliane Wagner 8.2 Umweltgerechtigkeit im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – Ein Erfahrungsbericht Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin Kirsten Schipkowski, Marcus Münnich, Dr. Horst-Dietrich Elvers Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Kerstin Jahnke 8.3 Umweltgerechtigkeit in Berlin-Lichtenberg – Gesundheitspfad für alle Büro Lebensplan Susanne Lutz Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 339 8.4 Umweltgerechtigkeit im Bezirk Berlin-Neukölln – Faire Umwelt für Kinder KINDER KULTUR BETRIEB Birgit Steiner 343 331 333 333 337 11 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 8.5 Umweltgerechtigkeit im Bezirk Berlin-Neukölln – Umweltgerechtigkeit interkulturell und kindgerecht erleben Camp-Group gGmbH Josefine Wüst Nicole Erfurth 8.6 Umweltgerechtigkeit im Bezirk Berlin-Mitte – Umgestaltung des Nauener Platzes Technische Universität Berlin Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp Bezirksamt Mitte von Berlin Dr. Regine Grafe 8.7 Umweltgerechtigkeit im Bezirk Pankow – Integriertes Mobilitätsmanagement Technische Universität Berlin Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung Prof. Dr. Olver Schwedes Exkurs 4: New Rhythms of the City – Umweltgerechte Stadt- und Quartiersentwicklung am Beispiel Amsterdam Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 346 348 351 355 9 Auf dem Weg zu einer umweltgerechten Stadt: Handlungsorientierter Ausblick Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek 10 Anhang 366 Tabelle Auswertung der Mehrfachbelastung nach Planungsräumen (sortiert nach Bezirken) 367 Schriftliche Anfragen an den Deutschen Bundestag 377 Schriftliche Anfragen zum neuen Themenfeld „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ 383 Schriftliche Anfragen an das Abgeordnetenhaus von Berlin 394 Abgeordnetenhaus von Berlin – Inhaltsprotokoll, Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt vom 25.6.2016 (Auszug) 403 „Berlin gemeinsam gestalten. Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen.“ Koalitionsvereinbarung zwischen SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN für die Legislaturperiode 2016-2021 (Auszug) 404 Richtlinien der Regierungspolitik 2016-2021 (Auszug) 406 Beschluss der 86. Umweltministerkonferenz am 17.6.2016 in Berlin, Auszug TOP 7: Soziale Aspekte der Umweltpolitik 410 Wichtige Adressen 414 Abkürzungsverzeichnis 416 Glossar zur Umweltgerechtigkeit 418 362 12 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Kartenverzeichnis Karte: Lebensweltlich orientierte Räume und Vorranggebiet Luftreinhaltung 66 Karte: Gesamt-Index Soziale Ungleichheit 2013 auf PLR-Ebene 83 Karte: Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf 2013 84 Karte: Kernindikator 1: Lärmbelastung 149 Karte: Kernindikator 1: Lärmbelastung – höchste Belastung 150 Karte: Kernindikator 2: Luftbelastung 153 Karte: Kernindikator 2: Luftbelastung – höchste Belastung 154 Karte: Kernindikator 3: Grünversorgung 159 Karte: Bewertung des Kernindikators 4 „bioklimatische Belastung“ auf der Ebene der Planungsräume in Berlin 164 Karte: Bewertung des Kernindikators 4 „bioklimatische Belastung“ auf der Ebene der Planungsräume in Berlin mit zusätzlicher Bewertung von hochbelasteten Teilräumen 165 Karte: Kernindikator 4: Thermische Belastung 166 Karte: Kernindikator 5: Soziale Problematik (Status-Index nach Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013) 169 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Umwelt (Stand Juni 2014) 171 Karte: Überwiegende Realnutzung 174 Karte: Baustruktur-Typen 177 Karte: Wohnlagenkarte Berliner Mietspiegel 182 Karte: Einfache Wohnlage (Stand 2013) 183 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik 188 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt 192 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik 193 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – thematisch – 194 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Berliner Umweltgerechtigkeitskarte – 195 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Berliner Umweltgerechtigkeitskarte mit Bezirken – 201 Karte: Gesundheits- und Umweltrisiken 267 Karte: Überlagerung einfache Wohnlage, Lärm- und Luftbelastung, Mortalität, Morbidität und Zunahme Hitzetage 268 Karte: Sterblichkeit an Erkrankungen des Atmungssystems 2006 bis 2012 273 Karte: Adipöse und übergewichtige Schulanfänger 2005/06 bis 2010/11 – Schwerpunktbereich Innenstadt 277 Karte: Leuchtdichte 280 Karte: Zunahme der hitzebelasteten Tage 293 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte 294 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Umwelt und Soziale Problematik – inklusive Förderkulissen 329 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Umwelt und Soziale Problematik – inklusive Förderkulisse Soziale Stadt 330 13 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Vorwort der Senatorin ​für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Regine Günther Umweltqualität und gesundheitsfördernde Lebensbedingungen sind wichtige Voraussetzungen für das Wohlbefinden der Menschen und den Erhalt der Gesundheit. Dies gilt global ebenso wie in den Quartieren Berlins. In der Hauptstadt konzentrieren sich Umweltbelastungen wie Verkehrslärm, Luftschadstoffe, unzureichende Ausstattung mit Grün- und Freiflächen oder bioklimatischen Belastungen – in einigen Gebieten besonders stark. Oftmals kumulieren diese Beeinträchtigungen. So haben Gebiete gleichzeitig eine hohe soziale Problemdichte und sind überproportional durch mehrfache Umweltbelastungen betroffen. Umwelt(un)gerechtigkeit bildet sich im Stadtgebiet auch räumlich ab. Gesunde Lebensbedingungen und möglichst geringe Umweltbelastungen für alle zu schaffen, ist ein wesentlicher Bestandteil einer aktiven Umweltpolitik und beginnt da, wo die Berlinerinnen und Berliner wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen: in den einzelnen Quartieren der Hauptstadt. Die Senatsverwaltung für Umwelt sieht es als eine wesentliche Herausforderung und Aufgabe an, durch umweltpolitische Strategien und Maßnahmen dafür zu sorgen, dass die Luft besser, der Lärm weniger und Grünflächen und Parks für alle zugänglich sind – und das in der wachsenden Stadt. Es ist ein Kernanliegen eines neuen ökologischen Aufbruchs für Berlin, das unmittelbare Wohn- und Lebensumfeld der Bevölkerung nachhaltig und spürbar zu verbessern. Dass aber diese Belastungen – und das ist die Quintessenz der hier vorgelegten Analyse – vor allem in jenen Quartieren überdurchschnittlich festzustellen sind, in denen auch unter sozialen Gesichtspunkten ein hoher Problemdruck herrscht, macht eines ganz deutlich: Die ökologische Frage ist zugleich eine soziale Frage. Mit der hier vorgelegten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption ist bundesweit erstmalig für einen Metropolenraum eine Grundlage für quartiersbezogene integrierte und ressortübergreifende Strategien, Maßnahmen und Projekte für mehr Umweltgerechtigkeit entwickelt worden. Ich danke allen, die sich an der Erarbeitung dieser Grundlage beteiligt haben. Der hier vorgelegte Basisbericht ist das Ergebnis einer seit einigen Jahren andauernden und sehr intensiven Beschäftigung mit dem Thema von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedlicher Berliner Senatsverwaltungen sowie von Bundes- und Landesbehörden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Praktikerinnen und Praktikern. Das Land Berlin nimmt durch diese im wahrsten Sinne des Wortes „Grundlagenarbeit“ europaweit eine Vorreiterrolle ein. Der Basisbericht ist eine wertvolle Arbeitsgrundlage, um die umweltgerechte und ökologische Quartiersentwicklung nicht zuletzt mit den Betroffenen vor Ort gemeinsam auf den Weg zu bringen. Schon heute spielt das Thema Umweltgerechtigkeit in vielen Strategien unserer Senatsverwaltung eine wichtige Rolle. Ausgehend von den hier vorgelegten Analysen und konzeptionellen Vorarbeiten gilt es nun den Einsatz für mehr Umweltgerechtigkeit deutlich zu verstärken. Mit der „Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption“ ist ein erster, wichtiger Schritt getan auf dem Weg hin zu einer auch ebenen- und ressortübergreifenden und ressortabgestimmten integrierten Umweltgerechtigkeitsstrategie. 14 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Geleitwort für den Basisbericht „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ Umweltbundesamt Maria Krautzberger Gesundheitsbezogener Umweltschutz ist eine wichtige Aufgabe des Umweltbundesamtes (UBA). Wir wollen gesundheitliche Risiken minimieren, die durch Einflüsse aus der Umwelt entstehen oder durch diese mit verursacht werden. Dafür brauchen wir eine Umwelt, die zur Steigerung der Lebensqualität und des Wohlbefindens beiträgt. Umweltschutz ist daher auch immer Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsförderung. In Deutschland sind in sozial benachteiligten Stadtquartieren die Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme oftmals besonders hoch. Diese Quartiere sind zum Beispiel durch Lärm, Luftschadstoffe und soziale Problemlagen mehrfach belastet. Atemwegs- und HerzKreislauf-Erkrankungen können die Folgen sein. Häufig sind diese Gebiete auch schlechter mit gesundheitsförderlichen Umweltressourcen, wie Grün- und Freiräumen, versorgt. Umweltbelastungen dürfen sich nicht in sozial belasteten Gebieten konzentrieren. Wichtig ist zum Beispiel, dass Umweltressourcen wie etwa öffentliche Grün- und Freiräume für jeden zugänglich sind – unabhängig vom sozialen Status. Dies gilt auch mit Blick auf den Klimawandel. Seine negativen gesundheitlichen Auswirkungen nehmen zu – beispielsweise durch Hitzeperioden. Und leider häufen sich die hohen Umweltbelastungen in innerstädtischen Gebieten mit sozialen Problemlagen. Hier sind Lösungen und Anpassungsstrategien gefragt, die Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Gesundheitsschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden. Wie eine integrierte Betrachtung von Umwelt, Soziales, Gesundheit und Stadtentwicklung in der kommunalen Praxis verankert werden kann, hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) untersucht. In dem vom Bundesumweltministerium (BMUB) und vom UBA geförderten Forschungsprojekt „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ hat das Difu Handlungsempfehlungen und zentrale Elemente eines strategischen Ansatzes für „Umweltgerechtigkeit“ erarbeitet. Wichtige Bausteine sind unter anderem die Identifizierung von mehrfachbelasteten Gebieten sowie die Etablierung ämterübergreifender Kooperationen. Die Handlungsempfehlungen werden derzeit im Forschungs-Praxis-Projekt „Umsetzung einer integrierten Strategie zu Umweltgerechtigkeit – Pilotprojekt in deutschen Kommunen“ des Difu auf ihre Eignung im kommunalen Alltag überprüft. Das ebenfalls vom BMUB und UBA geförderte Projekt unterstützt die drei Pilotkommunen Kassel, Marburg und München bei der Umsetzung zentraler Elemente des strategischen Ansatzes zu Umweltgerechtigkeit. Die drei Kommunen erarbeiten ämterübergreifende Handlungskonzepte und setzen erste Maßnahmen. Die Erkenntnisse aus den Pilotkommunen werden in eine Online-Toolbox „Umweltgerechtigkeit vor Ort“ einfließen, die unter anderem gute Praxisbeispiele und Umsetzungstipps für Kommunen in Deutschland bereithalten wird. Berlin nimmt im Bereich der integrierten Berichterstattung eine Vorreiterrolle ein und ist Modellregion für andere städtische Regionen in Deutschland. Die aktuellen Ergebnisse des Berliner Vorhabens zeigen deutlich, wo soziale und umweltbezogene Belastungsschwerpunkte liegen und wo der Handlungsdruck besonders groß ist. Durch die Darstellung der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen wurde eine wichtige Entscheidungsgrundlage geschaffen, um umwelt- und gesundheitspolitische sowie stadtplanerische Maßnahmen umzusetzen. Den Verantwortlichen in der Verwaltung sowie den politischen Entscheidungsträgern liegen damit Bewertungsmaßstäbe vor, um die Entstehung neuer Belastungsschwerpunkte zu verhindern und bestehende Belastungsschwerpunkte zu entlasten. 15 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Unter der Leitung von Dr.-Ing. Heinz-Josef Klimeczek hat die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (ehemals Stadtentwicklung und Umwelt) gemeinsam mit den beteiligten Forschungseinrichtungen, Verwaltungseinheiten, Planungsbüros und Umweltverbänden hervorragende Arbeit geleistet und methodisches „Neuland“ betreten. Das UBA hat das Vorhaben von Beginn an fachlich unterstützt und beratend begleitet. Nicht nur für deutsche Kommunen, sondern auch für Metropolregionen in anderen Ländern kann der Berliner Ansatz beispielgebend sein. Dies zeigt beispielsweise das große Interesse internationaler Delegationen am Berliner Modellvorhaben. Das UBA und das BMUB entwickeln gemeinsam mit den Ländern und weiteren Akteuren in Deutschland Strategien für mehr Umweltgerechtigkeit. Die Beschlüsse der Umweltministerkonferenz (UMK) aus dem Jahr 2016 zum Thema Umweltgerechtigkeit haben deutlich gemacht, dass sich die Länder gemeinsam mit dem Bund in der Verantwortung sehen, gesunde Umweltverhältnisse für und mit allen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Lage zu schaffen und damit bestmögliche umweltbezogene Gesundheitschancen für alle Bevölkerungsgruppen. Die Länder und der Bund vereinbarten daher die Entwicklung eines strategischen Gesamtkonzeptes sowie die Erarbeitung von Leitlinien zur konkreten Umsetzung von mehr Umweltgerechtigkeit. Hierzu fand im Juni 2017 ein erstes Fachgespräch im BMUB statt. Vertreterinnen und Vertreter des Bundes, der Länder, der Kommunen, von Umweltverbänden und weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen diskutierten unter anderem mit Staatssekretär Flasbarth über prioritäre Handlungsfelder und ein gemeinsames Agenda-Setting. Der Diskussionsprozess wird derzeit weiter fortgeführt. Uns ist es sehr wichtig, die Aktivitäten auf kommunaler und Landesebene zu unterstützen. Dazu gehört, dass in den Kommunen eine neue Planungs- und Entscheidungsgrundlage etabliert wird, die Umwelt, Soziales, Gesundheit und Stadtentwicklung im Sinne der „Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ integriert. Das Berliner Modellvorhaben „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ trägt entscheidend dazu bei, praxisorientierte Lösungen zu finden. 16 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Geleitwort für den Basisbericht 2017/18 „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Rudolf Frees Im Basisbericht „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ findet die mehrjährige fachliche Arbeit an diesem komplexen und für die Gestaltung einer sozialen und gesunden städtischen Lebenswelt wichtigen Thema ihren Niederschlag. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg war über die Arbeitsgruppe Datenpool frühzeitig unterstützend eingebunden und tätig. Durch den Neuzuschnitt einer kleinräumigen Gliederung des Stadtgebietes in 447 Lebensweltlich orientierte Räume im Jahr 2006 und der dazu komplementär eingerichteten ressortübergreifenden AG Datenpool wurden die Grundlagen für eine fachlich angemessene und allgemein akzeptierte räumliche Differenzierung geschaffen. Sowohl die räumliche Gliederung wie verschiedene Basisdaten sind wichtige Voraussetzungen für die Behandlung des übergreifenden Themas Umweltgerechtigkeit. Die amtliche Statistik hat die Aufgabe, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Verhältnisse und Entwicklungen verlässlich abzubilden. Sie ist dabei gesetzlich zu Neutralität, Objektivität und Unabhängigkeit verpflichtet. Dadurch ist gewährleistet, dass die Daten der amtlichen Statistik eine verlässliche, nachvollziehbare und allgemein verfügbare Grundlage für die Information der Öffentlichkeit und für sachorientierte Entscheidungen der Politik sind. In diesem Sinn hoffen wir, dass über den Datenpool weitere Datenquellen des Landes Berlin erschlossen und für wichtige Themen nutzbar gemacht werden können. Der hier vorgelegte Bericht unterstreicht den Zusammenhang zwischen Messen, Daten und Wissen. Zu wünschen ist dem Basisbericht eine breite fachliche und öffentliche Diskussion. 17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Zusammenfassung Einführung Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit sind aufs engste miteinander verknüpft und betreffen vor allem die Metropolenräume. Der soziale Status ist vielfach mitentscheidend, inwieweit Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch schädliche Umwelteinwirkungen belastet sind. Menschen mit geringem Einkommen und niedriger Bildung sind Umweltbelastungen stärker ausgesetzt als Menschen, die sozial besser gestellt sind. Diese ungleiche Verteilung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen und Umweltressourcen schlägt sich auch stadträumlich nieder. Dies gilt vor allem in verdichteten städtischen Lagen. Insbesondere in sozial benachteiligten Stadtquartieren sind Gesundheitsbelastungen wie beispielsweise Lärm und Luftschadstoffe vielfach besonders hoch. Die Grün- und Freiflächen sind in diesen sozial benachteiligten Lagen oftmals einer verschärften Konkurrenzsituation ausgesetzt. Die Herstellung qualitätsvoller und quantitativ ausreichender Grün- und Freiflächen beziehungsweise die ausgewogene Grünraumversorgung wird im urbanen Kontext oft angesichts von Belangen mit höherer Dringlichkeit hintenangestellt. Die Folge ist ein vielfach erhöhtes Gesundheitsrisiko für die Bewohner. Sozial schlechter gestellte Menschen verfügen häufig über weniger Einkommen, Vermögen und Bildung. Daher können sie solche Belastungen weniger gut vermeiden. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen und -ressourcen sowie die gesundheitlichen Folgen stehen im Fokus des Themenfeldes „Umweltgerechtigkeit“ und gewinnen vor dem Hintergrund des Klimawandels zunehmend an Bedeutung. Der Begriff „Umweltgerechtigkeit“ ist nicht neu. Die grundlegenden Ideen entstammen der Bürgerrechtsbewegung in den USA. In den europäischen Großstädten wird das Thema im Rahmen der Stadtentwicklung und Umweltpolitik vorwiegend unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten gesehen. Umweltgerechtigkeit kann somit auch in einen breiteren und übergeordneten gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. In diesem Zusammenhang stehen Aspekte der globalen und ökologischen Gerechtigkeit im Vordergrund. Als neues an der menschlichen Gesundheit orientiertes Leitbild verbindet Umweltgerechtigkeit die Ziele Umweltschutz, Gesundheitsförderung, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit miteinander. Im engeren Sinn befasst sich dieses neue Themenfeld mit der sozialund stadträumlichen ungleichen Verteilung von Umweltbelastungen, der ungleichen Verfügbarkeit von Umweltressourcen und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Gesundheit der belasteten Quartiere. Die Gewährleistung eines gerechten Zugangs zur urbanen grünen Infrastruktur sowie die Verknüpfung mit assoziierten Themen wie Integration, Gesundheit, Bildung oder Klima ist in diesem Zusammenhang eine stadtentwicklungsplanerische und umweltpolitische Herausforderung. Vor diesem Hintergrund beschreibt Umweltgerechtigkeit einen gewünschten Zustand, der in der Regel Handlungsbedarf impliziert und nimmt Bezug auf die Prüfinstrumente der Strategischen Umweltprüfung mit dem Leben, Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen geschützt werden sollen. Dem Schutzgut Menschen einschließlich der menschlichen Gesundheit kommt besonders innerhalb der dicht besiedelten Innenstadtbereiche Berlins hohe Bedeutung zu. Der Begriff Umweltgerechtigkeit diskutiert und verbindet dadurch klassische Ziele des gesundheitsbezogenen Umweltschutzes mit dem aus dem Gleichheitsgrundsatz und dem Sozialstaatsprinzip abgeleiteten Ziel eines sozial gerechten Zugangs zu einer möglichst gesunden Lebensumwelt. In sozialräumlichen und planerischen Zusammenhängen findet eine entsprechende Berücksichtigung der Umweltqualität nur am Rande statt. Stadträumliche beziehungsweise quartiersbezogene Untersuchungen, die sich mit der gerechten Verteilung von Umweltbelastungen im Sinne eines ressortübergreifenden sozial- und umweltstatistisch fundierten Umweltgerechtigkeitsansatzes befassen, liegen bundesweit bisher nicht vor. 18 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Zur Implementierung des Umweltgerechtigkeitsansatzes im Land Berlin Gesundheitsbezüge in der Stadtentwicklung und im Städtebau haben in Berlin Tradition und lassen sich bis in die 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Vor allem die ungesunden Wohnverhältnisse in den Mietskasernen waren der Anlass, dass Hygiene- und Gesundheitsgesichtspunkte bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gezielt Eingang in die anwendungsorientierte Forschung und in die städtebauliche Praxis fanden. Die Kernindikatoren des (heutigen) Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes, wie beispielsweise Lärm, Luftgüte, Grünflächendefizite und soziale Problematik, waren in ihrer ungesunden kumulativen Wirkung bereits zu dieser Zeit bekannt und waren vor allem in den hochverdichteten innerstädtischen Gegenden zu finden. Dies trug maßgeblich zur Entwicklung eines umfassenderen Gesundheitsverständnisses bei, und führte zunehmend zu einer verstärkten Gesundheitsorientierung in der Berliner Stadtentwicklung und in der Umweltplanung. Hier liegen die (historischen) Wurzeln des neuentwickelten Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. Derzeit steht das Land Berlin angesichts des starken Bevölkerungswachstums vor immensen Herausforderungen. Die Stadtentwicklungspolitik muss neu ausgerichtet und mit der Umwelt- und Klimaschutzpolitik Berlins verzahnt werden. Soziale und ökologische Aspekte müssen stärker als bisher zum Ausgleich gebracht werden, denn die Lebensqualität in den Quartieren, die von der Bevölkerung als Wohn- und Lebensort genutzt werden – auch bedingt durch die ungleiche Verteilung der Umweltbelastungen – ist sehr unterschiedlich. Im Bereich des urbanen Umwelt- und Gesundheitsschutzes berührt dies eine Vielzahl unterschiedlicher Handlungsfelder und betrifft zahlreiche Politik-, Handlungs- und Forschungsfelder. Angesprochen sind vor allem die Ressorts Umwelt, Gesundheit, Soziales, Bildung, Stadtentwicklung/Städtebau sowie (Umwelt-)Bildung und Verbraucherschutz. Als neues Struktur- und Handlungskonzept bekommt die Sozialraumorientierung in diesem Zusammenhang zentrale Bedeutung und bietet gleichzeitig die Grundlage, den Fachbezug durch den Raumbezug zu ergänzen und neue Formen der Kooperation zu entwickeln, um gemeinsam aktiv zu werden. Die ressortübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit muss daher stärker als bisher in den Vordergrund gestellt werden. Um das sozialraumorientierte Verwaltungshandeln in den Teilräumen der Hauptstadt zu stärken und Grundlagen für eine ökologische Neuausrichtung der Stadtentwicklung und Umweltpolitik bereitzustellen, hat das Land Berlin bundesweit als erster Metropolenraum ein kleinräumiges Umweltgerechtigkeitsmonitoring entwickelt und auf dieser Grundlage die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) erarbeitet. Dieser neue Ansatz soll der Sozialraumorientierung in der Bundeshauptstadt mehr Profil und Gewicht geben. Gleichzeitig sollen die vorhandenen Sozialdaten durch die Perspektive des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes fachlich-inhaltlich untersetzt werden, denn in den bereits etablierten Monitoring- und Stadtbeobachtungssystemen wird die Umweltperspektive bisher kaum berücksichtigt. Durch diese sozialräumlich ausgerichtete Konzeption sollen integrierte Strategien im Hinblick auf den ökologischen Umbau vorangebracht und gesündere Lebensund Wohnbedingungen in den Quartieren der Hauptstadt hergestellt werden. Aufgrund der sehr guten Datenlage kann mit dem neu entwickelten Themen- und Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ eine Lücke geschlossen werden. Umweltaspekte werden systematisch sowie transparent und nachvollziehbar auf einer Betrachtungsebene zusammengeführt und durch eine weitgehend gesundheitsorientierte Risikobewertung ergänzt. Der gesundheitsorientierte Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz versteht sich als Brückenschlag zwischen den Politikbereichen Stadtentwicklung, Umwelt, Gesundheit und Soziales und wird somit zu einer Facette sozialer Gerechtigkeit, um benachteiligte Teilräume in Berlin stadtverträglicher zu gestalten. Zugleich wird der unbestimmte Rechtsbegriff „Gesundheit“ praxistauglich präzisiert und handlungsorientiert weiterentwickelt. Diese neuen administrativen Informations- und Entscheidungsgrundlagen und die damit verbundenen Handlungsoptionen für die Berliner Stadtentwicklung und Umweltplanung wurden in enger Kooperation mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), mehreren Universitäten, externen Forschungsinstituten und Planungsbüros ressortübergreifend und unter Federführung der (ehemaligen) Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (heute Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz) entwickelt. Die Komplexität des Themenfeldes macht eine weitere transdisziplinäre For- 19 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 schung erforderlich, um systematische Zusammenhänge zwischen den (Einzel-)Disziplinen und Themenfeldern zu erkennen und umweltpolitische Handlungsoptionen aufzuzeigen. Vor allem der universitäre Forschungsbereich leistete in diesem Zusammenhang wichtige und auch grundlegende Pionierarbeit. Vom Umweltbundesamt wurde die Entwicklung des Themenfeldes in Berlin unterstützt. Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) und Monitoring Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) besteht aus drei Teilen beziehungsweise Handlungsebenen: dem zweistufigen Umweltgerechtigkeitsmonitoring (kleinräumige Umweltbelastungsanalyse), der Planungsebene (Ausgleichskonzeption) sowie der Umsetzungsebene zur Vermeidung oder Minderung der Umweltbelastungen. Im Rahmen der Erarbeitung der IBUk wurde zunächst die ungleiche Verteilung der Umweltbelastungen anhand von fünf Kernindikatoren: Lärm, Luftbelastung, Bioklimatische Belastung, Grünflächenversorgung sowie soziale Problemdichte untersucht. Darüber hinaus wurden weitere Ergänzungsindikatoren wie beispielsweise Stadtstruktur, Realnutzung, Krankheitsbilder (Morbiditätsindex) herangezogen und mit sozialen und weiteren gesundheitsstatistischen Aussagen verschnitten. Die Themenauswahl (Kernindikatoren) erfolgte in Anlehnung an die Schutzgüter der Umweltprüfungen, insbesondere „Menschen, einschließlich der menschlichen Gesundheit“ sowie der „Wechselwirkungen zwischen den Schutzgütern“. Bezogen auf diese Schutzgüter wurde der derzeitige Umweltzustand erhoben, beschrieben und (falls möglich) im Hinblick auf seine Gesundheitsrelevanz bewertet. Die kleinräumigen Untersuchungen erfolgten somit problemadäquat im Rahmen einer fachlichen Zustandsbewertung. Die Ergebnisse der einzelnen Themenfelder wurden auf einer Planungsebene zu der „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2016/17“ zusammengeführt. Die hierdurch abgebildete Ist-Analyse („Berlin heute“) ermöglicht transparent und nachvollziehbar einen Gesamtüberblick über die Umweltqualität beziehungsweise die ungleiche Verteilung der gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen in den Quartieren der Hauptstadt. Gleichzeitig werden bundesweit erstmalig „mehrfach belastete Gebiete“ identifiziert. Die vier integrierten Mehrfachbelastungskarten zur Umweltgerechtigkeit verdeutlichen, dass der räumliche Schwerpunkt der hoch- beziehungsweise mehrfachbelasteten Quartiere im erweiterten und hochverdichteten Innenstadtbereich liegt. Viele dieser Gebiete mit einer hohen sozialen Problematik sind gleichzeitig auch von hohen gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen betroffen. Mit insgesamt 173 von 447 Planungsräumen ist dieser Bereich im Hinblick auf Mehrfachbelastungen überproportional belastet. Weitere Daten bestätigen, dass es sogenannte „Hotspots“ gibt. Fünf Prozent des Stadtraumes weisen sowohl eine schlechte Umweltqualität (Lärmbelastung und geringe Grünflächenversorgung) als auch einen geringen sozioökonomischen Status auf. Mehrfach betroffen sind insbesondere die Planungsräume im nördlichen Bereich des Bezirks Neukölln, im Bereich Mitte, im südlichen Bereich des Bezirks Reinickendorf sowie in Tempelhof-Schöneberg. Eine geringere Umweltbelastung (unbelastet, einfachbelastet) und ein sehr hoher positiver sozialer Status finden sich vor allem in den Außenbezirken. Das neue Berliner Stadtbeobachtungssystem hat den Anspruch, durch die kleinräumige und handlungsorientierte Beschreibung der Umweltqualität einen Gesamtüberblick über die Umweltsituation in der Hauptstadt zu ermöglichen und gleichzeitig verbesserte Grundlagen für die Festlegung von Umweltzielen bereitzustellen. Der Ansatz ist integrativ und auf die gesamtstädtische Ebene bezogen. Das neue Monitoringsystem versteht sich als ein Frühwarnsystem, das die bereits etablierten Stadtbeobachtungssysteme im Land Berlin fachlich-inhaltlich weiter untersetzt und Grundlagen für die Definition von Handlungsfeldern bereitstellt. Für die weitere Implementierung des Themenfeldes „Umweltgerechtigkeit“ sind integrierte Monitoring- und Berichterstattungssysteme von zentraler Bedeutung. Hierdurch wird die klare Identifizierung von mehrfach belasteten (städtischen) Teilräumen möglich, um dort prioritär Maßnahmen zur Vermeidung und Reduzierung von Umweltbelastungen und Förderung von Umweltressourcen umsetzen zu können. Ein neues ressortübergreifendes Umweltmonitoring muss frühzeitig Zielkonflikte oder Synergiepotenziale aufzeigen und tatsächlich handlungsleitend sein. Um die sozialräumlichen Veränderungen im Hinblick auf die Verteilung der Umweltbelastungen im Zeitablauf verfolgen zu können, ist es notwendig, das Umweltgerechtigkeitsmonitoring zu verstetigen. Nur durch die Verstetigung können künftig Veränderungen dokumentiert und die Wirkung von Instrumenten und Maßnahmen evaluiert werden. Die sozialräumlich orientierte und 20 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 GIS-gestützte kleinräumige Umweltbelastungsanalyse, als Grundlage für integrierte Strategien und Maßnahmen, steht somit an der Schnittstelle von Stadtentwicklung, Städtebau und Umwelt. Ausgangs- und Bezugspunkt der wissenschaftlichen Analysen und umweltmedizinischen Bewertung sind konkrete (Sozial-)Räume, denn sie sind Orte der gesellschaftlichen Inklusion, Teilhabe, Mitwirkung und Mitbestimmung. Dies sind vor allem die Quartiere beziehungsweise die – für die Arbeit der planenden Fachverwaltungen – verbindlich festgelegten 447 Planungsräume (LOR), die unterste Ebene der Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) im Land Berlin. Der (kleinräumige) Gebietsbezug ist die Grundlage für die Identifizierung von Problemen, Potenzialen und Ressourcen. Die Ergebnisse haben fach- und behördenübergreifende Bedeutung. Umsetzung und Perspektiven im Land Berlin Neben dem Raumbezug ist der ressortübergreifende Ansatz ein weiterer wesentlicher Aspekt des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. – Grundlage für ein fachübergreifendes, gemeinsames raumbezogenes Agieren verschiedener Akteure innerhalb und außerhalb der Berliner Landesverwaltung. Im Vordergrund steht eine auf Quartiere und Teilräume bezogene Ausrichtung ihrer Tätigkeiten unter Einbeziehung und Einbindung lokaler Interessengruppen. Zentrale Elemente des strategischen Umweltgerechtigkeitsansatzes sollen anhand konkreter Planungs- und Umsetzungsvorhaben als Pilotvorhaben in mehreren Berliner Bezirken modellhaft erprobt, praxistauglich weiterentwickelt und umgesetzt werden. Um das Handeln der Akteure vor Ort nachdrücklich zu unterstützen, bedarf es sowohl auf der Senats- wie auch auf der Bezirksebene verbindlicher politischer Willensbildungen. Umweltgerechtigkeit sollte zum Beispiel durch Beschlussfassungen auf der Senats- und Bezirksebene auf die politische Agenda gesetzt werden. Dies erfordert Information, Kommunikation und Bewusstseinsbildung – unter anderem bei den politischen Entscheidungsträgern, in den Verbänden und bei den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort. In der weiteren Umsetzung sollten auf der ministeriellen und bezirklichen Ebene bestehende Instrumente und Beteiligungsverfahren genutzt und neue entwickelt werden, um die Umweltpolitik in der Hauptstadt kleinräumig und bewohnerorientiert auszurichten. Die integrierte, nachhaltige Stadtentwicklung ist in diesem Zusammenhang ein zentrales Handlungsfeld, um prioritär Maßnahmen zur Vermeidung und Reduzierung von Umweltbelastungen und Förderung von Umweltressourcen umsetzen zu können. Im Fokus sollten vor allem sozial benachteiligte Stadtquartiere stehen, in denen sich Umweltbelastungen konzentrieren und Umweltressourcen fehlen. Wichtig wäre, dass die Ergebnisse in die strategischen Konzepte sowie informellen und formellen Instrumente der Stadtentwicklung und der Umweltplanung eingehen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Bauleitplanung, die Bereiche Stadtentwicklung und Stadterneuerung, das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, die Weiterentwicklung der Umweltprüfungen, Vorgaben für Planungswettbewerbe, Berücksichtigung im Rahmen Städtebaulicher Verträge und bei Aktionsprogrammen. Die kleinräumigen Umweltbelastungsanalysen fanden bereits Eingang in den Flächennutzungsplanbericht 2015, in die BerlinStrategie/Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030 sowie in die Lärmaktions- und Luftreinhalteplanung. Die bereits identifizierten mehrfachbelasteten Gebiete im Metropolenraum Berlin sind zugleich die vulnerablen Gebiete im Hinblick auf den künftigen Klimawandel und wurden als kleinräumige Arbeits- und Handlungsgrundlage in das Berliner Konzept zur Anpassung an den Klimawandel (AFOK) integriert. Darüber hinaus fanden die Umweltgerechtigkeitsanalysen als Ergebnisindikatoren beziehungsweise Messgrößen Eingang in das „Operationelle Programm des Landes Berlin für den EFRE in der Förderperiode 2014 bis 2020 (EFRE-OP)“. In mehreren Bezirken wurden bei der Umsetzung der Sozialraumorientierung erstmalig bei der Erstellung von Bezirksregionenprofilen Umweltgerechtigkeitsanalysen als Grundlage mit herangezogen. Die Verbesserung der Umweltqualität berührt eine Vielzahl von gesamtstädtischen und teilstädtischen Handlungsfeldern. Dies gilt vor allem für die Bereiche Verkehr, Luftreinhaltung, Lärmminderung/Lärmschutz und Maßnahmen zur Minderung der Hitzebelastung. Um grundlegende Veränderungen zu erreichen, müssten künftig Umweltgerechtigkeitsaspekte systematisch in die Bauleitplanung, integrierte Stadtentwicklungs- und Handlungskonzepte auf Stadtteil- und Quartiersebene integriert und mit entsprechenden Förderstra- 21 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 tegien verknüpft werden. Zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit stehen auf der Ebene der Senatsverwaltung sowie auf der bezirklichen Ebene vor allem die formellen, informellen und die umweltrechtlichen Instrumente zur Verfügung. Mit Blick auf die Verbesserung der Lebens- und Wohnqualität in den mehrfach belasteten Teilgebieten der Hauptstadt konnte das gesamte ausdifferenzierte Instrumentenset mit seinen vielfältigen Synergien und Wechselwirkungen zum Einsatz gebracht werden. Durch die stadträumliche Schwerpunktsetzung sowie die Bündelung finanzieller Ressourcen für Maßnahmen kann der Prozess hin zu mehr Umweltgerechtigkeit vor allem in den mehrfach belasteten Quartieren der Stadt gezielt unterstützt werden. Umweltgerechtigkeit könnte ein wesentliches Kriterium bei der Vergabe von Fördermitteln sein. Förderprogramme wie zum Beispiel das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt und Programme zum Klimaschutz könnten miteinander gekoppelt beziehungsweise abgestimmt werden. Um die Tätigkeiten/Ressourcen im Bereich Umweltgerechtigkeit im Rahmen der Kosten-Leistungs-Rechnung abzubilden und absichern zu können, sollte der Produktkatalog weiterentwickelt werden. Wichtig ist zudem, dass neben den planenden Fachverwaltungen auch die „nicht planenden“ Fachämter in eine neue Qualität urbaner Mitwirkungs-, Verantwortungs- und Steuerungskultur einzubeziehen sind. Nur so wäre sichergestellt, dass ihre fachlich-inhaltlichen Belange in die integrierten Prozesse Eingang finden. Hier bietet sich beispielsweise als neues Instrument der „Fachplan Gesundheit“ an. Im Fokus der „Umweltgerechtigkeit“ steht die Verbesserung der Umweltqualität im „städtebaulichen Bestand“. Der Erhaltung der Entwicklung und der Qualifizierung von grüner Infrastruktur kommt dabei herausragende Bedeutung für die Verbesserung der Umweltqualität in den Quartieren zu. Wichtige Aspekte vor allem in den mehrfach belasteten Planungsräumen in der hochverdichteten Innenstadt sind hierbei Zugänglichkeit, Erreichbarkeit sowie Barrierefreiheit. Diese Zielsetzungen sind jedoch in Einklang zu bringen mit dem Ziel einer weiteren Innenverdichtung („doppelte Innenentwicklung“). So würde auch eine wichtige Forderung der Leipzig Charta zur Stärkung benachteiligter Stadtquartiere sichtbar umgesetzt. Die ressortübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit auf und zwischen den relevanten Politik- und Verwaltungsebenen sollte von einer engen Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und Verbänden getragen werden. Das Berliner Umweltgerechtigkeitskonzept trägt dem Umstand Rechnung, dass die Senatsund Bezirksverwaltungen nicht alleinige Akteure auf der lokalen Ebene sind, sondern die Umsetzung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die auch kommunale Unternehmen, Privatunternehmen und die Zivilgesellschaft anspricht, dazu gehören außerhalb der Senats- sowie Bezirksverwaltungen unter anderem Sozialverbände, Umwelt- und Naturschutzverbände, kirchliche und caritative Einrichtungen, Krankenkassen, die Wohnungsund Immobilienwirtschaft, medizinische Berufsgruppen und Verbände, Stiftungen. Vielfach kann in den Quartieren mit einer hohen Problemdichte bereits auf bestehende Strukturen und deren Erfahrungen aufgebaut werden. Mehr Umweltgerechtigkeit durch den Dialog mit der Stadtgesellschaft Leitbild für die Entwicklung der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption ist eine attraktive, sozial ausgeglichene, kulturell vielfältige und weltoffene Stadt. Damit fügt sich die Umweltgerechtigkeit in das Leitbild der auf europäischer Ebene beschlossenen „LeipzigCharta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ ein, die besondere Berücksichtigung der benachteiligten Stadtquartiere empfiehlt. Entsprechend der Charta sollen die Instrumente der integrierten Stadtentwicklung gestärkt, die „Governance-Strukturen“ für deren Umsetzung unterstützt und die hierfür erforderlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Diese Forderung richtet sich vor allem an die Entscheidungs- und Handlungsträger in Politik und Verwaltung. Die Konzeption soll dabei unterstützen, Wege zu finden und die Erarbeitung von Lösungen vor Ort zu erleichtern. Der Ansatz soll Hürden abbauen und positive Anregungen für die weitere Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie den lokalen Einrichtungen geben. Dies ist gleichzeitig eine zentrale (Heraus-)Forderung zur Umsetzung von Umweltgerechtigkeit. Die direkte Beteiligung und Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger in den besonders belasteten Gebieten muss sichergestellt werden um Verfahrensgerechtigkeit – neben Verteilungsgerechtigkeit eine zentrale Dimension von Umweltgerechtigkeit – herzustellen. Dies gilt vor allem im Hinblick auf fachübergreifende Leitbildprozesse und auch bei der Erarbeitung informeller quartiersbezogener Leitbilder. Nur so können Smarte Lösungsansätze die Chancengleichheit für alle Bewohnerinnen und 22 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Bewohner mit spezifischen auf deren Lebensraum zugeschnittenen Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltqualität fördern. Die neuen Technologien können gezielt dazu beitragen, Fähigkeiten und das Engagement der Betroffenen in den Lebensräumen zu aktivieren, zu nutzen und neue Impulse zu setzen. In diesem Zusammenhang müssen Beteiligungsprozesse so gestaltet werden, dass insbesondere sozial benachteiligte Menschen, die bei Fragen der Umweltgerechtigkeit im Vordergrund stehen sollen, tatsächlich erreicht werden. Auch Umweltbildung als Kommunikationskanal zu allen Bürgerinnen und Bürgern ist Teil der Verfahrensgerechtigkeit und sollte ein Essential des künftigen Berliner Umsetzungskonzeptes werden. Zur aktuellen umweltpolitischen Diskussion und weitere Perspektiven Vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzdebatte bekommt das Themenfeld „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ inzwischen internationale Bezüge. Die neue innovative Herangehensweise des Umweltgerechtigkeitsansatzes und die fachlich-inhaltliche methodische Weiterentwicklung finden vor allem in den Schwellenländern im südostasiatischen und mittelamerikanischen Raum zunehmend Beachtung und sind besonders für die Metropolenräume interessant. Die in der Hauptstadt Berlin entwickelte Methodik zur Bewertung der Umweltqualität wird inzwischen auch in internationalen Stadtentwicklungsprozessen und umweltpolitischen Strategien diskutiert. Bedeutung hat dieser ressort- und fachebenenübergreifende Ansatz vor allem im Bereich komplexer und multidimensionaler Problemlagen, wie beispielsweise in der Klimapolitik. Im internationalen Kontext ist ein methodisch vergleichbarer sozialräumlicher Ansatz nicht bekannt. Im Deutschen Bundestag wurde das Thema Umweltgerechtigkeit am 10. August 2016 in der Kleinen Anfrage – „Umweltgerechtigkeit konkret machen“ – ausführlich behandelt. Die bundesweit erstmalige Entwicklung und Implementierung des zweistufigen Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitorings mit der Verknüpfung der fünf Belastungsdimensionen wurde als beispielgebend herausgestellt. Das neue Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ fand Eingang in das Weißbuch Stadtgrün der Bundesregierung (2017). Im Rahmen der 86. und 87. Umweltministerkonferenzen (UMK) 2016 in Berlin wurde „Umweltgerechtigkeit“ erstmalig länderübergreifend und umfassend in den Blick genommen. Im Ergebnis dieser Diskussionen wurde beschlossen, dass der Bund gemeinsam mit den Ländern sowie weiteren relevanten Akteuren Leitlinien zur erfolgreichen Umsetzung von mehr Umweltgerechtigkeit erarbeiten soll. Ziel ist, unter Einbeziehung der in diesem Kontext relevanten Akteure einen eigenen Prozess anzustoßen. Bereits im Vorfeld der UMK wurde im Jahr 2016 die „Erhöhung von Umweltgerechtigkeit“ erstmals als explizites Ziel der Förderung in die Verwaltungsvereinbarung zum Städtebauförderprogramm Soziale Stadt aufgenommen. Damit wird seitens der Bundesregierung ein weiterer wichtiger Impuls im Hinblick auf mehr umweltbezogene Gerechtigkeit gegeben. Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) hat das Potenzial ein politisch und inhaltlich handlungsleitender Orientierungsrahmen und wichtiger Baustein zu sein, um die wachsende Hauptstadt und auch andere Großstädte nachhaltig zu gestalten und voranzubringen. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung, als ein Leitprinzip des Regierungshandelns, sollte Umweltgerechtigkeit künftig stärker als bisher in die Stadtentwicklung und Umweltplanung integriert werden. In dieser Beziehung ist ein grundlegender Strategiewechsel erforderlich, wobei Nutzungskonkurenzen und Entwicklungsziele, wie beispielsweise städtebauliche Verdichtung, Klimaschutz und eine ausgewogene Grünraumversorgung, sorgfältig abgewogen werden müssen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. In den vom Abgeordnetenhaus beschlossenen Richtlinien zur Regierungspolitik vom 10. Januar 2017 heißt es: „Um die Anzahl der mehrfach belasteten Gebiete und die Betroffenheit der Berliner/innen deutlich zu reduzieren, soll die quartiersbezogene Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption konsequent weiterentwickelt werden. Städtebaufördermittel sollen gezielt eingesetzt werden.“ 23 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Hiermit wird ein hoher Anspruch an die Berliner Politik formuliert, der in konkrete Strategien und Maßnahmen übersetzt werden muss. Mit der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) ergeben sich neue und nachhaltige Steuerungsmöglichkeiten mit Blick auf das Ziel einer kohärenten und ambitionierten sozialräumlich ausgerichteten Umweltpolitik. Aktive Nachbarschaften, lebendige Kieze und stabile Sozialstrukturen sind wichtige Voraussetzungen für die Herstellung von mehr umweltbezogener Gerechtigkeit im Metropolenraum Berlin. Die Konzeption kann und sollte als Arbeitsgrundlage und UmsetzungsRoadmap dazu beitragen, benachteiligte Quartiere und deren Potenziale zu stärken und die Lebensbedingungen für alle zu verbessern. – Dies ist eine wichtige Voraussetzung für soziale Integration. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Aristoteles 24 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Grundlagen u.a. BauGB, UIG, BImSchG, UVPG, SUP, Programme, fachpolit. Vorgaben, gesellschaftliche Diskussion Die Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) Anlass – Konzept – Handlungsfelder – Umsetzung Ausgangslage Öffentliches Interesse, Handlungsbedarfe erkennen, Mehrwert aufzeigen, Überführen in Prozesse/Verfahren und Planungen 1. Analysestufe c c c c Kernindikator 3 Grünflächen Kernindikator 2 Luftbelastung Kernindikator 4 Therm. Belastung c Kernindikator 5 Soziale Problematik C Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt 1. Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Sozialstruktur (Anzahl der Belastungen) 2. Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Sozialstruktur (Themenfelder) 2. Analysestufe (Ergänzungsindikatoren) c Ergänzungsindikator Bereich Gesundheit c c Ergänzungsindikator Bereich Städtebau Ergänzungsindikator Bereich Soziales c Ergänzungsindikator Bereich… 3. Integrierte Mehrfachbelastungskarte ("Die Berliner Umweltgerechtigkeitskarte") Zwischenevaluation Kern- und Ergänzungsindikatoren Rückkopplung, Qualitätsmanagement, Politiksteuerung Wirkungs-/ Prozessanalyse Umsetzungsebene Handlungsschwerpunkte, prioritäre Handlungsbedarfe, Ansätze zur Vermeidung/Minderung der Umweltbelastungen Räumliche Planungsebene Orientierungsrahmen für die planenden Fachverwaltungen/ Ausgleichskonzeption "Umweltgerechte Stadt Berlin" / "Umweltgerechtes Quartier" Visionen, Leitbilder, Leitlinien – Die Partnerschaftliche und Solidarische Stadt Planungsraum/ Lokale Ebene Berliner Planungssystem Information und Partizipation der Öffentlichkeit Umweltgerechtigkeitsmonitoring 2-stufiges Analyseverfahren für die Ermittlung von Stadträumen mit Mehrfachbelastungen, kleinräumigen Entwicklungstendenzen, sozialen Veränderungen; Untersuchung der 5 Kernindikatoren und weiterer Ergänzungsindikatoren (Kernindikatoren) Kernindikator 1 Lärmbelastung (Formelle und informelle Planung: Stadtentwicklungskonzept, FNP, Stadtentwicklungspläne, teilräumliche Entwicklungspläne, Rahmenpläne, Bebauungspläne, Landschaftsprogramm, Landschaftspläne) Handlungsempfehlungen/Instrumente/Förderkulissen (u.a. gebietsbezogene Förderprogramme (Bund, Länder, EU), kommunale Förderprogramme, Horizontaler Werteausgleich) Planungsraum (PLR) 1 Planungsraum (PLR) 2 Handlungsfelder Handlungsfelder Handlungsfelder Handlungsfelder Strategien, Maßnahmen, Projekte Strategien, Maßnahmen, Projekte Strategien, Maßnahmen, Projekte Strategien, Maßnahmen, Projekte Planungsraum (PLR) … Planungsraum (PLR) 447 Integrierte Handlungskulisse Prioritäre Handlungsbedarfe und Umsetzung durch Betroffene Evaluation Quelle: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin I Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz I Dr.-Ing. Heinz-Josef Klimeczek (November 2016) www. s ta d te ntwic klung . b e rlin. d e /umwe lt/umwe lta tla s /i9 0 1 . htm 25 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Hintergrundinformationen und Vorbemerkungen „Ein Urteil darüber, ob das Wesen einer Stadt gesund oder ungesund ist, vermag nur das Studium ihres Bebauungsplanes zu geben.“ Fritz Schumacher, 1929 Entwicklung und Umsetzung einer sozialräumlichen Umweltbelastungsanalyse Gesundheit, Stadtentwicklung und Umwelt zählen zu den wesentlichen raumbedeutsamen Politikbereichen. Die Frage nach der sozialen Verteilung von gesundheitlichen Umweltbelastungen ist ein bislang unterbewertetes Themenfeld in Deutschland. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und gesundheitsgefährdenden Wohn- und Wohnumfeldbedingungen ist bisher kaum untersucht worden. Es fehlt eine weitgehend gesundheitsbezogene Risikobewertung im Zusammenhang von sozialen und räumlichen Unterschieden in der Umweltqualität. Dies hat vor allem Bedeutung bei der Entwicklung und Umsetzung integrativer Strategien, Konzepte und Maßnahmen und gilt insbesondere für die hoch verdichteten Stadtteile in den Ballungsräumen. Bisher haben nur die Stadt München, die Stadt Kassel und der Ballungsraum Ruhrgebiet dieses großstadtrelevante Thema (in Ansätzen) aufgegriffen. Eine integrierte kleinräumige Umweltbelastungsanalyse, in der andere wesentliche raumbedeutsamen Fachpolitiken sowie die planenden Verwaltungen systematisch und ressortübergreifend einbezogen wurden, liegt bundesweit bisher nicht vor. Vor allem für Metropolenräume sind integrierte Strategieansätze zur Vermeidung und Verringerung von quartiersbezogenen gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen nur in Ansätzen erarbeitet worden. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Berlin verfügt über eine sehr gute Datengrundlage. Dies gilt vor allem mit Blick auf die vorhandenen Daten der Bereiche Gesundheit, Soziales und Städtebau/Stadtentwicklung. Dennoch fehlen vor allem kleinräumige Berichterstattungen, die die Wirkungszusammenhänge von Umwelt, Gesundheit und sozialer Lage thematisieren und das Ausmaß der sozialräumlichen Umweltbelastungen wissenschaftlich gestützt systematisch untersuchen. Die Berichterstattung zu den Themenfeldern soziale Problematik, Gesundheit, Wohnen und Umwelt erfolgt weitgehend unabhängig. Zudem ist die Zusammenführung unterschiedlicher Datensätze aufgrund der unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen, abweichenden Erhebungszyklen sowie unterschiedlicher Detaillierungsgrade schwierig. Es fehlen integrierte Berichterstattungen, die auf der Grundlage Geografischer Informationssysteme (GIS) spezifische soziale und räumliche Ausprägungen von Umweltqualität in Verbindung mit Daten zum Gesundheitsstatus und zur sozialen Lage abbilden. Deutlich wird dies unter anderem im Rahmen der Bearbeitung eines einheitlichen Datenpools für das Land Berlin, der künftig wesentliche Daten auf der Ebene der Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) bereitstellen soll. Wichtige Gesundheits- und Sozialdaten, wie beispielsweise Arbeitslose, Transferleistungsempfänger, Wohndauer, Flächennutzung, liegen auf der Ebene der 447 Planungsräume vor. Kleinräumige Umweltdaten mit Gesundheitsrelevanz sind jedoch kaum vorhanden. Zur Erarbeitung notwendiger Grundlagen für die zielgerichtete Entwicklung von sozialraumbezogenen umweltpolitischen Handlungsstrategien hat die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz (SenGUV) im Jahre 2008 das ressort- und fachebenenübergreifende Modellvorhaben „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ auf den Weg gebracht. Die Bearbeitung der einzelnen Themenfelder erfolgte in enger Kooperation mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (SenStadt), dem Amt für Statistik Berlin – Brandenburg (AfS), mehreren Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Das Umweltbundesamt (UBA) hat die Entwicklung des neuen Themenfeldes gezielt unterstützt. Von Januar 2012 bis September 2014 hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) mit Förderung des Umweltbundesamtes und des Bundesministeriums für Umwelt, Natur- 26 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 schutz, Bau und Reaktorsicherheit das Forschungsvorhaben „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ durchgeführt. In diesem Rahmen wurde ein Vorschlag für ein integriertes Monitoringverfahren zur Umweltgerechtigkeit entwickelt. Hierbei waren die im Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitoring entwickelten Kern- und Ergänzungsindikatoren eine wesentliche Grundlage. Nach eingehender fachlich-inhaltlicher Prüfung durch das Umweltbundesamt und das Deutsche Institut für Urbanistik (DIfU) gelten die entwickelten Kern- und Ergänzungsindikatoren sowie die methodische Herangehensweise landesweit als richtungsweisend. Vergleichbare praxistaugliche Analysen auf Quartiersebene sind nicht bekannt. Der Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz bekommt somit internationale Bezüge. Der vorliegende 1. Basisbericht „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ ist in zehn Kapitel gegliedert: Kapitel 1 formuliert fachliche Hintergründe und Vorbemerkungen zum Bericht. In Kapitel 2 wird eine Einführung in das ressortübergreifende Themen- und Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ gegeben und Rahmenbedingungen sowie der thematische Kontext aus europäischer, bundes- und landespolitischer Perspektive skizziert. Beispielhaft für andere Verbände, Institute etc. wird hier unter anderem auf die Aktivitäten des BUND und des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) im Hinblick auf das neue Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ eingegangen. Kapitel 3 behandelt grundlegende Aspekte der Umweltgerechtigkeit, insbesondere generelle gesundheitswissenschaftliche und umweltmedizinische Aussagen zu den einzelnen Themenfeldern Lärm, Luftgüte, Grünflächen und Bioklima. Auf die Sozialstruktur (soziale Problematik) wird vertieft eingegangen. In Kapitel 4 wird der neu entwickelte Umweltgerechtigkeitsansatz, vor allem die Grundlagen, die methodische Herangehensweise und die Entwicklung einer Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk), ausführlich behandelt. In Kapitel 5 des Berichts erfolgt die eingehende Bearbeitung der gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen der Kernindikatoren Luftqualität, Lärmbelastungen, Grün- und Freiflächenversorgung, bioklimatische Belastung sowie Sozialstruktur. Weiter werden wesentliche Ergänzungsindikatoren behandelt. Die Zusammensetzung der Ergebnisse (vier Integrierte Mehrfachbelastungskarten, Berliner Umweltgerechtigkeitskarte) erfolgt auf der Ebene der Gesamtstadt, des erweiterten Innenstadtbereichs sowie auf der Ebene der Bezirke. Grundlage sind die 447 Planungsräume (LOR) in Berlin. In Kapitel 6 wird durch weitergehende Ergänzungsindikatoren die (gesundheitliche) Betroffenheit vor allem in den hoch belasteten Planungsräumen abgeleitet. Vor allem Gebiete mit besonderen Gesundheitsrisiken stehen im Vordergrund der Bearbeitung. Die Lebensund Umweltrisiken stehen im Fokus der Bearbeitung. Im Kapitel 7 und 8 liegt der Schwerpunkt auf der Umsetzung beziehungsweise der Implementierung der Umweltgerechtigkeitskonzeption im Land Berlin (IBUk). Im Vordergrund stehen die praktische Umsetzung, Strategien und Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltqualität in den Quartieren. Kapitel 9 gibt abschließend einen handlungsorientierten Ausblick. Das Kapitel 10 (Anhang) enthält Hinweise zu schriftlichen Anfragen, Presseveröffentlichungen, Adressen und Ähnliches. Die Kapitel 1 bis 9 werden durch die Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen (Kernaussagen) abgeschlossen. 27 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Bolte G (2009): Umweltgerechtigkeit – Datenlage und Stadt der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema Umweltqualität, soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland. 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SenGesUmV (Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz) (2011): Handlungsfeld Umweltgerechtigkeit. Entwurf des Basisberichts. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz. Unveröffentlicht. 28 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2 Umweltgerechtigkeit – Grundlagen und Rahmenbedingungen Umweltgerechtigkeit befasst sich vor allem mit Art, Ausmaß und Folgen ungleicher sozialer Verteilungen von Umweltbelastungen (Verteilungsaspekt) und den Gründen für solche Ungleichverteilungen (Verfahrensaspekt). Die grundlegenden Ideen entstammen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA und werden seit den 1980er-Jahren unter dem Schlagwort „Environmental Justice“ diskutiert. In europäischen Ländern, die Umweltgerechtigkeit als Thema aufgriffen, standen die sozialethische Benachteiligung, Ausgrenzung, Armut und Deprivation im Fokus. Strategien und Maßnahmen werden meist im Rahmen der Machbarkeitsdebatte diskutiert und eingesetzt. Das Umweltbundesamt hat das Thema mit der Zielsetzung aufgegriffen, eine sozial verträgliche Umweltpolitik auf der Bundesebene voranzutreiben. Die Bearbeitung des Themenfeldes Umweltgerechtigkeit in Berlin erfolgt kleinräumig auf der Ebene der 447 Lebensweltlich orientierten Räume (LOR). Sie sind gleichzeitig auch die Grundlage für die ressortübergreifende Bearbeitung eines Datenpools sowie eines neuen planungsraumbezogenen Informationssystems. Hierbei bekommt der Einsatz der Geografischen Informationssysteme (GlS) mit den visuell anschaulichen Darstellungen statistischer und räumlich verortbarer Informationen, Analysen und kartografische Darstellungen zentrale Bedeutung. Die erfolgreiche Umsetzung von Umweltgerechtigkeitskonzepten kann nur in enger Kooperation mit den Betroffenen in den hochbelasteten Quartieren erfolgen. 2.1 Umweltbezogene Gerechtigkeit im internationalen Kontext Umweltbezogene Gerechtigkeit ist nicht nur ein Thema in Berlin und Deutschland. Dieses Leitbild bewegt Menschen in Städten und Ländern weltweit. Um die in diesem Bericht vorgelegten Berliner Aktivitäten in einen internationalen Kontext einzuordnen, wird ein kurzer Eindruck über Erkenntnisse zu umweltbezogener Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Ansätzen in anderen Ländern im Sinne eines „Blicks über den Tellerrand“ gegeben. Hierbei wird der Fokus aus Perspektive dieses Berichts auf Städte, die Ermittlung von Mehrfachbelastungen sowie Konsequenzen aus deren Ermittlung für staatliches Handeln gelegt. Themen wie Energiearmut, Klimagerechtigkeit, die Rolle indigener Bevölkerung, die Auswirkungen von Landwirtschaft, Bergbau oder Minen, um nur wenige der derzeit international diskutierten Themen umweltbezogener Gerechtigkeit zu benennen, werden somit im Folgenden nicht betrachtet. Hochschule für Gesundheit, Bochum Prof. Dr. Heike Köckler Immer mehr Studien – und hier reiht sich der vorliegende Bericht ein – zeigen auf, dass vor allem diejenigen Menschen, die von der Gesellschaft benachteiligt sind, mehr Umweltbelastungen ausgesetzt sind und weniger Zugang zu Umweltressourcen haben als der Rest der Gesellschaft. So gibt es eine Vielzahl aktueller Studien, die diesen Zusammenhang für Luftbelastung in Frankreich (Padilla et al. 2014), Großbritannien und den Niederlanden (Fecht et al. 2015), den USA (Clark 2014) oder Chile (Rose-Pérez 2015) nachgewiesen haben. Wieder andere Studien zeigen, dass der Zugang zu Grünflächen sozial ungleich verteilt ist (Kihal et al. 2013). Einige Studien arbeiten heraus, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen nicht nur einer Belastung ausgesetzt sind oder weniger Zugang zu einer Umweltressource haben, sondern betrachten verschiedene Umweltfaktoren gemeinsam. So wurde in Frankreich für Lille herausgearbeitet, dass benachteiligte Stadtteile einen größeren Flächenanteil aufweisen, der mehr Belastungen aufweist als andere Stadtteile (Lalloué et al. 2015). Vergleichbare Ergebnisse gibt es beispielsweise für Dortmund (Flacke et al.), die Niederlande (Kruize 2007) und Kalifornien (Alexeeff et al. 2012). In Kalifornien arbeitet das „Office of Environmental Health Hazard Assessment“ als Unterbehörde der dortigen Environmental Protection Agency (EPA) mit dem sogenannten CalEnviroScreen (http://oehha.ca.gov/calenviroscreen, Zugriff vom 25. Juni 2016). Dies ist eine im Internet zugängliche Anwendung, die es ermöglicht, solche Orte und Gruppen zu identifizieren, in denen vulnerable (verletzliche) Gruppen am stärksten von Mehrfachbelastungen betroffen sind. Hierzu werden Daten zum Gesundheitszustand, Umwelt- und 29 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Sozialfaktoren in einem Wert zusammengefasst. Die identifizierten Orte werden in verschiedenen Instrumenten der Umweltpolitik priorisiert behandelt. Etliche Studien arbeiten heraus, dass unabhängig vom sozialen Status die ethnische Zugehörigkeit einer Gruppe am deutlichsten soziale Ungleichheit bei der Verteilung von Umweltbelastungen und dem Zugang zu Umweltressourcen darstellt. In Europa haben dies Raddatz und Mennis (2013) für Hamburg herausgearbeitet und auch in einer vergleichenden Studie zwischen den Niederlanden und Großbritannien wurde dieser statistische Zusammenhang nachgewiesen (Fecht et al. 2015). Insbesondere in den USA wird in diesem Kontext der Begriff des Environmental Racism verwendet, der die Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit bei umweltbezogener Gerechtigkeit hervorhebt (Bullard & Johnson, 2000). Während umweltbezogene Gerechtigkeit in Deutschland vor allem von der Wissenschaft, Ämtern und Behörden sowie zunehmend auch Nichtregierungsorganisationen verfolgt wird, gehen in anderen Ländern Betroffene auf die Straße und fordern mehr umweltbezogene Gerechtigkeit. Am weitesten verbreitet ist das sogenannte Environmental Justice Movement in den USA. Das wurde in 1980er-Jahren insbesondere von Angehörigen der afroamerikanischen Gemeinschaft gegründet. In den Anfängen spielte die United Church of Christ eine zentrale Rolle. Sie hat unter anderem 1987 die erste US-weite Studie veröffentlicht, die nachwies, dass insbesondere Nachbarschaften mit überwiegend afroamerikanischen Bewohnerinnen und Bewohnern in der Nähe von Sonderabfalldeponien lagen. In dieser Studie tauchte der Begriff Environmental Racism erstmals auf (UCC 1987). Einen weltweiten Überblick über verschiedenste zivilgesellschaftliche Aktivitäten, die sich dem Zugang zu Umweltressourcen oder dem Kampf gegen Umweltbelastungen verschrieben haben, bietet der EJAtlas. Die Weltkarte listet 1775 verschiedene Projekte auf (Stand Juni 2016). Für Berlin sind zu diesem Zeitpunkt die Aktivitäten zur Rekommunalisierung der Berliner Wasserversorgung aufgeführt, die für einen günstigen Zugang zu der Umweltressource Wasser für alle steht. Eine bürgerschaftliche Bewegung, die sich gegen Mehrfachbelastungen in Berlin engagiert, ist dort nicht aufgeführt. Insbesondere in den Ländern des globalen Südens sind Aktivitäten zu umweltbezogener Gerechtigkeit sehr eng mit dem Ziel der zukunftsfähigen Entwicklung im Sinne eines Sustainable Development verbunden. So ordnet Porto (2012) das brasilianische Netzwerk für umweltbezogene Gerechtigkeit (RBJA – Rede Brasileira de Justica Ambiental) ein. Die wirksame Teilhabe an umweltpolitisch relevanten Entscheidungsprozessen, sei es von organisierten Bürgerinnen und Bürgern, die Teil einer Protestbewegung sind, oder von Einzelpersonen, wird als umweltbezogene Verfahrensgerechtigkeit verstanden. Diese ist gerade aus einer stadtplanerischen Perspektive zentral, da Instrumente der Stadtplanung an vielen Stellen das Recht auf Beteiligung geben, dieses von Betroffenen jedoch nicht immer genutzt wird beziehungsweise genutzt werden kann. In den USA stellt Lake (1996) eine Überbetonung von Verteilungsgerechtigkeit vor Verfahrensgerechtigkeit fest und hebt die Bedeutung von Selbstbestimmtheit derer, die von umweltbezogener Ungerechtigkeit betroffen sind, hervor. Todd und Zagrafos (2005) haben einen Vorschlag für einen Satz von Indikatoren umweltbezogener Gerechtigkeit für Schottland entwickelt, in dem Indikatoren für umweltbezogene Verfahrensgerechtigkeit eine zentrale Rolle spielen. Dieser Vorschlag ist einzuordnen in eine Vielzahl von Aktivitäten in Schottland zu Beginn der 2000er-Jahre. So wurde 2003 Environmental Justice als erstrebenswertes Ziel in den Koalitionsvertrag von Labour und Liberaldemokraten aufgenommen und zwei Jahre später folgte ein Sachstandsbericht zu Environmental Justice in Schottland. In dieser Zeit hat Mark Poustie aus planungsrechtlicher Perspektive die vielfältigen Möglichkeiten, umweltbezogene Gerechtigkeit zu fördern, aufgezeigt (Poustie 2004). Neben Schottland war in Europa vor allem England sehr aktiv und das dortige Umweltministerium hat vielfältige Studien finanziert. Aus planerischer Perspektive ist hier insbesondere die Analyse von Walker et al. (2005) zu verschiedenen Instrumenten der Umwelt-/Gesundheitsverträglichkeitsprüfung erwähnenswert. 30 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 In verschiedenen Ländern hat umweltbezogene Gerechtigkeit namentlich Eingang in rechtliche Grundlagen gefunden. So hat Bill Clinton 1994 die Executive Order 12898 in den USA unterzeichnet, die insbesondere die Bundesbehörden verpflichtet, Environmental Justice als Ziel zu verfolgen. In Südafrika wurde 1998 im National Environmental Management Act, 107 der Abbau und die Vermeidung von Situationen umweltbezogener Ungerechtigkeit festgeschrieben. Hier wird insbesondere die Teilhabe vulnerabler Gruppen an Entscheidungsprozessen gefordert. In Indien gibt es eine Debatte, die Menschenrechte in Bezug auf Umweltbelastungen diskutiert und bei der Rechtsauslegung auch anwendet. Hierbei findet ein Bezug zu umweltbezogener Gerechtigkeit statt (Poustie 2004: 40 ff.). Die in diesem Bericht beschriebene Konzeption, mit der Umweltgerechtigkeit verfolgt wird, liefert einen wertvollen Beitrag zur Bereicherung auch der internationalen Diskussion. Insbesondere die kleinräumige Darstellung von Zusammenhängen zwischen Umwelt- und Sozialfaktoren sowie die interdisziplinäre Aufbereitung der verschiedenen Fragestellungen machen dieses Projekt im internationalen Kontext insbesondere für die Nutzung in der Stadtentwicklung einzigartig. Es ist lohnenswert, die Möglichkeiten einer Übertragung der Herangehensweise und Systematik auf andere Großstädte zu erproben. Literatur Alexeeff, G. V., Faust, J. B., August, L. M., Milanes, C., Randles, K., Zeise, L., Denton, J. (2012). A Screening Method for Assessing Cumulative Impacts. IJERPH, 9 (2), 648-665. Bullard, R. D. & Johnson, G. S. (2000). Environmentalism and Public Policy: Environmental Justice: Grassroots Activism and Its Impact on Public Policy Decision Making. Journal of Social Issues, 56 (3), 555-578. Clark, L. P., Millet, D. B. & Marshall, J. D. (2014). National patterns in environmental injustice and inequality: outdoor NO2 air pollution in the United States. PLoS ONE, 9 (4), 1-8. Fecht, D., Fischer, P., Fortunato, L., Hoek, G., de Hoogh, K., Marra, M., Kruize, H., Vienneau, D., Beelen, R., Hansell, A. close (2015). Associations between air pollution and socioeconomic characteristics, ethnicity and age profile of neighbourhoods in England and the Netherlands, Environmental Pollution, vol. 198, 201-210. Flacke, J., Schüle, S. A., Köcker, H., & Bolte, G. (angenommen). Mapping environmental inequalities relevant for health for informing urban planning interventions – A case study in the City of Dortmund, Germany. International Journal of Environmental Research and Public Health. Kihal-Talantikite, W., Padilla, C., Lalloué, B., Gelormini, M., Zmirou-Navier, D., Deguen, S. (2013). Green space, social inequalities and neonatal mortality in France. BMC Pregnancy Childbirth, 13, 191. Kruize, H. (2007). On environmental equity: Exploring the distribution of environmental quality among socio-economic categories in the Netherlands. 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Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg Prof. Dr. Werner Maschewsky Wo Umweltgerechtigkeit in Europa rezipiert wurde (zum Beispiel in Frankreich, Großbritannien, Russland, Schweden, Spanien, Ungarn; Maschewsky 2011), setzte sie andere Schwerpunkte als in den USA – keine Beachtung von Hautfarbe, aber Beachtung von sozialer/ethnischer Benachteiligung, Ausgrenzung, Armut und Deprivation; selten Einordnung unter Rassismus, oft Einordnung unter Nachhaltigkeit. Berlin hat sich früh und innovativ mit Umweltgerechtigkeit befasst (Klimeczek 2010), was national und zum Teil international Beachtung fand. Im Folgenden soll an drei europäischen Metropolen die Befassung mit dem Thema skizziert werden. Stockholm Die Stadt (kommun) Stockholm hat etwa 870.000 Einwohner (auf 187 Quadratkilometer), die erweiterte Stadt (tätort) 1,4 Millionen, der Großraum 2,1 Millionen. Stockholm liegt am Ausfluss des Mälarsees in die Ostsee, am Rand eines Schärengartens mit tausenden Schären. Das „Venedig des Nordens“ wurde auf 14 Inseln erbaut; jeweils ein Drittel der Stadtfläche ist bebaut, Grünfläche oder Wasser. Stockholm ist Verkehrsknotenpunkt, Fährhafen, Verwaltungs-, Banken-, Dienstleistungs-, Medien- und Touristikzentrum. Der Niedergang traditioneller Industrien wurde durch Zuzug von Hightech-Firmen teilweise kompensiert. Die fehlende Schwerindustrie macht Stockholm zu einer der saubersten Metropolen der Welt. Nachhaltigkeit gilt in Stockholm als zentrales Ziel der Stadtentwicklung. Da der CO2-Ausstoß pro Bewohner seit 1990 um 25 Prozent sank, wurde die Stadt von der EU zur „Umwelthauptstadt Europas 2010“ erklärt. Kriterien der Auswahl waren Klimaschutz, Lärm, Stadtverkehr, ÖPNV, Fahrrad- und Fußwege, öffentliche Grünflächen, Landnutzung, Wasserverbrauch, Abfallproduktion und -entsorgung, Wasser- und Luftqualität. Anerkennung fand auch die Citymaut für die Innenstadt, die – trotz anfangs heftiger Kritik – durch Referendum bestätigt wurde, da sie die Verkehrsbelastung um ¼ senkte. Die schwedische und Stockholmer Politik haben Umweltgerechtigkeit nicht zur Kenntnis genommen, ebenso wenig die Stadtplanung; sie unterstellen, dass im schwedischen Sozialstaat verschiedene soziale Gruppen ähnliche Umweltbelastungen haben. Umweltgerechtigkeit ist hier ein „blinder Fleck“ (Isaksson 2010). In der Bevölkerung ist soziale Benachteiligung bei Umweltbelastungen aber durchaus Thema. So ist die seit 2010 im Bau befindliche westliche Autobahnumgehung („Förbifart Stockholm“) umstritten. 17 Kilometer werden durch Tunnel geführt, zum Beispiel auf Höhe der Insel Ekerö, wo wohlhabende Stockholmer wohnen und ein königliches Schloss liegt. Anschlussstücke im Süden und Nordwesten verlaufen dagegen oberirdisch durch dichtbewohnte Viertel mit Migranten und Einkommensarmen oder durch für Erholung genutzte Grüngebiete, die dadurch zerschnitten und verlärmt werden (Isaksson 2010). NGOs und Bürgervereine haben dies mehrfach öffentlich infrage gestellt. Sozialwissenschaftler kritisieren, dass Umweltprobleme in Stockholm meist in Stadtteilen mit großen Mietshäusern und hohem Migranten-Anteil von Politik und Medien wahrgenommen werden (Hauptklage: „Schmutz“), obwohl dort der „ökologische Fußabdruck“ kleiner ist als in „schwedischen“ Vierteln mit Einzelhäusern, hohem Energieverbrauch und mehreren Autos pro Haushalt (Bradley/Gunnarsson-Östling/Isaksson 2008). 33 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Nachdem 2013 ein Mann von der Polizei in Husby erschossen wurde – hier liegt der Migranten-Anteil über 80 Prozent – gab es in einigen Außenbezirken mehrtägige Krawalle. „Einwanderer“ nannten als Grund, neben einem häufig beklagten „Rassismus der Polizei“, auch Frust über die zunehmende soziale beziehungsweise ethnische Segregierung und Marginalisierung von Migranten (BBC News Europe 2013). Amsterdam Die Stadt (gemeente) Amsterdam hat etwa 800.000 Einwohner (auf 219 Quadratkilometer), der Großraum 1,5 Millionen. Sie liegt am südwestlichen Ausläufer des IJsselmeers, etwa 20 Kilometer von der Nordsee, mit der sie durch einen gezeitenfreien, für Großschiffe befahrbaren Kanal verbunden ist. Die weltbekannte pittoreske Innenstadt (Amsterdam Centrum) – mit alten, hohen Häusern – ist kompakt und wurde, wie Venedig, ursprünglich auf unzähligen Pfählen im sumpfigen Untergrund errichtet. Sie ist durchzogen von einem engen Netz von Kanälen, die durch viele, meist kleine Brücken gequert werden. Platz für die Verbreiterung von Straßen gibt es kaum. Die Innenstadt hat Mischnutzung – die Wege sind meist kurz. Außerhalb des Zentrums ist die Stadt anders, mit großen Wohnblocks, weitläufigem Hafengebiet, Büround Gewerbeparks am Autobahnring. Auch Amsterdam ist Verwaltungs-, Banken-, Dienstleistungs- und Touristikzentrum mit großem Handelshafen und Flughafen. Die Schwerindustrie ist schon lange Vergangenheit. Das Schicksal der Stadt ist von der Höhe des Meeresspiegels abhängig – wie die Flutkatastrophe von 1953 zeigte, bei der in Holland 1.835 Menschen starben. Der Wasserstand der Grachten liegt inzwischen 40 Zentimeter unter Normalnull; daher ist die Stadt durch Hochwasser und Sturmfluten immer gefährdet. Da der Klimawandel die Höhe des Meeresspiegels direkt beeinflusst, gilt auch in Amsterdam Nachhaltigkeit als wichtiges Ziel der Stadtentwicklung. So sollen die CO2-Emissionen bis 2025 um 40 Prozent gegenüber 1990 sinken (Gemeente Amsterdam 2008). Dies wird angestrebt durch umfangreiche energetische Sanierung von Gebäuden, Förderung von Haus-Solar- und Windanlagen, Förderung von Elektromobilität durch Ladestationen für Elektro-Autos, Optimierung des Energieverbrauchs durch „intelligente“ Steuergeräte, etc. (MUSE 2012). Anders als in vielen Inselstaaten und Meeresanrainern ist in den Niederlanden aber „Klimagerechtigkeit“ kein offizielles Thema. Nachdem Amsterdam in den 1970er-Jahren beinahe am (Auto-)Verkehrsinfarkt zugrunde gegangen wäre, wurde rigoros umgesteuert, der Autoverkehr mit vielen Maßnahmen eingeschränkt, parallel dazu das Radfahren gefördert. Diese Politik gilt noch heute. So wurden zum Beispiel große, billige Parkplätze am äußeren Autobahnring eingerichtet, die schnelle ÖPNV-Verbindungen ins Zentrum bieten. Dort gibt es wenig Park- und Straßenraum für Autos, viele Geschwindigkeitsbeschränkungen, viele Einbahn- und Fahrradstraßen, sehr viele Radfahrer, Gleichberechtigung von Auto und Fahrrad (Buehler/Pucher 2010). Seit den 1980er-Jahren durchgesetzte Regelungen machten zudem das Radeln deutlich sicherer. Da die täglichen Wege im Zentrum meist kurz sind (85 Prozent unter 5 Kilometer), Autofahren zu umständlich und stressig ist, wurde Amsterdam zur „Fahrrad-Hauptstadt“ Europas, in der viele Einwohner täglich radeln (Gilderbloom/Hanka/Lasley 2009). Trotz Einschränkung des Autoverkehrs ist die Luftbelastung in der Stadt weiterhin hoch. Relevant sind hierfür die Emissionen durch den Flughafen, den Hafen (Schiffsverkehr, Dieselmotoren, Raffinerien, Gewerbe etc.) und das Brackwasser im Hafen und den Kanälen. Hier setzen Maßnahmen an, wie Regulierung und Einschränkung des Personen-Schiffsverkehrs, Abgas-Kontrollen der Schiffsmotoren etc. Auch in Amsterdam greifen Politik und Stadtplanung Umweltgerechtigkeit nicht auf, sondern unterstellen stillschweigend, dass Nachhaltigkeits-Maßnahmen allen Bürgern zugutekommen. Es kann aber bezweifelt werden, dass die Verbesserung der Lebensqualität im Zentrum – und dessen Aufwertung – sich in den Außenbezirken fortsetzt. So erhöht etwa der weitere Ausbau des Flughafens Schiphol die Umweltbelastung benachbarter Stadtteile, wovon eher Einkommensschwache betroffen sind (Kruize et al. 2007). 34 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 48 Prozent der Bewohner Amsterdams haben einen Migrationshintergrund. Dank einer „Kultur der Toleranz“ soll es keine ethnische Diskriminierung geben (Gilderbloom/Hanka/ Lasley 2009). Der Amsterdamer Umweltbericht sieht das aber anders – er verweist auf Problembezirke, eine steigende Zahl krimineller Jugendbanden und die zunehmende Segregation nicht westlicher Migranten in Außenbezirken (Gemeente Amsterdam 2008). London Die Stadt London (Greater London) hat etwa 8,3 Millionen. Einwohner (auf 1.572 Quadratkilometer), der Großraum 14 Millionen. Sie ist eingeteilt in 32 Bezirke (boroughs) und liegt an der unteren Themse, circa 70 Kilometer von der Nordsee, in flacher Landschaft, die ungehinderte Ausdehnung ermöglicht. London ist eines der wichtigsten Finanz- (City of London), Handels-, Verkehrs-, Kultur-, Verwaltungs-, Dienstleistungs- und Touristikzentren der Welt, mit großem Hafen und mehreren Flughäfen. Es war Zentrum des „British Empire“ und 1825 bis 1925 auch bevölkerungsreichste Stadt der Welt. London ist eine Weltstadt; der Migranten-Anteil beträgt 42 Prozent. Die Industrie hat ihre früher große Bedeutung verloren; dafür haben sich Hightech-Firmen angesiedelt. Ab den 1980er-Jahren wurde der Stadtumbau forciert, mit spektakulären Großprojekten wie „Canary Wharf“ und „Docklands“, die das Bild einer dynamischen Metropole mit jugendlichem Enthusiasmus mitprägten. Bürgermeister Johnson wollte London bis zur Olympiade 2012 sogar zur „cleanest and greenest city in the world“ machen. In Großbritannien werden soziale und gesundheitliche Ungleichheiten seit jeher stark beachtet. Ende der 1990er-Jahre wuchs auch das Interesse an „environmental inequalities“, dem Thema von Umweltgerechtigkeit (Walker/Bickerstaff 2000). Zum Beispiel zeigte eine Studie, dass über 90 Prozent der stark umweltbelastenden Industrieanlagen Londons in armen Vierteln liegen (McLaren et al. 1999). Zur Behebung solcher Umweltunterschiede zwischen sozialen Gruppen wurde eine Bestandsaufnahme solcher Ungleichheiten gefordert, ein Umweltgerechtigkeits-Kodex für Kommunalpolitik und eine neue Umweltgerechtigkeits-Verträglichkeits-Prüfung (Adebowale et al. 2004). Aus diesen Ansätzen entstand 2004 die „London Sustainability Exchange“ mit dem Ziel, Umweltgerechtigkeit als Ziel in der Stadtentwicklung zu verankern. Sie ist weiter tätig – zum Beispiel im Bereich Luftreinhaltung durch Aufbau von „air quality teams“ aus engagierten Laien, die „citizen science“ betreiben und lokale Aktionspläne in Abstimmung mit Behörden und Firmen entwickeln (LSX 2012) –, findet aber wenig Resonanz. Dagegen hat die GLA (Greater London Authority) viele gut lesbare, detaillierte und frei zugängliche Berichte über soziale, gesundheitliche und Umwelt-Ungleichheiten veröffentlicht. Diese Berichte sind nach Handlungsfeldern und Umsetzungsphasen differenziert, bieten meist keine Übersichten, sondern „Schlaglichter“ und dürften sich für Stadt-Marketing gut eignen. Umweltgerechtigkeits-Initiativen wurde damit ein Teil ihres Themas genommen. Beispiel 1 In London differiert die gesundheitliche Lage stark zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. So liegt die mittlere Lebenserwartung von Männern in armen Stadtteilen (wie Hackney, Islington) bei 71, in reichen Stadtteilen (wie Chelsea, Kensington) bei 88 Jahren. Die „London Health Inequalities Strategy“ (GLA 2010a) strebt eine Minderung solcher gesundheitlichen Ungleichheiten mit fünf Zielen an, die in Unterziele, erste Schritte, Partner, strategische Anknüpfungspunkte etc. ausdifferenziert werden (GLA 2010b). Eines der fünf Ziele sind „healthy places“. Deren Erläuterung konzentriert sich auf Wohnungsbestand und „Nachbarschaft“, jeweils mit Blick auf vernachlässigte Viertel. Bezüglich des Wohnungsbestandes soll bis 2011 der „Decent Homes Standard“ (Normen für Instandhaltung, Modernisierung, Heizung) für alle Sozialwohnungen und 70 Prozent der Wohnungen im privaten Sektor gelten; ebenso der „Lifetime Homes Standard“ (ausreichende Größe, Unterteilbarkeit, Barrierefreiheit der Wohnung). Bezüglich „Nachbarschaft“ gilt das Interesse unter anderem Grün- und Sportflächen, Hygiene und Sauberkeit öffentlicher Orte, Schutz vor Vandalismus und Rowdytum, Sicherheit im Straßenverkehr, „community safety“, aber auch „visible police presence“. 35 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Auch andere Arbeitsbereiche sind von der GLA gut dokumentiert, zum Beispiel StadtteileProfile (GLA 2013), deren Vergleich (GLA Intelligence Unit 2011), Bevölkerung und Migration (GLA 2010e), Armut (GLA Intelligence Unit 2012), schlecht- oder unbeheizter Wohnraum („fuel poverty“; GLA 2009), psychische Gesundheit (GLA 2014), Entsorgung (GLA 2011a, b) und Transport (inklusive Gehen und Radfahren; GLA 2008). Beispiel 2 Früher war der mit Schadstoffen angereicherte Londoner Winternebel berüchtigt. Hielt er über Tage an, wurde er lebensgefährlich (zum Beispiel beim „great smog“ vom 4. bis 9. Dezember 1952, der über 3.000 zusätzliche Tote durch Asthma und chronische Bronchitis verursachte; Abholz et al. 1982). Seitdem sind die industriellen Emissionen deutlich gesunken. Aber noch heute ist die Luftbelastung oft sehr hoch, etwa bei Stickoxiden (LHC 2011), was pro Jahr zu über 4.000 vorzeitigen Todesfällen an Herz- und Lungenkrankheiten führt (GLA 2010c). Die Londoner Luftstrategie (GLA 2010d) sieht im Umsetzungsbereich Transport vielfältige Maßnahmen vor, wie Verlagerung auf sauberere Mobilitätsarten durch Bau neuer Schienenstrecken, technische Verbesserung der U-Bahn, bessere Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger, attraktiveren Fahrradverleih, Schaffung von zwölf „Superhighways“ für Radfahrer durch die Innenstadt; Citymaut für Autos (10 Pfund pro Tag); Abgasbeschränkungen im Stadtgebiet; Strafen für laufende Motoren bei parkenden Autos; Förderung von Elektroautos und Car-Sharing; gute Straßen-Instandhaltung, um Staubbelastung durch Abrieb zu senken; Verflüssigung des Verkehrs durch bessere Koordination verschiedener Straßenbau- und -instandhaltungsmaßnahmen; leichtere Einführung von verkehrsberuhigten Zonen; Lizenzentzug für alte Diesel-Taxis; Ersetzung oder Umrüstung von 8.300 Bussen und 32.000 Taxis mit Dieselmotor; höhere Abgas-Auflagen für LKWs und Lieferwagen; Effizienzsteigerung des Frachtverkehrs durch Vermeidung unnötiger Fahrten; etc. Auch außerhalb des Umsetzungsbereichs Transport sind viele weitere Maßnahmen der Luftreinhaltungsstrategie vorgesehen. Resümee In Stockholm und Amsterdam wird Umweltgerechtigkeit von Politik und Stadtplanung faktisch ignoriert, was dank vager Nachhaltigkeits-Rhetorik kaum auffällt. Die dort erreichte Verbesserung und Aufwertung zentraler Stadtbereiche kommt zwar Ober- und Mittelschicht, Touristen und (wahrscheinlich) Immobilienwirtschaft zugute, erstreckt sich aber nicht auf die (oft unattraktive) Peripherie, an die einkommensschwache Gruppen und ethnische Minderheiten tendenziell verdrängt werden. Bei strategischer Orientierung auf Nachhaltigkeit nimmt so im lokalen Rahmen Umweltungleichheit eher zu (siehe auch Exkurs 4: New Rhythms of the City – Umweltgerechte Stadt-und Quartiersentwicklung am Beispiel Amsterdam). In London hat Umweltgerechtigkeit zwar als Konzept kaum Fuß gefasst, aber das Grundproblem – soziale Benachteiligung bei Umweltbelastungen – scheint auf ein verbreitetes und unproblematisiertes sozialpolitisches Vorverständnis zu treffen. Daher ist bei Maßnahmen der GLA zu Umwelt-, Gesundheits-, Sozial-, Verkehrs- und Wohnpolitik oft eine „soziale Komponente“ zu finden derart, dass zumindest einige der geplanten Änderungen auch Sozialbenachteiligten zugutekommen. So lassen sich zum Beispiel Vorschläge zur Minderung von „fuel poverty“ als indirekter Beitrag zu mehr Umweltgerechtigkeit verstehen. Nach dieser Kurzdarstellung zu Umweltgerechtigkeit in europäischen Metropolen lässt sich im Hinblick auf die vorliegenden Berliner Umweltgerechtigkeits-Analysen feststellen, dass sie im europäischen Raum einmalig und richtungsweisend sind und Maßstäbe setzen. Diese wissenschaftlich fundierten Analysen dürften international zunehmend Beachtung finden. Literatur Abholz HH et al. (1981): Chronische Bronchitis – von der medizinischen Intervention zur Umweltkontrolle. Argumente für eine soziale Medizin IX (AS 64), Berlin, 52-77. Adebowale M et al. (2004): Environmental justice in London. Linking the equalities and environment policy agendas. London Sustainability Exchange. 36 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 BBC News Europe (2013): Stockholm riots throw spotlight on Swedish inequality. http://www.bbc.com/news/world-europe-22650267 (24.5.2013) Bradley K, Gunnarsson-Östling U, Isaksson K (2008): Exploring environmental justice in Sweden – how to improve planning for environmental sustainability and social equity in an „eco-friendly” context. MIT J Planning, Projections, Volume 8: Justice, equity + sustainability, 69-81. Buehler R, Pucher J (2010): Cycling to sustainability in Amsterdam. Sustain: J Environmental Sustain-ability Issues, 21, 36-40. Gemeente Amsterdam (2008): Sustainability report Amsterdam 2007. Environment & Building Department, Gemeente Amsterdam. Gilderbloom JI, Hanka MJ, Lasley CB (2009): Amsterdam: planning and policy for the ideal city? Local Environment, 14 (6), 473-493. GLA (2008): Way to go! Planning for better transport. GLA, London. GLA (2009): Fuel poverty in London. GLA, London. GLA (2010a): The London health inequalities strategy. GLA, London. GLA (2010b): The London health inequalities strategy. First steps to delivery to 2012. GLA, London. GLA (2010c): Estimation of health impacts of particulate pollution in London. GLA, London. GLA (2010d): Clearing the air. The Mayor‘s air quality strategy. GLA, London. GLA (2010e): Focus on London: Population and migration. GLA, London. GLA (2011a):, London‘s wasted resource. The Mayor‘s municipal waste management strategy. GLA, London. GLA (2011b): Making business sense of waste. The Mayor‘s business waste strategy for London. GLA, London. GLA (2013): Better environment, better health. A GLA guide for London‘s Boroughs. London Borough of Harrow. GLA, London. GLA (2014): London mental health. The invisible costs of mental health. GLA, London. GLA Intelligence Unit (2011): London Borough profiles. Key findings. GLA Intelligence Unit, London. GLA Intelligence Unit (2012): Poverty figures for London: 2010/11. GLA Intelligence Unit, London. Isaksson K (2010): Environmental justice – reasserting the politics of planning. Vortrag, AESOP-Workshop „Spatial justice”, Seili Island. Klimeczek Dr. H-J (2010): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin. SenGUV, Berlin. Kruize H et al. (2007): Environmental equity in the vicinity of Amsterdam airport: The interplay between market forces and government policy. J Env Planning Mgm, 50 (6), 699-726. LHC (London Hazards Centre) (2011): Factsheet: Air pollution. LHC, London. LSX (London Sustainability Exchange) (2012): Cleaner air 4 communities. LSX, London. Maschewsky W (2001): Umweltgerechtigkeit, Public Health und soziale Stadt. VAS, Frankfurt/M. Maschewsky W (2011): Umweltgerechtigkeit in Europa – Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Umwelt Medizin Gesellschaft, 24 (3), 232-241. McLaren D et al. (1999): The geographic relation between household income and polluting factories. Friends of the Earth, London. MUSE (Montreal‘s Urban Sustainability Experience), Amsterdam, Netherlands. http://musemcgill.wordpress.com/case-studies/amsterdam Walker G, Bickerstaff K (2000): Polluting the poor: An emerging environmental justice agenda for the UK? Critical Urban Studies: Occasional papers, University of London. 37 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.3 Umweltgerechtigkeit im bundesdeutschen Kontext Einleitung Es ist wissenschaftlich belegt, dass die soziale Lage mit über den Gesundheitszustand eines Menschen entscheidet und die Lebenserwartung beeinflusst. Vor allem das individuelle Bildungsniveau und die Einkommenshöhe sind ausschlaggebend dafür. Umweltbundesamt, Fachgebiet II 1.1 „Übergreifende Angelegenheiten Umwelt und Gesundheit“ Dr. Hedi Schreiber, Christiane Bunge Sozial schlechter gestellte Menschen sind in Deutschland oft höheren Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme ausgesetzt als Menschen, die sozial besser gestellt sind. Sie wohnen oft an stark befahrenen Straßen und sind besonders häufig von Lärm und Luftverschmutzungen betroffen. Vor allem in städtischen Gebieten mit hohem Verkehrsaufkommen sind gesundheitliche Belastungen von Anwohnerinnen und Anwohnern besonders hoch. Feinstaub und Lärm können beispielsweise zu Atemwegs- und Herz-KreislaufErkrankungen führen. Dies zeigen beispielsweise die Auswertungen der bundesweit repräsentativen Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit (GerES) des Umweltbundesamtes (UBA). Die Auswertungen von GerES IV des UBA (2003 bis 2006) lassen zudem unterschiedliche körperliche Schadstoffbelastungen der Kinder und Jugendlichen in Abhängigkeit vom Sozialstatus der Familien erkennen. Auch zeigen sich soziale Unterschiede in Hinblick auf die Innenraumbelastungen und die Verwendung von Haushaltsprodukten, die nicht nur die Umwelt belasten, sondern auch gesundheitliche Risiken bergen können. Sozial schlechter gestellte Kinder sind tendenziell stärker belastet, mit einigen Schadstoffen sind jedoch die besser gestellten Kinder stärker belastet (Becker et al. 2007; Bunge, Katzschner 2009). Der Zusammenhang zwischen niedrigem Sozialstatus und höheren Umweltbelastungen bildet sich auch räumlich ab. In sozial benachteiligten Stadtquartieren sind Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme oftmals besonders hoch. Diese Gebiete sind unter anderem durch Lärm, Luftschadstoffe und soziale Problemlagen mehrfach belastet. Häufig sind sie auch schlechter mit Grünflächen versorgt. Dies sind Orte der Erholung, Bewegung und Begegnung mit wichtigen ökologischen und klimatischen Funktionen. Die soziale Ungleichverteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen und -ressourcen wird in Deutschland unter dem Begriff Umweltgerechtigkeit diskutiert (unter anderem Bolte et al. 2012). Umweltgerechtigkeit ist ein Querschnittsthema, das vor allem die Bereiche Umwelt, Gesundheit/Gesundheitsförderung, Soziales, Verkehr und Stadtentwicklung/Stadt- und Raumplanung betrifft und diese miteinander verbindet. Integrierte Handlungskonzepte für mehr Umweltgerechtigkeit zielen darauf, gesunde Umweltverhältnisse für und mit allen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Lage zu schaffen und damit bestmögliche umweltbezogene Gesundheitschancen für alle herzustellen. Das Thema Umweltgerechtigkeit ragt damit in viele Politikfelder und Strategien hinein: von der nachhaltigen Stadtentwicklung über kommunale Klimaschutzkonzepte über die Gesunde und Soziale Stadt bis zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention. Aktivitäten des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes Das Bundesumweltministerium (BMU) und das Umweltbundesamt (UBA) haben das Thema Umweltgerechtigkeit im Jahr 2006 aktiv aufgegriffen. Schwerpunkte liegen in der Bestandsaufnahme, der Forschungsförderung sowie der Entwicklung von Umsetzungsstrategien. Das BMU und das UBA fördern außerdem regelmäßig Projekte von Umwelt- und Gesundheitsverbänden. Öffentlichkeitsarbeit sowie die nationale und internationale Vernetzung der Akteure zu Umweltgerechtigkeit sind weitere wichtige Aufgaben. Im Herbst 2008 haben das BMU und das UBA gemeinsam mit der Universität Bielefeld die erste bundesweite Fachtagung zu Umweltgerechtigkeit durchgeführt (Hornberg, Pauli 2009). Derzeit fördern das BMU und UBA ein transdisziplinäres Forschungsprojekt des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu), in dem konkrete Umsetzungsschritte zur Schaffung von Umweltgerechtigkeit auf kommunaler Ebene erprobt werden (Böhme 2016). Ziel ist, die sozialräumliche Konzentration gesundheitlich relevanter Umweltbelastungen zu vermeiden und abzubauen sowie einen sozialräumlich gerechten Zugang zu Umweltressourcen (zum Beispiel Grünräume) zu gewährleisten (siehe weiter unten). 38 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Beschlüsse der Umweltministerkonferenz zu Umweltgerechtigkeit Im Jahr 2016 haben die Umweltministerkonferenzen (UMK) der Länder mit Beteiligung des Bundes mehrere Beschlüsse zu Umweltgerechtigkeit gefasst. Die Länder und der Bund vereinbarten die Entwicklung eines strategischen Gesamtkonzeptes sowie die Erarbeitung von Leitlinien zur konkreten Umsetzung von mehr Umweltgerechtigkeit. Zur Umsetzung der UMK-Beschlüsse fand im Juni 2017 mit Unterstützung des Difu im BMU ein erstes Fachgespräch statt. Vertreterinnen und Vertreter des Bundes, der Länder, der Kommunen, von Umweltverbänden und weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen diskutierten über prioritäre Handlungsfelder und ein gemeinsames Agenda-Setting (Difu, BMUB, UBA 2017). Umweltgerechtigkeit in der Stadtentwicklungspolitik Die Reduzierung umweltbedingter Mehrfachbelastungen wird zunehmend als explizites Ziel in der Stadtentwicklung formuliert. Dies zeigt sich vor allem im Rahmen des BundLänder-Förderprogramms Soziale Stadt, welches Gebiete mit komplexen Problemlagen und erhöhten Integrationsanforderungen in den Blick nimmt. Seit vielen Jahren gehören Investitionen in Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfelds zum Förderkatalog der Sozialen Stadt. Damit wird das Thema Umweltgerechtigkeit seit langem implizit in der Sozialen Stadt verfolgt. In einer Studie des BMUB aus den Jahren 2015/2016 wurden bundesweit in den Programmgebieten der Sozialen Stadt gute Beispiele identifiziert, bei denen Maßnahmen zum Umwelt-, Natur-, Klimaschutz und zur Klimaanpassung bereits umgesetzt wurden und im Sinne der Verbesserung von Umweltgerechtigkeit wirken. Die Maßnahmen und Projekte reichen von der Verbesserung des Lärmschutzes über die Qualifizierung von Grünräumen und Gewässern sowie die Schaffung von Gemeinschaftsgärten bis hin zum Hitzeschutz (BMUB 2016). Um der Reduzierung umweltbedingter Mehrfachbelastungen im Programm Soziale Stadt noch mehr Gewicht zu verleihen, wurde Umweltgerechtigkeit 2016 explizit in die Verwaltungsvereinbarung zur Städtebauförderung aufgenommen. Dadurch können Maßnahmen zur „Erhöhung von Umweltgerechtigkeit“ über das Programm Soziale Stadt gezielt gefördert werden (VV StBauF 2016, Art. 4, Abs. 5). Dass in Initiativen und Förderprogrammen des Bundes die integrierte Betrachtung an Bedeutung gewonnen hat, zeigt sich auch im Weißbuch Stadtgrün des BMUB. Das Weißbuch führt Maßnahmen auf, mit denen der Bund im Rahmen seiner Zuständigkeit Kommunen bei der Stärkung urbaner grüner Infrastruktur unterstützen kann. Auch hier setzt der Bund einen Schwerpunkt auf „Stadtgrün sozial verträglich und gesundheitsförderlich entwickeln“ (BMUB 2017). 2017 wurde darüber hinaus das neue Bund-Länder-Programm der Städtebauförderung Zukunft Stadtgrün aufgelegt. Die Bundesfinanzhilfen werden Ländern und Kommunen für Maßnahmen zur Verbesserung der urbanen grünen Infrastruktur bereitgestellt. Die Maßnahmen sollen unter anderem einen Beitrag zur Lebens- und Wohnqualität sowie zur gesellschaftlichen Teilhabe leisten. Sie sollen explizit der Erhöhung der Umweltgerechtigkeit dienen, „(…) insbesondere durch eine gerechte Verteilung qualitativ hochwertigen Stadtgrüns (…)“ (ErgVV StBauF 2017: 4). Umweltgerechtigkeit auf europäischer Ebene Auf europäischer Ebene widmen sich die Konferenzen der Umwelt- und Gesundheitsminister und -ministerinnen der europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausdrücklich dem Thema Umweltgerechtigkeit. Bei der sechsten Ministerkonferenz im Jahr 2017 haben die Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedstaaten erneut hervorgehoben, dass sozial benachteiligte und anfällige Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig stark von Umweltzerstörung und Umweltbelastungen betroffen sind und sich bestehende Ungleichheiten dadurch noch verschärfen (WHO Europe 2017). Vor diesem Hintergrund hat die WHO Europa gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Mitgliedstaaten ein Projekt zur Harmonisierung des Monitorings zu sozialer Ungleichheit bei Umwelt und Gesundheit auf europäischer Ebene durchgeführt (WHO Europe 39 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2012). Es zeigte sich, dass in allen Mitgliedstaaten die Umweltrisiken sozial ungleich verteilt sind. Die Projektergebnisse weisen zudem auf Datenlücken und den Forschungsbedarf hinsichtlich einer integrierten Berichterstattung zu Umwelt, Gesundheit und sozialer Lage hin. Eine erneute Bestandsaufnahme ist im Jahr 2018 geplant. Bundesweite Bedeutung des Modellvorhabens „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ Das Modellvorhaben „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hat sich des Forschungsbedarfs in Bezug auf integrierte Berichterstattungssysteme zu Umwelt, Gesundheit und Sozialem angenommen. Der neue methodische Ansatz zur integrierten Berichterstattung von Umwelt, Gesundheit, Sozialem und Stadtentwicklung ermöglicht die Identifizierung von mehrfach belasteten Gebieten. So kann ermittelt werden, wo soziale und umweltbezogene Belastungsschwerpunkte liegen und wo Verbesserungen am dringendsten notwendig sind. Der Monitoringansatz bietet eine wichtige Entscheidungsgrundlage für integrierte Konzepte, die Stadt-, Verkehrs- und Umweltplanung verbinden und die soziale Dimension ausreichend berücksichtigen. Das UBA hat das Berliner Vorhaben von Beginn an fachlich unterstützt. Es nimmt eine bundesweite Vorreiterrolle ein und hat auch für andere städtische Regionen national und international wegweisende Bedeutung. Handlungsempfehlungen für die kommunale Praxis des Difu und UBA Auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen und ersten Ergebnisse des Berliner Modellvorhabens zu Umweltgerechtigkeit haben das BMUB und UBA von Januar 2012 bis September 2014 das Forschungsprojekt „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) gefördert. Ausgangslage war, dass bislang in den Kommunen Strategien fehlen, die auf „„Vermeidung und Abbau der sozialräumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen und „„Gewährleistung eines sozialräumlich gerechten Zugangs zu Umweltressourcen ausgerichtet sind. Das Forschungsvorhaben des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) untersuchte, wie eine integrierte Betrachtung von Umwelt, Gesundheit, Sozialem und Stadtentwicklung als Planungs- und Entscheidungsgrundlage in der kommunalen Praxis verankert werden kann (UBA 2015, vergleiche auch Beitrag von Böhme/Preuß). Die im Forschungsprojekt „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ entwickelten Handlungsempfehlungen werden seit Ende 2015 im Forschungs-Praxis-Projekt „Umsetzung einer integrierten Strategie zu Umweltgerechtigkeit – Pilotprojekt in deutschen Kommunen“ des Difu auf ihre Eignung überprüft. Das ebenfalls vom BMUB und UBA geförderte Projekt unterstützt die drei Pilotkommunen Kassel, Marburg und München bei der Umsetzung zentraler Elemente des strategischen Ansatzes zu Umweltgerechtigkeit. Die Ämter beziehungsweise Dezernate, die in diesen Städten für die Bereiche Umwelt/Grün, Stadtentwicklung/-planung, Gesundheit, Jugend und Soziales zuständig sind, werden bis Herbst 2018 gemeinsam Strategien und Handlungskonzepte entwickeln sowie erste Maßnahmen umsetzen. Übertragbare Erkenntnisse aus der modellhaften Umsetzung werden in einer webbasierten Toolbox „Umweltgerechtigkeit vor Ort“ anschaulich aufbereitet mit dem Ziel, sie für die Arbeit in allen Kommunen nutzbar zu machen (Böhme 2016). Ausblick Durch die Konzentration der Bevölkerung und der Infrastrukturen in den Städten wird urbaner Umweltschutz zu einem immer wichtigeren Thema. In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, das Thema Umweltgerechtigkeit noch stärker mit den Herausforderungen, denen sich die Kommunen aktuell stellen müssen, zu verknüpfen und nicht als „Konkurrenzthema“ zu behandeln. Umweltgerechtigkeit erfordert das gemeinsame Handeln zahlreicher Politikbereiche und eines breit gefächerten Kreises von Akteuren. Umwelt-, Gesundheits-, Sozial-, Verkehrs-, Stadtentwicklungs- und Verbraucherschutzpolitik sind ebenso wie Umwelt-, Gesundheitsund Sozialverbände wichtige Partner bei der Weiterentwicklung des Politik- und Praxisfeldes Umweltgerechtigkeit. 40 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Der Bund wird verstärkt dazu beitragen, die relevanten Akteure miteinander zu vernetzen sowie integrierte Handlungsstrategien zu entwickeln und systematisch umzusetzen. Das vom BMU und UBA geförderte Forschungs-Praxisprojekt „Umsetzung einer integrierten Strategie zu Umweltgerechtigkeit – Pilotprojekt in deutschen Kommunen“ des Difu kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Die im Rahmen des Projekts entwickelte Toolbox „Umweltgerechtigkeit vor Ort“ bietet den Kommunen ein umfangreiches Angebot an praxisnahen Hilfestellungen, um Umweltungerechtigkeit auf kommunaler Ebene wirkungsvoll gegensteuern zu können. Literatur Becker K, Müssig-Zufika M, Conrad A, Lüdecke A, Schulz C, Seiwert M, Kolossa-Gehring M (2007): Kinder-Umwelt-Survey 2003/06 – KUS – Humanbiomonitoring. Stoffgehalte in Blut und Urin der Kinder in Deutschland. WaBoLu-Heft 01/07, Umweltbundesamt, Dessau/Berlin. BMUB (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) (Hrsg.) (2017): Weißbuch Stadtgrün. Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin. BMUB (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) (Hrsg.) (2016): Umweltgerechtigkeit in der Sozialen Stadt. Gute Praxis an der Schnittstelle von Umwelt, Gesundheit und sozialer Lage. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin. Böhme C (2016): Forschungs-Praxis-Projekt zu Umweltgerechtigkeit. Difu-Berichte 1: 12. Bolte G, Bunge C, Hornberg C, Köckler H, Mielck A (2012): Umweltgerechtigkeit durch Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit. Eine Einführung in die Thematik und Zielsetzung dieses Buches. In: Bolte G, Bunge C, Hornberg C, Köckler H, Mielck A (Hrsg.): Umweltgerechtigkeit. Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit: Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven. Hans Huber, Bern: 15-37. Bunge C, Katzschner A (2009): Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. Studien zur sozialen Ungleichheit gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen. Umwelt & Gesundheit 2/2009, Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau. Difu, BMUB, UBA (2017): Fachgespräch „Leitlinien und Handlungsempfehlungen für mehr Umweltgerechtigkeit“, 16. Juni 2017 im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Dokumentation. Berlin. ErgVV StBauF (2017): Ergänzende Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung 2017 über die Gewährung von Finanzhilfen des Bundes an die Länder nach Artikel 104b des Grundgesetzes zur Förderung städtebaulicher Maßnahmen vom 29.3.2017/ 26.9.2017. Hornberg C, Pauli A (Hrsg.) (2009): Umweltgerechtigkeit – die soziale Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen. Dokumentation der Fachtagung vom 27.-28. Oktober 2008 in Berlin. Erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorschutz und des Umweltbundesamtes. Universität Bielefeld. UBA (Umweltbundesamt) (Hrsg.) (2015): Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum – Entwicklung von Strategien und Maßnahmen zur Minderung sozial ungleich verteilter Umweltbelastungen (Abschlussbericht). Autor/-innen: Böhme C, Preuß T, Bunzel A, Reimann B, Seidel-Schulze A, Landua D. Umwelt & Gesundheit 01/2015, Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau. VV StBauF (2016): Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung 2016 über die Gewährung von Finanzhilfen des Bundes an die Länder nach Artikel 104b des Grundgesetzes zur Förderung städtebaulicher Maßnahmen vom 18.12.2015/15.3.2016. WHO (World Health Organization) Europe (2017): Declaration of the Sixth ministerial conference on environment and health. WHO, Copenhagen. WHO (World Health Organization) Europe (2012): Environmental health inequalities in Europe. Assessment report. WHO, Copenhagen. 41 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.4 Gesundheit und Umwelt – Der Beitrag der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zu einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik im Land Berlin Die Themen Umweltgerechtigkeit und Urban Health gewinnen auf europäischer und internationaler Ebene zunehmend an Bedeutung. Die Umsetzung im Rahmen einer nachhaltig gesundheitsfördernden Stadtentwicklung und Umweltpolitik – mit einer ganzheitlichen Sicht auf die primären Lebensbedürfnissen der Bürger/-innen – erfordert das Zusammenwirken vieler Akteure in der Stadt, unterschiedlicher Ressorts und eine Kultur der Beteiligung und Mitwirklungen der Bewohner/-innen in den Quartieren. Um eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik voranzubringen und die Gesundheit und Lebensqualität in den Berliner Quartieren zu verbessern, fand am 26. Juni 2017 im Abgeordnetenhaus von Berlin die Veranstaltung „Berlin soll mobiler, sicherer, gesünder und klimafreundlicher werden“ statt. Vor diesem Hintergrund wurden die zuständigen Abteilungen beziehungsweise Fachreferate der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz um eine fachliche Stellungnahme zum umweltbezogenen Gesundheitsschutz sowie zum Themenfeld „Gesundheitspolitik als Querschnittsaufgabe“ gebeten. Die gesundheitsorientierten Stellungnahmen der einzelnen Bereiche verdeutlichen die hohe Bedeutung, die der umweltbezogene Gesundheitsschutz im Ressort Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereits jetzt einnimmt. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Abteilung I – Umweltpolitik (Sozialräumliche Umweltpolitik) Hintergrund Menschen mit geringem Einkommen und niedriger Bildung sind in Deutschland oft höheren Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme ausgesetzt als Menschen, die sozial besser gestellt sind. Sie wohnen oft an stark befahrenen Straßen und sind besonders häufig von Lärm und Luftverschmutzungen betroffen. Dies zeigen beispielsweise die Auswertungen der repräsentativen Umwelt-Surveys des Umweltbundesamtes (UBA). Die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen und -ressourcen sowie die gesundheitlichen Folgen stehen im Fokus des Themenfeldes „Umweltgerechtigkeit“, das auf die Vermeidung und den Abbau der sozialräumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen sowie die Gewährleistung eines sozialräumlich gerechten Zugangs zu Umweltressourcen ausgerichtet ist. Umweltgerechtigkeit verfolgt auf diese Weise das Ziel, umweltbezogene gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden und zu beseitigen sowie bestmögliche umweltbezogene Gesundheitschancen herzustellen. Umweltgerechtigkeit beschreibt damit einen gewünschten Zustand, der in der Regel Handlungsbedarf impliziert, und nimmt Bezug auf das „Schutzgut“ Mensch sowie die Verwirklichung des im Grundgesetz verankerten Grundsatzes der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ (Art. 72, Abs. 2). Der Begriff verbindet dadurch klassische Ziele des gesundheitsbezogenen Umweltschutzes mit dem aus dem Gleichheitsgrundsatz und dem Sozialstaatsprinzip abgeleiteten Ziel eines sozial gerechten Zugangs zu einer möglichst gesunden Lebensumwelt. Umweltgerechtigkeit kann daher im Sinne einer integrierten Strategie für die Politikbereiche Umwelt, Gesundheit und Soziales nutzbar gemacht werden. Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Grundlage für eine gesundheitsorientierte sozialräumliche Stadtentwicklungs- und Umweltpolitik Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit sind aufs engste miteinander verknüpft und betreffen vor allem die Metropolenräume. Das Land Berlin steht angesichts des starken Bevölkerungswachstums vor immensen Herausforderungen. Die Stadtentwicklungspolitik muss neu ausgerichtet und mit der Umwelt- und Klimaschutzpolitik Berlins verzahnt werden. Soziale und ökologische Aspekte müssen stärker als bisher zum Ausgleich gebracht werden. Die Lebensqualität in den Quartieren ist sehr unterschiedlich. denn in vielen Teilgebieten der Hauptstadt sind die Belastungen durch Umweltverschmutzung und Lärm ungleich verteilt. Menschen mit niedrigerem Einkommen leben oft in stärker belasteten Gebieten und haben weniger Grün in ihrem Wohnumfeld. Um das sozialraumorientierte Verwaltungshandeln in den Teilräumen der Hauptstadt zu stärken, hat das Land Berlin bundesweit als erster Metropolenraum die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption erarbeitet, um durch integrierte Strategien den ökologischen 42 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Umbau voranzubringen und gesunde Lebens- und Wohnbedingungen für alle zu schaffen. Umweltgerechtigkeit ist der Brückenschlag zwischen Stadtentwicklungs-, Umwelt- und Gesundheitspolitik und wird somit zu einer Facette sozialer Gerechtigkeit, um benachteiligte Teilräume stadtverträglich zu gestalten. Die neue Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption Fragen zu Umweltgerechtigkeit gewinnen auch vor dem Hintergrund des Klimawandels und steigender sozialer Ungleichheit an Bedeutung. Gerade in innerstädtischen Gebieten der Hauptstadt, in denen sich oftmals hohe Umweltbelastungen und soziale Problemlagen konzentrieren, werden die negativen gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels – beispielsweise durch Hitzeperioden – zunehmen. Hier sind Lösungen gefragt, die Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Gesundheitsschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden. Um das sozialraumorientierte Verwaltungshandeln in den Teilräumen der Hauptstadt zu stärken und Grundlagen für eine Neuausrichtung der Umweltpolitik bereitzustellen, hat das Land Berlin bundesweit als erster Metropolenraum die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption erarbeitet. Dies ist die Basis für integrierte Strategien, um den ökologischen Umbau voranzubringen und gesunde Lebens- und Wohnbedingungen für alle zu schaffen. Der gesundheitsorientierte Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz ist der Brückenschlag zwischen Stadtentwicklungs-, Umwelt- und Gesundheitspolitik und wird somit zu einer Facette sozialer Gerechtigkeit, um benachteiligte Teilräume in der Hauptstadt stadtverträglich zu gestalten. Umsetzung in den Quartieren der Hauptstadt Die neue Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption ist als Umsetzungs-Roadmap ein wesentlicher Baustein für die ökologische und soziale Ausgestaltung der wachsenden Hauptstadt. Sie soll dazu beitragen, Quartiere und deren Potenziale zu stärken und ungleiche Lebensbedingungen weiter abzubauen. Voraussetzung für den Abbau und die Vermeidung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen ist zunächst eine kleinräumige Bestandsaufnahme der Umweltsituation, in der die gesundheitsrelevanten Kernthemen, insbesondere Lärm, Luftschadstoffe, bioklimatische Belastung, Grünflächen, Sozialstruktur, Städtebau, unter anderm untersucht und gesundheitlich gewichtet werden. Notwendig hierfür ist ein Monitoringansatz, der Daten zu relevanten Indikatoren für die Beschreibung des Umweltzustands sowie der sozialen und gesundheitlichen Lage der Bewohnerinnen und Bewohner umfasst und damit Aspekte von Umweltgerechtigkeit abbilden kann. Hierdurch werden erstmalig Gebiete mit Mehrfachbelastungen identifiziert, transparent und nachvollziehbar dargestellt. Dieses neue Indikatorenset für die 447 Quartiere der Hauptstadt liegt inzwischen vor. Zusammenfassung und Ausblick Der Ansatz der Umweltgerechtigkeit bietet eine wichtige Grundlage für eine sozial und ökologisch gerechte Stadtentwicklung – gerade in Quartieren mit schwierigen sozioökonomischen Bedingungen. Das neue Leitbild „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ ist eine wichtige stadtentwicklungsplanerische und umweltpolitische Strategie zur Überwindung ungleicher Lebensbedingungen in den Quartieren der Hauptstadt. Umweltgerechte Stadtund Quartiersentwicklung erfordert handlungsorientierte Lösungsansätze, um den sozialen Zusammenhalt zu gestalten und das zivilgesellschaftliche Engagement weiterzuentwickeln und zu fördern. Vor diesem Hintergrund soll der neue Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz zunächst im Rahmen von Modellvorhaben in den einzelnen Bezirken der Stadt umgesetzt werden. Partizipation beziehungsweise neue Formen der Bürgerbeteiligung spielen hierbei eine zentrale Rolle. Aktive Nachbarschaften, lebendige Kieze und stabile Sozialstrukturen sind Voraussetzungen für die Herstellung von mehr umweltbezogener Gerechtigkeit in den Quartieren Berlins. Nur durch das Zusammenwirken vieler Akteure auf politischer, wissenschaftlicher, zivilgesellschaftlicher und Verwaltungsebene wird es möglich sein, das neue Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ dauerhaft in der Stadtentwicklung und Umweltplanung zu verankern. Dies fördert den sozialen Zusammenhalt in den Stadtquartieren und trägt zur Gesundheit der Bevölkerung sowie zum Klima- und Ressourcenschutz bei. 43 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Abteilung I – Umweltpolitik (Immissionsschutz) In Berlin – wie auch in anderen Ballungsräumen – ist der Kraftfahrzeugverkehr Hauptverursacher von gesundheitsschädlichen Luftschadstoff- und Lärmemissionen. Bekannt ist, dass hohe Luftschadstoffbelastungen zu Atemwegs- sowie zu Herz- und Kreislauf-Erkrankungen führen können. Rußpartikel können zudem kanzerogen wirken, weil sie so klein sind, dass sie nicht nur in die Lunge, sondern sogar bis in die Blutbahn gelangen. Dauerhaft hohe Lärmpegel, wie sie insbesondere durch den Kraftfahrzeugverkehr verursacht werden, können auch zu Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems führen und erhöhen damit signifikant das Risiko für Bluthochdruck oder für einen Herzinfarkt. Auch wenn in den vergangenen Jahren deutliche Verbesserungen der Belastungssituation erreichbar waren, stellt der Schutz der Bevölkerung vor diesen negativen Folgen des Verkehrs weiter eine Daueraufgabe der Verkehrsentwicklungsplanung dar. Hinsichtlich der Luftschadstoffbelastung enthalten Richtlinien der EU verbindlich einzuhaltende Grenzwerte, die zum Schutz der menschlichen Gesundheit festgesetzt wurden. Relevante Luftschadstoffe sind in Berlin insbesondere der Feinstaub (PM10) und das Stickstoffdioxid. Die Feinstaubbelastung konnte in den letzten Jahren reduziert werden, vor allem durch die Maßnahmen unseres Hauses, wie zum Beispiel durch die Umweltzone, die Nachrüstung aller BVG-Busse mit Dieselrußfiltern und zusätzliche Anforderung an den Partikelausstoß von Baumaschinen, die auf Baustellen der öffentlichen Hand zum Einsatz kommen. Dadurch wurde erreicht, dass fast alle Diesel-Kfz und eine zunehmende Anzahl von Baumaschinen einen Dieselpartikelfilter haben, so dass die Feinstaubgrenzwerte in den letzten Jahren auch an den Berliner Hauptverkehrsstraßen weitgehend eingehalten werden und die Belastung an krebserregendem Dieselruß dadurch um mehr als die Hälfte zurückging. Aktuell im Fokus steht die Stickstoffdioxidbelastung. Der Jahresgrenzwert von 40 µg/m3 wird an vielen Berliner Hauptverkehrsstraßen deutlich überschritten, zum Teil um mehr als 50 Prozent. Mehr als 30.000 Berlinerinnen und Berliner wohnen derzeit in solch hochbelasteten Straßenabschnitten. Auch die strategischen Lärmkarten zeigen, dass hohe Lärmbelastungen an vielen Abschnitten des Hauptverkehrsstraßennetzes vorliegen. Viele Anwohner sind Lärmpegeln ausgesetzt, die die von der Lärmwirkungsforschung ermittelten gesundheitsrelevanten Schwellwerte von 65 dB(A) tags und 55 dB(A) nachts um bis zu 15 dB(A) überschreiten (im Nachtzeitraum sind es 300.00 Anwohner im Bereich des Hauptstraßennetzes). Um eine schnelle Minderung dieser hohen Belastungen zu erreichen, sind Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen erforderlich. Zunächst ist die EU gefragt, die die Vorgaben für fahrzeugbedingte Emissionen und deren Einhaltung über das Zulassungsrecht festsetzt. Leider werden die bestehenden technischen Möglichkeiten nur unzureichend genutzt, wie es die Grenzwertsetzung für Geräuschkennwerte für Fahrzeuge und Reifen zeigt. Auch werden restriktivere Vorgaben durch Manipulationen an den Abgasminderungssystemen von Diesel-Kfz durch Kfz-Hersteller ausgehebelt, was aufgrund mangelnder Kontrollen der realen Fahremissionen bereits zugelassener Fahrzeuge möglich war, aber leider durch die zuständigen Bundesbehörden weitestgehend unterblieb. Das hat dazu geführt, dass Diesel-Pkw der neuesten Generation im realen Fahrbetrieb kaum weniger Stickstoffoxide ausstoßen als ältere Fahrzeuge. Das wird sich durch neue europäische Abgasvorschriften, die erstmals die Schadstoffemissionen im realen Fahrbetrieb berücksichtigen, zwar verbessern, aber erst nach 2020, weil die Vorschriften erst dann für die Automobilindustrie verpflichtend einzuhalten sind. Um schnell und wirksam handeln zu können, wird derzeit der Luftreinhalteplan für Berlin für den Zeitraum 2018 bis 2025 fortgeschrieben. Hierbei werden auch verschiedene Optionen für Dieselfahrverbote geprüft. Um Fahrverbote gezielt auf Fahrzeuge mit hohem Schadstoffausstoß beschränken zu können, setzt sich Berlin auf Bundesebene für eine Blaue Plakette ein, die nur Dieselfahrzeuge bekommen sollen, die die Euro-6-Grenzwerte auch im realen Verkehr einhalten. Denn nur mit einer solchen Kennzeichnung lassen sich Fahrverbote wirksam kontrollieren. Darüber hinaus machen wir uns für technische Lösungen stark, mit denen der Stickoxidausstoß bereits zugelassener Dieselfahrzeuge merklich gesenkt werden kann. Intensive Gespräche auf allen Ebenen werden hoffentlich dazu bei- 44 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 tragen, dass die Bundesregierung die Plaketten- und Nachrüstungsregelung bald auf den Weg bringt, verbunden mit einem bundesweiten Förderprogramm für die Nachrüstung, zu dem auch die Automobilindustrie beitragen und ihrer Verantwortung als Produkthersteller Rechnung tragen muss. Natürlich müssen und können auch wir als Kommune Maßnahmen entwickeln und umsetzen, mit denen der Verkehr sauberer, leiser und klimafreundlicher wird. Hier geht es vorrangig um die Förderung des ÖPNV und der leisen und sauberen Verkehrsträger Fuß- und Radverkehr. Es sind aber auch Maßnahmen der Verkehrslenkung, des Straßenrückbaus (zum Beispiel Rückbau einer Kfz-Spur zu Gunsten des Radverkehrs) möglich. Eine Geschwindigkeitsreduzierung (in der Regel auf 30 Kilometer pro Stunde) ist eine sehr effektive, kostengünstige und kurzfristig umsetzbare Maßnahme, die die Lärmbelastung hörbar senkt und auch den Ausstoß der verkehrsbedingten Luftschadstoffe reduzieren hilft, wenn es gleichzeitig gelingt, den Verkehr flüssig zu halten und Brems- und Beschleunigungsvorgänge möglichst zu vermeiden. Da technische Maßnahmen am Fahrzeug und die Erneuerung der Fahrzeugflotte hin zum emissionsfreien und lärmarmen Elektroantrieb nur mittel- und langfristig wirken, können wir in Hauptverkehrsstraßen mit der höchsten Luft- und Lärmbelastung auf diese Maßnahme nicht verzichten. Wichtig ist es, dabei einen integrativen Ansatz zu verfolgen, die Belange des Verkehrs und des Immissionsschutzes müssen gleichermaßen Berücksichtigung finden. Um diese Balance sicherzustellen, werden die Belange der Luftreinhaltung und des Lärmschutzes in den derzeit in Bearbeitung befindlichen Stadtentwicklungsplan Verkehr integriert. Die Fachplanungen entwickeln auf dieser Basis konkrete Maßnahmenstrategien, mit deren Umsetzung eine signifikante Verbesserung der Immissionssituation und damit eine Reduzierung der gesundheitlichen Beeinträchtigungen möglich werden. Abteilung II – Integrativer Umweltschutz „„Wasserwirtschaft ist ein wesentlicher Akteur im Bereich des gesundheitsbezogenen Umweltschutzes. „„Zusammenhänge zwischen Wasserwirtschaft/Gewässerschutz und Schutz der Gesundheit sind evident – in Gewässern wird gebadet, aus den Gewässern (Oberflächengewässern und Grundwasser) wird das Trinkwasser gewonnen. „„Katastrophale hygienische Zustände im auslaufendem 19. Jahrhundert bis teilweise rein ins 20. Jahrhundert gehören dank der umfassenden Investitionen in die Abwasserinfrastruktur (Abwassersammlung, Kläranlagen) und in die Trinkwasserversorgung/ Schutz der Ressourcen der Vergangenheit an; die Bedeutung der aktuellen Wasserinfrastrukturen für die Sicherung sicherer hygienischer Zustände gerät oftmals in Vergessenheit. „„Das aktuelle Schutzniveau für die Trinkwasserversorgung ist hoch, dank eines umfassenden Gewässerschutzes und dem Schutz der Fassungsbereiche der Trinkwasserbrunnen durch Wasserschutzgebietsverordnungen. „„Ebenso sind die hygienischen Zustände in den ausgewiesen Badegewässern überwiegend gut bis sehr gut. Kurzzeitige Belastungen unter anderem durch Mischwasserüberläufe an Badestellen der Unterhavel sind keine gesundheitliche Katastrophe, sollten wir aber im Blick behalten. „„Neu ist die Debatte um die gesundheitliche Bedeutung von Spurenstoffen im Trinkwasser, also von Stoffen, die explizit nicht in der Trinkwasserverordnung geregelt sind (unter anderem Arzneimittel), die aber dank neuer Analysemethoden zunehmend im Trinkwasser detektiert werden, wenn auch nur in Spuren. „„Im Berliner Trinkwasser werden Spurenstoffe detektiert, diese gelangen über den Pfad Kläranlage-Gewässer-Uferfiltration-Rohwasser ins Trinkwasser; wobei die Konzentrationsbereiche je nach Klarwasseranteil (Anteil geklärtes Abwasser im Rohwasser) sehr stark variieren. „„Die Frage nach der gesundheitlichen Relevanz stellt sich und ist kaum zufriedenstellend zu beantworten. Das Umweltbundesamt ist bemüht, durch die Bereitstellung von gesundheitlichen Orientierungswerten für detektierte Stoffe eine Bewertungsgrundlage den Ländern an die Hand zu geben. „„Im Sinne der Vorsorge sind aber Maßnahmen geboten, die Belastungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren, sofern technisch und wirtschaftlich vertretbar. 45 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 „„Die spezifisch hohe Belastungssituation in Berlin ist daher Anlass für die Aufstellung einer Spurenstoffstrategie, diese erfolgt aufgrund der übergreifenden Zuständigkeiten in enger Zusammenarbeit zwischen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und den Berliner Wasserbetrieben. „„Mit Hilfe der Strategie werden die maßgeblichen Belastungsschwerpunkte und Handlungsfelder zur Minderung der Belastung in Berlin mit den oben genannten Schwerpunkten dokumentiert. Als erste konkrete Konsequenz aus der Situation heraus wird das Klärwerk Schönerlinde mit einer Anlage zur Spurenstoffelimination ausgerüstet. „„Den Eintrag von pathogenen Keimen in ausgewiesene Badegewässer weiter zu mindern, ist auch ein Mitnahmeeffekt aktueller Maßnahmen und Programme der Wasserwirtschaft; der Bau von Mischwasserspeichern trägt so unter anderem auch zum Gesundheitsschutz bei: Die Unterhavel mit ihren Badestellen wird entlastet, auch wenn es in den Programmen primär um Ökologie geht, derartige Synergien sind typisch für wasserwirtschaftliche Maßnahmen und steigern zusätzlich die Effizienz der Maßnahmen. Hintergrund Zusammenhänge zwischen Wasserwirtschaft/Gewässerschutz und Schutz der Gesundheit (Schutz der Trinkwasserressourcen, Schutz der Badegewässer) Themenblock: Schutz der Trinkwasserressourcen Strategisches Handlungsfeld der Wasserwirtschaft Schutz der Gewässerökosysteme und der Trinkwasserressourcen Schwerpunkt mit Bezug zum Gesundheits- Schutz der Trinkwasserressourcen resp. schutz des Trinkwassers vor Spurenstoffen Operatives Instrument Erarbeitung einer Spurenstoffstrategie für Berlin (aktuell in Bearbeitung) Maßnahmen (vorrangig) Minderung der Emissionen aus Kläranlagen durch weitergehende Verfahrensstufe (Ozonung, Aktivkohle) Ein wesentlicher Bestandteil des Schutzes der Gewässerökosysteme und der Trinkwasserressourcen ist die Verringerung des Eintrags von umweltrelevanten chemischen Substanzen. Spurenstoffe in Gewässern haben ihre Ursache in einem breiten Anwendungs- und Gebrauchsverhalten in nahezu allen Lebensbereichen und gelangen über verschiedene Eintragspfade in die Gewässer. Kommunale Kläranlagen stellen als Endpunkt von Abwassersammel- und -ableitsystemen eine wesentliche Eintragsquelle verschiedenster Spurenstoffe dar. Aus Haushalten, Industrie, Gewerbe und Regenwasser gelangen vor allem Humanarzneimittel, Röntgenkontrastmittel, Haushaltschemikalien, synthetische Duftstoffe, Komplexbildner, Biozide, Korrosionsschutzmittel, Flammschutzmittel und weitere Industriechemikalien in die Kanalisation und somit in die kommunalen Kläranlagen. Weitere stoffspezifische Eintragspfade sind Regenwassereinleitungen und Mischwasserüberläufe. Vor dem Hintergrund der besonderen naturräumlichen und wasserwirtschaftlichen Ausgangslage ist die Belastung der Gewässer mit Spurenstoffen in Berlin von besonderer Bedeutung. Die regional enge Koppelung von Abwassereinleitungen, Oberflächenwasser, Grundwasser und Trinkwasserversorgung führt zu teilgeschlossenen Kreisläufen und stellt die Wasserwirtschaft Berlins vor besondere Herausforderungen bei der Erfassung und Bewertung von Risikopotenzialen und der Ableitung von Minderungsstrategien. Im Berliner Trinkwasser werden Spurenstoffe detektiert, wobei die Konzentrationsbereiche je nach Klarwasseranteil (Anteil geklärtes Abwasser im Rohwasser) im Rohwasser sehr stark variieren. Die höchsten Befunde mit Überschreitungen von gesundheitlichen Orientierungswerten werden/wurden im Wasserwerk Tegel gemessen. Die in einigen Gewässerabschnitten hohen Klarwasseranteile am Gesamtabfluss, insbesondere zu Niedrigwasserzeiten, führen zu hohen Befunden von Spurenstoffen in den betroffenen Oberflächengewässern. Die spezifisch hohe Belastungssituation in Berlin ist Anlass für die Aufstellung einer Spurenstoffstrategie. Die Erarbeitung der Berliner Spurenstoffstrategie erfolgt aufgrund der 46 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 übergreifenden Zuständigkeiten in enger Zusammenarbeit zwischen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und den Berliner Wasserbetrieben. Mit Hilfe der Strategie werden die maßgeblichen Belastungsschwerpunkte und Handlungsfelder zur Minderung der Belastung in Berlin mit den oben genannten Schwerpunkten dokumentiert. Diese dienen den unterschiedlichen Akteuren als Grundlage zur Vorbereitung und Begründung konkreter Maßnahmen. Die Fachöffentlichkeit sowie die interessierte Öffentlichkeit werden nach konsensualer Verabschiedung der Strategie über die Ergebnisse umfassend informiert. Als erste Anlage wird das Klärwerk Schönerlinde mit einer Anlage zur Spurenstoffminderung (Ozonungsanlage) ausgestattet. Themenblock: Schutz der Badegewässer Strategisches Handlungsfeld der Wasserwirtschaft (bedarfsweise) Schutz der Badegewässer Schwerpunkt mit Bezug zum Gesundheits- Schutz der Badegewässer vor zu hohen schutz Einträgen an pathogenen Keimen Operatives Instrument Gewässerschutzprogramme Maßnahmen (vorrangig) Maßnahmen auf Kläranlagen, Bau von Speicherräumen für den Rückhalt von Mischwasser, Errichtung von Bodenfiltern Die Minderung von Emissionen von mikrobiologisch-hygienisch relevanten Keimen aus wasserwirtschaftlichen Anlagen (Michwasserkanalisation, Regenwasserkanalisation, Kläranlagen) ist kein explizites Ziel und somit auch kein Bestandteil der Planung und der wasserrechtlichen Überwachung derartiger Anlagen. Maßgeblich ist der Schutz der Gewässer als Ökosystem und der Trinkwasserressourcen vor chemischen Belastungen. Dafür gibt es explizite wasserrechtliche Anforderungen und Regelwerke. Unstrittig ist, dass die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen auf den Klärwerken oder zum Mischwasserrückhalt, wenn auch nicht explizit darauf ausgerichtet, den Basisschutz für die Badegewässer Berlins garantieren und somit einen aktiven Beitrag für den Gesundheitsschutz von Badenden leisten. Analysen zeigen den Zusammenhang zwischen den Einträgen aus Kläranlagen und Mischwasserüberläufen zu den mikrobiologischen Befunden in abstromigen Badegewässern/ Gewässern auf. Zeitlich befristete Überschreitungen der Anforderungswerte der europäischen Badegewässerrichtlinie in der Unterhavel als Badegewässer ist ein Beleg dafür. Zur Begrenzung der Emissionen leistet das Mischwasserspeicherprogramm einen Beitrag. Sporadische Mischwasserüberläufe werden verringert. Durch gezielte Maßnahmen zum Rückhalt von Krankheitserregern auf dem Klärwerk Ruhleben (UV-Anlage) können die Emissionen weiter reduziert werden. Im Zuge der Nachrüstung von anderen Kläranlagen für die Spurenstoffelimination kann ein weiterer Beitrag zur Minderung der Emissionen von mikrobiologisch-hygienisch relevanten Keimen quasi synergetisch geleistet werden. Es zeigt sich, dass mit einer Ozonung eine signifikante Verbesserung hygienischer Parameter erzielt werden kann. Insofern leisten diese Technologien in doppelter Hinsicht einen aktiven Beitrag zum Gesundheitsschutz. Abteilung III – Naturschutz und Stadtgrün Stadtnatur vermindert nicht nur Umweltbelastungen, sondern begünstigt auch unmittelbar die physische und psychische Gesundheit der Menschen. Einige Beispiele aus der TEEB Studie „Ökosystemleistungen in der Stadt“ (https://www.ufz.de/export/data/global/ 190508_TEEB_DE_Stadtbericht_Langfassung.pdf) belegen das: „„Bereits der Blick auf Naturelemente ist mit positiven Wirkungen verbunden. So werden Patienten in Krankenzimmern schneller gesund, wenn sie in eine begrünte Umgebung blicken können (Ulrich, 1984). 47 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 „„Naturnahe und gestaltete Freiräume bieten Anreize für körperliche Aktivitäten, die eine gesundheitsfördernde Wirkung haben, zum Beispiel eine Stärkung des Herz-KreislaufSystems und des Immunsystems (Bowler et al., 2010; de Vries et al., 2013). „„Naturkontakt hilft, Stress, Aggressionen oder auch Ängste abzubauen und fördert die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. „„Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) können sich nach einem zwanzigminütigen Spaziergang im Park deutlich besser konzentrieren als nach einem ebenso langen Spaziergang in einem Wohngebiet oder der Innenstadt (Faber Taylor und Kuo, 2009). „„Freiflächen im Wohn- oder Arbeitsumfeld aufzusuchen, fördert allgemein die Gesundheit und auch soziale Beziehungen (Maas et al., 2009) und kann Ungleichheiten bei der Gesundheit unterschiedlicher sozialer Gruppen vermindern (Gilbert, 2016). „„Eine aktuelle, in 32 deutschen Großstädten durchgeführte Studie bestätigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der individuellen Lebenszufriedenheit der Menschen und der Erreichbarkeit von Grünräumen sowie dem Grünraumanteil in Städten (Krekel et al., 2016). Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurden in den letzten Jahren nachstehende Projekte initiiert, die auf 3 Säulen aufbauen: 1. Dauerhafte Flächensicherung für das freie Spiel für Kinder (Naturerfahurngsräume) 2. Angebote für Schulen und Kitas durch die Waldschulen und Umweltbildungseinrichtungen 3. Angebote für Familien, Erwachsene und noch nicht Naturbegeisterte im Rahmen des Langen Tages der Stadtnatur und den zertifizierten Natur- und Landschaftsführern Berlin (ZNL). (http://www.stiftung-naturschutz.de/unsere-projekte/bildungsforumnatur-und-umweltschutz/znl/) Übersicht über die zurzeit laufenden Projekte Gesundheitsvorsorge Projekte von SenUVK, die das Ziel Umwelt und Gesundheit unterstützen Naturerfahrungsräume NER Langer Tag der Stadtnatur Umweltbildung Waldschulen Zertifizierte Natur- und Landschaftsführer Dauerhafte Möglichkeit des freien Spiels für Kinder 1 x jährlich, Lust auf mehr Naturbegegnungen Verbindet Naturaufenthalte mit Sinneswahrnehmungsübungen und Wissen Gezielte Führung mit allen Sinnen zu Naturphänomen in der Stadt Stärkung der Gesundheit durch Bewegung x x x x Stressabbau x x x x Konzentrationsförderung x x x x Stärkung der sozialen Beziehungen x x x x Persönlichkeitsentwicklung x x x x Lebenszufriedenheit x x x x 48 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Abteilung III – Naturschutz und Stadtgrün (Klimaschutz und Klimaanpassung, Nationale Klimaschutzpolitik, Umsetzung des BEK 2030) Neben den ohnehin bestehenden gesundheitlich relevanten Umweltbelastungen in Städten stellen insbesondere die Folgen des voranschreitenden Klimawandels eine große Herausforderung für Politik und Verwaltung dar. Um den Klimawandel abzubremsen und sowohl die globale als auch die regionale Erwärmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen, möchte Berlin seinen Beitrag leisten, indem es bis zum Jahr 2050 klimaneutral ist, das heißt die schädlichen CO2-Emissionen um 85 Prozent, verglichen mit dem Basisjahr 1990, reduziert werden. Zusätzlich müssen konkrete Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden, um die Gesundheit der Bevölkerung vor den direkten und indirekten Klimawandelfolgen zu schützen. Der Anstieg der durchschnittlichen Mitteltemperaturen (der in Deutschland deutlich höher ist als global), erhöhte UV-Konzentrationen sowie vermehrt auftretende Extremwetterereignisse wie Hitze, Starkregen und Stürme stellen eine direkte Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Doch der Klimawandel wirkt sich auch indirekt negativ auf die menschliche Gesundheit aus, beispielsweise durch die Verlängerung der Pollensaison aufgrund der sich verlängernden Vegetationsperiode oder die Ausbreitung von Organismen, die Krankheitserreger übertragen können. Die im Bereich der Gesundheitsvorsorge zu ergreifenden Maßnahmen zielen darauf ab: „„bestehende Warnsysteme für Hitze, Ozon- und UV-Strahlungs-Belastung zu einem einheitlichen Warnsystem auszubauen, um zu gewährleisten, dass diese notwendigen Informationen vor allem die vulnerablen Personengruppen erreichen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, „„die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu verbessern, „„medizinisches Fachpersonal entsprechend zu schulen, damit Risiken rechtzeitig erkannt und individuelle Schutzmaßnahmen ergriffen werden können, „„die Erforschung klimawandelbedingter Gesundheitsrisiken voranzutreiben. Abteilung III – Naturschutz und Stadtgrün (Naturschutz, Landschaftsplanung und Forstwesen) Funktionen von Straßenbäumen Die Bedeutung von innerstädtischen Straßenbäumen für die Gesundheit der Menschen ist umfassend und weitreichend und kann hier nur kurz angerissen werden. Sie sind aufgrund ihrer Vielzahl an Wohlfahrtswirkungen ein Garant für ein lebenswerteres Wohnumfeld. Filterung von Staub und gasförmigen Luftverunreinigungen Feinstäube gelten von allen Luft-Schadstoffen als die gefährlichsten. Die Partikel werden in die Blutzirkulation, das Herz, Leber und andere Organe transportiert und können selbst in das Hirn vordringen. Sie sind extrem lungengängig und können Entzündungen und Vergiftungen hervorrufen. Vermutlich sind sie auch krebserzeugend. Regulierung von Temperatur und Luftfeuchte Große, vitale Bäume können das lokale Klima unmittelbar beeinflussen. Hierbei spielen Beschattungseffekte versiegelter Flächen (Dachflächen, Straßen, Wege und Plätze) eine große Rolle, da ein Blatt nur ungefähr 30 Prozent des einfallenden Sonnenlichts durchlässt. Ferner werden etwa 60 Prozent der Sonnenenergie, die auf ein Blatt fällt, im Regelfall zur Verdampfung von Wasser benötigt. Diese Verdunstungskühlung von Bäumen ist an heißen Sommertagen deutlich spürbar und hat daher eine ausgleichende Wirkung für das Stadtklima zur Folge. Durch Schattenwurf und Verdunstungskühlung können Bäume die Folgen des Klimawandels für die Gesundheit der Menschen abmildern und damit die Aufenthaltsqualität von innerstädtischen Freiräumen erhöhen. 49 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Produktion von Sauerstoff/Fixierung von CO2 Bäume verarbeiten bei der Photosynthese Kohlenstoffdioxid aus der sie umgebenden Atmosphäre und geben Sauerstoff wieder ab. Alle Zahlen zur Sauerstoffproduktion von Bäumen beruhen auf Schätzungen, die zudem abhängig ist von einer Vielzahl unterschiedlicher Einflussfaktoren. Bezogen auf ein gesamtes Jahr wird für einen ausgewachsenen, vitalen Laubbaum eine gemittelte Sauerstoffproduktionsleistung pro Tag von vier bis fünf Kilogramm bei einem Verbrauch an Kohlenstoffdioxid von etwa sechs bis sieben Kilogramm geschätzt. Eine 25 Meter hohe Buche produziert in etwa so viel Sauerstoff, wie drei Menschen zum Atmen benötigen. Grundsätzlich gilt, dass Nadelbäume mehr Sauerstoff produzieren als Laubbäume und junge Bäume mehr als alte. Minderung von Lärm Über 60 Prozent der Menschen empfinden Lärm, besonders Verkehrslärm, als massive Beeinträchtigung, der oftmals eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität darstellt. Dauerhafter Lärm führt zu erheblichen physischen sowie psychischen Beeinträchtigungen. Die Hauptlärmquelle bildet hierbei der Straßenlärm. Dieser gilt als die Ursache für mehr als zwei Drittel der Lärmstörungen. Lärm kann für Anwohner zu Gehörschäden, vegetativen Störungen, Schlafstörungen und psychischen Beeinträchtigungen führen. Bei Dauerbelastungen mit Lärmpegeln über 65 Dezibel (dB) steigt nach aktuellen Untersuchungen das Herzinfarktrisiko deutlich an. Verkehrslärm wird sehr viel mehr visuell als akustisch von den betroffenen Anwohnern wahrgenommen, so dass Bäumen damit eine wesentliche Bedeutung als visuell wahrnehmbare Sichtschutzpflanzung zukommt. Der Haupteffekt von Bewuchs entlang von Verkehrswegen und lärmintensiven Industrie- und Gewerbeanlagen liegt demnach eher im psychologischen Bereich. Da die Lärmquelle verdeckt ist, wird sie als weniger belästigend empfunden. Daneben muss einzelnen Baumreihen oder dichten Gehölzpflanzungen eine lärmmindernde Wirkung zugesprochen werden. Dabei ist die Lärmdämmung durch Grüngürtel stark frequenzabhängig. Die wesentlich belastenden und Lärmschwerhörigkeit erzeugenden hohen Frequenzen werden stärker gedämmt als tiefe Frequenzen. Um das ganze Jahr über wirksam zu sein, sollten nur Nadelbäume und Laubbäume eingesetzt werden, die ihre Belaubung auch im Winter behalten. Reduzierung der Windgeschwindigkeiten Bäume, Baumreihen und Baumgruppen können den Wind lenken und zum Teil deutlich abbremsen. Hierdurch lässt sich die ‚Kanalwirkung‘ einer Straße mildern oder sogar beheben. Daneben werden Luftturbulenzen verändert. Die Umgebungsluft wird durch die feinstaubfilternden Kronen der Bäume hindurchgeleitet und so eine Vermischung der verschiedenen Luftzonen ermöglicht. Diese Vermischung führt unmittelbar zu einer direkten Veränderung der Zusammensetzung des Mikroklimas im näheren Umfeld des jeweiligen Baumstandortes. Wirkung auf das menschliche Wohlbefinden Bäume bewirken eine Identifikation der Anwohnenden mit ihrem Umfeld. Baumbestandene Straßen werden als schöner empfunden als baumlose Straßen. Ferner ermöglichen Bäume vielfältige Naturerfahrungen, da sie den Lebensraum für eine Vielzahl von Lebewesen bilden. Straßenbäume bewirken daher eine bedeutende Erhöhung der Lebensqualität und wirken damit positiv auf die allgemeinen Lebensumstände ein. 50 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Maßnahmen und Strategien Der Berliner Straßenbaumbestand besteht aus nahezu 440.000 (Stand 31. Dezember 2016) Bäumen. 85 Prozent des Bestandes bilden mittelalte und alte Bäume. 50 Prozent des Bestandes sind geschädigt (Straßenbaumzustandsbericht 2015). Von 2006 bis 2016 wurden über 20.000 Straßenbäume mehr gefällt als gepflanzt. Die Fällgründe lagen in der Regel in der mangelnden Verkehrssicherheit (Altersabgang, Unfallschaden, Schäden durch Hundeurin, Schaderreger, Vandalismus, Sturmschaden etc.), wurden aber auch durch Bauvorhaben begründet. Zuständig für die Pflanzung sowie für die Pflege und Unterhaltung der Straßenbäume sind die Berliner Bezirksämter/Straßen- und Grünflächenämter. Leider konnten diese nicht alle gefällten Bäume zeitnah nachpflanzen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (heute: Umwelt, Verkehr und Klimaschutz) hat in Zusammenarbeit mit den Bezirken im Rahmen der Strategie Stadtlandschaft im Jahr 2012 die Kampagne „Stadtbäume für Berlin“ (sogenannte Stadtbaumkampagne) gestartet, um „„die Reduzierung des Straßenbaumbestandes zu mildern, „„das Image der Straßenbäume zu erhöhen und „„bürgerschaftliches Engagement zu fördern. Bislang wurden im Rahmen dieser Kampagne rund 7.000 zusätzliche Straßenbäume gepflanzt und über 775.000 Euro an Spenden eingenommen. Im Herbst 2017 werden in Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Mitte weitere zusätzliche Straßenbäume gepflanzt. Bis zum Ende dieses Jahres wird es dann insgesamt fast 7.700 zusätzliche Straßenbäume geben, die durch die Stadtbaumkampagne gepflanzt wurden. Wie viele Bäume aber letztendlich gepflanzt werden können, hängt auch von der Spendenbereitschaft der Berliner Bevölkerung und der Unternehmen ab. Abteilung III – Naturschutz und Stadtgrün (Freiraumplanung und Stadtgrün) Grünanlagen „„Circa 7 Prozent der Stadtfläche sind öffentliche Grünanlagen (circa 2.400 Stück mit rund 6.000 Hektar Fläche). „„Grünanlagen tragen wesentlich zur Lebensqualität in der Stadt dar, wie Umfragen regelmäßig belegen (über 90 Prozent der Teilnehmenden hielten 2013 Parks für wichtig beziehungsweise sehr wichtig). „„Wichtige Funktionen der Grünanlagen: • sozial: Kommunikationsraum der Stadtgesellschaft, beliebter Treffpunkt zur Pflege persönlicher Kontakte; Nutzung unabhängig des sozialen Status für jeden möglich; • gesundheitlich: sportliche Betätigung, Kontemplation und Stressabbau; • ökologisch: Kaltluftentstehungsgebiete, Frischluftschneisen, Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere, Regenwasserversickerung und -speicher; • Naturerlebnisraum. „„Nicht nur die Sicherung der bestehenden Anlagen und die Verbesserung der Versorgung durch neuen Grünanlagen sollte angesichts der wachsenden Stadt angestrebt werden, sondern auch die qualitative Verbesserung. • Probleme der Übernutzung – anderes Freizeitverhalten, neue zusätzliche Nutzungen integrieren • Abfallproblematik „„Dafür muss die Pflege und Unterhaltung finanziell absichert werden: • Keine Kürzungen des Grünpflegeetats der Bezirke (verantwortlich: SenFin und die zwölf Bezirke mit ihrer Hoheit über die Schwerpunktsetzung vor Ort). • Verbesserungen des Grünpflegemanagements (zum Beispiel mit Hilfe des neuen Grünflächeninformationssystems). • „Pilotprojekt zur Reinigung ausgewählter Parkanlagen“: Verbesserung der Stadtsauberkeit und Nutzbarkeit der Grünanlagen einhergehend mit mehr Zufriedenheit und gefühlter Sicherheit der Nutzer. 51 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Abteilung IV – Verkehr Hintergrund Bewegung fördert Gesundheit. Als „sitzende Gesellschaft“ kommt Bewegung in unserem Alltag zu kurz. In dem Bestreben, Möglichkeiten zu suchen, Bewegung in unserem Alltag wieder zu mehr Raum verschaffen, ist Gesundheitspolitik als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Einerseits geht es darum, sportliche Aktivitäten zu fördern. Andererseits geht es darum, Bewegung stärker in den Alltag und hier in den Verkehr zu integrieren. Strategien im Bereich Verkehr und Mobilität Der Senat will die Mobilität im Sinne des Leitbildes Berlin mobiler, sicherer, gesünder und klimafreundlicher gestalten. Alleine die Stärkung und Förderung des Rad- und Fußverkehrs adressiert verschiedene Aspekte der Gesundheitspolitik: mehr Bewegung, weniger Lärm und Schadstoffe, klimaneutral. Übergeordnete Strategien in diesem Zusammenhang bilden die Radverkehrsstrategie für Berlin beziehungsweise die derzeitige Überarbeitung im Rahmen der Erarbeitung des Gesetzes zur Förderung des Radverkehrs in Berlin (RadG) sowie die Fußverkehrsstrategie für Berlin. Zitat (aus der Fußverkehrsstrategie): „Zu Fuß gehen verbessert das Wohlbefinden, erhält die Gesundheit und sichert Mobilität bis ins hohe Alter. Bereits 3.000 zusätzliche Schritte am Tag verringern nachweislich viele Krankheitsrisiken.” Maßnahmen „„Die Förderung des Fußverkehrs ist ein erklärtes Ziel der Berliner Verkehrspolitik (Fußverkehrsstrategie 2011). Dazu gehören insgesamt 10 Modellprojekte, die dazu beitragen sollen, neue Impulse für eine fußgängerfreundliche und barrierefreie Stadt zu setzen und zugleich innovative Leitideen für eine Stärkung des Fußverkehrs als Bestandteil des Umweltverbundes zu entwickeln. „„Im Programm Förderung des Fußverkehrs/Querungshilfen wurden für 2016 und 2017 jeweils rund 1,5 Millionen Euro für den Bau von Fußgängerüberwegen, Mittelinseln und Gehwegvorstreckungen ausgegegeben beziehungsweise vorgesehen. Circa 40 Maßnahmen können pro Jahr gemeinsam mit den Bezirken finanziert und realisiert werden, die den Fußverkehr attraktiver und sicherer machen. „„Im Rahmen der Förderung des Radverkehrs wurden von 2005 bis 2015 rund 185 Kilometer Radverkehrsanlagen neu angelegt, davon circa 150 Kilometer als markierte Radverkehrsstreifen auf der Fahrbahn. Die Verabredung der neuen Koalition – auch zur Ausweitung der Finanzmittel – ermöglicht schon ab diesem Jahr ein deutlich umfangreicheres Programm, mit dem der Radverkehr attraktiver und sicherer gemacht werden kann. „„Im Projekt „EBikePendeln“ wurden 2015 im Südwesten der Stadt und den angrenzenden Umlandkommunen Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf die Potenziale einer Verlagerung des Berufsverkehrs vom Pkw zum Elektrofahrrad untersucht. Literatur Es wird auf die einzelnen Internetauftritte der zuständigen Bereiche der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz verwiesen: https://www.berlin.de/sen/uvk/ 52 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.5 Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum – Ergebnisse eines Planspiels mit Kommunen Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) hat von Januar 2012 bis September 2014 mit Förderung des Umweltbundesamtes und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit das Forschungsvorhaben „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ durchgeführt. Ziel dieses Vorhabens war es, Grundlagen zu liefern, um das neue Querschnittsthema Umweltgerechtigkeit im kommunalen Handeln zu implementieren. Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Christa Böhme, Thomas Preuß Ein wichtiger Projektbaustein des Vorhabens stellte ein Planspiel dar, mit dem administrative, organisatorische und rechtliche Instrumente, Verfahren und Maßnahmen zur Implementierung von Umweltgerechtigkeit in der Kommunalverwaltung erprobt und validiert werden sollten. Das Planspiel wurde mit Vertreter/-innen aus den Städten Bottrop, Düsseldorf, Mülheim an der Ruhr und Nürnberg sowie des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg (vergleiche Beitrag von Dr. Horst-Dietrich Elvers) durchgeführt. Planspielteilnehmer/innen waren diejenigen Akteure in den Stadtverwaltungen, die die Belange von Umweltgerechtigkeit insbesondere in den Zuständigkeitsbereichen Stadtentwicklung, Umwelt und Gesundheit zukünftig wesentlich mitbestimmen können. Die Planspieler/-innen nahmen als authentische Vertreter/-innen ihrer jeweiligen Organisationseinheit in der Kommunalverwaltung und entsprechend ihrer tatsächlichen Funktion und thematischen Zuständigkeit am Planspiel teil. Zu den im Planspiel zu bearbeitenden Aufgaben zählten neben instrumentellen (Monitoring, Einsatz von Planungs-, Umwelt- und Finanzierungsinstrumenten) auch eher akteursbezogene Fragestellungen. Hierbei ging es zum einen um Zugang und Motivation von Kommunalpolitik und -verwaltung zum Thema Umweltgerechtigkeit. Zum anderen wurden unter dem Stichwort Verfahrensgerechtigkeit Aspekte der Einbeziehung und Beteiligung der von umweltbezogenen Interventionen Betroffenen behandelt. Die Ergebnisse des Planspiels zu diesen akteursbezogenen Fragestellungen sind im Folgenden dargestellt.1 Umweltgerechtigkeit: Zugang und Motivation von Kommunalpolitik und -verwaltung Ein wesentlicher Aspekt für die Implementierung von Umweltgerechtigkeit als einen neuen Begriff und Themenfeld in Kommunalpolitik und -verwaltung ist die Frage nach möglichen Motiven und Mehrwerten. Diese Frage ist eng mit einer erfolgreichen Agendasetzung von Umweltgerechtigkeit in der Kommune verknüpft. Motive und Mehrwert Die Verbesserung der Lebensqualität und die Schaffung einer lebenswerten und nachhaltigen Stadt sowie von gesunden Lebensbedingungen im Sinne von Chancengleichheit können nach Ansicht der Planspielbeteiligten für die Kommunen zentrale Motive für die Implementierung von Umweltgerechtigkeit sein. Hierin werden Möglichkeiten für eine Aufwertung von Standortbedingungen und eine Erhöhung der Einwohnerzufriedenheit sowie für die Schaffung einer ausgewogeneren Stadtstruktur und eines sozialen und gesellschaftlichen Ausgleichs gesehen. Als möglicher Mehrwert einer Implementierung des Themas Umweltgerechtigkeit wird von den Planspielbeteiligten benannt, dass in den Kommunen die ressortübergreifende Zusammenarbeit mit dem Ergebnis einer stärker integrierten beziehungsweise fachübergreifenden Lösung von Problemen an der Schnittstelle von sozialer und gesundheitlicher Lage sowie (Wohn-)Umwelt gefördert wird. Zudem seien unter der Voraussetzung einer entsprechenden Unterstützung von Seiten der Kommunalpolitik eine zielgenauere Lenkung und ein damit effizienterer Einsatz von Haushalts- und Fördermitteln zur Aufwertung mehrfach benachteiligter Stadtteile/Quartiere als Mehrwert zu erwarten. Schließlich könnte mit der Implementierung des Themas Umweltgerechtigkeit ein Imagegewinn für die Kommunen verbunden sein, der vor allem aus der Verbesserung des Standortfaktors Umwelt sowie aus der Vorreiterfunktion für Umweltgerechtigkeit und für ein stärker fachübergreifendes, integriertes Verwaltungshandeln resultieren würde. 1 Die Ergebnisse des Planspiels und des Forschungsvorhabens insgesamt sind veröffentlicht in: Christa Böhme, Thomas Preuß, Arno Bunzel, Bettina Reimann, Antje Seidel-Schulze, Detlef Landua (2015): Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum * Entwicklung von praxistauglichen Strategien und Maßnahmen zur Minderung sozial ungleich verteilter Umweltbelastungen, hrsg. vom Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau 2015 (Umwelt & Gesundheit 01/2015). 53 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Agendasetzung von Umweltgerechtigkeit in der Kommune Das Thema Umweltgerechtigkeit kann sowohl durch die Kommunalpolitik per Auftrag an die Verwaltung, durch eine Initiative der Verwaltung in Richtung Gemeinderat oder in Form einer gemeinsamen Initiative von Kommunalpolitik und -verwaltung auf den Weg gebracht werden. Dabei können nach Einschätzung der Planspielbeteiligten für den Erfolg der Agendasetzung verschiedene Aspekte von Bedeutung sein: „„Der Begriff Umweltgerechtigkeit ist neu und erklärungsbedürftig. Es erscheint daher notwendig, die engen Bezüge von Umweltgerechtigkeit zu bereits bekannten und breit akzeptierten Themen und Leitbildern wie beispielsweise „Verbesserung von Lebensqualität“ herzustellen und gleichzeitig den Begriff Umweltgerechtigkeit zu definieren und mit Indikatoren zu unterlegen. „„Der kommunale Mehrwert aus der Implementierung des Themas Umweltgerechtigkeit sollte stichhaltig dargelegt und begründet werden. „„Die Implementierung von Umweltgerechtigkeit als eigenständige Verwaltungsaufgabe mit eigenständigen Verfahren und eigener Organisationseinheit erscheint in Anbetracht der Fülle bereits bestehender Verwaltungsaufgaben und begrenzt verfügbarer Personalressourcen nicht sinnvoll. Das Thema Umweltgerechtigkeit sollte vielmehr vor allem an laufende Planungsprozesse sowie Leitbild- und Zieldiskussionen in der Kommune angedockt werden. Anknüpfungspunkte bieten vor allem Leitbilder, Planungen und Konzepte der Bereiche Stadtentwicklung/Stadtplanung (unter anderem Stadt(teil)entwicklungskonzepte, Bauleitplanung, Städtebauförderungsprogramme Soziale Stadt und Stadtumbau) und Umwelt (unter anderem Pläne und Konzepte zur Klimaanpassung, Lärmaktions-/Lärmminderungspläne, Luftreinhaltepläne, Freiraumkonzepte). „„Für die Implementierung des Themas bedarf es einer intensiven Einbindung der Kommunalpolitik. Nur so kann die notwendige politische Rückendeckung erzielt werden. Im Idealfall erklärt der Bürgermeister das Thema zur Chefsache und nimmt die betreffenden Verwaltungseinheiten entsprechend in die Pflicht. „„Neben der kommunalpolitischen Unterstützung scheint für eine erfolgreiche Verankerung des Themas Umweltgerechtigkeit zudem ein stärker an gemeinsamen Zielsetzungen abgestimmtes und integriertes Handeln in der Verwaltung erforderlich. Im Mindesten sind die Mitwirkung und Zusammenarbeit der Bereiche Stadtplanung, Umwelt und Gesundheit für eine Implementierung von Umweltgerechtigkeit notwendig. „„Die Setzung des Themas Umweltgerechtigkeit auf die kommunalpolitische Agenda kann durch Impulse von Bund und Ländern wie unter anderem auf das Thema ausgerichtete Wettbewerbe, Fördermaßnahmen, Forschungsprojekte sowie kurze, präzise und einfach zu lesende Argumentationshilfen unterstützt werden. Umweltgerechtigkeit und Partizipation Ein wichtiger Aspekt von Umweltgerechtigkeit ist Verfahrensgerechtigkeit. Gemeint sind mit diesem Begriff gleiche Beteiligungsmöglichkeiten für alle unmittelbar von umweltbezogenen Interventionen Betroffenen an Informations-, Planungs-, Anhörungs- und Entscheidungsprozessen (fair deal). Ein entscheidendes Kriterium für Umweltgerechtigkeit ist also eine frühzeitige Einbeziehung der potenziell von einer Planung oder einer Maßnahme Betroffenen. Sie müssen die Möglichkeit haben, Einfluss auf die Prozesse und ihre Auswirkungen auf die Umwelt zu nehmen. Partizipation ist dabei nicht nur mit Blick auf Entscheidungen über umweltbelastende Planungen und Maßnahmen ein wichtiger Gesichtspunkt von Umweltgerechtigkeit, auch bei der Verteilung und Zugänglichkeit von Umweltressourcen spielt sie eine bedeutende Rolle. So sind beispielsweise die Berücksichtigung der spezifischen Interessen und Bedürfnisse der Quartiersbevölkerung und damit ihre aktive Mitwirkung an der Neu- oder Umgestaltung von Grünflächen im Stadtteil entscheidend für die spätere Akzeptanz und Nutzung der Grünflächen durch die Bewohnerschaft. Eignung bisheriger Beteiligungsmethoden und -verfahren Die klassischen formellen Beteiligungsformen im Rahmen der Bauleitplanung, von Fachplanungen und bei Sanierungsverfahren werden von den Planspielbeteiligten als wenig geeignet betrachtet, um sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die in der Regel einen Großteil der Bevölkerung in den städtischen Teilräumen mit Mehrfachbelastungen ausmachen. Diese Beteiligungsverfahren seien mit Blick auf diese Zielgruppe vor allem aufgrund ihrer „Komm-Struktur“, der intellektuellen Ansprüche sowie der erfor- 54 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 derlichen hohen Sprachkompetenz zu hochschwellig. Gleiches treffe auch auf Versammlungen, Konferenzen, Werkstätten, Workshops und ähnliche informelle Beteiligungsformen zu. Als besonders geeignet für die Ansprache von mehrfach belasteten Bevölkerungsgruppen werden von den Planspielbeteiligten dagegen aufsuchende und aktivierende Beteiligungsansätze im Quartier beziehungsweise Stadtteil eingeschätzt. Insbesondere die lokalen Quartiersmanagerinnen und -manager des Städtebauförderungsprogramms Soziale Stadt werden als Dreh- und Angelpunkt für eine erfolgreiche Partizipation dieser Zielgruppe angesehen. Besonders gut lasse sich die Ansprache von mehrfach belasteten Bevölkerungsgruppen zudem über projekt- und zielgruppenbezogene Methoden erreichen. Weiterentwicklung bisheriger Methoden und Verfahren Bedarfe zur Weiterentwicklung bisheriger Beteiligungsmethoden und -verfahren hinsichtlich Passfähigkeit und Anspracheerfolg bei mehrfach belasteten Bevölkerungsgruppen sehen die Planspielbeteiligten insbesondere mit Blick auf „„die Konkretisierung von Beteiligungszielen, „„eine der Beteiligung vorgelagerte Überprüfung der Maßnahmenkompetenz für die Umsetzung von im Beteiligungsverfahren entwickelten Lösungsoptionen, „„stärker zielgruppenbezogen und aufsuchend ausgerichtete Beteiligungsangebote und -verfahren, „„die Sensibilisierung lokaler Quartiermanagerinnen und -manager für das Thema Umweltgerechtigkeit, „„die Einbindung von bestehenden Interessensgruppen und Netzwerken sowie von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in die Beteiligungsarbeit. Notwendige Ressourcen für passgenaue Partizipation Übereinstimmend konstatierten die Planspielbeteiligten, dass passgenaue Partizipationsverfahren der Bereitstellung von ausreichenden personellen und finanziellen Ressourcen bedürfen. Finanzielle Mittel sollten vor dem Hintergrund der als gering eingeschätzten Methodenkompetenz in der Verwaltung insbesondere für die Beauftragung externer Beteiligungsexpertinnen und -experten eingesetzt werden. Aufgabe der externen Expertinnen und Experten sollte es sein, Beteiligungsprozesse und -verfahren zu planen, durchzuführen, auszuwerten und neutral zu moderieren. Finanzielle Ressourcen seien aber auch notwendig, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung mit Blick auf passgenaue Beteiligung zu qualifizieren und zu sensibilisieren. Ausblick Für die Implementierung von Umweltgerechtigkeit im kommunalen Handeln wird es entscheidend darauf ankommen, das Thema kommunalpolitisch zu verankern. Das politische „Wollen“ ist Grundvoraussetzung dafür, dass bei den notwendiger Weise zu treffenden kommunalpolitischen Entscheidungen über räumliche und inhaltliche Präferenzen Maßnahmen zur Schaffung von mehr Umweltgerechtigkeit mehrheitsfähig sind. Es geht darum, die kommunalpolitischen Akteure von dem Thema Umweltgerechtigkeit so zu überzeugen, dass sie bereit sind, hierfür finanzielle und personelle Ressourcen bereitzustellen und sich zu diesem Thema – gegebenenfalls mit einem Grundsatzbeschluss der Gemeindevertretung – zu bekennen (Commitment der kommunalpolitischen Akteure). Zudem ist es wichtig, die in den Kommunen mit Blick auf Umweltgerechtigkeit bestehenden vielfältigen Schnittstellen und Andockpunkte zu identifizieren, um Umweltgerechtigkeit als Querschnittsthema in laufende Prozesse einzuspielen und zu berücksichtigen. Auf diese Weise können diese Prozesse mit Blick auf eine bessere Lebensqualität in den Städten qualifiziert werden. Von zentraler Bedeutung ist es daher, dass die Kommunen laufende oder in Entwicklung befindliche formelle und informelle Planungen und Konzepte der Bereiche Stadtentwicklung/Stadtplanung, Umwelt/Grün und Gesundheit dahingehend überprüfen, inwieweit eine Integration von Belangen der Umweltgerechtigkeit sowohl inhaltlich als auch prozessual – gegebenenfalls nachholend – erreicht werden kann. Hierbei sollte gezielt auf Lücken, Bedarfe und Möglichkeiten der Themenintegration von Umwelt, sozialer und gesundheitlicher Lage abgestellt werden. 55 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Die frühzeitige Einbeziehung der potenziell von einer Planung oder einer Maßnahme betroffenen Bewohnerschaft ist ein entscheidendes Kriterium für Umweltgerechtigkeit (Verfahrensgerechtigkeit). Dabei stellt soziale Selektivität von Beteiligung eines der zentralen und bislang weitgehend ungelösten Defizite von Partizipation dar. Sozioökonomisch benachteiligte und beteiligungsferne Bevölkerungsgruppen werden mit den bislang im Verwaltungshandeln etablierten Beteiligungsformen kaum oder gar nicht erreicht. Vor diesem Hintergrund scheint es erforderlich, dass die Kommunen geeignete Beteiligungsmethoden und -verfahren entwickeln und umsetzen, um diese Bevölkerungsgruppen erfolgreich anzusprechen und zur Mitwirkung anzuregen. Generell geht es darum, eine kommunale Beteiligungskultur zu entwickeln und Bürgerbeteiligung über den einzelnen projektbezogenen Kontext hinaus strategisch und konzeptionell im Verwaltungshandeln zu verankern und politisch zu unterstützen. 56 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.6 Umweltgerechtigkeit – Betrachtungen am Beispiel der Arbeit des BUND Berlin Der BUND Berlin – Struktur und Themen Der BUND ist politisch unabhängig und finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge oder Spenden. Mit über 480.000 Mitgliedern, Förderinnen und Förderern ist der BUND einer der größten deutschen Umweltverbände. Es gibt 16 Landesverbände und mehr als 2.000 Orts- und Kreisgruppen. Die ehrenamtlich Aktiven engagieren sich für den Umweltschutz vor Ort und stehen für die eigentliche Stärke des BUND. Der BUND ist Mitglied im internationalen Umweltschutznetzwerk „Friends of the Earth International“ und mischt sich so auch bei Entscheidungen auf internationaler Ebene ein, der BUND Berlin insbesondere auf europäischer Ebene. BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Berlin e. V. (BUND Berlin) Herbert Lohner Der BUND Landesverband Berlin hat derzeit über 14.000 Mitglieder und Förderer. Die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle des BUND Berlin sowie die BUND-Gruppen und die BUNDjugend, die eigenverantwortliche Jugendorganisation im BUND, arbeiten an verschiedenen Themen. Dies sind mit städtischer Ausrichtung Themen wie Mobilität, Flusspolitik, Abfall, Energie, Stadtnaturschutz und mit Schwerpunkt in der BUNDjugend globale Verantwortung. Das Thema Umweltgerechtigkeit ist im Referat Naturschutz verortet. Am Beispiel des BUND Berlin werden mögliche Ansätze für die Integration des Themas Umweltgerechtigkeit in die Arbeit eines Umweltverbandes dargestellt. Warum Umweltgerechtigkeit beim BUND Berlin? Es können mindestens drei prinzipielle Motivationen angeführt werden: 1. In den „Draft principles on Human Rights and the Environment (UN 1994)” wird statuiert: „All persons have the right to a secure, healthy and ecologically sound environment. This right and other human rights, including civil, cultural, economic, political and social rights, are universal, interdependent and indivisible” (www1.umn.edu/humanrts/instree/1994-dec.htm). 2. Im deutschen Grundgesetz findet sich in Artikel 72 Absatz 2 das Ziel der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ formuliert. Der BUND Berlin sieht es als Auftrag an, diesen Grundsatz mit Leben zu füllen. 3. Der BUND steht in Deutschland für das Thema Nachhaltigkeit, insbesondere verbunden mit dem Namen und langjährigen Wirken von Frau Dr. Angelika Zahrnt, der ehemaligen Bundesvorsitzenden. Dokument dieses Wirkens ist unter anderem die Mitherausgeberschaft des Werkes „Nachhaltiges Deutschland“. Nachhaltigkeit wird hier verstanden als die Verknüpfung von ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. So ist die Integration von Umweltfeldern und sozialen Themen, wie sie kennzeichnend ist für Umweltgerechtigkeit, schon angelegt in der Identität des BUND als der Nachhaltigkeitsverband in Deutschland. Diese spiegelt sich konkret in einer ganzen Reihe von Themen und Projekten wider, die der BUND Berlin in den letzten Jahren aufgegriffen hat: Energie- und Abfallberatung für Arme, die interkulturelle Arbeit des Verbandes (Yesil Cember) – und Umweltgerechtigkeit. Welche Schritte wurden getan? Der BUND Berlin begleitet das Berliner Modellvorhaben von Beginn an politisch. Im Verlauf dieser Diskussionen entwickelte sich auch eine stabile, sehr produktive Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt und der jeweils zuständigen Senatsverwaltung des Landes Berlin (Dr. Klimeczek und Mitarbeiter) sowie deren Wissenschaftspartnern. Das Referat Naturschutz unterstützt diese Aktivitäten und bringt daneben das Thema „Umweltgerechtigkeit“ kontinuierlich im Rahmen seiner politischen Arbeit beziehungsweise Öffentlichkeitsarbeit ein. Der von SenGUV/SenStadtUm federführend entwickelte Ansatz für Umweltgerechtigkeit schlägt sich in der Zusammenarbeit des BUND mit Medien, selbst internationalen Medien wieder, so unter anderem 2010 unter anderem in Filmbeiträgen zu Stadtnaturschutz für das russische und japanische Fernsehen. So fand sich zum Beispiel „Umweltgerechtigkeit“ in den Wahlprogrammen mehrerer Parteien zur Abgeordnetenhauswahl 2011 wieder und hat inzwischen Eingang in den politi- 57 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 schen Diskurs in Berlin gefunden. Parallel zur Landesebene wurde und wird das Thema „Umweltgerechtigkeit“ in die Ebene der Bezirkspolitik eingebracht, unter anderem mit dem Ziel, modellhafte Umsetzungen zu initiieren. Das Thema „Umweltgerechtigkeit“ ist auch eingeflossen in Empfehlungen des Sachverständigenbeirats für Naturschutz und Landschaftspflege Berlin, zum Beispiel zur Landesbiodiversitätsstrategie. In Zusammenarbeit mit der Deutsche Umwelthilfe e. V. (DUH) wurde es 2010/11 auch ein Themenfeld „Umweltbildung und Umweltgerechtigkeit“ des bundesweiten Kommunalwettbewerbs „Bundeshauptstadt der Biodiversität“. In der Konsequenz wird Umweltgerechtigkeit auch in aktuell laufenden Vorhaben der DUH zum kommunalen Naturschutz vom BUND vertreten und unterstützt. Aktuell hat der BUND Berlin Umweltgerechtigkeit über seine Mitarbeit in entsprechenden Arbeitskreisen des BfN Leipzig in die Diskussion um die Neuausrichtung der Städtebauförderung eingebracht. Zudem wurde es in der Nationalen Plattform Zukunftsstadt verankert, deren Ziel es ist, eine strategische Forschungs- und Innovationsagenda für die deutsche Stadtforschung zu erstellen. Eine internationale Sicht einnehmend, konnte der BUND Berlin das Berliner Umweltgerechtigkeitskonzept im Oktober 2014 mit den zuständigen Fachbehörden der Berliner Partnerstadt Peking sowie der Stadt Shenzhen in der Volksrepublik China diskutieren. Vor dem Hintergrund des rapiden Wachstums von chinesischen Städten kann das Konzept Umweltgerechtigkeit auch dort besonderes Gewicht erlangen. Perspektivisch ausstrahlend wurde im Rahmen der Anthropozän-Diskussionen die Forderung nach einem global environmental justice concept erhoben (Lohner, H. in: Anthropocene Curicullum 2014, outcoming publication [ed. HKW et al., 2015]. Resümee und Ausblick Immer mehr Menschen leben in Städten, weltweit inzwischen mehr als 50 Prozent, in Deutschland sind es etwa 85 Prozent. Umweltgerechtigkeit wird sowohl in der sozialpolitischen als auch umweltpolitischen Diskussion in Zukunft mehr Gewicht erlangen. Städtische Lebensqualität, zentral beruhend auf einem guten Zustand von Natur und Umwelt, wird stärkere Aufmerksamkeit verdienen. Abzulesen ist dies auch an den zunehmenden nationalen und internationalen Diskussionen um die nicht nur monetäre, sondern auch gesundheitliche Bedeutung von Ökosystemdienstleistungen. Letzteres ist auch vor den wachsenden Herausforderungen zu bewerten, die sich durch den globalen Klimawandel gerade den Städten stellen werden. Die gesundheitlichen Belastungen werden zunehmen. Berlin hat mit seinem Umweltgerechtigkeitsansatz ein potenziell mächtiges Stadtentwicklungs- und Monitoringinstrument in der Hand, die Herausforderungen zu bewältigen. Denn: Letztendlich ist Umweltgerechtigkeit an sich ein wichtiger Teil des sozialen Kitts, der eine Stadtgesellschaft zusammenhält und eine Grundvoraussetzung für ein „Gutes Leben“. 58 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.7 Umwelt(un)gerechtigkeit und Wahrnehmung – Zur subjektiven Einschätzung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen am Beispiel Lärm Unabhängiges Institut für Umweltfragen UfU – e. V. Dr. Michael Zschiesche Einleitung Der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption ist ein neuer und innovativer Ansatz, um langfristige stadtentwicklungsplanerische und umweltpolitische Zielsetzungen im Sinne von mehr Gerechtigkeit und gleichwertiger Lebensverhältnisse, wie es das Grundgesetz in Art. 72, Abs. 2 vorgibt, umzusetzen. Das innovative Moment liegt in der intelligenten Verknüpfung der bisher wenig betrachteten Zusammenhänge und Wechselwirkungen der Bereiche Stadtentwicklung, Städtebau, Umwelt und Gesundheit. Für die Bewohner einer Stadt sind Umwelt- und Gesundheitsaspekte regelmäßig zentrale Bereiche ihres Wohnumfeldes und ihrer Lebenswirklichkeit. Sie haben daher einen herausragenden Stellenwert im Alltag und für das Wohlbefinden. Neben objektiven Befunden und Daten, wie sie in umfassender Weise in den Berliner Umweltgerechtigkeitsanalysen zusammengetragen wurden, sollten zur Erfassung, Komplettierung und Arrondierung des Ist-Zustandes („Berlin heute“) auch Befragungen und Einschätzungen, das heißt subjektive Daten Bestandteil der weiteren stadt- und quartiersbezogenen Beobachtungssystemen werden. Die Wichtigkeit subjektiver Aspekte möchte ich am Beispiel einer Berliner Initiative im Bereich der Schildhornstraße verdeutlichen, die Aufschlüsse über die unterschiedliche Wahrnehmung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen der Anwohner als unmittelbar Betroffene gibt und in die das Unabhängige Institut für Umweltfragen e. V. (UfU) eingebunden war. Zum Sachverhalt: In den 1990er-Jahren führte das UfU in Berlin die Kampagne „Rechtsschutz gegen Luftschmutz“ durch, an dem sich Anwohner aus mehr als 30 Straßen Berlins, zumeist lärm- und schadstoffgeplagt, beteiligten. Darunter waren auch Anwohner der Schildhornstraße in Berlin-Steglitz. Um den Hintergrund richtig einordnen zu können, ist es notwendig, einen Blick auf die stadtentwicklungsplanerischen und umweltpolitischen Rahmenbedingungen der 1960er-Jahre zu werfen: Für die Funktion und das Wachstum der Stadt hat die Leistungsfähigkeit der Verkehrssysteme zentrale Bedeutung. Bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren beginnen in Berlin Planung und Bau der Autobahnen unter Einbeziehung der Avus. In den 1960er-Jahren erfasst die private Modernisierung breite Bevölkerungsschichten. Hierdurch erhält die Straßenplanung aufgrund der großen Bedeutung des Kraftfahrzeugverkehrs einen hohen Stellenwert. Durch Achsen, Ringe, Tangenten oder Netz sollte die autogerechte Stadt entwickelt werden. Somit entwickelte sich auch ein neues Verständnis des Stadtraumes. Es erfolgte ein autobahnähnlicher Ausbau wichtiger Straßen und Verkehrsachsen. Wo immer es möglich war, wurden die neuen Autobahnen im Stadtbild sichtbar hervorgehoben. Großstädtische Verkehrsgestaltung wurde in Szene gesetzt und durch prestigeträchtige Großbauten wie beispielsweise die 1972 entworfene Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße. Im Rahmen der Realisierung des Vorhabens wurde die Stadtautobahn in die – in den 1970er-Jahren ausgebaute – Schildhornstraße eingeleitet. Aus heutiger Sicht ein Planungsfehler, der vor allem auf die Bewohner keine Rücksicht nahm. Die berechneten Lärm- und gemessenen Schadstoffwerte für den Bereich Schildhornstraße lagen jeweils oberhalb der Grenz- und Richtwerte für Lärm sowie für Schadstoffe wie Benzol und Dieselruß (inzwischen unter Feinstaub zusammengefasst), Stickoxide oder auch Ozon. Der Berliner Straßenverkehrsbehörde war dieser Sachverhalt hinreichend bekannt. Maßnahmen oder gezielte Strategien im Sinne des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes und zur Entlastung der Anwohner wurden nicht eingeleitet. Im Ergebnis führte dies zu einer gravierenden Verkehrs- und auch Schadstoffbelastung der angrenzenden Wohnquartiere. Hinzu kam, dass der Berliner Mietspiegel die Schildhornstraße weiterhin als gute Wohnlage eingestuft hatte, obwohl die extrem hohen Umweltbelastungen inzwischen unstrittig waren. Die Realität wurde somit vom Mietspiegel nicht abgebildet. Die Anwohner der Schildhornstraße engagierten sich und kämpften in den 1990er-Jahren, um kleine Verbesserungen ihrer Situation zu erreichen. Dies führte unter anderem zu langwierigen Rechtsstreitigkeiten mit den zuständigen Verkehrsbehörden. Erst Mitte der 1990er-Jahre gelang es, ein Tempolimit durchzusetzen. Das Berliner Verwaltungsgericht entschied, dass auf der auslaufenden Autobahn (der Bereich der in die Schildhornstraße einmündet) alle Fahrzeuge nunmehr Tempo 30 beachten mussten. Die Berliner Straßenverkehrsbehörde begleitete die 59 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 neue Maßnahme mit Messungen beziehungsweise Berechnungen, die vor und nach der Umsetzung der Maßnahmen durchgeführt wurden. In der Auswertung der Messergebnisse kam es zu einem erstaunlichen Befund: Die Berechnungen ergaben hinsichtlich der Lärmwerte, die etwa sechs Monate nach Anordnung des Tempolimits berechnet wurden, keinen Unterschied zu vorherigen (hochbelasteten) Situation. Offensichtlich wurde das eingeführte Tempolimit wenig beachtet oder es fuhren deutlich mehr Fahrzeuge durch die Schildhornstraße, so dass die Tempo-30-Anordnung unwirksam blieb. Die in diesem Rahmen erfolgte flankierende Befragung der Anwohner zu den Effekten des Tempolimits brachte erstaunliche Ergebnisse. Trotz objektiv insignifikanten Unterschieden im Lärmspiegel, das heißt bei gleichgebliebener Situation, war mehr als die Hälfte der Anwohner der Auffassung, dass sich durch die Aufstellung von Tempo-30-Beschilderung die Lärmwerte verringert hätten. Dieses paradoxe Ergebnis belegt, dass die Belastungen durch Lärm sehr subjektiv wahrgenommen werden. Die in den Vorschriften beziehungsweise Grenzwerten festgelegten Werte basieren regelmäßig auf dem Lärmempfinden eines Durchschnittsmenschen. Zudem ist das Lärmempfinden variabel und kann sich durch äußere Einflüsse ändern. Aus diesem Beispiel lässt sich ableiten, dass das subjektive Empfinden bei der Bewertung einer konkreten Belastungssituation eine herausragende Bedeutung spielt. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf den Stressfaktor Lärm. Darüber hinaus wird an diesem Beispiel deutlich, dass Belastungssituationen für Stadtbewohner, die durch komplexe Ursachenketten hervorgerufen werden, als weniger dramatisch empfunden werden, wenn die örtlichen Behörden tätig werden und der Bewohner beziehungsweise Betroffene das (subjektive) Gefühl hat, dass in „seinem Sinne“ eine (positive) Veränderung herbeigeführt wird. Selbst wenn dies durch nachweislich unwirksame Maßnahmen oder Instrumenten erfolgt, die objektiv keine Verbesserung der Belastungssituation herbeiführen. Weiter wird deutlich, dass Belastungssituationen dynamische und teilweise volatile Größen sind, die trotz objektiv gleicher Werte in unterschiedlichen Stadtkontexten beziehungsweise städtebaulichen Strukturen von den Bewohnern unterschiedlich stark wahrgenommen werden. Die Betroffenheit wird somit unterschiedlich empfunden. Vor diesem Hintergrund ist grundsätzlich anzumerken, dass „Placebo-Maßnahmen“ niemals als Ersatz für notwendige Verbesserungen von realen Belastungssituationen verwandt werden können. Scheinverbesserungen werden – vor allem durch die heute zur Verfügung stehende Technik – schnell nachgewiesen, wobei die Glaubwürdigkeit der Behörden schweren Schaden nehmen würde. Dies gilt vor allem mit Blick auf die vertrauensbildenden Maßnahmen in den mehrfach belasteten Quartieren, in denen die Betroffenen durch die Entwicklung neuer innovativer Partizipationsformen – im Sinne von mehr Beteiligungsgerechtigkeit – als Akteure vor Ort in die Verbesserung des Wohnumfeldes eingebunden werden sollen. Empirische Ergänzungsindikatoren für die Umweltgerechtigkeitsanalysen Der Berliner Ansatz der Indikatoren zur Abbildung von Umweltgerechtigkeitsaspekten berücksichtigt bislang in den 447 Planungsgebieten (nur) Kern- beziehungsweise Ergänzungsindikatoren, insbesondere die Themenfelder Lärmbelastung, Luftschadstoffbelastung, Bioklima, Versorgung mit Grünflächen sowie Wohnlage und Betroffenheit. Hierdurch werden wesentliche Problemlagen auf der Meso-Ebene bereits gut und wissenschaftlich gestützt, erfasst.1 Dynamiken und Veränderungen könnten auf dieser Grundlage auch über einen längeren Zeitraum ebenfalls dargestellt werden. Hierbei ist grundsätzlich zu bedenken, dass eine vollständige Erfassung der vorhandenen Umweltbelastungen nicht möglich ist, denn die Auswertungen vorhandener Umweltdaten stellen immer Näherungswerte dar.2 Zudem ist zu berücksichtigen, dass das Berliner Konzept der Lebensweltlich orientierten Räume, mit den 447 Planungsräumen, ein administrativ entwickeltes Raster mit großen Unterschieden innerhalb der inhomogenen Planungsräumen ist. Dies muss mit Blick auf die methodische Herangehensweise generell bedacht werden, obwohl eine sehr gute Verfügbarbarkeit kleinräumiger Daten vorhanden ist und auch die Qualität der Berliner Datenlage im bundesweiten Vergleich als sehr gut bezeichnet werden kann. Wissenschaftlichen Forschungen – vor allem in den USA – zu Umweltgerechtigkeit verdeutlichen, das die Mesoebene die wichtigste Ebene ist, um zu nachhaltigen Änderungen im Sinne von mehr Umweltgerechtigkeit zu gelangen.3 Eine weitere Erkenntnis hat ebenfalls zentrale Bedeutung: Die Betroffenen sind bei der Bewältigung der Ungerechtigkeitsfaktoren beziehungsweise an der Verbesserung des Wohnumfeldes aktiv zu beteiligen. 1 Kohlhuber, Martina; Bolte, Gabriele: Modelle und Indikatoren sozialer Ungleichheit bei umweltbezogener Gesundheit: Erklärungsansätze aus der Umweltepidemiologie. In: Rehberg, KarlSiegbert (Ed.); Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) (Ed.): Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2. Frankfurt am Main: Campus Verl., 2008 Kohlhuber, Bolte, Modelle und Indikatoren sozialer Ungleichheit, S. 3733. 2 Maschewsky, Werner, Umweltgerechtigkeit: Gesundheitsrelevanz und empirische Erfassung, WZB-Paper, 2004, S. 27 f. 3 Kohlhuber u. a., S. 3733. 60 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Durch die in den Berliner Umweltgerechtigkeitsanalysen gewählten „Leitbelastungen“ sind die objektiven Belastungen zunächst gut abgebildet, transparent und für die Quartiersbewohner nachvollziehbar. Nach unserer Auffassung fehlen zusätzliche Informationen aus Ergänzungsindikatoren, die beispielsweise aus Befragungen, Ortsbegehungen, Betroffenen- und Experteninterviews oder aus der Auswertung von Medienberichten gewonnen werden. Diese subjektiv ausgerichteten ergänzenden Hinweise ermöglichen die zeitliche und räumliche Erfassung der Belastungsverteilungen. Gleichzeitig kann auch die soziale Verteilung der ermittelten Belastungsbereiche präziser lokalisiert und analysiert werden. Hierfür könnte eine Vielzahl von Sozialindikatoren, welche die individuellen Ebene abbilden, insbesondere Alter, Geschlecht, Nationalität, Muttersprache, Bildungsstand, Erwerbsstatus, Beruf, Berufsstatus, Erwerbseinkommen, Sozialeinkommen, Geldvermögen, Sachvermögen, Familienform, Wohnungsgröße analysiert und mit den umweltbezogenen beziehungsweise umweltmedizinisch untersetzten Belastungsdaten verschnitten und abgeglichen werden. Im Ergebnis würden genauere Befunde zur Verfügung stehen, die zusätzliche Informationen und einen wichtigen Beitrag zur Verfeinerung der Analyseergebnisse zur Verfügung stellen. Dies könnte dann eine weitere Arbeits- und Entscheidungsgrundlage für die Vorbereitung und Umsetzung geeigneter Strategien und Maßnahmen zur Verbesserung der lokalen Belastungssituationen sein. Wie das Beispiel „Schildhornstraße“ zeigt, können gleiche Belastungssituationen unterschiedlich wahrgenommen werden. Diese wichtige Erkenntnis sollte auch Eingang in die Berliner Umweltgerechtigkeitsuntersuchungen finden und eine Anregung sein, darüber nachzudenken, welche planungsraumbezogenen Ergebnisse gezielt durch zusätzliche subjektive Untersuchungen fachlich-inhaltlich untersetzt werden sollten. Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig, dass das neue Berliner Indikatorenset zur Umweltgerechtigkeit um weitere qualitativ ausgerichtete Parameter ergänzt wird. 61 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.8 Geographische Informationssysteme (GIS) – Karten und Analysen im Themenfeld Umweltgerechtigkeit Einleitung Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Prof. Dr. Tobia Lakes Das Themenfeld Umweltgerechtigkeit in Berlin stellt für Entscheidungsträger, Wissenschaft und Öffentlichkeit den Rahmen für neue und auch kontroverse Diskurse. Es bietet die Möglichkeit, soziale, ökonomische und umweltbezogene Belange in Verbindung mit politischplanerischen Belangen zu setzen (vergleiche Kapitel Schreiber in diesem Band). Voraussetzung für diese Diskussionen sind jedoch verlässliche und nachvollziehbare Informationsgrundlagen. Eine Möglichkeit der visuell anschaulichen Darstellung ist die kartografische Darstellung statistischer und räumlich verortbarer Informationen mithilfe von Geografischen Informationssystemen (GIS). So konnte in einer Pilotstudie für Berlin auf eine erste Abschätzung der Umweltgerechtigkeit auf der Ebene der Planungsräume umgesetzt werden. Im Hintergrund der Kartenerstellung bieten GIS darüber hinaus auch die Möglichkeit raumzeitlicher Analysen. Distanzen zur nächsten Grünfläche können berechnet werden oder aber auch diejenigen Räume identifiziert werden, die einer Mehrfachbelastung durch Lärm, Luftverschmutzung, bioklimatische Belastungen und geringe Versorgung mit Grünflächen ausgesetzt sind und darüber hinaus einen niedrigen sozialen Status aufweisen (vergleiche Lakes & Klimeczek 2011). Aktuelle Entwicklungen in der Geoinformatik lassen sich für weiterführende Ansätze im Themenfeld Umweltgerechtigkeit in Wert setzen. In diesem Beitrag sollen anhand von drei Beispielen die Möglichkeiten der kartografischen Visualisierung und Analyse für das Themenfeld Umweltgerechtigkeit aufgezeigt werden. Neue Möglichkeiten der räumlichen Visualisierung und Analyse der Umweltgerechtigkeit Vulnerabilitätsanalysen Viele Umweltgerechtigkeitsstudien identifizieren in einem ersten Schritt Risikofaktoren im städtischen Raum, wie zum Beispiel die Lärmbelastung oder die bioklimatische Belastung. Hierzu stehen verschiedene Umweltdatensätze zur Verfügung, um diese Umweltbelastung kartografisch darzustellen. So kann das Land Berlin auf eine beachtliche Quantität und Qualität an Umweltdaten aufbauen (vergleiche FIS-Broker). Eine sozialräumliche Analyse, indem man den Sozialstatus mit den Umweltdaten überlagert, ermöglicht so eine erste Abschätzung der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen und -ressourcen. In einem weiterführenden Schritt lassen sich nun für die meisten dieser Risikofaktoren spezifische vulnerable Gruppen identifizieren, die in besonderem Maße durch die Umwelteinflüsse beeinträchtigt werden. So ist aus Studien bekannt, dass insbesondere ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen besonders vulnerabel gegenüber Hitzebelastung sind. Dies betrifft ebenso andere Umweltvariablen. Räumliche Analysen ermöglichen es nun, die Umweltsituation für bestimmte vulnerable Gebiete oder Gruppen zu analysieren. Statistische Daten, wie zum Beispiel die aktuelle Verteilung des Alters, können genutzt werden, um die aktuelle Belastung bestimmter vulnerabler Gruppen zu identifizieren. Szenarien der demografischen Entwicklung und der Entwicklung der Umweltsituation ermöglichen es, aufbauend darauf zukünftige potenzielle Risikoräume der Umweltgerechtigkeit räumlich darzustellen. Eine solche Fokussierung auf besonders vulnerable Gruppen ermöglicht damit die gezielte Analyse möglicher Planungsmaßnahmen und Szenarien. Umweltgerechtigkeitsindikator Bisherige Umweltgerechtigkeitsanalysen überlagern verschiedene Umweltbelastungen und -ressourcen in einem mehrschichtigen Ansatz und stellen diese räumlich verortet dar. Ein wesentlicher Vorteil geografischer Informationssysteme und statischer Analysen liegt in dieser systematischen und transparenten Verbindung verschiedener Informationsebenen. Weiterführend kann man sich nun die Entwicklung eines Umweltgerechtigkeitsindikators vorstellen, der mit einem Indikatorensystem die verschiedenen Teildimensionen miteinander verbindet (vergleiche Lakes & Klimeczek 2011). Während etablierte Nachhaltigkeitsindikatoren existieren, ist es bislang noch nicht gelungen, einen Umweltgerechtigkeitsindikator zu entwickeln, der den verschiedenen Teildimensionen und den Anforderungen eines planungsrelevanten Indikators gerecht wird. Ein beispielhaftes Instrument in Berlin könnte der Biotopflächenfaktor (BFF) sein, der auf der Basis einer Abschätzung der ökologischen 62 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Funktionen eines Grundstücks eine Quantifizierung des Ist-Zustands der ökologischen Wertigkeit ermöglicht. Vorgaben eines Sollwerts ermöglichen dann die Identifikation der Veränderung bei Maßnahmen, so dass Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen definiert werden können (Lakes & Kim 2013). Auch wenn eine planerisch verbindliche Festsetzung eines solchen Wertes der Umweltgerechtigkeit diskutiert werden müsste, eine kartografische Visualisierung von Ist- und Sollwerten könnte eine sehr gute Diskussionsgrundlage darstellen bei der Planung von Maßnahmen. Partizipation Neben der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen und -ressourcen stellt Umweltgerechtigkeit auch eine Partizipationsgerechtigkeit dar. Es wird die Frage gestellt, wer wie an politischen und planerischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. Hier bieten geografische Informationssysteme über webbasierte Visualisierungen sehr vielversprechende Ansätze. So können beispielsweise Wahrnehmungen von Situationen oder Veränderungen in Kiezen von den Bewohnern abgefragt werden. Ein bereits vorliegendes etabliertes Instrument ist die Lärmaktionsplanung, die der Bevölkerung über eine webbasierte Karte eine Möglichkeit bietet, Kommentare zum Beispiel zu besonders stark belasteten Gebieten zu hinterlassen. Somit können (neue) Bevölkerungsgruppen über das Internet an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Wenngleich selbstverständlich auch bei webbasierten Beteiligungsprozessen ausgewählte Bevölkerungsgruppen vertreten sind. Darüber hinaus ermöglicht die Visualisierung auf einer Karte auch, Perspektiven und wahrgenommene Umweltsituationen oder soziale Situationen in bestimmten Räumen in Verbindung zu setzen mit quantitativen, statistischen Daten (Honold et al. 2013). Dies bietet für die Entwicklung und weitere Fortführung von Umweltgerechtigkeitsanalysen ein außerordentlich hohes Potenzial zur Qualifizierung existierender Ansätze der Erfassung und Bewertung von Umweltgerechtigkeit. Kartografische Darstellungen als Grundlagen für die Diskussion und Planung Die genannten Beispiele zeigen deutlich die Möglichkeiten der kartografischen Visualisierung und räumlichen Analyse im Themenfeld Umweltgerechtigkeit. Karten bieten hervorragende Diskussionsgrundlagen für Entscheidungsprozesse und werden als etablierte Hilfsmittel eingesetzt. Sie liefern vergleichbare Informationsquellen zu Umweltgütern oder dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung und der Gesundheitsberichterstattung. Sie erlauben eine Überlagerung, räumliche Analyse von Zusammenhängen und Beziehungen zwischen unterschiedlichen thematischen Feldern. Darüber hinaus ermöglichen raumzeitliche Modellierungen die Entwicklung von Szenarien und möglichen zukünftigen Entwicklungspfaden eines Stadtraums, seiner demografischen und umweltbedingten Situation. So lassen sich aktuelle Situationen und mögliche zukünftige Situationen nach Planungs- und Entscheidungsmaßnahmen kartografisch anschaulich darstellen. Wenngleich Karten überzeugend eingesetzt werden, so sollen hier die Grenzen nicht verschwiegen werden. Hinter jeder Karte steht eine lange Geschichte der Erstellung, bei der Frage nach der Qualität der Ausgangsdaten (Aktualität, Korrektheit, …), den Analyseschritten des Aggregierens und Verknüpfens von Daten, der Größe der Bezugsräume (zum Beispiel Planungsräume oder Bezirke), des Datenschutzes; letztendlich muss die Aussagekraft kritisch reflektiert und dokumentiert werden. Nur eine sorgfältige Erstellung einer Karte kann insofern angemessen eingesetzt werden. Ausblick Das Themenfeld der Umweltgerechtigkeit bedarf transparenter und anschaulicher Informationsgrundlagen, um Diskussionsprozesse zwischen den verschiedenen thematischen Fachbereichen von Umweltbelangen, sozialen und ökonomischen Belangen sowie politisch-planerischen Belangen zu ermöglichen. Kartografische Darstellungen und Methoden der raumzeitlichen Analyse bieten bereits jetzt sehr gute Möglichkeiten zur integrierten Darstellung der Umweltgerechtigkeit. Weiterführende Ansätze, die aktuellen Entwicklungen und neuen Möglichkeiten der Geoinformatik aufgreifen, wären für das Themenfeld Umweltgerechtigkeit von großer Bedeutung. Es bleibt zu hoffen, dass dieses wichtige und integrierende Thema zukünftig an Bedeutung im politischen und wissenschaftlichen Raum in Berlin und Deutschland gewinnt. 63 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Honold, J.; Beyer, R.; Lakes, T.; van der Meer, E. (2012): Multiple environmental burdens and neighborhood-related health of city residents, Journal of Environmental Psychology, 32, 305-317. Lakes, T.; Brückner, M.; Krämer, A. (2013): Development of an environmental justice index to determine socio-economic disparities of noise pollution and green space in residential areas in Berlin, Journal for Environmental Planning and Management, 57, 538-556. Lakes, T.; Kim, H.O. (2012): The urban environmental indicator „Biotope Area Ratio“ – An enhanced approach to assess and manage the urban ecosystem services using high resolution remote-sensing, Ecological Indicators, 13, 93-103. Lakes, T.; Klimeczek, H.-J. (2011): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – eine erste integrierte Analyse der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen und -ressourcen, Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID), 2, 42-46, Berlin. FIS-Broker, http://www.stadtentwicklung.berlin.de/geoinformation/fis-broker/, letzter Zugriff: 9.7.2014 Ucahs, http://www.ucahs.org, letzter Zugriff: 9.7.2014. 64 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2.9 Lebensweltlich orientierte Räume und Datenpool Die sozialökonomischen, herkunfts- oder lebensstilbezogenen Differenzierungen in der städtischen Gesellschaft finden sich in der räumlichen Verteilung der Einwohner im Stadtgebiet wieder. Eine kleinräumige Untergliederung des Stadtgebietes für Sozial-, Gesundheits- und Stadtentwicklungsberichte hat in Berlin und im Amt für Statistik Berlin-Brandenburg daher eine lange Tradition. Durch die Rahmenstrategie Soziale Stadtentwicklung sind wesentliche Impulse für die Weiterentwicklung der kleinräumigen Gliederung und der dazugehörenden Daten ausgelöst worden. Die Entwicklung eines raumbedeutsamen Politikbereichs Umweltgerechtigkeit wird diesen ressortübergreifenden und auf Vernetzung angelegten Prozess intensivieren und vertiefen. Amt für Statistik BerlinBrandenburg, Abteilung 2 – Regional- und Kommunalstatistik, Regionales Bezugssystem Hartmut Bömermann Lebensweltlich orientierte Räume Für Berichte und Berichtssysteme waren Verkehrszellen, kleinstatistische Gebiete sowie die Planungsräume der Jugendhilfe lange Jahre die bevorzugten Nachweis- und Darstellungsebenen. Während Verkehrszellen und kleinstatistische Gebiete in einer hierarchischen Beziehung zueinander stehen, galt das für die Planungsräume der Jugendhilfe nicht, so dass Vergleiche zwischen diesen teilräumlichen Systemen nicht möglich waren. Der Grund für voneinander unabhängige Raumgliederungen lag in einer Schwäche des Zuschnitts der Verkehrszellen, die räumliche Barrieren, wie zum Beispiel große Verkehrsstraßen oder -kreuzungen, nicht als grenzbildend ansahen. Was für eine Verkehrsstrombetrachtung angemessen ist, führt aber bei einer sozialräumlichen Betrachtung zu nicht validen Raumgrenzen. Das Ende 2005 initiierte Projekt zur Vereinheitlichung von Planungsräumen für Fachplanungen in Berlin wurde am 1. August 2006 mit einem Senatsbeschluss (SB 3798/06) erfolgreich beendet. Bezeichnet wird die neue und verbindliche Raumgliederungssystematik als Lebensweltlich orientierte Räume (LOR). Das System der LOR geht – vermittelt über Diskussionen in der Jugendhilfeplanung – auf Theorien zurück, die in der Soziologie von Schütz und Luckmann entwickelt wurden (Schütz/Luckmann 2003) und in der sozialpädagogischen Jugendarbeit (Thiersch 2005) einen neuen Handlungsbezug gewonnen hatten. Beim Neuzuschnitt der Raumabgrenzungen wurde ein Expertenansatz verfolgt, der ausgehend von vorhandenen Räumen eine bessere Adaption an die lebensweltliche Realität erreichen sollte. Vorgegeben waren ein Populationskorridor, in dem sich die Teilräume bewegen sollten, und verschiedene Kriterien, um möglichst homogene Binnenstrukturen zu erreichen. Die Teilräume sollten eine ähnliche sozioökonomische Struktur und vergleichbare Lebenslagen aufweisen. Strukturelle Barrieren, die die Verkehrsbeziehungen beeinflussen, sollten berücksichtigt werden (Hauptverkehrsstraßen, Bahntrassen, Wasserwege). Nicht zulässig war die Bildung von En- und Exklaven. Die LOR sind als Nahräume konzipiert, um mit Blick auf intervenierende Strategien eine ressortübergreifende Zusammenarbeit zu fördern. In die Entwicklung der LOR waren Akteure aller Berliner Senatsverwaltungen und der Bezirke einbezogen, um einen breiten fachlichen Konsens und damit Akzeptanz zu erzielen. Die Lebensweltlich orientierten Räume bestehen (LOR) aus drei Ebenen (Stand März 2009): „„447 Planungsräume (PLR; vergleichbare Ebene: 338 Verkehrszellen), „„138 Bezirksregionen (BZR; vergleichbare Ebene: 195 statistische Gebiete), „„60 Prognoseräume (PRG; vergleichbare Ebene: 60 Mittelbereiche). Die kleinräumige Betrachtung der Belastungssituation im Rahmen des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes erfolgt auf der Ebene der 447 Planungsräume, die das Gebiet des Landes flächendeckend unterteilen. Die Unterteilung der Gesamtfläche des Landes führt dazu, dass es einige Planungsräume gibt, die im Wesentlichen durch Gewerbe- oder Forstflächen gebildet werden und damit nur wenige Einwohner aufweisen. Bei Analysen werden diese Planungsräume daher häufig ausgeklammert. Die Lebensweltlich orientierten Räume sind zwischenzeitlich fest etabliert und haben sich in einer Vielzahl von Berichten und Untersuchungen als valide erwiesen. Über das Regionale Bezugssystem (RBS) des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg lassen sich prinzipiell alle geeigneten Statistiken kleinräumig aufbereiten. 65                                 ­ €‚ ƒ­„€  „  †‡‡ˆƒ †‡‰‰                               ­€‚ƒ                ­       6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Lebensweltlich orientierte Räume und Vorranggebiet Luftreinhaltung 66 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Die 447 Planungsräume mit Blick auf die Umsetzung des neuen Themenfeldes sind eine sehr gute stadtgeografische Grundlage, weil hierdurch eine Begrenzung der Einwohnerzahl erfolgt und die Vergleichbarkeit der Planungsraumeinheiten gewahrt bleibt. Mit Blick auf den gesundheitsbezogenen Ansatz der Umweltgerechtigkeitsanalysen kommt hinzu, dass durch die Sozialraumorientierung beziehungsweise durch den Milieuansatz auch beim Zuschnitt der Raumeinheiten gesundheitsorientierte Zielsetzungen integriert sind. Datenpool Komplementär zu den Lebensweltlich orientierten Räumen wurde und wird der Datenpool entwickelt. An den Abstimmungsprozessen sind Koordinatoren der Senats- und Bezirksverwaltungen beteiligt, die in ihrer Gesamtheit als Arbeitsgruppe Datenpool fungieren. Ziel des Datenpools ist es, dass allen planenden und umsetzenden Fachbereichen auf Landesund Bezirksebene einheitliche und abgestimmte Daten als Basis zur Verfügung stehen, die die Grundlage für kooperative Fachplanungen auf Ebene der LOR bilden. Über den Datenpool sollen nicht nur Statistiken des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zugänglich gemacht werden, sondern auch Daten, die in den Senatsverwaltungen, bei anderen Behörden oder den Bezirken verfügbar sind. Der Datenpool stellt somit vor allem für die Umsetzung des Themenfeldes verlässlich kleinräumige Variable für Eck- und Kennzahlen sowie Indikatoren in einer technisch gleichbleibenden Form bereit. Durch den Aufbau des Datenpools hat sich das kleinräumige Datenspektrum deutlich erweitert. Ein weiterer Effekt ist die bessere Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Berichten und Berichtssystemen, die sich damit leichter „nebeneinander“ legen lassen und sich ergänzen können. Zur Stärkung einer integrierten Sicht werden im Rahmen des Datenpools zurzeit Bezirksregionenprofile mit Modellbezirken entwickelt. Für eine leichtere Informationsgewinnung aus den Daten wird im Projekt PRISMA (Planungsraumbezogenes Informationssystem für Monitoring und Analyse) ein IT-Werkzeug entwickelt. Derzeit stehen kaum kleinräumige Umweltdaten zur Verfügung. Deutlich besser ausgeprägt ist die Verfügbarkeit demografischer und migrationsbezogener sowie sozialstruktureller Daten. Durch die kleinräumigen Umweltgerechtigkeitsanalysen wird dieses Informationsdefizit geschlossen, da ein wichtiges und übergreifendes Teilsystem in den Datenpool und dessen Arbeitszusammenhang integriert werden kann. Literatur Bömermann, H., Jahn, S., Nelius, K. (2006): Lebensweltlich orientierte Räume im Regionalen Bezugssystem (Teil 1). Werkstattbericht zum Projekt „Vereinheitlichung von Planungsräumen“; Monatsschrift vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, H. 8, S. 366-371. Schütz A., Luckmann, Th. (2003): Strukturen der Lebenswelt (=UTB 2412). UVK Verlagsgesellschaft: Konstanz. Thiersch, H. (2005): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. 6. Auflage, Juventa: Weinheim und München. Handbuch zur Sozialraumorientierung. Grundlage der integrierten Stadt(teil)entwicklung Berlin. Ergebnisbericht 2009, hrsg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, URL: https://www.stadtentwicklung.berlin.de/soziale_stadt/sozialraumorientierung/ download/SFS_Handbuch_RZ_screen.pdf 67 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 3 Umweltgerechtigkeit – Die sozialräumliche Dimension von Umwelt und Gesundheit lm Vordergrund der Berliner Umweltgerechtigkeitsanalysen steht die Frage von Benachteiligungen und Bevorzugungen sozialer Gruppen durch gesundheitsrelevante Umweltbedingungen. Sozialräumliche Analysen und Monitoringverfahren belegen, dass sich besonders wohlhabende Stadtteile im sozialen Status und ihrer Dynamik von den übrigen Stadträumen absetzen und sich Problemgebiete in ihrer negativen Dynamik verfestigen. In Berlin wird künftig weniger die ethnische Konzentration, sondern die soziale Segregation zu einer Herausforderung werden. Gesundheit und Krankheit unterliegen einer Vielzahl individueller und gesellschaftlicher Einflussfaktoren, die in der physischen und sozialen Umwelt des Menschen entstehen und als Gesundheitsdeterminanten wirken. Zum Zusammenhang zwischen der Exposition durch Umweltbelastungen, sozialen Faktoren und dem Gesundheitszustand gibt es in Deutschland wenige Untersuchungen. Es ist aber erwiesen, dass die städtische Lebensumwelt direkt, indirekt, aber auch wechselseitig die Gesundheit und das Wohlbefinden der dort arbeitenden und wohnenden Bevölkerung beeinflusst. Als gesundheitsrelevante Umweltbelastungen gelten insbesondere Lärm, Luftverunreinigungen, bioklimatische Belastungen sowie Defizite in der Grün- und Freiflächenversorgung. Die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen und Umweltressourcen zu Ungunsten sozioökonomisch benachteiligter Bevölkerungsgruppen sind ungleiche Rahmenbedingungen und Lebensverhältnisse, die die Gesundheit fördern und erhalten. Diese ungleichen Rahmenund Wohnumfeldbedingungen werden sich bis Ende des Jahrhunderts verstärken, da die Stadtteile mit einer hohen sozialen Problemdichte und Mehrfachbelastungen gleichzeitig die vulnerablen Gebiete im Hinblick auf die Auswirkungen des Klimawandels sind. 3.1 Sozialstruktur und Umweltgerechtigkeit Einleitung Berlin möchte gesunden. Berlin macht sich auf den Weg zu einer umweltgerechten Stadt. Die Schritte, die hierzu unternommen werden müssen, sind noch an vielen Stellen unsicher und werden deshalb modellhaft erprobt. Denn eine sozial gerechte Verteilung von Umweltressourcen und Umweltbelastungen in einer Stadt zu diagnostizieren und politisch effektiv zu erwirken, ist kein leichtes Unterfangen (vergleiche Böhme et al. 2013). Zwar scheint es naheliegend, zum Beispiel statistische Zusammenhänge zwischen dem sozialen Status der Bewohner eines Quartiers und deren Versorgung mit Grünflächen zu untersuchen oder etwa der räumlichen Verteilung der Einkommen im Stadtgebiet Berlins im Vergleich mit den Daten zur Luftbelastung nachzugehen (Lakes/Brückner 2014). Auf dieser Ebene von deskriptiven, statistischen Zusammenhangsmaßen ergeben sich interessante inhaltliche Fragen. Sehr viel schwieriger ist es jedoch, aus der Vielzahl der Zusammenhänge, die sich aus den zahlreichen Umweltfaktoren errechnen lassen (Luftqualität, Lärm, Bioklima, Grünflächenversorgung etc. in Relation zur Sozialstruktur), eine sinnvolle Planungsstrategie für den Stadtraum Berlin abzuleiten. Denn über die Ebene der statistischen Beschreibung hinaus sind die tatsächlichen Wirkungszusammenhänge im Themenfeld von Umweltgerechtigkeit und Sozialstruktur bisher unklar. Dies bezieht sich sowohl auf wissenschaftliche Kausalitäten wie auf planungspolitische Strategien. Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Prof. Dr. Ilse Helbrecht, Sebastian Schlüter Um die Problematik und den Handlungsbedarf zu verdeutlichen, gliedern wir unseren Beitrag in drei Bereiche. Erstens diskutiert der Aufsatz grundsätzliche Fragen über die Zusammenhänge zwischen sozialstrukturellen Charakteristika eines Gebietes und den dort feststellbaren Umweltbedingungen: Inwieweit werden soziale Gruppen durch vorhandene Umweltbedingungen benachteiligt? Inwieweit befördern oder behindern Umweltbedingungen soziale Mobilität? Was ist umweltbezogene Gerechtigkeit? Für die Beantwortung dieser Fragen greifen wir auf den Stand der Literatur zurück. Zweitens fokussieren wir die Berliner Situation und stellen Charakteristika der Sozialstrukturen in Berlin anhand des „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ dar (vergleiche Häussermann et al. 2010, Senatsverwal- 68 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 tung für Stadtentwicklung und Umwelt 2013). Im dritten, abschließenden Teil des Beitrags skizzieren wir Forschungsfragen sowie den politischen Handlungsbedarf im Berliner Raum. Was wissen wir? Zusammenhänge von Sozialstruktur und Umweltbedingungen Betrachtet man die vorliegenden Studien zum Zusammenhang von Sozialstruktur, Umweltbedingungen und Gesundheit, so sind die vier nachfolgenden Erkenntnisse der Forschung wesentlich. Umweltbedingungen = Belastungen und Ressourcen Städtische Umwelten prägen das Alltagsleben und die Gesundheit der Stadtbewohner durch eine Reihe von Umweltfaktoren. Es bestehen auf der einen Seite Belastungen durch zum Beispiel Schadstoffe, Lärm- und Lichtemissionen, die sich negativ auf die Gesundheit von Bewohnern auswirken können. Solche Stressoren nehmen Einfluss auf das individuelle, psychische Wohlempfinden und können langfristig eine Beeinträchtigung darstellen, die sich (mittelbar und unmittelbar) auch auf die physische Gesundheit auswirkt (Böhme et al. 2013). Auf der anderen Seite bieten Umweltbedingungen den Stadtbewohnern Ressourcen in Form von zum Beispiel Grün- und Freiflächen, die als Gütefaktoren eine positive Wirkung auf das physische wie psychische Empfinden haben. Gerade in Berlin ist zum Beispiel der Umweltfaktor Vegetation (viel Grün im Wohnumfeld) und ein höherer sozialer Status eng korreliert (Lakes/Brückner 2014). Wohlhabendere Bevölkerungsschichten profitieren somit derzeit überproportional von den Vorzügen einer grünen Wohnumgebung. Um städtische Umgebungen umfassend in Bezug auf die Möglichkeit von Bevorzugungen und Benachteiligungen bestimmter sozialer Gruppen zu analysieren, ist somit eine Betrachtung beider Wirkungsbereiche von Umweltbedingungen – Belastungen und Ressourcen – notwendig. Die Bewertung der Umweltgerechtigkeit städtischer Lebensbedingungen in Berlin ist nur durch die Betrachtung der Summe der Umweltfaktoren sinnvoll. Diese Einsicht hat allerdings eine Schwierigkeit zur Folge: Die bisher vorliegenden vorgenommenen Annäherungen an das Thema Umweltgerechtigkeit in Berlin behandeln Belastungen und Ressourcen vornehmlich getrennt voneinander. Eine summarische Bewertung für einzelne Quartiere und Wohnlagen scheint nur auf den ersten Blick planungspolitisch hilfreich. Bei näherem Hinsehen erweist sich dies sich jedoch rasch als Chimäre. Die analytischen Herausforderungen sind, wie wir im Folgenden noch zeigen werden, zu groß, um einfache Summenlösungen zu formulieren. Statistische Zusammenhänge im Bereich von Belastungen Zählbare Ereignisse wie Sterblichkeit und Krankheitsanfälligkeit sind stark schichtabhängig. Darauf weisen Studien im Bereich der Gesundheitssoziologie und Public-Health-Forschung immer wieder hin (Bolte/Mieck 2004). So ist statistisch belegt, dass je geringer das Einkommen von Personen, umso vorzeitiger ist deren Sterblichkeit. Gleichzeitig gilt, je niedriger die soziale Schicht, umso größer ist die Krankheitsanfälligkeit (Hradil 2009, Seite 39). Soziale Problemlagen weisen demnach auf ein höheres Krankheitsrisiko hin und korrelieren negativ mit einem gesunden Lebensstil. Je größer die soziale Ungleichheit in einer betrachteten Region ist, umso höher ist auch das relative Krankheitsrisiko der unteren sozialen Schichten. Während diese statistischen Befunde valide sind, sind die kausalen Zusammenhänge, die dahinter liegen und den klaren Richtungszusammenhang aufzeigen, keinesfalls geklärt. Über die komplexen Kausalitäten sozial vermittelter Krankheitsrisiken und ihr Zusammenspiel existieren kaum Kenntnisse und besteht somit ein großes Forschungsdefizit (Hradil 2009). Wird man eher krank, weil man einer unteren Gesellschaftsschicht angehört? Oder führt eine höhere Krankheitsneigung und geringere gesundheitliche Belastbarkeit dazu, dass ein Individuum in der Folge sozial absteigt und Mitglied der unteren Schichten wird? Diese Frage nach „Henne oder Ei“ ist wissenschaftlich derzeit nicht zu beantworten. Für das Thema Umweltgerechtigkeit in Berlin hat der skizzierte Stand der Forschung eine große Bedeutung, denn internationale Studien zeigen auch für den Bereich Umweltgerechtigkeit ein sehr ähnliches Bild. Folgerichtig sind auch die Zusammenhänge zwischen der Sozialstruktur eines Quartiers und den dort gegebenen Umweltfaktoren zum Beispiel als Grad der Belastungen durch Verkehrslärm und/oder Schadstoffe nicht immer eindeutig. Die Gesundheitsökonomen Maier und Mielck (2009) zeigen auf, dass die Datenlage hierfür bisher nicht ausreichend 69 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 ist. Zwar lassen sich – so auch bezogen auf Berlin – sehr wohl statistische Zusammenhänge darstellen zwischen einzelnen Umweltbedingungen und der sozialräumlichen Struktur des Stadtgebietes (Lakes/Klimeczek 2011). Über die Wirkungsweise und Bedeutung der attestierten Ungleichverteilungen wissen wir jedoch relativ wenig. Es ist damit unabdingbar, den Blick langfristig für kleinteilige Zusammenhänge zu schärfen und Analysearbeit zu den vorhandenen (oder nicht vorhandenen) Kausalitäten zu leisten. Objektive Verteilungsmuster, soziale Aneignungen und subjektive Wahrnehmungen Städtische Umweltbedingungen sind zu Teilen objektiv messbar (zum Beispiel Feinstaubbelastung, Bioklima, Akustik). Jedoch entfalten sie ihre soziale Wirkung zu Teilen erst durch die subjektive Wahrnehmung und soziale Aneignung von Gruppen. So ist der Erkenntniswert subjektiver Gesundheitseinschätzungen für gesundheitspolitische Maßnahmen bereits seit längerem Gegenstand der Diskussion in den Gesundheitswissenschaften (vergleice Erhart et al. 2009). Das Gleiche gilt für die Betrachtung der objektiven Ausstattung eines Stadtraumes mit bestimmten Umweltbedingungen in Relation zu den sehr unterschiedlichen Aneignungs- und Wahrnehmungsprozessen durch die Bevölkerung. Lärm ist nicht gleich Lärm, ein Park ist nicht gleich ein Park. Die diversen Umweltgüter werden von unterschiedlichen sozialen Gruppen spezifisch nachgefragt und je nach Prägung in unterschiedlichem Ausmaße begünstigend oder beeinträchtigend eingeschätzt. Ein treffendes Beispiel hierfür sind Grünanlagen, die nicht durch ihr schieres Vorhandensein wirken, sondern erst durch die konkrete Aneignung und Nutzung eine gesundheitsfördernde Wirkung entfalten. Man muss also im Park beispielsweise auch joggen gehen, um positive persönliche Effekte zu haben. David Harvey (1973) hat früh darauf hingewiesen, dass sozialgruppenspezifische Unterschiede in der Nutzung von städtischen Erholungsmöglichkeiten ungewollt eine Benachteiligung unterer Schichten herbeiführen, die mehr auf Verhaltensmuster der Nachfragegruppen denn auf die Angebotsstrukturen im Stadtraum zurückzuführen ist. Deshalb ist es für die Analyse kleinräumiger Zusammenhänge von Sozialstruktur und Umweltbedingungen notwendig, über die unterschiedliche Ausstattung von Wohnquartieren anhand objektiver Daten hinaus ebenso die sozialen Aneignungsprozesse, die subjektiven Wertschätzungen und Wahrnehmungsweisen zu untersuchen. Wie auch in dem hier vorliegenden Berliner Umweltbericht gehen die meisten Studien den Verteilungsmustern objektiver Kriterien im Stadtraum nach und fragen nicht nach der subjektiven Wahrnehmung einzelner Stressoren oder begünstigender Faktoren. Gerechtigkeit: Was ist umweltgerecht? Welche Zielvorstellung verfolgen wir, wenn von Umweltgerechtigkeit im Land Berlin die Rede ist? Ist es gerecht, wenn diejenigen Bevölkerungsgruppen, die schon eine relativ hohe Schadstoffbelastung mit Feinstaub zu ertragen haben, von den Flugrouten eines neuen Flughafens (BER) verschont werden? Ist es ungerecht, wenn durch den Ausbau einer Autobahn im direkten Umfeld Verkehr, Lärm- und Schadstoffemissionen erzeugt werden, dafür aber im großräumigeren Umfeld die Erreichbarkeit von Wohnstandorten und Arbeitsplätzen sich erhöht (zum Beispiel A 100)? Es ist eine Grundsatzfrage – und vermutlich gibt es keine grundsätzlichere, die eine Stadtgesellschaft sich stellen kann, als die nach der Gerechtigkeit (vergleiche Rawls 1979). Die bisherigen Analysen in dem vorliegenden Berliner Bericht nehmen implizit das Ziel der Verteilungsgerechtigkeit an. Dazu werden soziale Indikatoren mit Daten der Umweltgüte übereinander gelegt; sie werden miteinander „verschnitten“. Diejenigen Bereiche, die einer sogenannten Doppel- oder Mehrfachbelastung unterliegen, werden folglich anders eingestuft, als jene, in denen „nur“ eine oder wenige Belastungen (durch sozial- und/oder Umweltfaktoren) zu verzeichnen sind. Es läge dann also eine ungleiche Verteilung vor. Geht es nun um Verteilungsgerechtigkeit, also eine gerechte quantitative Verteilung eben jener Belastungen durch Umweltgüter (Ressourcen finden bisher nur am Rande Beachtung, wie weiter oben bereits ausgeführt), so sagt dies noch nichts darüber aus, wie diese nun anders oder gar umzuverteilen oder zu vermeiden sind. Ist es das Ziel, die Belastungen für alle Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt oder eines Stadtteils gleichmäßig zu verteilen? Oder ist es das Ziel, den sozial schwächsten Teil der Bevölkerung am wenigsten Umweltlasten zuzumuten und dafür die Räume, in denen Personen mit einer größeren räumlichen und sozialen Mobilität wohnen, stärker zu belasten? 70 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Oder sollen positiv wirkende Ressourcen als ein Ausgleich für Doppel- und Mehrfachbelastungen dienen? Dies sind Kernfragen, um deren kontextspezifische Beantwortung nicht herumkommt, wer die Umweltsituation auf Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten in der Stadt Berlin befragen und entsprechende Handlungsmöglichkeiten diskutieren möchte. Eine erste grundsätzliche Annäherung hierzu lässt sich mit John Rawls Theorie der Gerechtigkeit formulieren. Diese beruht auf dem Gedanken der „Gerechtigkeit als Fairness (sic)“ (Rawls 1979, Seite 29). Demnach sollten kein Individuum und keine soziale Gruppe dauerhaft Verluste erleiden, um der Gesamtheit der Bewohner Vorteile zu verschaffen. Vielmehr bedeutet ein in Fairness entwickelter Gerechtigkeitsbegriff, dass Ungleichheiten (seien sie wirtschaftlicher und sozialer Art oder eben auf ungleiche Ausstattung mit Umweltgütern zurückzuführen) nur dann gesellschaftlich akzeptiert werden können, wenn sie jedem Mitglied der Gesellschaft zum Vorteil geraten (vergleiche Rawls 1979). So betrachtet geht es bei einer umweltgerechten Gestaltung nicht um eine möglichst effiziente Lösung (zum Beispiel beim Bau einer Autobahn), also eine utilitaristische Orientierung am größtmöglichen Nutzen für die Mehrheit im Zweifel auf Kosten einiger Weniger. Sondern es geht um die auf Fairness basierende gerechte Verteilung von Rechten, Pflichten und Gütern – und in der Stadtpolitik um eine gerechte Umverteilung. Umweltgerechtigkeit als Ausdruck einer fairen Gesellschaft könnte passend sein zu einem neuen Leitgedanken der Berliner Stadtentwicklungspolitik, „Berlin als solidarische Stadt“ (SenStadt 2010c). Dies aber ist politisch im Senat und Parlament wie auch in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Der vorliegende Bericht kann ein argumentatives Sprungbrett für diese bedeutende Debatte sein. Insgesamt erweist sich die Frage nach der Umweltgerechtigkeit als komplexes analytisches, politisches und gesellschaftliches Problem. Deshalb sind neben der reinen Verteilungsgerechtigkeit (von zum Beispiel Belastungen) auch Fragen der Zugangsgerechtigkeit zu Umweltressourcen sowie der Verfahrensgerechtigkeit von Relevanz etwa in Form der „Gleichbehandlung verschiedener Beteiligter im Hinblick auf den Umwelteingriff, zum Beispiel von Betroffenen, Betreibern und Behörden“ (Maschewsky 2004, Seite 10). Das Handlungsfeld Umweltgerechtigkeit ist dabei in den Metropolen besonders drängend. Somit ist es kein Zufall, dass die Hauptstadt Berlin hier beispielhaft voranschreitet. Denn „Umweltungerechtigkeit ist zwar nicht auf Städte begrenzt, deren Auswirkung entwickelt in urbanen Räumen jedoch oftmals erhöhten Handlungsbedarf. Hier gilt es in besonderem Maße Defizite zu erkennen, Missstände zu lesen und zu einem gesunden Lebensumfeld für die gesamte Bevölkerung beizutragen“ (Deutsche Umwelthilfe 2014, Seite 8; Herv. i. Orig.). Sozialstrukturen in Berlin: Monitoring Soziale Stadtentwicklung Die soziale und ethnische Segregation entwickelt sich in den deutschen Städten sehr unterschiedlich (Friedrichs/Triemer 2008, Seite 108). Durch den Wandel zur Wissensgesellschaft und die damit einhergehende Veränderung von Berufsmilieus und Sozialstrukturen sind zudem neuartige Formen räumlicher Inklusion und Exklusion zu beobachten (vergleiche Helbrecht 2009, 2011). Berlin nimmt dabei aufgrund der Geschichte von Teilung und Wiedervereinigung eine Sonderrolle ein. Seit 1998 werden die Sozialstrukturen Berlins durch eine Studie im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Monitoring Soziale Stadtentwicklung analysiert (SenStadtUm 2013). Diese Daten stellen eine Grundlage für den Berliner Umweltgerechtigkeitsbericht bereit. Methodik: Berechnung eines Gesamt-Index zur sozialen Ungleichheit Für die Analyse der Sozialstrukturen wird das Stadtgebiet Berlins in 447 Planungsräume eingeteilt. Diese kleinräumige Ebene wird als Lebensweltlich orientierte Räume (LOR) bezeichnet (vergleiche SenStadtUm 2013, Seite 2 ff.). Für 434 dieser LOR werden vier Indikatoren zur Beschreibung des Status der Bewohnerinnen und Bewohner und zur Analyse der Dynamik des Planungsraumes erhoben (siehe Tabelle 1). 13 Planungsräume können für die Sozialstrukturanalyse nicht berücksichtigt werden, da sie entweder eine zu geringe Einwohnerzahl (unter 300) aufweisen oder als nicht aussagefähige Sonderfälle (zum Beispiel „Ausreißer“) identifiziert wurden. Im Monitoring werden die einzelnen Indikatoren betrachtet und dann in einem gestuften Verfahren in einen Status-Index und einen Dynamik-Index überführt sowie in einem Gesamt-Index „Soziale Ungleichheit“ zusammengefasst. Im aktuellen Monitoring des Jahres 2013 wurden Anpassungen vorgenommen. So werden Indikatoren, die die Herkunft von Bewohnern betreffen, nun nicht mehr abgebildet. 71 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Status-Index Dynamik-Index 1. Arbeitslosigkeit: Anteil der Arbeitslosen an den 15- bis 65-Jährigen in Prozent 1. Veränderung der Arbeitslosigkeit: Veränderung des Anteils der Arbeitslosen an den 15- bis 65-Jährigen in Prozent 2. Langzeitarbeitslosigkeit: Anteil der Arbeitslosen mit einer Bezugszeit von über einem Jahr an den 15- bis 65-Jährigen in Prozent 2. Veränderung der Langzeitarbeitslosigkeit: Veränderung des Anteils der Arbeitslosen mit einer Bezugszeit von über einem Jahr an den 15- bis 65-Jährigen in Prozent 3. Transferbezug: Anteil der nicht arbeitslosen Empfängerinnen und Empfänger von Existenzsicherungsleistungen in Prozent 3. Veränderung Transferbezug: Veränderung des Anteils der nicht arbeitslosen Empfängerinnen und Empfänger von Existenzsicherungsleistungen in Prozent 4. Kinderarmut: Anteil der nicht erwerbsfähigen Empfängerinnen und Empfänger von Existenzsicherungsleistungen unter 15 Jahren in Prozent 4. Veränderung Kinderarmut: Veränderung des Anteils der nicht erwerbsfähigen Empfängerinnen und Empfänger von Existenzsicherungsleistungen unter 15 Jahren in Prozent Tabelle 1: Indikatoren im Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013 Quelle: SenStadtUm 2013, Seite 3 Die Indikatoren des Status-Index werden vierstufig (hoch, mittel, niedrig, sehr niedrig) abgebildet, die des Dynamik-Index in drei Stufen (positiv, stabil, negativ). Die sich hieraus ergebende Kreuztabelle bildet somit zwölf Gruppen einen Gesamt-Index der sozialen Ungleichheit. Dergestalt getroffene Einstufungen der Planungsräume ermöglichen eine Identifizierung von „Gebieten mit einem besonderen Aufmerksamkeitsbedarf“, in denen kumulierte soziale Problemlagen zu beobachten sind. Darüber hinaus stellen die Ergebnisse die Grundlage für die Festlegung verschiedener Förderinstrumente wie des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ dar (für genauere Ausführungen zur Methodik und einzelner Ergebnisse siehe SenStadt 2009b, SenStadtUm 2013). Interpretation der Daten Welche Sozialstrukturen mit welchen Dynamiken lassen sich auf der Grundlage des Monitorings für die Stadt Berlin beobachten? Wir beschränken uns an dieser Stelle auf Kernaussagen zur sozialen und ethnischen Segregation. Insgesamt ist bei den Statusindikatoren für Berlin eine Entspannung zu beobachten. So sinken im Stadtgebiet seit dem Jahr 2006 die Werte zur Langzeitarbeitslosigkeit sowie zur Kinderarmut (SenStadtUm 2013, Seite 3). Die minimale Verbesserung der Lage insgesamt geht mit einer teilweisen Polarisierung der Entwicklung in den unterschiedlichen Teilräumen der Stadt einher. Aus großer Flughöhe betrachtet, zeigen sich eindeutige Entwicklungen: In Teilen der westlichen innenstadtnahen, gründerzeitlich geprägten Bezirke Kreuzberg, Neukölln und Wedding befindet sich eine relativ stabile und hohe Konzentration von Planungsräumen (zur räumlichen Hierarchie siehe Bömermann in diesem Bericht) mit niedrigen beziehungsweise sehr niedrigen Statuswerten, die eine stabile bis negative Dynamik aufweisen. Dies trifft auch auf Teile der zwei östlich und westlich gelegenen Stadtrandbezirke MarzahnHellersdorf und Spandau zu, die im Wesentlichen durch Großwohnsiedlungen geprägt sind. Diese fünf Teilräume weisen deutliche Abweichungen im Anteil der Bewohner auf, die Existenzsicherungsleistungen beziehen. Dies gilt für den Anteil der Transferbezüge wie auch für den Indikator Kinderarmut. Letztgenannter Indikator liegt in den entsprechenden Gebieten 10 bis 25 Prozent über dem Berliner Durchschnitt. In den Innenstadtbezirken Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf fallen Planungsräume mit hohen und mittleren Ausprägungen der Statusindikatoren auf, die zudem eine kontinuierlich positive Dynamik aufweisen. Die Indikatoren weisen auf eine Polarisierung der Extremwerte im Vergleich zu den Durchschnittswerten der Gesamtstadt hin (SenStadtUm 2013). 72 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Diese Polarisierung bezieht sich in der mehrjährigen Betrachtung im Kern auf etwa 27 der insgesamt 434 Planungsräume der Stadt Berlin. In fünf Planungsräumen, in denen insgesamt 0,5 Prozent der Berliner Bevölkerung beziehungsweise circa 18.000 Menschen wohnen, sind hohe Statuswerte und eine positive Dynamik zu verzeichnen. 22 Planungsräume hingegen weisen niedrige bis sehr niedrige Statuswerte und eine negative Dynamik auf. Addiert man hierzu noch diejenigen Planungsräume, die einen sehr niedrigen Status, aber eine stabile (24) oder positive (5) Dynamik zeigen, so sind 51 der 434 betrachteten Planungsräume als kumulierte soziale Problemlagen eingestuft. In diesen Planungsräumen leben 12 Prozent der Berliner Bevölkerung, also circa 427.000 Menschen (SenStadtUm 2013). Es besteht berechtigter Grund zu der Annahme, dass sich das Ausmaß der sozialräumlichen Polarisierung verfestigt. Die Anzahl der in diesen Planungsräumen mit niedrigen und sehr niedrigen Entwicklungswerten lebenden Menschen hat Dimensionen einer Großstadt. Diese Verarmungstendenzen auf Stadtteilebene sind problematisch, weil Wohngebiete stets Gelegenheitsstrukturen für die in ihnen lebenden Menschen darstellen. Dies betrifft die vorhandene oder fehlende Infrastruktur ebenso wie die Zusammensetzung der Bewohnerschaft selbst. Benachteiligte Gebiete wirken durch die zunehmende Konzentration von sozialen Problemlagen noch einmal benachteiligend auf die Bewohner. Sozialgeografische Stadtforscher sprechen von Kontexteffekten in der Verursachung städtischer Armut (vergleiche Farwick 2009). Interessant ist im Berliner Stadtraum auch die Lage der Planungsräume, die im Verlauf der Jahre 2010 bis 2012 eine positive Dynamik bei niedrigen oder sehr niedrigen Statusindikatoren aufweisen: Diese Aufsteigerquartiere liegen überwiegend im innenstadtnahen Bereich. So ist vor allem in Kreuzberg-Nordost und Neukölln-Nord eine sinkende soziale Benachteiligung zu beobachten (SenStadtUm 2013). Diese auf den ersten Blick positive Entwicklung ist jedoch zugleich janusköpfig und ambivalent, wenn nicht sogar mittelfristig sehr kritisch zu bewerten. In diesen Gebieten, die von Gentrifizierung betroffen sind, finden nicht nur soziale Aufstiegs-, sondern auch Verdrängungsprozesse statt, die auf Dauer mit einem zahlenmäßig hohen Austausch der Bevölkerung einhergehen. Die Aufwertung von Problemquartieren im Innenstadtbereich Berlins geht also zu Teilen mit den typischen, problematischen Folgen für die angestammte Bewohnerschaft im Rahmen von Gentrifizierung einher. Sozialräumliche Aufwertung ist somit auch als ein kritischer Prozess zu bewerten, wenn man ihn aus der Perspektive der Verdrängung betrachtet. Dem gegenüber stehen die „Absteigerquartiere“, also jene Planungsgebiete, die neben einem sehr niedrigen oder niedrigen Status auch eine negative Entwicklungsdynamik aufweisen. Diese Gebiete liegen oft in der äußeren Stadt, wie in Spandau und MarzahnHellersdorf. Gleichwohl Planungsräume mit negativer Entwicklungstendenz auch in der Innenstadt zu finden sind (so im Wedding und in Kreuzberg-Nordwest), lässt sich im Sozialen Monitoring des Landes Berlin im Jahr 2013 erstmals von einer empirisch nachweisbaren Tendenz zur Peripherisierung sozialer Problemlagen sprechen. Eine solche Peripherisierung – wenn sie sich in den Ergebnissen des Sozialen Monitorings der nächsten Jahre und Dekaden bestätigt – würde gravierend Einfluss nehmen auf die sozialräumlichen Rahmenbedingungen für das Erreichen des politischen Ziels der Umweltgerechtigkeit in Berlin. Die normative Frage nach dem „Recht auf Stadt“ steht dann im Raum (Harvey 2012). Dem gegenüber steht die konstante Erfahrung in Berlin – und vielen anderen Städten im globalen Norden –, dass gerade wohlhabende Bevölkerungsgruppen traditionell am Stadtrand wohnen. So wird im jüngsten Monitoring erneut festgestellt: „Planungsräume mit einem hohen Status-Index (…) liegen bis auf wenige Ausnahmen in der Äußeren Stadt“ (SenStadtUm 2013, Seite 43). Es ist also ein sozialräumlich widersprüchliches Bild, das sich im Verhältnis Zentrum-Peripherie in Berlin zeigt. Traditionell wohnen statushohe Gruppen in den gerade in Bezug auf grüne Umweltfaktoren (Lärm, Feinstaubbelastung, Grünflächen) bevorzugten Stadtrandgebieten. Somit sind hoher sozialer Status und positive Umweltbedingungen deckungsgleich und als umweltungerecht zu bezeichnen. Die jüngste Dynamik ist jedoch von Aufwertungsprozessen in der Innenstadt geprägt – was aus Perspektive der grünen Umweltgerechtigkeit als eine Art Ausgleichsbewegung betrachtet werden könnte. 73 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Mehr und mehr statushohe Bevölkerungsgruppen setzen sich den stressigen Umweltbedingungen in Innenstadtgebieten freiwillig aus.1 Denn in Berlin ist – wie in vielen anderen Städten ebenfalls – zu beobachten, dass Mehrfachbelastungen der Umwelt durch schlechte Luftwertqualität, geringe Freiflächenverfügbarkeit und bioklimatischen Stress gerade im Innenstadtbereich vermehrt auftreten (Lakes/Brückner 2014). Dabei ist die Variable bioklimatische Belastung mit Blick auf die globale Klimaerwärmung besonders relevant. Atmosphärische Faktoren wie Wärme, Kälte- und Hitzestress oder Luftreinheit haben immensen Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden und die Gesundheit. Die Tatsache, dass in Berlin die bioklimatische Qualität in den Planungsräumen der Stadt signifikant korreliert mit dem Entwicklungsindex aus dem Stadtmonitoring 2009, verweist auf den dringenden Handlungsbedarf im Politikfeld Umweltgerechtigkeit (Lakes/Klimeczek 2011, Seite 44). Gleichzeitig werden ärmere Bevölkerungsgruppen durch Gentrifizierungsprozesse an den Stadtrand gedrängt, an dem sie deutlich bessere Umweltbedingungen vorfinden. Wie bewertet man den Gewinn an besseren grünen Umweltbedingungen für sozial benachteiligte Gruppen, wenn sie zugleich den Gewinn an Grün und Luftverbesserung mit einer Verringerung ihres Zugangs zu innerstädtischen Ressourcen sowie dem Verlust vertrauter sozialer Netzwerke im angestammten Kiez bezahlen müssen? Die Berliner Stadtpolitik ist vor eine paradoxe Situation gestellt. Umso mehr scheint eine öffentliche Debatte unter Einhaltung der Prinzipien der Verfahrens-, Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit notwendig. Die jüngst vorgelegte Analyse der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zu Mehrfachbelastungen im Stadtgebiet in den Kernindikatoren Lärmbelastung, Luftschadstoffe, Grünflächenversorgung, Bioklimatische Belastung und Soziale Problematik (operationalisiert durch Status-Index im Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013) weist darauf hin, dass der größte Interventionsbedarf einerseits innerhalb des S-Bahn-Rings und der angrenzenden Gebiete liegt. Andererseits werden auch an der Peripherie einzelne Planungsräume, etwa in Spandau und Reinickendorf, identifiziert, die durch eine extreme Mehrfachbelastung im Bereich von Luft und Lärm gekennzeichnet sind und zugleich zu über 66 Prozent aus einfachen Wohnlagen bestehen. In Verbindung mit der Sozialstruktur wird häufig die Frage nach der ethnischen Mischung beziehungsweise Segregation im Stadtgebiet diskutiert. In den USA geht die Debatte um Umweltgerechtigkeit eindeutig mit Fragen der ethnischen Diskriminierung einher. So wird in den Vereinigten Staaten Environmental Justice im engen Zusammenhang mit Environmental Racism diskutiert (vergleiche Holifield 2001, Holifield/Porter/Walker 2009). In Deutschland hingegen ist im Vergleich zu Nordamerika die ethnische Segregation deutlich geringer ausgeprägt. So ist etwa im Jahr 2007 in der Bundesrepublik kein Wohngebiet bekannt, in dem eine ethnische Gruppe mehr als 38 Prozent der in einem Gebiet lebenden Menschen mit Migrationshintergrund stellt. Die ethnische Segregation ist in Deutschland unproblematischer als die soziale Segregation. „Die Städte sind eher sozial als ethnisch gespalten“ (Friedrichs/Triemer 2008, Seite 117). Dies trifft auch für Berlin zu. Die größte Personengruppe mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft sind in Berlin im Jahr 2007 Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft. Die meisten Menschen türkischer Staatsbürgerschaft leben in den Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Wedding (SenStadt 2008). In diesen Bezirken ist auch eine hohe Zahl statusniedriger Planungsräume zu finden. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren mit Migrationshintergrund liegt in den Planungsräumen der innerstädtischen Bezirke Kreuzberg, Neukölln und Wedding bei über 75 Prozent in den Jahren 2007 und 2008 und ist damit sehr deutlich über dem Berliner Durchschnitt von 42,8 Prozent im Jahr 2008. Überproportional viele junge Menschen mit Migrationshintergrund leben also in statusniedrigen Gebieten und konzentrieren sich vor allem im westlichen Teil der Stadt. Es ist angesichts der beobachtbaren Tendenzen absehbar, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit Migrationshintergrund bald die Mehrheit in ihrer Altersgruppe in der gesamten Stadt darstellen werden (vergleiche Häußermann et al. 2010, Seite 13). Perspektivisch wird in Berlin weniger die ethnische Konzentration als die soziale Segregation zu einem Problem werden. Der Vergleich mit anderen deutschen Großstädten zeigt 1 Zudem lassen sich am oberen Ende des Spektrums der sozialen Skala nur leichte Absetzbewegungen von Teilräumen der Stadt feststellen. Während im Jahr 2008 noch 33 Planungsräume der Gruppe 1 in Bezug auf den Status/ Dynamik-Index angehören, sind dies schon im Jahr 2009 drei mehr, nämlich 36. „Das engere Mittelfeld (2+/-) ist mit 172 Planungsräumen nur wenig stärker besetzt als 2008 (3 mehr)“ (Häussermann et al. 2010, S. 26). 74 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 ähnliche Entwicklungen. So lässt sich zwischen 1990 und 2005 auch in Städten wie Köln, Dortmund, Frankfurt und München eine Zunahme der sozialen Segregation vor allem durch eine zunehmende Polarisierung der Einkommen bei einer eher abnehmenden ethnischen Segregation ausmachen. Zugleich besteht „eine hohe räumliche Korrelation zwischen der Segregation der Armen und der Migranten“ (Friedrichs/Triemer 2008, Seite 117). Daher ist es auch nur konsequent, dass das im Jahr 2013 erschienene Monitoring der sozialen Stadtentwicklung die ethnische Dimension nicht mehr mit abbildet. Grenzen der Aussagekraft Die Bewohnerzahlen der Planungsräume mit zunehmenden sozialen Problemlagen wie auch die sich verstetigende sozialräumliche Polarisierung in Berlin nehmen durchaus problematische Dimensionen an. Gleichwohl sind für eine genaue Einschätzung einige Grundlagen des Monitoring Soziale Stadtentwicklung genauer zu betrachten. So ist die Analyse der verfügbaren Statusindikatoren im Wesentlichen auf die Einbeziehung von Arbeitsmarktdaten und Zahlen über Bezieher von Transfereinkommen begrenzt. Zudem werden die vorhandenen Daten auf der Ebene der neu geschaffenen Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) analysiert. Zwar ist mit dieser auf Daten der Jugendhilfe basierten Raumeinteilung das Ziel einer stärkeren Orientierung an der Lebenswirklichkeit der Bewohner verbunden (vergleich den Kapitel 2.7 von Bömermann in diesem Bericht), doch repräsentieren einige dieser Raumeinheiten weniger als 500, andere wiederum bis über 20.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Zudem zeigt eine Binnenbetrachtung der oben genannten fünf Teilräume der Bezirke mit einer Konzentration „sozialer Problemlagen“ erhebliche Unterschiede in den einzelnen Indikatoren (am deutlichsten wird dies im Anteil der ausländischen Bevölkerung und der Bevölkerung mit Migrationshintergrund). Ursachen für diese Schwachpunkte sind zu Teilen im notwendigen Pragmatismus zu sehen, der für eine statistische Vergleichbarkeit erforderlich ist, sowie zu Teilen einer mangelnden Datenverfügbarkeit geschuldet. Ohne Zensus gibt es keine komplexen Datensätze; ohne Volkszählung ist eine differenzierte Sozialraumanalyse kaum möglich. Eine kritische Würdigung dieser Punkte schmälert nicht die abgebildeten statistischen Zusammenhänge. Doch sollte die Reichweite der Daten und ihre Aussagekraft in den einzelnen Betrachtungsräumen dann noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden, wenn es um die weitere Verarbeitung in Zusammenhang mit verfügbaren Umweltdaten geht. So wird die Betrachtung sogenannter mehrfach belasteter Bewohnergruppen und ihrer Bedürfnisse sehr wahrscheinlich eine wesentlich spezifischere und möglicherweise an anderen Bezugspunkten orientierte lokale Analyse von Nöten machen, als es mit Hilfe der bisherigen Daten des Monitoring Soziale Stadtentwicklung möglich ist. Auf politischer Ebene folgen den beschriebenen sozialen Herausforderungen Anpassungen in der Ausgestaltung der Stadtentwicklungspolitik. Die Gebiete, in denen viele der statusniedrigen Planungsräume liegen, sind im Wesentlichen auch die zentralen Wirkungsgebiete des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt. Unter dem Versuch der aktiven Einbeziehung der lokalen Bevölkerung wird hier seit Ende der 1990er-Jahre das Ziel verfolgt, auf dringende soziale Problemlagen lokale Antworten zu finden. Die drohende Verfestigung der sozialen Problemlagen in bestimmten Gebieten hat schließlich im Jahr 2009 zur Einführung der sogenannten „Aktionsräume plus“ geführt. Ziel ist hier eine gebietsübergreifende Abstimmung der verschiedenen Förderkulissen auf eben diese Problemlagen. Nun liegt im Kontext der Umweltgerechtigkeit die Frage nahe, ob Umweltfaktoren bisher eine Rolle bei der Betrachtung dieser Problemlagen spielten. Im Rahmen der verstärkten Sozialraumorientierung wurden in Berlin für die fünf Aktionsräume „Integrierte Stadtteilentwicklungskonzepte“ erstellt. Die Autoren der Studie über den Aktionsraum KreuzbergNordost beschreiben beispielsweise die Belastungen einer Großzahl der Bewohner durch das hohe Verkehrsaufkommen einzelner Hauptverkehrsachsen als unverhältnismäßig im Vergleich zur geringen Kraftfahrzeugdichte der Haushalte in diesen Gebieten. Ein weiteres Charakteristikum, das Hinweise auf ein Themenfeld der Umweltgerechtigkeit in diesem Aktionsraum liefert, ist die Versorgung des Stadtteils mit Grün- und Freiflächen, die laut den Autoren weit unter dem Berliner Durchschnitt und unter dem durch den Flächennutzungsplan (FNP) vorgegebenen Richtwert liegt (SenStadt 2010a). Das Stadtteilentwicklungskonzept des Teilraumes Wedding/Moabit hingegen nimmt neben diesen Faktoren 75 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 auch die Lebenssituation der Bewohner in den Fokus und stellt so eine Verbindung zwischen den individuellen Gesundheitschancen und den Lebensumständen einzelner Milieus und Schichten im Bezirk (SenStadt 2010b) her. Diese nur exemplarische Aufzählung macht deutlich, dass für die Verbindung von Umweltgüte und Sozialstruktur bereits einige qualitativ orientierte Erkenntnisse und Vermutungen der Vor-Ort-Akteure existieren. Eine stark sozialraumorientierte Umweltplanung fängt also nicht bei null an, sondern findet in bestehenden Programmen und Plänen sinnvolle Anknüpfungspunkte (vergleiche Böhme et al. 2013). Fazit: Forschungsbedarf und politischer Handlungsbedarf Analysen zur Umweltgerechtigkeit treten mit dem Ziel an, Benachteiligungen und Bevorzugungen sozialer Gruppen in der Stadt durch Umweltbedingungen auf den Grund zu gehen. Diese Fragestellung impliziert die Annahme, dass Umweltbedingungen gesellschaftliche Phänomene und somit politisch veränderbar sind. Das verfolgte analytische Ziel ist dabei ebenso normatives Programm: Es geht um Gerechtigkeit. In diesem Beitrag haben wir versucht, einige der grundlegenden Fragen auf dem Weg dorthin ins Licht zu rücken und an einigen Stellen Lösungsvorschläge für die weitere planungspolitische Konzeptionalisierung von Umweltgerechtigkeit gemacht. Aus Sicht der Sozialstrukturanalyse lassen sich fünf Schlussfolgerungen ziehen: 1. Polarisierung und Peripherisierung Die Sozialstrukturanalyse Berlins deutet auf leichte Peripherisierungs- und Polarisierungstendenzen im Stadtgebiet hin. Besonders wohlhabende Stadtteile setzen sich weiterhin im sozialen Status und ihrer Dynamik von den übrigen Stadträumen ab. Einige soziale Problemgebiete verfestigen sich in ihrer negativen Dynamik. Erste empirische Untersuchungen zur Umweltgerechtigkeit deuten darauf hin, dass eine statistisch signifikante sozialräumliche Ungleichverteilung auch in Bezug zum Beispiel auf die bioklimatische Situation, den Lärm und die Grünflächenausstattung besteht (siehe Lakes/Brückner 2014 sowie die entsprechenden Beiträge in diesem Bericht). Insofern stellt sich die Frage, in welchem Bezug die Aktionsräume plus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zu Maßnahmen im Hause der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales stehen – und welche innovativen, koordinierten Politiken für alle Berliner entwickelt werden können. Aus Sicht der Sozialraumanalyse erscheint es geboten, die benachteiligenden Wirkungen von umweltpolitischen Entscheidungen (zum Beispiel über Flugrouten, Fluglärm oder Autobahnausbau) unter der Perspektive der Umweltgerechtigkeit alternativ zu analysieren und zu bewerten. 2. Gesamtbild aus Belastungen und Ressourcen Ein Gesamtbild über die gesundheitlich und sozial wirksamen Umweltfaktoren erhält nur, wer das Zusammenwirken von Belastungen und den Zugang zu Ressourcen bei der Suche nach Umweltungerechtigkeiten als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet. Denn der Lebenswirklichkeit von Stadtbewohnern kann man sich nur annähern, wenn alle begünstigenden und einschränkenden Faktoren in die Beurteilung einbezogen sind. Vermutlich ist es wenig hilfreich, hierbei von einem einzigen Umweltgerechtigkeitsindex zu sprechen oder diesen anzustreben, da mit diesem eine differenzierte Analyse der komplexen wechselseitigen Abhängigkeiten kaum möglich erscheint. 3. Objektiv und subjektiv Objektive Verteilungsmuster von Umweltbelastungen und Umweltressourcen im Stadtraum sind nicht deckungsgleich mit den subjektiven Aneignungsmustern durch unterschiedliche Haushaltstypen. Denn umweltbezogene Angebotsstrukturen wie zum Beispiel Grünanlagen werden von sozialen Gruppen im Stadtraum sozialgruppenspezifisch nachgefragt. Deshalb besteht eine Problematik in der aktiven lokalen Einbindung unterschiedlicher sozialer Gruppen. Eine Anerkennung der Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage könnte in ein Bekenntnis zur Anerkennungsgerechtigkeit münden, das heißt, vielfältige kulturelle und soziale Muster, die in der Regel einem Konfliktfall vorgelagert sind, anzuerkennen und in Entscheidungen mit einzubeziehen (vergleiche Flitner 2003). Eine Herausforderung für die methodische Entwicklung ist, soziale Strukturen möglichst in der lokalen Analyse von Umweltungerechtigkeiten mitzudenken. Die lokalen Zugänge der 76 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Quartiermanagements in Berlin könnten hier einen niedrigschwelligen Zugang und detailreiche Kenntnisse über spezifische Situationen bieten. Die Suche nach kausalen Zusammenhängen jenseits statistischer Korrelationen über das Zusammenwirken von Sozialstruktur, städtischem Umfeld und Gesundheitschancen (und damit umweltbezogener Gerechtigkeit) sollte zu Teilen ebenfalls auf eben dieser kleinräumlichen Ebene geschehen. 4. Was ist gerecht? Unserer Auffassung nach ist es notwendig, die grundsätzliche Zielsetzung einer Politik der Umweltgerechtigkeit zu bestimmen. So haben wir auf die Notwendigkeit einer Definition der Idee von Gerechtigkeit als politische Handlungsmaxime hingewiesen und halten ein Verständnis von Gerechtigkeit als Fairness nach John Rawls (1979) für sinnvoll. Darüber hinaus müssen neben dem Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit auch Fragen der Anerkennungsgerechtigkeit, Verfahrensgerechtigkeit und Chancengleichheit im Bereich von Umweltressourcen und Umweltbelastungen reflektiert werden (Maschewsky 2004). Die zunehmende kulturelle Differenzierung städtischer Lebensstile erfordert eine Anerkennung der unterschiedlichen Wertvorstellungen und alltäglichen Lebensweisen. Die Frage, wie eine Anerkennungsgerechtigkeit im Verwaltungshandeln auf möglichst vielen Ebenen zu praktizieren ist, wird bisher in Deutschland kaum gestellt. Eine Umsetzung von anerkennungstheoretischen Positionen im Bereich der Umweltgerechtigkeit impliziert, dass Kenntnisse darüber existieren, welche Nachfragen zu welchen Zeiten an welchen Orten für wen bestehen und welche Angebote hierfür aus dem politischen Raum gemacht werden können. Sind ungerechte Belastungen auf der Grundlage definierter Kriterien auszumachen, so müssen die sozialen/politischen Ursachen dessen aufgeklärt und Wirkungen sowie Kontexteffekte bei möglichen Änderungen mitbedacht werden. 5. Interventionswerte Schließlich stellt sich die Frage, ab wann ein Interventionsbedarf von Politik und Verwaltung besteht. Dass Umweltgüter und -lasten räumlich ungleich in der Stadt Berlin verteilt sind, dürfte nicht in Frage stehen. Inwieweit diese nicht nur statistisch, sondern auch kausal in Verbindung mit der Verstärkung von sozialräumlichen Ungleichheiten stehen, muss wissenschaftlich noch tiefergehend analysiert werden. Wissenschaftliche Analysen können jedoch nur die Aufgabe haben, auf Missstände in der stadträumlichen Verteilungssituation hinzuweisen sowie auf die dahinter liegenden Mechanismen aufmerksam zu machen. Diese zu bewerten, bleibt eine Frage der politischen Aushandlung – zwischen Parteien, Senatsressorts, Bezirken und der betroffenen Bevölkerung. Es ist deshalb notwendig, lokalspezifische „Interventionswerte“ zu definieren. Der Begriff „Interventionswert“ existiert bislang nicht in der Literatur zu Umweltgerechtigkeit. Wir möchten diesen hiermit in die Debatte neu einführen und schlagen vor, sogenannte „Interventionswerte“ für Berlin spezifisch zu definieren. Diese müssten unter den gesetzlichen Schwellenwerten liegen (zum Beispiel Technische Anleitung zur Luftreinhaltung (TA Luft), TA Lärm) und festlegen, ab wann das Land Berlin bei welchen Umweltbelastungen politisch Handlungsbedarf für seine Bürgerinnen und Bürger sieht, um die Umweltbedingungen in bestimmten Quartieren zu verbessern. Der Begriff „Interventionswert“, wie wir ihn gerne verstehen möchten, umfasst dabei explizit, dass lokalspezifische Grenzwerte zu definieren sind, je nach örtlicher Problemsituation und Belastungslage. Eine Kommune im Ruhrgebiet oder eine Stadt in Oberbayern kann und sollte je nach lokaler Ausgangssituation ihre lokalspezifischen Interventionswerte diskutieren und festlegen. Die Frage, welche konkreten Interventionswerte für Berlin gelten sollen, könnte der Beginn einer intensiven öffentlichen und politischen Debatte sein über die realen und gewünschten umweltbezogenen und sozialen Lebensbedingungen in unserer Stadt. Bei der Festlegung von Interventionswerten gilt: Politische Handlungen müssen sich stets an ihren Erfolgen messen lassen. Wenn Umweltgerechtigkeit ein normatives Ziel ist, so wird das Reaktionsvermögen politischen Handelns auf die festgestellten Interventionsbedarfe und Interventionswerte in Zukunft wichtiger sein als der Maßstab der größtmöglichen Effizienz. 77 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Böhme, Christa/Christine Bunge/Arno Bunzel/Thomas Preuß (2013): Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum – Zwischenergebnisse eines Forschungsvorhabens. In: UMID: Umwelt und Mensch Informationsdienst, 1, S. 35-41. Bolte, Gabriele/Andreas Mielck (Hrsg.) (2004): Umweltgerechtigkeit. Die soziale Verteilung von Umweltbelastungen. Juventa, Weinheim und München 2004. Deutsche Umwelthilfe (2014): Umweltgerechtigkeit durch Partizipation auf Augenhöhe. Berlin. 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Das Monitoring wurde erstmals 1998 im Rahmen der Untersuchung „Sozialorientierte Stadtentwicklung“ erstellt und wird seitdem kontinuierlich fortgeschrieben.1 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Referat Stadtentwicklungsplanung Heidrun Nagel Das MSS hat eine Hinweis- und Frühwarnfunktion. Es weist auf Gebiete mit kumulierter sozialer Benachteiligung im gesamtstädtischen Vergleich hin. Basierend auf den Ergebnissen und Einstufungen der Gebiete können durch vertiefende Betrachtungen stadtentwicklungspolitische Handlungsbedarfe abgeleitet werden. Modifizierte Grundlagen Das Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013 umfasst den Beobachtungszeitraum der Jahre 2011 und 2012 (Datenstand: 31. Dezember 2010 bis 31. Dezember 2012). Es wurde wie in den Vorjahren als gestuftes Indexverfahren durchgeführt. Da das MSS als dynamisches System angelegt ist, erfolgte im Rahmen der aktuellen Fortschreibung zur Sicherung der Zielgenauigkeit die nach 2002 und 2007 dritte Überprüfung der Indikatoren und der Methodik. Im Ergebnis der Überprüfung wurde das Set der Indikatoren zur Indexbildung reduziert und die Methode der Standardisierung modifiziert. Im Ergebnis dieser Modifizierung basiert das MSS 2013 auf vier Indexindikatoren, die jeweils als Status- und Dynamikindikatoren abgebildet werden, wobei die Dynamikindikatoren jeweils die Veränderung des Status im Beobachtungszeitraum abbilden: „„Arbeitslosigkeit, „„Langzeitarbeitslosigkeit, „„Transferbezug (SGB II und XII) und „„Kinderarmut (Transferbezug SGB II der unter 15-Jährigen). Zusätzlich zu den vier Indexindikatoren werden weitere 13 Ergänzungsindikatoren ausgewiesen. Aus den Status- und Dynamikindikatoren werden weiterhin jeweils ein Status- und ein Dynamik-Index gebildet. Modifiziert wurde hier das Standardisierungsverfahren: Die nun zur Anwendung kommende Standardisierung basiert auf der Abweichung vom Mittelwert der betrachteten Planungsräume. Wie im bisherigen Verfahren werden die ermittelten Werte des Status- und Dynamik-Index für die Planungsräume in Klassen unterteilt. Die Methode der Klasseneinteilung wurde ebenfalls weiterentwickelt: Sie basiert nicht mehr auf Dezilen, sondern als Schwellenwert für die Zuweisung zu den Klassen und wird ebenfalls für die Standardabweichung vom Mittelwert der betrachteten Planungsräume angewendet. Wie im bisherigen MSS-Verfahren ergibt sich durch Überlagerung von Status- und Dynamik-Index im letzten Schritt des gestuften Indexverfahrens der zusammengefasste Status-/Dynamik-Index, der als Gesamt-Index Soziale Ungleichheit bezeichnet wird. Durch die Kombination der vier Status-Index-Gruppen („hoch“, „mittel“, „niedrig“ und „sehr niedrig“) und der drei „Dynamik-Index-Gruppen“ („positiv“, „stabil“ und „negativ“) kann jeder Planungsraum entsprechend des so gebildeten Gesamt-Index Soziale Ungleichheit (Status-/Dynamik-Index) einer der zwölf Gruppen zugeordnet werden.2 1 Im März 2016 wurde das für den Zeitraum 31.12.2012-31.12.2014 fortgeschriebene Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2015 veröffentlicht. Ergebnisse siehe unter http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/de/2015/index. shtml 2 Alle weiteren Details zu den methodischen Grundlagen finden sich unter: http://www.stadtentwicklung. berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/de/2013/index. shtml 80 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Planungsräume Dynamik-Index 2013 positiv n Status-Index 2013 stabil %* n PLR gesamt negativ %* n %* n %* hoch 5 1 68 16 7 2 80 18 mittel 34 8 209 48 21 5 264 61 niedrig 10 2 29 7 13 3 52 12 5 1 24 5 9 2 38 9 54 12 330 76 50 12 434 100 sehr niedrig PLR gesamt Tabelle 1: Anzahl (n) und Anteil in Prozent der zugeordneten PLR nach Gesamt-Index Soziale Ungleichheit 2013 (12 Gruppen) * ggf. Abweichungen durch Rundung(en) Ergebnis des MSS 2013: Gesamt-Index Soziale Ungleichheit und Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass mit rund 48 Prozent der betrachteten 434 Planungsräume die Gruppe „Status mittel – Dynamik stabil“ am stärksten besetzt ist. Mit knapp einem Sechstel aller Planungsräume (16 Prozent) ist die Gruppe „Status hoch – Dynamik stabil“ am zweitstärksten besetzt. Knapp 5 Prozent der Planungsräume wurden der Gruppe „Status mittel – Dynamik negativ“ und 8 Prozent der Planungsräume „Status mittel – Dynamik positiv“ zugeordnet. 9 Prozent der Planungsräume weisen einen niedrigen sozialen Status auf, entwickeln sich aber bei der Dynamik positiv oder sind stabil. Etwa 12 Prozent der Planungsräume haben entweder einen sehr niedrigen sozialen Status und unterschiedliche Dynamik oder einen niedrigen sozialen Status und negative Dynamik. Für diese Gebiete kann kumulierte soziale Benachteiligung vermutet werden, diese Planungsräume werden als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ bezeichnet und sind in der stadtentwicklungspolitischen Planung besonders zu berücksichtigen. Räumliche Verteilung des Gesamt-Index Soziale Ungleichheit Bei Betrachtung der räumlichen Verteilung der 434 im MSS 2013 betrachteten Planungsräume nach den zwölf Gruppen des Gesamt-Index Soziale Ungleichheit (vergleiche nachfolgende Karte) zeigt sich eine räumliche Konzentration (sehr) „statusniedriger“ Gebiete mit unterschiedlicher Dynamik sowohl in der Inneren wie in der Äußeren Stadt. Innerstädtisch liegen diese Gebiete in Neukölln-Nord, Kreuzberg-Nord, Wedding und Moabit. Innenstadtferne Gebiete dieser Gruppen befinden sich in größerer Zahl in Spandau-Mitte sowie in Nord-Marzahn, Nord-Hellersdorf und Reinickendorf. Darüber hinaus sind einzelne Planungsräume in Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Tempelhof-Schöneberg, CharlottenburgWilmersdorf und ein Planungsraum in Steglitz-Zehlendorf zu finden. „Statushohe“ Gebiete mit „positiver“ oder „stabiler“ Dynamik sind in der nördlichen, südwestlichen und teilweise östlichen und südöstlichen Äußeren Stadt sowie in den „Altbezirken“ Charlottenburg, Wilmersdorf und Lichtenberg zu finden. Innenstadtbereiche findet man in dieser Gruppe bis auf wenige Ausnahmen von Planungsräumen im Zentrum von Mitte kaum. Die größte Gruppe bilden die Planungsräume, deren sozialer Status als durchschnittlich eingestuft wird (Status „mittel“). Sie sind relativ gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt. Die beim Vergleich der Ergebnisse des MSS 2013 mit denen des MSS 2011 zu beobachtenden Veränderungen betreffen vor allem die Zunahme der räumlichen Konzentration der statusniedrigen Gebiete in Spandau und Marzahn-Hellersdorf. Außerdem ist zu beobachten, dass (sehr) statusniedrige Gebiete mit einer negativen Dynamik eher in der Äußeren Stadt liegen. (Sehr) statusniedrige Gebiete in der Innenstadt weisen hingegen tendenziell eine positive Dynamik auf. Räumliche Verteilung der Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf In den 51 Planungsräumen, die im MSS 2013 als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ (vergleiche nachfolgende Karte) ausgewiesen werden, lebten 2012 circa 427.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das entspricht etwa 12 Prozent aller Einwohnerinnen und Einwohner Berlins. Die Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf befin- 81 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 den sich sowohl in innerstädtischen Lagen – besonders in der westlichen Stadthälfte – in Moabit, Osloer Straße, Brunnenstraße Nord, Wedding Zentrum, Südliche Friedrichstadt, beiderseits der Ringbahn in Neukölln, Köllnische Heide als auch in der Äußeren Stadt, besonders in den Gebieten Spandauer Neustadt, Falkenhagener Feld, Heerstraße Nord, Marzahn Nord, Hellersdorf Nord, Märkisches Viertel. Diese Kulisse entspricht weitgehend den fünf Aktionsräumen der Sozialen Stadt, in denen bereits vielfältige Programme zur Stabilisierung und Aufwertung sozial benachteiligter Gebiete verortet sind, wie zum Beispiel ein Großteil der Quartiersmanagementgebiete. Damit liegen viele dieser Gebiete in Räumen, die bereits besondere Aufmerksamkeit durch Politik und Verwaltung erfahren. Anwendung der Ergebnisse des MSS 2013 im Kontext der Umweltgerechtigkeit Zur Konkretisierung der Handlungsbedarfe und Herausforderungen für die Entwicklung insbesondere der Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf ist es erforderlich, die Ergebnisse des MSS 2013 um qualitative und quantitative Informationen auch zur städtebaulichen, infrastrukturellen, lokalökonomischen, (weiteren) sozialen, kulturellen und umweltbezogenen Situation in den einzelnen Quartieren beziehungsweise Planungsräumen zu ergänzen. Die Ergebnisse des MSS 2013 sollten auch weiterhin nicht nur als eine Grundlage für die Ausweisung von Fördergebieten zur Umsetzung der Sozialen Stadt, sondern auch weiterer Programme der Städtebauförderung und aus dem Bildungs-, arbeitsmarktbezogenen und Umweltbereich verwendet werden. 82 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Karte: Gesamt-Index Soziale Ungleichheit 2013 auf PLR-Ebene 70 Karte: Gesamt-Index Soziale Ungleichheit 2013 auf PLR-Ebene 83 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Karte: Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf 2013 71 Karte: Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf 2013 84 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 3.3 Umweltbelastungen, Umweltressourcen und Gesundheit Einleitung Gesundheit und Krankheit unterliegen einer Vielzahl individueller und gesellschaftlicher Einflussfaktoren, die in der physischen und sozialen Umwelt des Menschen entstehen und als sogenannte Gesundheitsdeterminanten wirken. Zu diesen zählen neben individuellen Faktoren (zum Beisiel Alter, Geschlecht, genetische Anlagen, körperliche Konstitution, Persönlichkeitsstruktur) und Lebensstilen auch sozioökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen. Als weitere bestimmende Faktoren für Gesundheit, die zugleich Ansatzpunkte für Gesundheitsförderung bieten, sind die physikalisch-technisch gebauten und die natürlichen Umweltverhältnisse mit ihren klimatischen Bedingungen zu nennen. Sämtliche dieser Umweltfaktoren unterliegen einer wechselseitigen Beeinflussung und wirken einzeln und in der Summe auf Wohlbefinden und Gesundheit der Menschen ein (Barton & Grant 2006). Ein erweitertes Umweltverständnis im gesundheitswissenschaftlichen Kontext orientiert sich demnach an einem Umweltbegriff, der physikalische, chemische und biologische Faktoren mit sozialen, kulturellen und ökonomischen Lebensbedingungen verknüpft (Meyer & Sauter 1999). Universität Bielefeld,‌Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG 7 Umwelt und Gesundheit Prof. Dr. Claudia Hornberg,​ Dr. Thomas Claßen, Björn Brodner Störungen der Gesundheits-Krankheits-Balance sind letztlich Ausdruck der engen Wechselwirkungen zwischen sozioökonomischen Rahmenbedingungen beziehungsweise Lebensverhältnissen und natürlich-technischen Umweltbedingungen (Last 2001). Ob und inwieweit körperliche/physische und soziale/materielle Anforderungen im Sinne von Risikofaktoren bewältigt werden können, hängt von den verfügbaren beziehungsweise aktivierbaren Schutzfaktoren und Bewältigungsressourcen (zum Beispiel persönliche Lebenskompetenzen, soziale Ressourcen) ab. Eng damit verbunden ist die Frage nach sozialer Gerechtigkeit im Sinne gleichwertiger Rahmenbedingungen und Lebensverhältnisse, die Gesundheit fördern und erhalten. Die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen und Umweltressourcen zu Ungunsten sozioökonomisch benachteiligter Bevölkerungsgruppen, bedeutet insofern eine Begrenzung in der Realisierung individueller Lebensentwürfe und proklamiert politischen Handlungsbedarf (Bolte et al. 2012). Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Vulnerabilität, die sowohl auf individueller als auch auf räumlicher Ebene vorliegen kann. Vulnerabilität, im Sinne von „Anfälligkeit“ (susceptibility), geht dabei über die einfache Beschreibung potenzieller (gesundheitlicher) Beeinträchtigungen hinaus. Aktuelle Forschungsansätze integrieren in der Definition und Bewertung von Vulnerabilität auch die Aspekte „Exposition“ (exposure) und „Bewältigungskapazität“ (coping capacity) (Cardona et al. 2005, Birkmann 2008). Der Vulnerabilitätsbegriff bietet zudem die Möglichkeit einer Verbindung von medizinischepidemiologischer Perspektive auf Individuen und Gruppen und einer geografisch-umweltwissenschaftlichen Perspektive auf Lebensräume und Lebensumwelten, deren Vulnerabilität es zu bewerten gilt. Gesundheitlich beeinträchtigende Faktoren verschiedener Lebensräume oder positive Wirkungen schadstoffmindernder Flächen (sogenannte „Schadstoffsenken“) sind damit ebenso im Rahmen des Vulnerabilitäts-Ansatzes zu betrachten wie die sozioökonomische Lage von Einzelpersonen oder Personengruppen (Birkmann 2008). Der nachfolgende gesundheitswissenschaftliche Blickwinkel auf die Themenfelder Lärmund Luftbelastungen, Bioklima sowie Grün-/Freiflächenversorgung soll aufzeigen, welche Bedeutung diesen Themenbereichen vor dem Hintergrund sozialräumlich ungleich verteilter Umweltqualität zukommt und inwieweit diese umwelt- und gesundheitsepidemiologische Bedeutung besitzen. Ferner sollen die folgenden Kapitel verdeutlichen, dass auch jene Umweltbelastungen und Umweltressourcen, die quantitativ geringere Effekte und gesundheitliche Auswirkungen erwarten lassen, im Kontext einer Indexierung1 von Umweltgerechtigkeit im Land Berlin zu berücksichtigen sind. Anzumerken ist, dass der vorliegende Bericht sich aus Kapazitätsgründen auf die genannten Handlungsfelder Lärm- und Luftbelastung, Bioklima sowie Grün-/Freiflächenversorgung beschränken muss. Folglich bleibt eine Vielzahl weiterer gesundheitlich bedeutsamer (Umweltgerechtigkeits-)Faktoren unberücksichtigt. Darunter fallen beispielsweise Aspekte wie 1 Ob die Umweltgerechtigkeit im Land Berlin als Index, Indikator, Maßoder Kennzahl abgebildet und deklariert wird, sollte vor der endgültigen Festlegung mit Prüfung der Wirkung der Nomenklatur einhergehen. 85 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 „barrierefreies Wohnen“ oder „Wohnen im Alter“ (vergleiche zum Beispiel: http://www.berlin. de/special/wohnen/alter/). Auch subjektive Bewertungen des Gesundheitszustandes mit Blick auf die Wohnqualität durch die Bevölkerung sind nicht Bestandteil des Berichts (vergleiche zum Beispiel RKI 2003b). Lärm und Gesundheit Als Lärm werden Schallereignisse beschrieben, die durch ihre individuelle Ausprägung als störend und/oder belastend für Wohlbefinden und Gesundheit wahrgenommen werden. Lärm kann insbesondere im städtischen Raum als ein zentraler, die Gesundheit beeinträchtigender Faktor benannt werden. Für eine genauere Betrachtung des Umweltfaktors „Umgebungs-“Lärm bedarf es jedoch einer Kategorisierung entsprechend seiner Ursprungsquellen, die sich im Wesentlichen in die Hauptkategorien Industrie- und Gewerbelärm, Verkehrslärm (Straßenverkehrslärm, Schienenverkehrslärm, Fluglärm), Sport- und Freizeitlärm sowie nachbarschaftsbedingten Lärm untergliedern lassen (Niemann et al. 2005, EEA 2010). Verkehr (Straßen-, Schienen- und Flugverkehr) zählt im Stadtgebiet zu den Hauptverursachern von Lärm. Lärmimmissionen können je nach Expositionsumfang, Expositionszeitraum und Expositionsdauer direkte und indirekte gesundheitliche Wirkungen nach sich ziehen. Aus humanmedizinischer und gesundheitswissenschaftlicher Sicht ist zwischen auraler und extra-auraler Wirkung von Schall zu unterscheiden. Die Tatsache, dass Schallereignisse erst durch das Zusammenwirken aus Schalldruckpegel, Frequenzzusammensetzung und deren zeitlicher Ausdehnung als Lärm wahrgenommen werden, wird in der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm2 Rechnung getragen. Demnach gelten Schallimmissionen als schädliche Umwelteinwirkungen und damit als Lärm, wenn diese „nach Art, Ausmaß und Dauer geeignet sind, Gefahren, erhebliche Nachteile oder erhebliche Belästigungen für die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft herbeizuführen“ (TA Lärm 2.1). Aurale Lärmimmissionen beeinträchtigen das menschliche Gehör physisch und können zu kurzfristigen sowie dauerhaften Beeinträchtigungen der Hörfunktion führen. Als gesundheitliche Effekte sind in diesem Zusammenhang Hörsturz, Tinnitus, Schwerhörigkeit oder Verlust des Hörvermögens zu nennen (Giering 2010). Neben kurzfristigen Schallspitzen (120 bis 130 dB(A)) zählen Dauerbeschallungen über 80 bis 85 dB(A) zu den Schallereignissen, die das menschliche Gehör dauerhaft schädigen und gesundheitliche Störungen hervorrufen können (Babisch 2009). Die sogenannte Lärmschwerhörigkeit ist das Resultat geschädigter Zellen im Innenohr. Zwar wird Straßenverkehrslärm alleine nicht mit dauerhafter Gehörschädigung assoziiert, dennoch kann der gemittelte Schalldruckpegel an viel befahrenen Straßen in 25 Metern Entfernung noch bis zu 80 dB(A) erreichen (bei einzelnen Fahrzeugen können in 7,5 Meter Abstand Schalldruckpegel von 90 db(A) gemessen werden) (Fürst & Kühne 2010). Epidemiologische Studien zeigen, dass Lärmbelastungen, die tagsüber dauerhaft oberhalb 65 dB(A) (Mittelungspegel außen) liegen, mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Stadien von Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert sind (Babisch 2006, Babisch & van Kamp 2009, Sørensen et al. 2011, van Kempen & Babisch 2012). Somit können auch die sogenannten extra-auralen Lärmimmissionen unterschiedliche Gesundheitsschädigungen auf physiologischer, psychologischer sowie sozialer Ebene hervorrufen (vergleiche Maschke et al. 2003). Zu den subjektiven Reaktionen auf Schallereignisse, deren Schalldruckpegel auch unterhalb der physischen Schwelle für dauerhafte Gehörschäden liegen kann (extra-aural), zählen: Belästigung („annoyance“), Unzufriedenheit und Gereiztheit, Störungen („disturbance“) insbesondere der Kommunikation (Sprach- und Signalverständlichkeit, Verständnis von Ansagen und Ansprachen) und der Aufmerksamkeit (Orientierungsreaktionen, Verringerung der Konzentration, Sprachverständlichkeit), kognitive Störungen bei Kindern im Schulalter sowie Schlafstörungen (Einschlafschwierigkeiten, Aufwachreaktionen, Veränderung von Schlafqualität und Schlaftiefe) (unter anderem Babisch 2006, Giering 2010, WHO 2011, Claßen 2013). 2 Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) (TA Lärm) 86 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Die physiologischen Reaktionen zeigen sich zum Beispiel in Veränderungen des Hautleitwiderstandes, der Erhöhung der Pulsfrequenz, Blutdrucksteigerung, ischämischen Herzkrankheiten (zum Beispiel Myokardinfarkt als Folge andauernder Hypertonie), Stoffwechselfunktionsstörungen (zum Beispiel erhöhte Blutfettwerte) sowie Schwächung des Immunsystems (zum Beispiel Asthma, Neurodermitis) und Beeinträchtigung des Hormonhaushalts (Rebentisch et al. 1994, Passchier-Vermeer & Passchier 2000, Niemann et al. 2005, Giering 2010, Claßen 2013). Zu den psychologischen Auswirkungen gehören unter anderem Belästigung, Stress, Leistungsbeeinträchtigung und psychosomatische Symptome (siehe Tabelle 1). Physiologische Auswirkungen Hörverlust Vegetative Funktionsstörung Herz-Kreislauf-Probleme Kardiovaskuläre Symptome Blutdruckerhöhung Verringerung der Schlaftiefe Kopfschmerzen Soziale Lärmwirkungen Kommunikationserschwerung Urteil über andere Menschen Nachlassen des Hilfeverhaltens Aggressionen Soziale Entmischung Psychologische Auswirkungen Belästigung Stress, Nervosität Niedergeschlagenheit Störung von Kommunikation Leistungsbeeinträchtigung Verärgerung Psychosomatische Symptome Tabelle 1: Die wichtigsten Auswirkungen von Lärm Ökonomische Lärmwirkungen Miet- und Immobilienpreise Lärmschutzkosten Gesundheitskosten Produktionsausfälle Raumplanerische Kosten (Quelle: BAFU 2006) Zu berücksichtigen ist zudem eine gegebenenfalls stark variierende subjektive Wahrnehmung verschiedener oder auch gleichartiger Schallereignisse. Je nach Situation können Schallereignisse in der direkten Lebensumwelt sehr unterschiedliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus haben. So löst ein Schalldruckpegel von 55 dB(A) während des Schlafes andere körperliche Reaktionen aus als der gleiche Schalldruckpegel während der Hausarbeit (Babisch 2009, vergleiche auch Maschke & Hecht 2005). Die subjektive und situationsbezogene Wahrnehmung (zum Beispiel freiwillige/unfreiwillige Exposition) von Schall (Geräusch versus Lärm) spielt eine entscheidende Rolle bei den gesundheitlichen Effekten, da die Störwirkung von Mensch zu Mensch stark schwankt und wesentlich von nichtakustischen Aspekten abhängt. Eine direkte Beziehung von Ursache (Schall) zum Effekt (Reaktion) besteht bei Schallimmissionen unterhalb der physisch gesundheitsgefährdenden Schwelle (> 80 dB(A)) nicht. Vielmehr beeinflussen moderierende Faktoren wie individuelle Einstellungen zum Schall, biologische Rhythmen, soziologische Merkmale und so weiter die gesundheitlichen Effekte (Giering 2010, vergleiche auch Maschke et al. 2003). Nach Brink et al. (2005) ist davon auszugehen, dass im Mittel nur 15 Prozent des Anteils der Belästigungsangabe zu verschiedenen potenziellen Lärmquellen ursächlich auf die spezifischen Schalleigenschaften des Lärms zurückzuführen ist. Die situativen Faktoren (Ort, Situation, Zeitpunkt, aktuelle Befindlichkeit), in der sich die Person beim Auftreten des Geräusches befindet und die Relation zu den Aktivitäten, Intentionen und dem momentanen Befinden der Person, die dem Geräusch ausgesetzt ist, beeinflussen die individuelle Entscheidung, ob Lärm vorliegt (Giering 2010). Auch die persönlichen Faktoren einer Person, die dem Geräusch ausgesetzt ist, mit ihren erworbenen sozialen, emotionalen und kognitiven Bezügen zur Schallquelle sind relevant für die subjektive Entscheidung, ob Lärm vorliegt (Passchier-Vermeer & Passchier 2000, Giering 2010). Neben den Schallereignissen im für Menschen hörbaren Bereich (18 Hz bis 20 kHz) werden auch mit tieffrequenten Geräuschen negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen assoziiert (zum Beispiel Schlafstörungen) (RKI 2007). Dabei ist der sogenannte Infraschall (< 20 Hz) nur sensorisch wahrnehmbar – eine Zuordnung von Tonhöhen ist dem menschlichen Gehör in diesem unteren Frequenzbereich nicht mehr möglich. Aus umwelt- 87 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 medizinischer Perspektive wird dazu geraten, bereits den tieffrequenten Hörschall ≤ 200 Hz gemeinsam mit dem Infraschall zu betrachten (RKI 2007). Dennoch existieren bislang nur wenige gesicherte Erkenntnisse über die gesundheitliche Wirkung von Infraschall und tieffrequentem Hörschall. Es ist jedoch anzunehmen, dass insbesondere vom städtischen Verkehr eine Belastung durch Schallimmissionen im Frequenzbereich unter 200 Hz ausgeht (Evans & Tempest 1972, Babisch 2014). Bedingt durch die Hierarchisierung des Straßennetzes ist in bestimmten Stadtbereichen eine dauerhafte und hohe, aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht bedenkliche Lärmbelastung der Bevölkerung zu verzeichnen (WHO LARES 2004). Selbst an vergleichsweise ruhigen Wohnstraßen misst man Mittelungspegel von 40 bis 45 dB(A) (Fürst & Kühne 2010). Mit Blick auf den Umweltgerechtigkeitsaspekt ist zu beachten, dass insbesondere sozioökonomisch benachteiligte Personengruppen häufiger an vielbefahrenen (Hauptverkehrs-)Straßen leben und dadurch vermehrt Lärmbelastungen ausgesetzt sind (Kohlhuber et al. 2006). Oftmals geht dies mit Mehrfachbelastungen durch beispielsweise Luftschadstoffe, die die gesundheitlichen Effekte der Lärmexposition (zum Beispiel Herz-KreislaufStörungen) verstärken können, einher (Kohlhuber et al. 2006, Hornberg et al. 2011). Luftbelastung und Gesundheit Insbesondere in urbanen Gebieten tragen Verkehrs-, Industrie- und Gewerbeemissionen sowie Emissionen privater Haushalte zu einer erhöhten Schadstoffbelastung der Außen- und Innenraumluft bei (zum Beispiel Feinstaub (PM), Stickoxide (NOx), Schwefeldioxid (SO2) oder Ozon (O3)). Die Schadstoffe können, nach Kontakt mit den Schleimhäuten (O3) oder nach Aufnahme über den Respirationstrakt, negative Effekte auf die menschliche Gesundheit haben. Feinstaub (Particulate Matter) Als Feinstaub (englisch: Particulate Matter – PM) werden feste und flüssige Schwebstoffe bezeichnet, die in Gasen suspendiert sind. Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 10 µm (PM10) sind inhalierbar. Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 2,5 µm (PM2,5) sind alveolengängig. Ultrafeine Partikel sind solche mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 0,1 µm (Kappos et al. 2003). Feinstaub in der Außenluft hat sowohl anthropogene Quellen wie Verkehr (dieselbetriebene Kraftwagen, Reifen-, Straßen- und Bremsenabrieb), Industrieanlagen, Kraftwerke, Heizungsanlagen, Schüttgutumschläge etc.) als auch natürliche Quellen (Kappos et al. 2003). Natürliche Feinstäube sind vor allem anorganischer Natur (zum Beispiel Saharastaub), sie werden durch Luftströmungen aufgewirbelt, bei Vulkanausbrüchen in die Atmosphäre entlassen oder gelangen aus den Meeren (Meersalz) in die Luft. Weitere natürliche Quellen von Fein- und Grobstaub sind Bakterien, Pollen, Pilzsporen oder feinste Tier- und Pflanzenreste (von Haaren, Fasern etc.). Feinstaubemissionen natürlicher Quellen sind nicht vermeidbar; die ihnen entstammenden Partikel bilden den sogenannten „unvermeidlichen Basiswert“ der Feinstaubbelastung (Claßen & Hornberg 2010). Feine (< 2,5 μm) und ultrafeine (< 0,1 μm) Schwebstäube werden hauptsächlich durch Verbrennungsprozesse fossiler Treibstoffe gebildet. Die gröberen Staubpartikel (mit einem aerodynamischen Durchmesser von 2,5 bis 10 μm) bestehen hingegen überwiegend aus aufgewirbeltem Erdmaterial, Straßenabrieb und Aggregaten kleinerer Partikel. Insbesondere Dieselrußpartikel, die in Deutschland zu mehr als 90 Prozent durch Diesel-Pkw und Lkw emittiert werden (entspricht einer zusätzlichen Feinstaubbelastung von circa 3 μg/m3 PM2,5), stellen eine der bedeutendsten Luftkontaminanten in urbanen Ballungsräumen dar (Wichmann 2005). Bei der gesundheitswissenschaftlichen Bewertung von PM-Angaben ist stets genau auf die fachliche Nomenklatur zu achten, die sich auf die jeweilige Korngröße in µm (PM10, PM2,5) bezieht. Kleinkörniger Feinstaub (zum Beispiel PM2,5) ist in den gröberen Korngrößen (zum Beispiel PM10) enthalten, so dass bei der Beurteilung von Daten, die lediglich die PM10Werte darstellen, immer kausale Unsicherheiten berücksichtigt werden sollten. Feinstaub tritt in der Außen- wie Innenraumluft auf, wird ab einem aerodynamischen Durchmesser kleiner 10 μm (PM10) als „inhalierbarer“ oder „thorakaler“ Schwebstaub be- 88 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 zeichnet und kann in die Verzweigungen der Lunge vordringen. Die PM10-Partikel gelangen in die Bronchien und Bronchiolen; ist der aerodynamische Durchmesser kleiner als 2,5 μm (PM2,5), so können sie bis in die Lungenbläschen transportiert werden. PM2,5 wird daher auch als „alveolengängiger“ beziehungsweise „lungengängiger“ Staub bezeichnet (Gillisen et al. 2006). Feinstaub kann unmittelbar gesundheitsschädlich wirken (zum Beispiel Asbest, Rußpartikel) oder als Transportmittel für andere Schadstoffe dienen (Claßen & Hornberg 2010). Je nach spezifischer Eigenschaft der Feinstaubfraktionen (Partikelgröße, Oberflächenbeladung) kann eine Ablagerung im Atemwegstrakt oder Alveolengängigkeit beobachtet werden (Kappos et al. 2003). Grobe Partikel zwischen 5 und 10 µm Durchmesser verbleiben in den Bronchien, da der Hustenreflex und das mukoziliäre Flimmerepithel der Luftröhre nicht alle Partikel beseitigen können (ebenda). 50 Prozent des PM2,5 werden in der Lunge abgeschieden und gelangen anteilig in die Blutbahn. Die kleinsten, ultrafeinen Partikel (Nanopartikel) weisen eine Größe von 0,001 bis 0,1 µm auf und besitzen einen Anteil von 80 bis 90 Prozent an der Gesamtpartikelanzahl. Bezogen auf die Gesamtmasse machen sie häufig jedoch weniger als 5 Prozent aus. Die Nanopartikel werden ebenfalls in der Lunge abgeschieden, gelangen jedoch zu einem Großteil in die Blutbahn (Kappos et al. 2003, Claßen & Hornberg 2010). Für die gesundheitlichen Auswirkungen der Partikel sind sowohl die Größe und die Form der Partikel als auch ihre chemischen Komponenten von Bedeutung, da ihre aerodynamischen und/oder thermodynamischen Eigenschaften über den Depositionsort im Atemtrakt entscheiden, während die chemisch-physikalischen und biologischen Eigenschaften der Partikel ihre Wechselwirkung mit den Zellen und Geweben bestimmen (Peters et al. 1998). Die Zusammensetzung der Feinstaubfraktionen, die Dauer der Feinstaubexposition, aber auch die individuelle Empfindlichkeit haben dabei Einfluss auf die Entstehung eines (akuten oder chronischen) gesundheitlichen Effektes (Claßen & Hornberg 2010). Feinstaubexposition wird unter anderem mit dem Auftreten von kardiorespiratorischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Gesundheitliche Beeinträchtigungen können bei einer Kurzsowie einer Langzeitexposition von Feinstaub hervorgerufen werden. Dabei muss zwischen PM10 und PM2,5 unterschieden werden. Anzumerken ist, dass ohnehin gesundheitsbelastende Inversionswetterlagen, zum Beispiel im Winter Mehrfachbelastungen durch niedrige Außentemperaturen einerseits und zusätzliche Außenluftbelastungen andererseits (zum Beispiel durch Feinstaub), akute Gesundheitsstörungen hervorrufen können. Zudem dient Stickstoffdioxid in Kombination mit hoher energiereicher Sonneneinstrahlung (ultraviolette Strahlung) als Grundlage für die photolytische Reaktion, die zur Bildung bodennahen Ozons, insbesondere bei Sommersmogwetterlagen, führt. Kurzzeiteffekte In einer Vielzahl von Studien (siehe unten) konnte nachgewiesen werden, dass an Tagen und vor allem in Episoden mit hoher Außenluftbelastung (zum Beispiel Wintersmog-Situationen) bei gleichzeitig hohen Feinstaub-Frachten akute Gesundheitsstörungen insbesondere bei vulnerablen Personengruppen (Kinder, Personen mit vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen sowie Atemwegserkrankungen, zum Beispiel Asthma bronchiale, chronisch obstruktive Atemwegserkrankung [COPD]) auftreten. Studien zu kurzfristiger Exposition beruhen vor allem auf Zeitreihen, die tägliche Änderungen der Feinstaubbelastung mit täglichen Sterbezahlen in Beziehung setzen (unter Kontrolle von Kovariaten wie zum Beispiel klimatischen Bedingungen, Außenluftverunreinigungen durch andere Stoffe etc.). Die von der WHO (2004) in ihrer Anleitung zur Durchführung von Abschätzungen des Environmental Burden of Disease (EBD) als repräsentativ und evidenzbasiert klassifizierten Studien zeigten bei einer Erhöhung der Außenluftverschmutzung von 10 µg/m3 eine Erhöhung der täglichen Mortalität um 0,6 bis 1 Prozent (Anderson et al. 2004). Zu beachten ist hier jedoch, dass dieser Schätzer zu einem gewissen Grad die Mortalität durch Langzeitexposition (siehe unten) mit einschließt (Claßen & Hornberg 2010). Ein weiterer Gesundheitsendpunkt für Kurzzeitexposition gegenüber Feinstaub ist die Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren aufgrund akuter Atemwegserkrankungen. Die 89 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 von der WHO (2004) berücksichtigten Studien zeigten hier bei einer Erhöhung der Außenluftverschmutzung um 10 µg/m3 eine Erhöhung der täglichen Kindersterblichkeit um 0,6 bis 1,5 Prozent (Anderson et al. 2004). Langzeiteffekte Die Effekte langfristiger Feinstaubexposition reichen von allgemeiner Schwächung und Müdigkeit bis hin zu chronischen Erkrankungen und Krebs (Heinrich et al. 2002, Peters et al. 2002, Wichmann 2005, Brauer et al. 2006). Studien zur Feinstaub-Langzeitexposition verfolgen als longitudinale Studien eine Stichprobe von Personen über mehrere Jahre. Dieses individuenbasierte Design erlaubt eine gute Kontrolle anderer, die Mortalität beeinflussender Faktoren. Studien zur Langzeitwirkung von Feinstaub erfassen jedoch gleichzeitig einen Großteil der Effekte kurzfristiger Feinstaubexposition (Künzli et al. 2001), so dass die Ergebnisse im Regelfall nicht zu den Effekten kurzzeitiger Exposition addiert werden können (Anderson et al. 2004). Alle in einer Metaanalyse von der WHO (2004) als repräsentativ und evidenzbasiert angesehenen Studien (unter anderem Dockery et al. 1993, Pope et al. 1995) zeigten, unabhängig von anderen Einflussgrößen, einen signifikanten Zusammenhang zwischen Langzeitexposition und kardiopulmonalen Erkrankungen sowie Lungenkrebs. Zu beachten ist jedoch, dass viele Langzeiteffekte nur für Erwachsene über 30 Jahren untersucht wurden. Zudem üben Bildung und sozioökonomischer Status einen Einfluss auf den Effekt der Langzeitexposition aus, so dass zum Beispiel eine Übertragbarkeit der in den USA und Europa identifizierten Effekte speziell auf Entwicklungsländer problematisch ist (Claßen & Hornberg 2010). Neuere Studien zeigen über die oben genannten Effekte hinaus einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Feinstaubkonzentration und dem Auftreten von Otitis media (Mittelohrentzündung) bei Kleinkindern unter zwei Jahren (Brauer et al. 2006) sowie bezüglich der Exazerbation allergischer Rhinitis und Asthma bronchiale (vergleiche Schober & Behrendt 2008). Neben Evidenz zu einzelnen Erkrankungen zeigt sich aber auch eine grundsätzliche Steigerung von unspezifischen Mortalitätsraten als Folge erhöhter Feinstaubbelastungen der Außen- und Innenraumluft (Heinrich et al. 2002, Ibald-Mulli et al. 2004, Zanobetti et al. 2005). Zwei Nachbeobachtungen der sogenannten Staubkohorte NRW in den Jahren 2003 und 2008 konnten zeigen, dass sich bei einem Anstieg der PM10-Konzentration um 7 μg/m3 jeweils eine Zunahme der allgemeinen Sterblichkeit von knapp 20 Prozent ergab. Der Anstieg der spezifischen Mortalität für die Todesursache Herz-Kreislauf-Erkrankungen war mit knapp 50 Prozent mit der Zunahme von PM10 verbunden (NO2: mehr als 90 Prozent) (Gehring et al. 2006, LANUV 2010). Stickoxide (NOx) Während der Exposition gegenüber Fein- und Feinstäuben bereits seit vielen Jahren eine hohe Bedeutung (Eikmann & Herr 2010) bei der Entstehung von umweltbezogenen Krankheitslasten zugeschrieben wird, erfährt die Exposition gegenüber Stickstoffdioxid (NO2) erst in der letzten Zeit wieder eine besondere Beachtung. Insbesondere in aggregierten, verkehrsbelasteten Innenstadtgebieten sind die Stickstoffdioxid-Belastungen erhöht. In Nordrhein-Westfalen (NRW) wurde an 76 von insgesamt 121 Messstellen der Jahresmittelwert von 40 µg/m3 nicht eingehalten (ebenda). Obwohl an einigen Messstationen in Umweltzonen Rückgänge der Belastungen festzustellen sind, ist die NO2-Hintergrundbelastung in NRW in den Jahren 2007 bis 2009 um 2 µg/m3 angestiegen (LANUV 2010). Zu den gesundheitsrelevanten Auswirkungen inhalativer NO2-Aufnahme existieren zahlreiche Übersichtsarbeiten, die die Vielfalt der Originalarbeiten abbilden. Als Review sind unter anderem der Statusbericht der Kommission Reinhaltung der Luft im VDI (Kraft et al. 2005), die „Air Quality Guidelines“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO 2006) sowie der Bericht „Integrated Science Assessment for Oxides of Nitrogen – Health Criteria“ der USamerikanischen Umweltbehörde (EPA 2008) anzuführen. Kurzzeiteffekte In verschiedenen umweltepidemiologischen Untersuchungen konnten Assoziationen zwischen der Erhöhung der NO2-Belastung und einer Zunahme der Krankenhausaufnahmen 90 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 und Notfallkonsultationen aufgrund von Atemwegserkrankungen und Asthma bronchiale sowie der Krankenhausaufnahmen aufgrund chronischer Bronchitis, der Gesamtsterblichkeit sowie der Herz-Kreislauf-assoziierten Sterblichkeit ermittelt werden (Kraft et al. 2005, WHO 2006, EPA 2008). In Expositionskammer-Untersuchungen von Menschen mit vorbestehenden Atemwegserkrankungen (auch Jugendliche mit leichten Formen von Asthma bronchiale) konnte gezeigt werden, dass eine (kurzfristige) NO2-Belastung zu einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion führt. Anzumerken ist, dass bei vorgeschädigten Personen vergleichbare Effekte schon bei deutlich niedrigeren Konzentrationen als bei gesunden Personen nachzuweisen waren. In den meisten Studien ergab sich, dass die individuelle Empfindlichkeit sehr unterschiedlich ist. Dabei setzt eine mögliche gesundheitliche Vorbelastung die Dosis-Wirkungsschwelle herab, wobei die individuelle Empfindlichkeit gegenüber einer NO2-Exposition sehr unterschiedlich ausfallen kann (Kraft et al. 2005). Langzeiteffekte Zu den Langzeitwirkungen von Stickstoffdioxid existieren bislang vergleichsweise wenige umweltepidemiologische Studien. Die Netherlands Cohort Study (NLCS) zeigte erhöhte Sterberisiken, die für NO2, und verkehrsnahes Wohnen statistisch signifikant waren (Beelen et al. 2008). Der French Survey on Air Pollution and Chronic Respiratory Diseases konnte eine Risikoerhöhung für die Gesamtmortalität zeigen, die signifikant mit einem Anstieg von NO2 sowie NO assoziiert war. Zudem konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen NO2Belastungen und einem erhöhten Lungenkrebsrisiko sowie einem höheren Risiko aufgrund kardiopulmonaler Symptome und Erkrankungen zu versterben nachgewiesen werden (Filleul et al. 2005). Die Nachbeobachtungen der sog. Staubkohorte NRW in den Jahren 2003 und 2008 konnten auch belegen, dass die Sterblichkeit an kardiopulmonalen Todesursachen statistisch signifikant erhöht war bei den Frauen, die in einem Abstand unter 50 Meter von Hauptverkehrsstraßen (> 5.000 Kfz/d) wohnten. Mit einem NO2-Anstieg war eine signifikante Zunahme der allgemeinen und kardiopulmonalen Sterblichkeit assoziiert (Gehring et al. 2006, LANUV 2010). Bei einem Anstieg der NO2-Konzentration um 16 μg/m3 oder der PM10-Konzentration um 7 μg/m3 ergab sich jeweils eine Zunahme der allgemeinen Sterblichkeit von knapp 20 Prozent. Der Anstieg der spezifischen Mortalität für die Todesursache Herz-KreislaufErkrankungen war mit mehr als 90 Prozent am engsten mit der Zunahme von NO2 verbunden (PM10: knapp 50 Prozent). Für Frauen, die näher als 50 Meter an einer Hauptverkehrsstraße wohnten, lag die allgemeine Sterblichkeitserhöhung bei mehr als 40 Prozent, die Zunahme der Todesursache aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag bei fast 80 Prozent. Für die Todesursache Atemwegserkrankungen ergab sich ein signifikanter Zusammenhang nur bei einem Anstieg von NO2, der einer Verdopplung der spezifischen Mortalität entspricht (Gehring et al. 2006). Die Oslo Cohort Study (Naess et al. 2007) konnte deutlich erhöhte Risiken für die Gesamtsterblichkeit und die Expositionsschätzung für NO2 für die 50- bis 70-jährige Bevölkerung nachweisen. Nafstad et al. (2003, 2004) konnten in einer norwegischen Männerkohorte einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Höhe der NOX-Belastung und der Mortalität nachweisen. Stieg die NOX-Belastung um 10 μg/m3, so korrespondierte die Gesamtmortalität um 8 Prozent. Aufgeschlüsselt nach Todesursachen zeigten sich signifikante Zusammenhänge zwischen der Höhe der NOX-Belastung und den Sterbefällen in Folge von ischämischen Herzkrankheiten, Lungenkrebs und gutartigen Erkrankungen der Atemwege (Nafstad et al. 2003, 2004). 91 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Als Langzeitwirkungen bei erhöhter NO2-Exposition konnten eine Zunahme der Sterblichkeit (alle Todesursachen, Herz- und Atemwegserkrankungen, Lungenkrebs) und/oder eine Zunahme der Häufigkeit chronischer Beschwerden der Atemwege (bei Erwachsenen), Hustenepisoden und Bronchitis (bei Schulkindern), chronischer Bronchitis (bei Kindern mit diagnostiziertem Asthma) und Lungenfunktionsverschlechterungen (bei Schulkindern) festgestellt werden (LANUV 2010). Ozon Auch die Exposition der Bevölkerung gegenüber Ozon erfährt derzeit wieder verstärkte Aufmerksamkeit (Eikmann & Herr 2010). Das starke Oxidans dringt aufgrund seiner geringen Wasserlöslichkeit bis in die Bronchiolen und Alveolen der Lunge vor, so dass vor allem die Atemwege gereizt werden (Wagner & Höppe 1998, Reinelt 2008). Als gesundheitliche Wirkungen können neben Atemwegsreizungen und Husten eine Abnahme der Leistungsfähigkeit, Kopfschmerz bis hin zu Entzündungen der Atemwege beobachtet werden, wobei das Ausmaß der Effekte von der auf den Organismus wirkenden Ozondosis abhängt (Ozonkonzentration in der Atemluft, eingeatmete Luftmenge, Dauer der Exposition, Aufenthaltsort) (MUNLV 2010a). Die WHO beschreibt in den Air Quality Guidelines 2005 Gesundheitseffekte, die in akute Reaktionen und chronische Effekte unterteilt sind (WHO 2006). Zu den akuten Reaktionen zählen vor allem kurzfristige und zumeist reversible Effekte auf das Atemwegssystem und das kardiovaskuläre System. Zu den chronischen Effekten zählen eine reduzierte Lungenfunktion, die Entwicklung von Arteriosklerose und Asthma bronchiale sowie eine verminderte Lebenserwartung. Für alle akuten Reaktionen (abgesehen von kardiovaskulären Effekten) ist ein guter Literaturstand gegeben und in gut aufbereiteter Form (über Metaanalysen) verfügbar. Für die kardiovaskulären sowie die chronischen Effekte hingegen ist die Literaturlage bedeutend schwächer und daher schwieriger zusammenzufassen (WHO 2005). Informationen über relevante Endpunkte mit generierten Expositions-Wirkungsfunktionen sind in den „WHO-Air Quality Guidelines 2005“ sowie in der Übersichtsstudie von Hurley et al. (2005) gut aufbereitet. Besondere Risikogruppen sind unter anderem Menschen, die sich oft und lange bei einer Hochdruckwetterlage im Freien aufhalten (Wagner & Höppe 1998). Durch vermehrte körperliche Aktivität und eine damit einhergehende Steigerung der Atemfrequenz und des Atemvolumens wird mehr Ozon aufgenommen. Eine mögliche Sensibilität gegenüber Ozon kann ebenfalls zu einem erhöhten Risiko beitragen. Insgesamt ist sehr schwer festzustellen, wie hoch die individuelle Exposition bei einer bestimmten Ozonkonzentration tatsächlich ist (Sarnat et al. 2000, Sarnat et al. 2005). Zu den vulnerablen Gruppen sind außerdem Kinder und Menschen über 65 Jahre zu zählen (Hurley et al. 2005). Wie bei Lärmbelastungen ist auch bei Luftbelastungen die Tendenz zu beobachten, dass mit zunehmender sozioökonomischer Benachteiligung eine stärkere Exposition einhergeht (Mielck 2004, Kohlhuber et al. 2006). Akute Effekte Hinsichtlich der akuten Effekte auf das Atmungssystem gilt als gesichert, dass eine Beeinflussung der Atemwegsfunktion durch Ozon sowohl bei gesunden Menschen als auch bei Asthmatikern erfolgt. Vorübergehende obstruktive Schwankungen der Lungenfunktion können bei Ozon-Expositionen ab 6,6 Stunden über 160 µg/m3 auftreten (WHO 2005). Menschen mit bestehenden Erkrankungen der Atemwege (zum Beispiel Asthma bronchiale, chronisch obstruktive Atemwegserkrankung COPD) oder Allergien sind anfälliger für Schwankungen der Lungenfunktion (vergleiche Parker et al. 2009). Neben der Änderung der Lungenfunktion sind Reizungen der Atemwege durch den Abbau der Antioxidanzien mögliche Konsequenzen einer Ozon-Exposition. So kann ein schneller Anstieg von entzündlichen Mediatoren festgestellt werden und durchaus mehrere Tage anhalten. Andere Studien haben einen Gesundheitseffekt bei deutlich niedrigeren Konzentrationen festgestellt (WHO 2005). Dies kann auch an Wechselwirkungen mit anderen Luftschadstoffen liegen, an der schwierigen Bestimmung der tatsächlichen Exposition eines Individuums oder durch eine größere Zahl an Beobachtungstagen begründet sein. 92 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Zu den akuten Effekten auf das kardiovaskuläre System sind nur wenige Studien (unter anderem Park et al. 2005) verfügbar. Es ist jedoch aufgrund multipler Wirkungen schwierig, die Effekte zu separieren, die jeweils hohen Feinstaub-Expositionen oder hohen OzonExpositionen zuzuschreiben sind. Die Morbidität und Mortalität aufgrund von kardiovaskulären Erkrankungen ist pathophysiologisch plausibel mit erhöhten Ozon-Konzentrationen als potenzieller Auslöser für oxidativen Zellstress in Zusammenhang zu bringen – es bedarf aber noch weiterer Abklärung durch entsprechende Studien. Viele Studien beschäftigen sich mit dem Zustand der Atemfunktion. Endpunkte sind oft das Fernbleiben von der Schule, Krankenhauseinweisungen aufgrund der Exazerbation von Asthma, Infektionen der Atemwege oder Verschlechterung von chronischen Atemwegserkrankungen. Bei der Morbidität bezüglich Atemwegserkrankungen liegt die effektive Ozon-Konzentration bei 150 µg/m3. Akute Auswirkungen auf das Mortalitätsgeschehen werden ebenfalls hauptsächlich im Zusammenhang mit Atemwegserkrankungen und nur zu einem geringeren Ausmaß mit kardiovaskulären Erkrankungen beschrieben. Hiervon besonders betroffen sind vor allem vulnerable Personengruppen (zum Beispiel ältere Menschen, Kinder) (WHO 2005, Hornberg & Pauli 2007). Chronische Effekte Bei den chronischen Effekten aufgrund einer Ozonexposition ist eine Verminderung der Lungenfunktion oft ein objektives frühes Anzeichen für die Manifestation einer chronischen Atemwegserkrankung. Hierzu wurden prospektive Studien bei Kindern und Erwachsenen im Hinblick auf eine verminderte Steigerung der Lungenfunktion durchgeführt. Die Studienergebnisse sind jedoch oftmals nicht signifikant oder inkonsistent hinsichtlich einer unterschiedlichen altersspezifischen Sensibilität (WHO 2005). Arteriosklerose wird als weiterer Endpunkt genannt. Die Zusammenhänge mit Ozon sind jedoch schwach und statistisch nicht signifikant (WHO 2005). Bei der Entstehung von Asthma bronchiale kann gerade bei Kindern Ozon ebenfalls einen Einfluss haben (Parker et al. 2009). Hierbei ist die Aktivität im Freien eine entscheidende Größe. Das Risiko ist umso höher, je mehr Zeit sich die Personen draußen aufhalten und je höher das Atemvolumen (zum Beispiel erhöht durch Sport) ist. Darüber hinaus gibt es Hinweise, wonach es bei der Entstehung von Asthma bronchiale Unterschiede zwischen Rauchern und Nichtrauchern sowie zwischen Männern und Frauen gibt. Retrospektive Studien wurden von der WHO nicht miteinbezogen, weil sie nicht zwischen akuten und chronischen Effekten unterscheiden (WHO 2005). Bioklima und Gesundheit Der Wärmehaushalt des menschlichen Organismus ist eng mit der atmosphärischen Umwelt verknüpft. Der Wärmeaustausch mit der Umwelt erfolgt dabei über die Flüsse fühlbarer und latenter Wärme sowie über Strahlung. Neben der Lufttemperatur spielen auch die Windgeschwindigkeit, der Wasserdampfdruck und die mittlere Strahlungstemperatur eine Rolle (Koppe et al. 2003). Zur thermophysiologischen Bewertung bioklimatischer Umgebungsbedingungen bedarf es daher der Anwendung komplexer Wärmehaushaltsmodelle, die beispielsweise psychische Faktoren oder Aspekte wie Bekleidung in die Berechnung einbeziehen. Das Standardverfahren des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist das KlimaMichel-Modell, welches auf der sogenannten PMV-Gleichung (PMV = Predicted Mean Vote)3 beruht (Jendritzky et al. 2001). Demnach sind die zentralen Charakteristika des Stadtklimas (Zusammensetzung der Stadtatmosphäre, des Strahlungs- und Wärmehaushaltes der Oberflächen und Grenzschichten des Stadtgebietes (Metrozonen) sowie der Feuchtigkeitshaushalt, die Niederschlagsverhältnisse und der Luftaustausch mit dem Umland) (Kuttler 2008) für eine gesundheitswissenschaftliche Beurteilung (stadt)klimatischer Gegebenheiten von Bedeutung. Das Stadtklima unterscheidet sich dabei deutlich vom Klima ländlicher Räume (ebenda). In Städten ist im Jahresdurchschnitt eine geringere Luftfeuchtigkeit zu messen als im umgebenden ländlichen Umland (Kuttler et al. 2007). Gründe dafür sind in dem verminderten Vorkommen von Wasser- und Grünflächen in der Stadt gegeben. Diese tragen durch die Verdunstung zu mehr Luftfeuchtigkeit im Stadtklima bei (MUNLV 2010b). 3 Predicted Mean Vote (PMV): Maß für das mittlere thermische Empfinden einer größeren Anzahl von Personen auf der psychophysischen ASHREA-Skala, wobei der PMV Wert von 0 „thermischer Behaglichkeit“, der PMV-Wert von 1 „leicht warmen“ Bedingungen und 3 der Beurteilung „heiß“ entspricht. Analog dazu steht der PMV-Wert -1 für „leicht kühl“, -2 für „kühl“ und der Wert -3 für „kalt“ (vgl. Koppe et al. 2003). 93 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Die Bildung sogenannter Wärmeinseln ist ein weiteres vorwiegend stadtklimatisches Phänomen (Kuttler 2004, Bruse 2003). Einflussfaktoren auf die Entstehung von Wärmeinseln sind unter anderem Wechselwirkungen des Wolkenbedeckungsgrades, der Windgeschwindigkeit, anthropogene Faktoren, die atmosphärische Gegenstrahlung, die Einwohnerzahl, das Verhältnis aus Höhe der Straßenrandbebauung und der Straßenbreite, die Oberflächenversiegelung sowie der Grün- und Wasserflächenanteil (Kuttler 2008). Der Wolkenbedeckungsgrad, die Windgeschwindigkeit der Frischluftzufuhr aus dem Umland in das Stadtgebiet und die vorhandenen Grün- und Wasserflächen wirken sich dabei positiv gegen eine Überhitzung des Stadtklimas aus (ebenda). Die Bedingungen werden wiederum durch Tag- und Nachtzeiten sowie durch die Jahreszeit beeinflusst (Kuttler 2004). Betonfassaden, asphaltierte Straßen und Wege speichern dagegen die Sonnenwärme (Kuttler 2004) und geben sie auch noch in den Abendstunden und über die Nacht an die Atmosphäre ab (Bruse 2003). Als anthropogene Faktoren gelten Wärmeemissionen von Industrie, Haushalten und Verkehr. Städte weisen an manchen Tagen bis zu 10 °C Temperaturunterschied zum nichtstädtischen Umland auf (Endlicher & Kress 2008). Über die grundsätzlich im urbanen Raum verstärkt zu berücksichtigenden Einflüsse auf das Bioklima hinaus birgt der Klimawandel zusätzliche Risiken für Mensch und Umwelt, die sich im städtischen Raum entsprechend verstärken. In Mitteleuropa ist, bedingt durch einen möglichen Temperaturanstieg von bis zu 0,2 °C (Jahresdurchschnitt) je Jahrzehnt (ebenda), zukünftig vermehrt mit Extremwetterereignissen zu rechnen. Tage, an denen die Temperatur maximal bei 25 °C liegt, werden sich beispielsweise für das Ruhrgebiet in der Dekade 2051 bis 2060 verdreifachen. Je nach zugrundeliegendem Szenario kann davon ausgegangen werden, dass Tage mit über 30 °C auf den fünffachen Wert im Vergleich zur Durchschnittstemperatur im Sommer zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigen werden (MUNLV 2010b). Die ansteigende Hochwassergefahr im Winter durch die Zunahme von Niederschlägen, geringere Niederschlagsmengen im Sommer sowie die damit einhergehende höhere Gefahr von Waldbränden (Joint EEA-JRC-WHO report 2008) sind nur einige weitere Beispiele der Auswirkungen (MUNLV 2010b). Durch die zuvor beschriebene Eigenschaft der Hitzespeicherung von Betonfassaden und asphaltierten Flächen gelten Städte im Sommer mit Hinblick auf einen Temperaturanstieg vermehrt als Wärmeinseln (Rahmstorf & Schellnhuber 2007, Endlicher & Kress 2008). Zusätzlich tragen die versiegelten Flächen dazu bei, dass Regenwasser schlechter im Erdreich versickern kann. Bei Starkregenereignissen kann es zu Überschwemmungen kommen, wenn die Kanalisation die Wassermengen nicht ausreichend aufnehmen kann (MUNLV 2010b). Gerade hier gilt es unter Berücksichtigung des Anstiegs von Hitzetagen und Starkregenereignissen besondere Maßnahmen zu ergreifen, um die Stadtbevölkerung vor möglichen gesundheitlichen Auswirkungen zu schützen. Neben Kleinkindern, die eine noch instabile Thermoregulation aufweisen (Jendritzky 2007), sind besonders häufig Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, wie Herz-Kreislauf-Schwächen oder Atemwegserkrankungen, sowie ältere Menschen gesundheitlich von Hitzeperioden betroffen (Pauli & Hornberg 2010, MUNLV 2010b). Ältere Menschen weisen teilweise multimorbide Krankheitsbilder auf, die ihre Anpassungsfähigkeit an Hitzewellen zusätzlich erschweren (Jendritzky 2007, Schuh 1995). Gerade unter Berücksichtigung des demografischen Wandels, der eine Verdopplung der älteren Bevölkerung bis 2060 vorhersagt (DESTATIS 2009), ist dies ein wichtiger Aspekt. In der Literatur wird der Hitzesommer im Jahr 2003 mit seinen gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen bereits im Kontext des Klimawandels diskutiert (Rahmstorf & Schellnhuber 2007). So verursachte die Hitzewelle europaweit etwa 55.000 zusätzliche Sterbefälle, davon circa 7.000 in Deutschland (Jendritzky 2007). Die Temperaturen waren regional unterschiedlich stark ausgeprägt. Besonders betroffen war der südliche Westen Europas (Heudorf & Stark 2004). In der Schweiz lag die durchschnittliche Temperatur im Juni 2003 um 7 °C über dem langjährigen Mittelwert (Rahmstorf & Schellnhuber 2007). In Deutschland kam es insbesondere im Süden (Baden-Württemberg und Bayern) zu hitzebedingten Gesundheitsschädigungen und Sterbefällen (Heudorf & Stark 2004). 94 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Hitzeperioden können sich negativ auf das gesundheitliche Wohlbefinden, die Lebensqualität, die Morbiditäts- und die Mortalitätsrate in der betroffenen Bevölkerung auswirken (Jendritzky 2007, Endlicher & Kress 2008, Pauli & Hornberg 2010). Darüber hinaus haben Temperaturanstieg und Extremwetterereignisse auch indirekte Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Ein Anstieg der Bodentemperatur kann dazu führen, dass sich im Trinkwassernetz verweilendes Trinkwasser erwärmt. Höhere Temperaturen können dabei das Risiko einer (Wieder-)Verkeimung des Trinkwassers erhöhen (MUNLV 2010b). Gesundheitliche Risiken können auch aus dem Anstieg von allergenen Pollen, Infektionskrankheiten oder vektorbasierten Erkrankungen resultieren (IPCC 2007). In Mitteleuropa ist dabei weniger mit einem Anstieg an Malariafällen (Malaria tropica) (Vektor: Anopheles-Mücke) als mit den durch Zecken übertragbaren Erkrankungen Frühsommer-Meningoenzephalitis oder Borreliose zu rechnen (Beierkuhnlein & Foken 2008; Bayerisches Landesamt für Umwelt 2006). Starkniederschläge, Hochwasser und Stürme stellen ein Potenzial für akute Verletzungen und psychische Beeinträchtigungen (Traumatisierung) dar (Pauli & Hornberg 2010). Ein Aufhalten des Klimawandels wird als unmöglich angesehen (IPCC 2012), daher wird seit geraumer Zeit neben der Erstellung von Klimaschutzstrategien auch an Klimaanpassungsstrategien gearbeitet. Diese richten sich an unterschiedliche Disziplinen, wie beispielsweise die Ökologie, die Geografie, an das Gesundheitswesen oder die Stadt- und Raumplanung (vergleiche UBA 2010c). Wasser-/Grünflächenversorgung und Gesundheit Neben gesundheitlichen Gefahren können städtische Räume bei entsprechender Gestaltung auch positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Besondere gesundheitsförderliche Wirkung wird mit Stadtgrün und innerstädtischen Gewässern, die den in den vorangegangenen Kapiteln 1 bis 3 angesprochenen Risiken entgegenwirken und proaktiv zur Gesundheit beitragen können, assoziiert. So haben innerstädtische Wasserund Grünflächen günstige Auswirkungen auf klimatische und lufthygienische Verhältnisse in der Stadt (Ropertz 2008). Über die Zeit gewachsene und/oder gestaltete innerstädtische Grünflächen leisten einen erheblichen Beitrag zum klimatischen Ausgleich in der Stadt (vergleiche Bowler et al. 2010). Ebenso bestätigen die Ergebnisse einer im Jahr 2009 publizierten Untersuchung die Wichtigkeit von Parkanlagen im Stadtgebiet. Demnach sind urbane Grünräume (Wälder, Parkanlagen, Grünzüge) als Schadstoffsenken zu betrachten (Makhelouf 2009). Besonders laubtragende Gehölze sind in der Lage, Schadstoffe direkt aufzunehmen oder Partikel auf ihrer Oberfläche anzulagern (Bruse 2003). Darüber hinaus tragen grüne Ausgleichsräume gegenüber versiegelten (betonierten oder asphaltierten) Flächen zur Luftbefeuchtung (Transpiration) und zum CO2-Abbau bei (Williams 2006). Je nach Vegetationsform kann Stadtgrün auch ein hohes Lärmminderungspotenzial beinhalten (Buccur 2006). Stadtgrün trägt jedoch nicht nur zur Minimierung gesundheitlicher Risiken (Luftschadstoffe, Lärm) in der Stadt bei (vergleiche Hornberg et al. 2007), sondern leistet auch einen erheblichen Beitrag als proaktiv nutzbare Gesundheitsressource. So können die körperliche, geistige, soziale Gesundheit und das individuelle Wohlbefinden durch den Aufenthalt in der Natur gefördert werden (vergleiche Claßen et al. 2012). Insbesondere öffentliche Grünflächen bieten Raum zur Erholung vom Alltag, ermöglichen Naturerlebnisse sowie verschiedene Freizeitaktivitäten und gesundheitsförderliche Bewegung in der Natur (Claßen & Hornberg 2008). Für alle Altersgruppen ist Bewegung im Wald, zum Beispiel durch Wandern, Radfahren, Nordic Walking etc., attraktiv und fördert die eigene Gesundheit. So dient Bewegung allgemein der Vorbeugung vor Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Diabetes mellitus Typ II (RKI 2003a, Gerlach 2008). Auch Rückenbeschwerden, Übergewicht oder Bluthochdruck können durch Bewegung in der Natur positiv beeinflusst werden. Die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung der Naturvielfalt über das Sehen, Riechen, Hören und Tasten fördert das seelische und geistige Wohlbefinden (Cumes 1998). Der Aufenthalt, geschieht er in körperlicher Aktivität oder in einer „beschaulichen Betrachtung“ 95 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 (Gerlach 2008, Seite 97), kann zu innerer Ruhe führen und darüber hinaus die Konzentrationsfähigkeit fördern (Kaplan & Kaplan 1989, Hartig et al. 2003, Faber Taylor & Kuo 2008). Öffentliches Stadtgrün bietet zudem Raum für soziale Begegnungen und kann zum Beispiel im gemeinsamen Spiel von Kindern neben der Motorik, dem Immunsystem, der allgemeinen körperlichen Entwicklung und Kreativität auch die Entwicklung des Sozialverhaltens und der Persönlichkeit fördern (Seeland 2003, Strohmeier & Mai 2007, Hüther 2008). Naturerfahrungen im Kindesalter können einen wichtigen Beitrag zur selbstständigen Entwicklung von Problemlösungen leisten und zu mehr Selbstvertrauen sowie der Ausprägung von Bewältigungskompetenzen beitragen (Hüther 2008). Städtische Grünflächen können erheblich dazu beitragen, die Temperatur an heißen Tagen zu senken (Makhelouf 2009; Bowler et al. 2010). Tagsüber bietet das Kronendach Schatten und verhindert dadurch die Aufwärmung des darunter befindlichen Areals (zum Beispiel asphaltierte Flächen) (Bruse 2003). Zudem fällt die Wärmespeicherung auf natürlichem Boden geringer aus als auf betonierten Flächen (ebenda). Durch Blatttranspiration wird Flüssigkeit verdunstet und durch Parkanlagen in Städten kann es zu vermehrtem Niederschlag kommen (Makhelouf 2009), der insbesondere in der wärmeren Jahreszeit für das Stadtklima und die menschliche Gesundheit von Bedeutung ist. In Ballungsräumen mit hohen gesundheitsbelastenden Lärmpegeln, Schadstoffbelastungen und ungünstigen klimatischen Bedingungen sind demnach belastungssenkende und gesundheitsförderliche Landschaftsstrukturen von großer gesundheitswissenschaftlicher Relevanz (Hornberg et al. 2007). Die Qualität und Erreichbarkeit/Zugänglichkeit der Grünräume spielt dabei eine entscheidende Rolle (Dannenberg et al. 2003). So führt allein die Schaffung urbaner Grünräume nicht automatisch zu einer Nutzung. Fehlen ein oder mehrere der folgenden Grundvoraussetzungen kann die Nutzung durch die Bevölkerung ausbleiben (Dannenberg et al. 2003, Frumkin 2003, Pikora et al. 2003, Humpel et al. 2004, Giles-Corti et al. 2005): „„ästhetisch ansprechende urbane Landschaft mit multifunktionalen öffentlichen Grünbereichen (das heißt vielfältige Schutz- und Nutzfunktionen, sowohl technisch-gebaute, gestaltete als auch naturbelassene Bereiche), „„direkte Erreichbarkeit und Zugänglichkeit der öffentlichen Grünbereiche, möglichst ohne Notwendigkeit der Nutzung des motorisierten Individualverkehrs (zum Beispiel hohe Erschließungsqualität durch nutzbare Bürgersteige, Fahrradwege, Zebrastreifen, Barrierefreiheit, Erreichbarkeit mit dem Öffentlichen Personennahverkehr), „„Möglichkeiten zur Aufnahme und Pflege von Kontakten (insbesondere für Eltern mit kleinen Kindern und ältere Menschen), „„Berücksichtigung von persönlichen und Verkehrssicherheitsaspekten an und in diesen öffentlichen Grünbereichen (zum Beispiel möglichst geringes Verletzungsrisiko, Beleuchtung von Wegen, Vermeidung sogenannter „Angsträume“). Öffentliche Grünbereiche können eine große Bedeutung für die lokale Identität der Bevölkerung von Großstädten und überregionale Bekanntheit erlangen, wenn die genannten Grundvoraussetzungen gegeben sind. Als prominente Beispiele hierfür sind der Hyde Park (London), der Central Park (New York), der Bois de Boulogne (Paris), das Gebiet Grunewald/ Wannsee (Berlin) oder der Grüngürtel der Stadt Köln aufzuzählen. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass Gewässerelemente – sogenanntes Stadtblau – als mitunter zentrale Bestandteile urbaner Grünräume einen wesentlichen und eigenständigen Beitrag zur gesundheitsförderlichen Wirkung leisten (Völker et al. 2012, Völker & Kistemann 2013). Literatur (Das Literaturverzeichnis enthält lediglich eine Auswahl der verwendeten Quellen. Eine vollständige Literaturliste erhalten Sie bei den Verfassern des Dokuments.) 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Dabei wird zwischen dem thermischen, dem lufthygienischen und dem photoaktinischen Wirkungskomplex unterschieden. „Bei der Analyse der Ursache-Wirkungsbeziehungen zwischen der atmosphärischen Umwelt und der Gesundheit beziehungsweise dem Wohlbefinden der Menschen in der Stadt werden in der Human-Biometeorologie hauptsächlich der lufthygienische und thermische Wirkungskomplex berücksichtigt, weil diese in der Vorsorgeplanung besondere Bedeutung besitzen und mit Mitteln der Planung beeinflussbar sind (vergleiche VDI 1998)“ (SenStadt 1998). Unter der als „Bioklima“ beschriebenen thermischen Belastung werden im Folgenden die Wirkungen hoher Lufttemperaturen im Mittelpunkt des Interesses stehen, während der lufthygienische Aspekt unter dem Punkt „Luftbelastung“ diskutiert wird. Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Abteilung Sozialepidemiologie Dr. Katharina Gabriel Auftreten und Ursachen Die thermische Belastung unterscheidet sich von den Stressoren „Lärm“ und „Luftbelastung“ in zwei Punkten. Zum einen tritt sie nicht so häufig und nicht so andauernd auf. Belastende Situationen in diesem Bereich des Bioklimas sind in Berlin ausschließlich auf die Sommermonate beschränkt. Zwischen den einzelnen Jahren können Intensität und Dauer dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Zum anderen ist ihre Quelle lokal nicht so eindeutig einzugrenzen, denn anders als bei der Luftbelastung oder der Beeinträchtigung durch Lärm ist die primäre Quelle der die thermische Belastung generierenden Faktoren nicht ausschließlich im betreffenden Gebiet selbst zu finden. Solche Situationen werden vielmehr durch bestimmte großräumige Wetterlagen hervorgerufen: Ein stabiles Hochdruckgebiet über Mittel- bis Osteuropa führt auf seiner Rückseite subtropische bis tropische Luftmassen in den mitteleuropäischen Raum. Aufgrund der absinkenden Luftmassen in seinem Zentrum können sich hier keine wetterwirksamen Wolken bilden. Durch die im Sommer besonders starke Sonneneinstrahlung steigen die Temperaturen weiter an. Geringe Luftdruckunterschiede führen zu nur schwachem Wind. Diese großräumige Situation wird allerdings lokal durch die Reliefsituation und durch die Landnutzung in dem betreffenden Gebiet modifiziert, so dass die thermischen Verhältnisse verschärft oder abgemildert werden können. In sommerlichen Extremsituationen wirkt sich eine südexponierte Lage bei uns auf der Nordhalbkugel ungünstig aus, da diese Ausrichtung während des gesamten Tagesverlaufes der Energiezufuhr der Sonnenstrahlung ausgesetzt ist. Entschärft werden kann die Situation durch jegliche Art von Beschattung, beispielsweise aufgrund von Vegetation. Besonders Bäume können zur Entlastung thermischer Situationen beitragen, da bei ihnen neben ihrer schattenspendenden Funktion ein weiterer, kühlender Effekt besonders ausgeprägt ist: Durch das Verdunsten von Wasser an den Oberflächen von Blättern und Zweigen (Transpiration) wird der Pflanze und ihrer unmittelbaren Umgebung Wärme entzogen. Je größer dabei die Fläche der Verdunstung ist, desto stärker ist der Effekt der Verdunstungskühle. So sind Temperaturen in waldbestandenen Flächen tagsüber im Vergleich zu Gebieten mit Grasland und Brachen deutlich geringer, während der Nacht kann sich dieses Verhältnis umkehren. In gleicher Weise wirkt die hohe Wärmespeicherkapazität von Gewässern mildernd auf thermische Maximalwerte in umliegenden Gebieten ein. Als spezielle Form der Landnutzung modifizieren die städtischen Strukturen die thermischen Verhältnisse einer Region. Die Materialien der Bebauung nehmen tagsüber Energie auf, die sie nachts als Wärme wieder abgeben, so dass die Stadt gegenüber dem Umland zur Wärmeinsel wird. Das begünstigt am Abend zwar lange Aufenthalte im Freien, beeinträchtigt aber auch die Erholung im Schlaf. Über die Kanalisation wird Niederschlag schnell abgeführt und kann so nicht zur Luftfeuchte und zur Verdunstungskälte beitragen. Durch die Rauigkeit der Landschaft verringert sich im Allgemeinen die Windgeschwindigkeit, allerdings können Düseneffekte stellenweise zu sehr starken Luftbewegungen führen. 99 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 So stellen im Sommer während thermischer Extremereignisse auch im städtischen Raum unversiegelte und mit Vegetation bestandene Flächen wie Parks und Friedhöfe Gunsträume dar (Fezer 1995); selbst Straßenbäume können zur Reduktion der thermischen Belastung beitragen (Endlicher et al. 2008; Mayer & Matzarakis 2006). Unbeschattete und versiegelte Areale werden dann mit besonders hohen Temperaturen zu Risikoräumen. Auswirkungen auf den Menschen Thermoregulation Kontinuierlich wird im menschlichen Körper Energie in Form von Wärme freigesetzt (Metabolismus), deren Produktion mit zunehmender Aktivität ansteigt. Hinzukommt von außen aufgenommene Wärme. Da aber der Mensch zu den gleich warmen (homoiothermen) Lebewesen gehört, muss seine Körperkerntemperatur innerhalb einer geringen Schwankungsbreite konstant bei etwa 36,5 Grad Celsius liegen. Wärmegewinn und Wärmeabgabe müssen sich dementsprechend im Gleichgewicht halten. Durch die Elemente des thermischen Wirkungskomplexes – Lufttemperatur, Luftfeuchte, Sonnenstand und Strahlungsstärke sowie Windgeschwindigkeit – wird eine Abgabe der Wärme an die Umgebung gefördert oder vermindert. Bei überproportionaler Zufuhr oder Abgabe von Wärme muss das Missverhältnis durch bewusste oder unbewusste Thermoregulation ausgeglichen werden. In bewusster Weise kann die Wärmeabgabe durch angepasste Bewegung, durch die Art der Bekleidung sowie durch Flüssigkeitszufuhr beeinflusst werden (Flemming 1990). Unbewusst wird die Wärmeabgabe durch unwillkürlich ablaufende, physikalische und chemische Prozesse reguliert. Bei geringen Abweichungen vom Sollwert wird das Problem vasomotorisch geregelt, das heißt durch die Veränderung der peripheren Durchblutung; die Blutgefäße werden bei zu großem Wärmeverlust verengt und entsprechend bei zu hohem Wärmeanfall erweitert. Mit steigenden Abweichungen wird das Herz-Kreislauf-System zunehmend gefordert, da Blutdruck und Thermoregulation eng miteinander verbunden sind (Laschewski & Jendritzky 2003). Von der Hautoberfläche wird die Wärme durch den fühlbaren und den latenten Wärmestrom sowie durch langwellige Strahlung abgeleitet. Um den latenten Strom möglichst groß zu halten, setzt Schweißbildung ein (Jendritzky et al. 1998). Etwa 10 Prozent der Wärmeabgabe erfolgen fühlbar und latent über die Atmung. Über einen längeren Zeitraum entwickelt sich eine allgemeine körperliche wie kulturelle Anpassung an die klimatischen Gegebenheiten (Akklimatisation) eines Ortes. Da die Möglichkeiten der Kühlung auf der unbewussten Ebene schwieriger sind als die der Erwärmung und auch auf der aktiven Ebene nur begrenzte Möglichkeiten der Regulation bestehen, bedeutet Überwärmung (Hyperthermie) für den Organismus im Gegensatz zur Unterkühlung (Hypothermie) ein weniger regulierbares und damit größeres Risiko und ist deshalb ein Hauptproblem der Bioklimatologie. Art der Beeinträchtigung Die thermische Situation an einem Ort, die durch das Zusammenspiel der Klimaparameter Lufttemperatur, Luftfeuchte, Sonnenstand und Strahlungsstärke sowie Windgeschwindigkeit hervorgerufen wird, wirkt auf jeden Menschen, der sich darin bewegt, in gleicher Weise ein – die Möglichkeiten der Reaktion darauf sind jedoch von Mensch zu Mensch verschieden. Mit zunehmenden Anforderungen an das System der Thermoregulation findet eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens statt. Die schwächste Ausprägung zeigt sich in Unwohlsein und Unaufmerksamkeit sowie in einer damit verbundenen herabgesetzten Leistungsfähigkeit. Diese Art der Beeinträchtigung ist schwer in Daten zu fassen und wurde bei Betrachtungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel bisher stark vernachlässigt (Kjellstom et al. 2009). Auswertungen im Zusammenhang mit sommerlichen Extremen existieren aufgrund der Datenlage bisher nicht. Bei fortschreitender Belastung können sich gesundheitliche Beeinträchtigungen (Morbidität) manifestieren. Ab einem bestimmten Schweregrad können diese Erkrankungen statistisch erfasst werden, zum Beispiel beim Aufsuchen eines Arztes oder bei der Einlieferung in ein Krankenhaus. Obwohl die Klassifikation der Erkrankungen einer internationalen Standardisierung unterliegt, werden die Daten in Deutschland jedoch nicht zentral gespeichert. 100 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Das Zusammentragen der Daten ist demnach ein mühsamer Prozess, wodurch Angaben zur Morbidität nur selten in wissenschaftliche Untersuchungen eingehen (zum Beispiel Kovats et al. 2004; Mastrangelo et al. 2007; Scherber et al. 2013). Durch anhaltende oder extreme thermische Belastung können einzelne oder mehrere Organe derart überlastet werden, dass es zu deren Versagen kommt und die betroffene Person verstirbt. Hier werden weltweit standardisierte Werte erfasst und national zusammengetragen, so dass die Mortalität den am intensivsten untersuchten Aspekt darstellt – die meisten Erkenntnisse über die Auswirkungen thermischer Belastung auf die menschliche Gesundheit basieren demzufolge auf diesen Daten. Körperliche und soziale Konstitution Da bei der Thermoregulation des Körpers besondere Anforderungen an das Herz-KreislaufSystem gestellt werden, können Personen mit bereits bestehenden Erkrankungen in diesem Bereich auf hohe Temperaturen nicht adäquat reagieren. Insbesondere bei älteren Menschen ist das Herz-Kreislauf-System oft schon vorgeschädigt, so dass das System den Anforderungen nur eingeschränkt begegnen kann. Senioren sind gegenüber thermischer Belastung besonders vulnerabel, da chronische Krankheiten im Allgemeinen, Multimorbidität und Bettlägerigkeit zu einem erhöhten Risiko führen (Henschel et al. 1969; Klenk et al. 2010; Semenza et al. 1996). Hinzu kommt, dass bei älteren Menschen ebenso wie bei Kindern die Schweißproduktion reduziert ist. Verdunstungskühle kann hier nicht in ausreichendem Maß zur Abkühlung dienen. Zur Beschreibung des sozialen Status in einem Gebiet werden im „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ des Berliner Senats für Stadtentwicklung (SenStadt 2009) Angaben zur Arbeitslosigkeit herangezogen, welche nach Alter und Migrationshintergrund aufgeschlüsselt werden. Es existieren Studien, die explizit den Zusammenhang zwischen sozialen Faktoren und der Vulnerabilität gegenüber thermischer Belastung darstellen. Dabei wird jedoch die ökonomische Situation nur selten direkt über das Familieneinkommen erfasst (Schuman 1972). Sind diesbezügliche Informationen nicht verfügbar, so werden sie beispielsweise durch den Bildungsgrad (Borrell et al. 2006; Medina-Ramón et al. 2006; Michelozzi et al. 1999) oder den pro Kopf zur Verfügung stehenden Wohnraum (Michelozzi et al. 1999) operationalisiert. Allgemein wurde ein negativer Zusammenhang zwischen den genannten Variablen und dem Mortalitätsrisiko festgestellt, das heißt, dass mit sinkendem Sozialstatus die Gefährdung gegenüber thermischer Belastung ansteigt. Semenza et al. [1996] berücksichtigten in ihrer Fall-Kontroll-Studie die Wohnsituation explizit. Dabei gehen die Dachform, die Lage der bewohnten Etage sowie die Gesamtzahl der Etagen im Haus in die Untersuchung mit ein. Hier kann zusammengefasst werden, dass ein Flachdach oder eine Wohnung direkt unter dem Dach wenig Schutz bietet. Das Vorhandensein einer Klimaanlage oder das Aufsuchen klimatisierter Räume senkt dagegen das Mortalitätsrisiko signifikant (O‘Neill et al. 2005; Semenza et al. 1996; Tan et al. 2007). Besonders in den USA wird auch die ethnische Zugehörigkeit der Betroffenen immer wieder als Risikofaktor in die Betrachtungen mit einbezogen (Medina-Ramón et al. 2006; O‘Neill et al. 2005; Schuman 1972; Semenza et al. 1996). Danach sind Personen europäischer Herkunft weniger stark durch Hitze beeinträchtigt als Personen mit afrikanischem oder asiatischem Hintergrund. Es bleibt jedoch offen, ob die gefundenen Unterschiede tatsächlich physiologischer Natur sind oder nicht eher einem geringeren sozioökonomischen Status geschuldet werden müssen. Für die Hitzewelle 1995 in Chicago stellen Semenza et al. [1996] fest, dass jegliche Art sozialen Kontakts – wie eine Vereinsmitgliedschaft oder das Halten eines Haustieres – zu einem verringerten Sterberisiko führt. Auch in Paris wird nach dem heißen Sommer 2003 das fehlende soziale Netzwerk als wesentlicher Risikofaktor genannt [Grynszpan 2003]. Klimatische Situation + individuelle Konstitution = Risiko Das Zusammenspiel von klimatischer Situation einerseits und der individuellen körperlichen und sozialen Konstitution einer Person andererseits führt demnach zum individuellen Risiko gegenüber thermischer Belastung. 101 heißen Sommer 2003 das fehlende soziale Netzwerk als wesentlicher Risikofaktor genannt [Grynszpan 2003]. Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Klimatische Situation + individuelle Konstitution = Risiko Das Zusammenspiel von klimatischer Situation einerseits und der individuellen körperlichen und sozialen Konstitution einer Person andererseits führt demnach zum individuellen Risiko gegenüber Situation in Berlin thermischer Belastung. In der jüngeren Vergangenheit – zwischen 1990 und 2006 – traten in Berlin im Wesentlichen während zweier Jahre stark belastende Situationen in den Sommermonaten auf Situation& in Berlin 2011). (Gabriel Endlicher In der jüngeren Vergangenheit – zwischen 1990 und 2006 – traten in Berlin im Wesentlichen während zweier belastende in den aufden (Gabriel & Endlicher 2011). Im JahrJahre 1994stark wurden in der Situationen Zeit vom 22. Juli Sommermonaten bis 11. August an Berliner Messstationen thermische Extremwerte gemessen. Das Tagesmaximum erreichte in Berlin im DurchIm Jahr 1994 wurden in der Zeit vom 22. Juli bis 11. August an den Berliner Messstationen thermische schnitt 31,3 °C, als absoluter Höchstwert wurden 37,7 °C31,3°C, gemessen. Auch Extremwerte gemessen. Das Tagesmaximum erreichteininDahlem Berlin imsogar Durchschnitt als absoluter Höchstwert wurden in Dahlem sogar 37,7°C gemessen. Auch nächtlichen trugen die nächtlichen Temperaturen trugen nicht unbedingt zurdie Erholung bei: Temperaturen Des Öfteren sannichtdie unbedingt zur Erholung bei: Des Öfteren die nächtlichen nicht unter 20°Cbeund ken nächtlichen Werte nicht unter 20 °C sanken und können somit alsWerte „Tropische Nächte“ können somit als "Tropische bezeichnet werden (vgl. Abb. 1a).Wochen Während dieser dreiin Wochen zeichnet werden (vergleicheNächte" Abbildung 1a). Während dieser drei verstarben Berverstarben in Berlin 3.156 Personen (vgl. Tab. 1). Das sind 975 Personen mehr als erwartet, was eilin 3.156 Personen (vergleiche Tabelle 1). Das sind 975 Personen mehr als erwartet, was nem Plus von 44,7% entspricht. Besonders stark waren Personen in einem Alter von über 50 Jahren einem Plus von 44,7 Prozent entspricht. Besonders stark waren Personen in einem Alter betroffen, und hier insbesondere die Frauen (+ 54,9%). von über 50 Jahren betroffen, und hier insbesondere die Frauen (+ 54,9 Prozent). Abbildung 1a: Tägliche Maximum- und Minimum-Temperatur inAbb. Berlin-Dahlem und Abweichung 1a: Tägliche Maximum- der undMortalität Minimumvom Erwartungswert in Berlin in der Zeit Temperatur in Berlin-Dahlem und Abweichung vom 22. Juli bis 11. August 1994. Abbildung 1b: Tägliche Maximum- und Minimum-TemperaturAbb. in Berlin-Dahlem und Abweichung derMinimumMortalität 1b: Tägliche Maximumund vom Erwartungswert in Berlin in der Zeit Temperatur in Berlin-Dahlem und Abweichung vom 10. bis 30. Juli 2006. der Mortalität vom Erwartungswert in Berlin in der Zeit vom 22. Juli bis 11. August 1994. der Mortalität vom Erwartungswert in Berlin in der Zeit vom 10. bis 30. Juli 2006. Im Sommer 2006 war während der Fußball-WM die Welt zu Gast in Deutschland und in Berlin. Eine andauernde Hochdruckwetterlage sorgte für bestes Partywetter, erreichte jedoch die Schwelle zur thermischen Belastung. Zwischen dem 10. und dem 30. Juli wurden in BerIm zur Sommer 2006 wardurchschnittlich während der Fußball-WM Welt zudas Gast in Deutschland und in Berlin.mit Eine lin Mittagszeit 30,3 °C die erreicht, absolute Maximum wurde andauernde Hochdruckwetterlage sorgteinfür bestesSommer Partywetter, erreichte jedoch die Schwelle zur 36,6 °C in Tempelhof gemessen. Auch diesem traten einzelne „Tropische Nächte“ thermischen Zwischen dem und20 dem Juli wurden in Berlin zur Mittagszeit auf, in denenBelastung. die Temperaturen nicht10. unter °C 30. sanken (vergleiche Abbildung 1b). durchschnittlich 30,3°C erreicht, das absolute Maximum wurde mit 36,6°C in Tempelhof gemessen. Auch in diesem Sommer traten einzelne "Tropische Nächte" auf, in denen die Temperaturen nicht unter 20°C Während dieser Zeit verstarben in Berlin 2.044 Personen; das sind 329 Personen mehr als sanken (vgl. Abb. 1b). erwartet, was einem Plus von 19,2 Prozent entspricht. Auch diesmal zeigten die Frauen eine stärkere Abweichung vom Erwartungswert (+ 19,6 Prozent) als die Männer (+ 13,5 Prozent). gesamt 1994 2006 männlich unter 50 gleich/ über 50 91 weiblich unter 50 gleich/ über 50 Beobachtung 3.156 151 1.026 55 1.924 Erwartung 2.181 119 784 52 1.242 Abweichung 44,7 % 26,9 % 30,9 % 5,8 % 54,9 % Beobachtung 2.044 96 826 34 1.088 Erwartung 1.715 76 736 33 905 Abweichung 19,2 % 26,3 % 12,2 % 3,0 % 20,2 % Tabelle 1: Sterbefälle in Berlin während der Hitzeperioden von 1994 und 2006. Für die Monate Juli und August 2006 konnten Scherber et al. 2013 bei Personen über 64 Jahren auch erhöhte Zahlen bei Krankenhauseinweisungen aufgrund von Atemwegserkrankungen nachweisen. Eine besondere Häufung von Betroffenen trat in solchen Gebieten auf, in denen der soziale Status der Bevölkerung eher gering, gleichzeitig die Bevölkerungsdichte besonders hoch war. Auch hier wird deutlich, dass gesundheitliche Gefährdungen nicht allein durch das Auftreten hoher Temperaturen entstehen, sondern erst im Zusammenspiel mit der individuellen körperlichen und sozialen Konstitution. 102 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Borrell, C. & Marí-Dell‘Olmo, M. & Rodríguez-Sanz, M. & Garcia-Olalla, P. & Caylá, J.A. & Benach, J. & Muntaner, C. (2006): Socioeconomic position and excess mortality during the heat wave of 2003 in Barcelona. European Journal of Epidemiology 21, 633-640. Endlicher, W. & Müller, M. & Gabriel, K. (2008): Climate Change and the Function of Urban Green for Human Health. BfN-Skripten 179, 119-127. Fezer, F. (1995): Das Klima der Städte. Gotha: Perthes, 199 p. Flemming, G. (1990): Klima – Umwelt – Mensch. Jena: Fischer, 157 p. Gabriel, K.M.A. & Endlicher, W.R (2011): Urban and rural mortality rates during heat waves in Berlin and Brandenburg, Germany, Environmental Pollution, 159(8-9), 2044-2050. 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Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Referat Bodenschutz und Altlastensanierung Sabine Hilbert, Arno Deißler Dabei ist der natürlich gewachsene Boden dank seiner vielfältigen Funktionen ein Multitalent und unersetzlich für die Bewahrung der urbanen Lebensqualität, der Gesundheit der Stadtbewohner und der biologischen Vielfalt. Erst der Boden ermöglicht Vegetation, denn Boden ist Wasserspeicher und Wasserlieferant für die Pflanzen. Boden filtert, puffert und reinigt Niederschlagswasser und ermöglicht die Grundwasserneubildung. Ohne diese Funktionen gäbe es kein sauberes Trinkwasser. Boden ist die Grundlage für die Landwirtschaft, den Anbau von Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen. Er ist auch, wie bereits beschrieben, Untergrund für Siedlungs- und Verkehrsfläche. Kein anderes Schutzgut ist aktuell einem derartigen Nutzungsdruck ausgesetzt wie der Boden. Darum liegt der national ausgewiesene Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrsfläche derzeit bei circa 81 Hektar pro Tag [16]. Das für 2020 vom Bund angestrebte 30-Hektar-Ziel [15] wird wohl aufgrund der ungebrochenen Flächeninanspruchnahme in Deutschland nicht erreicht werden. Für Berlin stellt allerdings weniger der Flächenverbrauch als vielmehr die Zunahme der Versiegelung ein Problem dar. Versiegelung führt nachweisbar zum unumkehrbaren Verlust des natürlich gewachsenen Bodens und seiner Funktionen und erzwingt häufig zusätzliche Investitionen in die Entwässerungsinfrastruktur der Stadt. Erst ein direkter Vergleich zwischen dem gering bebauten Umland und der stark versiegelten Innenstadt macht die spezifischen Auswirkungen der Versiegelung auf die Schutzgüter Boden und Wasser sichtbar. In der persönlichen Wahrnehmung und vielfach auch in der öffentlichen Darstellung wird Urbanität im Städtebau oft als Synonym für eine meist hohe bauliche Dichte verwandt. Unberücksichtigt bleibt bei dieser Sichtweise die mit hohen baulichen Dichten verbundene meist vollständige Versiegelung des Bodens, was zum Verlust sämtlicher Bodenfunktionen und in der Folge zu hohen oberirdischen Abflüssen beim Niederschlagswasser führt. Diese Entwicklung ist insbesondere unter dem Aspekt des prognostizierten Temperaturanstiegs in Berlin um bis zu 2,5 °C im Jahresdurchschnitt bis 2050 mit Besorgnis zu sehen und fordert ein erhöhtes Risikobewusstsein für den zukünftigen Umgang mit den Schutzgütern Boden und Wasser in der Stadt [7]. Aus den genannten Gründen ist es dringend geboten, die Schutzgüter Boden und Wasser bei gesamtstädtischen Strategien zur Bewältigung des Klimawandels und zur Umweltgerechtigkeit in stärkerem Maße als bisher zu thematisieren und einzubeziehen. Dies betrifft sowohl die gesamtstädtischen Berliner Planungsinstrumente der Flächenentwicklung und der Landschaftsplanung als auch Bebauungspläne, Strategiepapiere, Konzeptionen und vieles mehr. Mit der Aufnahme der Flächenversiegelung als Kernindikator Nr. 6 für die Dokumentation der nachhaltigen Entwicklung Berlins wurde durch das Abgeordnetenhaus, im Ergebnis der Lokalen Agenda 21, zum einen eine klare positive Wertschätzung für das Schutzgut Boden in der Stadt ausgesprochen und zum anderen auch deutlich gemacht, dass hier Handlungsbedarfe gesehen werden [1, 6]. Die Erhebung der relevanten Bodendaten durch das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg belegt, dass die wachsende Stadt ihren Tribut in zunehmendem Maße beim Boden einfordert: Pro Tag werden in Berlin bis zu 5.500 Quadratmeter natürlicher Boden neu versiegelt [2]. 104 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Extreme Wetterphasen, wie Hitzesommer mit Tropennächten und vermehrt Starkregenereignisse bis hin zu Überschwemmungen, häuften sich bereits in den letzten Jahren und werden uns auch in Zukunft begleiten [7]. Gerade Starkregenereignisse führen dazu, dass die innerhalb des Berliner S-Bahn-Ringes vorhandene Mischwasserkanalisation, die in kurzer Zeit anfallenden Regenmengen nicht vollständig zu den Klärwerken ableiten kann und deshalb in die Oberflächengewässer „entlastet“. Bei diesen Überlaufereignissen gelangt durch Regenwasser verdünntes Abwasser ungereinigt in die Spree, den Landwehrkanal und weitere Abschnitte der innerstädtischen Schifffahrtskanäle, aber auch in den Unterlauf der Panke. Durch ein plötzliches Überangebot an meist leicht abbaubaren organischen Substanzen wird der im Sommer oft nur begrenzt im Gewässer verfügbare Sauerstoff schnell aufgezehrt, was zu Fischsterben und auch zu Geruchsbelästigungen führt. Im übrigen Stadtgebiet werden Regenwasser und Abwasser überwiegend in getrennten Kanalnetzen abgeleitet (Trennsystem). Während das Abwasser durch Pumpwerke zu den Klärwerken transportiert wird, gelangen über die Regenwasserkanalisation alle Schmutz- und Schadstoffe, beispielsweise Hundekot, meist ohne Vorreinigung in die Gewässer [19, UA Karte 02.09.1]. Diese Entwicklung führt zu einer zunehmenden sozialen, ökonomischen und ökologischen Belastung. Eine Möglichkeit, die beschriebenen negativen Folgen aufzufangen, besteht in der bewussten Nutzung der Wasserspeicherfähigkeit des Bodens und seiner damit zusammenhängenden potenziellen Bodenkühlleistung, indem Wasser, das im Boden gespeichert ist, gezielt zur Verdunstung bereitgestellt wird und versickern kann. Wasserspeicherfähigkeit und Wasserrückhaltevermögen wird durch die Bodenart, den Humusgehalt, das Gefüge, die Trockenrohdichte und den effektiven Porenraum definiert. Gemeinsam bieten sie die Grundlage für die Entwicklung eines Vegetationsstandortes, der über Verdunstung, Versickerung und den Abfluss am Wasserhaushalt teilnimmt und damit auch das Klima beeinflusst. Mit der Versieglung von Böden verändert sich auch der Wasserhaushalt der betroffenen Fläche grundlegend. Wie Berechnungen der Bodenkühlleistungen belegen, verdunstet ein Beispiel-Boden (Parabraunerde) zusammen mit den Pflanzen, die auf ihm wachsen, in einem Jahr circa 4.300 Kubikmeter Wasser pro Hektar. Würde diese Verdunstungsleistung und die damit erzeugte Kühlleistung mit Strom produziert werden, beliefe sich dies auf Kosten von rund 600.000 Euro. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mit der Versiegelung von 1 Hektar Parabraunerde fast 600.000 Euro an Ökosystemdienstleistungen verloren gehen [5]. Die aufgeführten Zahlen belegen, dass Investitionen in den vorsorgenden Bodenschutz (Vermeidung und/oder Reduzierung von Versiegelung) gesamtgesellschaftlich gesehen deutlich wirtschaftlicher sind als Investitionen in den nachsorgenden Bodenschutz (Entsiegelung und Wiederherstellung der Bodenfunktionen). Gesunde natürliche Böden reduzieren den oberflächennahen Abfluss von Regenwasser um bis zu 40 Prozent [4] und entlasten dadurch gleichzeitig die Kanalsysteme der Stadt. Zusammen mit Maßnahmen der Abflussminderung und -dämpfung bei gleichzeitiger Optimierung von Versickerung und Verdunstung lassen sich auch die Einträge in die Oberflächengewässer entsprechend mindern. Darum sollte die Neuversiegelung von natürlichen Böden, die einem hohen Schutzniveau unterliegen und ein hohes Maß an wertvollen Bodenfunktionen erfüllen, auf ein Minimum reduziert werden [13]. Gerade in der gezielten Begrenzung der Versiegelung liegen die Potenziale, um den zu erwartenden Belastungen der Klimaveränderung entgegenzuwirken. So sollte zum Beispiel zukünftig das anfallende Niederschlagswasser vorzugsweise im Sommerhalbjahr den regelmäßig unter Hitzestress leidenden Grünflächen gezielt zur Versickerung und Verdunstung zugeführt werden. Auch wenn typische Stadtböden im Innenstadtbereich häufig anthropogen überprägt sind, wodurch ihre Wasserspeicherfähigkeit oft eingeschränkt ist, können und sollten auch diese Böden durch eine gezielte Wiederherstellung von Bodenfunktionen, Entsiegelung, Bewässerung, Erhöhung des Humusgehaltes und/oder Lockerung verdichteter Bereiche „reanimiert“ werden. Dadurch können sie als Ökosystemdienstleister für die Produktion von Verdunstungskälte in den Stadtquartieren zurückgewonnen werden. Einhergehen muss dies in Kombination mit den vielfältigen Möglichkeiten der Regenwasserbewirtschaftung, indem Regenwasser als bewusst eingesetzte Ressource zur Dämpfung des prognostizierten 105 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Temperaturanstieges genutzt wird. Erforderlich ist dazu eine entsprechende Fachplanung in Form eines Entwässerungskonzeptes. Für das jeweilige Planungsgebiet sind daher in der Regel die folgenden Grundlagen „„die lokalen geologischen und bodenkundlichen Verhältnisse, insbesondere die Versickerungsfähigkeit des Bodens (Kf-Wert), „„die örtlichen Grundwasserverhältnisse, „„möglicherweise vorhandene Altlasten, „„die entwässerungstechnischen Kapazitäten im jeweiligen Kanalnetz der Berliner Wasserbetriebe, „„das Vorhandensein von Gewässern und deren hydraulische Aufnahmefähigkeit, „„ein möglicher Schutzstatus des Plangebiets als Natur-, Landschafts- oder Wasserschutzgebiet etc., „„der vorhandene beziehungsweise der geplante Versiegelungsgrad zu ermitteln beziehungsweise zu berücksichtigen. Aufgabe eines Entwässerungskonzeptes ist es auch, unter Berücksichtigung der oben genannten Randbedingungen die fachlich erforderlichen Maßnahmen aufzuzeigen, den für die Umsetzung erforderlichen Flächenbedarf zu benennen und darauf aufbauend, Vorschläge für die bauplanungsrechtliche Absicherung der Maßnahmen gegebenenfalls in Form von textlichen Festsetzungen über einen Bebauungsplan zu formulieren. Ziel und Zweck einer Entwässerungskonzeption besteht einerseits darin, die entwässerungstechnische Erschließung und damit die Bebaubarkeit einer Fläche abzusichern und andererseits mit gezielten Maßnahmen die Qualität der Schutzgüter Boden und Wasser langfristig bestmöglich abzusichern. Gemeinsames Ziel dieser Maßnahmen ist vor allem, den Anteil des versickernden und verdunstenden Niederschlagswassers so weit wie möglich den Werten eines unbebauten Standortes anzunähern. Derartige Maßnahmen können umso erfolgreicher wirksam werden, wenn sie möglichst frühzeitig in die Ausarbeitung von städtebaulichen Entwürfen und Konzepten integriert werden. Dazu sollten bereits im Planungsprozess grundsätzlich Standortalternativen für die Bebauung/Versiegelung auf weniger naturnahen Böden gesucht, flächenintensive Bebauungen vermieden und Verdichtungen, Vernässungen und Grundwasserabsenkungen im Rahmen von Baumaßnahmen vermieden beziehungsweise reduziert werden. Gleichzeitig sollten die vorhandenen Instrumente der Planungshinweise zum Bodenschutz mit der Umweltatlaskarte 01.13 [19] und dem „Leitbild und Maßnahmenkatalog zum vorsorgenden Bodenschutz“ [13, 18] genutzt werden. Als beispielhaft sei hier auf die Einbeziehung dieser Planungsinstrumente in den Programmplan Naturhaushalt/Umweltschutz des aktualisierten Landschaftsprogramms verwiesen [14]. Versiegelung sollte funktionsbezogen durch Entsiegelung ausgeglichen werden. Dafür steht mit der Erfassung der Entsiegelungspotenziale in der Umweltatlaskarte 01.16 [19] ein umfassendes Flächenportfolio mit über 200 Flächen zur Verfügung. Die Arbeitshilfen zur Wiederherstellung der Bodenfunktionen nach einer Entsiegelung sowie eine Excel-Eingabemaske zur Abschätzung der Entsiegelungskosten ergänzen das Projekt [10-12]. Bodenschutz und moderne Formen der Regenwasserbewirtschaftung sind eine elementare Voraussetzung für die gesunde und lebenswerte urbane Stadtlandschaft. Die gesamtstädtischen Synergien der beiden Schutzgüter mit dem Anspruch der Entwicklung Berlins zu einer klimaangepassten und umweltgerechten Stadt sind unübersehbar und sollten als Mehrwert und Chance für die Zukunft verstanden und genutzt werden. 106 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Abgeordnetenhaus Berlin (2006): Lokale Agenda 21 – Berlin zukunftsfähig gestalten [Online]. URL: http://www.parlament-berlin.de/C1257B55002AD428/vwContentbyKey/ 294DD44D59993D4FC1257BF200249C7F/$FILE/Agenda_21_web_2.pdf Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2014): „Kernindikatoren zur nachhaltigen Entwicklung Berlins – Datenbericht 2014“. [Online]. URL: https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/pdf/Nachhaltigkeit_2014_BE.pdf Gerstenberg, J. (2015): „Erstellung von Karten zur Bewertung der Bodenfunktionen: Dokumentation der Bodendatenbank Berlin einschließlich der Beschreibung der Methoden zur Ableitung von Bodenparametern, Kriterien, Bodenfunktionen und der Planungshinweise zum Bodenschutz“ im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin. [Online]. Heinrich-Böll-Stiftung, IASS, BUND und Le Monde diplomatique (2015): Bodenatlas, Daten und Fakten über Acker, Land und Erde. [Online]. URL: www.boell.de/bodenatlas LANUV-Arbeitsblatt 29: Kühlleistung von Böden – Leitfaden zur Einbindung in stadtklimatische Konzepte in NRW, Recklinghausen, 2015. 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Ein Kernproblem ist der Stress, der beispielsweise durch Lärm und Feinstaub, mangelnde Grünversorgung, Hitze und Lichtverschmutzung entsteht. Soziale Problematik (Perkins et al. 1993) und schlechte Gestaltung (Evans, McCoy 1998) verstärken die Belastungen. Der Zusammenhang von niedrigem sozialem Status und erhöhten Mehrfachbelastungen konnte nachgewiesen werden. Hinzukommen die anstehenden Klimaveränderungen, die bereits jetzt thermische Belastungen und extreme Starkregenereignisse mit sich bringen. Auf die Klimaveränderungen, die eine zusätzliche Belastung für die vulnerablen Stadtteile im Innenstadtbereich darstellen, muss nun dringend mit Nutzungsbeschränkungen und Nutzungsaufwertungen vorausplanend reagiert werden. Lärmschutz und Luftreinhaltung müssen verbessert werden. Vielfältige Maßnahmen und Kooperationen aus unterschiedlichen Fachressorts und Disziplinen werden notwendig sein, um die Lebensqualität zu steigern. Technische Universität Berlin Dr.-Ing. habil. Katharina Brichetti In diesem Beitrag stelle ich ein weiteres Handlungsfeld vor, mit dem man auf die genannten unterschiedlichen Belastungen reagieren kann und sollte: Die psychologische Dimension der Wirkungsästhetik, zu der vielfältige Erkenntnisse etwa aus Umweltpsychologie und phänomenologischer Raumforschung vorliegen, wurde bisher wenig oder auch gar nicht berücksichtigt, könnte aber helfen, städtische Mehrfachbelastungen zu mildern und zu mindern. Etablierung von Architektur und Gesundheit als Grundthema des Bauwesen und der Stadtplanung Nicht nur physiologischer sondern auch psychischer Umwelt-Stress kann sehr schädlich sein. Dabei hat die gestaltete Umwelt einen langfristigen Einfluss, dem wir uns kaum entziehen können. Leitworte wie „Architecture for Health“, „Healing Design“, „Urban Health“, „HealthyLiving“ und „Neurourbanismus“ charakterisieren eine wachsende Bewegung: für Stadträume, für Bauten und insbesondere Gesundheitsbauten, die nicht nur technisch funktional gestaltet sind, sondern auf eine Weise, dass Menschen sich in ihnen wohl fühlen und gesund bleiben. Es stellt sich die Frage: welche gestalterischen Planungen ermöglichen es, für die genannten Mehrfachbelastungen einen Ausgleich zu schaffen und zu einer besseren Stressverarbeitung beizutragen? Die Einflüsse der Stadt auf Gesundheit und Lebensqualität sind vielfältig und vieldimensional. Bis in die 1980er-Jahre hinein gab es zur psychologischen Wirkungsästhetik kaum Erkenntnisse. In Architektur und Planungsdiskursen wurde über die Wechselwirkung von Räumen und menschlichem Fühlen, Denken und Handeln wenig nachgedacht. Die Architekturpsychologie als Ableger der Umweltpsychologie steckte noch in den Kinderschuhen. Inzwischen haben sich die empirischen Forschungen im Bereich der Umwelt-Psychologie vervielfacht und vieles lässt sich wissenschaftlich analysieren. Zunehmend wird erkannt und anerkannt: physische, psychische und soziale Gesundheit werden entscheidend von Städtebau, Architektur und Innenarchitektur beeinflusst. Tausende Studien belegen nun, dass bestimmte Umgebungen, bestimmte Gestaltungsweisen dem Menschen guttun, Stress reduzieren und damit auch Heilungsprozesse fördern und beschleunigen können. Bei Menschen unter dem Einfluss verschieden gestalteter Umwelten bestimmten Forscher beispielsweise Stresslevel, Blutdruck, Herzschlag, Krankheitsrate, Arbeitsproduktivität und Schmerzmitteleinnahme, so dass nun auch messbar belegte Fakten den Zusammenhang von guter Gestaltung und Wohlbefinden belegen. Hierbei wirkt die Atmosphäre der Räume auf unser Befinden. Atmosphären sind umgreifende Stimmungen der Gesamtsituation: In einem Raum kann zum Beispiel eine entspannte und konzentrierte Atmosphäre herrschen, in einem anderen Raum eine unruhige und bedrückende Atmosphäre. Für die Wirkung von Atmosphären lassen sich Regeln formulieren. Hierbei ist es ist notwendig zu erkennen, über welche Charakteristika und Details der Gestaltung Atmosphären unser leib-seelisches Empfinden bestimmen können. Die Leib-Phänomenologie der beiden Philosophen Hermann Schmitz und Gernot Böhme hat zu einer stärkeren Beachtung des Leiblichen und Affektiven für das Raumerleben geführt (Schmitz 108 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1980, 2003, Böhme 1995). Theoretiker des „Embodied Mind“-Ansatzes entwickelten in den letzten Jahren die These, dass unser Wahrnehmen, Denken und Handeln fundamental auf unserer körperlichen Existenz beruht und aus dieser erwächst (Lakoff, Johnson 2007). Zu einer vieldimensionalen sinnlichen Wahrnehmung gehört auch wesentlich das körperliche oder leiblich-räumliche Spüren, dessen Bedeutung für das räumliche Erleben bis vor kurzem unterschätzt oder gar ignoriert wurde (Restat 1999, Mechsner & Smetacek 2008). Gerade in der Architektur gilt es, das leibliche Erleben als ästhetisches Kriterium wieder zu integrieren. Vieldimensionale leibliche Wahrnehmungen erklären, dass Räume positive Gefühle, sogar Kreativität auslösen, den Blutdruck senken und die Schmerzmitteleinnahme verringern können. Und sie erklären, warum Architektur unseren Stresslevel erheblich erhöhen kann, dass wir krank werden können, und zwar nicht nur über Bauschadstoffe und Feinstaubbelastungen, sondern auch durch schlechte Gestaltung. Im Mittelpunkt steht der Benutzer mit seinem Erleben als ein neuer Trend einer Rehumanisierung von Architektur. Beispielhaft hierfür sind Gesundheitsbauten. Heute spielt das Wissen um eine angenehme Atmosphäre und Stimmung für den Heilungsprozess von Patienten eine maßgebliche Rolle. Die Wissenschaft hat längst erkannt: Die Gesundung eines Menschen hängt stark mit seinem Wohlbefinden zusammen. Solche Erkenntnisse der Psychologie, Neurowissenschaft und Raumphänomenologie bilden die Grundlage, „auf denen die Auswirkungen von Emotionen auf Krankheit in Betracht zu ziehen sind“ (Sternberg 2011: 240). Das Thema Architektur und Gesundheit sollte allerdings nicht nur als spezieller Aspekt bei Krankenhausbauten berücksichtigt werden, sondern als ein generell wichtiges Thema bei allen Gebäudearten ernster genommen werden. Eine gesundheitsorientierte Raumplanung beginnt nun sich als ein Grundthema des Bauwesens und der Stadtplanung zu etablieren. Diese Handlungsfelder könnten die Wohnquartiere stabilisieren und die Lebensqualität und gesundheitliche Lage verbessern. Planen und Bauen mit interdisziplinären Erkenntnissen Architekten, Designer, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner arbeiten heute noch zu wenig mit solchen interdisziplinären Erkenntnissen, die helfen könnten, Gerechtigkeit in Bezug auf Umweltqualität und Gesundheit zu fördern. Die Vermittlung und Zusammenfassung von interdisziplinären Erkenntnissen ist entscheidend für die Planung einer gesunden Umwelt. Strategien für einen stressreduzierenden Stadtraum zur Erhöhung der Lebensqualität Eine Konzentration mehrfachbelasteter Räume im Innenstadtbereich und im erweiterten Stadtbereich Berlins ist anhand der der sozialraumbezogenen Umweltbelastungsanalyse deutlich geworden. Fatalerweise werden ein notwendiger Wohnungsneubau und Nachverdichtungen in diesen Bereichen zu einem noch weiteren Rückbau von Grün- und Brachflächen führen und die Umweltbelastungen in den schon ausgewiesenen vulnerablen Gebieten verschärfen. Es entsteht so ein Zielkonflikt, wenn man bei dem angedachten Grünflächenausgleich bleibt. Um dennoch sowohl Nachverdichtung als auch Begrünung im innerstädtischen Bereich zu erreichen, müssen neue Strategien entwickelt werden, die weniger quantitativ, sondern eher qualitativ ausgerichtet sind. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Gärten, Parks, grüne Dachterrassen, begrünte Innenhöfe und vertikale Gärten, verstärkte Gestaltung der Uferläufe. Mit biophilem Design kann auf vielfältige Weise eine Verbindung zur Natur hergestellt werden. Um neue qualitativ hochwertige Grünzonen zu schaffen, könnten Beiträge als Ausgleichszahlungen eingenommen und Förderprogramme entwickelt werden. In Hamburg wird zum Beispiel seit einigen Jahren das Programm „Qualitätsoffensive Freiraum“ erfolgreich angewendet: Neue Wohnungsbauvorhaben werden immer mit einer Aufwertung von Freiräumen im Quartier kombiniert. Mit diesem Programm werden Restgrünflächen zu qualitativ besser nutzbaren Flächen und führen damit zu einem „grünen Mehrwert“ für alle. Auch mit dem Programm „Dachbegrünungsstrategie“ in Hamburg werden Neubauprojekte verpflichtet, ihre Dächer zu begrünen. Durch die extreme Verdichtung in Berlins Innenstadtbereich ist es sinnvoll, dass die Konzepte im Quartier abgestimmt werden, um die Planungen besser in den Quartierzusammenhang zu stellen. 109 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Grün ist nicht nur ästhetisch angenehm, sondern auch basal wichtig für die Gesundheit. Grün kann Mehrfachbelastungen abfedern und vermindern. „„Grünzonen filtern Schadstoffe in der Luft, reduzieren Hitze und wirken gleichzeitig stressabbauend: Ein direkter Kontakt mit Natur sowie Ausblicke in die Natur wirken erholsam (Hartig & Evens 1993, Kaplan & Kaplan 1989, Ulrich 1993). „„Indem Natur wesentlich zur ästhetischen Aufwertung beiträgt (Sheets, Manzer 1991), mildert sie Stress, der durch schlechte Gestaltung entsteht. Eine wesentliche Ursache des ästhetischen Reizes von Bäumen ist, dass sie Monotonie und Massigkeit verringern, zugleich die Komplexität erhöhen und ein menschliches Maß in gebaute Umwelten bringen können (Wohlwill 1993, Stamps 2000). „„Die Nähe zu einem Park kann den Einfluss von sozialer Benachteiligung auf die psychische Gesundheit abmildern (Mitchell et al 2015). Soziale Benachteiligung ist nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern auch für die unmittelbare Nachbarschaft. Denn „den deutlichsten Einfluss auf die psychische Gesundheit hatte die Armut in der unmittelbaren Nachbarschaft“ (Adli 2017: 255). „„Eine weitere Studie mit erstaunlichen Ergebnissen fand heraus, dass es eine Beziehung zwischen Baumabdeckung und Verbrechenshäufigkeit in den Nachbarschaften gebe. Eine nur zehnprozentige Erhöhung der Baumbedeckung führe zu 11,8 Prozent Abnahme der Kriminalitätsrate (Troy et al. 2012). Fazit: Grün reduziert die unterschiedlichsten Arten von Belastungen. Nicht nur werden Luftschadstoffe, Lärm und Hitzebelastungen reduziert. Sogar die soziale Problematik kann verändert und verbessert werden. Da sich die hochbelasteten PLR in den Räumen mit hoher sozialer Problematik befinden, ist dieser positive Aspekt der Reduzierung von sozialer Problematik nicht unerheblich. Zusätzlich bewirkt es: Wir leben gesünder, sind glücklicher, stressresistenter, produktiver und kreativer. Kein Wunder, dass wir uns dann auch entspannter und zu Hause fühlen, wenn wir uns in einer grünen Umgebung befinden. All das zeigt, wie wichtig es ist, Städte grüner werden zu lassen. Der extrem belastete Alexanderplatz Das Areal um den Alexanderplatz ist mehrfach belastet. Hinzukommen noch eine soziale Problematik und eine extrem hohe Kriminalitätsrate, die Zeichen einer nicht funktionierenden Umwelt sind. „Verwahrloste Umwelten senden die Botschaft aus, dass es niemanden gibt, der sich für die Erhaltung verantwortlich fühlt. Solche Umwelten wirken aufgegeben, sich selbst überlassen und ohne Kontrolle durch andere“ (Perkins et al. 1993, Antje Flade 2008: 151). Um die hohe Dichte an kriminellen Delikten zu mindern, wurde Ende 2017 eine Polizeiwache mit 24-stündiger Beamtenpräsenz mitten auf den Alexanderplatz errichtet. Abzusehen ist, dass die geplanten Hochhausbauten und weiteren Nachverdichtungen die negative Dynamik dieser vielfachen Mehrfachbelastungen in diesem Planungsgebiet noch weiter potenzieren werden. Eine Begrünung des Alexanderplatzes könnte dazu beitragen, die Mehrfach-Belastungen zu reduzieren und die Lebensqualität an diesem Platz zu stärken. Trotz Nachverdichtung und geplanter Hochhausbebauung ist bisher weder eine Begrünung des Alexanderplatzes noch der Dächer der neu zu planenden Häuser vorgesehen. Planung von Ruhezonen und von kühlenden Orten in stark belasteten Gebieten Stadtraumgestaltung, Architektur und Design können gezielt eingesetzt werden, um innerstädtischen Mehrfachbelastungen entgegenzuwirken. Im innerstädtischen Bereich könnten kleine Areale wie Innenhöfe, Restflächen, Abstandsgrün, Schulhöfe, Privatgärten zu erholsamen und auch im Sommer kühlen Ruhezonen umgestaltet werden. Sie bilden Schutzräume gegen Überstimulierung und Überreizung. Während die gebaute Umwelt Stress erzeugen kann, reduziert diese Form der Gestaltung Stress und kognitive Müdigkeit. Erholsame Designelemente laden zum Rückzug ein und stellen oft einen Bezug zur Natur her (Evans, McCoy, 1998: 91). Private Rückzugsräume wie kleine Gärten, begrünte Dachterrassen und Innenhöfe ermöglichen, die Form der urbanen Dichte in Städten zu mindern. Verschiedene gestalterische Mittel für erholsames Design sind die Naturumgebung, der Blick in die Natur, offene Weite, ein indirekter Bezug zur Natur über Brunnen, Geräusche und Materialien. Auch die gestalterische Absonderung von Gebäuden mittels Schwellen, welche die Rückzugsräume einleiten sowie visuelle und akustische Ruhezonen bilden, laden zur Erholung ein. In Stadträumen sollte es Gelegenheiten für ruhige Rückzugsorte geben, um allein zu 110 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 sein und sich von Reizüberflutung oder täglichen Routinen zu erholen. Entschleunigte RuheOrte können dem „Kernproblem“ Stress entgegenwirken und das erlebte schnelle Tempo unserer Zeit drosseln. Aktivierung neuer Flächenpotenziale durch Lokalisierung von Nicht-Orten Das quantitative Vorhandensein von Grünanlagen oder Spielplätzen oder nur einfach großen Plätzen reicht hierbei nicht aus. Erreichbarkeit, Zugänglichkeit, Nutzungs- und Gestaltqualitäten sowie nicht zuletzt die erlebte Atmosphäre bestimmen die Freiraumqualität. Die Menschen müssen Grünanlagen annehmen und sich aneignen, damit diese ihre gesundheitsfördernde Wirkung entfalten können. Manche Plätze sind aber alles andere als einladend. Besonders unangenehm wirken verlassene Orte, „lost spaces“, deren Kennzeichen eigentlich vitale lebendige soziale Aktivitäten sind und die nun nicht mehr funktionieren wie aufgegebene verwahrloste Kinderspielplätze, zubetonierte Schulhöfe oder Abstandsgrünflächen. Diese Leere in eigentlich urbanem Umfeld zeigt auf, dass hier etwas nicht stimmig ist. Der Phänomenologe Jürgen Hasse spricht hier von öden Orten. „Öde sind von Menschen verlassene Orte“ (Hasse 2017: 166). Das Ausbleiben von Lebendigkeit an urbanen Orten erzeugt eine Atmosphäre der Verlorenheit, oft verbunden mit einer beklemmenden Stille. Hochhausareale mit halböffentlichen Plätzen, die als verkommene Restflächen – sogenannte negative Räume – bleiben, strahlen meist genau diese unangenehme Atmosphäre der Öde, des Unlebendigen aus. Tatsächlich belegen auch hier Studien, dass sehr schlechte Affordanzeigenschaften dazu führen, dass die Menschen sich frustriert, verärgert und sogar hoffnungslos oder feindselig fühlen (Norman 1989). Die Grundidee der Affordanz ist, dass wir Gegenstände und Umwelteigenschaften nicht als neutral und gleichgültig wahrnehmen, sondern im Lichte von Handlungs- und für uns wichtigen Ereignismöglichkeiten. Das heißt: Ein affordanzgerechter Platz sollte zum Beispiel geschützte Sitzmöglichkeiten und erholsame Designelemente bieten. Die Lokalisierung von Nicht-Orten in Berlin und eine Aufwertung dieser Orte wäre eine wichtige verdienstvolle Aufgabe. Gute einladende Gestaltung ist immer ein Zeichen von Lebensqualität und gelungener Urbanität. Planung mit Konzepten eines „Active Design“ Unter dem Begriff „Active Design“ werden Möglichkeiten angeboten, um Menschen im Alltag zu mehr Bewegung anzuregen und damit die Gesundheit zu fördern. Es gibt zu viele Orte, die einen eher verleiten, das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel zu nehmen statt zu gehen oder Fahrrad zu fahren: lange laute verkehrsreiche Straßenzüge mit gleichförmiger Bauweise, Straßen, die in Sackgassen enden, fehlende Bürgersteige, ein Mangel an vitalen urbanen Plätzen. Stattdessen fördert das „Active Design“ die Bewegung mit dem Ausbau von Radwegen, mit breiten und abwechslungsreichen Bürgersteigen. Je spannendere und interessante Dinge zu sehen und zu tun sind, desto mehr Menschen gehen zu Fuß. Ansprechende historische Viertel mit vielen kleinen Geschäften haben eine hohe Attraktivität und regen zum Gehen an. Förderung der Entwicklung neuer Architekturtypologien Da in Berlin auch weiterhin gebaut werden wird, ließen sich neue Gebäude-Typologien entwickeln, welche die Mehrfachbelastungen wie Lärm, Hitze, Dichte, mangelndes Grün von vornherein reduzieren. Diese Bautypologien sollen vor allem über die Gestaltung Stressoren mindern und damit über die gängigen technischen Mittel der Schallschutzfenster und Wärmeisolation hinausgehen. Dichte wird in Wohnungsbauten unterschiedlich wahrgenommen. Schon bei gesunden Menschen sind Kontrolle und Privatheit ganz entscheidend für das Wohlbefinden und Stresserleben. Unterschiedliche räumliche Intimitätshierarchien für soziale Aktivität wie aber auch privaten Rückzug sind entscheidend, um die soziale Dichte als auch sozialen Stress zu mindern. Private Rückzugräume können beispielsweise einige der negativen Auswirkungen von Wohn-Crowding und Lärm puffern (Wachs & Gruen, 1982). Fazit Gebiete mit Mehrfachbelastungen können durch gestalterische Maßnahmen qualitativ aufgewertet und entlastet werden. Grün- und Erholungszonen sind für die Entlastung Berlins unabdingbar. Doch es müssen auch neue Strategien entwickelt werden, die weniger quantitativ, sondern eher qualitativ ausgerichtet sind. Die Lokalisierung und Aufwertung von 111 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Nicht-Orten und die Aktivierung neuer Flächenpotenziale wären Möglichkeiten um mehr Freiraumqualitäten zu erzeugen. Hierzu gehört ein integriertes Verständnis von urbanen Freiräumen als wertvollen Erholungsarealen, Naturräumen, Bewegungsräumen und kommunikativen sozialen Räumen. Ebenso können mit der Entwicklung neuer Bautypologien Mehrfachbelastungen aus Lärm, Hitze, Dichte, mangelndem Grün und so weiter von vornherein reduziert werden. Hierbei kann das Wissen der Wirkungsästhetik, der Umweltpsychologie und der phänomenologischen Raumforschung um stressvermeidende und entstressende Faktoren Berücksichtigung finden: bei der Planung in den mehrfachbelasteten PLR im Flächennutzungsplan, Bebauungsplanung bis hin zum konkreten Baugenehmigungsverfahren. Negative Folgen einer baulichen Benachteiligung lassen sich so schon im Vorfeld verhindern oder zumindest stark reduzieren. Literatur Adli M. (2017): Stress and the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem für uns gut sind. München. Böhme G. (1995): Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. Frankfurt am Main. Cohen-Cline H., Turkheimer E., Duncan G. E. (2015): Research report. Access to green space, physical activity and mental health. A twin study. In Journal of Epidemiology and Community Health, 69, 523-529. Evans G. W., McCoy J. M. (1998): When buildings don‘t work. The role of architecture in human health. 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In den hochverdichteten Städten sind immer mehr Menschen potenziellen Risikofaktoren der urbanen sozialen Umwelt ausgesetzt. Die hieraus resultierende Stressexposition wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit der Stadtbewohner aus (Gruebner et al., 2017). Dies sind vor allem die Emissions- und Immissionssituation, die bioklimatischen Bedingungen, die Belastungen durch den motorisierten Straßenverkehr, die bauliche Umwelt, Defizite im Hinblick auf die Ausstattung mit grüner Infrastruktur sowie sozial desorganisierte Stadtteile und Armut. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Verarbeitung von Stress und Emotionen im Gehirn durch das Stadtleben beeinflusst wird. Über die spezifischen Wechselwirkungen zwischen der (städte)baulichen Struktur, den Umweltbedingungen in den Stadträumen sowie den dadurch induzierten Verhaltensmustern und den psychischen Belastungen liegen jedoch bislang wenig gesicherte epidemiologische Erkenntnisse vor (Gruebner et al., 2017). Urbanität wird vor allem durch die städtische Kultur, die Gesamtheit von Gewohnheiten, Traditionen und Einstellungen geprägt. Merkmale dieser städtischen Lebensweise sind Größe, Dichte und Heterogenität der städtischen Bevölkerung. Städte bieten zwar viele Vorteile wie einen verbesserten Zugang zur Gesundheitsversorgung und anderen Ressourcen, dennoch sind die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit eher negativ (Zukunftisinstitut, 2011). Mit den Themenfeldern Urbanität und psychische Erkrankungen befassen sich vor allem die „Umweltpsychologie“ sowie der neue Forschungszweig „Neurourbanistik“. Die stark interdisziplinär ausgerichtete Umweltpsychologie setzt sich im weitesten Sinn mit den Umweltfaktoren und Umwelteinflüssen sowie den Wechselwirkungen auf die menschliche Psyche auseinander (Umweltbundesamt, 2017). Umweltpsychologische Beiträge, die sich mit dem Themenfeld „Urbanisierung“ befassen, gehen in der Regel von zwei unterschiedlichen Ansätzen aus: Beschreibung und Analyse der aktuellen Situation oder die Bereitstellung von Wissen im Hinblick auf Lösungen und Möglichkeiten zur Gestaltung von Veränderungsprozessen (Jaeger-Erben & Mathies, 2014). Die Neurourbanistik verfolgt das Ziel, durch ein umfassenderes Wissen über die Wechselwirkungen der Umwelt und die Ausprägungen psychischer Störungen neue Ansatzpunkte zur Verbesserung der urbanen Lebensund Wohnumfeldbedingungen zu finden. Neurowissenschaftler und Psychiater arbeiten hier eng mit Vertretern der planenden Fachbereiche wie Architekten, Stadtplanern, Geografen und Sozialwissenschaftlern zusammen. Im Vordergrund steht das Ziel, ein besseres Verständnis davon zu gewinnen, welche Faktoren Stadtstress bewirken und wo gesundheitsfördernde Aspekte des Stadtlebens zu finden sind (Adli, 2017). Umweltstress und psychische Gesundheit in belasteten Stadträumen Chronischer Stress entwickelt sich zunehmend zu einem globalen Risikofaktor, der durch eine Vielzahl von Krankheiten und Todesursachen auch das Gesundheitssystem stark belastet (WHO, 2008). Gesundheit und Stress stehen in engem Zusammenhang. Stress versteht sich als eine natürliche adaptive Reaktion auf außergewöhnliche Belastungen. Ziel ist hierbei der Schutz der Unversehrtheit. Es lassen sich zwei unterschiedliche psychophysiologische Reaktionsmuster unterscheiden: Interpretiert der Mensch eine Situation als eine Bedrohung der Status-Kontrolle, reagiert der Organismus mit einer Fight-/Flight-Reaktion. Durch die Freisetzung von Stresshormonen kommt es zu einem Erregungszustand, der neue Energieressourcen freisetzt. Erlebt ein Mensch jedoch in langanhaltenden Stresssituationen einen Kontrollverlust, führt dies zu einer Niederlagereaktion. Diese geht mit einer dauerhaften Erhöhung des Cortisol-Spiegels, der die Immunreaktion hemmt, einher. Bei 113 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 chronischem Stress sind die Stressoren von Dauer wie bei Anwohnern lauter Straßen oder Flugplätzen. Stehen bei chronischem Stress keine adäquaten Bewältigungsressourcen und Bewältigungsoptionen zur Verfügung, kann sich der Stress in unterschiedlichen psychischen und physischen Krankheitsbildern manifestieren (Hellbrück & Kals, 2012; Butcher, Mineka & Hooley, 2009). Faktoren, die zu einer erhöhten Stressexposition beitragen, werden von Gruebner et al. (2017) wie folgt zusammengefasst: „„höhere Verschmutzungsraten zum Beispiel von Luft und Wasser „„Lärmbelästigung, unter anderem durch den Verkehr „„städtebauliche Besonderheiten wie hohe Gebäude, die als bedrückend empfunden werden „„körperliche Bedrohungen etwa durch Unfälle oder Gewalt „„das gehäufte Auftreten eines niedrigen sozioökonomischen Status (SES) (zum Beispiel Bildungsniveau, Einkommen) „„ein niedriges Sozialkapital (beispielsweise im Hinblick auf soziale Unterstützung und soziale Wirksamkeit) „„soziale Segregation (zum Beispiel bezogen auf die wahrgenommene Zugehörigkeit zu einer bestimmten Minderheit oder ethnischen Gruppe) Die krankmachenden Effekte des Stadtstresses liegen vor allem in der Gleichzeitigkeit von sozialer Dichte, sozialer Isolation und dem Gefühl einer unkontrollierbaren Umgebung (Adli, 2017). Das Krankheitsrisiko für einige bedeutsame psychische Erkrankungen, wie beispielsweise Angst, psychotische, affektive oder Suchterkrankungen, ist in Städten generell höher. Gleiches gilt auch für psychotische Störungen wie beispielsweise Schizophrenie. Dies belegen Untersuchungen in deutschen Ballungsräumen. Es zeigte sich, dass das Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, mehr als doppelt so hoch war für Personen, die ihre ersten 15 Lebensjahre in einer Großstadt gelebt hatten. Gleiches trifft auf affektive Erkrankungen zu, die bei der Bevölkerung in großen Städten deutlich häufiger vorkamen (Gruebner et al., 2017). So erhöht sich das Risiko, an einer Depression zu erkranken, massiv im dichten zwischenmenschlichen Gefüge von Städten (Adli, 2017). Studien des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit zeigten im Jahr 2011, dass bei Stadtbewohnern Angststörungen um 21 Prozent und Depressionen um 39 Prozent häufiger im Vergleich zu Landbewohnern auftraten. Darüber hinaus ist die Erkrankungshäufigkeit für Schizophrenie bei Menschen, die in der Stadt geboren und aufgewachsen sind, doppelt so hoch. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass sich die Hirnstruktur von Menschen, die in belasteten Städten leben und dabei sozialem Stress ausgesetzt sind, verändern kann. Die Testbefunde deuten darauf hin, dass die sogenannte Amygdala, das Angstzentrum im limbischen System, umso aktiver war, je größer die Stadt ist, in welcher der Proband wohnte. Die Hirnregion Amygdala steht im Zusammenhang mit Depressionen und Angsterkrankungen (Zentralinstitut für seelische Gesundheit, 2011). Insbesondere das Leben in sozial benachteiligten Quartieren ist mit einem höheren Risiko für psychische Erkrankungen verbunden. Zudem besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der psychischen Belastung und der Armut in der Nachbarschaft. Ein Anstieg der Anzahl der Einwohner in einem Quartier, die arbeitslos sind und Sozialleistungen erhalten, führte zu einem deutlich höheren Anstieg psychischer Belastungen (Gruebner et al., 2017). Neben den klassischen gesundheitsrelevanten Umweltstressoren wird auch die angespannte Wohnungssituation in den von Zuwanderung geprägten Großstädten zu einem spürbaren Stressor. Das Zusammenwirken unterschiedlicher Stressoren und das Potenzial natürlicher Ressourcen für die psychische Gesundheit wurde von Honold (2013) wissenschaftlich in acht Berliner gründerzeitlichen Wohnblöcken untersucht. Im Vordergrund stand die subjektive Wahrnehmung und Bewertung zahlreicher Umweltfaktoren durch befragte Probanden sowie der Einfluss der unmittelbaren Wohnumgebung auf die psychische Gesundheit. Als Ergebnis wurden Verkehrslärm, Luftverschmutzung, Müll und Schmutz im öffentlichen Raum, Kälte während der Wintermonate und unangenehme Gerüche am negativsten wahrgenommen (Honold, 2013). In einer weiteren Studie zeigte sich, dass die Bewohner hochbelasteter Wohnviertel die Umweltfaktoren negativer wahrnahmen. Darüber hinaus zeigten sich signifikante Unterschiede im Hinblick auf die Zufriedenheit mit der Wohnumgebung. Die Bewohner verhielten sich zudem gesundheitsschädlicher als in den geringer 114 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 belasteten Vierteln. Honold postuliert einen Zusammenhang zwischen wahrgenommener Luftverschmutzung und subjektiver Gesundheit. Ihre Ergebnisse zeigten, dass Menschen, die sich durch Luftverschmutzung beeinträchtigt fühlten, höhere Cortisol-Werte aufwiesen. Die Wahrnehmung und Bewertung der Luftverunreinigungen korrelierte in den hochbelasteten Wohnblöcken höher mit Lebenszufriedenheit, Depressivität und Ängstlichkeit als in den gering belasteten Bereichen. Neben gesundheitsbezogenen Faktoren wurde auch das Sozialklima der Nachbarschaft größtenteils negativer bewertet als in den geringer belasteten Wohnblöcken (Honold, 2013). Aus dieser Arbeit ergeben sich Implikationen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Dies betrifft insbesondere das Vorhandensein sowie die Möglichkeit zur Nutzung von Grün- und Freiflächen sowie wohnungsnaher Erholungsgebiete im städtischen Raum. Diese werden nach Honold neben geringeren Cortisol-Werten mit einer höheren Lebenszufriedenheit in Verbindung gebracht. Die Annahmen von Honold werden durch die Ergebnisse einer Befragung, die an der TU Darmstadt durchgeführt wurde, untersetzt. Hohe Lärmbelastung und hohes Verkehrsaufkommen sowie fehlende Vegetation werden als stressverursachend angesehen (Knöll et al., 2014). Vor allem Kinder reagieren hierauf besonders empfindlich, da chronischer Stress durch Dauerlärm schlechter kompensiert werden kann als bei Erwachsenen. Dauerhafter Stresseinfluss während der Kindheit verändert zudem die Stressempfindlichkeit des Gehirns, vor allem die neuralen Netzwerke. Kinder, die in einem belasteten städtischen Umfeld aufwachsen, haben im Erwachsenenalter ein circa zwei- bis dreimal höheres Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken als Kinder, die auf dem Land groß geworden sind (Adli, 2017). Strategien und Instrumente für eine bessere psychische Gesundheit der Stadtbevölkerung „Eine gesunde Stadt ist nicht unbedingt eine Stadt, die bestimmtes gesundheitliches Niveau erreicht hat. Sie ist vielmehr eine Stadt, die Gesundheit zu ihrem Anliegen macht und zu verbessern sucht.“ (WHO, 1992) Doch wie können gemeinsame, interdisziplinäre und auch ressortübergreifende Ansatzpunkte gefunden werden, um dem zunehmenden urbanen Stress wirksam zu begegnen? Wie kann das Themenfeld Stadtstress für die planerische Umsetzung aufbereitet, messbar gemacht, spezielle Risikogruppen erkannt und die Wahrnehmung verbessert werden? Wie können die Ergebnisse und Befunde administrativ und praxistauglich so zur Verfügung gestellt werden, dass die Erkenntnisse von den planenden Fachverwaltungen aufgenommen und umgesetzt werden können? Untersuchungen von Elizabeth Burton (2013) belegen, dass nicht die bauliche Dichte die Ursache für eine höhere Stressbelastung ist, sondern die Form der urbanen Dichte. Deshalb müssen Stadträume so konzipiert werden, dass neben sozialer Interaktion auch ein privater Rückzug ermöglicht wird. Die Robert Wood Johnson Foundation (2009) definiert hierzu fünf wichtige Aspekte, um die städtebauliche Qualität der Räume zu erhöhen: Bildhaftigkeit, um Aufmerksamkeit zu erregen, Raumgrenzen zur visuellen Orientierung, Bauweise im menschlichen Maßstab, Transparenz und Komplexität (ZI, 2011). Grünbereiche haben in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung und gelten als der wichtigste Gesundheitsbeitrag, um Stress zu reduzieren. Die bisherigen Forschungsergebnisse belegen, dass der Aufenthalt in naturnahen Grünräumen positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die Stressreduktion sowie die Wiederherstellung der mentalen Leistungsfähigkeit hat (Eder et al., 2016). Zudem nimmt das subjektive Wohlbefinden mit dem Grad der Natürlichkeit und auch mit der Biodiversität zum Beispiel von Pflanzen und Vögeln zu. Jugendliche nahmen in naturnaher Umgebung eine Reduzierung des subjektiv empfundenen Stresses wahr (Eder et al., 2016). Einen engen Zusammenhang zwischen räumlichen und sozialen Aspekten belegen auch die Studien zur „Wakability“. Möglichkeiten, die lebens- beziehungsweise alltagsrelevanten Bereiche zu Fuß zu erreichen, stärken das Sozialkapital und erhöhen die Lebensqualität (Jaeger-Erben & Matthies, 2014). Vor dem Hintergrund der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption ist die Förderung des Fußgänger- und Radverkehrs, der Abbau von Gefahren in Verkehrsräumen sowie die Reduzierung der verkehrsbedingten Lärm- und Luftbelastung ein wichtiger Beitrag, um das Wohlbefinden und die Lebensqualität in den Wohnquartieren zu steigern (Böhme et al., 2016). 115 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung sollte sich durch eine kooperative Beteiligungskultur wieder stärker am Gemeinwohl der Bewohner orientieren. Als ein wichtiger und zugleich identitätsstiftender Aspekt wird die Möglichkeit gesehen, sich die Stadt und ihr Angebot anzueignen beziehungsweise verfügbar zu machen. Projekte haben eine deutlich größere Wirkung, wenn die Zielgruppen beziehungsweise Betroffenen aktiv in die städtebaulichen Planungsprozesse eingebunden sind und zu Beteiligten werden. Begegnungen zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit der gleichen Zielsetzung werden hierdurch ermöglicht (Fabian, 2016). Wie Aneignungs- und Partizipationsbereitschaft umgesetzt werden kann, zeigt beispielsweise ein interdisziplinäres Projekt in Dortmund im Stadtteil Westerfilde/Bodelschwingh. Das Quartier wurde zu einem urbanen Reallabor, um erweiterte Partizipations- und Handlungsansätze zu erproben. Neben umfangreichen psychologischen Erhebungen von „Empowermentstrukturen“ haben repräsentative Befragungen zu Verhaltensweisen vor und nach der Intervention herausragende Bedeutung, um Nachhaltigkeit und Lebensqualität im Stadtteil zu messen (Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, 2016). Wie die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Menschen kartiert werden können, zeigt ein umweltpsychologisch ausgerichtetes Projekt in New York, Berlin und Mumbai, das vom BMW Guggenheim Lab auf den Weg gebracht wurde. Testpersonen wurden mit Smartphone, GPS und Körpersensoren durch unterschiedliche Stadtteile geschickt und der Hautleitwiderstand als physiologischer Parameter erfasst. Das Anspannungs- und Stresslevel wurde anschließend der jeweiligen GPS-Position zugeordnet (Knöll et al., 2014). Da die Akteure aus dem Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens/Public Heath sowie die Experten der (stadt)räumlichen Planung unterschiedliche fachbezogene Perspektiven haben, ist es entscheidend, dass die unterschiedlichen Disziplinen Architektur, Stadtplanung, Medizin und Neurowissenschaften sowie Psychologie hier künftig enger zusammenarbeiten, um fundierter ein fachlich-inhaltliches Verständnis für die anderen Fachdisziplinen zu entwickeln. Es müssen Lösungen gefunden werden, um die gesundheitsrelevanten Aspekte von Stadtstress kartografisch darzustellen. Als raumbezogene Arbeits- und Entscheidungsgrundlage könnte eine gesundheitsorientierte Stadtkarte entwickelt werden, die durch weitere fachliche Entwicklungsschritte zu den Aspekten Umweltstress, Umweltrisiken und stressmindernde Gesundheitsressourcen kontinuierlich erweitert werden kann. Perspektiven Das gesundheitsorientierte Berliner Konzept der Umweltgerechtigkeit diskutiert die sozial ungleichen Verhältnisse von Umweltbelastungen und die damit zusammenhängenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die Ergebnisse der kleinräumigen Umweltbelastungsanalysen verdeutlichen, welche Gebiete in der Stadt aus stadtentwicklungs- und umweltplanerischer Sicht sowie im Hinblick auf den umweltbezogenen Gesundheitsschutz eine besondere Aufmerksamkeit brauchen (Klimeczek, 2014). Aussagen zur regionalen Verteilung psychischer Krankheiten fehlen jedoch bislang. Die Einbeziehung des Themenfelds „Psychische Gesundheit und Stadtraum“ können in diesem Zusammenhang einen substanziellen Beitrag zur Herstellung von mehr Verteilungs- und Verfahrensgerechtigkeit sein und zu gesünderen Stadtquartieren beitragen. Die neue Disziplin „Neurourbanismus“, vor allem der interdisziplinären Austausch zwischen Architekten, Stadtplanern, Geografen, Ärzten und Psychologen, kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Fachübergreifende Forschungsansätze, welche die Erkenntnisse der Neurowissenschaften, der Medizin, der Psychologie, der Stadtplanung sowie der Architektur zusammenbringt, sind geeignet, die gesundheitliche Fundierung des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes mit neuen innovativen Aspekten zu untersetzen. Mit Blick auf den quartiersbezogenen Ansatz könnte eine Kartierung der regionalen Verteilung psychischer Erkrankungen auch bei der Umsetzung gesundheitsfördernder Konzepte und Maßnahmen einen wichtigen Beitrag leisten. Hierzu besteht weiterer Forschungsbedarf. Aus der psychologischen Perspektive sind vor allem Längsschnittuntersuchungen notwendig, um Erkenntnisse zu Einflussfaktoren und kausalen Zusammenhängen zu erhalten. Im Jahre 2005 prägte die erste Ministerkonferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Satz: „Es gibt keine Gesundheit ohne seelische Gesundheit.“ Vor diesem Hintergrund sollten methodisch abgesicherte Prognosen und fundierte Ermittlungen von umweltbezogenen Gesundheitsrisiken und psychische Erkranken in eine gesundheitsfördernde Stadt- und Umweltplanung integriert werden. Die 116 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 wissenschaftlichen Erkenntnisse der neuen Forschungsdisziplin der „Neurourbanistik“ können künftig dazu beitragen, neue Impulse für eine zukunftsgerichtete und nachhaltige Stadtplanung zu geben. Die Stadtplaner und planenden Fachverwaltungen können die Auswirkungen ihrer Konzepte und Strategien auf die Gesundheit und das psychische Wohlbefinden besser einschätzen und entsprechend vorbeugen. Dies ist gleichzeitig ein weiterer wichtiger Aspekt um mehr Umweltgerechtigkeit in den Städten zu schaffen und die Umsetzung von gesunden Stadtquartieren voranzubringen. Literatur Adli, M. (2017). Stress and the City, Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind. Bertelsmann Verlag, München. Adli, M., Berger, M., Brakemeier, E.-L., Engel, I., Fingerhut, J., Hehl, R., Heinz, A., Mayer, H.-J., Matussek, T., Mehran, N., Tolaas, S., Walter, H., Weiland, U., Stollmann, J. (2016). Neurourbanistik – ein methodischer Schulterschluss zwischen Stadtplanung und Neurowissenschaften. Die Psychiatrie, 13 (2), 70-78. Böhme, C., Bunge, C., Preuß, T. (2016). 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Die Wirkungen solcher Extremereignisse sind wiederum räumlich und auch gesellschaftlich differenziert und damit direkt durch städtische Dynamiken beeinflusst und beeinflussbar. Freie Universität Berlin, Katastrophenforschungsstelle (KFS) Prof. Dr. Martin Voss, Jessica Reiter Das Risiko, dass außergewöhnliche Umweltbedingungen wie Extremtemperaturen zu katastrophalen Auswirkungen führen, hängt vor allem von zwei bestimmenden Faktoren ab, die nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können: zum einen von der Intensität und dem Ausmaß der Belastungen (Gefahr beziehungsweise „Hazard“), zum anderen von der Anfälligkeit und Bewältigungsfähigkeit der betroffenen Regionen beziehungsweise Bevölkerungen (Vulnerabilität/Resilienz). Heute stehen die Analyse des Einflusses menschlicher Verhaltensweisen und Dynamiken auf die Entstehung oder Verschärfung von Risiken und somit die gesellschaftspolitischen Gestaltungsmöglichkeiten zunehmend im Fokus von Risikobewertungen. In diesem Kontext stehen auch Analysen der Umweltgerechtigkeit, die auf eine negative Verstärkung der beiden bestimmenden Faktoren Gefahr und Vulnerabilität hinweisen: Umweltbedingte Mehrfachbelastungen und die damit verbundene gesteigerte Frequenz und erhöhte Intensität der Gefährdung manifestieren sich nicht gleichverteilt über den gesamten Stadtraum, sondern besonders in durch stadtentwicklungsplanerische Prozesse entstandenen physischen Gefährdungsräumen, welche vor allem durch ein Wohnumfeld mit dichter Bebauung, einfacher Wohnlage und geringem Grünflächenanteil charakterisiert sind. Wenn in jenen physisch besonders gefährdeten Orten dann beispielsweise auch noch die Wohnkosten niedrig sind (was gerade auch aufgrund der Gefährdung häufig der Fall ist), kann dies infolge von Segregationsprozessen zu einer Konzentration einkommensschwächerer Bürgerinnen und Bürger führen, die in der Regel als besonders verletzlich gelten. Mittel- und langfristig führt diese Konzentration von Menschen mit einer unterdurchschnittlichen Ausstattung an finanziellen Mitteln dazu, dass der Wohnraum weiter degradiert und damit die Gefährdung und die Vulnerabilität tendenziell weiter steigen, denn Menschen mit einer geringeren Ressourcenausstattung investieren ihre knappen Mittel primär in die Bewältigung ihrer Alltagsbedarfe (Lorenz 2010) statt in Klimaanlagen, Erholungsaufenthalte im Grünen außerhalb der Stadt oder Gesundheitsprävention. Sie verfügen im gesellschaftlichen Durchschnitt über verhältnismäßig geringere Möglichkeiten, ihre Gefährdungssituation gegenüber potenziellen Katastrophen nachhaltig zu verbessern. Zum einen ist ihr Gefahrenbewusstsein von Alltagssorgen überlagert, zum anderen haben sie aufgrund niedrigerer Bildungsabschlüsse und geringerer sozialer Vernetzung mit einflussreicheren Akteuren strukturell kaum Zugänge zu Entscheidungen und Entscheidungsträgern, die ihren eigenen Lebensraum beeinflussen (Scheffer/Voss 2008). Demgegenüber ist es privilegierteren Gruppen in Stadtteilen, die allein aufgrund ihrer räumlichen Faktoren sehr stark belastet sind, nicht nur möglich, sich besser zu schützen, sondern auch durch ihre politische und sozioökonomische Ausstattung Einfluss zu nehmen. So können sie zum Beispiel auf die Einrichtung verkehrsberuhigter Zonen hinwirken, in dessen Folge sich der Verkehr in Stadtteile mit weniger privilegierter Bevölkerung und damit auch die verkehrsbezogenen Risiken dorthin verlagern können. Es wird deutlich, dass UmweltUNgerechtigkeit nicht nur Ausdruck eines erhöhten Risikos ist, sondern als Folge von ungleichen Umwelten und (menschengemachten) Umweltveränderungen wiederum Ursache sich selbst verstärkender negativer Effekte ist. Die Integration des Kernindikators soziale Problematik im Zusammenhang mit Belastungsfaktoren in einem integrierten Monitoring gibt bereits eine entscheidende Grundlage von Gefahrenund Vulnerabilitätsanalysen im Kontext von Risikobewertungen. Aber erst eine prozessuale, integrative Betrachtung der verschiedenen hier angesprochenen Dynamiken und die Analyse des subjektiven Umgangs mit den vorhandenen Risiken in Verbindung mit der Frage der gesellschaftlichen Ausstattung mit ökonomischen, sozialen und kulturellen Res- 119 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 sourcen und damit verbundenen Partizipationsmöglichkeiten (Partizipationskapazität) erlaubt es, angemessene Aussagen über mögliche Zusammenhänge zwischen bestimmten Risikofaktoren und gesellschaftlichen Entwicklungen zu treffen (Voss 2008). Eine stärkere Risikomündigkeit der Betroffenen und eine stärkere Beteiligungsgerechtigkeit, wie sie im Sinne des Umweltgerechtigkeitsansatzes angestrebt wird, leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Verringerung von Vulnerabilität. Demographie und soziale Beziehungen als zusätzliche Determinanten der Katastrophenanfälligkeit Darüber hinaus müssen für die Bewertung potenzieller Auswirkungen von Umweltbelastungen weitere (sozial bedingte) biophysische Verletzlichkeiten und demographische Entwicklungen berücksichtigt werden. So gelten vor allem Menschen mit physischen Einschränkungen, Hochaltrigkeit, aber auch gesundheitlichen Vorbelastungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit und Bluthochdruck etc. als besonders anfällig insbesondere für Hitze (unter aanderem Eis et al. 2010: 121f; Robine et al. 2007; Kosatzky T 2005; Semenza et al. 1996). Gesundheitsbezogene Daten und ihre sozialräumlichen Zusammenhänge, wie sie bereits im Umweltgerechtigkeitsmonitoring angedacht sind, bieten eine weitere Annäherung an die biophysische Anfälligkeit, Opfer katastrophaler Entwicklungen zu werden. Studien zur Mortalität bei Hitzewellen sowie zu Unterstützungsnetzwerken bei Sturmereignissen und Erdbeben zeigen zudem deutlich die Bedeutung sozialer Beziehungen und sozialer Kohäsion als Ressource bei der Bewältigung von Extremereignissen (Semenza et al. 1996, Vandentorren et al. 2006, Meyer 2013, Aldrich/Meyer 2014, Aldrich 2012). So vervielfachte sich das Sterberisiko für Alleinlebende und sozial isolierte Menschen während einer Hitzewelle gegenüber Personen, die mit mindestens einer Person zusammenlebten (Semenza 1996) oder an sozialen Aktivitäten teilnahmen (Vandentorren et al. 2006), da diese eher ihr Verhalten an die vorhandenen Umstände anpassten. In diesem Kontext und vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sollten daher insbesondere Singularisierungs- und Marginalisierungstendenzen älterer Menschen im Bezug auf gesellschaftliche Anfälligkeit stärkere Beachtung finden. Durch starke kleinräumige Disparitäten und damit verbundene Interessenkonflikte, zum Beispiel als Folge rapider Gentrifizierung, können zudem verschiedene soziale Gruppen trotz räumlicher Nähe nebeneinanderher leben, ohne miteinander zu kommunizieren oder sich überhaupt gegenseitig bewusst wahrzunehmen (Häußermann, 2007), was mögliche gegenseitige Unterstützung potenziell verringert (oder gar Feindseligkeiten zur Folge haben kann, vergleiche Uitermark, Duyvendank, & Kleinhans, 2007). Beschränken sich Netzwerke allein auf Kontakte innerhalb vulnerabler Milieus, fehlen wiederum Beziehungen zu handlungs- und einflussstärkeren Akteuren. Zwar lebt der überwiegende Teil älterer Berlinerinnen und Berliner außerhalb der stark belasteten Innenstadtbezirke, jedoch weisen Statistiken zentraler Bezirke wie Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg im Vergleich zu anderen Bezirken auf eine besonders armutsnahe Lebenslage der Seniorinnen und Senioren (Handlungsorientierter Sozialstrukturatlas 2013) und damit einer erhöhten Vulnerabilität hin: Tendenz steigend. Wie sich soziale Netzwerke zum Beispiel in „jungen“ Stadtteilen mit sozial stark benachteiligten alten Menschen und damit verbundener starker gesundheitlicher Gefährdung oder in Stadtteilen wie Nordneukölln entwickeln, wo sich Gentrifizierung und Migration stark überlagern, gilt es weiter zu untersuchen und in Bezug auf Bewältigungspotenziale bei Extremereignissen zu bewerten. Hochaltrigkeit und Pflegebedürftigkeit in Kombination mit Aspekten sozialer Beziehungen wären demnach mögliche Ergänzungen des Monitorings im Sinne einer integrierten Risikoanalyse. Indikatoren wie soziale Netzwerke werden selten flächendeckend erhoben. Mögliche Tendenzen ergeben sich aus Indikatoren wie dem Anteil von Einpersonenhaushalten über 75 oder der Zahl der Bestattungen von Amtswegen, bei denen sich keine Angehörigen dafür zur Verfügung standen. Wie die Ausführungen zeigen, unterscheiden sich die treibenden Faktoren stark für die jeweiligen Kontexte und Sozialräume. Umweltgerechtigkeit als gesellschaftliche Ressource einer nachhaltigen Katastrophenprävention In Katastrophenschutz und -forschung, aber auch in der medialen Berichterstattung divergieren die Annahmen darüber, ab welchem Zeitpunkt oder Schwellenwert Prozesse als „katastrophal“ definiert werden (Lorenz/Voss/Wenzel 2014). Häufig wird „Katastrophe“ als Situation definiert, in der Menschen und Sachwerte in „außergewöhnlichen“, „erheb- 120 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 lichen“, nicht alltäglichen Maßen gefährdet werden (etwa in den Ländergesetzgebungen zum Katastrophenschutz in Deutschland), über spezifische Auslöser (Erdbeben, Sturm, Tsunami etc.), anhand von Schwellenwerten (absolute Zahlen von Schäden und/oder Opfern, so zum Beispiel bei Rückversicherern) oder über zeitlich bestimmbare Verläufe. Diese Definitionen werfen grundsätzliche Fragen auf: Ab wie vielen Opfern kann von einer Katastrophe gesprochen werden? Wie teuer muss ein Ereignis sein, um Katastrophe geheißen zu werden? Sind Prozesse, die sich schleichend und im Verborgenen entfalten wie beispielsweise die Belastung durch Luftverschmutzung oder jahrzehntelange Konsumtion unterschiedlichster Pestizide mit gegebenenfalls niemals eindeutig kausal nachweisbaren, sondern allenfalls durch den statistischen Vergleich identifizierbaren langfristigen Folgen keine Katastrophen? Sind hohe Sterberaten im Kontext der saisonalen Grippe nicht mehr katastrophal, nur weil sie wiederkehrende Ereignisse sind und damit ein Stück weit „normal“ werden? Wer sagt, ab wann ein Ereignis „katastrophal“ für wen ist? Und wer definiert, was noch zu den Folgen der Katastrophe gerechnet wird und was nicht? Abgesehen von den großen Hochwasserereignissen fallen die vielmals schleichend oder durch erhöhte Frequenz langsam kumulierenden Auswirkungen, welche im Rahmen des Klimawandels prognostiziert werden, nach „klassischen“ Definitionsmerkmalen nicht unter die Kategorie Katastrophe. Hier zeigt sich das potenziell katastrophale Ausmaß erst retrospektiv in Mortalitätstatistiken und lässt sich als Zuspitzung oder mehr noch, als Effekt von Umweltungerechtigkeit verstehen, wenn sich aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen zum Beispiel die Belastung durch Hitze und Schadstoffe bei Bürgerinnen und Bürgern kumulieren, die diesen weder entgegnen noch entfliehen können. Zunehmende Morbidität und Mortalität infolge thermischer Belastung, wie sie auch für den Agglomerationsraum Berlin nachgewiesen wurden (unter anderem Scherber 2014), bezeichnen Forscher, zumindest für Regionen der mittleren geographischen Breiten, als die schwerwiegendsten negativen Auswirkungen, die sich aus Klimaänderungen für die Bevölkerung dieser Regionen ergeben (unter anderem Eis et al. 2010). Die Konzentration von Bevölkerungen in urbanen Räumen sowie Entwicklungen sozialer Ungleichheiten oder sozialer Desintegration schaffen aus der Perspektive der Risiko- und Katastrophenforschung jedoch ein erhöhtes Schadenspotenzial. Dies verdeutlicht die Bedeutung einer integrativen Politik und Planung im Sinne der Umweltgerechtigkeit, die es ermöglicht, einer weiteren Verschiebung von Belastungen zuungunsten sozial Schwacher und somit einer Erhöhung des Katastrophenrisikos zu begegnen. Um die Dynamiken bei der Entstehung von Risiken und möglichen katastrophalen Entwicklungen zu verstehen und geeignet gegensteuern zu können, bedarf es der Analyse des Kontextes der konkreten Sozialräume und damit verbunden auch der Alltagspraktiken seiner Bewohnerinnen und Bewohnern, die mit dem Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz und seiner Sozialraumorientierung und verstärkter Partizipation Betroffener angestoßen ist. Eine stärkere Differenzierung in der Analyse der Bevölkerungsmerkmale, zum Beispiel durch demographische Entwicklungen und Dynamiken kleinräumiger, bis hin zu quartiersoder nachbarschaftsbezogenen Disparitäten und des sozialen Zusammenhaltes sowie einer stärkeren Berücksichtigung des Umgangs mit diesen Risiken und Handlungsmöglichkeiten, zum Beispiel über Befragungen und partizipative Erhebungen, böte eine fundierte Entscheidungsgrundlage und Synergien für Politik und Planung zur Risikovermeidung und -minimierung. Literatur Aldrich, D. P. and Meyer, M. A. (2014). Social Capital and Community Resilience American Behavioral Scientist. DOI: 10.1177/0002764214550299. Aldrich, D. P. (2012). Building resilience: Social capital in post-disaster recovery. Chicago, IL: University of Chicago Press. Eis, Dieter; Helm, Dieter; Laußmann, Detlef; Stark, Klaus: Klimawandel und Gesundheit – Ein Sachstandsbericht. Robert Koch-Institut. Berlin 2010. Häußermann, H. (2007). 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Jahrhunderts Eingang in die anwendungsorientierte Forschung und in die stadtplanerische und städtebauliche Praxis fanden. Der in dieser Zeit entwickelte Hygieneansatz bezog sich vor allem auf die Faktoren Licht, Luft, Feuchtigkeit, Hitze, Klima und Boden. Dies sind die Themenfelder, auf die der Städtebau vor allem aber die Bestimmungen des Bauordnungsrechts, das nach heutigem Verständnis auch das Planungsrecht beinhaltete, Einfluss nehmen konnte. Die junge Disziplin Städtebau konnte hierdurch erstmalig auf gesundheits- und umweltbezogene technisch quantifizierbare Anforderungen an eine gesundheitsorientierte Stadtplanung und Städtebau zurückgreifen. Es entwickelte sich ein neues und in der städtebaulichen Praxis umsetzbares Gesundheitsverständnis, das als planerische Grundlage die Zielsetzungen und Weichenstellungen der Berliner Stadtplanung und das städtebauliche Handeln in Berlin bis weit in die 1950er-Jahre hinein prägten. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Vor diesem Hintergrund soll dieser Beitrag Hintergründe verschiedener Berliner Epochen in Grundlinien aufzeigen, die maßgeblich zur Entwicklung eines umfassenderen Gesundheitsverständnisses beziehungsweise zu einer Gesundheitsorientierung im (heutigen) Städtebau beigetragen haben. Im Vordergrund der rückblickenden Betrachtung stehen die bauund planungsrechtlichen Grundlagen sowie Zielsetzungen, mit denen Einfluss auf die gesundheitsfördernde Stadterneuerungsplanungs- und Städtebaupolitik genommen wurde. Die Soziale Problematik, Luftgüte, Lärm, Grün- und Freiflächendefizite sowie die Bioklimatische Belastungen und Wohnlage sind die Kernindikatoren des neuen Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. Als gesundheitsrelevante Faktoren hatten diese Indikatoren bereits in der Berliner Städtebaudiskussion im 19. Jahrhundert zentrale Bedeutung. Sie waren in ihrer ungesunden kumulativen Wirkung vor allem in den hochverdichteten innerstädtischen Gegenden, – wie beispielsweise Wedding, Kreuzberg, Moabit – zu finden, die von sozialschwachen Bevölkerungsschichten bewohnt wurden. Hier liegen die historischen Wurzeln des neuen Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. 2. Hintergrund – zur Wohnsituation in Berlin im 19. und frühen 20. Jahrhundert Erste Ansätze eines Bewusstseins für gesundheitliche Zusammenhänge im Berliner Städtebau lassen sich bis in die 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Bei Baumaßnahmen in der Luisenstadt wurde ein Aufruf gefunden, eine gemeinnützige Gesellschaft zu gründen, um dem „Mangel an gesunden, bequemen und billigen Wohnungen für Personen abzuhelfen, welche vor dem Proletariat bewahrt werden können und müssen“. Obwohl die gesundheitlichen Probleme offensichtlich waren, enthielt die erste Bauordnung für den Baupolizeibezirk der Residenzstadt Berlin vom 21. April 1853 keine gesundheitlichen Forderungen beziehungsweise Bestimmungen, um die hygienische Situation zu verbessern. (Georg Fischer Seite IV A 1) Das Regelwerk dieser Bauordnung wurde durch den Hobrechtschen Bebauungsplan von 1862 ergänzt, der das Straßennetz und die Abgrenzungen der Platzanlagen festlegte. Mit fatalen Folgen für die Hygiene: Für die großen Blöcke werden keine Aussagen über Art und Maß der baulichen Nutzung, öffentliche Einrichtungen, Gewerbebetriebe, Grünzüge oder Freiflächen getroffen. Die hierdurch bau- und planungsrechtlich möglichen Hinterhofbebauungen und Nutzungsmischungen, insbesondere Gewerbe und Wohnen in Verbindung mit der hohen Grundstücksausnutzung, führte zu den ungesunden Wohnverhältnissen bei oft großer Bebauungstiefe (SenStadt Seite 5 ff.). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden Gesundheitsargumente zunehmend Eingang in die städtebauliche Planung. Hintergrund waren die Erkenntnisse der naturwissenschaftlich experimentellen Gesundheitslehre, die von Max Pettenkover „Hygiene“ genannt wurde. Hierbei standen Licht, Luft, Feuchtigkeit, Hitze, das Klima und Boden im Vordergrund der wissenschaftlichen Betrachtungen. Faktoren, auf die die Stadtplanung und der Städtebau und vor allem die gesetzlichen Bestimmungen reagieren konnten (Rodenstein Seite 483). Die neuen experimentell gewonnenen Erkenntnisse beeinflussten das Woh- 123 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 nungswesen und die Baugesetzgebung vor allem im Hinblick auf quantifizierbare Normen als Mindestmaße für gesunde Wohnungen. Hinzu kam die Erkenntnis, dass Sonnenstrahlen keimtötende Wirkung haben, was vor allem den Städtebau und die Gesundheitsdebatte richtungweisend beeinflusste (Klimeczek Seite 25 ff. und Seite 129). Nach 1890 änderten sich die Zielsetzungen der Gesundheitsbewegung. Städtebauliche Leitbilder und Konzepte änderten sich grundlegend. Die Wohnungsfrage wurde zu einem elementaren Bestandteil einer gesunden Stadtplanung. Dies sollte vor allem durch abgestufte Bauordnungen und Bebauungsplanungen erfolgen, um auf die Bodenwerte Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig sollten die neuen hygienischen Standards und Normen um Mindeststandards im Städtebau verbindlich gemacht werden. „Weiträumigkeit“ wurde zu einem wesentlichen gesundheitsfördernden städtebaulichen Leitmotiv und Planungsprinzip. „Weiträumigkeit“ wurde gleichgesetzt mit mehr Licht und Luft, offene Bauweise, kleineren Wohngebäuden mit Vorgärten sowie mehr Grün, deren gesundheitliche Bedeutung bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt war und zunehmend als wichtigsten Bestandteil gesunder Wohnverhältnisse angesehen wurde (Klimeczek Seite 49 ff.). Die Wohnungssituation in Berlin blieb dennoch katastrophal. Um die Jahrhundertwende waren mit circa 48 Prozent die „Hinterwohnungen“ – meist Kleinwohnungen mit Stube und Küche und ohne eigene Toilette und ohne Querlüftung schon fast die Regelwohnung in Berlin geworden. Tuberkulose, Säuglingssterblichkeit und Alkoholismus hatten gravierende Folgen für die Volksgesundheit und führten vor Beginn des Weltkrieges zu einem hohen Teil der Militäruntauglichkeit der Jugend (Bodenschatz Seite 506 ff.). Das im Jahre 1923 veröffentlichte Standardwerk von „Soziale Pathologie“ benennt unter anderem die hohe Bevölkerungsdichte als Hauptverursacher von Tuberkulose. Die Wohnsituation wurde als entscheidend für die hohe Sommersterblichkeit der Säuglinge – insbesondere im Juli, August und September angesehen. Die dichten – vornehmlich von Proletariern bewohnten – Wohnlagen, galten aufgrund der engen Straßen, Höfen und Hinterhäusern ohne ausreichende Lüftung bei den Medizinern als Zentren für Diphtherie und Scharlach und hoher Kindersterblichkeit. Die Wohn- und auch die Mauerfeuchte waren nach ärztlicher Auffassung verantwortlich für Erkältungskrankheiten, Muskelrheumatismus, Neuralgien, Atemwegserkrankungen, Durchfälle und Nierenentzündungen (vergleiche V. Gruber 1927, Seite 14 bis 16) (Klimeczek Seite 19). Die deutsche Bauzeitung vom 10. Januar 1934 schrieb hierzu, dass aufgrund einer 1925 durchgeführten Zählung für ein Wohngebiet (Größe entspricht etwa 50 Prozent des alten Berlin-Kölln) von die gezählten 3.506 Wohnungen von 9.883 Bewohnern bewohnt waren. Nahezu alle Wohnungen befanden sich im Zustand des fortschreitenden Verfalls (Klimeczek Seite 21 ff.). Nach einer Untersuchung in Berlin-Mitte, die vom Amt für Siedlungs- und Wohnungswesen 1934 veranlasst wurde, lag im Bereich der Linienstraße, Lothringer Straße sowie der Koblank- und Weydingstraße die durchschnittliche Belegung bei zwei Personen pro Raum. Selbst die primitivsten Anforderungen an die Wohnhygiene, insbesondere Licht und gute Durchlüftung waren nicht vorhanden. Die Mieter waren vor allem Kleinrentner, Unterstützungsempfänger und Erwerbslose, deren Gesundheit bereits durch unzureichende Ernährung und Pflege angegriffen war. Diese „Ärmsten der Armen“ mussten noch eine weitere Gegebenheit hinnehmen: „Eine ungesunde Wohnung“. (Böhm 1936, Seite 11 bis 13) 3. Wesentliche Strategien, Ansätze und Maßnahmen zur Herstellung gesunder Wohnverhältnisse in der Kaiserzeit Wettbewerb von Groß–Berlin: Durch den Wettbewerb von Groß-Berlin von 1910 wurden erstmalig entwicklungsplanerische Konturen für eine gezielte, geordnete und gesündere Stadtentwicklung auf den Weg gebracht und eine städtebauliche Neuorientierung eingeleitet. Zur Verbesserung der Volksgesundheit wurden Aspekte des neuzeitlichen Städtebaus auf der Grundlage neuer hygienischen und gesundheitsorientieren Kenntnisse als Grundlage für die Herstellung gesunder Wohnverhältnisse thematisiert. Der „überkommunale erste Flächennutzungsplan“ als zentrales Wettbewerbsergebnis bezog erstmalig die menschliche Gesundheit in einem übergreifenden und umfassenden Sinn mit ein. Gleichzeitig wurden in bewusster Abgrenzung zur überkommenen ungesunden Mietskasernenstadt Lösungsansätze geliefert, die die Trennung von Wohngebieten von den Geschäftsvierteln vorsahen, der Verzicht auf Hinterhaus, durchlüftete Wohnungen sowie der Verzicht auf Quer- und Seitenflügeln. Die grundlegenden Beiträge für die Grünentwicklung hatten bis weit in die 1920er-Jahre Auswirkungen. Die Konzepte und stadtplanerischen Überle- 124 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 gungen, wie beispielsweise die funktionale Gliederung der Stadt zur Herstellung gesunder Wohnverhältnisse sowie das Verbot der ungesunden Mietskaserne, waren zentrale Grundlagen, die von der Reformbauordnung von 1925 aufgegriffen und rechtlich fixiert wurden (Klimeczek Seite 64 ff.). Mit den Konzepten zur Verminderung der Wohndichte im Berliner Zentrum wurde das Leitbild der „Auflockerung“ systematisch in den städtebaulichen Diskussionsprozess eingebracht und konnte in den folgenden Jahren kontinuierlich als Vision einer neuen und gesunden Stadt weiterentwickelt werden (Christiaanse Seite 58). Vorortgründungen: Die Gründung der Vororte zur Herstellung weiträumiger, hochwertiger und gesunder Bauweise begann in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts und hatte als erste und grundlegende Gegenentwicklung zu den ungesunden Mietskasernen herausragende Bedeutung. (1866 bis 1900 Groß-Lichterfelde, 1866 bis 1905 Westend, 1891 bis 1941 Grunewald) Zur Verbesserung der Volksgesundheit war ein übergreifender politisch und auch administrativ getragener Konsens notwendig, denn die Entwicklung gemeinsamer Bebauungspläne, Planung von Kanalisation und Wasserversorgung erforderten vielfältige Abstimmungsprozesse. In diesem Zusammenhang bekamen auch Eingemeindungen, wie beispielsweise 1861 die Eingemeindungen von Gesundbrunnen, Wedding, Moabit sowie die Schöneberger und Tempelhofer Vorstadt gesundheitliche Bedeutung, da vor allem der fehlenden einheitlichen Organisation, unter anderem der Verkehrsplanung, der Bebauungsplanung und des Wohnungswesens gezielt entgegengewirkt werden sollte. Ein weiterer Aspekt war, die „für die Volksgesundheit wichtigen Waldflächen zu schützen und die Entwicklung von übergreifenden Verkehrskonzepten voranzubringen, um die Erreichbarkeit gesunder Wohnungen in weiträumiger Bauweise“ sicherzustellen (Klimeczek Seite 63 ff.). Infrastruktur/Stadterneuerung: Der zügige Ausbau der hygienischen Infrastruktur und die Ver- und Entsorgungstechniken hatten für die Verbesserung der Gesundheitssituation erhebliche herausragende Bedeutung. Ab den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts gingen die Kanalisation, die Wasserversorgung und die Grünflächenplanung in den Zuständigkeitsbereich der Kommune über (Klimeczek Seite 25 ff. und Seite 129). Dies war die wichtigste Unternehmung der Stadt, bei der die neuen hygienischen Erkenntnisse umgesetzt wurden. 1885/1886 waren bereits circa 90 Prozent aller Grundstücke in Berlin an die Kanalisation angeschlossen (Lau, et al.). Die Gesundung der Stadt durch eine gezielte Sanierungspolitik hatte vor allem die Aufgabe, die städtebaulichen Schandflecken und Problemlagen zu beseitigen – vor allem die berüchtigten Berliner Hinterhöfe ...“ der am eindringlichsten Krankheitssymptome der ungesunden Stadt wie Orte ungesunden Lebens- und Wohnverhältnisse symbolisierte.“ Beispiele sind vor allem die durchgreifende Sanierung des Scheunenviertels sowie die Beseitigung des Krögels. Auch verkehrsbezogene Maßnahmen, wie beispielsweise Straßendurchbrüche an der Französischen Straße und Straßenverbreiterungen, sollten zur Verbesserung der Volksgesundheit beitragen. Auch die Aktivitäten des Wohnungsverbandes Groß-Berlin trugen bereits früh zur Verbesserung der Wohnverhältnisse bei, indem über die Förderung von Baumaßnahmen Einfluss auf die Herstellung gesunder Wohnverhältnisse genommen wurde. Der Verband förderte vor allem nach dem 1. Weltkrieg eine große Anzahl von Wohnungen. Voraussetzung für die Förderung war jedoch der Verzicht auf Seitenflügel und Hinterhäuser (Klimeczek Seite 127 ff.). 4. Wesentliche Ansätze, Strategien und Maßnahmen in der Zwischenkriegszeit Mit dem Artikel 155 der Weimarer Verfassung von 1918 wurde jedem Deutschen eine gesunde Wohnung zugesichert, wodurch der Staat erstmalig Verantwortung für das Wohnungswesen übernahm. Gesunde Wohnverhältnisse zum Schutz der Volksgesundheit – unabhängig von den Krankenversicherungssystemen – bekamen hierdurch Verfassungsrang und leiteten eine grundlegende Änderung und Neuorientierung der bisherigen Wohnungspolitik ein (Klimeczek Seite 243). Die Gesundheitsorientierung im Städtebau und in der Stadtplanung konnte sich allmählich zu einer eigenständigen Norm entwickeln, bei der die technischen Regeln und auch die Entwicklung von Leitbildern, die auf den Erkenntnissen der Gesundheitsforschung und Hygiene aufbauten, umgesetzt und ein übergreifendes Gesundheitsverständnis zu Grunde gelegt werden konnten. Während in der Kaiserzeit das für den Städtebau relevante Gesundheitsproblem vor allem in der Art und Anordnung der Wohnungen kulminierte, stand in der Zwischenkriegszeit die Verbindung und gleichzeitige Trennung von Wohn- und Arbeitsstätten im Vordergrund (Rodenstein 1988, Seite 184 ff.). Thema im Berliner Städtebau war in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg vor allem die Reduzie- 125 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 rung der hohen Bebauungsdichte (durch die Festlegung von Obergrenzen für das Nutzungsmaß), die Versorgung der Stadt mit ausreichenden Erholungsflächen sowie die räumliche Trennung von Wohn- und Industriegebieten im Vordergrund. Diese Zielsetzungen wurden zentrale Bestandteile des Bauzonenplans von 1925 und die Grundlage für die Neubaumaßnahmen in der Weimarer Zeit. Der Bauzonenplan wird ergänzt durch den eigenständigen Freiflächenplan – dem Koeppen-Plan – von 1929. Die gesundheitsorientierten Vorschriften der neuen Bauordnung von 1925 (Reformbauordnung) griffen jedoch nur bei unbebauten Flächen, das heißt bei Neubauten. Das angestrebte Ziel, die Reduzierung der dicht bebauten bestehenden Innenstadtstrukturen, wird nicht erreicht (SenStadt Seite 10, 12 und 56). Dennoch hatte die neue Bauordnung richtungweisende Bedeutung. Wird die heutige Rechtssystematik zugrunde gelegt, hatte die BauO 1925 einen planungsund einen bauordnungsrechtlichen Teil. Hierdurch hatten die gesundheitsorientierten Bestimmungen auf der übergeordneten Stadtplanungsebene und auch auf der konkreten grundstücksbezogen Ebene auf die Baumaßnahmen Auswirkungen. Beispiel hierfür ist die GehaG Großsiedlung Wohnstadt Carl Legien von Bruno Taut (1929/30) die exemplarisch für die Umsetzung gesunder Wohnverhältnisse in der hochverdichteten Innenstadt angesehen werden kann. (Klimeczek Seite 241 ff.) Weitere nach sozialen und hygienischen Gesichtspunkten geplante Wohnanlagen außerhalb der Innenstadt, in denen die Enge und Trostlosigkeit der Mietskasernenbebauung überwunden werden sollte, waren: die Lindenhof-Siedlung (1918 bis 1921), Hufeisensiedlung (1925 bis 1927), Onkel-Tom-Siedlung (1926 bis 1932), Weiße Stadt (1929 bis 1931), Siemensstadt (1929 bis 1931) Die neuen gesundheitsorientierten Normen der Reformbauordnung von 1925 prägten die städtebauliche Entwicklung Berlins bis in die 1950er-Jahre (Klimeczek Seite 241 ff.). Im Gegensatz zur vorhergehenden sozialdemokratischen Weimarer Zeit war die Gesundheitsorientierung im Wohnungsbau in der Zeit zwischen 1933 bis 1945 keine dominante Zielsetzung. Die Wohnungsnot und die Überbelegung der Wohnungen vor allem bei den ärmeren Bevölkerungsschichten blieb bestehen. Der Bau gesunder Wohnungen, vor allem jedoch die Verteilung der Siedlungswohnungen erfolgte unter anderem nach rassehygienischen Gesichtspunkten und wurde als Mittel der Herrschaft politisch gelenkt (Rodenstein Seite 178). Bereits in der Weimarer Zeit wurde die Notwendigkeit einer administrativ gesteuerten Stadterneuerung erkannt. Es kam jedoch zu keiner durchgreifenden Sanierungs- beziehungsweise Stadterneuerungspolitik. In der Zeit des Nationalsozialismus erschien der Hinterhof aufgrund des hohen Anteils an SPD- und KPD-Wählern auch als „Brutstätte“ der marxistischen Arbeiterbewegung. Mitte der 1930er-Jahre ging man zu einer „technokratischen Sanierungsplanung“ mit dem Ziel, die Blockinnenbereiche auszuschaben. Hierdurch sollte eine allgemeine Gesundung des Gebäudebestandes der Kaiserzeit erreicht werden (Bodenschatz 1988, Seite 506 ff.). Gleichzeitig wurde in Berlin stadtweit mit der Erneuerung der „roten“ Mietskasernenviertel begonnen, um den „Nährboden für den Kommunismus“ zu beseitigen. „Je schlechter die Wohnverhältnisse, umso öder und langweiliger die Umwelt, desto besser der Nährboden für die staats- und volkszerstörenden Irrlehren“ (Erich Frank, 1939). So hatte das „Programm für die Neugestaltung Berlins“ vor allem das Ziel, die Bevölkerungsdichten in der Innenstadt zu reduzieren und diese Bereiche aufzulockern. Albert Speers Generalbebauungsplan wurde ergänzt durch den Grünplan des Landschaftsplaners Willi Schelkes. Die Grünflächen sollten die Distanz von der Wohnung 15 Gehminuten (oder 1.500 Meter) nicht überschreiten (Christaanse Seite 59). In Berlin wurde ein umfassendes Sanierungsprogramm in ausgewählten Gebieten unter anderem in den Stadtteilen Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Moabit, Schöneberg, Charlottenburg und Friedenau vorbereitet. Die Missstände sollten zunächst durch eine stufenweise Auflockerung der Bebauung beseitigt werden. In einem weiteren Schritt sollte die alte Bausubstanz durch Neubauten ersetzt werden. Ein „Reichsgesetz über städtebauliche Gesundungsmaßnahmen“ kam über die Entwurfsfassung nicht hinaus (Rave Seite 454 ff.). Die Zielsetzung „Auflockerung“ erfolgte auch durch die Unterbringung der Bevölkerung in kontrollierbare Einheiten. Bevorzugt wurden Gartenstädte wie die Kameradschaftssiedlung der SS an der Krummen Lanke (1938 bis 1940). Hierdurch sollte „... eine gesunde Heimat für ein gesundes Volk“ geschaffen werden. Ideologischer Hintergrund der Alltagsarchitektur bildete in den ersten Jahren die Heimatschutzbewegung in ihrer reaktionären Interpretation (Arch+ Seite 59). Die Reduzierung der städtebaulichen Dichten wurde aufgrund anderer Zielsetzungen in der Nazizeit in Berlin nicht weiterverfolgt. Diese Ziele wur- 126 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 den erst nach Ende des 2. Weltkrieges und vor dem Hintergrund der flächenhaften Zerstörungen im Innenbereich wieder aufgegriffen und weitergeführt (SenStadt Seite 56). 5. Stadtentwicklung und Städtebau in der Nachkriegszeit Mit der Zerstörung Berlins nach dem 2. Weltkrieg schienen zunächst die Ausgangsbedingungen für eine stärkere Gesundheitsorientierung im Städtebau neue Möglichkeiten zu bekommen. Der gesundheitsorientierte Ansatz kam in der städtebaulichen Praxis vor allem durch das Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt zum Tragen (Rodenstein Seite 192). Die Gesundheitsorientierung dieses Leitbildes wird deutlich in dem Schutz vor traditionellen Gesundheitsschäden durch das Fehlen von Licht und Luft sowie durch Verkehr und Industrie gefordert wird. Gleichzeitig kamen ökologische und ressourcenorientierte Forderungen und die Hinwendung zur Natur zum Tragen (Rodenstein Seite 194). In Berlin knüpfte man an die Konzeptionen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre an, bei dem die Mietskasernenstadt das prägende Negativbild blieb. Gleichzeitig wurde jedoch aufgrund der Wohnungsnot ein Teil der Mietskasernenstrukturen wieder instand gesetzt, wobei die bisherigen Grundrissstrukturen bei den Planungen und Maßnahmen beibehalten wurden. Im Jahre 1957 wurde der Klassiker „Die gegliederte und aufgelockerte Stadt“ von Göderitz/Rainer/Hoffmann veröffentlicht. Ein gesunder Stadtkörper durch aufgelockertes Wohnen wurde als Voraussetzung für gesunde Menschen gesehen. Mit den „unwürdigen Verhältnissen“ der kaiserlichen Mietskasernenstadt sollte unter dem Motto „Licht, Luft und Sonne“ auch für die Bewohner in den Bezirken Wedding, Kreuzberg, Tiergarten, Schöneberg und Neukölln „aufgeräumt“ werden. Dies erfolgte mit dem Ersten Stadterneuerungsprogramm, mit der die flächendeckende Sanierung begann. Eine wesentliche Zielsetzung war die Beseitigung der städtebaulichen Missstände in den Innenstadtbereichen durch Herabsetzung der zu hohen baulichen Dichten, die Entfernung störender Mischnutzungen, Abriss überalterter Bausubstanz und Wohnungsneubau im Rahmen des öffentlich geförderten sozialen Wohnungsbaus (Bodenschatz 1988 Seite 506 ff.). Mit dem Flächennutzungsplan von 1950 (FNP 50) wurde nach heutigen Begriffen erstmalig ein vorbereitender Bauleitplan für Berlin entwickelt. Er differenziert Wohngebiete, Gewerbe- und Industriegebiete sowie Freiflächen. Mischgebiete, die klassische gründerzeitliche Nutzungsstruktur, werden nicht dargestellt. Gesundheitsorientierungen werden durch das Aufgreifen wesentlicher Gedanken der Charta von Athen (CIAM 1933) wie beispielsweise die Trennung der Funktionen erkennbar. Die planerische Abwendung von der hochverdichteten Mietskasernenstadt und die Hinwendung zur Auflockerung wird deutlich. Dicht bebaute Blöcke hatten teilweise Konzentrationen von weit über 1.000 Einwohner pro Hektar. Für die aufgelockerte Innenstadt wurden nun Dichtewerte von 600 Einwohner pro Hektar angestrebt. Grüngürtel sollen die Industriegebiete von den anderen Gebieten trennen. Weiter sollte die Wohnnutzung in den Industriegebieten aufgehoben werden. Der am Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt ausgerichtete FNP 50 ist die Grundlage für die Berliner Wiederaufbauprogramme. Beispiele hierfür sind unter anderem das Bayerische Viertel, die Ernst-Reuter-Siedlung und Britz-Süd. Gesundheitliche Aspekte kamen vor allem durch die Trennung von Wohnen und Arbeiten und nur in den Neubausiedlungen zum Tragen. Die Auflockerung der Innenstadt wurde nicht realisiert (SenStadt Seite 19 ff.). Die Zielsetzung war mehr „Licht, Luft und Sonne“ im Städtebau. Vor diesem Hintergrund wird der Wiederaufbau der kriegszerstörten Häuser nur begrenzt zugelassen. Die Dichtekonzepte von 1925 wurden geändert. Die baulichen Dichten im Innenbereich wurden stärker begrenzt, im Außenbereich wurde eine höhere Ausnutzung zugelassen (SenStadt Seite 55 ff.). Großer Wohnungsbedarf, wachsender Autoverkehr und die Expansion von Handel und Dienstleistungen führten Ende der 1950er-Jahre zu einem enormen Verwertungsdruck auf dem städtischen Boden und leiteten eine neue Phase der städtebaulichen Entwicklung ein. Der Begriff Urbanität wurde zum „Schlachtruf“ und zunehmend mit „Dichte der Funktionen“ und Leistungsdichte gleichgestellt. Dies führte unter anderem zu Aufstockungen in Planung befindlicher Projekte, wie beispielsweise die „Gropiusstadt“. Eine Gesundheitsorientierung hatte in der Praxis kaum Bedeutung (Rodenstein 1988, Seite 195 ff.). Vor dem Hintergrund der „Schlafstädte“ beziehungsweise „Ghettos im Grünen“ bekam der Begriff „Urbanisierung“ im Gegensatz zu „Entstädterung“ zu Beginn der 1960er-Jahre zunehmende Bedeutung. Die Urbanitätsdiskussion führte unter anderem dazu, dass der Senat – besorgt um seine Baulandreserven – die Tendenzen der Verdichtung in den Siedlungen der 127 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1960er-Jahre unterstützte. Ein Beispiel hierfür ist die Berliner Wohnsiedlung Zabel-KrügerDamm (Rave Seite 233). 1963 wurde in der Regierungserklärung Willy Brandts das 1. Stadterneuerungsprogramm verkündet. Dem Erneuerungsprogramm lag die Vorstellung einer moderneren „egalisierten Stadt“ als politisches Leitbild zugrunde. Unter Erneuerung wurde fast ausschließlich Abriss und Neubau verstanden. Der Wedding war in dieser Zeit das wichtigste Gebiet in der Berliner Stadterneuerung und das größte Sanierungsgebiet Deutschlands. (Stadterneuerung in Berlin) Ziel des ersten Stadterneuerungsprogramms von 1963 war, die Wohnsituation in den Altbauquartieren durchgreifend zu verbessern. Dies erfolgte zunächst durch den vollständigen Abriss der Altbausubstanz (Flächensanierung). Erst in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre setzte sich ein behutsameres Vorgehen durch (Berliner Pläne 33 ff.). Im Ostteil der Stadt wurden die gründerzeitlichen Altbauten aufgrund der begrenzten materiellen Kraft meist nur notdürftig instandgesetzt. Modernisierungen erfolgten nur in Schwerpunktbereichen wie Arkonaplatz, am Arnimplatz und an der Husemannstraße. Für die Wohnungsversorgung blieb der Altbaubestand auch im schlechten Zustand ein wichtiger Faktor. Im Wilhelminischen Gürtel vor allem in den Blockinnenbereichen finden sich zahlreiche gewerbliche Nutzungen (SenStadt Seite 38). Ein verändertes Bewusstsein und eine neue Thematisierung der Gesundheit im Städtebaudiskurs setzte bei den Akteuren der Stadtplanung mit der Etablierung einer neuen Umweltschutzgesetzgebung 1969/70 ein. Die Ökologie war ein wichtiges Verbindungsglied und fand über die Landschaftsplanung Eingang in die Stadtplanung (Rodenstein 1988, Seite 195 ff.). Darüber hinaus wird versucht, der Fehlentwicklung der Stadtentwicklung der 1960er-Jahre durch Prinzipien der Verbesserung der Stadtgestalt und des Wohnumfeldes gezielt entgegenzusteuern. Der Gesundheitsbegriff geriet im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein vor allem mit Blick auf die Leitbild-Diskussionen zunehmend in den Hintergrund. Gesundheitsbezüge sind bestenfalls im Hinblick auf Maßnahmen erkennbar um die klassischen Gesundheitsschäden durch Mangel an Licht und Luft und durch Verkehr und Industrie zu vermeiden. Die Gesundheitsorientierung wurde kaum thematisiert, da die traditionell wichtigen Gesundheitsgesichtspunkte wie Licht und Luft, Erholungsmöglichkeiten, Trennung der Wohngebiete von störenden Industriegebieten durch Regeln, Vorschriften und Normen bereits reguliert waren (Lau et al. Seite 35). In den 1980er-Jahren erfolgte im Städtebau und in der Stadtentwicklung eine zunehmende „ökologische Tönung“ wobei auch die Wechselwirkungen stärker in den Vordergrund rückten. Die Umwelt wurde zunehmend im ökologischen Gesamtzusammenhang und auch medienübergreifend gesehen. Für die ökologische Vereinheitlichung und Fortentwicklung des Umweltrechts werden Umweltprüfungen wie die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) sowie die Strategische Umweltprüfung (SUP) etabliert. Sie werden mit der Novellierung des Baugesetzbuches (BauGB) 2004 und des Gesetzes über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG) 2005 in nationales Recht umgesetzt und für bestimmte Pläne und Programme als „Instrument der Umweltvorsorge“ verbindlich vorgeschrieben. Im Rahmen der Abwägung mit anderen Belangen kommt den Umweltbelangen hierdurch ein besonderes Gewicht zu. Weitere wichtige Normen aus dieser Zeit sind unter anderem die umwelt- und sektorenübergreifenden Regelungen wie beispielsweise die Vorschriften für die Umweltprüfung und Umweltplanung, für Umweltbeobachtung, Umweltinformation und Umweltweltbildung sowie Umweltförderung. (UmwR Seite IX bis XXVI) In den 1980er-Jahren erlebten – nicht zuletzt aufgrund der Hausbesetzerszene – die ehemalig ungesunden Mietskasernenverhältnisse eine städtebauliche Renaissance. Die Sanierung der Mietskasernen wird in Kreuzberg zu einem großflächigen Sanierungskonzept, bei dem auch ökologische Konzepte erprobt und umgesetzt werden (Bodenschatz 1988, Seite 506 ff.). Dieser Richtungswechsel wurde in einem Katalog zu einer Ausstellung zum Thema „Berliner Hinterhöfe“ deutlich, in dem es unter dem Stichwort „Hofparadiese“ heißt: „Solche Paradiese ... sind notwendige Zufluchtsorte für den Großstädter, weil er ... für kurze Zeit körperlich und seelisch dem Lärm und der Hektik enthoben ist“. Dieser Sinneswechsel wurde unter anderem durch ein Mehr an Urbanität und durch eine qualitative Aufwertung der Wohnungen durch mehr Grün begründet (SenBauWohn Seite 46). Gesundheitsbezüge werden hier sichtbar und auch begründet umgesetzt. Einschränkend muss für diese Zeit festgestellt werden, dass der Wohnungsmarkt, wie beispielsweise die Aufteilung der Wohngebäude in sich abgeschlossene Wohneinheiten, Gesundheitsaspekten markt- 128 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 wirtschaftlich keinen Raum gab. Gesunde Wohnverhältnisse wurden zunehmend privatisiert. 6. Die Zeit nach der Wende Die Situation nach dem Fall der Mauer ist in Berlin in den neunziger Jahren durch Investitionsdruck und Planungsbedarf sowie durch den Mangel an gültigen Planaussagen geprägt. Aufgrund der dynamischen Entwicklung und veränderter Planungsziele werden Änderungen am Flächennutzungsplan (FNP) erforderlich, der 1994 in Kraft tritt. Die Änderungen beziehen sich vor allem auf die Stärkung der Nutzungsmischung und Zentrenstruktur, den Ausbau des ÖPNV, das Wohnen in der Innenstadt. Zudem sollten Einfamilienhausgebiete in geringer Dichte realisiert sowie die grüne Infrastruktur gestärkt werden. Die zunehmende Bedeutung der Freiflächen wird auch durch das ergänzende Landschaftsschutzprogramm, mit den vier Programmplänen Naturhaushalt/Umweltschutz, Biotop und Artenschutz, Erholung und Freiraumnutzung sowie Landschaftsbild deutlich (SenStadt Seite 50 ff.). Eine systematische Gesundheitsorientierung fand auch in dieser Zeit nicht statt. Die halbherzigen Versuche der Gesundheitsverwaltung unter anderem im Rahmen der Health Cities Diskussion, Gesundes Städte Netzwerk oder die verstärkte Gesundheitsorientierung im Rahmen des quartiersbezogenen Verbraucherschutzes blieben folgenlos und fanden keinen Eingang in die Berliner Städtebaudiskussion der 1990er-Jahre. Deutlich wird dies unter anderem durch ein Berliner Forschungsvorhaben, das im Bereich Public Health die Umsetzung gesundheitsförderlicher Aspekte an zehn exemplarischen – in den 1990er-Jahren geplanten – Berliner Bauvorhaben untersucht (unter anderem Rummelsburger Bucht, Karow-Nord, Buch, Rudower Felder). Als zeitgemäße gesundheitsrelevante Handlungsfelder wurden Verkehr, Ver- und Entsorgung, Klima, Besondere Personengruppen, Städtebau/Architektur, Belastung durch Emissionen und Immissionen und Wohlbefinden eingestuft und als Prüfraster beziehungsweise als Zielvorgabe verwendet. Eine gesundheitsorientierte Planung, das heißt ein abgestimmtes Verwaltungshandeln, um insbesondere in der Stadtentwicklung und Stadtplanung vorausschauend planen zu können, wurde nicht festgestellt. Beim Thema Gesundheitsförderung im Städtebau wurde ein geringes Problembewusstsein in den befragten Berliner Ämtern festgestellt, was auf fehlende Objektivierbarkeit beziehungsweise Grenz- oder Richtwerte zurückgeführt wurde. Vielfach wurde die Auffassung vertreten, dass die im BauGB genannten Anforderungen im Hinblick an allgemeine gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse generell eine gesundheitsförderliche Planung sicherstellen. Auch in den befragten Gesundheits- und Umweltämtern war ein Problembewusstsein, das über die Gefahrenabwehr – im Sinne eines erweiterten Gesundheitsverständnisses – hinausging, kaum vorhanden. (Lau et al. 1996, Seite 420 ff.) 2008 begannen die wissenschaftlichen Vorarbeiten zu den gesundheitsrelevanten Themenfeldern der neuen „Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption“ in der (ehemaligen) Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. Hiermit sollte der unbestimmte Rechtsbegriff „Gesundheit“ praxistauglich präzisiert sowie planungs- und umweltrechtlich weiterentwickelt werden (Klimeczek/Luck-Bertschat 2010, Seite 26). Im Ergebnis konnte 2014 eine Mehrfachbelastungskarte veröffentlicht werden, die als Frühwarnsystem transparent und nachvollziehbar die ungleiche Verteilung innerhalb der Hauptstadt quartiersbezogen darstellt und den planenden Verwaltungen auf der Senatswie auf der Bezirksebene einen praxistauglichen Orientierungsrahmen für den Berliner Städtebau und Stadtentwicklung zur Verfügung stellt. Inwieweit die gesundheitlich orientierten Ergebnisse Eingang in das Berliner Planungssystem finden und somit eine Verbindlichkeit für die Stadtentwicklung und den Städtebau in der Hauptstadt erlangt, bleibt abzuwarten. Literatur Bodenschatz, H: Platz frei für das neue Berlin!, Geschichte der Stadterneuerung seit 1871, Berlin 1978. Bodenschatz, H: Krebsgeschwür Hinterhof, „Gesundung“ als Kampfbegriff der Stadterneuerung, in Bauwelt 1988, 29 Jahrg. H. 12. Böhm, K.-W.: Über die hygienischen Wohnungsverhältnisse in einigen Bezirken der Innenstadt und des Stadtrandes von Groß Berlin, Diss., Berlin 1936. 129 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Christiaanse, K. 2011: Berlin – ein doppelter Archipel in: Arch+, Zeitschrift für Architektur und Städtebau, Nr. 201/202. Fischer, G. in: Berlin und seine Bauten, Teil IV, Wohnungsbau, Bd. A. die Voraussetzungen. Die Entwicklung der Wohngebiete, Hrsg. Vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, Verlag von Wilhelm Ernst und Sohn, Berlin, München, Düsseldorf 1970. Klimeczek H.-J. 2005: Die gesunde Wohnung – Die Genese der Reformbauordnung vom 3. November 1925. Ein Beitrag zu den Grundlagen der sozialen Stadterneuerung in Berlin (Diss). Klimeczek, H.-J. 2012: Umweltgerechtigkeit durch Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit – Strategien auf Landesebene in: Umweltgerechtigkeit – Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit: Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven, S. 205 ff. Verlag Hans Huber, Hoegrefe AG, Bern. Lau, P., Schäfer, R., Siegfried, Ch.: Rechtliche und administrative Rahmenbedingungen als restriktive und fördernde Faktoren der Gesundheitsförderung (Schlussbericht), Fallstudien in Berliner Stadtteilen unter besonderer Berücksichtigung des Bau- und Planungsrechts sowie benachbarter Rechtsbereiche und der zuständigen Verwaltungen, Projekt A 5, Gesundheitsförderung im Städtebau, in: Berliner Forschungsverband Public Health (BFPH), TU Berlin, Fachbereich Architektur, Juni 1996. Platz, G.A.: Städtebauliche Gesundung der Großstadt. Dargestellt am Beispiel Berlin, Forschungsarbeit, o. O. 1935/36. Rave, J. in: Berlin und seine Bauten, Teil IV, Wohnungsbau, Bd. A. die Voraussetzungen. Die Entwicklung der Wohngebiete, Hrsg. Vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, Verlag von Wilhelm Ernst und Sohn, Berlin, München, Düsseldorf 1970. Rodenstein, M., „Mehr Licht, mehr Luft“ – Gesundheitskonzepte im Städtebau seit 1750, Frankfurt/M./New York 1988. SenBauWohn 1982: Berliner Hinterhöfe, Katalog der Ausstellung des Senators für Bau- und Wohnungswesen, Berlin 1982, S. 46. SenBauWohn 1990: Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen (Hrg.), Stadterneuerung Berlin, Erfahrungen, Beispiele, Perspektiven, Reiter Druck, Berlin, 1990. SenBauWohn 1994: Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen (1994) (Hrg.) Tendenzen der Stadterneuerung, Entwicklungen in Berlin, Erfahrungen europäischer Großstädte, Empfehlungen für Berlin, Studie im Auftrag der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen in Berlin, Berlin 1994. SenStadt 2002: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: Berliner Pläne 1862-1994, Kraft Druck und Verlag GmbH Ettlingen/CCS Schöning u. Ruth GmbH, Berlin 2002. UmwR, Umweltrecht, wichtige Gesetze und Verordnungen zum Schutz der Umwelt, BeckTexte im dtv, 24. Auflage 2013. 130 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 4 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Der integrierte Umweltgerechtigkeitsansatz Um einen Gesamtüberblick über die Umweltsituation im Land Berlin zu erhalten, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in den Jahren 2010 bis 2015 – bundesweit erstmalig – ein neues zweistufiges sozialraumorientiertes Umweltgerechtigkeitsmonitoring implementiert. Auf dieser Grundlage wurde die aus insgesamt vier Handlungsebenen (zweistufiges Umweltgerechtigkeitsmonitoring, Planungsebene beziehungsweise Ausgleichskonzeption, Umsetzungsebene sowie Wirkungs- und Prozessanalyse/Evaluation) bestehende „Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption“ (IBUk) entwickelt. Die erste Handlungsebene – das zweistufige Umweltgerechtigkeitsmonitoring – bildet die IstAnalyse entlang der 447 Planungsräume („Berlin heute“) ab und ergänzt die fachspezifischen Berichterstattungen und etablierten Stadtbeobachtungssysteme. Stadträume mit prioritärem Handlungsbedarf („Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2015“) werden deutlich. Die räumliche Planungsebene (2. Handlungsebene) bildet den umsetzungsorientierten Rahmen für die planenden Fachverwaltungen auf der Senats- und auf der Ebene der zwölf Bezirke. Im Vordergrund stehen Leitbilder, -linien und Leitvorstellungen, Ausgleichskonzeptionen und stadt- und umweltplanerische Festlegungen zur Verbesserung der Umweltqualität. Den informellen Planungen kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung zu. Die 3. Handlungsebene – die Umsetzungsebene – ist der strategisch ausgerichtete Kern der Konzeption und bündelt Aktivitäten und Handlungsakteure auf der sozialräumlichen Bezugsebene, insbesondere durch Zielsetzungen, Handlungs- und umsetzbare Lösungsansätze. Sie ist gleichzeitig die Plattform für den Dialog mit der Stadtgesellschaft und Grundlage für die Entwicklung neuer Partizipationsformen. Die in regelmäßigen Zeitabständen notwendige Evaluierung erfolgt auf der Ebene der Wirkungs- und Prozessanalyse (4. Ebene der IBUk). Anlass und Hintergrundinformationen Sozialräumliche Umweltpolitik hat das Ziel, die Chancengleichheit von verschiedenen Teilräumen sowie von unterschiedlichen Alters- und Sozialgruppen der Stadtgesellschaft zu wahren und quartiersverträgliche neue urbane Qualitäten und Identitäten zu ermöglichen. Für Berlin ist der sozialräumliche Ansatz ein wichtiger Beitrag zu einer nachhaltig ausgerichteten Umweltpolitik. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Die Sozialraumorientierung richtet den Blick auf die Entwicklung der Berliner Sozialräume, in denen Menschen wohnen, handeln, agieren, kommunizieren, sich austauschen. Diese auf die Zukunftsfähigkeit ausgerichtete planerische Grundlage erhöht die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in den Kiezen der Hauptstadt und ermöglicht in besonderem Maße einen nachhaltigen Lebensstil. Bisher ist das Leitprinzip der Umweltgerechtigkeit im Sinne einer Reduzierung der gesundheitsrelevanten Mehrfachbelastungen in den Quartieren und die Verminderung der sozialen Ungleichheit bei umweltbezogenen Risiken und Umweltressourcen in politischen Entscheidungsprozessen strategisch nicht verankert. Relevante Themenfelder für eine umweltgerechte Quartiersentwicklung werden oft zu wenig verknüpft, das heißt, ohne ihre Wechselwirkungen und Synergien ausreichend zu berücksichtigen, behandelt. Dies gilt vor allem im Hinblick auf die umwelt- und gesundheitsbezogenen Fachplanungen, bei der Auswahl und Abgrenzung von Fördergebieten und integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepten. Vor allem mit Blick auf die etablierten Leitbilder der kompakten Stadt und der Stadt der kurzen Wege rücken Aspekte wie Umweltbelastungen und -risiken, soziale Segregation, sozialräumliche Konzentration von benachteiligten Bevölkerungsgruppen, Werteverfall bei Immobilien oder Konflikte durch soziale Spannungen jedoch zunehmend stärker in den Vordergrund der Berliner Umweltpolitik. Die Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit ist die Suche nach einem fachlich verantwortlichen und politisch tragfähigen Gleichgewicht, um den gesundheitlichen Schutz der 131 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Betroffenen in den mehrfachbelasteten Räumen zu erhöhen und gleichzeitig die verwaltungsübergreifende Zusammenarbeit konsequent voranzubringen. Um Umweltgerechtigkeit als ein Leitprinzip der Stadtentwicklungs- und Umweltpolitik zu verankern und eine qualitätsvolle Innenentwicklung voranzutreiben, sind neue, innovative politische Ansätze und Verfahren erforderlich. Widersprüchliche stadtentwicklungsplanerische und umweltpolitische Ziele, wie beispielsweise zunehmende städtebauliche Verdichtung und Schaffung von Grünräumen, sind vor allem in den hochbelasteten innerstädtischen Quartieren abzugleichen und mit der Praxis des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes – der sich gezielt an der Bevölkerung orientiert – zu verbinden. Um die komplexen sozialen, umweltbezogenen und räumlichen Strukturen auf eine einfache transparente Bewertungsskala beziehungsweise -system zu fokussieren, für den politischen Raum und für die Betroffenen in den Quartieren nachvollziehbar zu machen, wurde vom Ressort Umwelt (bis 2010 bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz angesiedelt) das Modellvorhaben „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ auf den Weg gebracht. Ziel des Pilotprojektes war die Erarbeitung einer kleinräumigen Umweltbelastungsanalyse als Grundlage für ressortübergreifende Strategien und Maßnahmen an der Schnittstelle der gesundheitsrelevanten Bereiche Stadtentwicklung, Städtebau, Umwelt und Soziales. Es sollte eine sozialräumliche Schnittmenge entwickelt werden, die die Bereiche der ökologischen, gesundheits- und sozialorientierten Stadtentwicklung und Umweltplanung pragmatisch und praxistauglich zu einem neuen (informellen) Instrumentarium zusammenfügt. Gleichzeitig sollten handlungsorientierte Arbeitsgrundlagen für die weitere Entscheidungsfindung auf der Senats-, Bezirks- und der lokalen Ebene erarbeitet werden. Weitere Aspekte waren die Ermittlung der Betroffenheiten und die Berücksichtigung des Klimawandels. Im Vordergrund von zunächst orientierenden Untersuchungen standen die vier Themenfelder Lärm, Luftgüte, Bioklima und Grünflächenversorgung, die aus umweltmedizinischer Sicht innerhalb der dicht besiedelten Innenstadt Berlins besondere Relevanz für die menschliche Gesundheit haben. Die ersten orientierenden Untersuchungen zeigten, dass sich im Bereich der hochverdichteten Innenstadt der größte Teil der mehrfach belasteten Gebiete befindet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ein Großteil der sozial benachteiligten Quartiere auch von hohen gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen betroffen ist. Die Ergebnisse wurden – als erster Entwurf – zu einem Basisbericht („Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“) zusammengefasst und im Jahr 2011 den fachlich zuständigen Ressorts auf der Landesebene, den Berliner Bezirken, mehreren Bundesbehörden sowie Verbänden und Instituten zur Stellungnahme zugeleitet. Nach Abschluss des ersten Beteiligungsverfahrens wurde der Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz grundlegend methodisch überarbeitet, transparenter gestaltet und entsprechend der neuen Datenlage sowie veränderter Rahmenbedingungen aktualisiert. Um die Sozialraumorientierung und auch das Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) zu unterstützen, wurden als räumliche Bezugs- beziehungsweise Untersuchungsebene die Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) mit ihrer kleinsten Einheit, den 447 Planungsräumen (PLR) bei der Untersuchung zu Grunde gelegt. Die lebensweltlich orientierten Räume waren 2006 durch Senatsbeschluss als neue räumliche Grundlage für die Fachplanungen sowie die Prognose und Beobachtung demografischer und sozialer Entwicklung festgelegt worden. Der neue Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz trägt somit dazu bei, die Sozialraumorientierung in den planenden Fachverwaltungen im Land Berlin konsequent voranzubringen. 4.1 Die „Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk)“ Zielsetzung einer in der Praxis handhabbaren und umsetzungsorientierten Umweltgerechtigkeitskonzeption muss die Entwicklung eines neu zu konzipierenden informellen Fachplans sein, der die Ziele und Inhalte sektoraler Fachplanungen mit den sozialräumlichen Aussagen verschneidet und in der integrierten Kulisse des Berliner Planungssystems verortet. Um den Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz als wichtige Aufgabe der kommunalen Selbstverwaltung etablieren zu können, ist es zudem erforderlich, inhaltlich-methodische Mindestanforderungen im Hinblick auf die Umweltqualität zu formulieren. Darüber hinaus ist ein handlungsorientiertes übergreifendes Gesamtkonzept Voraussetzung für eine klare rechtliche Verankerung als Grundlage einer sachgerechten planerischen Abwägung. Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) besteht aus vier Teilen beziehungsweise 132 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Handlungsebenen: „„dem zweistufigen Umweltgerechtigkeitsmonitoring als Grundlage für die Statusbestimmung („Berlin heute“) mit den drei Integrierten Mehrfachbelastungskarten der „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte“, „„den räumlichen Planungsebenen im Kontext des Berliner Planungssystems (mit einer Konzeption im Sinne von Kompensationsmaßnahmen zum Ausgleich für Beeinträchtigungen durch gesundheitsrelevante Umweltbelastungen) sowie „„den Umsetzungsebenen zur Vermeidung oder Minderung der Umweltbelastungen (integrierte Handlungskulisse); die räumliche Bezugsebene ist hier der Planungsraum (PLR), „„die Evaluation (Wirkungs- und Prozessanalyse). Für das neue Themenfeld Umweltgerechtigkeit gibt es bislang weder eine formelle noch eine informelle kommunale Fachplanung. Während die Bauleitplanung und die Stadtentwicklungsplanung integrierende kommunale Planungsinstrumente darstellen, verfolgen sektorale Fachplanungen in der Regel spezifische Zielvorstellungen und Problemlagen wie beispielsweise die Luftreinhalte- oder Lärmminderungspläne. Bei der Entwicklung eines strategisch ausgerichteten Instruments ist zu beachten, dass die mehrfach belasteten Gebiete meist durch eine Mischung komplexer, miteinander zusammenhängender Probleme charakterisiert sind und viele Interdependenzen aufweisen. Die Problemlagen und -stellungen können also kaum isoliert voneinander betrachtet werden. So sind beispielsweise ökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen in den Quartieren meist durch eine vergleichsweise niedrige Lebenserwartung gekennzeichnet und durch eine fehlende gesundheitliche Chancengleichheit benachteiligt. Das Berliner Umweltgerechtigkeitskonzept zielt deshalb auf eine Gesamtperspektive und greift die Komplexität von Stadtentwicklungs- und umweltpolitischen Prozessen auf. Auf der Grundlage einer sozialräumlichen Umweltbelastungsanalyse umfasst sie die Ebene der Leitbilder und Zielsetzungen mit daraus abgeleiteten (bewerteten) Handlungsoptionen beziehungsweise -erfordernissen für die zu beteiligenden Akteure. Strategische Planungen umfassen potenziell alle Politik- und Handlungsfelder, setzen aber thematische und räumliche Schwerpunkte. Als Beispiele sind hier zu nennen: der Flächennutzungsplan (FNP), die BerlinStrategie I Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030 oder das Landschaftsprogramm (LaPro). Sie setzen wichtige planungsrelevante Rahmenbedingungen, bündeln Einzelplanungen und binden sie in ein Gesamtkonzept ein. Darüber hinaus vermitteln sie zwischen örtlichen und fachlichen Einzelinteressen. Diese integrierende und steuernde Funktion betrifft auch das ressortübergreifende Themenfeld Umweltgerechtigkeit in besonderem Maße. Integrierte Ansätze und übergreifende Strategien zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit sind notwendig, um knappe Ressourcen wirkungsvoll zu bündeln, um der Ausgrenzung benachteiligter Stadtgebiete gezielt entgegenzuwirken. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für eine sozialdifferenzierte Umweltplanung und gilt ebenso für den Bereich des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes und der Gesundheitsvorsorge, dessen Zielsetzungen und Beurteilungsmaßstäbe sich ortsspezifisch mit den Belastungen der räumlichen Situation auseinandersetzen müssen. Erstmalig können vor allem beim „Schutzgut Mensch“ kumulative Wirkungen gesundheitsfördernder und -schädlicher Faktoren gebietsbezogen und ressortübergreifend betrachtet und bewertet werden. Der entwickelte handlungsorientierte sozialraum- beziehungsweise gebietsbezogene Ansatz hat große Ähnlichkeit mit dem „Settingansatz“ im Rahmen der Gesundheitsförderung, der an den Lebenswelten der Zielgruppen ansetzt: dort, wo die Menschen wohnen. Durch den Umweltgerechtigkeitsansatz sollen vorhandene Potenziale sichtbar gemacht, für die weitere Entwicklung genutzt und die Ziele und Maßnahmen partnerschaftlich mit den Menschen vor Ort abgestimmt werden. Das Setting Wohnumfeld/Stadtteil steht dem sozialraumbezogenen Ansatz der Umweltgerechtigkeitskonzeption am nächsten und betont die Bedeutung der integrativen Betrachtung, Bewertung und Umsetzung. Voraussetzung hierfür ist eine enge und professionell-intersektorale Vernetzung der handelnden Akteure aus den Bereichen Stadtplanung, Stadtentwicklung, Städtebau, Gesundheit und Umwelt in den jeweiligen Teilgebieten der Stadt. 133 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Grundlagen u.a. BauGB, UIG, BImSchG, UVPG, SUP, Programme, fachpolit. Vorgaben, gesellschaftliche Diskussion Die Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) Anlass – Konzept – Handlungsfelder – Umsetzung Ausgangslage Öffentliches Interesse, Handlungsbedarfe erkennen, Mehrwert aufzeigen, Überführen in Prozesse/Verfahren und Planungen 1. Analysestufe c c c c Kernindikator 3 Grünflächen Kernindikator 2 Luftbelastung Kernindikator 4 Therm. Belastung c Kernindikator 5 Soziale Problematik C Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt 1. Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Sozialstruktur (Anzahl der Belastungen) 2. Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Sozialstruktur (Themenfelder) 2. Analysestufe (Ergänzungsindikatoren) c Ergänzungsindikator Bereich Gesundheit c c Ergänzungsindikator Bereich Städtebau Ergänzungsindikator Bereich Soziales c Ergänzungsindikator Bereich… 3. Integrierte Mehrfachbelastungskarte ("Die Berliner Umweltgerechtigkeitskarte") Zwischenevaluation Kern- und Ergänzungsindikatoren Rückkopplung, Qualitätsmanagement, Politiksteuerung Wirkungs-/ Prozessanalyse Umsetzungsebene Handlungsschwerpunkte, prioritäre Handlungsbedarfe, Ansätze zur Vermeidung/Minderung der Umweltbelastungen Räumliche Planungsebene Orientierungsrahmen für die planenden Fachverwaltungen/ Ausgleichskonzeption "Umweltgerechte Stadt Berlin" / "Umweltgerechtes Quartier" Visionen, Leitbilder, Leitlinien – Die Partnerschaftliche und Solidarische Stadt Planungsraum/ Lokale Ebene Berliner Planungssystem Information und Partizipation der Öffentlichkeit Umweltgerechtigkeitsmonitoring 2-stufiges Analyseverfahren für die Ermittlung von Stadträumen mit Mehrfachbelastungen, kleinräumigen Entwicklungstendenzen, sozialen Veränderungen; Untersuchung der 5 Kernindikatoren und weiterer Ergänzungsindikatoren (Kernindikatoren) Kernindikator 1 Lärmbelastung (Formelle und informelle Planung: Stadtentwicklungskonzept, FNP, Stadtentwicklungspläne, teilräumliche Entwicklungspläne, Rahmenpläne, Bebauungspläne, Landschaftsprogramm, Landschaftspläne) Handlungsempfehlungen/Instrumente/Förderkulissen (u.a. gebietsbezogene Förderprogramme (Bund, Länder, EU), kommunale Förderprogramme, Horizontaler Werteausgleich) Planungsraum (PLR) 1 Planungsraum (PLR) 2 Handlungsfelder Handlungsfelder Handlungsfelder Handlungsfelder Strategien, Maßnahmen, Projekte Strategien, Maßnahmen, Projekte Strategien, Maßnahmen, Projekte Strategien, Maßnahmen, Projekte Planungsraum (PLR) … Planungsraum (PLR) 447 Integrierte Handlungskulisse Prioritäre Handlungsbedarfe und Umsetzung durch Betroffene Evaluation Quelle: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin I Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft und Immissionsschutz I Dr.-Ing. Heinz-Josef Klimeczek (November 2016) www. s ta d te ntwic klung . b e rlin. d e /umwe lt/umwe lta tla s /i9 0 1 . htm 134 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Viele Menschen – vor allem im hochbelasteten erweiterten Innenstadtbereich – leben in Bestandsituationen, in denen eine integrierte Betrachtung diverser Umweltfaktoren für die Verbesserung der Umweltqualität relevant ist. Da strategische Umweltprüfungen beziehungsweise Umweltverträglichkeitsprüfungen ihre rechtliche Wirkung nur bei Neuplanungen entfalten, schließt der neue Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz aufgrund seiner Orientierung am Bestand eine zentrale Lücke. 4.1.1 Das Umweltgerechtigkeitsmonitoring (1. und 2. Stufe) Datengrundlage und Methodik Um einen Gesamtüberblick über die Umweltbelastungssituation zu erhalten, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt – bundesweit erstmalig – ein neues zweistufiges Umweltgerechtigkeitsmonitoring entwickelt. Das neue Stadtbeobachtungssystem besteht aus einem umweltbezogenen „Kernindikatorensatz“, der durch zusätzliche gesundheitsorientierte, soziale und städtebauliche/stadtplanerische „Ergänzungsindikatoren“ fachlich-inhaltlich untersetzt wird. Der gesundheitsorientierte Berliner Indikatorensatz wurde in enger Kooperation zwischen den Senatsressorts Stadtentwicklung, Umwelt, Gesundheit und Soziales, dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg sowie externen Forschungseinrichtungen erarbeitet und die Praxistauglichkeit im Kontext der Berliner Stadtentwicklung und Umweltplanung überprüft. Das Umweltgerechtigkeitsmonitoring beruht im Wesentlichen auf der Auswertung und Aggregation vorhandener Datengrundlagen aus verschiedenen Quellen, unter anderem Umweltatlas, Luftreinhalte- und Lärmminderungsplanung, Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS), Einschulungsuntersuchungen (ESU). Es ist als zweistufiges Verfahren (Kernindikatoren und Ergänzungsindikatoren) angelegt (siehe Tabelle 1). Die fünf Kernindikatoren sind die Grundlage für die Identifizierung der mehrfach belasteten Gebiete. Die Ergänzungsindikatoren können als zusätzliche Informationen hinzugezogen werden, um Sachverhalte zu präzisieren beziehungsweise fachlich-inhaltlich zu untersetzen. Für die Auswahl der Umwelt-, Gesundheits-, Sozial- und Stadtplanungsdaten war entscheidend, dass die Daten in unterschiedlichen Abständen kleinräumig, auf der Ebene der Planungsräume, erhoben werden und über längere Zeiträume hin verfügbar sind. Kernindikatoren (1. Stufe) Ergänzungsindikatoren (2. Stufe) Luftbelastung (PM10 / PM2,5, NO2) einfache Wohnlage (Mietspiegel) Lärmbelastung Realnutzung Grünflächenversorgung Stadtstruktur Bioklimatische Belastung Klimawandel (Hitzeinseln)/Betroffene Status-Index (Monitoring Soziale Stadtentwicklung) Einwohnerdichte/Betroffenheit Tabelle 1: Kern- und Ergänzungsindikatoren des zweistufigen Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitorings auf der Ebene der 447 Planungsräume – LOR (SenStadtUm). Lärmkosten (Gesundheit) vorzeitige Sterblichkeit (Erkrankungen des Kreislauf- und Atmungssystems) Adipositas (Einschulungsuntersuchungen – ESU) besonders hohes Gesundheitsrisiko (Planungsräume mit einem hohen Anteil an einfacher Wohnlage sowie sehr hoher Luft- und/oder Lärmbelastung) Krebs(neu)erkrankungen Lichtverschmutzung Lebens- und Umweltrisiken Analog zum Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) (Internetadresse am Ende des Beitrags) wurde bei den Umweltgerechtigkeitsanalysen die räumliche Gliederung Berlins auf 135 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 den drei Ebenen der Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) zugrunde gelegt, die sich hierarchisch ineinander überführen lassen. Für das gestufte Indikatorensystem des Umweltgerechtigkeitsmonitorings wurde die kleinste Einheit – die 447 Planungsräume – mit einer Raumgröße von durchschnittlich 7.500 Einwohnern gewählt. (Internetseite: Lebensweltlich orientierte Räume in Berlin – LOR). Um die ungleiche kleinräumige Verteilung der Umweltbelastungen zu erfassen und abzubilden, wurden zunächst auf der Grundlage der Strategischen Umweltprüfung SUP (Schutzgut Mensch/Wechselwirkungen) vier wichtige umweltbezogene Themenfelder (Lärm, Luftbelastung, Grünflächenversorgung und bioklimatische Belastung) ausgewählt, deren Gesundheitsrelevanz wissenschaftlich belegt ist. Als weiterer gesundheitlich relevanter Bereich wurde die soziale Problemdichte (Statusindex aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung) in das Grundindikatorenset der fünf Kernindikatoren integriert. Die Verbesserung der Aussagefähigkeit der Kernindikatoren erfolgt durch weitere Ergänzungsindikatoren wie beispielsweise Risikomerkmale (Planungsräume mit einem hohen Anteil an einfacher Wohnlage sowie sehr hoher Luft- und/oder Lärmbelastung), planungsraumbezogene Aussagen zur „vorzeitigen Sterblichkeit an Erkrankungen des Kreislauf- und Atmungssystems“, „durch Lärm verursachten Gesundheitskosten“, zu „Adipositas“ (Grundlage Einschulungsuntersuchungen – ESU) sowie Daten zu den Krebs(neu)erkrankungen. Im ersten Schritt des zweistufigen Analyseverfahrens wurden die Daten zu den drei Kernindikatoren Luftgüte, Lärm und Thermische Belastung analysiert und entsprechend dem gesundheitlichen Risiko mit „gut“, „mittel“, oder „schlecht“ gewichtet beziehungsweise eingestuft. Die Einstufung der Kernindikatoren „Grünflächenversorgung“ und „Soziale Problematik“ erfolgte analog, jedoch ohne eine gesundheitliche Gewichtung. Danach wurde für jeden der 447 Planungsräume der Mehrfachbelastungsfaktor durch Summierung derjenigen Kernindikatoren ermittelt, die in dem genannten Bewertungssystem der Kategorie 3 („schlecht“) zugeordnet wurden. Die entsprechende Kartierung identifiziert nachvollziehbar und transparent die mehrfach belasteten Räume auf gesamtstädtischer Ebene. Die Aussagen der Mehrfachbelastungskarte können in der zweiten Stufe bei Bedarf durch Ergänzungsindikatoren aus den Bereichen Gesundheit, Soziales, Städtebau und Stadtentwicklung fachlich-inhaltlich weiter untersetzt und präzisiert werden. So wurden zum Beispiel durch das zusätzliche, gesundheitlich orientierte „Risikomerkmal“ (Planungsräume mit Mehrfachbelastungen durch die Kernindikator sehr hohe Luft- und/oder sehr hohe Lärmbelastung, überwiegend einfache Wohnlage, sehr hohe statistische Mortalität) weitere Planungsräume gekennzeichnet, die aus umweltmedizinischer Sicht besonders stark belastet sind. Folgende (integrierte) Mehrfachbelastungskarten (vergleiche Kapitel 5.3.10) wurden erarbeitet: „„Die erste Karte „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt“ zeigt die vier umweltbezogenen Mehrfachbelastungen (Kernindikatoren Luft, Lärm, bioklimatische Belastung und Grünflächenversorgung). „„Die zweite Karte erweitert die v. g. Kartierung durch den 5. Kernindikator Soziale Problematik („Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik“). „„Die dritte Karte „Integrierte Mehrfachbelastungskarte – thematisch“ bildet die Art der Umweltbelastung in den einzelnen Planungsräumen der Stadt qualitativ ab. Die integrierte Mehrfachbelastungskarte „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2016“ stellt neben den fünf Kernindikatoren noch das besonders hohe Gesundheitsrisiko sowie die Betroffenheit (Anzahl der Einwohner in den Planungsräumen) dar (vergleiche ebenfalls Kapitel 5.3.10). Ergebnisse Die Statusbestimmung („Berlin heute“) durch das zweistufige Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitoring ermöglicht erstmalig einen Überblick über die Umweltqualität in den 447 Planungsräumen Berlins. Sie dient als zusätzliche Grundlage und für politische Entscheidungen und administratives Handeln. Sie gibt wichtige handlungsorientierte Hinweise für den Instrumenten- und Fördermitteleinsatz und kann erheblich zur Beurteilung der Wirk- 136 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 samkeit der durchgeführten Maßnahmen beitragen. Das zweistufige Umweltgerechtigkeitsmonitoring ist so angelegt, dass weitere bestehende sektorale oder integrierte Monitoringansätze der Bereiche Stadtentwicklung, Soziales, Gesundheit zur weiteren Präzisierung der kleinräumigen Umweltbelastungsanalyse genutzt und verknüpft werden können. Hierdurch können Stärken und Schwächen der einzelnen Planungsräume verdeutlicht und präzisiert werden. Mit Blick auf die Entwicklung von Strategien und Maßnahmen können sie weitreichende Auswirkungen auf die Prioritätensetzung in der Umwelt-, Stadtentwicklungs-, Gesundheitsund Sozialpolitik haben. Die Kern- und Ergänzungsindikatoren der orientierenden Untersuchung müssen daher weiterentwickelt, fortgeschrieben und verstetigt werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass strategisch ausgerichtete Programme und Maßnahmen hinsichtlich ihrer Zielerreichung und Effizienz künftig evaluiert werden können, um Fehlentwicklungen zu vermeiden und Korrekturen zu ermöglichen. Dies kann nur im Rahmen eines neu zu entwickelnden digitalen Monitoring- und Informationssystems und auf der Basis der vorhandenen und aktualisierten Ergebnisse erfolgen. Aufgabe des Monitorings ist neben der Frühwarnfunktion vor allem die Überprüfung von Maßnahmen und deren Wirksamkeit. Das ressortübergreifende Umweltgerechtigkeitsmonitoring ist daher so zu konzipieren, dass es als Informationsplattform für verschiedene Nutzergruppen genutzt werden kann. Es muss die umwelt- und gesundheitsrelevanten Themenfelder erfassen und handlungsfeld-, ressort- beziehungsweise fachebenenübergreifend angelegt sein, um künftige Trends und Abweichungen nicht nur sektoral, sondern auch themenübergreifend abzubilden. Darüber hinaus muss die Möglichkeit bestehen, den etablierten Kern- und Ergänzungsindikatorensatz zu erweitern. Die Zweistufigkeit des Monitoringsystems (Kern- und Ergänzungsindikatoren) wurde seitens des deutschen Instituts für Urbanistik (difu) als praxistauglich bewertet und sollte daher auch bei der Weiterentwicklung als Grundlage dienen. Die Ergänzungsindikatoren sind hinsichtlich ihrer Relevanz und Aussagekraft im Hinblick auf die Klassifikation der Belastungsbewertungen zu reflektieren. In diesem Zusammenhang ist zu prüfen, inwieweit der Berliner Indikatorensatz zur Nachhaltigkeit (Kernindikatoren zur nachhaltigen Entwicklung Berlins) mit den Umweltgerechtigkeitsindikatoren zusammengebracht werden kann. Auch vor dem Hintergrund, dass der derzeit geltende Koalitionsvertrag vorsieht, das „Berliner Nachhaltigkeitsprofil“ weiterzuentwickeln und durch eine Umsetzungs-Roadmap zu ergänzen. Das Monitoring soll als öffentliches, innovatives Portal konzipiert werden, um der allgemeinen Öffentlichkeit (Internet) sowie der Fachöffentlichkeit (Intranet zum Beispiel Senatsverwaltungen, Bezirke, Amt für Statistik BB) einen einfachen Zugang zu ermöglichen. Basis des künftigen Umweltgerechtigeitsmonitorings sind die bereits im Rahmen der orientierenden Untersuchungen zur Umweltgerechtigkeit entwickelten Kern- und Ergänzungsindikatoren. Für die Organisation der zukünftigen Datenbereitstellung und des Datenaustausches sind die datenhaltenden und datenbereitstellenden Stellen auf der Senatsebene (unter anderem Umweltatlas, Geoportal, Gesundheits- und Sozialberichterstattung, Monitoring soziale Stadtentwicklung und andere) sowie die Bezirke, insbesondere die Ämter für Stadtentwicklung, Umwelt und Gesundheit einzubeziehen. Die Kernindikatoren sind im Rahmen der orientierenden Untersuchungen wissenschaftlich abgesichert und gelten als grundsätzlich bestätigt. Dennoch sind die Analysen dahingehend zu überprüfen, ob und wie die Daten künftig regelmäßig erhoben werden können und die Methode der Erhebung/Berechnung wissenschaftlich dem aktuellen „Stand der Technik“ entspricht. Gleichzeitig muss eine Flexibilität sichergestellt werden, so dass künftig sich verändernde Rahmenbedingungen, neue Kern- oder Ergänzungsindikatoren, Maßnahmen oder quartiersbezogene Schlüsselfaktoren integrierbar sein werden. Dies setzt voraus, dass das Informationssystem so flexibel gestaltet werden muss, dass ohne technologische, kapazitative oder inhaltliche Einschränkungen weitere Daten beziehungsweise neue Themen oder Zeitreihen implementiert werden können. Die notwendige hohe Erweiterbarkeit und Skalierbarkeit ist somit eine Grundlage, um die Fähigkeit des Systems aus Hard- und Software, die Leistung durch das Hinzufügen von weiteren Res- 137 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 sourcen – zum Beispiel weiterer Hardware – in einem definierten Bereich proportional (beziehungsweise linear) zu steigern. Mit Blick auf die Weiterentwicklung der Ergebnisse und Analysen sind verschiedene Fragestellungen zu klären: „„Welche zusätzlichen Indikatoren sollten entwickelt werden beziehungsweise welche Parameter sind kontinuierlich zu erfassen, um auf bestimmten räumlichen Ebenen präzisere Aussagen als zurzeit möglich zu treffen. „„Zu prüfen und gegebenenfalls neu festzulegen sind auch der Erhebungsrhythmus beziehungsweise die Datenerhebungsfrequenz für bestimmte Themenfelder, beispielsweise einmal im Laufe eines Berichtszeitraumes (Legislaturperiode). „„Weiterhin ist zu klären, welche statistischen Auswertungen grundsätzlich über das derzeitige Angebot möglich sind beziehungsweise für die Berechnung von Trends, Trendabweichungen, Zielerreichung, Zeitreihen etc. genutzt werden können. „„Auch das Zusammenwirken mit anderen bereits etablierten Stadtbeobachtungssystemen ist zu prüfen. Ziel ist das möglichst synergetische Zusammenwirken der einzelnen bereits bestehenden Monitoringsyteme mit dem neu zu etablierenden Umweltgerechtigkeitsmonitoring. Mit Blick auf die Systemarchitektur des digitalen Umweltgerechtigkeitsmonitorings müssen gegebenenfalls neue Datenbanken und Schnittstellen entwickelt werden. Da es sich um ein langfristiges Projekt handelt, können im Laufe der Zeit neue Erkenntnisse auftreten, die eine Anpassung der bisherigen Struktur erfordern. Hierbei ist zu klären, wie der Austausch der unterschiedlichen Datenformate künftig realisiert wird und wie das System ohne zusätzliche Programmierleistungen an veränderte Rahmenbedingungen und Änderungen von Maßnahmen, Schlüsselfaktoren und Indikatoren mit möglichst geringem Aufwand angepasst werden kann. Gleiches gilt im Hinblick auf die Frage, wie das künftige Datenmanagement gestaltet werden kann (Nutzung eines eigenen Servers, Servernutzung bei Dritten etc.). Diese Fragen sind gegebenenfalls im Rahmen einer Vorstudie zum eigentlichen Systemaufbau zu klären. Das künftige zweistufige Umweltgerechtigkeitsmonitoring ist die Grundlage für die künftigen Berichterstattungen im Umweltbereich. Es muss daher sichergestellt werden, dass Berichte problemlos zu einem festen Zeitpunkt oder in einem bestimmten Turnus erstellt werden können. Karten, Diagramme, Texte und Auswertungen müssen sich somit zeitgleich erstellen lassen. Das System soll für verschiedene Benutzerkreisen Daten bereitstellen und ohne Kenntnisse von Spezialsoftware nutzbar sein. Weiterhin soll es möglich sein, verschiedenen Benutzerkreisen anpassbare Zugriffsrechte zuzuordnen. Die Anzeige georeferenzierter Daten ist so anzulegen, das in die kartografischen Darstellungen hinein- und aus den Karten herausgezoomt werden kann. Um auch einem internationalem Publikum den Zugang zum Umweltgerechtigkeitsmonitoring zu ermöglichen, sollte in der Webdarstellung eine Sprachauswahl angeboten werden (Englisch, gegebenenfalls zusätzlich auch Spanisch). 4.1.2 Die räumliche Planungsebene Die räumliche Planungsebene ist die zweite handlungsorientierte Ebene der Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption. Sie kann als Orientierungsrahmen für die planenden Fachverwaltungen (unter anderem Stadtentwicklungs-, Umwelt- und Gesundheitsämter) verstanden werden. Auf dieser Ebene werden räumliche/teilräumliche Leitbilder entwickelt und auch raum- beziehungsweise gebietsbezogene Ausgleichskonzeptionen (Kompensationsmaßnahmen zum Beispiel der Gesundheitsförderung, Wiederherstellung von biologischen Lebensräumen) in den Blick genommen. Kleinräumige Leitbilder können auf der bezirklichen und auf der Ebene der Planungsräume entwickelt und als Orientierungsrahmen in die Arbeit der planenden Fachverwaltung integriert werden. Die Umweltgerechtigkeitskonzeption soll als Leitbild nach innen und auch nach außen wirken. Durch die Außenwirkung sollen weitere Akteure – vor allem in den mehrfach belasteten Teilräumen der Stadt – gezielt in den Umgestaltungsprozess zur Herstellung von mehr Umweltqualität eingebunden werden. Voraussetzung hierfür sind Botschaften, zu denen ein politischer und verwaltungsinterner Grundkonsens besteht, die vermittlungs- und vor Ort umsetzungsfähig sind. Für erfolgreiche Strategien zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit in den Quartieren ist die politische Opportunität von herausragender Wich- 138 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 tigkeit. Denn die Instrumente können ihre Wirksamkeit erst dann entfalten, wenn die zuständigen politischen Entscheidungsträger die Zielsetzungen zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit unterstützen. Im Dialog über die Perspektiven der sozialräumlichen Umweltplanung sind neue Strategien und Leitbilder gefragt. Leitbilder identifizieren die Stärken und Schwächen eines Quartiers, beschreiben die Ziele und benennen Schritte zur Umsetzung. Im Sinne des Umweltgerechtigkeitsansatzes kommt ihnen eine weichenstellende Signalwirkung zu. Räumliche Leitbilder beziehungsweise Leitvorstellungen schaffen Identifikationsmöglichkeiten mit gemeinsamen umweltpolitischen Zielvorstellungen. Sie sind eine Plattform für Auseinandersetzungen mit den Themenfeldern des Umweltgerechtigkeitsansatzes. Bereits vorhandene Leitbilder und Ziele (zum Beispiel Nachhaltigkeitskonzepte, BerlinStrategie I Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030, Smart-City-Strategie) sind gezielt weiterzuentwickeln und zu qualifizieren. Vor allem für mehrfach belastete Planungsräume können – auf die lokale Situation vor Ort – zugeschnittene eigenständige Lösungen und auch eigenständige Ziele entwickelt werden. Diese abgestimmten Leitbilder und Ziele müssen innerhalb und außerhalb der Verwaltungen breit kommuniziert werden, wobei die Vorteile und Mehrwerte im Sinne einer zukunftsfähigen Stadt(teil)entwicklung und Umweltpolitik klar herauszustellen sind. Dies kann in einen kommunalpolitischen Beschluss zur Verankerung des Umweltgerechtigkeitsansatzes münden, in dem beispielsweise Beweggründe, Anknüpfungspunkte und Schnittstellen, erste Umsetzungsschritte sowie die Art und Weise der Beteiligung von Organisationseinheiten innerhalb der Verwaltung dargestellt werden. In diesem Rahmen können darüber hinaus Aussagen über die gezielte Einbindung von Zivilgesellschaft und Betroffenen aufgenommen werden. Die für die Schaffung von mehr Umweltgerechtigkeit notwendige integrative Erfassung aller relevanten Ziele und Maßnahmen erfordert ein entsprechendes integratives Planungsinstrument. Neben den formellen sind hierfür vor allem die informellen Planungsinstrumente geeignet, um Grundlagen für integriertes Handeln in Bezug auf die Verminderung oder Vermeidung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen und soziale Benachteiligungsfaktoren zu schaffen. Von herausragender Bedeutung sind die integrierten Stadtteilentwicklungskonzepte, Stadtentwicklungspläne und teilräumliche Entwicklungspläne. Hier können planungsraumübergreifende wie auch planungsraumbezogene Aussagen getroffen werden. Mit Blick auf die weitere Umsetzung entsprechender Maßnahmen ist zu beachten, dass die umweltbezogenen Instrumente sozialräumliche Aspekte und soziale Lagen nicht berücksichtigen und in der Regel nur auf Einzelbelastungen ausgerichtet sind. Bereiche mit Mehrfachbelastungen im Sinne der Umweltgerechtigkeitskonzeption können somit durch das Umweltrecht nicht entsprechend erfasst werden. Auch vor diesem Hintergrund ist die Integration und Zusammenführung der Umweltgerechtigkeitskonzeption in das Berliner Planungssystem von zentraler Bedeutung. Dies gilt auch mit Blick auf die Finanzierungsinstrumente wie beispielsweise die Förderprogramme des Bundes und der Europäischen Union. Auch dieser Instrumentenbereich ist auf dieser strategischen und handlungsorientierten Ebene zu verorten. Durch die Integration der Umweltgerechtigkeitsanalysen beziehungsweise der integrierten Mehrfachbelastungskarten in das Berliner Planungssystem können im Vorfeld der Umsetzung von ressortübergreifenden Strategien, Maßnahmen und Projekten zur Verbesserung der Umweltqualität in den Quartieren, grundlegende Handlungsprämissen und Schwerpunkte auf der Ebene der 447 Planungsräume festgelegt werden. Für die weitere Konkretisierung stellen die formellen planungs- und umweltrechtlichen Instrumente (unter anderem städtebauliche Sanierungsgebiete, Stadtumbaugebiete, Gebiete der Sozialen Stadt, Umweltprüfung/Umweltverträglichkeitsprüfung – UVP, Strategische Umweltprüfung – SUP, Lärmminderungs-/Lärmaktionsplanung, Luftreinhalteplanung) hinsichtlich der verschiedenen hoheitlichen Eingriffsbefugnisse einen Instrumentenkasten dar, der nach den jeweiligen Erfordernissen umsetzungsorientiert genutzt werden kann. 139 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 4.1.3 Die Umsetzungsebene Auf der Grundlage der Vorgaben und Festlegungen, die auf der 2. Handlungsebene (räumliche Planungsebene) erfolgten, werden auf der 3. Ebene – der Umsetzungsebene – im Sinne einer integrierten Handlungskulisse Schwerpunkte und -bedarfe sowie Lösungsansätze zur Vermeidung/Minderung der Umweltbelastungen entwickelt und konkretisiert. Diese Ebene ist somit die Umsetzungsebene von Strategien, Maßnahmen und Projekten zur Verbesserung der lokalen Umweltsituation und des Wohnumfeldes. Auf der Umsetzungsebene können über die Ressortgrenzen hinaus gemeinsame Zielvorstellungen entwickelt und Handlungsfelder identifiziert werden. Auch lassen sich die räumliche Ausdehnung sowie die thematischen Schwerpunktsetzungen flexibel an die spezifischen planungsraumbezogenen Erfordernisse anpassen. Kooperation Neben der Verteilungs- und Zugangsgerechtigkeit ist die Verfahrensgerechtigkeit ein zentraler Aspekt des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. Die gezielte und systematische Einbeziehung der Quartiersbewohner ist eine Voraussetzung für die Akzeptanz von Entscheidungen im Hinblick auf lokale Strategien und Maßnahmen, die durch Betroffenenbeteiligung zusätzlich legitimiert werden. Die dritte Ebene ist in diesem Zusammenhang Ausgangspunkt und Plattform für den Dialog in und mit der Stadtgesellschaft. Die Umsetzungsebene bietet einen Rahmen für die Initiierung von Kooperationen und für die Aktivierung von bürgerschaftlichem Engagement. Angesprochen sind insbesondere die Betroffenen, die in den mehrfach belasteten Gebieten leben. Modellvorhaben Die Mehrfachbelastungskarten zeigen in mehreren Berliner Bezirken Quartiere mit erheblichem Handlungsbedarf. Sie besitzen damit einen hohen Wert in der Priorisierung von Maßnahmen. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass für die Verwaltungspraxis keine unmittelbar gültigen, rechtsverbindlichen Kriterien abgeleitet werden können. Es bestehen nur für einige ausgewählte Themenfelder verbindliche Grenzwerte für den Gesundheitsschutz. Vorgaben im Sinne von Summationsrisiken für umweltbedingte Mehrfachbelastungen der Gesundheit kennen weder das Immissionsschutzrecht noch das Bauplanungsrecht. Umweltgerechtigkeit ist auch kein gerichtsfestes Kriterium zur Durchsetzung von Schutzauflagen im Kontext der gesundheitlichen Gefahrenabwehr. Auch ein Verschlechterungsverbot der umweltbedingten Gesundheitsrisiken durch stadt- und verkehrsplanerische Maßnahmen der öffentlichen Hand ist noch nicht im Planungsrecht implementiert. Umweltgerechtigkeit kann in der Verwaltungspraxis jedoch in der Funktion eines Leitbildes genutzt werden. Allerdings wurde bisher eine entsprechende Leitbildentwicklung weder auf der Senats- noch auf der Bezirksebene diskutiert. Unabhängig davon, aber auch zur Vorbereitung einer entsprechenden Leitbilddiskussion wäre es wichtig, aufbauend auf den berlinweiten Darstellungen – durch vertiefende Analysen oder exemplarische Fallstudien vor allem für die vielfach belasteten Quartiere einen Mehrwert zu erzielen, durch den sich Handlungsempfehlungen für die Stadtentwicklung und Umweltplanung sowie für die Politik ableiten lassen. Modellvorhaben stellen in diesem Zusammenhang einen wichtigen Baustein für die Implementierung der Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption – IBUk – in das Verwaltungshandeln dar. Ziel der Modellvorhaben ist es, in der Praxis weitere Erkenntnisse zu gewinnen und erfolgreiche Strategien zur Lösung aktueller Fragen im Bereich der stadtentwicklungs- und Umweltplanung zu entwickeln. Sie eignen sich vor allem für die praktische Erprobung und Umsetzung innovativer quartiersbezogener Handlungsansätze und Instrumente in Zusammenarbeit der unterschiedlichen Verantwortlichen: den Fachdienststellen des Senats und der Bezirke sowie den Akteuren vor Ort. Im Vordergrund steht hierbei, Erfolg versprechende neue Handlungsansätze für die Praxis zu identifizieren und aus ihnen übertragbare Erkenntnisse für andere Teilräume der Hauptstadt abzuleiten, den Transfer in die Praxis zu organisieren und Empfehlungen für die Veränderung stadtentwicklungsund umweltpolitischer Rahmenbedingungen in ihrer gesetzlichen, normativen, organisatorischen und finanziellen Bandbreite zu geben. Die Handlungsempfehlungen haben mit Blick auf die Umsetzung hohe Bedeutung für die Praxis und für die Politik. Durch die Ver- 140 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 breitung der Ergebnisse tragen Modellvorhaben im neuen Themenfeld Umweltgerechtigkeit im Land Berlin zur nachhaltigen, praxisorientierten Lösung aktueller Herausforderungen bei. Die Ergebnisse sind gleichermaßen Grundlage für die Entwicklung des angestrebten Leitbildes als auch dauerhaft für seine Wirkungskontrolle. Modellvorhaben zur praktischen Erprobung und Umsetzung innovativer Handlungs- und Lösungsansätze sollten in fünf aufeinander aufbauenden Schritten erfolgen. 1. Phase I (Sensibilisierung): Informationen zu einem möglichen Leitbild und zum Basisbericht Umweltgerechtigkeit. Dies könnte im Rahmen einer zentralen Auftaktveranstaltung erfolgen, auf der die Ergebnisse und Analysen des Basisberichtes sowie die Eröffnung einer Fachausstellung zur Umweltgerechtigkeit vorgestellt würden. Die Ausstellung sollte als Wanderausstellung konzipiert werden und in den Rathäusern der Bezirke präsentiert werden. 2. Phase II (Agenda setting): Vorbereitung von Erfolg versprechenden neuen Handlungsansätzen in enger Kooperation zwischen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen sowie mehreren Bezirken. In diesem Zusammenhang sollten die Zielsetzungen und der städtebauliche Kontext je nach örtlicher Problemlage bezirksweise unterschiedlich sein. So könnten bei einem Bezirk beispielsweise der Kontext Stadtplanung und stadtplanerische Instrumente im Vordergrund stehen. In einem anderen Bezirk könnte verkehrsbedingte Belastungen und mögliche Minderungsmaßnahmen auf der Quartiersebene in den Fokus genommen werden. Weitere thematische Schwerpunkte sollten die Themenfelder Luftverbesserung, Grün- und Freiflächenentwicklung beziehungsweise ein Fachplan Gesundheit zur Einbindung des Gesundheitsbereiches in die Entwicklung und Umsetzung sein. Weitere wichtige Handlungsfelder sind das bürgerschaftliche Engagement beziehungsweise die stärkere gesellschaftliche Verantwortungsübernahme (für die sich die englische Bezeichnung „Corporate Social Responsibility“ etabliert hat) und die Fragestellung, wie gesellschaftliches Engagement gebündelt und strategisch ausgerichtet werden kann. 3. Phase III (Bürgerbeteiligung): Die Wanderausstellung ist gleichzeitig die Grundlage für den Diskurs mit der Stadtgesellschaft. Sie hat zum Ziel, die Öffentlichkeit über die besonders belasteten Quartiere zu informieren und zur Mitwirkung anzuregen. In diesem Zusammenhang ist zu klären, welche unterstützenden Kommunikationsstrukturen helfen können, das Handlungsfeld der umweltgerechten Quartiersentwicklung in der Wahrnehmung der Betroffenen zu verankern. Wie ist der Mehrwert des Integrierten Handelns vermittelbar? 4. Phase IV (Organisation und Umsetzung der Pilotprojekte): Bei der Auswahl der Themen sowie der Modellquartiere sollte darauf geachtet werden, dass die Modellvorhaben möglichst unterschiedliche städtebauliche Strukturen mit voneinander abweichenden Nutzungen, wie reinen Wohngebieten, Mischnutzungen zwischen Wohnen und Gewerbe oder reinen Industrie- und Gewerbegebieten, umfassen. Hierdurch würde die Übertragbarkeit auf andere ähnlich gelagerte Stadträume vereinfacht. 5. Phase V (Evaluation): Mit den Modellvorhaben sollen neue Lösungswege gefunden werden, die als gute Beispiele zur Nachahmung und Übertragbarkeit auf vergleichbare Gebiete der Stadt dienen. Mit den entsprechende Modellvorhaben sollen eine effektive Form der Steuerung hin zu einem umweltgerechten Quartier gefunden und evaluiert werden, da entsprechende Wirkungen bisher nicht systematisch untersucht wurden. Um dieses Defizit zu reduzieren, ist es erforderlich, einen Ansatz zur systematischen Evaluierung der Modellvorhaben im Themenfeld Umweltgerechtigkeit zu entwickeln um ein hohes Maß an Übertragbarkeit sicherzustellen. Der Fokus sollte dabei auf der Praxistauglichkeit sowie dem methodischen Vorgehen liegen. Mit Blick auf die Betroffenheitsanalyse sollte ein weiterer Schwerpunkt auf den unterschiedlichen (politischen) Handlungsbedarfen liegen. 4.1.4 Wirkungs- und Prozessanalyse (Evaluation) Die Umsetzung der Umweltgerechtigkeitskonzeption erfolgt über die etablierten Instrumente des Berliner Planungssystems. Die Verantwortung hierfür liegt in den Fachressorts der zuständigen Senatsverwaltungen und in den zuständigen Fachämtern der Bezirksverwaltungen, insbesondere in den Ämtern für Stadtplanung, Umwelt und Gesundheit. Grund- 141 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 lage hierfür sind die Integrierten Mehrfachbelastungskarten sowie ein (informeller) Fachplan. Evaluationen im Sinne von Wirkungs- und Prozessanalysen sind als Instrument für Rückkopplung, Qualitätsmanagement und Politiksteuerung ein unverzichtbarer Bestandteil der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption. In der weiteren Umsetzung soll daher eine Evaluations-Methodik definiert werden, mit der die einzelnen Phasen der Umsetzung beziehungsweise Zielerreichung verfolgt und die konzeptionellen Grundlagen weiterentwickelt und bedarfsgerecht angepasst werden können. Voraussetzung hierfür sind evaluierbar formulierte Ziele, insbesondere Leitlinien, Leitprojekte und Planungsprozesse sowie transparente indikatorengestützte Evaluierungsmethoden. Insbesondere inhaltliche Perspektiven, Umfang und die sozialräumliche Vertiefung sind regelmäßig zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen. Weitere Themen für eine kleinräumige intensivere sozialraumbezogenen Stadtbeobachtung sind zu prüfen, (auch) um zeitliche Veränderungen erfassen zu können. Evaluierungen der Wirkungen in den mehrfach belasteten Gebieten sind eine methodische und strukturelle Herausforderung. Dies hängt vor allem mit dem Mehrebenencharakter der UG-Konzeption, der Akteurs- und Perspektivenvielfalt, dem spezifischen Charakter des Berliner Ansatzes, den unterschiedlichen Problemlagen in den Quartieren und mit den unterschiedlichen Finanzierungsinstrumenten zusammen. Hinzukommen die Vielfalt der Organisationsstrukturen und Umsetzungsinstrumente. Das Berliner Umweltgerechtigkeitskonzept ist dennoch so angelegt, dass es evaluationsfähig ist und im Sinne eines aktiven Qualitätsmanagements fortgeschrieben werden kann. Das erleichtert auch Vergleiche unterschiedlicher Strategien in verschiedenen Planungsräumen (zum Beispiel bei gleicher städtebaulicher Struktur). Hierdurch ist eine inhaltliche Flexibilität gegeben, die Spielräume offen lässt, um frühere Einschätzungen zu revidieren oder um neue Prioritäten zu setzen. Auch vor diesem Hintergrund wird es künftig notwendig sein, qualitative Einschätzungen von den in den Quartieren lebenden Menschen und anderen lokalen Akteuren einzuholen, um die erlebten und wahrgenommenen Veränderungen der durchgeführten Maßnahmen und Projekte abbilden zu können. 4.2 Zur Umsetzung der Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) – Sachstand Mit der Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) wird für die planenden Fachverwaltungen auf der Ebene der Senatsverwaltungen und der Bezirke zunächst ein Rahmen für die gesamtstädtische Strategie zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit zur Verfügung gestellt werden. Zum derzeitigen Stand der Implementation der ressortübergreifenden Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption kann zusammenfassend festgestellt werden, dass die Konzeption bereits Eingang in wichtige stadtentwicklungsplanerische und umweltpolitische Instrumente gefunden hat. Hierzu zählen insbesondere: Flächennutzungsplanbericht 2015 Der Flächennutzungsplanung ist als bundesrechtlich geregelte Planungsaufgabe ein zentrales Instrument der kommunalen Selbstverwaltung. Es ist daher von hoher Wichtigkeit, dass das neue Themenfeld Umweltgerechtigkeit in den Bericht zum Flächennutzungsplan (FNP-Bericht 2015) erstmalig aufgenommen wurde. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die strategischen Grundzüge der Flächennutzungsplanung wie beispielsweise Stärkung der Innenentwicklung, urbane Mischung, Qualifizierung des Bestandes, ausgewogene Nutzungsstrukturen in allen Teilräumen der Stadt oder Sicherung der Grünflächen. Hinzu kommt, dass der FNP im Rahmen eines integrierten Ansatzes die sektoralen und teilräumlichen Planungen über Senats- und Abgeordnetenhausbeschlüsse in ein Gesamtkonzept einbindet. Der Umweltgerechtigkeitsansatz wurde unter „Einzelaspekte des Umweltschutzes“ in den Flächennutzungsplanbericht 2015 aufgenommen. BerlinStrategie I Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030 Mit der BerlinStrategie I Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030 liegt ein ressortübergreifendes Leitbild für die langfristige, zukunftsfähige Entwicklung der Hauptstadt vor. Sie benennt Strategien, Ziele und Handlungsfelder und zeigt Räume auf, in denen Berlin Schwer- 142 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 punkte für die zukünftige Entwicklung setzt. Im Handlungsfeld „Mehr Umweltgerechtigkeit und Gesundheit durch reduzierte Umweltbelastungen“ wurde erstmalig das Themenfeld aufgenommen. Im Vordergrund stehen die Verminderung der Mehrfachbelastungen in den Quartieren sowie die Weiterentwicklung der Grünflächen und öffentliche Räume als Begegnungs- und Bewegungsräume in den Kiezen. Luftreinhalteplanung 2011-2017 Im Rahmen des Luftreinhalteplans 2011-2017 wurde ein Maßnahmenpaket entwickelt, um die Luftqualitiät in Berlin in den kommenden Jahren deutlich zu verbessern. Erstmalig wurde auch hier die sozialräumliche Verteilung der Luftbelastung (kombinierte Belastung der Luft mit Feinstaub und Stickstoffdioxid) in Berlin abgebildet. Lärmaktionsplanung 2013-2018 Die Relevanzprüfung im Rahmen der Lärmaktionsplanung legt unter anderm fest, in welchen Lärmschwerpunkten das Land Berlin tätig wird. In diesem Zusammenhang wird auch die sozialräumliche Verteilung der Lärmbelastung aufgrund des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes bei Entscheidungen mit herangezogen. Zudem sind die Lärmanalysen ein wichtiger Aspekt des sozialräumlich orientierten Programms Soziale Stadt. Umweltgerechtigkeit wurde somit Bestandteil der Lärmminderungsplanung in der Hauptstadt. Stadtentwicklungsplan Klima (StEP Klima) Der Stadtentwicklungsplan Klima ist ein zentraler Baustein, um die Hauptstadt im Sinne des Klimawandels zukunftsfähig zu machen. Es ist ein Orientierungsrahmen für die gesamtstädtische Planung zur Anpassung an den Klimawandel. Im Rahmen der Fortschreibung des StEP Klima ist geplant, die sozialräumlichen Analysen des Umweltgerechtigkeitsansatzes als weitere Grundlage zu integrieren. Berliner Konzept Anpassung an die Folgen des Klimawandels (AFOK) Vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels und der besonderen Betroffenheit der Großstädte sollen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass sich Berlin bis zum Jahr 2050 zu einer klimaneutralen Stadt entwickeln kann. Die kleinräumigen Umweltbelastungsanalysen ergänzen das bisher sektoral ausgerichtete Berliner Konzept zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels (AFOK) durch den sozialräumlichen Ansatz. Städtebauliche Sanierung/Stadtumbau/Soziale Stadt Die Städtebauförderung gehört seit 1971 zum Kernbereich der Stadtentwicklungspolitik des Bundes. Im Vordergrund der Städtebauförderung steht die Behebung von städtebaulichen Missständen und Funktionsverlusten, denn in den hiervon betroffenen Quartieren kann es zusätzlich zu ökonomischen und sozialen Spannungen kommen. Rechtliche Grundlagen der Städtebauförderung sind gemäß § 164 b Abs. 1 Baugesetzbuch die jährlichen Verwaltungsvereinbarungen zwischen Bund und Ländern sowie die konkreten Förderrichtlinien der einzelnen Länder. In jährlich abgeschlossenen Vereinbarungen einigen sich Bund und Länder über die Schwerpunkte, die Verteilung, den Einsatz und die Abrechnung der Städtebauförderung. Grundlage der städtebaulichen Maßnahmen sind die §§ 136 ff. Baugesetzbuch. Bund und Länder sind hierdurch in der Lage, durch Änderungen und Anpassungen der genannten Normen flexibel und zielgerichtet auf neue Herausforderungen und Problemlagen zu reagieren, und entsprechende Programme auf den Weg zu bringen. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) hat das neue Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ ausdrücklich zum Bestandteil der „Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung 2016“ gemacht, deren Gegenzeichnung durch die Länder aktuell in Vorbereitung ist (Stand Februar 2016). Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) hat 2015 eine städtebauliche Begleitforschung zur Umweltgerechtigkeit im Programm Soziale Stadt in Auftrag gegeben. Umweltförderprogramm BENE (Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung) Das Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung stellt Fördermittel für innovative Maßnahmen, Projekte und Initiativen bereit, die zu einem klimaneutralen und umweltfreundlichen Berlin beitragen. Das Programm unterstützt in ausgewählten Quartieren Ber- 143 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 lins Grünanlagen und kiezbezogene Grünflächen, die die Lebens- und Umweltqualität verbessern. In diesem Rahmen wurden die neuen Umweltgerechtigkeitsanalysen zu einem wesentlichen sozialräumlichen Indikator für die Umsetzung des Umweltförderprogramms BENE (Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung). Sozialraumorientierung in den Bezirken Die Bezirksregionenprofile (BZRP) sind in Berlin eine wichtige Grundlage für die Umsetzung der Sozialraumorientierung in den Bezirken. Im Rahmen der Aktualisierung der Bezirksregionenprofile wurden im Bezirk Berlin-Mitte im Jahr 2014 erstmalig für zehn Bezirksregionen die Umweltgerechtigkeitsanalysen integriert. Die Bezirksregionenprofile wurden 2014 vom Bezirksamt beschlossen. Umweltgerechtigkeit im parteipolitischen Raum (Land Berlin) Ausdruck der zunehmenden Bedeutung der Berliner Umweltgerechtigkeitsanalysen sind die bisher drei schriftlichen Anfragen aus dem Abgeordnetenhaus zum Themenfeld „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“. Schriftliche Anfragen vom 13. April 2011 (Die Linke), vom 24. November 2014 (Grüne) sowie vom 16. Dezember 2015 (Linke). „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ – Internet Aufgrund der hohen Wichtigkeit wurden die Ergebnisse der Berliner Umweltgerechtigkeitsanalysen im Internet beziehungsweise auf der Homepage der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt veröffentlicht. Hiermit kommt der Senat gleichzeitig der Verpflichtung gemäß § 7 des Umweltinformationsgesetzes nach, verfügbare relevante Umweltinformationen zunehmend in elektronischen Datenbänken zu speichern, die über Mittel der elektronischen Kommunikation abrufbar sind. Umweltgerechtigkeit im Bereich Wissenschaft und Forschung Das neue Themenfeld Umweltgerechtigkeit wurde erfolgreich an mehreren Universitäten und Hochschulen implementiert (unter anderem Universität Bielefeld, Freie Universität Berlin, Technische Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Universität Hamburg, Universität Dortmund). In diesem Rahmen wurden Bachelor- und Masterarbeiten sowie mehrere Dissertationen auf den Weg gebracht. Das neue Themenfeld wird zunehmend stärker in fachübergreifenden und interdisziplinären wissenschaftlichen Fragestellungen diskutiert und vertieft behandelt. Berührte Fachgebiete sind insbesondere Stadtentwicklung, Umweltplanung, Gesundheits- und Sozialwissenschaften. 4.3 Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption – Perspektiven Mit der integrierten Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) liegt für die sozialräumlich ausgerichtete Berliner Umweltpolitik eine neue Analyse- und Planungsgrundlage vor, die Fakten beinhaltet, Zusammenhänge und beabsichtigte Zielzustände für das Erreichen des Ziels „Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit“ in den Quartieren der Hauptstadt aufzeigt. Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption ist keine zusätzliche formelle Planungsebene, sondern ein informelles, ziel- und umsetzungsorientiertes strategisches Steuerungsinstrument für die Entscheidungsfindung auf der Senats-, Bezirks- und lokalen Ebene. Vor dem Hintergrund der komplexen Rahmenbedingungen in der Hauptstadt bietet die Umweltgerechtigkeitskonzeption eine wissenschaftlich gestützte Grundlage für die strukturierte Erarbeitung von Leitbildern, Leitlinien und Handlungsprogrammen und darüber hinaus Instrumente für eine zielorientierte Umsetzung an. Aufgrund des kooperativen fachebenenübergreifenden Ansatzes wird das System der hoheitlichen Planung, insbesondere im Hinblick auf die integrierte Stadtentwicklungs-, Umwelt- und Quartierspolitik erweitert und sowohl für bürgerschaftliches Engagement und Partizipation geöffnet als auch für marktorientierte Handlungsformen (zum Beispiel städtebauliche Verträge, privat-öffentliche Projekte). Vor diesem Hintergrund kann die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption künftig eine wichtige Koordinierungsfunktion zwischen den räumlichen (Planungs-)Ebenen sowie zwischen den Fachplanungen beziehungsweise Fachpolitiken übernehmen. Die Konzeption kann hierdurch zu einem Orientierungsrahmen beziehungsweise zu einem Dach für weitere Strategien werden und Wechselwirkungen und Chancen beim Zusammenspiel von Um- 144 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 weltqualität, sozialem Status und der Gesundheitssituation aufzeigen. Hierfür nutzt sie die formellen Instrumente, zum Beispiel die Bauleitplanung, die Fachplanungen oder Instrumentarien informeller Planung. Die Konzeption soll ihre Wirkung vor allem nach innen entfalten. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass im Rahmen einer integrierten Herangehensweise ressortübergreifend Handlungsfelder identifiziert werden, in denen Strategien, Maßnahmen und Projekte zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit verortet und umgesetzt werden. Im Sinne von umwelt- und gesundheitsbezogener Chancengleichheit werden über die Ressortgrenzen hinaus weitere fachlich-inhaltliche Argumente geboten und damit der Anspruch einer integrierten und nachhaltig ausgerichteten kleinräumig orientierten Umweltpolitik gestärkt. Hierfür kann vor allem in den mehrfach belasteten Gebieten das gesamte ausdifferenzierte und überwiegend aufeinander abgestimmte System formeller und informeller Instrumente mit seinen vielfältigen Synergien und Wechselwirkungen zum Einsatz gebracht werden. Die Schnittstellen zwischen den einzelnen Strategien sind besser herauszuarbeiten und vor allem sind die Umwelt- und die Gesundheitsämter (zum Beispiel durch entsprechende BVV-Beschlüsse, Einbeziehung in die Beteiligungsverfahren) stärker als bisher in die integrierte Stadtentwicklung einzubeziehen. Ziel sollte es sein, die Umweltgerechtigkeitskonzeption zum Bestandteil der integrierten Stadtentwicklung zu machen und in die sozialräumliche Umweltplanung einzuführen, um mit dieser neue Konzeption die gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen und die Umweltqualität in den Kiezen der Stadt zu verbessern. Literatur Akademie für Raumforschung und Landesplanung – ARL (2014), Umwelt- und Gesundheitsaspekte im Programm Soziale Stadt – Ein Plädoyer für eine stärkere Integration, Positionspapier aus der ARL 97. Bolte G (2009): Umweltgerechtigkeit – Datenlage und Stadt der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema Umweltqualität, soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland. In: Umweltgerechtigkeit – die soziale Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen, Dokumentation der BMU/UBA-Fachtagung am 27. bis 28.10.2008 in Berlin, Bielefeld. Bolte G, Bunge C, Hornberg C, Köckler H, Mielck A (2012): Umweltgerechtigkeit – Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit: Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven. Bömermann H, Nelius K, Jahn S (2006): Lebensweltlich Orientierte Räume im Regionalen Bezugssystem (Teil 1). Werkstattbericht zum Projekt „Vereinheitlichung von Planungsräumen“. In: Monatsschrift des Statistischen Landesamtes Berlin, H. 8: 366-371. Bunge C (2008): Umweltgerechtigkeit – Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. Empirische Befunde und zukünftige Herausforderungen. In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID) Ausgabe 2/2008: 5-9. Deutscher Städtetag (2013): Integrierte Stadtentwicklungsplanung und Stadtentwicklungsmanagement – Strategien und Instrumente nachhaltiger Stadtentwicklung, Positionspapier des Deutschen Städtetages. Hornberg C, Bunge C, Pauli A (2011): Strategien für mehr Umweltgerechtigkeit – Handlungsfelder für Forschung, Politik und Praxis. Universität Bielefeld: Bielefeld. Köckler H, Katzschner L, Kupski S, Katzschner A, Pelz A (2008): Umweltbezogene Gerechtigkeit und Immissionsbelastungen am Beispiel der Stadt Kassel. Center for Environmental Systems Research, CESR Paper 1, Kassel: Kassel University Press. Klimeczek H-J, Luck-Bertschat G (2008): (Sozial-)räumliche Verteilung von Umweltbelastungen im Land Berlin – Umweltgerechtigkeit als neues Themen- und Aufgabenfeld an der Schnittstelle von Umwelt, Gesundheit, Soziales und Stadtentwicklung, In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID) Ausgabe 2/2008: 26-29. Klimeczek H-J (2011): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Entwicklung und Umsetzung einer neuen ressortübergreifenden Strategie. In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID), Ausgabe 2/2011: S. 19. Klimeczek H-J (2012): Umweltgerechtigkeit durch Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit – Strategien auf Landesebene. In: Bolte G, Bunge C, Hornberg C et al. 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Die „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2015“ zeigt, dass der größte Teil der drei-, vier- und fünffach belasteten Quartiere im hochverdichteten „Schwerpunktbereich Innenstadt“ liegt. Hier leben circa 1,58 Millionen Menschen. Wird die Einwohner/-innenzahl Betroffene zugrunde gelegt, ist der Bezirk Mitte am stärksten belastet. Weitere Bezirke mit einem relativ hohen Anteil mehrfach betroffener Bevölkerung sind Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf. Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf sind die Bezirke mit den prozentual am wenigsten durch Mehrfachbelastungen betroffenen Bewohnern. Die Umweltgerechtigkeitsanalysen verdeutlichen, dass die innerstädtischen, dicht bebauten Ortsteile am stärksten betroffen sind. In den äußeren Stadtteilen ist die Betroffenheit vor allem in den gründerzeitlich verdichteten Baustrukturen oder in den Großsiedlungen (zum Beispiel Spandau – Falkenhagener Feld, Marzahn) besonders hoch. 5.1 Auswertung „Gesamtstadt“ Kern- und Ergänzungsindikatoren 5.1.1 Kernindikator 1: Sozialräumliche Verteilung der Lärmbelastung in Berlin Einleitung Lärm im Sinne von unerwünschtem Hörschall gehört zu einem der zentralen Umweltprobleme, die durch den motorisierten Verkehr verursacht werden. Neben durch den Menschen wahrgenommenen Belästigungen verursacht Lärm zudem gesundheitliche Auswirkungen. Innerhalb von Städten hat Lärm im Vergleich zu anderen negativen Umwelteinflüssen sehr kleine Wirkungsbereiche und variiert somit stark auf kleinräumiger Ebene. Ziel der Untersuchung ist die monetäre Bewertung der Lärmwirkung und die Verknüpfung der Ergebnisse mit der soziodemografischen Struktur auf Ebene der 447 Planungsräume im System Lebensweltlich orientierte Räume (LOR). Technische Universität Dresden, Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“ Prof. Dr.-Ing. Udo Becker, Dr.-Ing. Thilo Becker Methodik Die Monetarisierung des Lärms erfolgt auf Grundlage des Prinzips der externen Kosten, welche die durch Lärm entstehenden Nutzenverluste finanziell abbildet. Damit wird der Umstand berücksichtigt, dass nicht die Verursacher des Lärms dessen negative Effekte tragen, sondern diese zum größten Teil auf Dritte (oder die Gesellschaft als Ganzes) verlagert werden (Friedemann 2010, Seite 7). Darüber hinaus werden mit der Monetarisierung der in Dezibel gemessenen Lärmbelastung (logarithmische Skala) Vergleiche aus räumlicher oder sozialer Perspektive deutlich vereinfacht und transparenter. Zur Ermittlung der externen Kosten werden auf der Basis der UBA-Methodenkonvention 2.0 (Umweltbundesamt 2012, Seite 46 bis 48) ermittelte Kostensätze für Verkehrslärm verwendet, denen eine Bewertung der Umweltschäden in Form von Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu Grunde liegt (Friedrich 2012, Seite 14 bis 16). Diese Kostensätze entsprechen dem aktuellen Stand der Wissenschaft und geben den pro Person entstehenden Schaden durch die Belästigungswirkung und die Gesundheitsrisiken als Summe an. Berücksichtigt werden dabei die Auswirkungen von Lärm unterschiedlicher Quellen (Straßen-, Schienen- und Luftverkehr) abhängig von deren Schallcharakteristika. Hierbei werden die Lärmimmissionen für alle Lärmarten separat ermittelt, so dass auch die Kosten der unterschiedlichen Lärmarten getrennt ausgewiesen werden können. So verdeutlicht die mit den verwendeten Kostensätzen ermittelte Höhe der externen Kosten die Dimension des Problems Verkehrslärm. Zur Ermittlung der sozialräumlichen Belastung durch Verkehrslärm wurde die Strategische Lärmkarte 2012 mit den LDEN-Pegeln (Lärmindex Tag-Abend-Nacht) für Straßen-, Schienenund Flugverkehrslärm, die Planungsräume (PLR) der Lebensweltlich Orientierten Räume 147 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 (LOR) und der Status-Index im Monitoring Soziale Stadtentwicklung (Häußermann 2012) herangezogen. Die Strategische Lärmkarte umfasst 4.055.830 Immissionspunkte im gesamten Untersuchungsgebiet, die an allen Gebäudefassaden in 4 Meter Höhe angeordnet sind. Zu jedem Immissionspunkt gehört ein Datensatz, der neben der exakten Position die Lärmpegel LDEN der verschiedenen Lärmquellen und die zugeordnete Bewohnerzahl enthält. Abhängig vom Schallpegel des Immissionspunktes wird durch einfache Multiplikation der Kostensätze mit der Bewohnerzahl die Höhe der externen Kosten ermittelt. Dabei fließen die externen Kosten aller Lärmpegel LDEN ≥ 46,00 dB(A) in die Berechnung ein. Die Kosten der drei Lärmquellen werden zu Gesamtverkehrslärmkosten addiert. Anhand der eindeutigen Georeferenzierung können die externen Kosten aller Immissionspunkte auf PLR-Ebene aggregiert werden. Zur Einordnung in Belastungskategorien werden die PLR nach der Höhe der externen Lärmkosten je Einwohner sortiert und analog der bis 2013 im Monitoring Soziale Stadt für den Status-Index angewandten Methode in zehn Dezile unterteilt. Dabei werden dann die beiden niedrigsten Dezile (20 Prozent der PLR) als gering lärmbelastet eingestuft. Die beiden am höchsten belasteten Dezile werden der hohen Kategorie zugeordnet. Analog dazu werden die verbleibenden sechs mittleren Dezile zusammengefasst. Als Ergebnis liegen für alle bewohnten PLR eine Bewertung der gesamten durch Verkehr verursachten Lärmbelastungen in den drei Belastungskategorien „hoch“, „mittel“ und „gering“ vor. Verteilung der Belastungen über die Berliner Planungsräume Die Gesamtsumme der externen Kosten durch Verkehrslärm beläuft sich auf geschätzte 147,9 Millionen Euro pro Jahr, wovon 93,0 Millionen Euro durch Straßenverkehr, 41,6 Millionen Euro durch Flugverkehr und 13,3 Millionen Euro durch Schienenverkehr verursacht werden. Die durchschnittliche Lärmbelastung pro Einwohner gibt Aufschluss darüber, wie stark die Belastung unabhängig von der Einwohnerdichte der Wohngebiete ist. Jeder Einwohner Berlins ist mit durchschnittlichen externen Kosten durch Verkehrslärm von knapp 45 Euro pro Jahr belastet. Zwischen den PLR ist die Variation der Lärmbelastung hoch. In der Belastungskategorie „gering“ betragen die externen Kosten bis zu 21 Euro pro Einwohner, die Belastungskategorie „hoch“ beinhaltet die Spannweite von 40 Euro bis zu 103 Euro pro Einwohner. Die räumliche Verteilung der Lärmbelastung zeigt einen tendenziellen Anstieg von Stadtrandlagen in Richtung Stadtzentrum (vergleiche Karte). Niedrig belastete PLR befinden sich mit Ausnahme des S-Bahn-Ringes im gesamten Stadtgebiet, hohe und sehr hohe Belastungen treten vorrangig im erweiterten Stadtzentrum auf, mit Spitzenwerten im Wirkungsbereich des Flughafens Berlin-Tegel. Sozialräumliche Belastungsunterschiede Aus der Perspektive der Umweltgerechtigkeit ist der Zusammenhang zwischen Lärmbelastung und sozialem Status von Interesse. Dafür erfolgt ein Vergleich zwischen den Lärmbelastungskategorien und dem Status-Index im Monitoring Soziale Stadtentwicklung. 21 der 434 bewohnten PLR sind gleichzeitig durch hohe externe Kosten je Einwohner durch den Gesamtverkehr und eine hohe soziale Problemdichte charakterisiert. Beim quantitativen Vergleich der durchschnittlichen externen Kosten je Bewohner sind zwischen den drei sozialen Gruppen im Status-Index Ungleichheiten festzustellen. Einwohnern in PLR mit niedriger sozialer Problemdichte sind im Mittel 33 Euro externe Kosten jährlich zuzuordnen, bei PLR mit hoher sozialer Problemdichte hingegen 58 Euro (Abbildung 1). Diese Untersuchungsergebnisse fügen sich gut in frühere Untersuchungen in Berlin zur Verteilungswirkung von Verkehrslärm ein, so zum Beispiel zur Lärmbelastung im Zusammenhang mit Empfängern von Leistungen nach dem SGB II und Einwohnern mit Migrationshintergrund. Danach ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen dieser soziodemografischen Gruppen mit sozialer Benachteiligung hohen Lärmbelastungen ausgesetzt sind, etwa doppelt so hoch wie bei sonstigen Einwohnern in Berlin (Becker 2013). 148 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 1: Lärmbelastung 149 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 1: Lärmbelastung – höchste Belastung 150 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 60 Abbildung 1: Durchschnittliche externe Kosten pro Person in Abhängigkeit von der sozialen Problemdichte Externe Kosten je Einwohner 50 40 30 20 10 0 niedrig/sehr niedrig mittel hoch/sehr hoch Soziale Problemdichte Literatur Becker, Thilo, und Gerlach, Julia. 2013. Verkehrslärm in Berlin – ein Problem für alle? Zeitschrift für Amtliche Statistik (1): 38-49. https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/ produkte/zeitschrift/ 2013/HZ_201301.pdf (abgerufen 24.7.2013 (12:53)) Friedemann, Julia, Thilo Becker und Udo Becker. 2010. Wegekosten und externe Kosten – Analyse, Probleme, Bedeutung. In HKV – Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung., Hrsg. T. Bracher, M. Haag, H. Holzapfel, F. Kiepe, M. Lehmbrock und U. Reutter. Vol. 4.5.1. Berlin: Wichmann. Friedrich, Rainer, et al. 2012. Sachstandspapier zu Lärm – Schätzung externer Umweltkosten und Vorschläge zur Kosteninternalisierung in ausgewählten Politikfeldern. Dessau: Umweltbundesamt. http://www.umweltbundesamt.de/umweltoekonomie/publikationen/sachstandspapier_laerm.pdf (abgerufen 23.7.2013 (9:10)) Häußermann, Hartmut, et al. 2012. Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin 2011 – Fortschreibung für den Zeitraum 2009-2010. 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Einerseits ist jeder Stadtbewohner diesen Schadstoffen ausgesetzt, andererseits konnte in epidemiologischen Studien nachgewiesen werden, dass diese Luftschadstoffe maßgeblich die Erkrankungshäufigkeiten und -schwere sowie die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-, Atemwegs- sowie weitere Erkrankungen beeinflussen. Innerstädtische Unterschiede hinsichtlich der humanen Exposition sind oft höher als Abweichungen zwischen den durchschnittlichen Konzentrationen verschiedener Städte. Deshalb ist es notwendig, die innerstädtische räumliche Verteilung humaner Expositionen gegenüber diesen Luftschadstoffen zu untersuchen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der sozialen Situation der Bevölkerung und der Exposition gibt, was eine mehrfache Benachteiligung einzelner Stadtgebiete bedeuten kann. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie, Abteilung Studien Dr. Annegret Kindler Department Umweltimmunologie und Core Facility Studien Dr. Ulrich Franck Zielsetzung Das Ziel der Untersuchungen bestand darin, die Luftbelastung mit Feinstaub (PM2,5) und Stickstoffdioxid (NO2) in den 447 Planungsräumen (PLR) zu ermitteln sowie die Ergebnisse kartografisch darzustellen. Die Flächengröße der durch eine jeweils relativ einheitliche bauliche und soziale Struktur gekennzeichneten PLR mit jeweils etwa 7.500 Einwohnern differiert stark und reicht von 14 bis 2.370 Hektar, wobei die Größe der PLR vom Zentrum zur Peripherie hin zunimmt. 217 PLR (48,5 Prozent) sind kleiner als 100 Hektar, 216 PLR (48,3 Prozent) weisen eine Fläche zwischen 100 und 500 Hektar auf, in 11 PLR (2,5 Prozent) beträgt die Fläche zwischen 1.000 und 2.000 Hektar und 3 PLR (0,7 Prozent) sind größer als 2.000 Hektar. Zunächst sollten die Feinstaub (PM2,5)- und Stickstoffdioxidbelastung je PLR bestimmt werden, um Aussagen über unterschiedliche Konzentrationen dieser Luftschadstoffe und deren räumliche Verteilung innerhalb des Landes Berlin treffen zu können. Dabei sollten insbesondere die PLR mit den höchsten Belastungsrisiken identifiziert werden, da hier der vordringlichste Handlungsbedarf zu vermuten ist. Zur Untersuchung eines möglichen Zusammenhangs zwischen sozialer Situation der Bevölkerung und Exposition in den PLR wurden Informationen aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung mit der Luftbelastung kombiniert und analysiert. Im Kontext von räumlicher Verteilung und Umweltgerechtigkeit sollen damit Grundlagen für Handlungsoptionen zur Reduzierung der Luftbelastung und Minimierung gesundheitlicher Risiken sowie zur Erhöhung der Lebensqualität und des Wohlbefindens der Bevölkerung bereitgestellt werden. Methoden Durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wurden folgende Daten zur Verfügung gestellt: für das Jahr 2009 zwei ArcGIS-Shapefiles mit den Jahresmittelwerten der Luftschadstoffkonzentrationen für Feinstaub (PM2,5) und Stickstoffdioxid (NO2) einerseits auf der Grundlage von Rasterzellen mit einer Größe von 500 mal 500 Meter und andererseits in Form von linienhaften Informationen zu den Hauptverkehrsstraßen-Abschnitten einschließlich der Angaben zu Länge und Breite der einzelnen Straßenabschnitte sowie der betroffenen Bewohner, Informationen zum Sozialstatus der PLR in Form des StatusIndex 2010 aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung von 2011 (Excel-Datei) sowie als Kartengrundlage Shapefiles mit den Grenzen der Planungsräume von 2006, den Stadtbezirksgrenzen und der Grenze der Umweltzone. Auf der Grundlage der auf Rasterzellen basierenden und mit Modellierungsverfahren bestimmten Jahresmittelwerte der Schadstoffkonzentrationen sowie der Schadstoffkonzentrationen in einzelnen Hauptverkehrsstraßen-Abschnitten wurden flächengewichtete Jahresmittelwerte der Luftbelastung mit PM2,5 und NO2 je PLR für 2009 bestimmt. 152 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 2: Luftbelastung 153 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 2: Luftbelastung – höchste Belastung 154 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Zunächst wurden in einem ersten Schritt mit Hilfe der Software ArcGIS 9.3 die Rasterzellen mit den Grenzen der PLR verschnitten. Die so entstandenen Flächen enthalten Informationen über die Flächengröße, die Luftbelastung mit PM2,5 und NO2 sowie den jeweiligen PLR, in dem sie verortet sind. Auf dieser Grundlage wurden die flächengewichteten Jahresmittelwerte der Luftbelastung mit PM2,5 und NO2 berechnet. Die linienhaften Hauptverkehrsstraßen-Abschnitte wurden ebenfalls durch die Verschneidung mit den Grenzen der PLR den jeweiligen PLR räumlich zugeordnet. Danach wurden aus Länge und Breite der einzelnen Straßenabschnitte deren Flächen je PLR berechnet. Mit Hilfe der Flächenanteile der Hauptverkehrsstraßen-Abschnitte an den PLR wurde deren flächengewichteter Jahresmittelwert der Luftbelastung mit PM2,5 beziehungsweise NO2 berechnet. Durch die Kombination der flächengewichteten Mittelwerte aus den Rasterzellen und den Straßenabschnitten ergibt sich der gesamte flächengewichtete Jahresmittelwert der Luftbelastung mit PM2,5 beziehungsweise NO2 je PLR. Dadurch wurde die Luftbelastung in PLR mit einem hohen Anteil an Straßenverkehrsflächen betont, um dem Ziel des Gesundheitsschutzes auch bei heterogener Belastung innerhalb eines PLR besser Rechnung zu tragen. Ziel der Untersuchungen war es, im Sinne der Umweltgerechtigkeit die Rangfolge der PLR bezüglich ihrer Luftbelastung zu bestimmen und nicht eine Einordung nach Über- oder Unterschreitung von Grenz- oder Richtwerten vorzunehmen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden in Analogie zum Monitoring Soziale Stadtentwicklung sowohl die Schadstoffkonzentrationen von PM2,5 als auch NO2 jeweils in zehn Dezile unterteilt. PLR mit Schadstoffkonzentrationen innerhalb der beiden Dezile mit den niedrigsten berechneten Werten wurden als gering belastet eingestuft. Dies waren im Jahresmittel Konzentrationen für PM2,5 ≤ 17,1 µg/m3 beziehungsweise für NO2 ≤ 18,0 µg/m3 auf PLR-Ebene. PLR mit Schadstoffkonzentrationen der Dezile mit der höchsten beziehungsweise zweithöchsten Belastung wurden als hoch belastet eingestuft (> 21,1 µg/m3 für PM2,5 beziehungsweise > 24,1 µg/m3 für NO2 auf PLR-Ebene). Alle anderen Dezile wurden in der Gruppe mit mittlerer Belastung zusammengefasst. Damit werden die Planungsräume mit besonderem Handlungsbedarf identifiziert. Die Einordnung der kombinierten Belastung der PLR durch PM2,5 und NO2 wurde nicht nach der summarischen Belastung vorgenommen, sondern nach der Komponente mit der höchsten Belastungseinstufung im PLR, um so dem Schutzgut Gesundheit konsequent Rechnung zu tragen. In die hohe Belastungsklasse für die kombinierte Belastung mit PM2,5 und NO2 werden demnach die PLR eingeordnet, die entweder für PM2,5 oder für NO2 zur höchst oder zweithöchst belasteten Gruppe gehören. In die mittlere Belastungsklasse werden anschließend die übrigen PLR eingeordnet, die entweder für PM2,5 oder für NO2 zur mittleren Belastungsklasse gehören. In die niedrige Belastungsklasse werden die PLR eingeordnet, die sowohl für PM2,5 als auch für NO2 zu den zwei niedrigsten belasteten Gruppen gehören. Als Ergebnis liegt eine Bewertung der kombinierten Luftbelastung mit PM2,5 und NO2 aller 447 PLR in drei Belastungsklassen hoch belastet, mittel belastet, gering belastet vor (siehe Karte). Verteilung der Luftbelastungen über die Berliner Planungsräume Die Analyse der Luftbelastung durch PM2,5 beziehungsweise NO2 einschließlich der Belastung der Hauptverkehrsstraßen-Abschnitte in den PLR für das Jahr 2009 hat zu folgenden Ergebnissen geführt: Sowohl die räumliche Verteilung von PM2,5 als auch von NO2 zeigen den vermuteten Konzentrationsanstieg von der Peripherie der Stadt zum Zentrum und der Umweltzone hin, wobei sich eine Tendenz zu etwas höheren berechneten Werten insbesondere bei NO2 auch im Südwesten der Umweltzone zeigt. Der Anstieg der Belastung zum Zentrum wird folglich ebenfalls deutlich, wenn die PLR nach ihrer Gesamtbelastung durch PM2,5 und NO2 beurteilt werden. Insgesamt bestätigt die Untersuchung die Wahl der Lage und Größe der in Berlin ausgewiesenen Umweltzone. NO2-Belastungen weisen im urbanen Bereich häufig sehr kleinräumige Konzentrationsunterschiede auf. Hierzu tragen insbesondere Unterschiede in der Verteilung des Straßenverkehrs bei, was zu potenziell höheren Belastungen von Einwohnern an und um Hauptstraßen führt. Da es Ziel der Untersuchung war, eine Abstufung der mittleren Belastung der PLR zu ermitteln, wurden Varianzen innerhalb von PLR nicht berücksichtigt, sondern nur ein rechnerischer auf Hauptverkehrsstraßen-Abschnitte flächenbezogener Zusatzbeitrag zum PLR-Mittelwert angewendet. 155 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Im Rahmen dieser umweltgerechtigkeitsorientierten Untersuchung erfolgte die Einordnung der Belastung nicht im Vergleich zu Grenzwerten, sondern relativ in Bezug auf die zur Zeit der Untersuchung in Berlin berechneten Luftbelastungen. 2009 waren insgesamt 109 PLR (24 Prozent) einer hohen, 259 PLR (58 Prozent) einer mittleren, und 79 PLR (18 Prozent) einer niedrigen Luftbelastung durch PM2,5 und NO2 ausgesetzt (siehe Karte). Die höchsten mittleren Belastungen, die in Berlin für einen PLR innerhalb des betrachteten Jahres ohne zusätzlichen rechnerischen Verkehrszuschlag bestimmt wurden, betrugen 18,4 µg/m3 für PM2,5 und 27,3 µg/m3 für NO2, die Minima lagen bei 14,8 µg/m3 für PM2,5 und 11,3 µg/m3 für NO2. Vergleicht man diese Werte mit den Grenzwerten der EU-Luftqualitätsrichtlinie, die allerdings für die Bewertung von punktuellen Belastungen und nicht wie im vorliegenden Fall für Daten mit Flächenbezug dienen, so liegen die Maxima der Luftbelastung unter den Grenzwerten von 25 µg/m3 für PM2,5 beziehungsweise 40 µg/m3 für NO2. Entsprechend den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird deren Richtwert (Jahresmittelwert) von 10 µg/m3 für PM2,5 allerdings im gesamten Stadtgebiet überschritten, während die Luftbelastung mit NO2 auf PLR-Ebene unter dem Richtwert von 40 µg/m3 liegt. Sozialräumliche Belastungsunterschiede Der Vergleich der Klassifikation der kombinierten Luftbelastung durch PM2,5 und NO2 mit dem klassifizierten Status-Index zeigt die in Abbildung 1 dargestellten Zusammenhänge zwischen Luftbelastung und sozialer Problemdichte der PLR: 180 Abbildung 1: Klassifikation der PLR nach Luftbelastung durch PM2,5 und NO2 und sozialer Problemdichte (Die Säulenbeschriftungen geben die Zahl der betroffenen PLR an.) 168 Anzahl der Planungsräume (PLR) 160 140 120 gering 100 mittel 56 80 60 40 20 0 hoch 75 47 24 35 26 8 8 niedrig/sehr niedrig mittel hoch/sehr hoch Soziale Problemdichte In PLR mit mittlerer und hoher/sehr hoher sozialer Problemdichte sind mittlere Luftbelastungen die dominante Belastungskategorie. In diesen PLR nehmen jeweils hohe Belastungen den zweiten Rang und geringe Belastungen den dritten Rang ein. Im Unterschied dazu treten in PLR mit niedriger/sehr niedriger Problemdichte hauptsächlich geringe und mittlere Luftbelastungen auf, hohe Belastungen kommen nur in wenigen dieser PLR vor. Insgesamt weisen 5,8 Prozent aller PLR eine hohe, 12,5 Prozent eine mittlere und 1,8 Prozent eine geringe Luftbelastung sowie eine hohe/sehr hohe soziale Problemdichte auf. 16,8 Prozent aller PLR sind durch eine hohe, 37,6 Prozent durch eine mittlere und 5,6 Prozent durch eine geringe Luftbelastung sowie eine mittlere soziale Problemdichte charakterisiert. 1,8 Prozent aller PLR zeichnen sich durch eine hohe, 7,8 Prozent durch eine mittlere und 10,5 Prozent durch eine geringe Luftbelastung sowie eine niedrige/sehr niedrige soziale Problemdichte aus. Insgesamt zeigt sich eine deutliche Tendenz zu einer doppelten Benachteiligung verschiedener PLR, die sowohl durch einen niedrigeren Sozialstatus (höhere soziale Problemdichte) als auch eine höhere Luftbelastung als im Berliner Mittel gekennzeichnet sind. 156 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.3 Kernindikator 3: Sozialräumliche Verteilung der Grün- und Freiflächenversorgung in Berlin Einleitung Die räumliche Umweltungerechtigkeit konzentriert sich vor allem in den baulich hochverdichteten Innenstadtquartieren. Daher ist es wichtig, dass die Umwelt- und Gesundheitsbelastungen in diesen Stadträumen gezielt vermindert werden. Vor dem Hintergrund der Schaffung innerstädtischer Lebensqualitäten rückt die Versorgung der Bevölkerung mit Grün- und Freiflächen (wieder) stärker in den Vordergrund der Stadtentwicklung. Bewegung, Stressabbau und Erholung sind zentrale Motive für die Nutzung von Park- und Grünanlagen. Bewegungsmöglichkeiten und Entspannung im unmittelbaren Wohnumfeld werden zunehmend wichtiger, weil hierdurch gesundheitsfördernde Aktivitäten in die Lebenssituation der Quartiersbewohner integriert werden können. Grün- und Freiflächen, vor allem in dicht bebauten Stadtstrukturen, erfüllen zudem wichtige Funktionen für die Anpassung an den sich vollziehenden Klimawandel. Die klimatischen Wirkungen von Grün in Städten im Hinblick auf die Faktoren „„Kühlung und Sonnenschutz, „„Schutz vor Staub und Lärm und „„die Sauerstoffversorgung sind vielfach wissenschaftlich belegt. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek SRP Gesellschaft für Stadt- und Regionalplanung mbH Gösta Baganz Zusätzlich können negative Auswirkungen von Wetter-Extremereignissen wie Starkregen oder langandauernde Hitzewellen, die im Zuge des Klimawandels signifikant zunehmen werden, abgeschwächt werden. Zudem tragen urbane Grünstrukturen dazu bei, zahlreichen Tier- und Pflanzenarten in den Städten einen Lebensraum zu geben und die Artenvielfalt in den Städten zu erhalten. Daher wird das Grün in seinen unterschiedlichen Ausformungen in den Quartieren von der im Umfeld wohnenden Bevölkerung zunehmend geschätzt und in Anspruch genommen. Gemeinschaftliches Gestalten, die Kultur des kreativen Selbermachens und die Begegnung mit der Natur werden wiederbelebt und finden neue Räume und Gelegenheiten. Stadtgrün leistet damit als urbane Gesundheitsressource einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung der Gesundheit und des Wohlbefindens. Die Natur hat stimmungssteigernde und stressmildernde Effekte und kann auf Aggressionen und Gewalt eine dämpfende Wirkung haben. Studien belegen, dass psychische Störungen durch das Fehlen von Grün und Natur begünstigt werden. Mit Blick auf den Umweltgerechtigkeitsansatz rückt die sozialräumliche Verteilung – im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit – vor allem in sozial benachteiligten Stadtgebieten in den Vordergrund der Betrachtung. Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen leben häufig in einer Umwelt mit sehr dichter Bebauung und wenig Grünflächen. Grün im Stadtquartier, vor allem im unmittelbaren Wohnumfeld, ist vor allem für sozial Benachteiligte wichtig, da diese Bevölkerungsgruppe meist nicht über einen eigenen Garten verfügt. Hinzu kommt, dass diese Zielgruppen ihr Quartier vergleichsweise selten verlassen, da sie weniger mobil sind und oft nicht über einen eigenen Pkw verfügen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass in benachteiligten Quartieren die Grünstrukturen und auch die Gewässer gut erreichbar im Sinne einer nahen und direkten Zugänglichkeit sind. Vor diesem Hintergrund kommt der Partizipation, das heißt der aktiven Beteiligung sozial benachteiligter Bevölkerungsschichten an der Gestaltung urbaner Grünräume, besondere Bedeutung zu. Beteiligung birgt ein großes Potenzial für Gesundheitsförderung, Naturerfahrung und Umweltbildung und stärkt das soziale Miteinander. Dies ist gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung für ein ehrenamtliches Engagement und Interesse für den Naturschutz. Methode1 Bei der Betrachtung der vorhandenen Situation in den Planungsräumen werden wohnungsnahe (Einzugsbereich 500 Meter, circa 5 bis 10 Minuten Gehweg) und siedlungsnahe Grünanlagen (Einzugsbereich 1.000 bis 1.500 Meter) unterschieden. Die Zuordnung zum jeweiligen Freiraumtyp erfolgt anhand der Flächengröße. Dem unmittelbar dem Wohnumfeld zugeordneten Freiraumtyp „wohnungsnah“ genügen in der Regel schon Grünanlagen geringer Flächengröße (ab 0,5 Hektar), zum Freiraumtyp „siedlungsnah“ gehören alle Grünanlagen über 10 Hektar. Bei der Analyse der Versorgung der Bevölkerung mit Freiflächen werden in Berlin für den wohnungsnahen Freiraum 6 Quadratmeter pro Einwohner und für den siedlungsnahen Freiraum 7 Quadratmeter pro Einwohner in den Einzugsberei- 1 Eine ausführliche Beschreibung der komplexen Berechnungsmethode des Fachverfahrens „Versorgungsanalyse für die städtische Versorgung mit Grünflächen (VAG)“ ist im Internet im Rahmen des Begleittextes zur Umweltatlas-Karte „Versorgung mit öffentlichen, wohnungsnahen Grünanlagen“ vorhanden: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/ da605_02.htm 157 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 chen zugrunde gelegt beziehungsweise ein einzugsbereichbezogener Versorgungsgrad ermittelt. Bei der Versorgungsanalyse bleibt die Ausstattungsqualität einer Grünanlage unberücksichtigt. Grundlage für die planungsraumbezogene Ermittlung der Grün- und Freiflächenversorgung ist das Fachverfahren „Versorgungsanalyse für die städtische Versorgung mit Grünflächen (VAG)“ mit seinen vier blockbezogenen Versorgungsstufen (I, II, III, IV) sowie der Programmplan „Erholung“ im Landschaftsprogramm Berlin, der die Inhalte der Versorgungsanalyse in planerische Aussagen umsetzt. Im Ergebnis des ersten Analyseschrittes wird für rund 2,4 Millionen Einwohner ein differenzierter Versorgungsgrad mit öffentlichen Grünanlagen innerhalb des definierten Einzugsbereiches ermittelt; rund 1 Million Menschen wohnen außerhalb dieses Einzugsgebietes und gelten als „nicht versorgt“ (Versorgungsgrad IV). In einem zweiten, berlinweiten Schritt wird der auf den Einzugsbereich bezogene Versorgungsgrad im gesamten Stadtgebiet auf Teilblöcke (städtebauliche Strukturtypen) mit mehr als 10 Einwohner pro Hektar bezogen. Dieser Wert wird mit einem aus den stadtstrukturellen Gegebenheiten abgeleiteten Kennwert für die Versorgung mit halböffentlichen beziehungsweise privaten Grün- und Freiflächen zu einer teilblockbezogenen Versorgungsstufe kombiniert. Danach erfolgt die Aggregation der Versorgungsstufen auf die einzelnen Planungsräume (PLR), die dann in einem weiteren Schritt auf die Einwohner in den jeweiligen Planungsräumen bezogen werden. Zur Entwicklung des PLR-Indexes wurden folgende Ableitungsschritte zur Aggregation der Informationen der Teilblöcke (städtebauliche Strukturtypen) auf die Planungsräume durchgeführt: 1. Jeder der vier Versorgungsstufen wird ein Wichtungsfaktor von 1 bis 4 zuwiesen. Die beste Versorgungsstufe I bekommt den Faktor 4, die schlechteste Versorgungsstufe IV den Faktor 1. 2. Für jede dieser Versorgungsstufen werden die Einwohner im Planungsraum ermittelt, mit dem Wichtungsfaktor multipliziert und die Produkte addiert (Summe der Einzelprodukte). 3. Es wird der höchstmögliche Wert im Planungsraum (= alle Einwohner im PLR mit bester Versorgungsstufe I) errechnet. Um den Versorgungsindex des PLR zu ermitteln, wird die Summe der Einzelprodukte in Relation gesetzt zum höchstmöglichen Wert. 4. Ein PLR, in dem alle Einwohner die beste blockbezogene Versorgungsstufe haben, hat den Index-Wert 100. 5. Der PLR-Index wird nach den folgenden Grenzwerten in drei PLR-Versorgungskategorien transformiert: a) Versorgung: gut, sehr gut (100 bis über 75) b) Versorgung: mittel (75 bis über 50) c) Versorgung: schlecht, sehr schlecht, nicht versorgt (50 bis über 24) Auf dieser Grundlage wird für die planungsraumbezogene Auswertung ein – auf den Einzugsbereich bezogener Versorgungsgrad nach drei Versorgungsklassen bestimmt („schlecht/sehr schlecht“, „mittel“ und „gut/sehr gut“). 158 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 3: Grünversorgung 159 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Planungsraumbezogene Verteilung der Grünflächenversorgung Im Hinblick auf die Auswertung wird nach Planungsräumen „innerhalb“ und/oder „außerhalb“ des S-Bahn-Ringes unterschieden. Ein Planungsraum zählt dann zur „Innenstadt“, wenn sich mehr als 80 Prozent seiner Fläche im S-Bahn-Ring befinden. Von den insgesamt 447 Planungsräumen befinden sich 115 innerhalb und 332 außerhalb des S-Bahn-Ringes. 50 Abbildung: Bevölkerung nach Versorgungskategorie und Status-Index Anteil der Bevölkerung in Prozent 45 11,9 40 35 30 0,6 25 20 15 niedrige, sehr niedrige Problemdichte mittlere Problemdichte 0,2 25,8 hohe, sehr hohe Problemdichte 19,7 19,0 10 5 0 7,6 5,8 schlecht/sehr schlecht mittel 9,4 gut/sehr gut Versorgung mit Grünflächen Das Ergebnis zeigt, dass rund die Hälfte der Berliner Bevölkerung (47 Prozent) „gut/sehr gut“ versorgt, ein Viertel (25 Prozent) mittelmäßig und ein Viertel (28 Prozent) „schlecht/sehr schlecht“ oder „nicht versorgt“ ist. Nur 5 Prozent der „gut/sehr gut“ versorgten Einwohner wohnen innerhalb, 95 Prozent außerhalb des S-Bahn-Ringes. Bei den mittelmäßig versorgten Einwohnern ist das Verhältnis nicht so extrem, hier wohnen 44 Prozent innerhalb des S-Bahn-Ringes und 56 Prozent außerhalb. Die schlecht, sehr schlecht oder nicht versorgten Einwohner wohnen zwar zum größeren Teil innerhalb des S-Bahn-Ringes (55 Prozent), jedoch auch zu einem erheblichen Teil außerhalb (45 Prozent), wobei angenommen werden kann, dass sich diese Planungsräume stadtstrukturell der Innenstadt zurechnen lassen. Dabei gibt es einen Zusammenhang zwischen der PLR-Versorgungskategorie und der durchschnittlichen blockbezogenen Einwohnerdichte. Sowohl in der Innenstadt als auch in den Außenbezirken fällt die Versorgungsqualität mit steigender Einwohnerdichte. Das heißt, dass eine dichte Bebauung tendenziell das Grünflächenangebot reduziert. Hierbei ist zu beachten, dass auch Planungsräume mit höheren Einwohnerdichten teilweise eine gute Grünflächenversorgung haben. So haben 18 Planungsräume in der Innenstadt die „gute“ Versorgungskategorie 1 bei einer Einwohnerdichte von 146 Einwohner pro Hektar, während in den Außenbezirken 48 Planungsräume, deren Einwohnerdichte mit 163 Einwohner pro Hektar nur 12 Prozent höher ist, die „schlechte“ Kategorie 3 besitzen. 160 Anteil der Planungsräume Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 300 Abbildung: Planungsräume nach Versorgungskategorie und Status-Index 250 niedrige, sehr niedrige Problemdichte 82 200 150 100 50 0 8 3 65 72 27 23 schlecht/sehr schlecht mittel mittlere Problemdichte hohe, sehr hohe Problemdichte 127 40 gut/sehr gut Versorgung mit Grünflächen Die quantitative Auswertung für einen niedrigen Status-Index bei gleichzeitig schlechter Grünversorgung zeigt folgendes Bild: Insgesamt 27 Planungsräume mit rund 269.000 Einwohner/innen befinden sich in dieser Kategorie. Sie liegen überwiegend im Innenstadtbereich, wobei sich Konzentrationen im Wedding beziehungsweise Gesundbrunnen und in Neukölln zeigen. Weiter außerhalb sind einzelne Planungsräume wie die Thermometersiedlung (Lichterfelde Süd), die Marzahner Promenade sowie die Scharnweberstraße und die Klixstraße (Reinickendorf) betroffen. Vielfach handelt es sich um Planungsräume, die weitere Belastungen (drei-, vier- und fünffache Belastung) aufweisen. Hinweis Grundlage für die Auswertungen sind die Analysen des Büros SRP Gesellschaft für Stadtund Regionalplanung mbH. 161 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.4 Kernindikator 4: Bioklima – Sozialräumliche Verteilung der bioklimatischen Belastung in Berlin Metropolenräume sind bereits heute Räume für die Ausbildung eines spezifischen städtischen Klimas; sie haben aber auch einen großen Anteil an den Ursachen des sich ausbildenden Klimawandels. Auf der anderen Seite sind sie in besonderem Maße von den Folgen des Klimawandels betroffen. Grund hierfür sind vor allem die hohe Bevölkerungsdichte und die Ballung technischer Infrastrukturen. Vor allem die stärkere Aufheizung der Innenstädte in den Hitzeperioden und die geringere nächtliche Abkühlung können negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen sowie die Zusammensetzung von Flora und Fauna haben. In den verdichteten Innenstadtbereichen bildet sich ein vor allem durch die Abwärme von Bauwerken beeinflusstes Klima aus, bei dem die nächtlichen Minimumtemperaturen zum Teil deutlich über denen des Umlandes liegen. Dieser Aspekt der bioklimatischen Belastung in der Nacht hat für die Bevölkerung herausragende Bedeutung. Durch den sich vollziehenden Klimawandel wird sich aller Voraussicht nach auch die bioklimatische Situation Berlins verschlechtern. Hiervon werden vor allem dicht bebaute Stadtteile mit einem hohen Versiegelungsgrad und wenig Grünflächen betroffen sein. Bereits heute ist in diesen dicht bebauten Innenstadtquartieren die bioklimatische1 Belastung besonders hoch. Die Sommer der Jahre 2003 und 2006 haben gezeigt, welche gravierenden Auswirkungen sommerliche Hitzewellen auf das öffentliche Leben haben können. Durch die extrem heißen Temperaturen kam es vor allem in Großstädten zu einer starken gesundheitlichen Belastung der Bevölkerung. In Berlin konnte im Sommer 2003 ein Anstieg der Todesfälle verzeichnet werden. Hitzestress führt zu einer erhöhten Morbidität und Mortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als Risikogruppen gelten dabei Kleinkinder und Senioren sowie Menschen mit einer einschlägigen Vorerkrankung. Aufgrund der unterschiedlichen Strahlungs- und Wirkungsbedingungen ist es wichtig, die beiden Tageshälften getrennt zu betrachten. Am Tag dominiert die direkte, kurzwellige Strahlung der Sonne, nachts geben Bauten und versiegelte Flächen die gespeicherte Wärme als langwellige Wärmestrahlung ab. Aus medizinischer Sicht sind aufgrund der meist ungeschützten direkten Hitzeeinwirkung und der verminderten Thermoregulation vor allem Kleinkinder gefährdet. Bei älteren Menschen ist es vor allem die verminderte Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems, von denen die Gesundheitsgefährdung ausgeht. Auch die Wirkorte unterscheiden sich nach der Tagessituation (Gebiete mit hoher Arbeitsplatzdichte) und der nächtlichen Situation (schwerpunktmäßig Wohngebiete). In jedem Fall kommt dem erholsamen Schlaf für die Regeneration des Organismus eine zentrale Bedeutung zu. Diese notwendige Nachtruhe kann aber durch eine Erhöhung der nächtlichen Temperaturwerte erheblich gestört werden. Universität Kassel, Fachgebiet Umweltmeteorologie Prof. Dr. Lutz Katzschner, Dr.-Ing. René Burghardt Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Umweltatlas Jörn Welsch Methode/Datengrundlage/Analyse Die klimatische Situation in Berlin ist durch den Einfluss eines kontinentalen Klimas mit einem in den Sommermonaten erhöhten Potenzial starker Wärmebelastung geprägt, das zusätzlich durch den urbanen Wärmeinseleffekt verstärkt wird. Hinzu kommt in Zeiten sommerlicher Hochdruckwetterlagen, dass die im Jahresmittel recht hohen Windgeschwindigkeitswerte eine deutliche Ventilationsschwäche erfahren, so dass auch dieser Effekt die Aufheizung und mangelnde Abkühlung der Stadt verstärkt. Bei der Entwicklung des Stadtentwicklungsplans Klima (StEP Klima) wurde zur Bewertung der bioklimatischen Situation der dimensionslose Bewertungsindex „PMV2“ zugrunde gelegt. Dabei wurde methodisch zur Bewertung der Tag- und Nachtsituation unterschiedlich vorgegangen. Für die Ermittlung der bioklimatischen Belastung im Sinne des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes wurde zusätzlich ein abweichender Bewertungsindex, der PET3, herangezogen. Die Begründung liegt vor allem in der Ausrichtung dieses Bewertungsansatzes, da hier stärker die umweltmedizinische Komponente in die Berechnungen eingeht. Tabelle 1 verdeutlicht den Zusammenhang der beiden Bewertungsindizes und ihre Zuordnung zu Belastungsstufen. Bestimmende Grundlage zur Bewertung waren die Werte zur nächtlichen Abkühlung, die damit besonders die Bedeutung der körperlichen Ruhephase während der Nacht als entscheidendes Kriterium herausstellen. 1 Bioklima wird hier verstanden als Summe aller Klimafaktoren, die auf den Menschen und andere lebende Organismen einwirken und deren Wohlbefinden und Gesundheit beeinflussen. Es beschreibt und bewertet die thermischen Verhältnisse der Atmosphäre. Neben Hitze und Kälte zählen dazu auch die Luftfeuchtigkeit, die Windverhältnisse und andere Wetterphänomene. Hinweis: in Texten oder Abbildungen des Basisberichtes wird zum Teil für „bioklimatische Belastung“ synonym auch der Begriff „thermische Belastung“ verwendet. 2 PMV = Predicted Mean Vote („vorausgesagter mittlerer Wert“) ein dimensionsloser klimatischer Bewertungsindex 3 PET = „Physiologisch Äquivalente Temperatur“ (engl. Physiological Equivalent Temperature), Angaben in °C 162 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Darüber hinaus wurde jedoch auch das Potenzial an Wärmestress während des Tages mitberücksichtigt, indem Häufigkeitsauszählungen von wärmebelastenden Sommertagen durchgeführt wurden. Diese wurden definiert als Tage mit einem PMV-Wert von mindestens 1,8 bei gleichzeitig fehlender nächtlicher Abkühlung. Grundlage der Ermittlung waren Flächennutzungsinformationen wie die blockweise Bebauungsdichte. Aus diesen Eingangsdaten wurden die zusammenfassenden PET-Werte bestimmt, auf deren Basis die Zuordnung der Planungsräume zu den drei Stufen der bioklimatischen Belastung stattfand. PMV-Index PMV PET-Index Thermisches Empfinden Thermophysiologische Beanspruchung Subjektives Empfinden Zugeordneter PET-Mittelwert 3,5 sehr heiß extreme Wärme­belastung sehr heiß 36 2,5 heiß starke Wärmebelastung heiß 33 1,5 warm mäßige Wärme­belastung sehr warm 31 0,5 leicht warm schwache Wärme­belastung warm 29 0 behaglich Komfort möglich angenehm 25 -0,5 leicht kühl schwacher Kältestress 18 -1,5 kühl mäßiger Kältestress 13 -2,5 kalt starker Kältestress < 13 -3,5 sehr kalt extremer Kältestress Tabelle 1: PMV- und PET-Index im Vergleich, nach: VDI (1998); Matzarakis & Mayer (1996); Katzschner (2007) Um den Faktor Bioklima entsprechend dem Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz bewerten zu können, war eine Aggregration der ermittelten PET-Werte auf eine dreistufige Skala notwendig. Auf der Basis der in Tabelle 1 dargestellten linearen Zuordnung von PMV-Werten zu PETWerten wurde in einem weiteren Schritt eine dreistufige Einteilung entwickelt, bei der eine Vulnerabilitätsbewertung der betroffenen Bevölkerung im Vordergrund steht. Dazu wurden die Belastungsstufen nach den bereits beschriebenen Kriterien „„Potenzial für nächtliche Abkühlung sowie „„möglicher Hitzestress am Tag ermittelt und integriert. Kategorie PET PET (Nacht) oC (Tag) oC Δ PET Beschreibung Bioklimatische Belastungsstufe 1 < 10 < 24 > 14 2 15-21 24-31 ca. 10 nächtliche Abkühlung eingeschränkt belastet/weniger günstig/ mittel 3 > 24 > 32 <8 nächtliche Abkühlung eingeschränkt mit hohen Tageswerten stark belastet/ ungünstig/ hoch Tabelle 2: Dreistufige PET-Einteilung Komfortbereich neutral/günstig/ mit ausreichender gering Abkühlung Ergebnisse Die nachfolgende Karte zeigt die Verteilung des Faktors „bioklimatische Belastung“4 auf der Ebene der Planungsräume (PLR) in Berlin. Hierbei wurde der verwendete thermische Index PET entsprechend der in Tabelle 2 dargestellten drei Stufen auf die einzelnen Planungsräume übertragen. Dargestellt wurden nur die bewohnten Flächen gemäß Miet- 4 Die Bewertung der bioklimatischen Belastung wird als „Kernindikator 4“ entsprechend dem Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz bezeichnet. 163 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 spiegel 2013. Es wird deutlich, dass alle Stadtstrukturen mit dichter Bebauung Wärmebelastungen aufweisen, die auch nachts nicht ausreichend kompensiert werden können. Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Großräumige Grünanlagen haben aufgrund der ausreichenden Beschattung am Tage ein gutes Abkühlungspotenzial. Deren Wirkung wird auch auf kleinräumiger Ebene sichtbar. Karte: BewertungBewertung des Kernindikators 4 „bioklimatische Belastung“ der Ebene der Planungsräume in Berlin Karte: des Kernindikators 4auf „bioklimatische Belastung“ Basisbericht 2016/17 auf der Ebene der Planungsräume in Berlin Mit Blick auf die menschliche Gesundheit sind bei der Bewertung der bioklimatischen Situation allemauf drei die Beurteilungskriterien besonders wichtig: MitvorBlick menschliche Gesundheit sind bei der Bewertung der bioklimatischen Situation vor 1. Grad der Hitzebelastung am Tage, dreieiner Beurteilungskriterien besonders wichtig: 2. allem Potenzial ausreichenden nächtlichen Abkühlung, 3. 1.Vorhandensein räumlich naher Erholungsräume. Grad der Hitzebelastung am Tage, Potenzial Abkühlung, Die2. roten Bereiche einer zeigen ausreichenden hohe Belastungen nächtlichen aufgrund der dort vorhandenen dichten Baustrukturen, welche geringe Abkühlung und einen hohen Wärmestau bewirken. Dadurch ist 3. Vorhandensein räumlich naher Erholungsräume. der menschliche Körper bei entsprechenden sommerlichen Strahlungswetterlagen thermisch belastet, wobei die unzureichende nächtliche Möglichkeit zur Wärmeabgabe gesundheitlich besonders relevant ist. In den gelben Gebieten sind tagsüber ebenfalls hohe Diezuroten Bereiche zeigen hohe Belastungen der dort vorhanvorhandenen dichten Baustrukturen, Werte erwarten, jedoch ist hier eine nächtliche Abkühlungaufgrund zumeist ausreichend welche geringe Abkühlung und einen hohen Wärmestau bewirken. Dadurch ist der menschliche Körden. In den grünen Planungsräumen herrscht dagegen in der Regel aufgrund der aufgelockerten Bebauungsstrukturen mit höherem Grünanteil eine günstige bioklimatische Situaper bei entsprechenden sommerlichen Strahlungswetterlagen thermisch belastet, wobei die unzution am Tage und in der Nacht. Im Falle kleinräumigerer Belastungssituationen sind in der reichende nächtliche Möglichkeit zur Wärmeabgabe gesundheitlich besonders relevant ist. In den Regel klimatische Ausgleichsflächen in günstiger räumlicher Nähe vorhanden. gelben Gebieten sind tagsüber ebenfalls hohe Werte zu erwarten, jedoch ist hier eine nächtliche Abkühlung zumeist ausreichendgroßräumige vorhanden. In den grünen herrscht dagegen in der Dies verdeutlicht, dass insbesondere Grünanlagen ein gutesPlanungsräumen Abkühlungspotenzial mit ausreichender Beschattung am Tage bieten können, so dass diese Wirkungen Regel aufgrund der aufgelockerten Bebauungsstrukturen mit höherem Grünanteil eine günstige biosich auch kleinräumig abbilden. Eine weitere Auswertungsmöglichkeit ergibt sich, wenn die klimatische Situation am Tage und in der Nacht. Im Falle kleinräumigerer Belastungssituationen sind Planungsräume differenzierter betrachtet werden, indem die städtebaulichen Strukturen der Regel klimatische Ausgleichsflächen in günstiger räumlicher Nähe aufinBlockebene unter Berücksichtigung der jeweiligen Tageshöchstwerte (> 32 °C PET) in vorhanden. dieDies Betrachtung einbezogen werden. Durch die Integration dieser Werte wird vor allem fürgutes Abkühlungspotenzial mit verdeutlicht, dass insbesondere großräumige Grünanlagen ein großflächigere Planungsräume ein höherer Detailgrad erreicht. Hierdurch kann eine realis- ausreichender Beschattung am Tage bieten können, so dass diese Wirkungen sich auch kleinräumig abbilden. Eine weitere Auswertungsmöglichkeit ergibt sich, wenn die Planungsräume differenzierter betrachtet werden, indem die städtebaulichen Strukturen auf Blockebene unter Berücksichtigung der 164 jeweiligen Tageshöchstwerte (>32°C PET) in die Betrachtung einbezogen werden. Durch die Integra- Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 tischere Einschätzung der Belastungen in Teilräumen des Planungsraumes erfolgen. In Abbildung 2 wird zusätzlich die Berlin räumliche Verteilung der Höchstwerte („Hotspots“) auf der Umweltgerechtigkeit im Land Planungsraumebene dargestellt. Wenn die PET-Werte der Blockstrukturen für jeden Planungsraum im Durchschnitt über dem Schwellenwert von über 32 °C PET liegen, wird der gesamte Planungsraum als Hotspot markiert. Karte: Bewertung des Kernindikators 4 „bioklimatische Belastung“ auf der Ebene derBelastung“ Planungsräume auf in Berlin zusätzlicher Karte: Bewertung des Kernindikators 4 „bioklimatische dermitEbene der Bewertung von hochbelasteten Teilräumen Basisbericht 2016/17 Planungsräume in Berlin mit zusätzlicher Bewertung von hochbelasteten Teilräumen Zusammenfassung Von insgesamt 447 Planungsräumen sind 228 Planungsräume von einer hohen bioklimatiZusammenfassung schen Belastung betroffen. 170 Planungsräume sind mittel belastet und 49 Planungsräume sind unbelastet. Berlinweit weisen insgesamt Planungsräume eine Von insgesamt 447 Planungsräumen sind 22865 Planungsräume von hohe einerbiohohen bioklimatischen Beklimatische Belastung und gleichzeitig eine hohe soziale Problemdichte auf. Hiervon sind lastung betroffen. 170 Planungsräume sind mittel belastet und 49 Planungsräume sind unbelastet. insgesamt betroffen. Im erweiterteneine Innenstadtbereich (Bereich der Berlinweit611.791 weisenEinwohner insgesamt 65 Planungsräume hohe bioklimatische Belastung und gleichzeitig Umweltzone) liegen 40 Planungsräume, die gleichzeitig eine hohe bioklimatische Belaseineund hohe Problemdichte Hiervon sind insgesamt 611.791 Einwohner betroffen. Im erweitung einesoziale schlechte Sozialstruktur auf. aufweisen. terten Innenstadtbereich (Bereich der Umweltzone) liegen 40 Planungsräume, die gleichzeitig eine hohe bioklimatische Belastung und eine Sozialstrukturbeziehungsweise aufweisen. Planungsräume, die gleichzeitig sowohl eine schlechte schlechte Sozialstruktur hohe Problemdichte wie auch eine hohe bioklimatische Belastung aufweisen, liegen vor Planungsräume, die gleichzeitig sowohl eine schlechte Sozialstruktur bzw. hohe Problemdichte wie allem in folgenden Gebieten: eine hohe bioklimatische Belastung aufweisen liegen vor allem in folgenden Gebieten: „auch „Wedding/Gesundbrunnen, „- „Moabit, Wedding/Gesundbrunnen, „„Kreuzberg Nord (Askanischer Platz, Mehringplatz, Moritzplatz), Moabit, „- „Nord-Neukölln (zum Beispiel Rollberge, Schillerkiez, Körnerpark, Rixdorf), „- „Spandau (zum Beispiel Paul-Hertz-Siedlung, Darbystraße,Moritzplatz), Germersheimer Platz, KurKreuzberg Nord (Askanischer Platz, Mehringplatz, straße, Carl-Schurz-Straße), Nord-Neukölln (z.B.(zum Rollberge, Schillerkiez, Körnerpark, Rixdorf), „- „Marzahn-Hellersdorf Beispiel Marzahner Promenade, Wuhletal, Helle Mitte), „- „Hohenschönhausen Nord (zum Beispiel Falkenberg Ost und West), Spandau (z.B. Paul-Hertz-Siedlung, Darbystraße, Germersheimer Platz, Kurstraße, Carl-Schurz„„Reinickendorf (zum Beispiel Letteplatz, Klixstraße, Scharnweberstraße, Märkisches Straße), Zentrum). - Marzahn-Hellersdorf (z.B. Marzahner Promenade, Wuhletal, Helle Mitte), - Hohenschönhausen Nord (z.B. Falkenberg Ost und West), - Reinickendorf (z.B. Letteplatz, Klixstraße, Scharnweberstraße, Märkisches Zentrum). 165 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 4: Thermische Belastung 166 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur EU RUROS Project (2004): Design guideline open space planning and comfort, CRES, Athen. Katzschner, L. (2006): Microclimatic thermal comfort analysis in cities for urban planning and open space design, Comfort and Energy Use in Buildings, Network for Comfort and Energy use in Buildings (NCUB), www.nceub.or.uk, London. Katzschner, L., Bruse, M., Drey, Chr., Mayer, H. (2007): Untersuchung des thermischen Komforts zur Abpufferung von Hitze durch städtebauliche Konzepte, Berichte des Meteorologischen Instituts der Universität Freiburg Nr. 16, S. 37-42. Matzarakis, A., Mayer, H. (1996): Another kind of environmental stress: thermal stress, WHO Newsletter Nr. 18, S. 7-10. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin: a) Umweltatlas Berlin, Teil Klima 2009: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/dinh_04.htm b) StEP Klima Projektbericht 2011: Download unter: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtentwicklungsplanung/download/klima/step_klima_broschuere.pdf c) Geo-Net: Bericht zur Modellanwendung im Rahmen des StEP Klima 2011: Download unter: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/download/StEP_Klima/SenStadt_StEP_ Klima_Fachbeitrag_Klimamodellierung.pdf d) Umweltgerechtigkeitsbericht Verein Deutscher Ingenieure (VDI) 3787 Blatt 2 1998: Methoden zur human- biometeorologischen Bewertung von Klima und Luftqualität für die Stadt- und Regionalplanung. 167 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.5 Kernindikator 5: Soziale Problematik/Status-Index Umweltgerechtigkeit thematisiert die sozial und räumlich ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen und Ressourcen. Es ist daher notwendig, die sozialen Unterschiede zwischen den einzelnen Quartieren beziehungsweise Planungsräumen so genau wie möglich zu erfassen. Das Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) 2013 liefert kleinräumige Aussagen zur Veränderung der sozialstrukturellen und sozialräumlichen Entwicklung in den 447 Planungsräumen der Hauptstadt. Die erforderlichen Fachdaten wurden auf der untersten Ebene der Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) verarbeitet. Sie sind daher für den neu entwickelten Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz als Beobachtungsinstrument für die Soziale Problematik eine geeignete Grundlage für den Kernindikator 5. In diesem Zusammenhang war weiter entscheidend, dass für die Beschreibung der sozialen Problematik, die Daten auch geeignet sind, objektive Sachverhalte zu beschreiben, die eine klare Bewertung zulassen. Gleichzeitig musste die Erfassung der Sozialdaten auf Gesamterfassungen beruhen und nicht mit dem Risiko von Stichprobenfehlern behaftet sein. Dies schließt beispielsweise die Nutzung von schulbezogenen Daten, die nur für Schuleinzugsbereiche vorliegen, ebenso aus wie die Daten aus der Wahlstatistik, die für Stimmbezirke und Wahlkreise erhoben werden. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Das Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013 stützt sich auf ein Set von vier Index-Indikatoren aus dem Bereich der Sozialberichterstattung (Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Transferbezug (SGB II und XII) und Kinderarmut (Transferbezug SGB I der unter 15-Jährigen)), die dann zur Bildung zusammengefasster Indexwerte herangezogen werden, weil sie die methodische Anforderung (hohe Interkorrelation) erfüllen und den Sachverhalt „Soziale Ungleichheit“ beschreiben. Die Indexindikatoren werden als „Status-“ und als „Dynamikindikatoren“ abgebildet, wobei die Dynamikindikatoren jeweils die Veränderung eines Statusindikators im Verlauf von zwei Jahren aufzeigen. In Abstimmung mit dem Referat I A Stadtentwicklung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wurden zur Entwicklung der kleinräumigen Umweltgerechtigkeitsanalyse sowie für die Mehrfachbelastungskarte (Umweltgerechtigkeitskarte 2014/2015) nur die Aussagen zum Status-Index aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013 verwandt. Grund war, dass bei den anderen Kernindikatoren sowie bei den Ergänzungsindikatoren die Veränderungen im Zeitverlauf – die Dynamik – auch nicht berücksichtigt wurden. Mit Blick auf den methodischen Ansatz der Umweltgerechtigkeitsanalyse wurde darüber hinaus – wie bei den anderen Themenfeldern – die im Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013 verwendete Vierer-Kategorie (hoch, mittel, niedrig, sehr niedrig) zu einer pragmatischen Dreier-Kategorie (Ampel) zusammengefasst, wobei die Kategorien „niedrig“ und „sehr niedrig“ zu einer Klassifikation zusammengeführt wurde. Die Dreier-Klassifikation des Status-Index im Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz ist: „hohe/sehr hohe Problemdichte“, „mittlere Problemdichte“ und „niedrige/sehr niedrige Problemdichte“. Die räumliche Auswertung und Abbildung in der Karte zeigt deutliche Schwerpunkte in Planungsräumen mit niedrigem/sehr niedrigem Status-Index. Vor allem sind dies gründerzeitlich geprägte Ortsteile im früheren Westteil der Stadt. Besonders stechen namentlich Kreuzberg, Wedding und Nord-Neukölln sowie die Altbauquartiere im Zentrum Spandaus hervor. Ein anderer Schwerpunkt sind Großsiedlungen des sozialen beziehungsweise des industriellen Wohnungsbaus in beiden Stadthälften. Zu nennen sind hier vor allem Märkisches Viertel und Falkenhagener Feld im Westen und Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf im Osten der Stadt. Auch „kleinere“ Großsiedlungen wie Lichtenrade Ost oder Lichterfelde Süd bilden sich in der Auswertung ab. 168 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Kernindikator 5: Soziale Problematik (Status-Index nach Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2013) 169 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.6 Zusammenführung der umweltbezogenen Kernindikatoren – Die Mehrfachbelastungskarte Umwelt Datengrundlage und Methode Als Variablen für die Analyse der Umweltbelastungen in den 447 Planungsräumen (PLR) wurden die Luft-, Lärm- und die bioklimatische Belastung ausgewählt. Die Freiflächenverfügbarkeit als vierte Variable wurde als eine Umweltressource betrachtet, die hier in ihrer inversen Bedeutung eingeflossen ist; das heißt, je weniger Freiflächenverfügbarkeit, desto höher ist die „Umweltbelastung“. Für die Auswahl und Integration dieser vier umweltbezogenen Indikatoren war der Gesundheitsbezug entscheidend (vergleiche Wheeler 2004; Niemann et al. 2005; Rey et al. 2005; Groenewegen et al. 2006). Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth Um die Vergleichbarkeit der Umweltindikatoren zu gewährleisten, wurden die Einzelindikatoren in einer Dreier-Kategorie (zum Beispiel 1. nicht belastet, 2. mittel belastet, 3. hoch belastet) klassifiziert und entsprechend zur Darstellung der Mehrfachbelastungen zusammengefasst. Zur Darstellung der parallelen Belastung von Planungsräumen durch mehrere Umweltindikatoren wurden die jeweils höchsten Belastungsklassen der Einzelindikatoren kombiniert. Planungsräume mit einer Klassifizierung aller Faktoren als „gut“ oder „mittel“ (Klasse 2) werden somit als „unbelastet“ betrachtet beziehungsweise dargestellt, Planungsräume mit genau einem Umweltindikator, der der „hohen“ Belastungsklasse angehört, als „einfach belastet“, Planungsräume mit zwei, drei oder vier Umweltindikatoren in den höchsten Belastungsklassen als zweifach, dreifach oder vierfach belastet. Die Darstellung der Mehrfachbelastung ermöglicht somit eine transparente Darstellung der einzelnen Umweltindikatoren in einer Karte der Umweltbelastungskarte für Berlin („4-fach-Belastungskarte“). Auswertung für die Gesamtstadt Die hohe Bedeutung der umweltbedingten gesundheitsrelevanten Mehrfachbelastung für den städtisch geprägten Raum ist deutlich zu erkennen. So korrelieren Werte der Luftbelastung, der bioklimatischen Belastung und der Freiflächenverfügbarkeit signifikant miteinander. Insgesamt weisen 8 PLR (2 Prozent) eine vierfache Belastung durch alle untersuchten Umweltindikatoren auf. 53 PLR (12 Prozent) werden durch drei, 105 PLR (23 Prozent) durch zwei, 122 PLR (27 Prozent) durch eine und 159 PLR (36 Prozent) durch keine der untersuchten Umweltbelastungen stark oder sehr stark belastet. Auch eine räumliche Konzentration der mehrfach belasteten PLR im Innenstadtbereich und erweiterten Innenstadtbereich ist deutlich ablesbar. Ein räumliches Cluster von vierfach belasteten PLR befindet sich am Alexanderplatz und der davon abgehenden Karl-MarxAllee. Ebenfalls innerhalb der Umweltzone Berlins, also in den Innenstadtbereichen, liegen fast alle PLR mit dreifacher Belastung. Doppelt belastete PLR finden sich zusätzlich zu den Innenstadtbereichen auch einem linearen Muster folgend, zum Beispiel entlang von Hauptverkehrsstraßen, in den an die Umweltzone angrenzenden Räumen. Die PLR ohne Mehrfachbelastung befinden sich ausschließlich außerhalb der Umweltzone und vorwiegend an der Berliner Stadtgrenze. Die beiden nachfolgenden Diagramme zeigen „„die Anteile der unterschiedlich belasteten Planungsräume und „„die Größe beziehungsweise den Anteil der jeweils von den unterschiedlichen Graden der Belastungen betroffenen Bevölkerung. 170 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Umwelt (Stand Juni 2014) 171 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Abbildung: Anteile der Planungsräume mit mehrfachen Belastungen in Berlin 8 53 vierfach dreifach 159 105 zweifach einfach unbelastet 122 61.446 1,7 % Abbildung: Bevölkerung nach dem unterschiedlichen Grad der Belastung 508.882 14,5 % vierfach dreifach zweifach 1.062.592 30,2 % 912.287 25,9 % einfach unbelastet 972.217 27,6 % 172 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.7 Ergänzungsindikator 1: Überwiegende Realnutzung Die Karte „Überwiegende Realnutzung“ stellt die derzeit dominierende bauliche Nutzung auf der Ebene der 447 Planungsräume dar. Um möglichst praxistaugliche, transparente und nachvollziehbare Aussagen zu erhalten, ist die überwiegende reale Nutzung auf insgesamt vier (Haupt-)Kategorien zusammengefasst beziehungsweise differenziert worden: Wohnnutzung, Mischnutzung, Kerngebietsnutzung und gewerblich-industrielle Nutzung einschließlich Ver- und Entsorgung. Dies erfolgte entlang den schalltechnischen Orientierungswerten „Verkehrslärm“ für die städtebauliche Planung gemäß Beiblatt 1 zur DIN 18005. In einer fünften Kategorie wurden Planungsräume dargestellt, die überwiegend nicht baulich genutzt wurden. Grundlage ist die Zusammenstellung der Realnutzung (Stand 31. Dezember 2015) im Berliner Umweltatlas. Es wird hier jeweils die Nutzung mit dem höchsten Flächenanteil im PLR und ihre Verteilung über die Stadtfläche dargestellt. Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth Es überrascht – etwa im Vergleich mit dem Flächennutzungsplan – der sehr hohe beziehungsweise vorwiegende Anteil an PLR mit überwiegender Wohnnutzung. Hierbei ist zu beachten, dass diese über kleinräumliche Nutzungsdifferenzierungen und Nutzungen mit geringem Anteil hinweggehende zusammenfassende Darstellung die Nutzungsvielfalt der Stadt nivelliert und schematisch auf die jeweils wesentliche Nutzungskategorie reduziert. Die Karte verdeutlicht, dass Berlin in weiten Teilen des bebauten Stadtgebietes überwiegend von der planungsrechtlich als „Allgemeines Wohngebiet“ charakterisierten Nutzung geprägt ist. Das heißt, es sind in nahezu allen PLR das Wohnen und die damit verbundenen Sensibilitäten für Umweltbelastungen signifikant. In der Verteilung der überwiegend realen Nutzung der bebauten Fläche auf das Stadtgebiet gibt es charakteristische Strukturen. Planungsräume mit überwiegender Wohnnutzung sowie mit überwiegend gewerblich-industrieller Nutzung sind im Stadtrandbereich deutlich häufiger als innerhalb des S-Bahn-Ringes, während gleichzeitig hier die Misch- und Kerngebietsnutzung stärker vertreten sind. Dies gilt selbst für die hier vorgenommene „nivellierende“ Form der Darstellung. Aufgrund der günstigen Transportbedingungen konzentrieren sich die Planungsräume mit überwiegend gewerblicher-industrieller Nutzung vor allem entlang der Wasserwege und Bahnlinien. Zusammen mit der Karte zur Baustruktur ist die Karte „Überwiegende Realnutzung“ eine wichtige Ergänzung zum Verständnis der räumlich-strukturellen Grundlagen für die fachlich-inhaltliche Präzisierung der Kernindikatoren des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. 173 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Überwiegende Realnutzung 174 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.8 Ergänzungsindikator 2: Sozialräumliche Verteilung der Baustruktur Einleitung Mit den Untersuchungen zur Umweltgerechtigkeitssituation soll der Frage nachgegangen werden, wie in Berlin gesundheitsrelevante Umweltbelastungen räumlich verteilt sind. Diese neue räumliche Betrachtungsebene erfolgt durch Zusammenführung von Informationen zu unterschiedlichen Belastungsfaktoren (Themenfelder Lärm, Luftbelastungen, Freiflächenversorgung, Bioklima, Sozialstruktur/Entwicklungsindex) auf einen gemeinsamen Raumbezug (Planungsräume, im Folgenden PLR abgekürzt, in der Gesamtstadt beziehungsweise in der Umweltzone). Ziel der Untersuchungen ist die Entwicklung eines praxistauglichen Umweltgerechtigkeitsfaktors als Grundlage für die Raumbeobachtung und als Entscheidungsgrundlage für planerische und politische Prioritätensetzungen. Diese Herangehensweise stellt einen wichtigen integrierten Ansatz dar, der nicht nur stadträumliche/städtebauliche und soziale Aspekte in einen Kontext bringt, sondern zugleich wichtige Umweltaspekte damit verknüpft. Für die Bewertung der Lebensumstände in der Stadt und die mögliche Ableitung von differenzierten Untersuchungen sowie unter Umständen konkreten Maßnahmen würde damit ein wichtiges neues Instrument geschaffen. Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth Gegenstand der Untersuchung zum Themenfeld Stadtplanung ist es, diese Ergebnisse hinsichtlich stadtplanerisch relevanter Kriterien konkreter zu prüfen. Folgende Fragen standen im Vordergrund: „„Inwieweit beeinflusst die unterschiedliche Baustruktur in den Planungsräumen die Umweltbelastungssituation in den Quartieren? „„Wie stellt sich die Verteilung der städtebaulichen Strukturtypen in den einzelnen Planungsräumen dar beziehungsweise welche Strukturtypen sind am stärksten vertreten? Städtebauliche Strukturtypen Die Berücksichtigung „gesunder Lebens- und Arbeitsverhältnisse“ ist ein Grundsatz des allgemeinen Städtebaurechts (§ 1 (6) Satz 1 BauGB). „Umweltbezogene Auswirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit sowie die Bevölkerung insgesamt“ sind bei der Aufstellung der Bauleitpläne zu berücksichtigen (§ 1 (6) 7c). Gesundheit und Gesundheitsschutz stellen mithin einen wichtigen Gesichtspunkt planerischen Handelns dar. Nicht erst mit dem Bundesbaugesetz beziehungsweise Baugesetzbuch stellt die Erhaltung beziehungsweise Schaffung gesunder Lebens- und Arbeitsbedingungen ein wichtiges Leitmotiv städtebaulicher und architektonischer Planung dar. Der Reformwohnungsbau des früheren 20. Jahrhunderts und die Forderung nach „Licht, Luft und Sonne“ bei der Bebauung stehen stellvertretend für die (Einforderung der) Beachtung gesundheitlicher Aspekte im Städtebau und ihrer Auswirkungen auf den Entwurf neuer Bauten beziehungsweise den Umgang mit dem Bestand, zum Beispiel im Rahmen der Stadterneuerung. Hinsichtlich städtebaulicher Leitbilder und Ziele und ihrer Auswirkung auf Gesundheit und allgemeine Lebensqualität hat es im Prozess der Großstadtwerdung Berlins und des rasanten baulichen Wachstums jedoch unterschiedliche Einschätzungen gegeben. Beispielhaft dafür ist die sich dramatisch ändernde kulturelle Wertung der gründerzeitlichen Blockstruktur, vulgo Mietskaserne als Bautyp (Bodenschatz 1990). Eine Ursache dieses Bewertungswandels städtebaulicher Typologien sind unter anderem sich verändernde Umweltbedingungen. Massive Reduktion im Bereich des Hausbrandes und der industriellen Luftverschmutzung durch verbesserte Technologien und veränderte Brennstoffe einerseits, eine erhebliche Zunahme von Schallemissionen, insbesondere durch den Kfz-Verkehr, andererseits haben die Problemlagen bei den Umweltbelastungen in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Dabei erfuhr die städtebauliche Situation eine sich verändernde Bewertung, da die unterschiedlichen Bautypologien die verschiedenen Belastungen in unterschiedlichem Maß dämpfen oder verstärken können (Dubach, Kohlbrenner 1987). In die Beurteilung der Themenfelder der gesundheitsbeeinträchtigenden Umweltbelastungen und ihre planungsraumbezogenen Bewertungen sind die Baustrukturen deshalb mit aufzunehmen. Hierfür kann auf bereits vorliegende umfangreiche Analysen im Rahmen des Umweltatlas zurückgegriffen werden (SenStadt 2005). Für die Flächentypen mit überwiegender Wohnnutzung wird dort eine Differenzierung der Flächentypen nach Nutzung, 175 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Entstehung sowie Bau- und Freiraumstruktur vorgenommen. Mit Blick auf den sozialräumlichen Ansatz erfolgte eine Zusammenfassung auf prägnante Strukturtypen, die jeweils städtebaulich ähnliche Ausprägungen aufweisen und deren Zuordnung zu den 447 Planungsräumen möglich ist. Folgende Kategorisierungen wurden vorgenommen: Blockrandbebauung: In dieser Kategorie lassen sich Strukturen der Gründerzeit mit denen der Zwischenkriegszeit zusammenfassen. Zeilenbebauung: In dieser Kategorie werden Bauformen der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit (Geschosswohnungsbau in Zeile und mit offenem Blockrand) dargestellt. Großsiedlungen: In Ost und West entstanden in den 1960er- bis 1980er-Jahren Großsiedlungen des Geschosswohnungsbaus, die an die Traditionen der 1920er- und 1930er-Jahre anknüpften und durch differenzierte Großstrukturen (Zeile, Block, Punkt) großzügige Freiflächenangebote und geeignete Gebäudestellung den Anspruch formulierten, die Umsetzung des Zieles „Licht, Luft und Sonne“ in noch größerem Maße umzusetzen.1 Offene Bebauung: In dieser Kategorie werden unterschiedliche Bauformen der Siedlungsund Einfamilienhausbebauung zusammengefasst. Durch diese vier Grundtypen kann grundsätzlich die zunehmende Qualität der Wohnverhältnisse zumindest bezogen auf die äußeren Rahmenbedingungen wie Wohndichte, Freiflächenversorgung, Belichtung und Belüftung, Wohnstandards abgebildet werden. Die Zusammenfassung in den aufgeführten vier Bautypen in der Plandarstellung erfolgt auf der Ebene der Planungsräume zugunsten des dort jeweils vorherrschenden Strukturtyps. Hierdurch wird ein räumlicher Abgleich (sowie eine weitere fachliche Untersetzung der einzelnen Themenfelder) der Umweltgerechtigkeit möglich. Auf der gesamtstädtischen Betrachtungsebene, heruntergebrochen auf die Planungsräume, ist diese vereinfachte Darstellung sinnvoll. Sie erlaubt eine rasche Orientierung und Ersteinschätzung des Bezuges zwischen Umweltbelastungen und Stadtstruktur. Für konkrete Aussagen über den jeweiligen Belastungsgrad, mögliche Ursachen in der städtebaulichen Struktur und daraus unter Umständen ableitbare Handlungsanforderungen sind diese schematischen Darstellungen nicht geeignet. Hierfür bedarf es vertiefender Analysen. Die Aussagen sind jedoch geeignet, einzelne Themenfelder durch stadtstrukturelle Merkmale zu arrondieren und die Wechselwirkungen zwischen der gebauten Stadt beziehungsweise baulicher Dichte und gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen zu verdeutlichen. Die Untersuchungen belegen, dass mit zunehmender städtebaulicher Dichte tendenziell auch eine höhere gesundheitliche Belastung durch Umweltbelastungen gegeben ist. Stadträumliche Verteilung der Strukturtypen In Berlin stellt sich die Situation wie folgt dar: 125 Planungsräume, das heißt etwa 30 Prozent aller Räume, sind nach der vorgenommenen Klassifizierung dem Typ Blockstruktur zuzuordnen. Drei Viertel dieser Planungsräume liegen im Bereich innerhalb der Ringbahn beziehungsweise Umweltzone. In der Umweltzone ist die Blockstruktur – mit wenigen Ausnahmen (Friedrichstadt, Luisenstadt, Tempelhof, Gebiete östlich des Alexanderplatzes) – die dominierende Baustruktur. Zugleich ist hier die Einwohnerdichte besonders hoch, auch im Vergleich mit der Blockstruktur außerhalb der Ringbahn. Dies gibt einen Hinweis auf die Differenzierung innerhalb dieses Baustrukturtypus. Der Ergänzungsindikator „Sozialräumliche Verteilung der Baustruktur“ verfolgt das Ziel, einen raschen Abgleich zwischen Umweltsituation und -bewertung mit der vorherrschenden Baustruktur herzustellen und Ableitungsmöglichkeiten städtebaulich/planerischer Interventionsmöglichkeiten und Prioritätensetzungen aufzuzeigen. Stadtstruktur und Gesundheit Mit Blick auf den Zusammenhang zwischen Stadtstruktur und gesundheitlichen Auswirkungen wird auf eine Untersuchung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) sowie der Humboldt-Universität zu Berlin hingewiesen. Hiernach kann anhand der Bebau- 1 Die soziale Ausdifferenzierung, eine teilweise einseitige Belegung und veränderte Wohnansprüche haben diesen Bautyp zum Teil zur sozialen Herausforderung werden lassen. In der Bewertung der sozialen Situation schlägt sich dieses nieder. 176 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Baustruktur-Typen 177 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 ungsstruktur gut eingeschätzt werden, wie stark die Menschen in einer Stadt durch die gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen wie Lärm, Feinstaub und hohe Temperaturen betroffen sind. Im Rahmen dieser Studie wurden die Bebauungsstrukturen in sieben unterschiedliche Strukturtypen mit unterschiedlichen Gebäudeanordnungen und -höhen unterteilt und anschließend mit Lärm- und Luftdaten sowie Untersuchungen zur Hitzebelastung verglichen. In reinen Wohngebieten konnten Zusammenhänge zwischen Baustrukturen und Gebäudehöhen sowie die Belastung durch Lärm und Feinstaub (PM10) nachgewiesen werden. Die Gebäudestrukturen sind entscheidend, wie sich Lärm und Luftschadstoffe in Wohngebieten ausbreiten. Frühere Untersuchungen in Leipzig belegen, dass die höchsten Belastungen an Feinstaub in Gebieten mit Geschosswohnungsbau und Reihenhäusern auftraten. Die geringsten Belasten traten in Gebieten mit Ein- und Zweifamilienhäusern auf. Die Untersuchungen im September 2010 im Hinblick auf den Hitzestress ergaben, dass die höchsten Durchschnittstemperaturen am Abend mit 15,6 °C in Plattenbausiedlungen und am Morgen mit 10,7 °C in mehrstöckigen Mietskasernen aus der Gründerzeit auftraten. Die Baustrukturen der Gründerzeit speichern die Wärme und Kühle weniger ab als andere Baustrukturen. Die niedrigsten Abend- und Morgentemperaturen wurden auf unbebauten, begrünten und auf Wasserflächen gemessen. Sie speichern weniger Wärme als bebaute Strukturen und können Verdunstungswasser abgeben. Hierdurch wirken sie im Sommer tagsüber kühlend. Wohnlagenkarte des Mietspiegels Aussagen zur Betroffenheit durch umwelt- beziehungsweise gesundheitsrelevante Aspekte lassen sich auch am Berliner Mietspiegel ablesen, der nach drei unterschiedlichen Wohnlagen unterscheidet – einfach, mittel, gut. Bei dieser Einteilung werden unter anderem stärkere Beeinträchtigungen durch Industrie und Gewerbe oder sehr wenige Grün-/Freiflächen berücksichtigt. Hierbei muss bedacht werden, dass die Mietspiegelkategorien weitere Faktoren wie wohnungsbezogenen Aspekte, Infrastrukturversorgung oder Verkehrserschließung in die Gesamtbewertung aufnehmen, die Gesundheitsrelevanz haben. Bioklima Das bioklimatische Belastungspotenzial wird von verschiedenen Faktoren wie Luft- und Oberflächentemperatur, Feuchtegehalt der Atmosphäre und bodennahen Windgeschwindigkeiten bestimmt, die das typische Lokalklima eines Stadtraumes prägen. Es besteht ein enger kausaler Zusammenhang zwischen städtebaulichen Strukturmerkmalen und diesen Belastungsfaktoren. Einerseits wirken sich die Bau-, Freiflächen- und Vegetationsstruktur des Raumes selbst auf das Lokalklima aus, andererseits wird es durch die Lage des Raumes innerhalb der Stadt und gegebenenfalls vorhandene Wechselwirkungen beeinflusst. Besonders relevant sind dabei Temperaturunterschiede zwischen benachbarten Stadträumen, die zu klimatischen Austauschprozessen führen können. Eine Reduzierung solcher Unterschiede führt in der Regel zu höheren bioklimatischen Belastungen in den Wohngebieten. Fazit Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass baustrukturelle Merkmale einen deutlichen Einfluss auf die Belastungssituation in verschiedenen Stadträumen haben, jedoch teilweise mit zueinander gegenläufigen Ent- oder Belastungswirkungen (Übersicht vergleiche Tabelle). 178 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Dichte, geschlossene Baustrukturen1 Offene Baustrukturen2 Lärm Positive Auswirkungen für Gebäudeteile/Fassaden, die lärmabgeschirmt werden Negative Auswirkungen durch freie Schallausbreitung Luftgüte Schadstoffkonzentration durch mangelnde Durchlüftung be­ günstigt Stärkere Durchlüftung und Verwirbelung Bioklima Negative Auswirkungen durch Überwärmung und Behinderung des Luftaustauschs Positive Auswirkungen durch Abkühlung und Luftaustausch Freiflächen­ versorgung Abhängig vom Flächenangebot öffentlicher Freiflächen, tenden­ zielle negative Auswirkungen durch hohe Bevölkerungsdichte bei geringem privat nutzbarem Freiflächenangebot Geringere Abhängigkeit vom Angebot öffentlicher Freiflächen, da halböffentliches und privates Freiflächenangebot vorhanden 1 vor allem die gründerzeitliche Blockstruktur 2 Zeilenbauweise, komplexer Wohnungsbau, Reihen- und Einfamilienhausgebiete Dies ist in die Bewertungsmethodik zu den Themenfeldern Lärm, Luftgüte und Bioklima bereits mittels geeigneter Parameter grundsätzlich eingeflossen. In die Bewertungsmethodik zum Themenfeld Freiflächenversorgung sollte der baustrukturelle Zusammenhang noch eingearbeitet werden, zum Beispiel durch Bezugnahme auf die Gesamtversorgungskategorien des Programmplans Freiraum und Erholungsnutzung des Landschaftsprogramms Berlin. Es sollte geprüft werden, wie die methodische Berücksichtigung baustruktureller Einflüsse auf die Umweltbelastung transparent und in den Themenfeldern möglichst vergleichbar dargestellt werden kann. Literatur Bodenschatz, Harald: Die Mietskasernenstadt in der Kritik des 20. Jahrhunderts in: Stadterneuerung Berlin – Erfahrungen, Beispiele, Perspektiven, Hrsg. von der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, Berlin 1990, S. 19 ff. Deutscher Wetterdienst DWD, 2010: Berlin im Klimawandel – Eine Untersuchung zum Bioklima, Abschlussbericht zur Kooperation zwischen dem Deutschen Wetterdienst und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Abt. III, Referat Informationssystem Stadt und Umwelt, Potsdam, Freiburg. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/download/Berlin_Waermebelastung_der_Zukunft_Projektbericht.pdf, 15.11.2010 Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ: Stadtstrukturen können Planern helfen, Belastungen durch Lärm, Feinstaub und Hitze besser vorherzusagen, Fallstudien in Berlin und Leipzig zeigen Zusammenhänge; Pressemitteilung vom 1. September 2015, Leipzig 2015. Larondelle, Neele; Zoe A. Hamstead, Peleg Kremer, Dagmar Haase, Timon McPhearson: Applying a novel urban structure classification to compare the relationships of urban structure and surface temperature in Berlin and New York City. In: Applied Geography 53 (2014), S. 427-437. Planergemeinschaft Hannes Dubach, Urs Kohlbrenner: Klima und lufthygienische Situation der Höfe in Berlin-Kreuzberg SO 36 – Strategiegebiet – Probleme, Typisierung und Maßnahmen, Berlin 1987. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, 2008. Sozialstrukturatlas Berlin 2008. 179 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, 2009. Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Entwicklung und Umsetzung einer praxistauglichen Konzeption zur Untersuchung der (stadt-)räumlichen Verteilungen von Umweltbelastungen (Kurzfassungen), Dr.-Ing. H.-J. Klimeczek, Präsentation Arbeitsstand 30. Juni 2009. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, 2009. Umweltgerechtigkeit 2009 (Entwurf Karte), Bearbeitungsstand September 2009. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, 2010. Themenfeld Bioklima – Entwurf, 20.09.2010. Verteilung der bioklimatischen Bewertung in Berlin auf Ebene der Planungsräume in Verbindung mit der jeweiligen Sozialstruktur. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, 2010. Themenfeld Freiflächenversorgung – Entwurf, 20.09.2010. Sozialräumliche Verteilung der Freiflächenversorgung in Berlin. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, 2010. Themenfeld Lärm – Entwurf, 09/2010. Sozialräumliche Verteilung der Verkehrslärmbelastung in Berlin. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, o.J. (2010). Themenfeld Luftqualität – Kurzfassung. Sozialräumliche Verteilung der Luftbelastung in Berlin. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Ref. III F: Flächentypen – Eine Beschreibung der im Informationssystem Stadt und Umwelt (ISU) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erfassten und verwalteten Struktur- und Flächennutzungskategorien von Berlin; Berlin 1995/2005. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin (1994): Landschaftsprogramm/Artenschutzprogramm, Programmplan Erholung und Freiraumnutzung. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/landschaftsplanung/lapro/de/plaene/ef.shtml, 15.11.2010 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin (2008). Digitaler Umweltatlas Berlin, Karte 03.11 Verkehrsbedingte Luftbelastung durch NO2 und PM10 mit Erläuterungen. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/ia311.htm, 15.11.2010 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin (2008). Digitaler Umweltatlas Berlin, Karten 04.07 Klimafunktionen (Ausgabe 2001), 04.09 Bioklima, 04.10 Klimamodell Berlin – Analysekarten, 04.11 Klimamodell Berlin – Bewertungskarten (jeweils Ausgabe 2009) mit Erläuterungen. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/dinh_04.htm, 15.11.2010 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin (2008). Digitaler Umweltatlas Berlin, Karte 06.05 Versorgung mit öffentlichen, wohnungsnahen Grünanlagen (Ausgabe 2009) mit Erläuterungen. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/ia605.htm, 15.11.2010 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin (2008). Digitaler Umweltatlas Berlin, Karte 07.05 Strategische Lärmkarten mit Erläuterungen. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/i705.htm, 15.11.2010 Stadt Krefeld, (2009): Luftreinhalteplanung und das Luftqualitätsmodell (LQM) Krefeld (Stand: Juli 2009). http://www.krefeld.de/C12574C600471C3A/html/EE073B65556982C3C12575ED003344BC, 15.11.2010 180 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.9 Ergänzungsindikator 3: Sozialräumliche Verteilung der Wohnlagen in Berlin Einleitung Die Erhaltung beziehungsweise Schaffung gesunder Lebens- und Arbeitsbedingungen ist schon lange ein wichtiges Leitmotiv städtebaulicher und architektonischer Planung. Mit dem Modellvorhaben „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ wird ein wichtiger Beitrag zur Integration gesundheitlicher und umweltbezogener Aspekte in die Arbeit von Stadtentwicklung und Stadterneuerung geleistet. Die unterschiedlichen Baustrukturen haben verschärfende oder abschwächende Einflüsse auf die gesundheitlichen Bedingungen, auf das Wohlbefinden und die Wohnzufriedenheit. Eine Betrachtung der Umweltfaktoren und mögliche Schlussfolgerungen für vertiefende Planungen, Instrumenteneinsatz und Prioritätensetzungen für das Handeln müssen deshalb die städtebaulichen Verhältnisse mit einbeziehen. Das gilt gleichermaßen für die Zahl der tatsächlich Betroffenen und die sozialen Strukturen. Daraus sind Hinweise für die Beurteilung der Wohnlage ableitbar. Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth Wohnlagen Die Wohnlage bewertet das weitere Umfeld eines Wohnstandortes für den qualifizierten Berliner Mietspiegel (§ 558d BGB). Neben den Attributen Baualter, Gebäudeart, Wohnungsgröße und Ausstattung beeinflusst die Wohnlage ebenfalls die Miethöhe. Der Berliner Mietspiegel unterscheidet zwischen einfacher, mittlerer und guter Wohnlage. In die Differenzierung gehen die folgenden Merkmale ein: „„umgebende Nutzung, „„Dichte, „„Versorgung, „„ÖPNV-Anbindung, „„Erreichbarkeit von Naherholungsgebieten, „„Nachfrage und Image, „„Innenstadt/Außenbereich. Den Berliner Mietspiegel erstellt eine Expertengruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, eines wissenschaftlichen Instituts, der Vermieter- und Mieterverbände, des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg und anderer Institutionen. Die ursprüngliche Wohnlageeinstufung erfolgte mittels sekundärstatistischer Analysen sowie durch Begehungen, im Westteil der Stadt für jede Blockseite, im Ostteil für jede Teilverkehrszelle. Für notwendige Anpassungen beziehungsweise Überprüfungen der Wohnlagen wird ein abgestimmtes Bewertungsverfahren angewendet. Durch die Wohnlage wird eine komplexe Gebietsbeschreibung auf einer dreistufigen Skala abgebildet, die durch andere gebietsbeschreibende Merkmale ergänzt wird und so zu einer differenzierteren kleinräumigen Betrachtung beitragen kann. Beispielhaft ist im Kasten die einfache Wohnlage beschrieben. Beschreibung der einfachen Wohnlage Einfache Wohnlage In Gebieten des inneren Stadtbereichs mit überwiegend geschlossener, stark verdichteter Bebauung mit sehr wenigen Grün- und Freiflächen, mit überwiegend ungepflegtem Straßenbild und/oder schlechtem Gebäudezustand (zum Beispiel Fassadenschäden, unsanierte Wohngebiete). Bei starker Beeinträchtigung von Industrie und Gewerbe. In Stadtrandlagen in Gebieten mit erheblich verdichteter Bauweise. In Stadtrandlagen in Gebieten mit überwiegend offener Bauweise, oft schlechtem Gebäudezustand (zum Beispiel Fassadenschäden, unsanierte Wohngebiete), mit ungepflegtem Straßenbild (zum Beispiel unbefestigten Straßen), ungünstigen Verkehrsverbindungen und wenigen Einkaufsmöglichkeiten. Als zusätzliches Attribut wird bei den Wohnlagen eine hohe Verkehrslärmbelastung (Straße, Schiene, Luft) ausgewiesen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Wohnlagenzuordnung grundsätzlich nicht die Verkehrslärm- oder Luftbelastung berücksichtigt. Sie können jedoch gegebenenfalls im Rahmen der Orientierungshilfe zur Spanneneinordnung als 181 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Wohnlagenkarte Berliner Mietspiegel 182 ENTWURF 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Einfache Wohnlage (Stand 2013) 183 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 wohnwertmindernd und damit gegebenenfalls mietmindernd geltend gemacht werden. Im Hinblick auf den Lärm ist ein Gesamtlärmindex LDEN > 65 dB(A) in 24 Stunden beziehungsweise ein Gesamtlärmindex LN > 55 dB(A) in der Nacht (22 bis 6 Uhr) an mindestens einem Teilstück der Fassade eines zur Adresse gehörenden Gebäudeteils zu verstehen. Mit dem Mietspiegel 2009 wurden dazu erstmals die auf der Grundlage der EU-Umgebungslärmrichtlinie für Berlin berechneten Daten genutzt, so dass sich die Zahl der lärmbelasteten Adressen gegenüber früheren Mietspiegeln erhöht hat. Die ausgewiesene Lärmbelastung an der Adresse ist weder vollständig noch gilt sie zwingend für alle dort liegenden Wohnungen gleichermaßen. Deshalb ist sie nicht Bestandteil der Wohnlagenkategorisierung des qualifizierten Mietspiegels. Im Hinblick auf eine gegebenenfalls vorliegende Feinstaubbelastung konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass dies Einfluss auf die Miethöhe hat. Im Dezember 2010 lebten in Berlin 42 Prozent der 3,37 Millionen Einwohner unter Adressen mit einfacher, 41 Prozent mit mittlerer und 17 Prozent mit guter Wohnlage. Etwa 960.000 Einwohner (28 Prozent) lebten Ende 2010 an einer verkehrslärmbelasteten Adresse, davon 46 Prozent in einfacher, 37 Prozent in mittlerer und 17 Prozent in guter Wohnlage. Für statistische Darstellungen können die Wohnlagen auf Ebene der Lebensweltlich orientierten Räume (LOR) aggregiert werden. In der Karte ist die Verteilung der Adressen beziehungsweise der Anteile in den LOR-Planungsräumen in einfacher Wohnlage dargestellt. Nach den adressgenauen Auswertungen Wohnlage und Lärmbelastung zum Mietspiegel 2015 sind in der einfachen Wohnlage 27 Prozent belastet, in der mittleren Wohnlage 19 Prozent und in der guten Wohnlage 21 Prozent. Von allen lärmbelasteten Adressen liegen 43 Prozent in der einfachen Wohnlage, in der mittleren 39 Prozent und in der guten Wohnlage 18 Prozent. ln der einfachen Wohnlage sind somit die meisten lärmbelasteten Adressen. Jedoch der Abstand zur mittleren Wohnlage ist gering. Anmerkung zur Verknüpfung „Wohnlagenzuordnung und Umweltbelastungen“ Bei der Zusammenführung von Analyseergebnissen und Wohnlage im Sinne des Umweltgerechtigkeitsansatzes ist generell zu berücksichtigen, dass nicht zwangsläufig ein direkter Zusammenhang zwischen gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen und der Wohnlage vorhanden ist. Der Einzelfall weicht vielfach von der gewählten generellen Betrachtung ab. Dies wird beispielsweise an der Situation der Wohnlage in Charlottenburg/Wilmersdorf deutlich. Hier sind ganze Gebiete in guter Wohnlage eingeordnet, die gleichzeitig einer hohen Belastung ausgesetzt sind, wie beispielsweise Kurfürstendamm oder Lietzenburger Straße. Die Einordnung ist dort unstrittig. Umweltbelastungen haben in solchen Gebieten in der Regel auch keinen (mindernden) Einfluss auf die Miete. Dies gilt auch, wenn eine hohe Feinstaubbelastung vorliegt. Zudem kann die Betroffenheit der einzelnen Wohnung aufgrund ihrer Lage im Gebäude und ihrer Gestaltung (zum Beispiel Lärmschutzfenster) sehr unterschiedlich sein. Auch wird deutlich, dass viele Planungsräume in der Kategorie „mittel“ oder „gut“ eingeordnet sind, die dennoch eine hohe Belastung haben. Hochbelastete Innenstadtgebiete sind dennoch nachgefragt und erzielen eine entsprechend hohe Miete. Zudem vollzieht sich derzeit in den sogenannten Szenekiezen eine starke Wandlung in Bezug auf die Wohnlage im Sinne des Mietspiegels. Frühere einfache Wohnlagen, die vor allem aufgrund schlechter Bausubstanz und fehlender Infrastruktur der Kategorie „einfache Wohnlage“ zugeordnet wurden, werden inzwischen aufgrund der durchgeführten Sanierungen mit zum Teil Bevölkerungswechsel und entsprechend verbesserter Infrastruktur in „mittel“ oder „gut“ eingestuft (zum Beispiel Teile von Prenzlauer Berg). Mit Blick auf die Zukunft muss daher festgestellt werden, das heute noch einfache Wohnlagen (zum Beispiel Ostkreuz/Friedrichshain) eine Aufwertung erfahren, obwohl die Belastungen gleich geblieben sind oder sich unter Umständen noch erhöht haben. Die Bevölkerung, die dort hinzieht, sucht das städtische Leben mit Verkehrsanbindung, Geschäften, Restaurants und gegebenenfalls preiswerten Mieten. Wohnungsnahes Grün oder thermische Belastung ist in diesem Zusammenhang meist von nachgeordneter Bedeutung. Bei der Wohnlageneinteilung des Mietspiegels kommt es somit auf das adressgenaue Vorhandensein der Umweltbelastungen an. Aufgrund des sozial- beziehungsweise planungsraumbezogenen Ansatzes können die Belastungen nicht adressgenau zugeordnet werden, da der Umweltgerechtigkeitsansatz einen generellen und raumbezogenen Ansatz hat. 184 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (Hrsg.) (2009): Mietspiegel 2009. www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/mietspiegel/de/download/Mietspiegel2009. pdf (Abrufdatum: 1.3.2011) GEWOS (2009): Endbericht zum Berliner Mietspiegel 2009 Grundlagendaten für den empirischen Mietspiegel, Aktualisierung des Wohnlagenverzeichnisses. www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/mietspiegel/de/download.shtml (Abrufdatum: 1.3.2011). 185 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.10 Zusammenführung der umwelt- und sozialbezogenen Kernindikatoren – Die integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Sozialstruktur Einleitung Umweltgerechtigkeit in einer Stadt kann nur als ein multidimensionales Thema betrachtet werden, denn es bedarf der integrierten Analyse und zusammenführenden Darstellung verschiedener Umweltbelastungen, aber auch von Umweltressourcen in ihrer sozialräumlichen Verteilung (vergleiche Wheeler 2004). Die für die Lebensweltlich Orientierten Planungsräume (LOR) in Berlin erarbeitete umweltbezogene Analyse liefert erstmalig für die Hauptstadt relativ kleinräumige Daten, die die vorhandenen umweltbezogenen, städtebaulichen und stadtplanerisch relevanten Indikatoren ergänzen und eine ressortübergreifende Betrachtung von städtischen Quartieren und Lebensräumen ermöglichen. In dieser orientierenden Untersuchung wurden zunächst auf der Grundlage der Strategischen Umweltprüfung (SUP) vier Variablen ausgewählt; Lärm-, Luft-, bioklimatische Belastung und Freiflächenverfügbarkeit, deren große gesundheitsrelevante Auswirkungen im städtischen Raum bereits in verschiedenen Studien belegt wurden (vergleiche Niemann et al. 2005; Rey et al. 2005, Groenewegen et al. 2006 sowie Einzelbeiträge in dieser Veröffentlichung). Diese Aussagen zu der umweltbedingten Belastungssituation in den Planungsräumen wurden mit den Aussagen des Monitorings Sozialer Stadtentwicklung zusammengeführt und bilden so die verschiedenen Umweltbelastungen und -ressourcen in ihrer sozialräumlichen Verteilung ab. Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut Prof. Dr. Tobia Lakes Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth Datengrundlage Als Variablen für die Analyse der Umweltbelastungen in den 447 Planungsräumen (PLR) wurden die drei Variablen Luft-, Lärm- und die bioklimatische Belastung sowie die Freiflächenverfügbarkeit als vierte Variable ausgewählt. Die soziale Problematik wurde über den Status-Index (Monitoring Soziale Stadtentwicklung) abgebildet, in dem bereits verschiedene sozioökonomische Variablen zusammengefasst sind. Integration der Umwelt- und Sozialdaten Die Darstellung der umweltbezogenen Mehrfachbelastung in der Umweltbelastungskarte für Berlin (vergleiche Kapitel 5.1.6) ermöglicht somit eine transparente Darstellung der einzelnen Umweltindikatoren. Ergänzt wird diese umweltbezogene Darstellung um die soziale Problematik (Status-Index), so dass neben der Mehrfachbelastung durch die Umwelt auch die sozialräumliche Verteilung der sozialen Problematik erkennbar wird. Umweltgerechtigkeit in Berlin Die Kombination der einzelnen Umweltindikatoren mit dem sozialen Status-Index des Monitoring Soziale Stadtentwicklung verdeutlicht die Relevanz in der „Umweltgerechtigkeit“ in Berlin in Abhängigkeit von den betrachteten Umweltindikatoren: Kernindikator Zahl der insgesamt hochbelasteten PLR Zahl der hochbelasteten PLR und mit niedrigem Status-Index absolut und in % Lärm 86 21 (24) Luftbelastung 109 26 (24) Bioklima 228 65 (28) Grünversorgung 100 27 (27) Die Korrelation dieser Mehrfachbelastung der Umweltvariablen mit dem Sozial-Index zeigt den Zusammenhang, also den Grad der Umweltungerechtigkeit, in Berlin auf. 186 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 160 Abbildung: Verteilung der PLR mit mehrfacher Umweltbelastung in Berlin Anzahl der Planungsräume 140 120 niedrige, sehr niedrige Problemdichte 68 16 7 mittlere Problemdichte 100 80 60 75 77 68 40 2 39 20 0 hohe, sehr hohe Problemdichte 14 unbelastet 31 einfach 30 zweifach 12 5 3 dreifach vierfach Mehrbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luft, Grün und Bioklima So weisen die zwei-, drei- oder gar vierfach umweltbelasteten Planungsräume einen deutlich höheren Anteil an niedrigen und sehr niedrigen Status-Indexwerten auf (vergleiche Abbildung). Im Gegensatz dazu sind PLR ohne Umweltbelastung ganz wesentlich durch sehr hohe/hohe Indexwerte geprägt. Die Analyse der räumlichen Verteilung dieser Umweltungerechtigkeit zeigt die deutliche Konzentration im Innenstadtbereich Berlins, wie zum Beispiel die hohe Mehrfachbelastung durch Umweltfaktoren und das Zusammentreffen mit niedrigem sozialen Status im nördlichen Bereich des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, im Wedding, dem südlichen Bereich des Bezirks Reinickendorf, und in Nord-Neukölln. Eine sehr geringe/geringe Umweltbelastung und ein sehr hoher/hoher sozialer Status finden sich dagegen vor allem im Außenbereich. Fazit Es lässt sich auf der Grundlage der bisherigen Ergebnisse eine durchaus hohe Relevanz der Umweltgerechtigkeit für Berlin feststellen, die sich in ihrer räumlichen Verteilung im Stadtgebiet sehr unterschiedlich darstellt. Während sich insbesondere im Innenstadtbereich Planungsräume mit einer deutlich erhöhten Mehrfachbelastung durch Umweltfaktoren und einem gleichzeitigen Auftreten von niedrigen Sozial-Index-Werten zeigen, ist die Tendenz im Außenbereich gegenläufig. Die hier vorgestellten Ergebnisse ermöglichen nun erstmals eine integrierte Betrachtung der Umweltgerechtigkeit und damit eine neue Perspektive auf die Multidimensionalität der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen und -ressourcen im städtischen Raum am Beispiel Berlins. Mit dem für das Modellvorhaben verfolgten methodischen Ansatz ist die Identifikation von Planungsräumen mit Mehrfachbelastungen differenziert nachvollziehbar. Gleichzeitig sind die Grundlagen für die Erarbeitung eines Umweltgerechtigkeitsindikators gelegt worden, der „Umweltgerechtigkeit“ kleinräumig in einem Wert quantifiziert. Die Darstellung der Belastungen in den einzelnen Planungsräumen befindet sich – bezirksweise aufgeschlüsselt – im Kapitel 5.3. 187 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik 188 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Literatur Bell, N., Schuurman, N., & Hayes, M. V. (2007): Using GIS-based methods of multicriteria analysis to construct socio-economic deprivation indices. Internat. Journal of Health Geographics, 6: 17. Europäische Union L152/1 11.6.2008: Richtlinie 2008/50/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Mai 2008 über die Luftqualität und saubere Luft für Europa. 44 S. Groenewegen, P. P., van den Berg, A. E., de Vries, S. & R. A. Verheij (2006): Vitamin G: effects of green space on health, well-being, and social safety. BMC Public Health 6: 149. Hermann, B. G., Kroeze, C., & Jawjit, W. (2007): Assessing environmental performance by combining life cycle assessment, multi-criteria analysis and environmental performance indicators. Journal of Cleaner Production, 15, 1787-1796. Jiang, H., & Eastman, R. J. (2000): Application of fuzzy measures in multi-criteria evaluation in GIS. International Journal of Geographical Information Science, 14:2, 173-184. Niemann, H., Maschke, C., Hecht, K., (2005). Lärmbedingte Belästigung und Erkrankungsrisiko. Ergebnisse des paneuropäischen LARES-Survey. In: Bundesgesundheitsbl. – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 3, S. 315-328. Rey, G., Fouillet, A., Bessemoulin, P., Frayssinet, P., Dufour, A., Jougla, E., Hémon, D. (2005): Heat exposure and socio-economic vulnerability as synergistic factors in heat-waverelated mortality. In: European Journal of Epidemiology 24, 495-502. Schetke, S., & Haase, D. (2008): Multi-criteria assessment of socio-environmental aspects in shrinking cities. Experiences from eastern Germany. Environmental Impact Assessment Review, 28, 483-503. Wheeler, B. W. (2004). „Health-related environmental indices and environmental equity in England and Wales.“ Environ Plan A 36: 803-822. 189 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.1.11 Die integrierten Mehrfachbelastungskarten und die Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2016/17 Die Integrierten Mehrfachbelastungskarten der „Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk)“ In den vier Integrierten Mehrfachbelastungskarten der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) werden die Ergebnisse des zweistufigen Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitorings als Ist-Analyse (Berlin heute) beziehungsweise als zusammenfassende Betrachtung der Umweltsituation und der sozialräumlichen Verteilung im Land Berlin abgebildet. Die Indikatoren wurden entsprechend dem gesundheitlichen Risiko mit „gut“, „mittel“ oder „schlecht“ (mit Ausnahme des Indikators „Grünflächenversorgung“) eingestuft. Danach wurde für jeden der 447 Planungsräume der Mehrfachbelastungsfaktor durch Summierung derjenigen Kernindikatoren ermittelt, die in dem genannten Bewertungssystem der Kategorie 3 („schlecht“) zugeordnet wurden. Die entsprechenden Kartierungen identifizieren nachvollziehbar und transparent die mehrfach belasteten Räume auf gesamtstädtischer Ebene. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner Zu den einzelnen (integrierten) Mehrfachbelastungskarten: Die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt“ Die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt“ wurde auf der Grundlage des Schutzgutes „Mensch“ beziehungsweise „Menschliche Gesundheit“ der Strategischen Umweltprüfung (SUP) entwickelt und integriert die Aussagen zu den vier wichtigen umweltbezogenen Themenfeldern „Lärmbelastung“, „Luftschadstoffe“ „Grünflächenversorgung“ sowie „Bioklimatische Belastung“. Die Karte ist eine zusammenfassende Betrachtung der Umweltqualität – bestehend aus vier Kernindikatoren – auf der Ebene der 447 Planungsräume (LOR). Die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik“ Die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik“ ergänzt die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt“ durch den 5. Kernindikator „Soziale Problematik aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS). Der Kernindikator „Soziale Problematik“ hat somit die gleiche Gewichtung wie die umweltbezogenen Kernindikatoren „Lärmbelastung“, „Luftschadstoffe“, „Grünflächenversorgung“ und „Bioklimatische Belastung“. Die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte (Themenfelder)“ Die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt“ sowie die „Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik“ ermitteln den Mehrfachbelastungsfaktor durch die Summierung der Kategorie „3 (schlecht)“ in dem dreistufigen Bewertungssystem. Im Gegensatz hierzu steht bei der „Integrierten Mehrfachbelastungskarte (Themenfelder)“ der qualitative Aspekt im Vordergrund. Diese Karte bildet die Art der gesundheitsrelevanten Umweltbelastung ab und ermöglicht nachvollziehbar, durch welche Einzelbelastungen der Mehrfachbelastungsfaktor der v. g. Mehrfachbelastungskarten ermittelt wurde. Die „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2016“ Mit der „Berliner Umweltgerechtigkeitskarte 2016“ liegt für das ressortübergreifende, raumbezogene Planen und Verwaltungshandeln erstmalig ein interdisziplinäres praxistaugliches Bewertungsinstrument mit einem hohen Informationsgehalt vor. Sie ermöglicht eine gesamtstädtische Einschätzung über die gesundheitsrelevante Belastungssituation in den Teilbereichen der Hauptstadt. Die Umweltgerechtigkeitskarte baut auf der Karte 3 (Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik) auf und ergänzt diese Karte durch weitere Informationen (Ergänzungsindikatoren) wie „Einwohnerdichte“ (Betroffenheit) und „einfache Wohnlage“. Darüber hinaus werden für den Schwerpunktbereich „Innenstadt“ die Auswertungen zu den Kernindikatoren „Lärm“, „Luftschadstoffe“, „Grünflächenversorgung“, „Bioklimatische Belastung“, „Soziale Problematik“ und das „Merkmal einfache Wohnlage“ als Zusatzinformation abgebildet. Mit Blick auf die strategische Umsetzung wurde das Schema 190 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 der „Integrierten Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk)“, weitere graphische Hintergrundinformationen zur Verteilung der mehrfachbelasteten Räume sowie der Betroffenheit in die Umweltgerechtigkeitskarte aufgenommen. Durch die Hintergrundkarte wird die Einbettung Berlins in die angrenzende Region Brandenburg deutlich. Die Umweltgerechtigkeitskarten sollen als Grundlage für die Diskussion im politischen Raum und für die Entwicklung neuer partizipativer Ansätze verwandt und im DIN-A0-Format herausgegeben werden. Dazu werden wesentliche Aussagen zu den Indikatoren und zu den Untersuchungsergebnissen als textliche Ergänzung in die Karte integriert. 191 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt 192 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte Umwelt und Soziale Problematik 193 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – thematisch – 194 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Berliner Umweltgerechtigkeitskarte – 195 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.2 Die 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Umweltbelastungen und Betroffenheit – Zur Abgrenzung des „Schwerpunktbereichs Innenstadt“ Strategien zur Minderung der gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen sind auch Gesundheitsstrategien. Dies gilt vor allem für den hochbelasteten Innenstadtbereich, der als Wohn- und Lebensort mit der für Berlin typischen Funktionsmischung und dem gleichwertigen Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten, Kultur und Erholung erhalten und gestärkt werden soll. Die kleinräumigen Umweltbelastungsanalysen belegen, dass sich ein Großteil der mehrfach belasteten Gebiete im Bereich der Innenstadt und in den angrenzenden Bereichen (außerhalb des S-Bahn-Rings) befindet. Um den Wirkungsbereich des Umweltgerechtigkeitsansatzes im Hinblick auf die ungleiche Verteilung der Belastungen und um die stadträumlichen Bezüge besser erfassen zu können, ist es notwendig, den Betrachtungsraum über den eigentlichen Innenstadtbereich zu erweitern. Dieser neue „Schwerpunktbereich Innenstadt“ ist neben dem gesamtstädtischen Untersuchungsgebiet sowie den Bezirken die dritte Kulisse im Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Grundlage der Gebietsabgrenzung „Schwerpunktbereich Innenstadt“ ist der im Flächennutzungsplan (FNP) Berlin als „Vorranggebiet für Luftreinhaltung“ dargestellte Bereich. Dieser Raum umfasst im Wesentlichen die Berliner Innenstadtbezirke mit rund 100 Quadratkilometer Fläche. Entsprechend der Darstellung des Flächennutzungsplans Berlin sind bei Planungen in diesem Bereich Maßnahmen zur Emissionsminderung vorzusehen. Mit der Flächennutzungsplandarstellung „Vorranggebiet für Luftreinhaltung“ werden somit räumliche Prioritäten für die Einschränkung von Emissionen der Verursachergruppen Hausbrand und Industrie gesetzt. Das dargestellte „Vorranggebiet für Luftreinhaltung“ ist somit durch die Aufnahme in den FNP planungsrechtlich gesichert und durch weitere immissionsschutzrechtliche Regelungen untersetzt. Die Ergebnisse der planungsraumbezogenen Umweltbelastungsanalyse belegen, dass die Bewohner in diesem Gebiet neben den Luftbelastungen auch durch Lärm, bioklimatische Belastung und Grünflächendefizite besonders betroffen sind. Zur Ermittlung der Betroffenheit in den einzelnen Planungsräumen wurden die Aussagen zu den Kernindikatoren mit der Einwohnerdichte (Einwohner pro Quadratkilometer) überlagert und durch unterschiedliche Schraffuren dargestellt (Umweltgerechtigkeitskarte 2016). Die neue, zweite Untersuchungskulisse ist sinnvoll, weil die Stärkung der Innenstadt, die angestrebte urbane Mischung und die Qualifizierung des Bestandes ein wichtiges Ziel der nachhaltigen und klimagerechten Berliner Stadtentwicklung sind. Hinzu kommt, dass bei der Umsetzung von Strategien und Maßnahmen vor allem Stadtstrukturen im Bestand Bedeutung haben. Die bestehenden hochverdichteten städtebaulichen Strukturen befinden sich vorwiegend in Quartieren, die in diesem neu definierten Bereich – dem „Schwerpunktbereich Innenstadt“ – liegen. Als gesamtstädtisches und parlamentarisch legitimiertes Planungsinstrument bereitet der Flächennutzungsplan die Rechtssetzung zur zukünftigen Art, Verteilung und Dichte der Bodennutzung für das gesamte Berliner Stadtgebiet vor. 196 2016/172017/18 Umweltgerechtigkeit im LandBasisbericht Berlin | Basisbericht Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Kartenausschnitt mit FNP-Darstellung Kartenausschnitt mit FNP-Darstellung „Vorranggebiet für Luftreinhaltung“ „Vorranggebiet für Luftreinhaltung“ Kartenausschnitt mit FNP-Darstellung „Vorranggebiet für Luftreinhaltung“ Begrenzung der 2. Untersuchungskulisse Begrenzung der 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Begrenzung der 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Das Gebiet der neu definierten Innenstadtkulisse, die in Anlehnung an die FNP-Darstellung festgelegt Das Gebiet der neu bereits definierten Innenstadtkulisse, die in Anlehnung an die FNP-Darstellung festgelegt wurde, greift somit bestehende planungsund immissionsschutzrechtliche Regelungen auf. Das Gebiet der neu definierten Innenstadtkulisse, die in Anlehnung an die FNP-Darstellung wurde, greift somit bereits bestehende planungsund immissionsschutzrechtliche Regelungen Diese Regelungen werden planungsraumbezogene Aussagen, vor allem im Hinblickauf. auf festgelegt wurde, greift somit durch bereits weitere bestehende planungs- und immissionsschutzrechtDiese Regelungen werden durch weitere planungsraumbezogene Aussagen, vorkonkrete allem imBetroffenheit Hinblick auf die Verteilung der gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen sowie durch die liche Regelungen auf. Diese Regelungen werden durch weitere planungsraumbezogene die Verteilung der gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen sowie durch die konkrete Aussagen, vor allem im Hinblick aufdie dieSenatsverwaltung Verteilung der gesundheitsrelevanten Umweltfachlich weiter untersetzt. Auch für Gesundheit und Soziales hält Betroffenheit es aus Sicht fachlich weiter untersetzt. Auch dieBetroffenheit Senatsverwaltung für Gesundheit hält es aus Sicht belastungen sowie durch dieGesundheitsschutzes“ konkrete fachlich weiter untersetzt.und AuchSoziales die Gesichtspunkten des „Umweltbezogenen und aus umweltmedizinischen für des „Umweltbezogenen Gesundheitsschutzes“ und aus umweltmedizinischen Gesichtspunkten für Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales hält es aus Sicht des „Umweltbezogenen sinnvoll, den innerstädtischen Betrachtungsraum über den S-Bahn-Ring hinaus zu erweitern und trägt Gesundheitsschutzes“ umweltmedizinischen Gesichtspunkten für sinnvoll, den zu erweitern und trägt sinnvoll, den innerstädtischen Betrachtungsraum über den S-Bahn-Ring hinaus die Abgrenzung der und neuaus definierten 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ ausinnerstädtischen Betrachtungsraum über den S-Bahn-Ring hinaus zu erweitern und trägt die Abgrenzung der neu definierten 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ ausdrücklich mit. Dies gilt insbesondere auch mit Blick auf die Umsetzung, da der unbestimmte Rechtsdie Abgrenzung der neu definierten 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innendrücklich mit. Dies giltpraxistauglicher insbesondere auch mit Blick auf diebei Umsetzung, da der gesunder unbestimmte Rechtsbegriffausdrücklich „Gesundheit“ präzisiert wird, der Herstellung Wohnund stadt“ mit. Dies gilt insbesondere auch mit Blickz.B. auf die Umsetzung, da der begriff „Gesundheit“ praxistauglicher präzisiert wird, z.B. bei der Herstellung gesunder Wohnund Arbeitsverhältnisse (§§ 136 ff. Baugesetzbuch) im Rahmen der Stadterneuerungsplanung. unbestimmte Rechtsbegriff „Gesundheit“ praxistauglicher präzisiert wird, zum Beispiel bei Arbeitsverhältnisse (§§ 136 ff. Baugesetzbuch) im Rahmen der Stadterneuerungsplanung. der Herstellung gesunder Wohn- und Arbeitsverhältnisse (§§ 136 ff. Baugesetzbuch) im Rahmen der Stadterneuerungsplanung. 183 183 197 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.2.1 Auswertungen für die 2. Untersuchungskulisse „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Auswertungen „Schwerpunktbereich Innenstadt“ Kernindikatoren und Betroffenheit Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth Im Hinblick auf Mehrfachbelastungen ist der durch das Vorranggebiet Luftreinhaltung abgegrenzte Raum (173 von 447 PLR; gezählt sind nur PLR, die vollständig im Vorranggebiet liegen) – der „Schwerpunktbereich Innenstadt“ – überproportional betroffen. Im Vorranggebiet liegt ein Planungsraum (von drei in der Gesamtstadt) mit einer fünffachen Belastung, 12 von 18 mit einer vierfachen Belastung sowie 60 von 74 mit einer dreifachen Belastung. Bei den nicht und einfach belasteten Planungsräumen ist der Schwerpunktbereich entsprechend unterproportional vertreten: Im Schwerpunktbereich befinden sich 29 von 105 einfach und nur sieben von 145 unbelasteten Planungsräumen. Die überproportionale Belastung spiegelt sich auch bei den einzelnen Indikatoren wider. Kernindikator 1 – Lärm 29 Planungsräume sind hoch/sehr hoch belastet. Das sind 6,5 Prozent aller PLR in der gesamten Stadt. Der Anteil hoch/sehr hoch belasteter PLR in der Gesamtstadt beträgt 19,2 Prozent, im Vorranggebiet dagegen 16,8 Prozent. Kernindikator 2 – Luft 85 Planungsräume sind hoch/sehr hoch belastet. Das sind 19 Prozent aller PLR in der gesamten Stadt. Der Anteil hoch/sehr hoch belasteter PLR in der Gesamtstadt beträgt 24,4 Prozent, im Vorranggebiet dagegen 49,1 Prozent. Kernindikator 3 – Grünversorgung 81 Planungsräume sind schlecht/sehr schlecht versorgt. Das sind 18,1 Prozent aller PLR in der gesamten Stadt. Der Anteil schlecht oder sehr schlecht versorgter PLR in der Gesamtstadt beträgt 22,4 Prozent, im Vorranggebiet dagegen 46,8 Prozent. Kernindikator 4 – Thermische Belastung 152 Planungsräume sind hoch/sehr hoch belastet. Das sind 34 Prozent aller PLR in der gesamten Stadt. Der Anteil hoch/sehr hoch belasteter PLR in der Gesamtstadt beträgt 51 Prozent, im Vorranggebiet dagegen 87,9 Prozent. Kernindikator 5 – Soziale Problematik 47 Planungsräume haben eine hohe/sehr Problemdichte. Das sind 10,5 Prozent aller PLR in der gesamten Stadt. Der Anteil der PLR mit sehr hoher/hoher Problemdichte in der Gesamtstadt beträgt 20,1 Prozent, im Vorranggebiet dagegen 27,2 Prozent. Weitere Informationen Von den 173 Planungsräumen innerhalb der Innenstadt („Vorranggebiet Luftreinhaltung“) haben 64 Räume (37 Prozent aller Berliner PLR) eine überwiegend (das heißt größer 66 Prozent) einfache Wohnlage, hiervon sind zehn Planungsräume (5 Prozent) entweder durch sehr hohe Lärmbelastungen und/oder durch sehr hohe Luftbelastungen zusätzlich betroffen. In den innerstädtischen Quartieren wohnen insgesamt 1.529.744 Einwohner/-innen. Davon sind „„195.582 von einer hohen Lärmbelastung, „„713.285 von hoher Luftbelastung, „„840.638 von einer schlechten Grünflächenversorgung sowie „„1.401.690 von einer hohen thermischen Belastung betroffen. 198 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Anzahl der fünffach, vierfach, dreifach, zweifach, einfach belasteten und unbelasteten Planungsräume im Land Berlin 3 Anzahl der fünffach, vierfach, dreifach, zweifach, einfach belasteten und unbelasteten Planungsräume im Schwerpunktbereich Innenstadt 1 17 7 71 11 29 145 59 106 66 105 Kernindikator 1: Lärmbelastung Kernindikator 2: Luftbelastung Abbildung: Vergleich der PLR mit hohen/ sehr hohen Belastungen in der Gesamtstadt und im Schwerpunktbereich Innenstadt 19,2 % 16,8 % 24,4 % 49,1 % Gesamtstadt Schwerpunktbereich Innenstadt Gesamtstadt Schwerpunktbereich Innenstadt Kernindikator 3: Grünversorgung Kernindikator 4: Thermische Belastung 22,4 % 46,8 % 51,0% 87,9 % Gesamtstadt Schwerpunktbereich Innenstadt Gesamtstadt Schwerpunktbereich Innenstadt Kernindikator 5: Soziale Problematik 20,1 % 27,2 % Gesamtstadt Schwerpunktbereich Innenstadt 199 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3 Auswertungen für die Berliner Bezirke – „Bezirksprofile“ Einleitung Die gesamtstädtische Darstellung der integrierten Mehrfachbelastungskarte „Umweltgerechtigkeit im Land Berlin 2014/15“ nach Planungsräumen wird für die bezirksweise Betrachtung differenziert. Durch vergleichende Auswertung zwischen der Situation im Bezirk und in Berlin insgesamt ist zugleich eine bessere Einordnung des Grades der Umweltgerechtigkeit je Bezirk möglich. Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG Prof. Urs Kohlbrenner, Udo Dittfurth, Katja Scheinig, Mareike Limber Nach der Darstellung in der Karte wird ein erster Überblick über die Unterschiede in der Betroffenheit im bezirklichen Vergleich durch die beiden Grafiken „„„Anteil der Einwohner/-innen je Bezirk an den Kategorien der Mehrfachbelastung in Prozent“ und „„„Anteil der Planungsräume je Bezirk an den Kategorien der Mehrfachbelastung in absoluten Zahlen“ gegeben. Daran schließen die Bezirkssteckbriefe an. Bezirkssteckbriefe Jedem Bezirkssteckbrief wird ein Ausschnitt aus der Karte zur Umweltgerechtigkeit vorangestellt, ergänzt um drei Größenkategorien für die Einwohnerzahlen je Planungsraum. Tabellarisch planungsraumscharf sind enthalten: „„die Bevölkerungszahl, das heißt die Betroffenen der Umweltsituation, „„die Klassifikationen der Kernindikatoren, „„die integrierte Darstellung der Belastung (Null- bis Fünffachbelastung), „„die Einordnung der Planungsräume in die einfachen Wohnlagen mit sehr hoher Lärmund/oder Luftbelastung. In Kreisdiagrammen werden dargestellt: „„Vergleich Bezirke zur Gesamtstadt hinsichtlich der jeweiligen Anteile der Planungsräume an den Kategorien der Belastung und hinsichtlich der Bevölkerung an den Kategorien der Belastung; dazu gibt es eine kurze schriftliche Erläuterung, die die wesentlichen Aspekte hervorhebt. „„Vergleich Bezirke zur Gesamtstadt hinsichtlich der Anteile der Klassifikationen der einzelnen Kernindikatoren. Abschließend wird ein Überblick der jeweiligen Anteile der Einwohner/-innen und der Planungsräume an den Kategorien der Mehrfachbelastung gegeben und der Vergleich mit der gesamtstädtischen Situation vorgenommen. 200 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Integrierte Mehrfachbelastungskarte – Berliner Umweltgerechtigkeitskarte mit Bezirken – 201 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Anteil der Einwohnerinnen und Einwohner je Bezirk an den Kategorien der Mehrfachbelastung in Prozent Mitte Friedrichshain-Kreuzberg Pankow Charlottenburg-Wilmersdorf Spandau Steglitz-Zehlendorf Tempelhof-Schöneberg Neukölln Treptow-Köpenick Marzahn-Hellersdorf Lichtenberg Reinickendorf Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach PLR 0 10 20 30 40 50 60 70 80 Anteil der Planungsräume je Bezirk an den Kategorien der Mehrfachbelastung in abs. Zahlen fünffach vierfach dreifach zweifach einfach unbelastet 0 10 20 30 40 50 60 70 80 202 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) 4.880 0 2 184 3 3 4.173 2 2 4.880 01011101 Stülerstraße 01011105 Nördl. Landwehrkanal 4.173 1.098 01011104 Körnerstraße 01011102 Großer Tiergarten 01011201 Wilhelmstraße 2.071 01011105 Landwehrkanal 1.098 01011103Nördl.Lützowstraße 01011202 Unter den Linden Nord 502 01011104Wilhelmstraße Körnerstraße 01011201 2.071 01011105 Nördl. Landwehrkanal 01011203 Unter den Linden Süd 890 01011202 Unter den Linden Nord 502 01011201 Wilhelmstraße 01011204 Leipziger Straße 5.959 01011203 den Linden Süd 890 01011202UnterUnter den Linden Nord 01011301 Charitéviertel 5.141 01011203 Unter den Linden Süd 01011204 Leipziger Straße 5.959 01011204 Leipziger Straße 01011302 Oranienburger Straße 12.118 01011301 5.141 01011301Charitéviertel Charitéviertel 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 01011302Oranienburger Oranienburger 01011302 Straße Straße 12.118 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 01011303 Alexanderplatzviertel 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 Karl-Marx-Allee 01011304 01011305 Heine-Viertel West 6.693 01011304 01011305Karl-Marx-Allee Heine-Viertel West 8.298 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 01011306Heine-Viertel Heine-Viertel 01011305 West Ost 6.693 01011401 Invalidenstraße 14.791 01011401 Invalidenstraße 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 01011402 Arkonaplatz 01011402 Arkonaplatz 12.343 01011401 Invalidenstraße 14.791 0102 Moabit 0102 Moabit 79.225 01022101Arkonaplatz Huttenkiez 01011402 12.343 01022101 Huttenkiez 3.339 01022102 Beusselkiez 0102 Moabit 79.225 01022103 Westhafen 01022104Huttenkiez Emdener Straße 3.339 01022101 01022105 Zwinglistraße 01022106 Elberfelder Straße 01022201 Stephankiez 01022202 Heidestraße 01022203 Lübecker Straße 01022204 Thomasiusstraße 01022205 Zillesiedlung 01022206 Lüneburger Straße 01022207 Hansaviertel 2 2 2 3 3 2 3 3 2 2 3 3 3 2 2 2 2 2 3 3 2 2 3 3 3 2 2 2 2 98.690 3 3 3.060 3 3 184 3 3 4.880 3 4.173 3 1.098 2 3 2.071 3 2502 2 3890 5.959 3 2 5.141 3 12.118 3 3 8.359 3 8.298 3 3 6.693 2 8.130 3 2 14.791 2 12.343 2 2 79.225 3.339 2 2 6.075 232 17.403 2 190 4.980 11.517 190 10.344 1.490 6.549 5.696 3.125 3.085 5.390 3 2 3 3 1 3 2 21 31 11 1 3 2 3 12 13 11 3 2 3 3 23 33 11 2 2 1 0 12 1 3 12 23 3 3 2 32 2 23 32 22 2 22 33 2 32 33 2 22 22 2 23 2 32 23 0 32 3 1 2 3 2 2 2 2 3 3 3 3 3 3 333 3 33 33 3 3 3 33 3 32 33 32 3 33 33 3 33 33 3 32 23 3 23 3 32 33 2 33 2 3 2 3 2 2 2 3 3 3 31 1 12 3 2 22 11 2 1 2 1 3 1 2 3 22 1 2 2 2 2 22 2 23 2 2 2 2 2 22 2 23 2 2 3 3 33 3 3 2 3 3 3 2 2 2 1 1 3 32 2 2 33 3 3 3 33 3 3 3 3 3 1 3 3 23 1 3 3 2 3 43 3 33 4 3 1 3 3 13 1 23 1 2 3 3 33 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 Wohnlage 7 ­ und Belastung 3 3 2 1 2 3 1 2 2 1 2 1 2 2 2 2 2 2 2 3 1 3 3 2 3 3 3 3 1 2 3 4 3 1 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 3 3 0 2 3 2 2 3 3 2 3 2 2 3 4 2 3 3 3 2 5 2 1 2 2 3 2 2 2 2 2 1 2 3 1 1 2 1 1 Soziale Problematik (Status-Index)5 3 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011104 Körnerstraße 0101 Zentrum 01011103 Lützowstraße 2 3.060184 2 0 4 ­ Thermische Belastung 01011103 Lützowstraße 01011102 Großer Tiergarten 3.060 98.690 3 Grünversorgung ­ 01011102 Großer Tiergarten 01011101 Stülerstraße 2 Luftbelastung ­ 010101011101 Zentrum Stülerstraße 1 Lärmbelastung ­ ­ LOR-Nr. LOR-Name EW Luft- (PLR) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl LärmPlanungsräume Bezirk Thermi41 von 447Soziale (Berlin) Kategorie WohnLOR-Nr. LOR-Name EW GrünPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt belasbelasversorsche Probleder Mehr- Wohnlage LOR-Nr. LOR-Name EW LärmLuftGrünThermi- Soziale Kategorie 12013 2 3 PLRPLR Prognoseraum/PGR 2013 Prognoseraum/PGR tung tung gung Belasmatik fachund PGR Bezirk gesamt belasbelasversorsche Proble- der Mehrlage 4 Planungsraum/PLR 1 2 3 Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelasPLR Prognoseraum/PGR 2013 tung tung gung Belasmatik fachund index)5 belastung6 tung7 Planungsraum/PLR tung4 (StatusBelas0101 Zentrum 98.690 index)5 tung6 tung7 1 11 11 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 2 203 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Grünversor­gung3 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 72.718 25.356 11.302 12.800 9.632 13.628 97.469 19.497 15.373 7.912 22.719 16.329 15.639 Luftbelas­tung2 0103 Gesundbrunnen 01033101 Soldiner Straße 01033102 Gesundbrunnen 01033201 Brunnenstraße 01033202 Humboldthain Süd 01033203 Humboldthain Nordwest 0104 Wedding 01044101 Rehberge 01044102 Schillerpark 01044103 Westliche Müllerstraße 01044201 Reinickendorfer Straße 01044202 Sparrplatz 01044203 Leopoldplatz Lärm­belas­tung1 Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 3 2 2 2 2 2 3 2 2 2 3 3 2 2 2 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 4 4 2 2 2 3 3 2 2 2 3 3 2 2 1 2 2 2 3 3 3 2 1 1 3 3 3 3 2 3 3 3 3 3 3 2 3 3 3 3 2 2 4 4 4 3 3 1 2 2 2 2 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 204 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Mitte stellt einen der am stärksten belasteten Bezirke Berlins dar: Mit 8 von 20 Planungsräumen in Fünf- und Vierfachbelastung (das heißt 40 Prozent) befindet sich hier eine überproportional hohe Zahl von hoch belasteten Räumen. Noch deutlicher wird diese Problematik beim Blick auf die Einwohnerzahl. Hier stellt der Bezirk Mitte knapp die Hälfte aller betroffenen Berliner/-innen, die in den am stärksten belasteten Räumen leben (99.481 von insgesamt 204.116 aller Berliner/-innen (entspricht 48,7 Prozent)). Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Flächenmäßig ausgeprägt sind besonders belastete Räume der nördlichen Ortsteile Wedding außerhalb der Ringbahn (PLR Westliche Müllerstraße, Reinickendorfer Straße, Sparrplatz, Soldiner Straße, Gesundbrunnen) sowie das westliche Moabit (PLR Beusselkiez, Heidestraße). Die historische Innenstadt bildet ebenfalls einen deutlich belasteten Raum, 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 205 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Spandauer und Rosenthaler Vorstadt (PLR Oranienburger Straße, Charitéviertel, Invalidenstraße) sind dagegen vergleichsweise weniger stark belastete Teilräume des Bezirks. Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Nahezu durchgängig problematisch (hohe Kategorien) ist die thermische Belastung in den in der Regel hochverdichteten, eng bebauten Bereichen. Während der Prognoseraum Zentrum (0101) nahezu flächendeckend eine hohe Luftbelastung aufweist, finden sich in den übrigen Prognoseräumen in höherem Maße mittel belastete Planungsräume. Gegenläufig stellt sich die Verteilung bei der sozialen Situation dar, hier ist der Prognoseraum Zentrum (0101) – im Gegensatz zu den anderen Prognoseräumen – überwiegend als durchschnittlich, teilweise sogar gut einzustufen. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Deutlich wird die besondere Belastung der Prognoseräume Gesundbrunnen (0103) und Wedding (0104) und in geringerem Maße Moabit (0102) bei Einbeziehung der Bevölkerungszahlen in den höchsten Belastungskategorien 4 und 5. Von insgesamt 348.102 Einwohner/innen (28,7 Prozent) leben 99.481 Einwohner/-innen in diesen Prognoseräumen. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich hoch 79 mittel 109 19 gering 22 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 206 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 schlecht, sehr schlecht 7 100 19 mittel gut, sehr gut keine Angaben 248 98 15 Klassifikation der Grünversorgung 2 hoch 49 mittel gering 228 170 39 Klassifikation der thermischen Belastung 13 2 5 90 80 17 17 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 207 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.2 Übersicht Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.2 Übersicht Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Grün- belas- versor- sche Proble- der Mehr- 20133.060 tung12 tung23 gung33 3 Belas- 2 matik 3 fach- und1 1 tung24 3 3 (Status1 index)5 2 belas1 tung6 3 Belas1 tung7 1 2 1 22 1 3 33 3 3 33 2 3 2 2 3 3 3 3 3 3 3 01011103 Lützowstraße 4.880 0201 Kreuzberg Nord 39.841 01011104 Körnerstraße 4.173 0201 Kreuzberg Nord 02010101 Askanischer Platz Platz 6.204 02010101 Askanischer 01011105 Nördl. Landwehrkanal 1.098 02010102Mehringplatz Mehringplatz 02010102 12.974 01011201 Wilhelmstraße 2.071 02010103 Moritzplatz 02010103 Moritzplatz 01011202 Unter den Linden Nord 15.529502 2 3 02010104 Wassertorplatz 02010104 Wassertorplatz 0202 Kreuzberg 01011203 UnterSüd den Linden Süd 5.134890 Gleisdreieck/ 0202 KreuzbergLeipziger Süd 62.513 01011204 Straße 5.959 02020201 Entwicklungsgebiet Gleisdreieck/ 01011301 Charitéviertel 5.141 02020202 Rathaus Yorckstraße283 02020201 Entwicklungsgebiet 02020203 Viktoriapark 01011302 Oranienburger Straße 12.118 02020202 Rathaus Yorckstraße 5.764 02020204 Urbanstraße 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 02020205Viktoriapark Chamissokiez 02020203 10.537 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 02020206 Graefekiez 02020204 Urbanstraße 12.093 0203 Kreuzberg Ost 01011305 Heine-Viertel West 6.693 02030301 Oranienplatz 02020205 Chamissokiez 14.932 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 02030302Graefekiez Lausitzer Platz 18.904 02020206 01011401 Invalidenstraße 14.791 02030401 Reichenberger Straße 0203 KreuzbergArkonaplatz Ost 49.076 02030402 Wrangelkiez 01011402 12.343 0204 Friedrichshain West 02030301 Oranienplatz 9.321 0102 Moabit 79.225 02040501 Barnimkiez 02030302 Lausitzer Platz 13.311 01022101 Huttenkiez 3.339 02040502 Friedenstraße 02030401 Reichenberger Straße 15.086 02040503 Richard-Sorge-Viertel 02040701 Andreasviertel 02040702 Weberwiese Wriezener Bahnhof/ 02040703 Entwicklungsgebiet 0205 Friedrichshain Ost 02050601 Hausburgviertel 02050602 Samariterviertel 02050801 Traveplatz 02050802 Boxhagener Platz 02050803 Stralauer Kiez 02050804 Stralauer Halbinsel 2 3 3 39.841 3 6.204 3 12.974 3 3 15.529 2 3 5.134 3 2 62.513 3 3 283 22 33 22 3 2 2 2 2 3 2 3 2 3 5.764 3 2 22 2 22 22 2 11 3 2 3 2 3 33 0 12 21 2 3 2 2 23 2 22 2 2 2 1 13 3 3 3 2 23 2 2 2 2 3 2 2 1 2 2 2 2 2 2 2 1 10.537 3 3 12.093 3 14.932 3 3 18.904 3 3 49.076 9.321 2 2 13.311 3 2 15.086 11.358 2 46.352 2 5.343 3 2 6.876 2 10.520 190 12.267 10.629 196 12 2 32 2 2 33 33 3 3 23 3 3 3 2 23 3 3 2 3 3 3 3 3 3 2 3 2 3 22 2 32 3 3 11 2 3 22 2 32 31 2 23 2 22 2 22 3 1 33 2 2 3 3 33 3 3 23 3 3 3 2 3 2 33 Wohnlage 7 ­ und Belastung Luft- 0 3 3 3 3 3 3 2 3 1 1 2 3 tung7 Wohn- EW Lärm98.690belasgesamt 184 Kategorie der Mehrfachbelastung6 index)5 tung6 Soziale Kategorie Soziale Problematik (Status-Index)5 4 ­ Thermische Belastung Planungsraum/PLR 01011102 Großer Tiergarten Thermi- 3 Grünversorgung ­ Stülerstraße PLR 01011101 Prognoseraum/PGR 2 Luftbelastung ­ LOR-Nr. LOR-Name PGR0101 Zentrum Bezirk Lärmbelas ­ ­tung1 Friedrichshain-Kreuzberg, Einwohner/-innen insgesamt 273.517, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 26 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt belasbelasversorsche Proble- der Mehrlage 12013 2 3 PLR Prognoseraum/PGR PLR Prognoseraum/PGR 2013 tung273.517, tungAnzahl gung Belas- (PLR) matik fachund Friedrichshain-Kreuzberg, Einwohner/-innen insgesamt Planungsräume Bezirk 26 von 447 (BerPlanungsraum/PLR Planungsraum/PLR tung4 (StatusbelasBelaslin) lage 1 1 1 11 21 31 3 1 0 2 2 21 3 3 2 3 3 24 2 3 21 2 1 33 2 2 3 1 2 3 3 2 1 1 3 3 21 3 23 21 2 2 2 2 2 11 11 3 3 2 2 3 3 1 1 2 2 2 2 2 2 2 2 2 1 2 2 4 1 1 1 1 1 1 3 33 1 2 2 3 3 3 3 1 31 12 1 2 22 2 717 3 2 2 3 2 2 1 75.735 8.707 19.172 18.462 19.578 6.545 3.271 2 2 2 2 2 1 3 2 2 2 2 2 3 3 3 3 3 1 3 3 3 3 3 2 2 2 2 2 2 1 3 2 2 2 2 0 3 1 1 2 2 1 208 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 209 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 1 1 fünffach 17 71 5 7 vierfach dreifach 145 zweifach 106 7 einfach unbelastet 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 3.271 1,2 % 19.228 0,5 % 12.267 4,5 % 184.888 5,3 % fünffach 57.348 21,0 % 67.744 24,8 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 132.887 48,6 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gehört hinsichtlich der Umweltgerechtigkeit zu den am stärksten benachteiligten Bezirken in Berlin. Zwei- bis Dreifachbelastung der Planungsräume ist die Regel. Die Zahl der durch mehrere Kernindikatoren negativ betroffenen Einwohner/-innen ist ebenfalls höher als im Berliner Durchschnitt (Bezirk 212.898 betroffene Einwohner/-innen (entspricht 77,8 Prozent), Berlin 1.771.903 betroffene Einwohner/innen (entspricht 50,4 Prozent). Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Der Bezirk ist insgesamt Schwerpunkt der Belastungen, nur einige Planungsräume, etwa in Angrenzung zur Tempelhofer Freiheit (PLR Chamissokiez), im Kreuzberger Osten (östlich und westlich des Görlitzer Parks, PLR Reichenberger Straße, Wrangelkiez) sowie im Friedrichshainer Westen (PLR Barnimkiez, Weberwiese) weisen eine einfache Belastung auf. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 210 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Mit Ausnahme der (nur wenig unterdurchschnittlichen) Lärmbelastung sind alle Kernindikatoren und die soziale Situation deutlich schlechter als im Berliner Mittelwert. Ansätze für Handlungsbedarf gibt es mithin in nahezu allen Feldern der Umweltgerechtigkeit. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Kaum ein/e Bürger/-in aus Friedrichshain-Kreuzberg lebt in einem unbelasteten Planungsraum. 77,8 Prozent aller Bürger/-innen (212.898 Einwohner) leben in Planungsräumen mit mindestens zwei Belastungen. Sie sind folglich neben den Herausforderungen aufgrund der sozialen Situation mindestens immer noch einer Gesundheitsbelastung ausgesetzt. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 4 4 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 18 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs hoch 79 mittel 109 14 gering 12 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 211 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 schlecht, sehr schlecht mittel 4 100 10 gut, sehr gut keine Angaben 248 98 12 Klassifikation der Grünversorgung hoch 49 4 mittel gering 228 170 22 Klassifikation der thermischen Belastung 1 13 1 6 18 90 80 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 212 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.3 ÜbersichtBezirk BezirkMitte Pankow 5.3.1 Übersicht 5.3.3 Übersicht Bezirk Pankow belas- versor- sche tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehr-6 index) tung matik fach- 3 tung4 3 (Statusindex)25 1 2 1 3 1 2 3.060 2 3 13.907184 0 3 01011103 Lützowstraße 03010101 Bucher Forst 4.880 1 2 2.848 1 3 01011104 03010102 BuchKörnerstraße 0301 Buch 4.173 2 2 10.850 Großer Tiergarten 030101011102 Buch 03010101 Bucher Forst 01011105 Nördl. Landwehrkanal 1.098 03010104 Lietzengraben 209 03010102 Buch 01011201 2.071 0302 NördlichesWilhelmstraße Pankow 43.206 03010104 Lietzengraben 01011202 Unter den Linden Nord 02010104Blankenfelde Wassertorplatz 03020203 2.020502 0302 Nördliches Pankow 01011203 Unter den Linden Süd 13.802890 03020209 Niederschönhausen 03020203 Blankenfelde 01011204 Leipziger Straße 5.959 03020210 10.304 03020209Herthaplatz Niederschönhausen 01011301 Charitéviertel 5.141 03020210 Herthaplatz 03020307 Buchholz 17.080 03020307 Buchholz 01011302 Oranienburger Straße 12.118 0303 Nördliches Weißensee 32.871 02020205 Chamissokiez 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 03030405 10.553 02020206Karow-Nord Graefekiez 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 0303 Nördliches 03030406 Alt-KarowWeißensee 8.073 03030405 Karow-Nord 01011305 Heine-Viertel West 6.693 03030711 6.592 03030406Blankenburg Alt-Karow 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 03030715 6.529 03030711Heinersdorf Blankenburg 01011401 Invalidenstraße 14.791 03030715Märchenland Heinersdorf 03030716 1.124 03030716 Märchenland 01011402 Arkonaplatz 12.343 0304 Südliches Pankow 83.918 0304 Südliches Pankow 0102 Moabit 79.225 03040508Rosenthal Rosenthal 03040508 4.497 01022101 Huttenkiez 3.339 03040512 Wilhelmsruh 03040512 Wilhelmsruh 9.511 03040513 Schönholz 03040614 Pankow-Zentrum 03040818 Pankow-Süd 0305 Südliches Weißensee 03050919 Gustav-Adolf-Straße 03050920 Weißer See 03050923 Weißenseer Spitze 03050924 Behaimstraße Komponistenviertel 03050925 Weißensee 03051017 Rennbahnstraße 0 2 3 1 2 3 3 3 2 2 2 2 2 2 2 3 3 2 2 3 3 3 2 2 2 2 2 3 13.907 2.848 2 3 10.850 3 209 5.134 1 3 43.206 2 2 2.020 3 2 13.802 2 10.304 2 17.080 3 14.932 3 1 18.904 3 32.871 1 10.553 3 1 8.073 2 2 6.592 2 6.529 2 1.124 2 83.918 4.497 2 2 9.511 2 3.308 190 33.719 32.883 202 49.056 4.858 6.684 8.546 5.550 1 1 1 2 1 0 12 3 2 3 1 2 13 2 12 22 1 2 12 1 3 22 1 22 12 2 13 33 12 23 1 3 3 3 belastung36 1 3 2 2 03 11 2 3 2 3 03 11 02 21 2 3 1 3 22 3 22 23 2 3 13 1 3 13 1 13 21 3 12 23 2 3 2 2 2 2 2 1 2 1 2 1 22 2 1 1 2 2 2 1 2 1 21 2 1 1 2 1 2 2 3 2 2 2 21 1 2 1 21 21 1 2 3 1 033 13 3 0 1 0 2 1 2 2 2 2 3 0 3 0 1 0 1 1 1 1 1 1 2 21 1 0 1 2 3 0 31 4 3 3 1 2 2 3 3 0 0 0 3 1 1 2 3 2 2 2 2 2 2 0 1 0 0 1 2 2 1 1 2 1 1 2 1 1 2 1 0 0 0 1 1 1 1 2 1 1 2 2 2 2 2 0 0 1 2 3 1 1 1 1 1 Belastung17 1 1 0 1 2 2 0 3 lage 7 tung und 1 1 1 3 2 3 2 1 33 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Pankow, Einwohner/-innen insgesamt Anzahl Planungsräume (PLR) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, 377.532, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 Bezirk (Berlin) 40 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamtAnzahl belasbelasversor-Bezirksche Probleder Mehrlage Pankow, Einwohner/-innen insgesamt 377.532, Planungsräume (PLR) 40 von 447 (Berlin) PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name EW LärmLuftGrünThermi- 4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLR Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelas- 1 1 21 11 1 2 1 1 1 1 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 2 1 2 2 2 2 2 2 2 2 1 3 2 2 3 3 3 2 2 2 2 0 1 2 1 1 1 1 1 8.459 2 2 2 3 2 1 1 3.987 3 2 1 2 2 1 1 213 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Grünversor­gung3 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 6.485 4.487 98.069 14.851 9.935 14.302 11.993 21.964 10.100 2.915 6.045 3.899 2.065 56.505 10.555 14.442 2.691 16.620 12.197 Luftbelas­tung2 03051021 Buschallee 03051022 Hansastraße 0306 Nördlicher Prenzlauer Berg 03061126 Arnimplatz 03061131 Falkplatz 03061227 Humannplatz 03061228 Erich-Weinert-Straße 03061332 Helmholtzplatz 03061429 Greifswalder Straße 03061430 Volkspark Prenzlauer Berg 03061434 Anton-Saefkow-Park 03061435 Conrad-Blenkle-Straße 03061441 Eldenaer Straße 0307 Südlicher Prenzlauer Berg 03071536 Teutoburger Platz 03071537 Kollwitzplatz 03071633 Thälmannpark 03071638 Winsstraße 03071639 Bötzowstraße Lärm­belas­tung1 Pankow, Einwohner/-innen insgesamt 377.532, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 40 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 2 2 2 2 1 1 3 2 2 2 1 0 1 1 2 2 2 2 2 2 3 2 3 1 2 2 3 3 2 3 2 3 2 2 3 2 3 3 3 2 1 2 1 1 3 3 3 3 3 3 2 3 3 3 2 2 2 2 2 2 2 2 2 1 2 1 3 3 2 2 1 2 2 1 2 2 1 1 1 1 1 2 1 1 2 2 2 2 2 3 2 2 2 3 3 3 1 3 2 3 3 3 3 3 2 2 2 2 2 3 2 1 2 2 1 1 2 1 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 214 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 17 4 71 13 10 145 106 13 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 91.882 24,3 % 69.733 18,5 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 73.534 19,5 % 142.383 37,7 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Hinsichtlich der Verteilung der Planungsräume nach Belastung liegt Pankow in etwa im Berliner Durchschnitt. Gleiches gilt bezogen auf die Verteilung der Bevölkerung für die unterschiedlichen Stufen der Belastung. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Schwerpunkt der mehrfach belasteten Planungsräume sind die innerstädtischen Teile des Bezirks und der Innenstadtrand. Dabei liegen die problematischsten Planungsräume in den Prognoseräumen Nördlicher und Südlicher Prenzlauer Berg (0306 beziehungsweise 0307), die durch gründerzeitliche Bebauung sowie durch Wohn- und Gewerbenutzung geprägt sind. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 215 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Im Bereich der vier umweltgeprägten Kernindikatoren ergibt sich bei der Luftbelastung eine deutliche Abweichung vom Berliner Durchschnitt nach oben (Bezirk 72,5 Prozent, Berlin 57,9 Prozent). Auffällig ist zudem der hohe Anteil der mittleren Problemdichte (Bezirk 87,5 Prozent, Berlin 59,1 Prozent). Die übrigen Kernindikatoren liegen im Berliner Durchschnitt. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Während der Anteil der nicht oder weniger belasteten Planungsräume (ein- und zweifach) über dem Berliner Durchschnitt liegt, ist die Zahl der betroffenen Bürger/-innen anteilig höher als in der Gesamtstadt. Zu nennen sind hier vor allem die Bewohner/-innen, die in zweifach belasteten Planungsräumen leben (37,7 Prozent in Pankow, 27,2 Prozent im Berliner Durchschnitt). Dort wird sich die hohe Bevölkerungsdichte in den innerstädtischen Planungsräumen auswirken. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 4 1 14 9 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 26 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs 5 6 hoch 79 109 mittel gering 29 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 216 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 schlecht, sehr schlecht mittel 9 100 22 gut, sehr gut keine Angaben 248 98 9 Klassifikation der Grünversorgung hoch 49 8 mittel gering 228 21 170 11 Klassifikation der thermischen Belastung 13 1 4 90 80 35 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 217 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.4 Übersicht Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.4 Übersicht Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf belas- versor- sche tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehrindex) tung6 matik fach- 3 tung4 3 (Status25 index) 1 2 1 3 1 2 3.060 2 3 Großer Tiergarten 040101011102 CW 1 18.561184 0 3 01011103 Lützowstraße 04010101 Jungfernheide 4.880 10.203 2 2 3 3 01011104 04010102 0401 CW Plötzensee 1 Körnerstraße 4.173 791 3 2 04010101 Jungfernheide 01011105 Nördl. Landwehrkanal 7.567 1.098 04010103 Paul-Hertz-Siedlung 04010102 Plötzensee 01011201 Wilhelmstraße 2.071 0402 CW 2 39.636 04010103 Paul-Hertz-Siedlung 01011202 Unter den Linden Nord 0402 CW Olympiagelände 2 04020204 111502 04020204 Olympiagelände 01011203 UnterRuhleben den Linden Süd 1.253890 04020205 Siedlung 04020205 Siedlung Ruhleben 01011204 Leipziger Straße 5.959 04020206 Allee Allee 2.578 04020206Angerburger Angerburger 01011301 Charitéviertel 5.141 04020207 Flatowallee 04020207 Flatowallee 2.662 04020208 Kranzallee 01011302 Oranienburger Straße 12.118 04020208 Kranzallee 2.911 04020209 Eichkamp 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 04020209 3.122 04020310Eichkamp Park Ruhwald 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 04020311 04020310 Park Reichsstraße Ruhwald 607 04020312 Branitzer Platz 01011305 Heine-Viertel West 6.693 04020311 Reichsstraße 14.172 04020313 Königin-Elisabeth-Straße 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 04020312 Platz 4.957 04020314Branitzer Messegelände 01011401 Invalidenstraße 14.791 0403 CW Königin-Elisabeth-Str. 3 04020313 7.251 04030415 Schloßgarten 01011402 Arkonaplatz 12.343 04020314 Messegelände 12 04030416 Klausenerplatz 0102 Moabit 79.225 04030417 Schloßstraße 0403 CW 3 137.730 01022101 Huttenkiez 3.339 04030518 Tegeler Weg 04030415 Schloßgarten 2.738 04030519 Kaiserin-Augusta-Allee 04030620 Alt-Lietzow 04030621 Spreestadt 04030622 Richard-Wagner-Straße 04030623 Ernst-Reuter-Platz 04030724 Lietzensee 04030725 Amtsgerichtsplatz 04030726 Droysenstraße 04030827 Karl-August-Platz 04030828 Savignyplatz 04030929 Hindemithplatz 2 2 3 0 2 3 3 3 2 2 2 2 2 3 2 3 3 3 2 2 2 2 3 2 0 3 2 3 3 18.561 10.203 3 3 791 3 7.567 39.636 1 3 111 2 2 1.253 3 2 2.578 2 2.662 2 2.911 3 2 3.122 3 2607 3 14.172 3 4.957 3 3 7.251 2 2 12 2 137.730 3 2.738 2 3 10.293 10.615 2 9.209 2 5.532 190 8.477 3.009 208 10.059 4.463 6.250 11.673 5.391 11.565 9.308 5.836 2 2 1 3 1 2 1 3 0 1 3 3 2 12 2 12 22 1 2 2 13 3 32 22 2 32 10 3 2 33 02 2 23 1 2 2 2 2 2 3 2 2 2 2 2 belastung36 2 3 32 23 11 2 3 23 23 11 32 11 2 3 1 2 3 2 3 22 3 22 23 1 2 3 13 3 23 23 2 33 23 3 3 23 23 3 33 2 2 3 2 3 3 3 3 3 2 3 3 1 2 2 02 1 11 1 2 2 1 1 1 1 21 1 1 2 1 3 2 2 2 21 2 3 2 2 0 2 0 2 21 2 2 33 2 2 1 2 3 2 2 3 3 3 3 3 2 2 3 3 03 2 13 2 3 0 2 1 0 2 21 0 1 3 0 2 4 3 2 32 1 3 1 0 2 4 1 2 3 3 33 2 3 3 3 3 3 2 3 3 3 3 3 1 2 2 2 3 1 1 1 0 1 2 1 1 1 2 2 2 2 0 0 1 0 0 0 0 3 1 0 4 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 1 3 1 2 1 3 2 2 3 3 2 3 3 1 1 1 2 1 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 Belastung17 1 1 31 3 2 3 lage 7 tung und 1 3 3 3 3 3 3 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Charlottenburg-Wilmersdorf, Einwohner/-innen insgesamt (PLR) 322.870, Anzahl (PLR) Bezirk 57 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume Bezirk 41 von Planungsräume 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermiSoziale Kategorie WohnCharlottenburg-Wilmersdorf, Einwohner/-innen insgesamt 322.870, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 57 von 447 PGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt belasbelasversorsche Probleder Mehrlage (Berlin) PLRPLR Prognoseraum/PGR 2013 Prognoseraum/PGR tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name LärmLuftGrünThermi-4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLREW Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelas- 1 1 21 11 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 2 218 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 Forst Grunewald Soziale Problematik (Status-Index)5 Eisenzahnstraße Preußenpark Ludwigkirchplatz Schaperstraße Rathaus Wilmersdorf Leon-Jessel-Platz Brabanter Platz Nikolsburger Platz Prager Platz Wilhelmsaue Babelsberger Straße Hildegardstraße Thermische Belas­tung4 Güterbahnhof Grunewald Bismarckallee Hundekehle Hagenplatz Flinsberger Platz Kissinger Straße Stadion Wilmersdorf Messelpark Breite Straße Schlangenbader Straße Binger Straße Rüdesheimer Platz 5.373 3.453 14.486 50.340 38 4.883 2.730 2.951 7.741 5.505 186 1.500 6.832 3.942 3.487 10.545 76.538 5.904 10.189 5.149 8.741 4.124 5.336 4.221 9.316 6.486 2.925 6.774 7.373 65 65 Grünversor­gung3 George-Grosz-Platz Breitscheidplatz Halensee Luftbelas­tung2 04030930 04030931 04031032 0404 CW 4 04041133 04041134 04041135 04041136 04041137 04041238 04041239 04041240 04041241 04041342 04041343 04041344 0405 CW 5 04051445 04051446 04051447 04051448 04051549 04051550 04051551 04051652 04051653 04051654 04051655 04051656 0406 CW 6 04061757 Lärm­belas­tung1 Charlottenburg-Wilmersdorf, Einwohner/-innen insgesamt 322.870, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 57 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 2 2 2 3 3 3 3 3 3 3 3 2 2 2 2 3 3 2 1 1 1 0 2 2 2 2 2 0 2 1 3 2 2 3 2 3 2 3 2 3 2 2 3 2 2 3 1 1 1 2 2 3 1 3 3 2 3 1 1 1 1 2 2 2 1 2 3 2 3 0 2 1 1 2 2 0 1 1 2 2 2 2 0 1 0 1 0 2 0 1 4 0 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 3 2 1 2 3 2 3 2 1 2 3 2 3 3 2 3 3 2 3 2 2 3 3 3 2 2 3 3 1 3 1 3 3 1 2 2 3 3 3 3 2 3 2 3 3 3 3 3 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 3 2 2 3 2 2 2 2 2 2 3 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 0 1 1 1 0 0 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 219 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 2 17 71 13 12 145 9 106 21 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 11.193 3,5 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 34.732 10,8 % 44.019 13,6 % 89.895 27,8 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 143.031 44,3 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Im Vergleich zu Gesamtberlin schneidet der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in der Summe der Null-, Einfach- und Zweifachbelastung schlechter ab (Bezirk PLR mit keiner, Einfach- und Zweifachbelastung 73,7 Prozent, Berlin 79,6 Prozent). Auch in der Zahl der belasteten Einwohner/-innen spiegelt sich diese Einordnung wider (Bezirk 221.782 (68,7 Prozent), Berlin 2.702.351 (76,8 Prozent)). Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Ringbahn beziehungsweise Stadtring bilden eine vergleichsweise klare Grenze zwischen nicht und wenig belasteten Planungsräumen sowie der vergleichsweise homogen (zwei- bis dreifach) belasteten westlichen Innenstadt. Die mehrfach belasteten Planungsräume außerhalb der Innenstadt (zum Beispiel PLR Königin-Elisabeth-Straße, Schlangenbader Straße) sind verkehrlich hoch belasteten Bereichen zuzuordnen (Bundesautobahn, Bahnanlagen). 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 220 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Bei der Betrachtung der einzelnen Kernindikatoren ergeben sich für die Grünversorgung und die Luftbelastung, im gesamtstädtischen Vergleich, Abweichungen vom Durchschnitt nach unten. Hinsichtlich der sozialen Situation liegt der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf über dem Berliner Niveau. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Da sich die Bevölkerung in Charlottenburg-Wilmersdorf in den innerstädtischen Planungsräumen mit in der Regel höheren Belastungen konzentriert, ist die Zahl der Betroffenen, die in vier- und dreifach belasteten PLR lebt, anteilig deutlich höher als im Berliner Durchschnitt (Bezirk 31,3 Prozent, Berlin 22,6 Prozent). Insgesamt leben 101.088 Bewohner/innen, das heißt knapp ein Drittel aller Einwohner/-innen des Bezirkes CharlottenburgWilmersdorf in PLR mit Drei- beziehungsweise Vierfachbelastung. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 5 3 11 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 38 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs hoch 2 79 mittel 109 gering 21 34 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 221 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 1 100 19 22 248 98 15 Klassifikation der Grünversorgung hoch 49 8 mittel gering 228 29 170 20 Klassifikation der thermischen Belastung 5 90 80 8 hohe, sehr hohe Problemdichte 13 2 mittlere Problemdichte niedrige, sehr niedrige Problemdichte keine Angaben 42 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 222 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.5 Übersicht Bezirk Spandau 5.3.5 Übersicht Bezirk Spandau belas- versor- sche tung2 gung3 Belas- Proble- der Mehrindex)5 fachtung6 matik tung4 (Status- belas- Belas- 3 index)25 tung36 tung17 1 1 1 2 3 96.268184 0 3 05010101 Hakenfelde Nord 01011103 Lützowstraße 9.823 4.880 3 2 1 3 05010102 01011104 0501 SPAGoltzstraße 1 Körnerstraße 5.634 4.173 3 2 050101011102 SPA 1 Großer Tiergarten 05010101 Hakenfelde 01011105 Nördl. Landwehrkanal 05010103 Amorbacher Weg Nord 1.098 3 2 7.369 05010102 Goltzstraße 01011201 Wilhelmstraße 2.071 05010204 05010103Griesingerstraße Amorbacher Weg 3.217 01011202 Unter den Linden Nord 05010205 Tränke 1.911502 05010204An der Griesingerstraße 05010205 An der Tränke 01011203 Unter den Linden Süd 9.980890 05010206 Gütersloher Weg 05010206 Gütersloher Weg 01011204 Leipziger Straße 5.959 05010207 10.981 05010207Darbystraße Darbystraße 01011301 Charitéviertel 5.141 05010208 Germersheimer Platz 05010208 Germersheimer Platz 7.444 05010209 An der Kappe 01011302 Oranienburger Straße 5.964 12.118 05010209 An der Kappe 05010310 Eckschanze 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 05010310 3.694 05010311Eckschanze Eiswerder 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 05010312 Kurstraße 05010311 Eiswerder 5.383 Ackerstraße 05010313 01011305 Heine-Viertel West 6.693 05010312 Kurstraße 6.594 05010314 Carl-Schurz-Straße 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 05010313 6.451 05010339Ackerstraße Freiheit 01011401 Invalidenstraße 14.791 0502 SPACarl-Schurz-Straße 2 05010314 11.402 05020415 Isenburger Weg 01011402 Arkonaplatz 12.343 05010339 Freiheit 421 05020416 Am Heideberg 0102 Moabit 79.225 0502 SPA 2 05020417 Staakener Straße 84.784 01022101 Huttenkiez 3.339 05020418 Spandauer 05020415 Isenburger Weg Straße 3.954 05020419 Magistratsweg 05020416 Am Heideberg 1.771 05020420 Werkstraße 05020521 Döberitzer Weg 05020522 Pillnitzer Weg 05020523 Maulbeerallee 05020524 Weinmeisterhornweg 05020625 Borkumer Straße 05020626 Adamstraße 05020627 Tiefenwerder 05020628 Graetschelsteig 05020629 Börnicker Straße 3 3 3 2 3 3 3 3 3 2 3 2 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 2 2 2 2 2 3 96.268 9.823 2 3 5.634 1 3 7.369 1 3 3.217 1.911 1 2 9.980 2 3 10.981 7.444 2 2 5.964 2 3 3.694 2 3 5.383 6.594 2 3 6.451 3 2 11.402 2 3421 2 84.784 2 3.954 2 2 1.771 5.682 2 3.967 1 6.799 1 190 924 2.774 6.669 215 11.594 6.039 7.303 17.066 3.826 2.033 4.383 3 2 1 3 1 3 2 2 13 11 1 2 2 3 2 3 13 11 12 11 3 1 1 3 13 3 13 3 3 13 2 13 2 3 1 2 3 13 2 13 3 32 2 32 23 1 2 33 3 3 3 3 1 2 1 2 2 2 1 1 2 2 3 2 2 2 1 13 2 2 3 2 2 13 2 13 1 3 23 3 23 2 2 3 2 2 23 3 23 33 3 23 32 3 3 13 1 2 3 1 1 1 2 1 1 1 2 2 2 2 2 3 1 3 2 11 3 1 3 3 3 2 3 3 3 3 3 2 1 2 1 2 1 21 11 1 2 1 11 21 1 2 1 22 22 1 2 2 2 21 1 1 31 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 23 1 132 232 2 333 313 2 12 2 233 343 33 3 3 1 4 3 3 1 1 2 2 32 1 2 1 2 1 2 2 1 3 3 2 2 1 2 2 2 2 2 3 1 3 3 3 2 3 3 3 3 3 2 1 1 1 2 1 2 3 3 1 2 3 3 4 3 2 1 1 1 1 3 1 3 3 1 3 1 3 3 1 3 1 2 2 2 3 2 1 3 3 2 2 2 2 2 1 1 1 1 1 1 0 0 1 1 0 1 1 1 1 0 3 3 2 3 2 2 2 1 2 1 2 2 1 2 1 lage tung7 und 1 13 1 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 3.060 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße Soziale Problematik (Status-Index)5 gesamt Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Spandau, Einwohner/-innen insgesamt 226.868, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 39 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Einwohner/-innen Bezirk insgesamt 226.868, gesamt Spandau, Planungsräume (PLR) Bezirk 39 vonProble447 (Berlin) Bezirk gesamt Anzahl belasbelasversorsche der Mehrlage 12013 2 3 PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung tung gung Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name EW LärmLuftGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLR Planungsraum/PLR tung4 (StatusbelasBelas- 11 31 11 31 31 11 31 11 3 3 1 3 3 3 1 1 2 1 2 223 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 Alt-Gatow Groß-Glienicker Weg Jägerallee Kladower Damm Kafkastraße 27.030 3.597 11.294 11.135 1.004 18.786 3.776 393 8.856 2.164 3.597 Grünversor­gung3 Zitadellenweg Gartenfelder Straße Rohrdamm Motardstraße Luftbelas­tung2 0503 SPA 3 05030730 05030731 05030832 05030833 0504 SPA 4 05040934 05040935 05040936 05040937 05040938 Lärm­belas­tung1 Spandau, Einwohner/-innen insgesamt 226.868, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 39 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 3 3 3 0 2 2 2 2 1 1 2 3 3 3 3 3 2 3 2 1 2 3 2 2 3 1 3 2 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 1 2 1 1 1 0 0 0 0 0 1 1 1 1 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 224 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 1 17 6 9 71 145 7 106 16 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 6.451 2,8 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 32.906 14,5 % 53.098 23,4 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 101.365 44,7 % 33.048 14,6 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Im Berliner Vergleich liegt der Bezirk Spandau in etwa im Durchschnitt der Gesamtstadt. Die wenigen mehrfach belasteten Planungsräume östlich, westlich sowie nördlich der Altstadt sind allerdings dicht besiedelt (92.597 Einwohner leben in mehrfach belasteten PLR). Die anstehende Schließung des Flughafens Tegel wird hier voraussichtlich zu einer Entlastung führen, da sich insbesondere der Lärm deutlich verringern wird. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Den räumlichen Schwerpunkt bilden die Planungsräume in der Neustadt und im Falkenhagener Feld (vor allem PLR Darbystraße, Germersheimer Platz, Eiswerder, Kurstraße, Ackerstraße, Carl-Schurz-Straße, Gartenfelder Straße). Hier finden sich Dreifach- beziehungsweise Vierfachbelastungen (Carl-Schurz-Straße) und zugleich soziale Herausforderungen. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 225 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Deutlich positiver als der Berliner Durchschnitt steht der Bezirk Spandau bei der Zahl der Planungsräume mit guter Freiflächenversorgung da (Bezirk 87,2 Prozent, Berlin 55,5 Prozent). Auch bei der Luftbelastung gehört Spandau gesamtstädtisch zu den geringer belasteten Bezirken. Thermische Belastung und Status-Index bewegen sich in etwa im Berliner Durchschnitt. Deutlicher „Ausreißer“ im negativen Sinn ist der hohe Anteil der Planungsräume mit hoher Verlärmung (PLR mit hoher Lärmbelastung: Bezirk 59 Prozent, Berlin 19,2 Prozent). Der Blick auf die räumliche Verteilung legt den Flughafen Tegel und seine Einflugschneise als wesentliche Ursache nahe. Auch nach dessen Schließung werden allerdings andere Belastungen bestehen bleiben. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Deutlich höher als im Berliner Durchschnitt ist die Zahl der einfach belasteten Betroffenen: 44,7 Prozent der Bevölkerung fallen in diese Kategorie (Berlin 22,4 Prozent). Die übrigen schlechteren Kategorien zeigen dagegen geringere Anteile auf. Insgesamt ergibt sich so gegenüber Berlin ein besseres Gesamtbild. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 8 6 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 23 9 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs hoch 2 79 mittel 109 gering 17 20 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 226 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 schlecht, sehr schlecht 1 4 mittel 100 gut, sehr gut keine Angaben 248 98 34 Klassifikation der Grünversorgung hoch 49 8 mittel gering 13 228 170 18 Klassifikation der thermischen Belastung 13 9 13 17 90 80 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 227 Basisbericht2016/17 2016/17 Basisbericht Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.6 Übersicht Bezirk Steglitz-Zehlendorf 5.3.6 Übersicht Bezirk Steglitz-Zehlendorf 8.627 4.880 2 2 06010103 Markelstraße 01011104 Körnerstraße 0601 Region A 6.255 4.173 2 2 06010101 Fichtenberg 06010204 Munsterdamm 01011105 Nördl. Landwehrkanal 6.859 1.098 2 2 06010102Südende Schloßstraße 06010205 9.516 01011201 Wilhelmstraße 2.071 2 06010103 Markelstraße 06010206 Stadtpark 7.638 01011202 Unter den Linden Nord 502 2 06010204 Munsterdamm 06010205 Südende 01011203 Unter den Linden Süd 7.884890 2 06010207 Mittelstraße 06010206 Stadtpark 01011204 Leipziger Straße 5.959 2 06010208 Bergstraße 6.352 06010207 Mittelstraße 01011301 Charitéviertel 5.141 2 06010209 Feuerbachstraße 9.035 06010208 Bergstraße 06010209 Feuerbachstraße 01011302 Oranienburger Straße 4.870 12.118 2 06010210 Bismarckstraße 06010210 Bismarckstraße 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 0602 B B 76.989 0602Region Region 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 2 06020301 Alt-Lankwitz 06020301 Alt-Lankwitz 4.999 06020302 Komponistenviertel Lankwitz 01011305 Heine-Viertel West 6.693 Komponistenviertel 06020302 5.376 2 06020303 Lankwitz Kirche 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 Lankwitz 06020304 Kaiser-Wilhelm-Straße 01011401 Invalidenstraße 14.791 2 06020303 Lankwitz Kirche 7.177 06020305 Gemeindepark Lankwitz 06020306 Lankwitz-Süd 01011402 Arkonaplatz 12.343 1 06020304 Kaiser-Wilhelm-Straße 6.892 06020407 Thermometersiedlung 0102 Moabit 79.225 Gemeindepark Lank06020408 Lichterfelde-Süd 11.045 06020305 1 witz Huttenkiez 01022101 06020409 Königsberger Straße 3.339 06020306 1 06020410Lankwitz-Süd Oberhofer Platz 6.424 06020411 Schütte-Lanz-Straße 0603 Region C 06030501 Berlepschstraße 06030502 Zehlendorf Süd 06030503 Zehlendorf Mitte 06030504 Teltower Damm 06030605 Botanischer Garten 06030606 Hindenburgdamm 06030607 Goerzwerke 06030608 Schweizer Viertel 3 2 3 3 2 2 3 3 3 2 2 2 2 2 3 1 1 2 2 1 1 01 11 2 3 3 3 3 3 2 2 23 11 3 3 73.826 3 2 3 3 2 3 33 11 2 3 1 2 12 3 22 3 2 2 2 2 32 2 32 2 2 2 3 3 3 3 23 3 23 2 3 3 2 3 33 3 33 2 02 11 6.790 2 3 8.627 2 3 6.255 2 3 6.859 9.516 2 2 7.638 3 3 7.884 3 2 6.352 9.035 2 3 4.870 3 76.989 4.999 2 3 5.376 3 2 7.177 2 6.892 2 2 11.045 6.424 2 2 4.912 6.628 2 2 8.179 2 6.861 190 8.496 80.018 221 5.545 5.325 11.253 10.875 6.958 5.175 3.222 11.763 12 1 2 22 3 22 12 2 1 11 2 11 3 1 12 23 12 1 1 1 2 1 2 2 2 1 3 2 23 2 11 2 2 2 2 2 2 3 2 23 23 22 3 2 3 23 2 23 1 31 23 22 1 2 1 2 2 2 2 1 1 3 2 3 21 13 1 2 2 12 23 3 2 2 22 2 2 2 2 2 2 3 23 3 132 133 3 23 3 313 223 3 1 1 21 21 3 1 31 1 1 1 1 1 1 2 1 1 1 2 2 2 2 2 2 3 2 2 1 2 2 2 2 2 2 2 2 2 0 2 3 0 2 1 1 2 3 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 2 3 2 2 1 2 0 0 1 0 1 0 2 0 0 0 0 1 1 1 1 1 1 2 1 1 1 1 1 2 2 1 2 2 1 1 0 0 0 0 0 0 1 0 1 1 1 1 1 1 1 1 1 11 11 11 11 11 11 3 2 2 0 3 1 2 113 022 2 1 2 32 0 2 1 21 Wohnlage 7 ­ und Belastung 06010102 Schloßstraße 01011103 Lützowstraße 3 Kategorie der Mehrfachbelastung6 2 3 von 447 (Berlin) Soziale Problematik (Status-Index)5 3 6.790184 2 0 4 ­ Thermische Belastung 2 06010101 Fichtenberg 01011102 Großer Tiergarten 3 Grünversorgung ­ 73.826 3.060 2 Luftbelastung ­ 060101011101 Region A Stülerstraße 1 Lärmbelastung ­ ­ Steglitz-Zehlendorf, Einwohner/-innen insgesamt 298.200,(PLR) Anzahl Planungsräume Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume Bezirk 41 von 447 (Berlin)(PLR) Bezirk 41 Steglitz-Zehlendorf, Einwohner/-innen insgesamt 298.200,EW Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name LOR-Nr. LOR-Name EW LärmLuftGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR LOR-Name Bezirk gesamt LOR-Nr. EW LuftBezirk gesamt Lärmbelasbelas- Grünversor- Thersche Soziale Proble- Kategorie der Mehr- Wohnlage PLR Prognoseraum/PGR PGRPLR Bezirk belaslage Prognoseraum/PGR gesamt 2013 belastung12013 tung2 versorgung3 mische Belas- Problematik der Mehrfachund Planungsraum/PLR PLR Prognoseraum/PGR 2013 tung1 tung2 gung3 Belasund Planungsraum/PLR tung4 matik (Status- fachbelasBelasPlanungsraum/PLR tung4 (Statusindex)5 belastung6 Belastung7 5 6 index) tung tung7 0101 Zentrum 98.690 1 04 11 3 1 1 1 12 11 1 1 2 228 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Grünversor­gung3 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 11.756 8.146 67.367 9.522 5.397 10.754 7.564 5.281 7.141 5.790 4.135 5.041 6.742 Luftbelas­tung2 06030609 Augustaplatz 06030610 Lichterfelde-West 0604 Region D 06040701 Wannsee 06040702 Düppel 06040703 Nikolassee 06040804 Krumme Lanke 06040805 Fischerhüttenstraße 06040806 Fischtal 06040807 Zehlendorf-Eiche 06040808 Hüttenweg 06040809 Thielallee 06040810 Dahlem Lärm­belas­tung1 Steglitz-Zehlendorf, Einwohner/-innen insgesamt 298.200, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 2 1 2 2 1 1 2 2 2 1 0 0 1 1 2 2 2 1 1 2 2 2 2 2 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 1 2 2 2 2 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 229 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 2 fünffach 17 5 71 dreifach 145 5 zweifach 106 29 vierfach einfach unbelastet 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 15.290 5,1 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 34.277 11,5 % 36.966 12,4 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 211.667 71,0 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Steglitz-Zehlendorf ist im gesamtstädtischen Vergleich ein Bezirk mit wenigen Umweltbelastungen. Einzig die Planungsräume im verdichteten Bereich des Zentrums Schloßstraße sowie einzelne Planungsräume im Raum Südende/Lankwitz weisen Belastungen auf. Die Zahl der Betroffenen ist sowohl in Bezug auf die Gesamtbevölkerungszahl des Bezirkes als auch im Berliner Vergleich gering. 16,6 Prozent (49.567 Einwohner/-innen) leben in mehrfach belasteten Planungsräumen. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Der Altbezirk Zehlendorf ist vollständig als unbelastet zu bewerten. Im früheren Bezirk Steglitz gibt es ein differenzierteres Bild. Der verdichtete, fast schon innerstädtisch geprägte Raum rund um die Schloßstraße und die Wannseebahn beziehungsweise Westtangente weist Planungsräume mit Zwei- und Dreifachbelastungen auf. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 230 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Bei allen Kernindikatoren, mit Ausnahme der thermischen Belastung, zeigt der Bezirk Steglitz-Zehlendorf geringere Anteile bei den problematischen Belastungsstufen auf. Demnach ist der Anteil der weniger belasteten Planungsräume hoch. Lediglich 7 von 41 PLR sind mehrfach belastet. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Nahezu drei Viertel (71 Prozent) aller Bewohner/-innen leben in unbelasteten Räumen, lediglich etwa 16,6 Prozent der Einwohner/-innen leben in Räumen mit Zwei- oder Dreifachbelastung, vier- oder fünffach belastete Planungsräume gibt es nicht. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 86 86 12 hoch, sehr hoch mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 29 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs hoch 3 79 mittel 109 12 26 gering 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 231 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 6 100 4 248 98 31 Klassifikation der Grünversorgung 5 hoch 49 mittel 11 gering 228 170 25 Klassifikation der thermischen Belastung 13 1 90 80 17 23 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 232 Basisbericht2016/17 2016/17 Basisbericht Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.7 Übersicht Bezirk Tempelhof-Schöneberg 5.3.7 Übersicht Bezirk Tempelhof-Schöneberg 0705 Mariendorf 07050501 Rathausstraße 07050502 Fritz-Werner-Straße 07050503 Eisenacher Straße 07050504 Imbrosweg 07050505 Hundsteinweg 07050506 Birnhornweg 3 10.329 190 2 3.455 50.327 227 15.668 7.672 8.974 5.422 10.399 2.192 3 3 12 23 2 2 2 1 2 2 2 2 2 3 2 2 2 1 2 2 1 1 1 1 1 3 3 3 3 2 2 2 2 3 1 3 2 3 1 1 2 3 1 2 1 3 3 1 3 3 2 2 1 1 1 2 3 0 2 2 1 3 3 1 1 1 1 1 3 2 2 2 2 2 1 1 1 0 1 0 0 1 2 2 1 1 1 Soziale Problematik (Status-Index)5 4 ­ Thermische Belastung 3 Grünversorgung ­ 2 Wohnlage 7 ­ und Belastung Rathaus Tempelhof 34 von 447 (Berlin) Kategorie der Mehrfachbelastung6 07040405 07040404 07040406Marienhöhe Germaniagarten 5.058 2 Luftbelastung ­ 1 Lärmbelastung ­ ­ Tempelhof-Schöneberg, Einwohner/-innen insgesamt 331.822, Anzahl (PLR) Bezirk Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 Planungsräume von 447 (Berlin) Tempelhof-Schöneberg, Einwohner/-innen insgesamt 331.822, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 34 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnLOR-Nr. EW Lärm- gesamt LuftGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR LOR-Name Bezirk Bezirk gesamt belasbelasversorsche Proble- der Mehrlage PGR gesamt belas- 12013 belas- 2 versor- 3 sche Proble- der Mehrlage PLRPLR Bezirk Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung tung gung Belasmatik fachund PLR Prognoseraum/PGR 2013 tung1 tung2 gung3 Belas- 4 matik fachund Planungsraum/PLR Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelasPlanungsraum/PLR tung4 (Status- 5 belas- 6 Belas- 7 index) tung tung index)5 tung6 tung7 0101 Zentrum 98.690 0701 Schöneberg Nord 47.236 01011101 Stülerstraße 3.060 2 3 3 3 2 3 1 Wittenbergplatz/ 01011102 Großer Tiergarten 07010101 9.275 184 2 0 3 3 3 1 3 2 2 1 31 11 Viktoria-Luise-Platz 01011103 Lützowstraße 4.880 2 3 3 3 2 3 1 07010102 Nollendorfplatz 15.054 2 3 3 3 2 3 1 01011104 Körnerstraße 4.173 2 3 2 3 3 3 1 0701 Schöneberg Nord 47.236 07010103 Barbarossaplatz 9.756 2 2 3 3 2 2 1 Wittenbergplatz/ 01011105 Nördl. Landwehrkanal 1.098 2 3 1 3 1 2 1 07010101Dennewitzplatz 9.275 2 07010104 13.151 2 3 22 33 3 3 3 3 2 Viktoria-Luise-Platz 01011201 Wilhelmstraße 2.071 3 3 1 3 2 3 1 07010102 15.054 2 3 3 3 2 0702 SchönebergNollendorfplatz Süd 48.377 01011202 Unter den Linden Nord 502 2 3 3 3 23 33 1 2 07010103 Barbarossaplatz 9.756 2 2 07020201 Bayerischer Platz 10.317 2 3 3 3 2 3 1 07010104 Dennewitzplatz 13.151 23 33 01011203 Unter den Linden Süd 890 3 2 12 33 1 3 Volkspark Süd 0702 Schöneberg 48.377 01011204 Leipziger Straße 07020202 9.7285.959 2 3 3 3 2 2 3 3 2 2 23 11 07020201(Rudolf-Wilde-Park) Bayerischer Platz 10.317 2 3 3 3 2 01011301 Charitéviertel 5.141 2 2 2 3 1 1 1 Volkspark 07020203 17.090 2 3 32 33 2 2 3 3 1 07020202Kaiser-Wilhelm-Platz 9.728 2 01011302 Oranienburger Straße 12.118 2 3 2 3 2 2 1 (Rudolf-Wilde-Park) 07020204 Schöneberger Insel 11.242 2 3 3 3 2 3 3 07020203 Kaiser-Wilhelm-Platz 8.359 17.090 22 33 01011303 Alexanderplatzviertel 3 3 23 33 1 2 0703 Friedenau Schöneberger Insel 44.688 07020204 11.242 2 3 3 3 2 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 3 3 3 3 2 4 1 0703 Friedenau 44.688 07030301 Friedenau 23.641 2 3 3 3 2 3 1 01011305 Heine-Viertel 6.693 3 3 23 33 1 2 07030301 Friedenau West 23.641 22 33 07030302 Ceciliengärten 9.052 2 2 3 3 2 2 1 07030302 Ceciliengärten 9.052 2 2 3 3 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 2 2 2 3 2 1 1 2 07030303Grazer Grazer 11.995 2 07030303 Platz Platz 11.995 2 3 32 23 2 3 2 2 1 01011401 Invalidenstraße 14.791 2 2 2 3 2 1 2 0704 Tempelhof 60.771 0704 Tempelhof 60.771 01011402 Arkonaplatz 12.343 2 2 22 22 1 2 07040401 Neu-Tempelhof 16.845 23 23 07040401 Neu-Tempelhof 16.845 2 2 21 23 2 2 0 3 1 07040402 Lindenhofsiedlung 2.071 2 0102 Moabit 79.225 07040403 Manteuffelstraße 23.013 2 07040402 Lindenhofsiedlung 2.071 1 3 22 33 2 2 2 3 1 01022101 Huttenkiez 3.339 2 2 3 3 3 3 2 07040404 Marienhöhe 5.058 3 2 1 2 2 07040403 Manteuffelstraße 23.013 2 3 2 3 2 2 1 1 233 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Luftbelas­tung2 Grünversor­gung3 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 0706 Marienfelde 07060601 Marienfelder Allee Nordwest 07060602 Kichstraße 07060603 Marienfelde Nordost 07060604 Marienfelde Süd 0707 Lichtenrade Kettinger Straße/ 07070701 Schillerstraße Alt-Lichtenrade/ 07070702 Töpchiner Weg 07070703 John-Locke-Straße 07070704 Nahariyastraße 07070705 Franziusweg/Rohrbachstraße Horstwalder Straße/ 07070706 Paplitzer Straße 07070707 Wittelsbacherstraße Lärm­belas­tung1 Tempelhof-Schöneberg, Einwohner/-innen insgesamt 331.822, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 34 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 30.716 9.878 4.608 2.727 13.503 49.707 2 2 2 1 2 2 2 1 1 1 2 1 3 2 3 2 2 1 2 2 1 0 1 0 1 1 2 1 10.416 2 2 1 2 2 0 1 10.150 2 1 1 2 2 0 1 7.652 8.033 7.070 2 1 1 2 1 1 2 1 1 2 2 1 2 3 1 0 1 0 1 1 1 3.620 1 1 1 2 2 0 1 2.766 1 1 1 1 1 0 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 234 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 fünffach 17 9 71 dreifach 145 12 vierfach zweifach 106 6 7 einfach unbelastet 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 98.195 29,6 % 113.554 34,2 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 54.458 16,4 % 65.615 19,8 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Hinsichtlich der Verteilung der Planungsräume liegt der Bezirk leicht über dem Berliner Durchschnitt. In Bezug auf die betroffenen Einwohner/-innen gibt es zwar keine vier- und fünffach belastete Bevölkerung, gleichzeitig ist aber der Anteil der dreifach belasteten Einwohner/-innen deutlich höher. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Der innerstädtische Teil des Bezirks Tempelhof-Schöneberg ist flächendeckend durch Mehrfachbelastung unterschiedlichen Grades gekennzeichnet. Auch die südlich an die Ringbahn angrenzenden Räume in Friedenau (0703) und Tempelhof (0704) mit vergleichsweise hoher städtebaulicher Dichte und gemischter Nutzung weisen in der Regel Zwei- bis Dreifachbelastung auf. Südlich des Teltowkanals sind keine Planungsräume mit nennenswerten Belastungen anzutreffen. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 235 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Bei vielen Faktoren sind die Abweichungen zum Berliner Durchschnitt relativ gering. Am deutlichsten negativ sind die Abweichungen bei der Luftbelastung. Während der Anteil der PLR mit hoher Luftbelastung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg 41,3 Prozent beträgt, beträgt dieser gesamtstädtisch nur etwa die Hälfte dessen (24,4 Prozent). Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Auch bei den Anteilen der Betroffenen in den verschiedenen Belastungsstufen bewegt sich Tempelhof-Schöneberg annähernd im Berliner Durchschnitt. Der etwas höhere Anteil an Betroffenen in Räumen mit Dreifachbelastung wird durch das Fehlen von Vier- und Fünffachbelastungen sowie einem höheren Anteil an Bewohnern in unbelasteten Planungsräumen in der Bilanz „ausgeglichen“. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich Tempelhof-Schöneberg Berlin 14 2 7 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 25 261 hoch 79 6 mittel 109 14 14 gering 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 236 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 9 100 15 248 98 10 Klassifikation der Grünversorgung 2 hoch 49 mittel gering 18 14 228 170 Klassifikation der thermischen Belastung 13 3 4 90 80 27 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 237 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.8 Übersicht Bezirk Neukölln 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.8 Übersicht Bezirk Neukölln belas- versor- mische tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehrindex) tung6 matik fach- 3 tung4 3 (Statusindex)25 1 2 2 3 1 2 3.060 2 3 165.086184 0 3 01011103 Lützowstraße 08010115 Hasenheide 4.880 3 2 829 2 3 01011104 Körnerstraße 08010116 Wissmannstraße 0801 Neukölln 4.173 2 2 3.517 080101011102 Neukölln Großer Tiergarten 08010115 Hasenheide 01011105 Nördl. Landwehrkanal 16.117 1.098 08010117 Schillerpromenade 08010116 Wissmannstraße 01011201 Wilhelmstraße 2.071 08010118 08010117Silbersteinstraße Schillerpromenade11.466 01011202 Unter den Linden Nord 08010118Flughafenstraße Silbersteinstraße 10.021502 08010211 08010211 Flughafenstraße 01011203 Unter den Linden Süd 7.389890 08010212 Rollberg 08010212 Rollberg 01011204 Leipziger Straße 5.959 08010213 12.586 08010213Körnerpark Körnerpark 01011301 Charitéviertel 5.141 08010214 Glasower 08010214 Glasower Straße Straße 8.194 08010301 Reuterkiez 01011302 Oranienburger Straße 12.118 08010301 Reuterkiez 27.877 08010302 Bouchéstraße 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 08010302 3.732 08010303Bouchéstraße Donaustraße 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 08010404 Rixdorf 08010303 Donaustraße 8.482 08010405 Hertzbergplatz 01011305 Heine-Viertel West 6.693 08010404 23.162 08010406Rixdorf Treptower Straße Nord 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 08010405 8.973 08010407Hertzbergplatz Gewerbegebiet Ederstraße 01011401 Invalidenstraße 14.791 08010508Treptower Weiße Siedlung 08010406 Straße Nord 6.870 08010509 Schulenburgpark 01011402 Arkonaplatz 12.343 Gewerbegebiet Gewerbegebiet 08010407 794 0102 Moabit 79.225 08010510 Ederstraße Köllnische Heide 01022101 Huttenkiez 3.339 0802 Britz/Buckow 08010508 Weiße Siedlung 5.318 08020619 Buschkrugallee Nord 08020620 Tempelhofer Weg 08020621 Mohriner Allee Nord 08020622 Parchimer Allee 08020623 Ortolanweg 08020624 Britzer Garten 08020625 Handwerker-Siedlung 08020726 Buckow West 08020727 Buckow Mitte 08020728 Buckow Ost 1 2 2 3 2 2 2 3 3 2 2 2 2 2 3 1 3 2 3 2 2 1 2 1 2 1 1 3 3 165.086 829 2 3 3.517 2 3 16.117 11.466 2 3 10.021 2 2 7.389 3 2 12.586 2 8.194 3 27.877 3 2 3.732 3 2 8.482 3 23.162 3 8.973 3 2 6.870 2 2794 2 5.318 2 9.373 2 2386 2 2 69.150 2 9.934 190 9.160 2.326 232 14.098 1.262 1.127 3.331 8.276 11.387 8.249 3 1 1 2 31 1 32 3 2 2 3 2 2 32 2 32 22 3 1 2 32 3 32 12 3 12 21 2 31 23 30 3 2 2 1 2 2 2 2 2 1 1 2 3 2 2 13 21 3 3 3 3 33 21 22 21 2 3 3 2 2 2 2 1 2 2 2 1 2 3 1 3 3 3 3 3 2 3 3 3 3 3 3 3 1 2 1 23 13 2 2 3 13 23 3 2 3 23 22 3 2 3 23 22 3 3 2 2 1 1 2 1 1 1 1 2 2 3 233 332 3 23 3 3 3 3 1 4 3 23 2 3 3 3 3 4 4 3 33 3 3 1 2 3 1 3 2 23 3 2 3 3 3 3 2 3 2 2 2 2 2 2 1 3 2 2 3 2 3 4 2 3 4 3 2 3 3 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 3 2 2 2 2 2 2 2 3 1 3 3 1 2 2 2 2 2 2 2 3 2 0 1 0 0 0 0 0 0 1 2 2 1 2 2 1 2 2 2 Belastung17 1 2 3 3 3 2 23 3 23 2 3 3 2 3 32 3 33 23 3 2 3 33 3 32 23 3 23 32 3 32 23 2 3 3 3 3 3 3 3 2 3 3 3 3 3 3 3 3 lage 7 tung und 1 33 3 belastung36 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Neukölln, Einwohner/-innen insgesamt 322.153, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 40 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt Anzahl belasbelasversorsche der Mehrlage Neukölln, Einwohner/-innen insgesamt 322.153, Planungsräume (PLR) Bezirk 40 vonProble447 (Berlin) PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name LärmLuftGrünTher- 4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLREW Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelas- 1 21 21 21 2 2 2 2 3 2 2 2 1 1 1 1 1 1 1 2 1 2 2 2 238 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Grünversor­gung3 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 36.407 12.277 7.245 16.885 51.510 2.761 3.941 2.679 7.682 6.829 9.626 6.459 3.608 7.925 Luftbelas­tung2 0803 Gropiusstadt 08030829 Gropiusstadt Nord 08030830 Gropiusstadt Süd 08030831 Gropiusstadt Ost 0804 Buckow Nord/Rudow 08040932 Goldhähnchenweg 08040933 Vogelviertel Süd 08040934 Vogelviertel Nord 08041035 Blumenviertel 08041036 Zittauer Straße 08041037 Alt-Rudow 08041038 Waßmannsdorfer Chaussee 08041039 Frauenviertel 08041040 Waltersdorfer Chaussee Ost Lärm­belas­tung1 Neukölln, Einwohner/-innen insgesamt 322.153, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 40 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 2 1 1 2 2 2 2 1 2 3 3 2 3 2 2 2 1 0 2 2 2 1 2 2 2 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 2 1 1 1 3 1 1 1 1 1 1 1 1 3 2 2 2 1 2 2 2 2 2 2 2 1 1 2 1 2 2 2 0 0 0 0 0 0 0 0 2 2 2 1 2 1 2 1 2 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 239 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 2 17 9 16 71 145 106 3 10 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 16.676 5,2 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 101.592 31,5 % 22.172 6,9 % 71.002 22,0 % 110.711 34,4 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Der Süden des Bezirkes Neukölln ist kaum belastet. Die dicht bebauten, auch von sozialen Herausforderungen geprägten Planungsräume des Neuköllner Nordens weisen durchgängig mittlere bis hohe Belastungen auf (insbesondere PLR Wissmannstraße, Flughafenstraße, Körnerpark, Glasower Straße, Bouchéstraße, Reuterkiez, Donaustraße, Rixdorf, Treptower Straße Nord, Gewerbegebiet Ederstraße, Gewerbegebiet Köllnische Heide, Buschkrugallee Nord). In diesen Planungsräumen konzentriert sich zugleich aber auch eine große Zahl der Neuköllner Bewohner/-innen. Insgesamt bewegt sich der Bezirk Neukölln annähernd im Berliner Durchschnitt. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Schwerpunkt der Mehrfachbelastung ist der Neuköllner Norden, das heißt die Planungsräume innerhalb der Innenstadtgrenze sowie die unmittelbar südlich der Ringbahn an- 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 240 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 schließenden, noch gründerzeitlich geprägten Bereiche. Hier sind durchgängig mittlere bis hohe Belastungen zu finden. Die Situation im Süden Neuköllns stellt sich dagegen weitgehend als wenig oder gar nicht belastet dar. Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Am deutlichsten nach unten abweichend ist die Verteilung der Klassifikationen beim Status-Index. So beträgt der Anteil der PLR mit hoher, sehr hoher Problemdichte in Neukölln 52 Prozent während der Anteil gesamtstädtisch bei 22,8 Prozent liegt. Bei den Umweltfaktoren fallen insbesondere die Versorgungsdefizite im Bereich der Grünflächen und die vergleichsweise höhere thermische Belastung auf. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Rund zwei Drittel (61,6 Prozent) der Neuköllner Einwohner/-innen ist mindestens von einer Zweifachbelastung betroffen (Berlin 49,8 Prozent). Dementsprechend sind in Neukölln prozentual auch mehr von stärkerer Belastung betroffene Einwohner/-innen zu finden. Gegenüber stadtstrukturell vergleichbaren anderen innerstädtischen Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte oder sogar Charlottenburg-Wilmersdorf ist die Abweichung nach unten zum Berliner Durchschnitt aber weniger signifikant. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 1 1 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig 17 keine Angaben 21 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs 5 5 hoch 79 mittel 109 30 gering 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 241 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 13 100 17 248 98 10 Klassifikation der Grünversorgung 1 hoch 49 mittel gering 21 18 228 170 Klassifikation der thermischen Belastung 13 4 90 80 18 18 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 242 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.9 Übersicht Bezirk Treptow-Köpenick 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.9 Übersicht Bezirk Treptow-Köpenick belas- versor- sche tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehrindex) tung6 matik fach- 3 tung4 3 (Status25 index) 1 2 2 3 3 3 3.060 2 3 Großer Tiergarten 090101011102 Treptow-Köpenick 1 58.049184 0 3 01011103 Lützowstraße 09010101 Elsenstraße 4.880 11.160 2 2 2 3 01011104 Körnerstraße Am Treptower Park1 0901 Treptow-Köpenick 09010102 09010101 Elsenstraße NordNördl. 01011105 Landwehrkanal 4.173 72 1.098 09010102 Am Treptower Park4.228 Nord 09010201 Am Treptower Park Süd 01011201 Wilhelmstraße 2.071 09010201 Am Treptower Park Süd 01011202 Unter den Linden Nord 09010202 Köpenicker Landstraße 6.639 09010202 Köpenicker Landstraße 502 09010301 Baumschulenstraße 01011203 Unter den Linden Süd 14.588890 09010301 Baumschulenstraße 09010302 Späthsfelde 01011204 Leipziger 5.959 09010302 Späthsfelde Straße 09010401 Johannisthal West 2.892 01011301 Charitéviertel 5.141 09010401 Johannisthal West 09010402 Johannisthal Ost 7.851 0902 Treptow-Köpenick 2 01011302 Oranienburger 12.118 09010402 Johannisthal Ost Straße 10.619 09020501 Oberschöneweide West 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 0902 Treptow-Köpenick 2 56.391 09020502 Oberschöneweide Ost 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 09020601 Schnellerstraße 09020501 Oberschöneweide West 5.934 09020602 Oberspree 01011305 Heine-Viertel West 6.693 09020502 Oberschöneweide Ost 14.022 09020701 Adlershof West 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 09020601 Schnellerstraße 7.215 09020702 Adlershof Ost 01011401 Invalidenstraße 14.791 09020801 Spindlersfeld 09020602 Oberspree 3.410 09020802 Köllnische Vorstadt 01011402 Arkonaplatz 12.343 09020701 Adlershof West 262 0903 Treptow-Köpenick 3 0102 Moabit 79.225 09020702 Adlershof 09030901 DorfOst Altglienicke 15.477 01022101 Huttenkiez 3.339 09030902 Wohngebiet II 09020801 Spindlersfeld 2.883 09030903 Kölner Viertel 09031001 Bohnsdorf 09031101 Grünau 09031201 Karolinenhof Schmöckwitz/ 09031202 Rauchfangswerder 0904 Treptow-Köpenick 4 09041301 Kietzer Feld/Nachtheide 09041302 Wendenschloss 09041401 Allende I 09041402 Allende II 0 2 2 3 3 2 2 2 3 2 3 2 2 2 2 3 2 3 2 3 3 2 2 2 0 2 2 2 2 3 58.049 2 11.160 3 72 2 3 4.228 2 3 6.639 14.588 2 2 2.892 3 3 7.851 2 2 10.619 56.391 2 3 5.934 3 14.022 7.215 2 3 3.410 2 3 262 2 2 15.477 2.883 2 2 7.188 2 2 47.602 2 12.251 2 5.786 2 7.826 190 12.087 5.585 239 1.760 1 2 3 1 1 22 13 21 0 1 1 3 12 3 22 3 2 1 2 2 12 2 2 23 2 2 3 2 2 23 2 23 3 2 3 2 2 23 0 1 2 2 3 2 2 2 33 3 2 2 2 02 22 12 2 33 1 22 11 1 3 2 2 3 2 3 2 2 23 2 2 3 23 32 2 23 23 2 22 3 22 1 1 1 1 belastung36 3 3 1 02 11 2 3 1 2 2 1 31 1 1 1 1 0 0 3 2 2 2 1 1 2 2 1 1 1 1 2 1 1 3 2 2 2 0 2 2 3 2 0 2 0 0 0 0 2 2 1 2 1 2 1 1 1 1 3 2 2 2 1 0 1 0 1 0 0 1 1 1 1 1 1 21 22 2 2 24 3 2 03 2 21 2 01 2 22 0 1 0 1 0 0 1 0 0 1 1 22 1 2 21 2 12 1 12 1 2 11 2 2 0 2 2 2 1 2 2 Belastung17 1 3 2 3 22 1 22 1 2 22 2 21 22 0 0 lage 7 tung und 3 2 13 2 03 2 03 2 2 13 2 01 2 12 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Treptow-Köpenick, Einwohner/-innen 245.951, (PLR) Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 34 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102,insgesamt Anzahl Planungsräume Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt 245.951, belasbelasversorsche Bezirk ProbleTreptow-Köpenick, Einwohner/-innen insgesamt Anzahl Planungsräume (PLR) 34 vonder 447Mehr(Berlin) lage PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name LärmLuftGrünThermi-4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLREW Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelas- 1 11 11 11 21 11 21 11 21 12 1 2 1 1 2 2.307 1 1 1 1 1 0 1 35.296 13.808 1.778 4.680 1.510 1 1 2 2 1 1 2 2 1 1 1 1 1 1 2 2 2 1 2 2 0 0 0 0 1 1 1 1 243 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Grünversor­gung3 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 6.990 6.530 48.613 3.530 14.156 8.998 9.679 12.250 Luftbelas­tung2 09041501 Altstadt-Kietz 09041601 Müggelheim 0905 Treptow-Köpenick 5 09051701 Hirschgarten 09051702 Bölschestraße 09051801 Rahnsdorf/Hessenwinkel 09051901 Dammvorstadt 09052001 Köpenick-Nord Lärm­belas­tung1 Treptow-Köpenick, Einwohner/-innen insgesamt 245.951, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 34 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 2 2 2 1 2 1 3 1 2 1 1 0 1 1 2 2 1 2 2 1 1 1 2 1 1 1 1 1 1 2 2 1 2 1 2 2 1 2 2 0 0 0 0 0 1 1 1 1 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 244 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 fünffach 17 3 71 6 vierfach dreifach 145 zweifach 106 25 einfach unbelastet 105 Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 20.337 8,3 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 43.143 17,5 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 182.471 74,2 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Die Umweltbelastung des Bezirkes Treptow-Köpenick ist insgesamt gering – dies gilt sowohl für die Zahl der Planungsräume als auch für die absolute Zahl der betroffenen Einwohner/-innen. Treptow-Köpenick gehört damit – neben Steglitz-Zehlendorf – zu den am wenigsten belasteten Bezirken Berlins. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Nur wenige Planungsräume weisen überhaupt eine Belastung auf (Ein- oder Zweifachbelastung). Das sind die verdichteten Bereiche Alt-Treptow, Schöneweide sowie die Altstadt Köpenick mit ihren Vorstädten. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 245 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Alle Indikatoren sind in Treptow-Köpenick im Vergleich zu Gesamtberlin überdurchschnittlich gut. Insbesondere sind die Faktoren Grünversorgung, Luftbelastung sowie thermische Belastung deutlich besser. Auch der Status-Index fällt deutlich besser aus. Lediglich beim Indikator Lärm ist die Situation gegenüber dem Berliner Durchschnitt nur geringfügig besser. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Drei Viertel aller Einwohner/-innen (182.471 Einwohner, 74,2 Prozent) leben in unbelasteten Planungsräumen. 17,5 Prozent der Bürger/-innen leben in einfach belasteten Planungsräumen. Damit ist Treptow-Köpenick der am geringsten belastete Bezirk aller Berliner Bezirke. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 4 2 86 6 hoch, sehr hoch 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 22 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs 1 hoch 79 109 12 mittel gering 21 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 246 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 1 100 7 248 98 26 Klassifikation der Grünversorgung 3 hoch 49 mittel 8 gering 228 170 23 Klassifikation der thermischen Belastung 2 13 3 90 80 7 22 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 247 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.10 5.3.1Übersicht ÜbersichtBezirk BezirkMarzahn-Hellersdorf Mitte 5.3.10 Übersicht Bezirk Marzahn-Hellersdorf belas- versor- mische tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehrindex) tung6 matik fach- tung4 (Status- belas- Belas- 3 index)25 tung36 tung17 1 1 1 2 3 105.786184 0 3 01011103 Lützowstraße 10010101 Marzahn-West 4.880 1 2 5.591 1 3 01011104 Körnerstraße 10010102 Havemannstraße 1001 Marzahn 4.173 1 2 17.592 100101011102 Marzahn Großer Tiergarten 10010101 Marzahn-West 01011105 Nördl. Landwehrkanal 1.098 Gewerbegebiet 10010203 661 10010102Bitterfelder Havemannstraße Straße 01011201 Wilhelmstraße 2.071 Gewerbegebiet 10010203 10010204 Wuhletalstraße 10.178 01011202 Unter den Linden Nord 502 Bitterfelder Straße 10010204 Wuhletalstraße 01011203 Unter den Linden Süd 8.020890 10010205 Marzahn-Ost 10010205 Marzahn-Ost 01011204 Leipziger Straße 5.959 10010206 Ringkolonnaden 16.423 10010206 Ringkolonnaden 01011301 Charitéviertel 5.141 10010207 Marzahner Promenade 10.596 10010207 Marzahner Promenade 10010308 Marzahner Chaussee 01011302 Oranienburger Straße 1.766 12.118 10010308 Marzahner Chaussee 10010309 Springpfuhl 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 10010309 Springpfuhl 14.496 10010310 Alt-Marzahn 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 10010310 Alt-Marzahn 10010311 Landsberger Tor 17.505 1002 Hellersdorf 01011305 Heine-Viertel West 6.693 10010311 Landsberger Tor 2.958 10020412 Alte Hellersdorfer Straße 8.130 100201011306 HellersdorfHeine-Viertel Ost 10020413 Gut Hellersdorf 77.073 01011401 Invalidenstraße 14.791 10020414Alte Hellersdorfer Helle Mitte 10020412 6.440 01011402 Arkonaplatz 12.343 Straße 10020415 Hellersdorfer Promenade 10020416 Böhlener Straße 0102 Moabit 79.225 10020413 Gut Hellersdorf 14.829 10020517 Adele-Sandrock-Straße 01022101 Huttenkiez 3.339 10020414 Helle Mitte 1.677 10020518 Schleipfuhl 10020519Hellersdorfer Boulevard Kastanienallee 10020415 5.285 10020620 Kaulsdorf-Nord II 10020621 Gelbes Viertel 10020622 Kaulsdorf-Nord I 10020623 Rotes Viertel 1003 Biesdorf 10030724 Oberfeldstraße 10030725 Buckower Ring 10030726 Alt-Biesdorf 10030727 Biesdorf-Süd 0 2 3 2 2 2 3 2 3 2 2 3 2 2 3 2 3 2 3 2 2 2 2 2 2 2 1 3 2 1 3 2 3 3 2 13 2 3 105.786 5.591 3 1 17.592 1 2 2 3 3 3 13 2661 3 10 3 3 13 3 22 23 10.178 1 2 8.020 2 3 16.423 3 2 10.596 1.766 2 3 14.496 3 3 17.505 2 3 2.958 77.073 2 3 6.440 2 14.829 2 1.677 2 2 5.285 5.282 2 8.810 3 2 4.979 5.357 2 190 3.318 5.892 245 8.687 6.517 25.689 7.851 5.950 2.776 9.112 12 3 2 23 3 11 13 11 2 2 13 11 3 1 2 1 2 2 32 2 13 2 2 1 2 2 12 3 1 2 22 2 22 1 13 1 1 1 11 3 12 1 1 1 1 2 2 3 2 13 32 3 1 3 3 2 3 33 3 23 3 3 3 2 3 23 2 3 23 2 33 2 23 2 3 2 3 13 21 2 2 3 1 2 2 2 1 0 3 2 2 2 11 1 2 1 1 13 21 1 2 1 21 2 2 3 3 3 3 1 2 1 2 1 21 1 1 3 1 1 1 1 1 2 1 1 1 1 1 2 3 2 2 3 3 2 3 413 223 3 23 3 142 03 2 1 3 1 3 1 22 2 2 3 333 1 3 2 3 2 3 2 2 2 2 3 3 1 1 2 2 0 1 2 3 3 2 3 2 2 2 2 2 1 1 4 2 2 1 0 1 1 1 1 2 1 2 1 3 3 3 3 3 2 2 3 3 3 2 2 1 2 3 1 1 1 1 2 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 1 0 0 1 0 1 1 2 2 lage 7 tung und 1 11 21 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 3.060 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Marzahn-Hellersdorf, insgesamt 254.226, Anzahl Mitte, Einwohner/-innenEinwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk Planungsräume 41 von 447 (Berlin) (PLR) Bezirk 33 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt 254.226, belasbelas-Planungsräume versorsche Probleder 447 Mehrlage Marzahn-Hellersdorf, Einwohner/-innen insgesamt Anzahl (PLR) Bezirk 33 von (Berlin) PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name LärmLuftGrünTher- 4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLREW Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelas- 21 21 2 1 1 11 11 21 11 21 11 1 1 2 1 1 12 1 248 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 3 Grünversorgung ­ 4 ­ Thermische Belastung Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehrfachbelastung6 Wohnlage 7 ­ und Belastung 45.678 7.649 3.576 7.370 9.004 3.888 14.191 2 Luftbelastung ­ 1004 Kaulsdorf/Mahlsdorf 10040828 Kaulsdorf-Nord 10040829 Alt-Kaulsdorf 10040830 Kaulsdorf-Süd 10040931 Mahlsdorf-Nord 10040932 Alt-Mahlsdorf 10040933 Mahlsdorf-Süd 1 Lärmbelastung ­ ­ Marzahn-Hellersdorf, Einwohner/-innen insgesamt 254.226, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 33 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 1 2 2 1 2 1 2 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 1 2 2 2 2 1 1 1 1 1 0 0 0 0 0 0 1 1 2 2 2 2 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 249 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 1 1 fünffach 17 71 6 10 vierfach dreifach 145 zweifach 106 unbelastet 105 15 einfach Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 10.596 4,2 % 1.677 0,7 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 71.549 28,1 % 52.518 20,7 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 117.886 46,4 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Im gesamtstädtischen Vergleich steht der Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit wenigen mehrfach belasteten Planungsräumen gut da. Dies gilt auch bei einer Betrachtung der Verteilung der unterschiedlichen Belastungsstufen auf die betroffenen Einwohner/-innen. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Deutlich zu unterscheiden ist zwischen den gering verdichteten, vielfach durch Einfamilienhausgebiete geprägten Planungsräumen und den beiden Räumen mit den Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf. Beide Großsiedlungsbereiche weisen – anders als bei den Einfamilienhäusern – einzelne Planungsräume mit Mehrfachbelastungen auf (zum Beispiel Marzahner Promenade, Helle Mitte). 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 250 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Die Werte aller Kernindikatoren liegen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf über dem Berliner Durchschnitt. Dies gilt insbesondere für die gute beziehungsweise sehr gute Grünversorgung. Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Die vergleichsweise geringe Belastung der Planungsräume spiegelt sich auch in den Bevölkerungsanteilen wider. 74,5 Prozent der Bürger/-innen aus Marzahn-Hellersdorf (189.435 Einwohner) leben in un- oder einfach belasteten Planungsräumen (Berlin 49,6 Prozent). Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 1 2 14 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig 13 keine Angaben 17 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs 4 hoch 79 109 11 mittel gering 18 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 251 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 1 2 100 248 98 30 Klassifikation der Grünversorgung 1 hoch 49 mittel gering 14 18 228 170 Klassifikation der thermischen Belastung 13 1 90 80 8 13 11 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 252 Basisbericht 2016/17 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.11 5.3.1Übersicht ÜbersichtBezirk BezirkLichtenberg Mitte 5.3.11 Übersicht Bezirk Lichtenberg belas- versor- ische tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehrindex) tung6 matik fach- tung4 (Status- belas- Belas- 3 25 index) tung36 tung17 1 1 2 3 184 58.092 4.880 0 3 11010101 DorfKörnerstraße Malchow 535 01011104 4.173 1101 Hohenschönhausen Nord 3 2 01011102 Großer Tiergarten Hohenschönhausen 1101 Nord 01011103 Lützowstraße 11010101 Dorf Malchow 11010102 DorfNördl. Wartenberg 01011105 Landwehrkanal 2.513 1.098 2 2 2 11010102 Dorf Wartenberg 1.297 2.071 2 11010103 Dorf Falkenberg 11010204 Falkenberg OstLinden 01011202 Unter den Nord 8.631502 1 11010204 Falkenberg Ost 11010205 Falkenberg West 01011203 Unter den Linden Süd 6.652890 2 11010205 Falkenberg West 11010206 Wartenberg Süd 01011204 Leipziger Straße 5.959 2 11010206 Wartenberg Süd 5.827 11010207 Wartenberg Nord 01011301 Charitéviertel 5.141 3 11010207 Wartenberg Nord 11010308 Zingster Straße Ost6.729 11010309 Zingster Straße West 01011302 Oranienburger 12.118 2 11010308 Zingster Straße OstStraße 11.083 11010310 Mühlengrund 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 2 11010309 Zingster Straße West 1102 Hohenschönhausen9.545 Süd 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 2 11020411 Malchower Weg 5.280 11010310 Mühlengrund 11020412 Hauptstraße 01011305 Heine-Viertel West 6.693 Hohenschönhausen 1102 42.994 11020513Süd Orankesee 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 11020514 Große-Leege-Straße 01011401 Invalidenstraße 14.791 11020411 Malchower Weg 7.410 2 11020515 Landsberger Allee 11020516 Weiße Taube 01011402 Arkonaplatz 12.343 2 11020412 Hauptstraße 6.050 1103 Lichtenberg Nord 0102 Moabit 79.225 1 11020513 Orankesee 3.446 11030617 Hohenschönhausener Straße 01022101 Huttenkiez 3.339 2 11020514 Große-Leege-Straße 8.135 11030618 Fennpfuhl West 11030619Landsberger Fennpfuhl 11020515 AlleeOst 14.223 2 11030720 Herzbergstraße 11030721 Rüdigerstraße 11030824 Frankfurter Allee Süd 1104 Lichtenberg Mitte 11040925 Victoriastadt 11040926 Weitlingstraße 11041022 Rosenfelder Ring 11041023 Gensinger Straße 11041027 Tierpark 11041128 Sewanstraße 11010103 DorfWilhelmstraße Falkenberg 01011201 3 2 3 3 2 2 3 3 3 2 2 2 2 3 1 3 2 3 58.092 1535 3 2.513 1 3 1.297 2 3 8.631 6.652 3 2 5.827 2 3 6.729 2 2 11.083 9.545 1 3 5.280 2 3 42.994 7.410 2 3 6.050 3 3.446 2 8.135 2 2 14.223 3.730 2 2 68.022 2 6.045 2 2 15.614 10.460 2 190 4.431 21.422 250 10.050 68.751 3.492 26.813 5.032 5.886 2.731 24.797 2 1 3 3 2 3 1 1 3 13 13 31 02 21 03 21 2 2 11 3 12 3 2 1 2 3 12 2 12 2 2 1 1 1 2 12 3 22 12 2 12 2 22 3 1 23 1 1 3 23 3 33 2 3 3 2 2 13 3 23 2 1 3 2 3 3 23 23 23 2 2 23 3 23 1 3 2 32 3 13 3 23 2 2 2 33 2 2 2 1 2 3 3 3 2 2 2 2 3 2 2 2 1 11 1 1 3 21 3 11 1 22 1 2 11 3 21 1 12 32 1 1 1 23 3 33 3 3 13 2 11 3 22 2 3 11 11 11 11 11 13 11 14 1 3 2 21 2 21 2 3 2 1 3 01 3 12 3 11 3 1 1 0 1 2 21 22 2 1 2 31 23 2 1 3 1 2 2 3 2 2 2 2 1 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 2 3 1 1 1 3 3 2 2 3 3 2 1 0 0 2 3 1 1 2 1 1 3 2 2 1 1 1 1 1 1 1 2 2 1 2 2 1 0 1 0 2 1 1 1 1 1 1 1 1 3 2 2 2 2 2 3 1 4 1 1 1 1 1 1 2 1 2 2 2 2 2 3 2 2 1 3 2 2 1 2 2 2 2 1 1 lage 7 tung und 1 2 13 1 Wohnlage 7 ­ und Belastung belas- 2013 tung1 98.690 3.060 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Lichtenberg, Einwohner/-innen insgesamt 264.858, Anzahl(PLR) Planungsräume (PLR) Bezirk 32 von 447 (Berlin) Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl Planungsräume Bezirk 41 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Einwohner/-innen Bezirk gesamt Bezirk belasversorsche 32 von Probleder Mehrlage Lichtenberg, insgesamtgesamt 264.858, belasAnzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 447 (Berlin) PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name LärmLuftGrünTherm- 4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLREW Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelas- 1 12 11 12 1 253 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 26.999 3.355 8.137 9.427 6.080 Grünversor­gung3 Lichtenberg Süd Rummelsburg Karlshorst West Karlshorst Nord Karlshorst Süd Luftbelas­tung2 1105 11051229 11051330 11051331 11051332 Lärm­belas­tung1 Lichtenberg, Einwohner/-innen insgesamt 264.858, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 32 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 2 1 2 3 2 2 2 2 1 3 1 1 3 3 2 1 2 2 1 2 1 2 0 1 1 1 1 3 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 254 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 1 6 fünffach 17 3 71 dreifach 145 7 zweifach 106 einfach unbelastet 105 15 vierfach Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 10.460 3,9 % 17.729 6,7 % 19.228 0,5 % 184.888 5,3 % fünffach 30.173 11,4 % 48.095 18,2 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 158.401 59,8 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Aufgrund des großen Anteils der einfach belasteten Planungsräume von 59,8 Prozent (und entsprechend eines höheren Anteils an der Bevölkerung) kann der Bezirk Lichtenberg nicht als insgesamt überdurchschnittlich gut eingestuft werden. Der Grad der Mehrfachbelastung ist jedoch insgesamt geringer als der Berliner Durchschnitt. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Belastete und weniger belastete Räume sind nahezu gleichmäßig über den Bezirk verteilt. Hier sind kleinräumliche Ursachen als Erklärung zu suchen. Inhaltliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Lichtenberg bewegt sich insgesamt etwas unter dem Berliner Durchschnitt. Vor allem die höheren Anteile mit Planungsräumen hoher Lärmbelastung und thermischer Belastung 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 255 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 sind deutlich sichtbar. 22 PLR des Bezirks (68,6 Prozent) sind thermisch hoch belastet (Berlin 51 Prozent). Anzahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Bezogen auf die Einwohnerzahlen in den verschiedenen Klassifikationen bewegt sich der Bezirk im Mittelfeld: Lichtenberg hat weniger unbelastete, aber zugleich anteilig deutlich weniger mehrfach belastete Räume beziehungsweise betroffene Einwohner/-innen als die Gesamtstadt. Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 4 7 hoch, sehr hoch 86 86 mittel niedrig, sehr niedrig keine Angaben 21 261 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs 3 hoch 3 79 mittel 109 26 gering 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 256 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 4 100 7 248 98 21 Klassifikation der Grünversorgung 3 hoch 49 mittel gering 7 228 22 170 Klassifikation der thermischen Belastung 13 7 6 19 90 80 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 257 Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Umweltgerechtigkeit im Land Berlin Basisbericht 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.1 Übersicht Bezirk Mitte 5.3.12 Übersicht Bezirk Reinickendorf 5.3.12 Übersicht Bezirk Reinickendorf 01011103 Lützowstraße 12103115 Breitkopfbecken 01011104 Körnerstraße 1210 Reinickendorf 12103116 Hausotterplatz belas- versor- mische tung2 gung3 Belas- Proble- 5 der Mehrindex) tung6 matik fach- 3 tung4 3 (Statusindex)25 1 2 1 3 3 2 3.060 2 3 52.125184 0 3 4.880 3 2 7.409 2 3 4.173 Ost 8.971 12103115 Breitkopfbecken 01011105 Nördl. Landwehrkanal 1.098 12103117 Letteplatz 9.740 12103116 Hausotterplatz 01011201 Wilhelmstraße 2.071 12103218 Teichstraße 12.911 12103117 Letteplatz 01011202 Unter den Linden Nord 12103218 Teichstraße 12103219 Schäfersee 8.524502 12103219 Schäfersee 01011203 Unter den Linden Süd 12103220 Humboldtstraße 4.570890 12103220 Humboldtstraße 01011204 Leipziger Straße 5.959 1221 50.653 1221 Tegel Tegel 01011301 Charitéviertel 5.141 12214125 Waldidyll/Flughafensee 12214125 Waldidyll/Flughafensee 6.980 12214126 Tegel Süd 01011302 Oranienburger Straße 12.118 12214126 Tegel Süd 7.467 12214421 Reinickes Hof 01011303 Alexanderplatzviertel 8.359 12214421 Reinickes Hof 2.515 12214422 Klixstraße 01011304 Karl-Marx-Allee 8.298 12214423 Mellerbogen 12214422 Klixstraße 7.804 12214424 Scharnweberstraße 01011305 Heine-Viertel West 6.693 12214423 Mellerbogen 5.528 12214527 Alt-Tegel 01011306 Heine-Viertel Ost 8.130 12214424 Scharnweberstraße 9.934 12214528 Tegeler Forst 01011401 Invalidenstraße 14.791 1222 Alt-Tegel Heiligensee/Konradshöhe 12214527 10.198 12224229 Konradshöhe/Tegelort 01011402 Arkonaplatz 12.343 12214528 Tegeler Forst 227 12224230 Heiligensee 0102 Moabit 79.225 1223 Heiligensee/ Frohnau/Hermsdorf 122201022101 Huttenkiez 23.772 3.339 12231101 Hermsdorf Konradshöhe 12231102 Frohnau 12224229 Konradshöhe/Tegelort 5.988 1230 Waidmannslust 12301203 Wittenau-Süd 12301204 Wittenau-Nord 12301205 Waidmannslust 12301206 Lübars 12302107 Schorfheidestraße 12302108 Märkisches Zentrum 12302109 Treuenbrietzener Straße 12302110 Dannenwalder Weg 12302211 Lübarser Straße 3 2 3 2 3 3 3 2 3 3 3 3 2 3 3 3 3 1 0 2 2 3 3 3 2 2 2 2 1 52.125 2 3 7.409 2 3 8.971 2 3 9.740 12.911 2 3 8.524 2 2 4.570 3 50.653 2 6.980 2 7.467 3 2 2.515 3 2 7.804 3 5.528 3 9.934 3 2 10.198 2 3227 2 23.772 2 5.988 2 1 17.784 32.908 2 16.213 16.695 1 190 91.867 14.212 6.220 255 4.848 4.800 2.998 13.934 10.692 9.514 3.266 3 3 1 3 13 1 13 3 3 1 3 3 2 13 2 22 2 3 2 13 3 33 32 21 2 30 1 2 13 11 13 1 1 2 2 2 1 2 1 2 2 2 belastung36 Wohnlage 7 ­ und Belastung Großer Tiergarten 121001011102 Reinickendorf Ost belas- 2013 tung1 98.690 Kategorie der Mehrfachbelastung6 01011101 Stülerstraße gesamt 3 2 3 2 2 2 3 3 4 2 2 1 3 3 3 3 3 3 2 2 2 3 2 3 2 0 1 1 2 5 2 5 0 0 1 1 3 3 3 3 1 1 1 1 1 0 0 1 1 2 1 1 0 0 1 1 2 2 1 1 2 3 3 3 2 1 0 0 0 0 2 2 4 0 1 1 1 1 2 2 2 2 2 Soziale Problematik (Status-Index)5 Prognoseraum/PGR 0101 Zentrum Planungsraum/PLR 4 ­ Thermische Belastung Bezirk 3 Grünversorgung ­ PLR 2 Luftbelastung ­ PGR 1 Lärmbelastung ­ ­ Reinickendorf, Einwohner/-innen insgesamt Anzahl Planungsräume Mitte, Einwohner/-innen insgesamt 348.102, Anzahl 251.325, Planungsräume (PLR) Bezirk 41 von 447 (PLR) (Berlin)Bezirk 30 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW LuftLOR-Nr. LOR-Name EW LärmGrünThermi- Soziale Kategorie WohnPGRPGR Bezirk gesamt Bezirk gesamt belasbelasversor-(PLR)sche Mehrlage Reinickendorf, Einwohner/-innen insgesamt 251.325, Anzahl Planungsräume Bezirk 30Problevon 447der (Berlin) PLRPLR Prognoseraum/PGR Prognoseraum/PGR 2013 tung12013tung2 gung3 Belasmatik fachund LOR-Nr. LOR-Name LärmLuftGrünTher- 4 Soziale Kategorie WohnPlanungsraum/PLREW Planungsraum/PLR tung (StatusbelasBelaslage 7 tung und Belastung17 1 1 3 3 3 2 33 31 3 3 2 3 33 31 42 31 2 3 3 2 3 23 3 23 2 2 3 2 1 3 1 2 2 2 3 3 22 23 3 2 3 33 3 32 33 32 3 31 3 2 13 11 1 13 1 2 2 2 1 2 2 2 3 2 3 2 3 21 11 1 2 2 2 2 3 2 3 2 0 11 22 1 2 3 22 23 1 2 1 2 21 1 3 3 233 233 3 13 2 3 2 3 2 1 3 3 2 3 4 5 3 33 2 2 1 5 1 1 0 0 31 1 1 1 1 1 1 1 1 1 3 1 0 1 1 2 1 2 3 1 1 3 2 2 1 2 3 3 3 2 1 31 31 31 1 1 1 3 3 3 3 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 258 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 2 3 4 5 6 7 Thermische Belas­tung4 Soziale Problematik (Status-Index)5 Kategorie der Mehr­fachbelastung6 Wohnlage und Belas­tung7 5.328 6.420 9.635 Grünversor­gung3 Rollbergesiedlung Borsigwalde Ziekowstraße/Freie Scholle Luftbelas­tung2 12302212 12304313 12304314 Lärm­belas­tung1 Reinickendorf, Einwohner/-innen insgesamt 251.325, Anzahl Planungsräume (PLR) Bezirk 30 von 447 (Berlin) LOR-Nr. LOR-Name EW PGR Bezirk gesamt PLR Prognoseraum/PGR 2013 Planungsraum/PLR 1 2 2 2 2 2 1 2 1 2 3 2 3 2 2 1 1 0 1 2 1 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs: (3) hoch, sehr hoch, (2) mittel, (1) niedrig, sehr niedrig, (0) keine Angaben Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation der Grünversorgung: (3) schlecht, sehr schlecht, (2) mittel, (1) gut, sehr gut Klassifikation der thermischen Belastung: (3) hoch, (2) mittel, (1) gering Klassifikation des Status-Index: (3) hohe, sehr hohe Problemdichte, (2) mittlere Problemdichte, (1) niedrige, sehr niedrige Problemdichte, (0) keine Angaben Mehrfachbelastung durch die Umweltfaktoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie soziale Problematik (Status-Index): (5) fünffach, (4) vierfach, (3) dreifach, (2) zweifach, (1) einfach, (0) unbelastet Merkmal einfache Wohnlage mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung: (3) einfache Wohnlage größer 66 % mit sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung, (2) Anteil einfache Wohnlage größer 66 %, (1) Anteil einfache Wohnlage kleiner 66 %, d. h. überwiegend mittlere bis gute Wohnlage (Grundlage sind die Wohnlagen zum Berliner Mietspiegel 2013) 259 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Einzeldarstellung der Kernindikatoren der Planungsräume im Bezirk im Vergleich zu Berlin 3 2 fünffach 17 2 71 2 dreifach 145 12 vierfach zweifach 6 106 unbelastet 105 6 einfach Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach Planungsräumen 19.228 0,5 % 17.738 7,1 % 184.888 5,3 % fünffach 19.254 7,7 % 16.380 6,5 % 98.872 39,3 % 957.310 27,2 % 610.957 17,4 % vierfach dreifach zweifach 54.104 21,5 % 44.997 17,9 % 788.211 22,4 % 956.830 27,2 % einfach unbelastet Mehrfachbelastung durch die Kernindikatoren Lärm, Luftbelastung, Grünversorgung, thermische Belastung sowie Status-Index (Soziale Problematik) nach betroffenen Einwohnern in allen Planungsräumen1 Gesamteinordnung im Berliner Maßstab Zwar hat der Bezirk Reinickendorf einen überproportionalen Anteil an fünffach belasteten Planungsräumen, insgesamt aber sind der Bevölkerungsanteil und die Zahl der mehrfach belasteten Planungsräume geringer als im Berliner Durchschnitt. Nach Schließung des Flughafens Tegel wird sich die Situation voraussichtlich deutlich verbessern. Räumliche Schwerpunkte der Mehrfachbelastung Räumlicher Schwerpunkt der mehrfach belasteten Planungsräume ist der Südosten des Bezirkes (insbesondere PLR Letteplatz, Klixstraße, Scharnweberstraße, Dannenwalder Weg). Hier befinden sich gründerzeitlich gemischte, stärker verdichtete Strukturen und zugleich die Einflugschneise für den Flughafen Tegel. 1 Abweichungen sind rundungsbedingt. 260 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Inhaltliche Schwerpunkte durch Mehrfachbelastung Bei den meisten Faktoren ist die Verteilung wie im Berliner Durchschnitt, zum Teil geringfügig besser, zum Teil aber auch schlechter. Signifikant schlechter ist der Anteil der Planungsräume mit hoher Lärmbelastung (Bezirk 36,7 Prozent, Berlin 19,2 Prozent). Zahl der Betroffenen in den besonders belasteten Planungsräumen Im gesamtstädtischen Vergleich ist die Verteilung auf die unterschiedlichen Klassifikationen der Belastungen in Reinickendorf günstiger. Nur im Segment der höchsten Belastung sticht der Anteil der Fünffachbelastungen gegenüber dem Berliner Durchschnitt heraus (Bezirk 6,7 Prozent, Berlin 0,7 Prozent). Auffällig ist, dass 91 Prozent aller von Fünffachbelastung betroffenen Berliner/-innen im Bezirk Reinickendorf leben (17.738 Einwohner von insgesamt 19.228 Einwohnern). Einzeldarstellung der Belastung durch die Kernindikatoren in den Planungsräumen im Vergleich 14 1 86 8 hoch, sehr hoch 86 mittel niedrig, sehr niedrig 11 keine Angaben 261 10 Klassifikation der externen Lärmkosten des Gesamtverkehrs 3 hoch 79 mittel 6 109 21 gering 259 Klassifikation der Luftbelastung durch PM2,5 und NOx 261 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 1 5 100 3 248 98 22 Klassifikation der Grünversorgung hoch 49 15 mittel gering 228 15 170 10 Klassifikation der thermischen Belastung hohe, sehr hohe Problemdichte 13 1 6 8 90 80 mittlere Problemdichte niedrige, sehr niedrige Problemdichte keine Angaben 15 264 Klassifikation der sozialen Problematik (Status-Index) 262 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 5.3.13 Zusammenfassung Bezirksprofile Der planungsraumbezogene Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz identifiziert die Quartiere mit gesundheitsrelevanten Mehrfachbelastungen im Ist-Zustand („Berlin heute“). Die Umweltgerechtigkeitskarte von Berlin 2016 stellt die derzeitige Situation in den einzelnen Stadtquartieren nachvollziehbar dar. Der räumliche Schwerpunkt der Mehrfachbelastung ist der erweiterte Innenstadtbereich („Schwerpunktbereich Innenstadt“). Hier wohnen insgesamt rund 1,58 Millionen Einwohner/-innen. Von ihnen sind etwa 200.000 (12,7 Prozent) von einer hohen Lärmbelastung, circa 730.000 (46,2 Prozent) von hoher Luftbelastung, 870.000 (55,1 Prozent) von einer schlechten Grünflächenversorgung sowie rund 1,45 (91,8 Prozent) Millionen Einwohner/-innen von einer hohen bioklimatischen Belastung betroffen. Auch bei der Zahl der betroffenen Planungsräume ist das Gebiet (173 von 447 PLR) überproportional vertreten. So befinden sich hier 1 PLR (von 3 in der gesamten Stadt) mit einer fünffachen Belastung, 11 von 17 mit einer vierfachen Belastung sowie 59 von 71 mit einer dreifachen Belastung. Die überproportionale Belastung spiegelt sich bei den einzelnen Indikatoren wider. Von den 173 PLR im „Vorranggebiet Luftreinhaltung“ sind beim Lärm insgesamt 29 (6,5 Prozent aller Berliner PLR), im Bereich Luftschadstoffe 85 (19 Prozent), im Bereich Grünversorgung 81 (18,1 Prozent), im Bereich thermische Belastung 152 (34 Prozent) sowie im Bereich Sozialstruktur 42 (9,4 Prozent) PLR hoch beziehungsweise. sehr hoch belastet. Von den 173 PLR innerhalb des erweiterten Innenstadtbereichs haben 64 (37 Prozent der „InnenstadtPLR“) Räume eine überwiegend (das heißt mehr als 66 Prozent der Adressen) einfache Wohnlage, hiervon sind 10 (5,8 Prozent zusätzlich von sehr hoher Lärm- und/oder Luftbelastung betroffen. Auch bei der Betrachtung der Verteilung der Mehrfachbelastung auf die Einwohner zeigt sich die Ungleichheit. Bezogen auf die Anteile der Betroffenheit der Einwohner ist der Bezirk Mitte am stärksten belastet. Über 50 Prozent der Bewohner sind mindestens dreifach belastet. Weitere Bezirke mit einem relativ hohen Anteil mehrfach betroffener Bevölkerung sind Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf. Dagegen stellen Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf die Bezirke mit den prozentual am wenigsten durch Mehrfachbelastung betroffenen Bewohnern. Deutlich wird auch, dass innerhalb der Bezirke unterschiedliche Betroffenheiten vorzufinden sind. Fast immer sind die innerstädtischen, dicht bebauten Ortsteile (zum Beispiel Neukölln-Nord) gegenüber den offener geprägten Bereichen benachteiligt. Dort, wo auch in äußeren Ortsteilen Berlins gründerzeitlich verdichtete Strukturen oder Großsiedlungen (gleich ob Ost oder West) zu finden sind (zum Beispiel Spandau und Marzahn), sind regelmäßig auch höhere Kategorien der Belastung anzutreffen. 263 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 6 Sozialräumliche Umweltbelastungen – Planungsräume mit besonderen Gesundheits- und Umweltrisiken Die Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt (2007) betont die Bedeutung der integrierten und kleinräumig ausgerichteten Stadtentwicklung. Die Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) greift die Grundsätze der Charta auf und leistet durch die Sozialraumorientierung und den ressortübergreifenden Ansatz einen wichtigen Beitrag zur Implementierung einer nachhaltigen Stadtentwicklungs- und Umweltpolitik in der gebauten urbanen Stadt. Zur Umsetzung der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption kann auch das neue stadtentwicklungspolitische Leitbild „Smart City“ einen wichtigen Beitrag leisten. Durch eine vorsorgende, strategische Herangehensweise können zur Verbesserung der Umweltqualität in den Quartieren wegweisende strategische, städtebauliche und auch gesundheitsbezogene Projekte und Maßnahmen auf den Weg gebracht werden mit dem Ziel, die Lebensbedingungen, vor allem der sozial benachteiligten Gruppen in der Hauptstadt zu verbessern. Zur Verbesserung der Umweltqualität, vorrangig in den mehrfach belasteten Gebieten der Hauptstadt, stehen auf der Senats- und auf der bezirklichen Ebene neben unterschiedlichen formellen und informellen Planungsinstrumenten auch umweltrechtliche, ordnungsbehördliche und finanzpolitische Instrumentarien zur Verfügung. Sie können im Rahmen einer integrierten Herangehensweise aufeinander bezogen und abgestimmt werden. 6.1 Ergänzungsindikator 4: Lebens- und Umweltrisiken/Risikokommunikation Immer mehr Menschen leiden an Gesundheitsstörungen, deren Ursache sie in der Umwelt sehen. Sie haben große Probleme, in einer komplexen und vernetzten Welt Risiken für Umwelt und Gesundheit in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung beziehungsweise in den Quartieren zu bewerten. Die wissenschaftliche Bewertung und die gesellschaftliche Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken durch Umwelteinflüsse können auseinanderliegen, so dass die Auswirkungen und die Akzeptanz in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Bevölkerung teilweise sehr kontrovers diskutiert werden. Zudem sind die Kriterien, nach denen die Fachwelt und die Öffentlichkeit Gesundheitsrisiken beurteilen, meist sehr uneinheitlich. Grund hierfür ist die Fülle von unterschiedlich gearteten Risiko- beziehungsweise Einflussfaktoren. Dies kann zur Verunsicherung in der Bevölkerung und zu Vertrauensverlust gegenüber den Behörden führen. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Mit Blick auf den gesundheitsorientierten Umweltgerechtigkeitsansatz ist es wichtig, die Prozesse der Risikobewertung transparenter und effizienter zu gestalten. Hierfür sind gesicherte Erkenntnisse über den Gesundheitszustand der Bevölkerung sowie über die Wirkung von Umwelteinflüssen auf die Gesundheit notwendig. Risiken müssen erkannt, Standards festgelegt und die Bevölkerung über die Gesundheitsgefahren informiert werden. Dies erfordert eine gezielte Risikokommunikation, um die informationellen Voraussetzungen zu schaffen, dass die Bürger die Unsicherheiten (er)kennen und die Möglichkeit haben, im Hinblick auf ihr Wohnumfeld zu einer eigenen Bewertung zu kommen. Durch mehr Beteiligung und Transparenz – eine Kernforderung des Umweltgerechtigkeitsansatzes – soll daher den interessierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gegeben werden, auf der Basis der Kenntnisse der faktisch nachweisbaren Auswirkungen eine persönliche Beurteilung der jeweiligen Risiken in ihrem Wohnumfeld vornehmen zu können. Im Sinne von Verteilungs- und Beteiligungsgerechtigkeit ist es wichtig, dass es vor allem für die Betroffenen in den mehrfach belasteten Gebieten vergleichbare Möglichkeiten und Kenntnisse gibt, mit den vorhandenen Expositionen umzugehen. Das Wissen und die vorhandenen Möglichkeiten bestimmen gleichzeitig den Handlungsrahmen und somit auch die Verwundbarkeit beziehungsweise Vulnerabilität der Quartiersbewohner. Vor diesem Hintergrund spielt Risikokommunikation, die sich auf die Verbesserung des öffentlichen Verständnisses für die umwelt- und gesundheitspolitische Entscheidungsfindung bezieht, eine herausragende Rolle. Dies gilt vor allem hinsichtlich praktikabler Möglichkeiten zum Einbringen individueller Erfahrungen und Wertvorstellungen in die Entscheidungsprozes- 264 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 se. Die häufig geäußerte Befürchtung, Karten mit einer Risikoanalyse dürften nicht veröffentlicht werden, weil sie den Wert von Grundstücken mindern, ist unbegründet. Gefahrenkarten unterliegen dem Umweltinformationsgesetz. Haftungsansprüche können gegenüber der Kommune nicht geltend gemacht werden. Die gegenwärtig im Land Berlin vorliegenden Umwelt- und Gesundheitsdaten sind meist nicht zusammen auswertbar. Dies erschwert eine angemessene Beurteilung der Umwelteinflüsse auf die Gesundheit. Voraussetzung für die Akzeptanz von Maßnahmen im Umwelt- und Gesundheitsschutz sind deshalb eine fundierte und nachvollziehbare Bewertung von Risiken sowie die Transparenz bei den Bewertungsverfahren. Vor allem in den Quartieren mit einer hohen Mehrfachbelastung sollen die Betroffenen in die Lage versetzt werden, den Sachverhalt des Risikos so weit nachzuvollziehen, dass Konsequenzen erkannt und (individuelle) Bewertungen vorgenommen werden können. Die Betroffenen sollen hierfür kein Expertenwissen benötigen, sie müssen vielmehr in die Lage versetzt werden, die Folgen zu überblicken, soweit sie bekannt sind. Hierfür müssen vor allem die Datenlage für die Einschätzung der Belastungssituation verbessert und repräsentative Daten über die bestehenden Schadstoffbelastungen der Bevölkerung sowie deren häuslicher Umgebung ermittelt werden. Vor diesem Hintergrund wurde aus den vorliegenden Daten die Karte „Umweltrisiken“ entwickelt. Ziel der Karte ist, den widersprüchlichen und häufig nicht nachvollziehbaren Umgang mit umweltbezogenen Gesundheitsrisiken transparenter zu machen. Die Risikokartierung ist gleichzeitig eine Grundlage für weitere Verfahren zur umweltbezogenen Risikoabschätzung, zur Schutzzielbestimmung, Frühwarnung, Prioritätensetzung und weiteren stadtentwicklungsplanerischen und umweltpolitischen Entscheidungen. Gleichzeitig können durch die Kartierung des Risikopotenzials Strategien, Maßnahmen und Projekte zur Verbesserung der Umweltqualität in den Quartieren der Öffentlichkeit nähergebracht und legitimiert werden. Die vorliegende Zusammenführung wesentlicher Risikofaktoren ist somit ein wichtiger pragmatischer Beitrag der Umweltgerechtigkeit zum umweltbezogenen Gesundheitsschutz und eine Grundlage für zielgerichtete und abgestimmte Handlungsstrategien. Bei dem Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz geht es nicht um das plakative Zurschaustellen jener Planungsräume mit besonderen Schwächen oder Risiken. Stattdessen wurde der Fokus auf Karten und die dahinter stehenden raumbezogenen Daten gesetzt. Karten machen die Betroffenheit besonders deutlich. Deshalb wurden die Quartiere mit besonders hohen gesundheitlichen Risiken herausgehoben. Diese Form der Darstellung kann als Frühwarnung für die Politik dienen, wenn sich Risiken oder ungünstige Entwicklungen räumlich zu verfestigen drohen. Auch soll sie zum Nachdenken über direkte oder indirekte Zusammenhänge der dargestellten Sachverhalte anregen. Die Abbildungen und Karten können zudem Hinweise und Anregungen für bewohnergerechte und abgestufte Maßnahmenpakete geben. Um die Räume mit besonderen Gesundheits- und Umweltrisiken kenntlich zu machen, wurden die Planungsräume untersucht, in denen die beiden Kernindikatoren Lärmbelastung und Luftbelastung – abweichend von der verwandten Dreier-Klassifizierung (gut, mittel, schlecht) – eine deutlich über diesen (bisherigen) Klassifizierungen liegende Belastung aufweisen. In diesen Planungsräumen ist die Luft- sowie die Lärmbelastung besonders hoch; somit sind die Werte aus umweltmedizinischen Gesichtspunkten besonders bedeutsam. Als weiterer Risikoindikator wurde die „Einfache Wohnlage“ (gemäß Mietspiegel) gewählt. Dies sind vor allem im stark verdichteten inneren Stadtbereich Gebiete mit sehr wenigen Grün- und Freiflächen, mit überwiegend ungepflegtem Straßenbild, vielfach schlechtem Gebäudezustand und teilweise starker Beeinträchtigung durch Industrie und Gewerbe. Als vierten Risikoindikator wurde die „vorzeitige Sterblichkeit an Erkrankungen des Atmungssystems“ genommen, da hier Bezüge zur Luftbelastung vorliegen. 265 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Mit Blick auf die Gesamtstadt ergibt sich für die Auswertung der hohen Betroffenheit (hohe Mortalität bei gleichzeitiger einfacher Wohnlage mit hoher Luft- und Lärmbelastung (größer 66 Prozent)) folgendes Bild: „„Von 447 PLR sind insgesamt 19 Planungsräume betroffen. „„Von den insgesamt 19 Planungsräumen liegen 8 PLR im „erweiterten Innenstadtbereich“ (Luftreinhaltezone). „„11 der betroffenen PLR liegen mithin außerhalb des „erweiterten Innenstadtbereiches. „„Schwerpunkte im Innenstadtbereich sind: Mitte (Heidestraße, Soldiner Straße, Gesundbrunnen), Friedrichshain-Kreuzberg (Wassertorplatz, Viktoriapark), TempelhofSchöneberg (Schöneberger Insel, Germaniagarten) sowie Neukölln (Donaustraße). „„Schwerpunktbereiche in den äußeren Bereichen sind: Spandau (Darbystraße, Germersheimer Platz, Eckschanze, Kurstraße, Ackerstraße, Spandauer Straße) und Reinickendorf (Teichstraße, Klixstraße, Rehberge), je 1 PLR ist in Lichtenberg (Dorf Malchow) und Mitte, Ortsteil Wedding (Rehberge) betroffen. Die Karte Gesundheits- und Umweltrisiken fasst ausgewählte Schadenspotenziale durch Überlagerungen auf der Ebene der 447 Planungsräume zusammen. Die Kartendarstellungen dienen dabei als „Kommunikationsdrehscheibe“ zwischen den unterschiedlichen Ressorts auf der Senats- und auf der bezirklichen Fachebene. Diese urbane Gefahren- beziehungsweise Risikokarte kann zu einer quartiersbezogenen Risiko-Analyse weiterentwickelt beziehungsweise fortgeschrieben werden. Sie kann als Grundlage in verschiedenste städtische Planungsprozesse und formelle sowie informelle Instrumente der Bauleitplanung integriert werden. Die Karte Gesundheits- und Umweltrisiken wurde durch weitere Aspekte des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes ergänzt. Die 2. Karte stellt die Überlagerung der einfachen Wohnlage, Lärm- und Luftbelastung, Mortalität, Morbidität sowie Zunahme der Hitzetage dar. Diese Karte ist die Grundlage für die Entwicklung einer quartiersbezogenen Risikoanalyse. Sie stellt gleichzeitig auch wichtige Basisinformationen für die Erarbeitung eines Fachplans Gesundheit bereit. Erstmalig wurde auch der Indikator „Zunahme der Hitzetage“ integriert. Literatur APUG Gesundheitsrisiken – Erfassen, bewerten, vermitteln. Ad-Hoc-Kommission „Neuordnung der Verfahren und Strukturen zur Risikobewertung und Standardsetzung im gesundheitlichen Umweltschutz der Bundesrepublik Deutschland“. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (2015) (Hrsg.): Überflutungs- und Hitzevorsorge durch die Stadtentwicklung. 266 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Gesundheits- und Umweltrisiken 267                                                                            Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Überlagerung einfache Wohnlage, Lärm- und Luftbelastung, Mortalität, Morbidität und Zunahme Hitzetage 268 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 6.2 Ergänzungsindikator 5: Umweltbelastung, soziale Benachteiligung und kleinräumige Sterblichkeit im Land Berlin Ein Analysevorhaben anhand der amtlichen Todesursachenstatistik Einleitung Der Zusammenhang zwischen Umweltbelastungen, sozialer Benachteiligung und gesundheitlichen Beeinträchtigungen wird schon länger in Deutschland untersucht. Bereits in den 1970er-Jahren wurde in einer Studie im Ruhrgebiet festgestellt, dass sich Schwerpunkte der Umweltbelastung in den Gebieten finden, deren Einwohner hauptsächlich der Arbeiterklasse angehören (Jarre 1975). Im Laufe der nachfolgenden Jahre wurde eine Reihe von einschlägigen Studien und Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt, sowohl anhand der amtlichen Statistik als auch im Rahmen von größeren repräsentativen Studien (zum Beispiel der Bundesgesundheitsstudie 1998, der Kinderkohortenstudie LISA sowie KiGGS beziehungsweise KUS). Insbesondere im Rahmen der aktuellen Diskussion zur Umweltgerechtigkeit werden Studien durchgeführt und ausgewertet, die verschiedene Aspekte dieses komplexen Themas analysieren (für einen Überblick vergleiche UBA hrsg. 2009). Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit Jeffrey Butler Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Hartmut Bömermann Da die verschiedenen Faktoren, die zu diesem Themenkomplex gehören, stark miteinander verstrickt sind (zum Beispiel Wohnort, soziale Benachteiligung und Lebensstil) und zum Teil auch eigenständige Einflüsse auf eventuelle gesundheitliche Beeinträchtigungen haben, fällt es mitunter schwer, die Effekte dieser Einflüsse auseinanderzuhalten. Bei der kleinräumigen Betrachtung der unterschiedlichen Faktoren im Bezirk Berlin-Mitte – sowohl der umweltbezogenen als auch der sozialen Belastungen – sind gewöhnlicher Weise immer wieder die gleichen Planungsräume betroffen. Diese Mehrfachbetroffenheit ist nach der Logik der Umweltgerechtigkeit (vergleiche UBA hrsg. 2009) auch zu erwarten: Die Bevölkerungsgruppen, die es sich leisten können, leben in der Regel nicht in Wohnquartieren, die stark durch Umwelteinflüsse belastet sind. Diese Gemengelage hinsichtlich der Betroffenheit macht es jedoch schwierig, die Einflüsse der einzelnen Faktoren zu analysieren. Hintergrund Das Sterbegeschehen der Bewohner eines Gebietes wird durch eine ganze Reihe von relevanten Faktoren beeinflusst. Hierunter sind insbesondere das Alter sowie die soziale Lage der verstorbenen Menschen hervorzuheben. Angesichts der lokal unterschiedlichen Umweltbelastungen, denen die Bewohner einer Kommune ausgesetzt sind, könnte angenommen werden, dass ein Teil der Gesamtsterblichkeit auch durch diese Belastungen verursacht worden ist. Um festzustellen, zu welchem Ausmaß die unterschiedlichen Umweltbelastungen zur zusätzlichen Mortalität geführt haben könnten, muss in der Analyse vor allem der Einfluss der oben genannten „Störvariablen“ (Alter, soziale Lage) berücksichtigt werden. In diesem Beitrag geht es darum zu überprüfen, inwieweit es möglich ist, bei einer (kleinräumigen) Auswertung der Todesursachenstatistik für ganz Berlin diese Faktoren zu berücksichtigen. Die Betrachtung der Altersverteilung der verstorbenen Menschen für ein beliebiges Gebiet bestätigt eine axiomatische Tatsache: Je älter die Menschen werden, desto höher wird die Mortalitätsrate in der Altersgruppe. Daher wird bei regionalen Vergleichen der Sterblichkeit entweder eine Altersstandardisierung durchgeführt, um die unterschiedlichen Altersstrukturen zu berücksichtigen, oder es wird nur die vorzeitige Sterblichkeit (das heißt die Mortalität in den Altersgruppen jünger als 65 Jahre) einbezogen. Für solche Verfahren reichen gewöhnlich auch die Daten der amtlichen Bevölkerungs- und Mortalitätsstatistik aus. Um die unterschiedliche Lage der Verstorbenen in die Analyse der Mortalität einzubeziehen, wären weitere Daten erforderlich. Im Gegensatz zur Situation in anderen Ländern, wie zum Beispiel Großbritannien, werden in Deutschland keine Einzelangaben zur sozialen Lage der Verstorbenen auf dem Leichenschauschein festgehalten. Dadurch kann eine Berücksichtigung der sozialen Lage hier nur durch räumliche Zuordnung erfolgen. Bislang konnte jedoch eine solche Analyse der Sterblichkeit in Deutschland nur selten durchgeführt werden, da in der Regel Angaben zur Sterblichkeit in der amtlichen Statistik nur auf der kommunalen Ebene vorliegen (vergleiche Stadt Bremen 2005). 269 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Eine kleinräumliche Analyse der Mortalität im Land Berlin wurde dadurch möglich, dass im Rahmen des fachlich abgestimmten Datenpools (siehe Kapitel 2.7) Angaben zur Mortalität, zur Altersstruktur und zur sozialen Lage der Bevölkerung für die Planungsräume (die kleinsten Lebensweltlich orientierten Räume (LOR)) für die Jahre 2006 bis 2012 verfügbar gemacht worden sind. Eine Einbeziehung von kleinräumigen Umweltbelastungen in die Analyse wurde erstmalig durch die Analysen im Kontext der Umweltgerechtigkeit möglich. Daten Als Datenquellen werden die Todesursachenstatistik und die Einwohnerregisterstatistik Berlins verwendet. Die Todesursachenstatistik ist als jährliche Vollerhebung Teil der Bevölkerungsstatistik. Grundlage der Statistik sind die von den leichenschauenden Ärztinnen und Ärzten über alle verstorbenen Personen ausgestellten Todesbescheinigungen, die durch die Sterbefalldaten der zuständigen Standesämter ergänzt werden. Verschlüsselt wird das Grundleiden, also diejenige Todesursache, die als ursächlich für den Tod anzunehmen ist, entsprechend der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (International Classification of Diseases – 10th revision = ICD-10). Die räumliche Zuordnung bezieht sich auf den Wohnort des Verstorbenen. Für die Berechnung von Mortalitätsraten werden die Bestandsdaten der Einwohnerregisterstatistik zur Jahresmitte (Stichtag: 30. Juni) herangezogen. Für das Jahr 2006 musste wegen fehlender Daten auf den gemittelten Wert der Bestandsdaten zum 31. Dezember 2005 und dem 31. Dezember 2006 zurückgegriffen werden. Für die Berechnung der altersstandardisierten Mortalitätsrate wurde als Bezugsverteilung die „Europabevölkerung alt“ genommen. Für die Kartierung der Mortalitätsverteilung wurden die Daten der Jahre 2006 bis 2012 zusammengefasst (gepoolt), um kleinräumige Häufigkeiten zu erhalten, die weniger von zufälligen Schwankungen abhängig sind und ein stabileres Muster ergeben. Da die amtliche Bevölkerungsstatistik bislang keine Erhebung von Daten zu den natürlichen Bevölkerungsbewegungen unterhalb der Ebene der Kommune (in diesem Fall Berlin) vorgesehen hat, sind kleinräumige Auswertungen dieser Daten bislang in Deutschland selten. Nur in Bundesländern, wo Landeslösungen diese Erhebung erlaubten – wie Bremen, wo eine Mortalitätsstatistik im Krebsregister geführt wird, oder Berlin, wo bis Ende 20131 die Adresse als Hilfsmerkmal auf dem Leichenschauschein festgehalten wurde, um eine bezirkliche Mortalitätsstatistik zu ermöglichen –, war eine solche Erhebung möglich. Sterblichkeit und Umweltbelastungen Bei einer Untersuchung von kleinräumiger Mortalität im Hinblick auf die unterschiedlichen Umweltbelastungen in den Planungsräumen von Berlin könnte theoretisch erwartet werden, dass die Sterblichkeit der Bevölkerung in den PLR am höchsten ist, die stärkeren Belastungen ausgesetzt sind. Leider sind die Vermittlungszusammenhänge für das Entstehen von Krankheit und Tod viel komplexer, als es sich durch die vorhandene Datenbasis abbilden lässt. Es gibt zum Beispiel keine Angaben zur Wohndauer der gestorbenen Menschen im Planungsraum, wo sie kurz vor ihrem Tod wohnhaft waren. In Hinblick auf Lärmbelastung ist unbekannt, wo sie im PLR wohnten – auf der stark belasteten Hauptstraße oder in der relativ geschützten Nebenstraße. Auch nicht inwieweit ihre Wohnung im Vorderhaus oder Hinterhaus liegt. Das größte Problem hierbei ist die soziale Lage als intervenierende Variable (siehe oben), da eine ungünstige soziale Lage oft sowohl mit gesundheitsschädlichem Verhalten (Rauchen und ähnliches) als auch mit anderen gesundheitlichen Belastungen (zum Beispiel in den Wohn- oder Arbeitsbedingungen) korreliert. In dieser Analyse wird die soziale Lage der Bevölkerung in den Planungsräumen mit dem sogenannten Status-Index von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt operationalisiert. Auf der PLR-Ebene korrelierten die meisten Arten der Mortalität stark mit einem zunehmenden schlechteren Wert im Status-Index (vergleiche Diagramm 1 für alle Typen von Mortalität), aber dann nicht mit den anderen Belastungsarten. 1 Da diese Vorgehensweise im neuen Bevölkerungsstatistikgesetz ausdrücklich ausgeschlossen wurde, wird es vermutlich im Jahre 2014 im Land Berlin weder eine bezirkliche noch eine kleinräumige Todesursachenstatistik geben. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wird jedoch das neue Gesetz dahingehend geändert, so dass die Wohnadresse als Hilfsmerkmal aufgenommen wird. 270 ten Status-Index von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt operationalisiert. Auf der PLR-Ebene korrelierten die meisten Arten der Mortalität stark mit einem zunehmenden schlechteren Wert im Status-Index (vgl. Diagramm 1 für alle Typen von Mortalität), aberUmweltgerechtigkeit dann nicht mit den anderen im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Belastungsarten. Diagramm 1: Statusindex und altersstandardisierte Mortalität in den Planungsräumen von Berlin (2006-2012) 60% 45% 30% 15% 0% PLR mit wenig Belastung niedrige Mortalität PLR mit mittlerer Belastung unterdurchschnittliche Mortalität PLR mit starker Belastung erhöhte Mortalität hohe Mortalität Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, eigene Berechnungen Sterbegeschehen in Berlin 2006 bis 2012 In Berlin verstarben zwischen 2006 und 2012 jährlich zwischen circa 31.000 und etwas mehr Sterbegeschehen in Berlin 2006-2012 als 32.000 Personen (Tabelle 1). Circa 70 Prozent aller Sterbefälle gingen auf ein GrundleiIn Berlin verstarben zwischen und 2012 jährlich zwischen ca. 31.000 und etwas mehr als 32.000 den aus dem Bereich der 2006 Neubildungen (Krebsleiden) beziehungsweise der Krankheiten des Personen (Tabelle 1). Ca. 70% aller Sterbefälle gingen auf ein Grundleiden aus dem Bereich der NeuKreislauf- oder des Atmungssystems zurück. Für die Auswertung in dieser Analyse war es bildungen (Krebsleiden) bzw. der Krankheiten des Kreislauf- oder des Atmungssystems zurück. Für eine Art der Mortalität zu finden, derArt sowohl eine ausreichend große die nötig, Auswertung in dieser Analyse war es nötig,bei eine der Mortalität zu finden, bei der Anzahl sowohl von eine Fällen alsgroße auch Anzahl eine nachvollziehbare Verbindung mit Umweltbelastungen vorlagen. ausreichend von Fällen als auch eine nachvollziehbare Verbindung mit Umweltbelastungen vorlagen. Jahr Sterbefälle 267 Neubildungen Tabelle 1: Sterbefälle und ausgewählte Todesursachen in Berlin 2006 bis 2012 darunter Krankheiten des… Kreislaufsystems Atmungssystems 2006 31.523 26,4 % 38,6 % 7,3 % 2007 30.980 26,4 % 38,1 % 7,7 % 2008 31.911 27,4 % 37,8 % 7,4 % 2009 31.713 26,6 % 38,7 % 7,7 % 2010 32.234 26,6 % 35,6 % 7,1 % 2011 31.380 28,8 % 33,7 % 7,9 % 2012 32.218 28,4 % 33,9 % 7,6 % 221.959 27,2 % 36,6 % 7,5 % gesamt Aus den drei in Tabelle 1 aufgeführten ICD-10-Kapiteln wurden schließlich Atemwegserkrankungen (unter anderem Bronchitis, Pneumonie, Asthma) für diese Analyse ausgewählt. Aus der gesundheitswissenschaftlichen Literatur ist hinreichend belegt worden, dass eine Erkrankung an Neubildungen beziehungsweise an Krankheiten des Kreislaufsystems sehr stark mit der sozialen Lage der Betroffenen korreliert. Hier spielen neben eventuellen Umweltbelastungen vor allem die Lebensbedingungen beziehungsweise das gesundheitsrelevante Verhalten eine große Rolle bei der Sterblichkeit. Lungenkrebs zum Beispiel könnte sowohl durch Rauchen als auch durch langjährige Exposition zu Umweltbelastungen entstehen. Die Mortalität durch Atemwegserkrankungen korreliert ebenfalls deutlich mit dem StatusIndex auf der PLR-Ebene, aber die mögliche Verbindung mit Umweltbelastungen ist offenkundiger als bei Kreislauferkrankungen und die eventuelle Verfälschung durch Störvariablen (Confounder) wie Lebensstilfaktoren (Rauchen) nicht ganz so stark wie bei Lungenkrebs. 271 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Ergebnisse In der Analyse der Mortalität durch Atemwegserkrankungen im Zusammenhang mit verschiedenen Formen der Umweltbelastung konnte deskriptiv eine relativ gute Korrelation mit der thermischen Belastung festgestellt werden (Diagramm 2). Insbesondere im Hinblick auf die Verteilung der Planungsräume mit hoher und niedriger Mortalität konnte eine gute Übereinstimmung mit der Stärke der thermischen Belastung festgestellt werden. Umweltgerechtigkeit imMortalität Land Berlin auch durch Lebensstilfaktoren verursacht worden Basisbericht 2016/17 Inwieweit diese war, konnte mit den zur Verfügung stehenden Daten nicht festgestellt werden. Diagramm 2: Thermische Belastung und altersstandardisierte Mortalität durch Atemwegserkrankungen in den Planungsräumen von Berlin (2006-2012) 40% 30% 20% 10% 0% PLR mit wenig Belastung niedrige Mortalität PLR mit mittlerer Belastung unterdurchschnittliche Mortalität PLR mit starker Belastung erhöhte Mortalität hohe Mortalität Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, eigene Berechnungen In einer statistischen Analyse konnten positive partielle Korrelationen nur zwischen dem In einer statistischen Analyse konnten positive partielle Korrelationen nur zwischen dem Status-Index Status-Index (0,3412) sowie der thermischen Belastung (0,0945) und der Mortalität durch (0,3412) sowie der thermischen Belastung (0,0945) und der Mortalität durch Atemwegserkrankungen Atemwegserkrankungen in den Berliner Planungsräumen festgestellt werden. Interessanin den Berliner Planungsräumen festgestellt werden. Interessanterweise gab es in der Analyse keine terweise gab es in der zwischen Analyse keine nennenswerte Korrelation zwischen den verschiedensnennenswerte Korrelation den verschiedensten Ausprägungen der Luftbelastung und der ten Ausprägungen der Luftbelastung und der Mortalität durch Atemwegserkrankungen, Mortalität durch Atemwegserkrankungen, nachdem die beiden anderen Faktoren berücksichtigt werden.nachdem die beiden anderen Faktoren berücksichtigt werden. Die Verteilung der Werte der Standardisierten Mortalitätsrate (SMR) im städtischen Raum auf Ebene der Werte der (SMR) im städtischen Raum der Die 447Verteilung LOR-Planungsräume zeigtStandardisierten die nachfolgendeMortalitätsrate Karte. Ausgespart wurden alle Teilräume mit auf Ebene der 447 LOR-Planungsräume zeigt die nachfolgende Karte. Ausgespart wurden weniger als 250 Einwohnern. alle Teilräume mit weniger als 250 Einwohnern. Schlussfolgerungen Die Analysen mittels Korrelationsberechnungen des Zusammenhangs zwischen der Standardisierten Mortalitätsrate für Atemwegserkrankungen und den Umweltgerechtigkeitsindikatoren weisen auf relativ starke lineare Zusammenhänge mit dem Status-Index (sozialer Lage) und der thermischen Belastung in den Planungsräumen hin. Da viele Informationen auf der individuellen Ebene fehlen, ist es anhand der vorliegenden Daten nicht möglich festzustellen, inwieweit diese eher auf lebenstil- oder umweltbezogenen Faktoren beruhen. Hierfür wären weitere Untersuchungen zu diesem Sachverhalt nötig. Literatur Jarre J: Umweltbelastungen und ihre Verteilung auf soziale Schichten. Otto Schwartz & Co, Göttingen (1975). Stadt Bremen: Die Auswirkungen sozialer Polarisierung. Zur Entwicklung der Lebenserwartung und Sterblichkeit in ausgewählten Bremer Wohngebieten (7/2006). UBA (Umweltbundesamt) (Hrsg.): Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. Studien zur sozialen 269 Ungleichheit gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen in Deutschland, Dessau 2009. 272 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Sterblichkeit an Erkrankungen des Atmungssystems 2006 bis 2012 273 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Exkurs 2: Freiflächenverfügbarkeit und das Vorkommen von Adipositas bei Kindern – Eine Analyse anhand der Schuleingangsuntersuchungen im Bezirk Berlin-Mitte Der Anstieg des Übergewichtes bei Kindern und Jugendlichen ist ein besorgniserregendes Problem in allen Industriegesellschaften. In Deutschland sind nach den Ergebnissen des vom Robert-Koch-Institut durchgeführten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) 8,7 Prozent der 3- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig (über P90 bis P97) und 6,3 Prozent adipös (über P97). Es ist auch zu beobachten, dass das Ausmaß der Adipositas, das heißt des krankhaften Übergewichts, in diesen Ländern deutlich ansteigt (vergleiche Kurth/Schaffrath Rosario 2007, Seite 736). Die Entstehung des Übergewichts schon im frühen Kindesalter führt sowohl zu gesundheitlichen und emotionalen Problemen (Stigmatisierung) bei den betroffenen Kindern als auch zur Etablierung von Verhaltensweisen, die im Erwachsenenalter schwer zu ändern sind und gravierende gesundheitliche Probleme (unter anderem Diabetes, Hypertonie und Arteriosklerose) mit sich bringen können. Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Satdtentwicklung, Soziales und Gesundheit Jeffrey Butler Hinsichtlich der Ursachen dieses Phänomens existiert ein weitgehender Konsens in den Gesundheitswissenschaften. Auf der einen Seite bewegen sich die heutigen Kinder und Jugendlichen immer weniger, das heißt, immer weniger Kalorien werden im Stoffwechsel verbrannt. Statt aktiv Sport zu treiben, wird oft ferngesehen oder am Computer gespielt. Auf der anderen Seite ändern sich die Essgewohnheiten der Kinder und Jugendlichen zunehmend. Hier geht ein unübersehbarer Trend hin zum meist kalorienreichen „Fast Food“. Durch den geringeren Energieverbrauch und die größere Kalorieneinnahme ist ein Gewichtsanstieg nur eine Frage der Zeit. In Studien wird überdies ein starker sozialer Gradient beim Vorkommen von Adipositas bei Kleinkindern beobachtet: Je höher der Sozialstatus, desto niedriger der Anteil an Adipositas (vergleiche Kurth/Schaffrath Rosario 2007, Seite 740). Es ist auch anzunehmen, dass einige Kinder eine genetische Prädisposition für Übergewicht vorweisen (Koletko/von Vries 2001, Seite 11 ff.). Angesichts des komplizierten Entstehungszusammenhangs geht es in diesem Beitrag darum festzustellen, inwieweit eine mangelnde Versorgung mit Freiflächen – und dadurch weniger verfügbare Bewegungsräume für Kinder – im Wohngebiet dazu beiträgt, dass ein erhöhter Anteil von Schulanfängern mit Adipositas festgestellt werden kann. Hierbei wird exemplarisch eine Analyse anhand der Einzeldaten der Schuleingangsuntersuchungen im Bezirk Berlin-Mitte für die Schuljahre 2005 bis 2010 (N = 16568) durchgeführt. Methoden Hinsichtlich der Bestimmung des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen gibt es – im Gegensatz zur Situation bei Erwachsenen – keinen international einheitlichen Maßstab. Konsens ist, dass der sogenannte „Body-Mass-Index“ (BMI), der durch die Formel Körpergewicht/Körpergröße2 (kg/m2) berechnet wird, auch im Kindes- und Jugendalter eine Basis hierfür bilden kann. Wegen der altersbedingten Veränderungen in der Physiologie der Kinder jedoch müssen Grenzwerte geschlechtsspezifisch und in kleinen Altersabständen festgelegt werden. Als Grenzen für die Bestimmung der Bereiche „Übergewicht“ und „Adipositas“ sind die 90er beziehungsweise 97er Perzentile definiert worden. In Deutschland werden üblicherweise die Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ (AGA) als Referenzwerte für diese Bestimmung verwendet. Diese Arbeitsgruppe berechnete die 90er und 97er Perzentile einer großen Gruppe von deutschen Kindern, die durch die Zusammenführung der Probanden in mehreren regionalen Studien zusammengestellt wurde (vergleiche Kromeyer-Hausschild et al. 2001). Die Schuleingangsuntersuchung bildet eine gute Gelegenheit, das Ausmaß von Adipositas in einem ganzen Jahrgang von Kindern einzuschätzen. Dadurch, dass die Merkmale „Körpergröße“ und „Gewicht“ des Kindes bei der Untersuchung objektiv gemessen, EDV-gestützt erfasst und bearbeitet werden, lässt sich das Vorkommen von Übergewicht mit einem relativ hohen Grad an Genauigkeit bestimmen. Die Tatsache, dass Angaben für eine Reihe von relevanten Determinanten von Adipositas ebenfalls erhoben werden, zum Beispiel das Geburtsgewicht, die soziale Lage der Familie, der Migrationshintergrund sowie der Fernsehkonsum, ermöglicht eine differenzierte Auswertung der Untersuchungsergeb- 274 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 nisse (vergleiche Bezirksamt Mitte 2001, Bettge/Oberwöhrmann 2011). Seit 2005 wird bei der Schuleingangsuntersuchung in Mitte die räumliche Zuordnung der Kinder zu den sogenannten Lebensweltlich Orientierten Räumen (LOR) festgehalten. Ergebnisse Herkunft Soziale Lage Bei der Analyse der Ergebnisse zum Übergewicht bei den Schulanfängern konnte eine Reihe von Faktoren, die für das Vorkommen von Adipositas relevant sind, identifiziert werden. Diagramm 1 zeigt den Gewichtsstatus der Kinder in der gesamten Untersuchungsgruppe nach sozialer Schicht, Migrationshintergrund und Geschlecht. Während insbesondere die soziale Lage der Familien sowie der Migrationshintergrund der Kinder (meist vermittelt über die soziale Lage) einen starken Einfluss auf den Gewichtsstatus der Kinder ausüben, sieht man keinen großen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen in diesem Alter. obere soziale Schicht 6,1 86,0 mittlere soziale Schicht 5,1 79,4 untere soziale Schicht 4,8 75,7 deutsch 6,1 83,3 türkisch 3,7 73,4 arabisch 4,6 78,5 9,3 7,5 osteuropäisch 6,8 76,6 8,4 8,2 7,7 81,6 sonstige Staaten 5,0 78,4 9,3 7,3 Mädchen 5,6 78,9 8,9 6,6 Jungen 5,0 78,5 insgesamt 5,3 78,7 westl. Industriestaaten 5,3 2,7 9,0 10,4 6,5 Diagramm 1: Gewichtsstatus nach sozialer Schichtverteilung, Herkunft und Geschlecht bei der Einschulungsuntersuchung im Bezirk Mitte-Berlin (Schuljahre 2005 bis 2010) in Prozent 9,1 6,5 4,1 11,8 11,1 6,3 4,4 8,7 8,8 untergewichtig normalgewichtig mäßig übergewichtig adipös 7,9 7,3 Diagramm 1 zeigt die Verteilung der übergewichtigen und adipösen Schulanfänger in den Planungsräumen von Mitte für die Jahre 2005 bis 2010. Da bekannterweise hier ebenfalls hohe Anteile der Schulanfänger aus der unteren sozialen Schicht stammen (vergleiche Bezirksamt Mitte 2001), muss beim Versuch, einen eigenständigen Einfluss von Grünflächenverfügbarkeit auf die Entstehung von Adipositas und Übergewicht festzustellen, auch die soziale Schichtverteilung berücksichtigt werden. Um die Auswirkungen der Variable „Verfügbarkeit von Grünflächen“ auf den Gewichtsstatus überprüfen zu können, werden die Schulanfänger zusammengenommen, die in Planungsräumen mit der gleichen Bewertung in Hinblick auf die Grünflächenverfügbarkeit wohnen (4 Stufen: sehr gut, gut, schlecht, sehr schlecht). Dadurch, dass die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung aus Individualdaten mit kleinräumigem Bezug bestehen, kann die soziale Schichtverteilung bei der Auswertung berücksichtigt werden. In diesem Falle erfolgt dies durch die Beschränkung der jeweiligen Auswertung auf Schulanfänger aus der gleichen sozialen Schicht – gezeigt wird die untere soziale Schicht, da sie im Bezirk am stärksten vertreten ist. 275 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 sehr gut 5,8 74,5 9,8 gut 4,7 76,7 10,6 8,0 schlecht 5,3 76,2 10,3 8,3 sehr schlecht 4,2 74,6 insgesamt 4,9 75,7 10,8 10,5 10,0 10,4 8,9 Diagramm 2 zeigt die Verteilung des Gewichtsstatus der Schulanfänger der unteren sozialen Schicht je nach Verfügbarkeit von Grünflächen in dem Planungsraum, in dem sie wohnen. Hieraus wird keine kohärente Beziehung ersichtlich. Es finden sich etwas höhere Anteile von übergewichtigen und adipösen Kindern sowohl in den Planungsräumen mit einer sehr schlechten Grünflächenversorgung als auch in den Räumen mit einer sehr guten Versorgung. Insgesamt sind die Varianzen relativ gering. Ähnliche Verteilungen wurden auch in den anderen sozialen Schichten festgestellt (hier nicht aufgeführt). Diagramm 2: Gewichtsstatus nach Grünflächenverfügbarkeit bei der Einschulungsuntersuchung im Bezirk Mitte-Berlin (Schuljahre 2005 bis 2010) in Prozent untergewichtig normalgewichtig mäßig übergewichtig adipös Diskussion Angesichts des sehr komplexen Entstehungszusammenhangs von Adipositas bei kleinen Kindern ist es nicht verwunderlich, dass die erste Analyse keine eindeutigen Ergebnisse erbrachte. Aus den Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchung konnten keine Aussagen zur Ernährung entnommen werden. Es war ebenfalls unmöglich, die tatsächliche tägliche Bewegung zu berücksichtigen. Möglich wäre bei einer weiteren Auswertung, dies indirekt durch den Konsum elektronischer Medien zu schätzen. Die Gegebenheiten des Bezirks Mitte stellten ein weiteres Hindernis bei der Untersuchung dar. Dadurch, dass lediglich zwei Planungsräume nach Lakes et al. (2011) sehr gut mit Grünflächen versorgt waren, war diese Gruppe auch in den zusammengefassten Daten von sechs Jahren relativ klein. Die zweite Einschränkung ergibt sich durch die soziale Zusammensetzung des Bezirks. Im Prinzip wäre der Mehrwert der zusätzlich verfügbaren Grünflächen für die Förderung von Bewegung unter Umständen in der oberen sozialen Schicht am besten zu messen. Dadurch, dass im Bezirk Mitte die obere Schicht jedoch relativ klein und auch räumlich schlecht verteilt ist, eignet sie sich in diesem Fall nicht für solch einen Vergleich. Hier wäre unter Umständen ein Versuch mit den gesamten Daten der Schuleingangsuntersuchung für Berlin eher geeignet. Literatur Oberwöhrmann, Dr. S.; Bettge, Dr. S.: Grundauswertung der Einschulungsdaten in Berlin 2009. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, Referat I A – Gesundheitsberichterstattung (www.gsi-berlin.info), April 2011. Bezirksamt Mitte, Abteilung Gesundheit und Soziales (2001): Gesundheitliche und soziale Lage der Schulanfänger in Berlin-Mitte, November 2001. Bezirksamt Mitte, Abteilung Gesundheit (2011): Migration und Gesundheit im Bezirk Berlin-Mitte. Gesundheitliche und soziale Lage der Bevölkerung unter Berücksichtigung des Migrationshintergrundes. http://www.berlin.de/bamitte/buergerdienste/publikationen/reihe_gbe_gf.html Koletzko, B.; Kries, R. von (2001): Gibt es eine frühkindliche Prägung des späteren Adipositasrisikos? Monatsschrift Kinderheilkunde 1-2001. Kronmeyer-Hauschild, K.; Wabitsch, M.; Kunze, D.; Geller, F.; Geiß, H.C.; Hesse, V.; Hippel, A. von; Jaeger, U.; Johnsen, D.; Korte, W.; Menner, K.; Müller, G.; Müller, J.M.; NiemannPilatus, A.; Remer, T.; Schaefer, F.; Wittchen, H.-U.; Zabransky, S.; Zellner, K.; Ziegler, A.; Hebebrand, J. (2001): Perzentile für den Body-Mass-Index für das Kindes- und Jugendalter unter Heranziehung verschiedener deutscher Stichproben. Monatsschrift Kinderheilkunde 8-2001. Kurth, B.-M.; Schaffrath Rosario, A (2007): Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS), Bundesgesundheitsblatt, Band 50, Heft 5/6, Mai/Juni 2007. S. 736-743. 276 2016/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Adipöse und übergewichtige Schulanfänger 2005/06 bis 2010/11 – Schwerpunktbereich Innenstadt 277 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 6.3 Ergänzungsindikator 6: Sozialräumliche Belastungen durch Lichtverschmutzung Licht als Umweltgerechtigkeitsfaktor Im Zuge der Frage nach Umweltgerechtigkeit in der Stadt Berlin wurde auch das künstliche Licht als ein potenzieller Belastungsfaktor betrachtet. Neben Einflüssen auf das Verhalten von Tieren und der Sichtbarkeit der Sterne am nächtlichen Himmel (Hölker 2010), wurde in den letzten Jahren auch ein Einfluss auf die menschliche Gesundheit festgestellt. So stört die Exposition zu künstlichem Licht in der Nacht den circadianen Rhythmus des Menschen und führt zu einem Ungleichgewicht in der Produktion verschiedener Hormone, insbesondere des Melatonins, welches mit dem Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen verbunden ist. Auch kann die Störung dieses Rhythmus zu einem erhöhten Brust- und Darmkrebsrisiko führen, was besonders für Schichtarbeiter von Bedeutung ist. Dieser Umstand führte zur Einführung des Begriffs der Lichtverschmutzung, der sich auf die negativen Auswirkungen künstlichen Lichts bezieht. Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e. V. Dr. Katharina Gabriel, PD Dr. Franz Hölker, Helga Kuechly, Dr. Christopher Kyba, Dörte Bienert Auf der anderen Seite steht Licht als eine soziale Komponente. Die Ausleuchtung von Außenbereichen in der Nacht wird generell als positiv wahrgenommen. Beleuchtete Bereiche gelten als freundlicher und sicherer, dunkle Bereiche werden eher gemieden. Eine etwaige Regulierung der Beleuchtung zugunsten eines umweltverträglicheren Maßes sollte daher immer auch diesen Aspekt berücksichtigen. Diese doppelte Bedeutung des künstlichen Lichts in der Nacht führt zu der Frage, wie die nächtliche Beleuchtung Berlins verteilt ist. Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, war es notwendig, einen zuverlässigen Überblick über die künstliche Beleuchtung bei Nacht für Berlin zu ermitteln. Hierfür musste die Beleuchtungssituation der Stadt möglichst akkurat dargestellt werden. Dabei wurde nicht, wie bei Untersuchungen zur Helligkeit von Städten üblich, auf Satellitenbilder zurückgegriffen, sondern ein anderer Ansatz gewählt. Aus einem Überflug der Stadt im Jahr 2010, der über zwei Drittel der Stadtfläche abdeckte, entstand ein georeferenziertes Mosaik mit einer Auflösung von 1 Quadratmeter, welches eine flächendeckende Analyse der Stadt ermöglichte. Hierbei ist zu beachten, dass allein himmelwärts emittiertes Licht aufgenommen werden konnte. Seitlich abgestrahltes Licht, wie es aus den Fenstern von Häusern tritt, kann mit dieser Methode nicht erfasst werden. Mithilfe dieser Nachtaufnahme „Berlin bei Nacht“ (Kuechly 2012) war es möglich, die nächtliche Beleuchtung Berlins auf LOR-Ebene zu bringen. Um dies umsetzen zu können, wurde sich des Ansatzes, des von Kuechly entwickelten „Brightness Factor“ (Helligkeitswert) bedient, welcher ursprünglich auf die Ermittlung der Helligkeit von einzelnen Landnutzungstypen angewendet wurde. Hierbei wird der Mittelwert der Helligkeit eines Landnutzungstyps mit dem Gesamtmittelwert der Stadt verrechnet und der hieraus entstehende Helligkeitswert gibt einen guten Durchschnitt für die Beleuchtungssituation in einem Landnutzungstyp an. Es ergaben sich folgende Anteile an Licht für die Stadt: Landnutzungstyp Anteil an Gesamtlichtemission Straßen 31,6 % Industrie- und Gewerbegebiete 15,6 % Öffentliche Gebäude 9,6 % Blockbebauung 7,8 % Stadtzentrum 6,3 % Flugfelder 3,7 % Sonstige 25,4 % Tabelle 1: Anteil des Helligkeitswerts an der Gesamthelligkeit der Stadt für verschiedene Landnutzungstypen (verändert nach Kuechly 2012) Das gleiche Prinzip wurde im Folgenden auch für die Ermittlung der Lichtverschmutzung in den Planungsräumen (PLR) genutzt. Der obigen Tabelle folgend wurden hierbei die Helligkeitswerte der Straßen für die Ermittlung der Helligkeit vor Ort verwendet, da diese den 278 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 verhältnismäßig größten Anteil an der Beleuchtung der Stadt liefern und zudem einen gleichmäßigen, direkten Einfluss auf die Häuser und Umgebung der Menschen haben. Des Weiteren konnte so ein Maskierungseffekt vermieden werden, wie er bei einer Gesamtbetrachtung des PLR eingetreten wäre. Als anschauliches Beispiel hierfür dient der Planungsraum Waldidyll/Flughafensee, in welchem sich der Flughafen Tegel befindet. Auf einer Nachtaufnahme einer der deutlichsten Punkte, verschwindet der Einfluss des Flughafens bei einer Gesamtbetrachtung des PLR aufgrund des verhältnismäßig wesentlich größeren Anteils an Waldfläche. Die Verwendung der üblichen Klassengrenzen des Umweltgerechtigkeitsberichts führte zu einer recht gleichförmig anmutenden Verteilung der Lichtbelastung innerhalb der Stadt. Mit Ausnahme eines PLR, namentlich 01011203 (Unter den Linden Süd), befinden sich alle anderen PLR im mittleren und niedrigen Belastungsniveau. Dabei ergibt sich eine generelle Tendenz der höheren Lichtverschmutzung zum Stadtzentrum hin. Eine Untersuchung auf einen Zusammenhang mit sozial problematischen Wohnräumen ergab kein eindeutiges Ergebnis. Die Belastung mit einem übermäßigen Anteil künstlichen Lichts bei Nacht kann daher nicht unmittelbar mit sozial schwächeren Schichten in Verbindung gebracht werden, sondern scheint eine Problematik darzustellen, die den gesamten Innenstadtbereich betrifft, in den Randbezirken Berlins jedoch eher von untergeordneter Bedeutung zu sein scheint. Mit Blick auf die derzeitigen Pläne der Stadt, die Lichtverschmutzung unter dem Aspekt der Energieeinsparung zu verringern, sollte dies jedoch Beachtung finden und die Installation neuer Leuchten ebenso gleichmäßig erfolgen, wie es die derzeitige Belastungssituation vorgibt. Literatur Hölker, F., Wolter, C., Perkin, E. K., & Tockner, K. (2010). Light pollution as a biodiversity threat. Trends in Ecology & Evolution, 25(12), 681-2. doi:10.1016/j.tree.2010.09.007. Kuechly, H. U., Kyba, C. C. M., Ruhtz, T., Lindemann, C., Wolter, C., Fischer, J., & Hölker, F. (2012). Aerial survey and spatial analysis of sources of light pollution in Berlin, Germany. Remote Sensing of Environment, 126, 39-50. doi:10.1016/j.rse.2012.08.008. 279 6/17 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Karte: Leuchtdichte 280 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 6.4 Ergänzungsindikator 7: Klimawandel und Gesundheit – Veränderungen der thermischen Belastung Grundsätzliche Erkenntnisse und Erwartungen zur Klimaentwicklung in Berlin Der anthropogen bedingte Klimawandel verursacht eine Erhöhung der weltweiten Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre. Laut aktuellem Bericht des Weltklimarats ist die globale atmosphärische Konzentration von CO2 seit der vorindustriellen Zeit um 40 Prozent angestiegen. Nach diesen Erkenntnissen muss auch in Deutschland mit klimawandelbedingten Änderungen atmosphärischer Größen gerechnet werden. In jeder der letzten drei Dekaden fand eine zunehmende Erhöhung der Lufttemperatur statt, die stärker war als in jeder zurückliegenden Dekade seit 1850. Nach jetziger Annahme werden bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts die Lufttemperaturen gegenüber 1990 im Sommer um 1,5 °C bis 2,5 °C und im Winter zwischen 1,5 °C und 3 °C höher liegen (IPCC 2014). Berechnungen mit dem Klimamodell WETTREG zeigen, dass sich in der Region Berlin-Brandenburg die Tagesmitteltemperaturen bis Mitte des 21. Jahrhunderts um 1 °C, und bis Ende des 21. Jahrhunderts – gegenüber dem Zeitraum 1971 bis 2000 – um 3 °C erhöhen können (Kreienkamp et al. 2011, Spekat et al. 2007). Es ist wahrscheinlich, dass aufgrund der Klimaveränderungen Wetterextreme, wie Starkwind- und Starkniederschlagsereignisse, Hitzeperioden und Trockenheit, in Deutschland zunehmen werden (Brasseur et al. 2017). Bei der Anpassung an den Klimawandel kommt Städten eine zentrale Rolle zu, da sie in hohem Maße Verursacher und Betroffene sind. Aufgrund ihrer großen Bevölkerungsdichte, eines hohen Versiegelungsgrades und der umfangreichen Infrastruktureinrichtungen sind vor allem Städte durch Stürme, Starkregen, Überschwemmung und Hitze besonders gefährdet. Für die Region Berlin-Brandenburg wurden Temperaturanstieg, Trockenheit und Wassermangel als die zentralen Risikofaktoren identifiziert (Stadtentwicklungsplan Klima, Berlin 2012). Insgesamt wird es vermehrt Sommertage, heiße Tage beziehungsweise Hitzetage, (das heißt Tage mit einer Höchsttemperatur von ≥ 3 °C) und auch Tropennächte (Nächte mit höherer Temperatur als 20 °C) geben. Die Zahl der Eistage und Frosttage wird hingegen abnehmen (SenStadtUm 2016a). Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung Berlins liegt der Schwerpunkt auf der wachsenden und kompakten Stadt. Ziel ist, das Stadtwachstum von den negativen Folgen auf das Stadtklima zu entkoppeln. Das heißt, es müssen bei Stadtentwicklungsprojekten auch die Faktoren Hitzevorsorge, Überflutungsvorsorge und Klimakomfort einbezogen werden. Seitens des Gesetzgebers ist zu prüfen, ob ein bau- und planungsrechtliches Instrument im Sinne eines „Klimachecks“ planungsrechtlich verankert werden sollte. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Umweltatlas Jörn Welsch Technische Universität Berlin Dr. Katharina Scherber GEO-NET – Umweltconsulting GmbH Dr. Christa Etling Die Umsetzung der kompakten dichten Stadt der kurzen Wege darf nicht ohne kompensierende Maßnahmen realisiert werden, um die negativen Einflüsse zusätzlicher Baumassen auf die klimatische Situation nicht zur Wirkung kommen zu lassen. Der Klimawandel wird als Einflussfaktor für die Lebensqualität in der Stadt an Bedeutung zunehmen. Geeignete Maßnahmen wie zum Beispiel Begrünung und Entsiegelung sind in diesem Zusammenhang notwendige Elemente, tragen zur Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen vor allem in den belasteten Gebieten bei und sind zugleich auch ein unabdingbarer Beitrag zur Klimaanpassung, worunter eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels verstanden wird. Derzeit weist der Bereich Berlin-Alexanderplatz im Jahresmittel circa 10 heiße Tage, auf. Allerdings zeigt dieser Wert je nach Sommerverlauf große Schwankungen. Für das Jahr 2050 errechnen die Klimamodelle, die bei der Erarbeitung des Konzepts „Anpassung an die Folgen des Klimawandels in Berlin“ (AFOK) für 2050 zugrunde gelegt wurden, 16 bis 20 solcher Tage (die Spannbreiten sind begründet durch die Variation in den ModellensembleRechnungen). 2100 können es bereits 26 bis 36 solcher Tage sein. Weiterhin wird erwartet, dass Starkregenereignisse bis 2050 um circa 25 Prozent zunehmen, bis 2100 circa um 50 Prozent. Die Winter werden milder und mit weniger Schnee einhergehen. Berlin präsentierte sich im Jahr 2015 mit 10,9 °C) als wärmstes, mit und 510 Liter pro Quadratmeter (vieljähriges Berliner Mittel 573 Liter pro Quadratmeter) als trockenstes und mit ungefähr 1.845 Stunden (vieljähriges Berliner Mittel: 1.635 Stunden) als überdurchschnittlich sonnenreiches Bundesland. (Reusswig et al. 2016). 281 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Abschätzung der zukünftigen Entwicklung der sommerlichen Kenntage im Stadtgebiet Im Rahmen des EFRE-Projektes 027 „GIS-gestützte Modellierung von stadtklimatisch relevanten Kenngrößen auf der Basis hochaufgelöster Gebäude- und Vegetationsdaten“ (2013 bis 2015) wurde die aktuelle stadtklimatische Situation Berlins modelltechnisch berechnet und anhand hochaufgelöster Analysedaten in einer räumlichen Detaillierung von 10 mal 10 Meter für das gesamte Stadtgebiet und das nähere Umland dargestellt (SenStadtUm 2015). Auf Basis der durch die Simulationen gesamtstädtisch vorliegenden Temperaturverteilung für eine hochsommerliche Strahlungswetterlage wurden die Häufigkeiten von sommerlichen Kenntagen flächendeckend für das Stadtgebiet abgeschätzt. Allgemeines: Die langjährigen Messungen von Klimaparametern zeigen an Sommertagen für die verschiedenen Messstandorte im Stadtgebiet von Berlin eine charakteristische Verteilung der Minimum- und Maximumtemperaturen. Dabei wird ein 30-jähriger Referenzzeitraum von 1981 bis 2010 betrachtet. Die Verteilung spiegelt das unterschiedliche Wärmeverhalten der Stadt wider, das sich aus den verschiedenen Nutzungsstrukturen, aber auch aus der Lage eines Standortes innerhalb des Stadtgebietes als Ganzes ergibt. Die räumliche Lage innerhalb der Stadt bestimmt so, bei sonst vergleichbarer Nutzung, inwieweit ein Standort von der kühleren Umgebung profitieren kann oder im Einfluss überwärmter angrenzender Stadtteile steht. Eine Freifläche im Einfluss der städtischen Wärmeinsel wird einen geringeren Tagesgang (Temperaturentwicklung im Tagesverlauf) zeigen als eine vergleichbare Fläche außerhalb der Stadt. Typischerweise sind die Temperaturunterschiede zwischen städtischen und ländlich geprägten Messstandorten bezüglich der Tagesmaxima geringer als hinsichtlich der nächtlichen Tiefsttemperaturen. Die nachmittags auftretenden Temperaturmaxima an Sommertagen unterscheiden sich deutlich weniger, da aufgrund der guten Durchmischung an Tagen mit Sonneneinstrahlung Temperaturunterschiede ausgeglichen werden können. Nachts gibt die städtische Bebauung die gespeicherte Wärme nur langsam ab, die zunehmende Stabilität der Temperaturschichtung in den unteren Luftschichten und das „Einschlafen“ des Windes vermindern Ausgleichsprozesse. Bei den nächtlichen Tiefsttemperaturen an Sommertagen zeichnen sich deutlich der Einfluss der umgebenden Bebauung und damit der städtische Wärmeinseleffekt ab. Die höchsten nächtlichen Temperaturen wurden an der innerstädtischen Station Alexanderplatz registriert, während die niedrigsten Nachtwerte an den peripheren oder eher ländlich geprägten Standorten Dahlem und Potsdam gemessen wurden. Die Standorte Tegel und Tempelhof nehmen in ihren Temperaturniveaus eine mittlere Position ein. Da das absolute Niveau der sommerlichen Temperatur in erster Linie von der vorherrschenden Wetterlage bestimmt wird und nur eine Modifikation durch die Lage des Standortes im Stadtgebiet erfolgt, lassen sich auf Grundlage der charakteristischen Temperaturdifferenzen Rückschlüsse von den gemessenen Temperaturen eines Standortes auf das Niveau an einem anderen Standort ziehen. Das Überschreiten festgelegter Werte der Tagesminima beziehungsweise -maxima bestimmen das Auftreten der sogenannten klimatologischen Kenntage. So kann durch Kenntnis der Temperaturdifferenz eines Standortes zu einem Referenzstandort ermittelt werden, ob es auch dort zum Überschreiten der Schwellenwerte kommt. Bei Kenntnis der Häufigkeiten der Kenntage an einem Referenzstandort können somit die Häufigkeiten an einem anderen Standort abgeschätzt werden. Für eine Abschätzung der zukünftig zu erwartenden Häufigkeiten von Sommertagen, Hitzetagen und Tropennächten im Stadtgebiet wird angenommen, dass die relativen Temperaturunterschiede während sommerlicher Hochdruckwetterlagen in Berlin im Wesentlichen erhalten bleiben. Die tatsächliche Verteilung hängt natürlich in großem Maße von der zukünftigen städtebaulichen Entwicklung der Stadt, das heißt der Verteilung von bebauten und begrünten Flächen, ab. Auf Basis der im Rahmen der Modellsimulationen ermittelten Temperaturdifferenzen können dann die zukünftigen Häufigkeiten von Kenntagen an einer betrachteten Referenzstation auf weitere Flächen im Stadtgebiet übertragen werden. Als erste Ebene für eine Abschätzung der zukünftigen Häufigkeiten der sommerlichen Kenntage werden die Block- und Blockteilflächen der Grundkarte ISU5 des Informationssystems Stadt und Umwelt im Stadtgebiet betrachtet. Die Datenbasis bilden Flächenmittelwerte der Lufttemperaturen innerhalb der ISU-Flächen (SenStadtUm 2016a). Für die Ebene Planungsraum (PLR)1 werden dann alle innerhalb der Bezugsfläche des PLR liegenden ISU- 1 PLR = kleinräumigste Ebene innerhalb der Hierarchie der Lebensweltlich Orientierten Räume (LOR) 282 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Flächen betrachtet. Die Häufigkeiten der Kenntage innerhalb der PLR werden auf Basis der Mittelwerte der für die einzelnen ISU Flächen ermittelten Häufigkeiten berechnet. Durch die Aggregation und Mittelbildung treten zwischen den einzelnen PLR zwangsläufig geringere Differenzen auf als zwischen den kleinräumigeren ISU-Flächen. Als Ausgangsdaten für das zukünftige Stadtklima werden die mit WETTREG und unter Annahme des Szenarios A1B ermittelten Zeitreihen der Lufttemperatur der Messstationen im Stadtgebiet verwendet. Analog zur Analysesituation, in der die 30-jährigen Zeitreihen der Messstationen für den Zeitraum 1981 bis 2010 ausgewertet wurden, werden für eine Abschätzung der zukünftigen Entwicklung jeweils die 30-jährigen Zeitreihen der WETTREG-Projektionen für die Perioden 2011 bis 2040 und 2041 bis 2070 ausgewertet. Die folgenden Abbildungen verdeutlichen als Balkendiagramme, wie sich die sommerlichen Kenntage an drei langjährig betriebenen Klimastationen in Berlin gemäß dem ausgewerteten Szenario entwickeln können. Zum Vergleich werden zusätzlich die sommerlichen Kenntage der letzten 30-jährigen Analyseperiode (1981 bis 2010) dargestellt. Abbildung 1 zeigt eine Abschätzung der Entwicklung der durchschnittlichen Anzahl an Sommertagen pro Jahr für die Perioden 1981 bis 2010, 2011 bis 2040, 2041 bis 2070 und 2071 bis 2100. Abbildung 2 und 3 zeigen für die gleichen Zeiträume die durchschnittliche jährliche Anzahl an Hitzetagen und Tropennächten. Während sich die Anzahl an Sommertagen von der Analysesituation (1981 bis 2010) bis zur letzten Periode des Jahrhunderts (2071 bis 2100) in etwa verdoppelt, wird erwartet, dass Hitzetage bereits bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts doppelt so häufig auftreten werden. Die Anzahl der Tropennächte spiegelt diesen Temperaturanstieg zur Mitte des 21. Jahrhunderts noch deutlicher wider, bis zum Ende des Jahrhunderts zeichnet sich dann aber nur noch eine geringere weitere Zunahme an Tropennächten ab. Sommertage pro Jahr (Tmax ≥ 25 °C) 100 90 Abbildung 1: Entwicklung der Häufigkeiten von Sommertagen an ausgewählten Messstationen in Berlin 87 85 85 80 67 66 70 65 60 50 43 47 43 47 43 46 40 30 20 10 Tegel Tempelhof 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 0 Dahlem 283 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Hitzetage pro Jahr (Tmax ≥ 30 °C) 40 37 36 36 Abbildung 2: Entwicklung der Häufigkeiten von Hitzetagen an ausgewählten Messstationen in Berlin. 35 30 24 25 24 23 20 15 10 10 13 12 12 9 9 5 Tegel Tempelhof 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 0 Dahlem Topennächte pro Jahr (Tmin ≥ 20 °C) 16 Abbildung 3: Entwicklung der Häufigkeiten von Tropennächten an ausgewählten Messstationen in Berlin. 14 14 12 12 11 10 10 4 2 4 4 2,3 5 5 2071-2100 6 2041-2070 8 2 1,5 0,4 Tegel Tempelhof 2011-2040 1981-2010 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 2071-2100 2041-2070 2011-2040 1981-2010 0 Dahlem 284 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Die wachsende Stadt Berlin solidarisch und sozial zu gestalten, ist die zentrale Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte. In diesem Zusammenhang kommen dem quartiersbezogenen Handeln für den Klimaschutz und die Klimaanpassung herausragende Bedeutungen zu. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Aktivierung lokaler Initiativen, um die Menschen vor Ort zu sensibilisieren und die Klimaeffizienz auf Quartiersebene umzusetzen. Gleichzeitig muss der Schutz der Quartiersbewohner vor klimabedingten Gesundheitsrisiken vor allem in den mehrfach belasteten Gebieten verstärkt werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche der 447 Planungsräume (PLR) wie stark vom Klimawandel im Zeitraum bis 2070 (nach heutigem Stand des Wissens) betroffen sein werden. Hierfür wurde eine Klassifikation der Zunahme der Hitzetage zugrunde gelegt (siehe Tabelle 1). Im Mittel über alle Planungsräume beträgt die Zunahme bis 2070 11 Tage. Eine geringere Zunahme an Hitzetagen wird als gering bewertet, PLR mit mehr als 11 Hitzetagen werden in die Kategorie 3 eingeordnet. Darüber hinaus wird in Tab. 1 die Spannweite der in jeder Kategorie auftretenden Anzahl an Hitzetagen angegeben. Kategorie Zunahme der Hitzetage zwischen den Prognoseperioden 2011-2040 und 2041-2070 Spannweite der in den LOR auftretenden Anzahl an Hitzetagen (2041-2070) pro Kategorie 1: Zunahme gering < 11 Tage 18,5-22,5 Hitzetage 2: Zunahme mittel ~ 11 Tage 22,5-23,5 Hitzetage 3: Zunahme hoch > 11 Tage 23,5-25,0 Hitzetage Tabelle 1: Klassifizierung der „Zunahme der Hitzetage“ für die Ebene LOR. Die Karte „Zunahme der hitzebelasteten Tage, Stand 2015“ (siehe Karte: „Zunahme der hitzebelasteten Tage“) verdeutlicht die Zunahme an Tagen mit einer Höchsttemperatur ≥ 30 °C zwischen den Prognoseperioden 2010 bis 2040 und 2041 bis 2070. Hiernach werden voraussichtlich mehr als 2/3 aller Planungsräume (69 Prozent, 310 von 447 PLR) von einer mittleren bis hohen Zunahme an Hitzetagen betroffen sein. Insgesamt wird für 63 PLR (14 Prozent) eine hohe Zunahme prognostiziert. Wird in diesem Zusammenhang das gesamte Stadtgebiet betrachtet, so wird deutlich, dass von der Zunahme der hitzebelasteten Tage der Berliner Südosten und Südwesten (Treptow-Köpenick beziehungsweise Steglitz-Zehlendorf) sowie der äußere Norden (Tegel, Hermsdorf, Frohnau) nur gering betroffen sein werden. Dagegen werden zukünftig vor allem der Schwerpunktbereich Innenstadt, der Süden, Spandau (hier besonders der Kern des Bezirks) und der Norden und Nordosten nahezu flächendeckend mindestens von einer mittleren Zunahme der Hitzetage erfasst. Eine starke Zunahme der Hitzetage ist einerseits in der Berliner Innenstadt (City Ost) sowie im Bereich Ostkreuz anzutreffen und wird andererseits in einigen peripheren Räumen um die Großsiedlungen Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf zu erwarten sein. Dies trifft voraussichtlich auch auf die durch dichte Bebauung geprägten Räume in Spandau entlang der Heerstraße zu. Einfluss der innerstädtischen Lufttemperaturen auf die menschliche Gesundheit Das Stadtklima ist vor allem durch die sogenannte „städtische Wärmeinsel“ charakterisiert. Darunter werden höhere Lufttemperaturen in der Stadt im Vergleich zum Umland verstanden. Aber auch innerstädtisch können sich Lufttemperaturunterschiede, also ein heterogenes Mosaik von Wärme- und Kühleinseln bilden. Stadtstrukturen modifizieren die Lufttemperatur, -feuchte und -bewegungen sowie den Strahlungs- und Energiehaushalt. Dadurch kommt es unter anderem zur Ausbildung von überwärmten Gebieten, in Abhängigkeit der Lage und Größe der Stadt, von Tages- und Jahreszeit sowie von meteorologischen Gegebenheiten. Während hochsommerlicher Strahlungswetterlagen mit geringen Windgeschwindigkeiten bilden sich die prägnantesten innerstädtischen Wärmeinseln aus. In Berlin können in Sommernächten im Innenstadtbereich bis zu 11 K höhere Lufttemperaturen im Vergleich zum Stadtrand beziehungsweise Umland auftreten (Fenner et al. 2014, Endlicher und Kress, 2008). 285 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Hohe Lufttemperaturen beanspruchen die Wärmeregulation des Menschen und damit das Herz-Kreislauf- sowie Atmungssystem. Vor allem nachts, wenn der Körper sich erholen soll, stellt Wärmebelastung ein großes gesundheitliches Problem dar. Gesundheitliche Folgen (andauernder) hoher Lufttemperaturen reichen von Konzentrations- und Schlafstörungen über Krankheitssymptome bis hin zu medizinischen Notfallsituationen und Sterbefällen. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kleinkinder, Personen mit stark eingeschränkter physischer und psychischer Gesundheit, Personen mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sowie exponierte Berufsgruppen. Untersuchungen in Berlin zum Einfluss von Lufttemperaturen auf die menschliche Gesundheit zeigen, dass mit erhöhten Lufttemperaturen eine Zunahme von Erkrankungen und Sterbefällen einhergeht (Burkart et al. 2013, Fenner et al. 2015, Gabriel und Endlicher 2011, Scherber 2014, 2016, Scherer et al. 2013, Schuster et al. 2014). In Untersuchungen weisen vor allem die heißen Sommer 2006 und 2010 eine erhöhte hitzebedingte Sterblichkeit in Berlin auf (Gabriel und Endlicher 2011, Scherber 2014, Schuster et al. 2014). Die Studie von Scherer et al. 2013 zeigt, dass circa 5 Prozent aller Todesfälle in Berlin in den Jahren von 2001 bis 2010 statistisch mit erhöhten Lufttemperaturen korreliert sind. Die betroffenen Personen sind meist 65 Jahre oder älter, während der Zusammenhang zwischen erhöhten Lufttemperaturen und Sterblichkeit bei jüngeren Personen statistisch nur schwach ausgeprägt ist. Da das Auftreten von Hitzeereignissen (Hitzetage und Hitzewellen) in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen hat (Coumou und Robinson 2013, Schär und Jendritzky 2004) und eine Vervierfachung dieser Perioden bis 2040 sehr wahrscheinlich ist (Coumou et al. 2013, Rahmstorf und Coumou 2011), müssen den Zusammenhängen zwischen hohen Lufttemperaturen in Städten und Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit eine gebührende Beachtung geschenkt und das Bewusstsein hinsichtlich der Gefahren weiter verbessert werden (Augustin et al. 2017). Auf europäischer und nationaler Ebene wurden politische Rahmen geschaffen, wie zum Beispiel mit der Erklärung von Parma (WHO 2015) und dem Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (www.apug.de), um gesunde Lebensbedingungen in Städten sicherzustellen. In Berlin wurden zum Beispiel mit dem „Anpassungskonzept an die Folgen des Klimawandels (AFOK)“ (Reusswig et al. 2016), dem Stadtentwicklungsplan Klima KONKRET (SenStadtUm 2016) und Projekten wie KiezKlima (www.kiezklima.de) Handlungsrahmen und Perspektiven auf den Weg gebracht. Projizierte Auswirkungen der Lufttemperatur auf Patientenaufnahmen und Sterbefälle in Berliner Krankenhäusern Die Auswirkungen des Klimawandels, eine zunehmend älter werdende Gesellschaft, städtische Lebensweisen und eine ungleiche soziale Verteilung von Umweltbelastungen stellen große Herausforderungen für die Gestaltung städtischer Lebensräume dar. Berlin ist aufgrund der Vielzahl von städtischen Wärmeinsel von Hitzeereignissen besonders betroffen. Wärmebelastung, vor allem nachts, hat gravierende Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufund Atmungssystem (Koppe et al. 2004, Michelozzi et al. 2009). Besonders ältere Menschen und städtische Bevölkerungen sind gefährdet (Schmith et al. 2014). Ihre Bevölkerungsanteile nehmen stetig zu und damit steigt auch der Bedarf an Anpassungsmaßnahmen, sowohl in der Gesundheitsversorgung als auch in der Stadtentwicklung. Somit geben Abschätzungen von zukünftigen wärmebelastungsbedingten Patientenaufnahmen und Sterbefällen in Krankenhäusern wesentliche Hinweise für die Planung und Versorgung. Die Modellierung der sogenannten Expositions-Wirkungs-Beziehung unter Berücksichtigung des Klimawandels ist von verschiedenen Prozessen abhängig und mit Unsicherheiten behaftet, die die Variationsbreite der projizierten Patientenaufnahmen und Sterbefälle vergrößern (Eis et al. 2010). Die Unsicherheiten stehen im Zusammenhang mit den Klimaprojektionen, der Modellierung heutiger und zukünftiger Expositions-Wirkungs-Beziehungen, Annahmen zur Akklimatisation und Anpassung sowie den Bevölkerungsprognosen (Gosling et al. 2009), siehe Abbildung 4. Im Ergebnis dessen können die Unsicherheiten bezüglich des Ausmaßes der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels beträchtlich sein (Eis et al. 2010). 286 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Modellierung von Zusammenhängen in der Vergangenheit – Gegenwart Gesundheitsdaten Klimadaten ExpositionsWirkungsBeziehung Abbildung 4: Schematische Darstellung zur Abschätzung gesundheitlicher Auswirkungen des Klimawandels (verändert nach Dessai 2002 und Gosling et al. 2007). Zukunftsszenarien Modellvalidierung BVSzenarien Akklimatisation Adaption Klimaszenarien Unsicherheitsanalyse Gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels Für Berlin wurden zukünftige Fallzahlen für wärmebelastungsbedingte Patientenaufnahmen und Sterbefälle im Krankenhaus durch Atmungssystemerkrankungen bis 2030 berechnet (Scherber 2014). Die Datengrundlage bilden Patienten- und Lufttemperaturdaten in Tagesauflösung für die Monate Juni bis September im Zeitraum 2001 bis 2010. Personen mit Atmungssystemerkrankungen und über 65 Jahre sind besonders von Wärmebelastung betroffen (Michelozzi et al. 2009). Die vollstationären Patientenaufnahmen sind der Krankenhausdiagnosestatistik des Landes Berlin als Totalerhebung (circa 70 Krankenhäuser) entnommen (siehe Tabelle 2). Aus Datenschutzgründen konnten die Sterbefälle für Patienten über 65 Jahre aufgrund geringer Fallzahlen auf Tagesebene nicht altersklassifiziert werden. PA insgesamt PA 65+ SF insgesamt Total 120.097 45.699 7.012 Min 30 11 0 Max 195 79 17 Mittel 98 37 6 Tabelle 2: Tägliche Patientenaufnahmen (PA) und Sterbefälle (SF) im Krankenhaus für Atmungssystemerkrankungen aller Altersgruppen insgesamt und für ≥ 65-Jährige (65+) im Zeitraum Juni bis September 2001-2010 in Berlin (n = 1220 Tage). Datenquelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, [Krankenhausdiagnosestatistik]. Die Lufttemperaturdaten wurden für den Referenzzeitraum 2001 bis 2010 vom Deutschen Wetterdienst (Messstation Tempelhof) und die Projektionen der Lufttemperatur für den Zukunftszeitraum 2021 bis 2030 vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bereitgestellt. Die Lufttemperaturprojektionen wurden mit dem statistischen Regionalmodell STAR2 unter Annahme des 2K-Szenarios (weiterer Temperaturanstieg nach 2000 um circa 2 K bis 2060) in einer mittleren Realisierung berechnet. Die Methodik zur Abschätzung zukünftiger Fallzahlen ist an die Arbeit von Aström et al. (2013) angelehnt. Der Zusammenhang zwischen Lufttemperatur und Patientenaufnahmen sowie Sterbefällen im Krankenhaus wurde mittels Regressionsanalysen modelliert. Dabei werden zeitliche Trends als auch zeitliche Verzögerungen der gesundheitlichen Auswirkungen (Time Lag Effekt) von Wärmebelastung berücksichtigt. Die prozentuale Änderung sowie das relative Risiko der Patientenaufnahmen und Sterbefälle wird zunächst für den Referenzzeitraum je 1-°C-Anstieg der maximalen Lufttemperatur oberhalb des Grenzwertes Tmax = 25 °C berechnet (siehe Tabelle 3). Der Grenzwert Tmax = 25 °C entspricht der meteorologischen Definition eines Sommertages. Für einen Sommertag wird eine beginnende Wärmebelastung angenommen, welche mit wärmebelastungsbedingten gesundheitlichen Risiken verbunden ist. PA insgesamt PA 65+ SF insgesamt Prozentuale Änderung 0,7** 1,8*** 4,8*** Relatives Risiko 1,01 1,02 1,05 Tabelle 3: Lufttemperatureffekte für vollstationäre Patientenaufnahmen (PA) und Sterbefälle (SF) im Krankenhaus für Atmungssystemerkrankungen, alle Altersklassen insgesamt und ≥ 65-Jährige in Berlin (Juni-September) 2001-2010 (Quelle: Scherber 2014). Signifikanz Codes in R: 0 ‘***’ 0.001 ‘**’ Im Folgenden werden dann für beide Zeiträume (Referenz 2001 bis 2010 und Zukunft 2021 bis 2030) die gleichen Grenzwerte der Lufttemperatur angewandt, um Klimawandeleffekte zu isolieren (Aström et al. 2013). Das Tagesmaximum der Lufttemperatur wird mit dem Grenzwert Tmax = 25 °C in den zwei Zeiträumen verglichen und die erwartete tägliche Fallzahl 287 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 für Patientenaufnahmen und Sterbefälle im Krankenhaus als Mittelwert der Sommerzeiträume berechnet. Die erwarteten Fallzahlen wurden für jeden Zeitraum (Referenz und Zukunft) unter Berücksichtigung der Bevölkerungsdynamik, des relativen Risikos und der altersstandardisierten Morbiditäts- sowie rohen Mortalitätsraten berechnet (siehe Tabelle 4). Diagnose 2001-2010 2021-2030 Differenz in % PA insgesamt 98 108 + 10 (10) PA 65+ 41 55 + 14 (34) SF insgesamt 6 7 + 1 (16) Der Vergleich zwischen dem Referenzzeitraum (2001 bis 2010) und dem Zukunftszeitraum (2021 bis 2030) macht deutlich, dass in Berlin mit einer Zunahme der wärmebelastungsbedingten Patientenaufnahmen und Sterbefälle in Krankenhäusern durch Atmungssystemerkrankungen zu rechnen ist. Dabei ist zu beachten, dass die projizierten Fallzahlen ohne Berücksichtigung von Akklimatisation und Anpassungsmaßnahmen ermittelt wurden. Die projizierten Fallzahlen für ≥ 65-Jährige zeigen die stärksten Zuwächse, was durch eine zunehmend alternde Gesellschaft (siehe Tabelle 5), die erhöhten gesundheitlichen Risiken für ≥ 65-Jährige (siehe Tabelle 3) und eine Zunahme der Anzahl der Sommertage (siehe Tabelle 6) erklärt werden kann. Jahr BV insgesamt BV 65+ BV 65+ in % 2001 3.388.434 508.779 15 2010 3.460.725 661.082 19 2021 3.709.134 753.194 20 2030 3.755.558 857.836 23 Zeitraum n 2001-2010 395 2021-2030 466 Tabelle 4: Erwartete tägliche Fallzahlen für Patientenaufnahmen (PA) aller Altersklassen insgesamt und für ≥ 65-Jährige sowie Sterbefälle (SF) im Krankenhaus für Atmungssystemerkrankungen in Berlin im Mittel der Sommerzeiträume (Juni-September) 2001-2010 und 2021-2030 unter Berücksichtigung der Bevölkerungsprognosen, Lufttemperaturprojektionen und Lufttemperatureffekte für Tmax lag 0-3 ≥ 25 °C (Quelle: Scherber 2014). Tabelle 5: Bevölkerungsentwicklung in Berlin bis 2030. Datenquellen: Amt für Statistik Berlin Brandenburg (Quelle: SenStadtUm/AfS 2012). Tabelle 6: Anzahl der Sommertage (Tmax ≥ 25 °C) im Zeitraum Juni bis September (Station Berlin-Tempelhof) 2001-2010 und 2021-2030 (Quelle: Scherber 2014). Umweltgerechtigkeit – Mehrfachbelastungen und Vulnerabilität Der Klimawandel ist stadtentwicklungs- und umweltpolitisch relevant, wenn mit Hilfe planerischer Instrumente Eintrittswahrscheinlichkeit, Intensität oder Konsequenz von Klimafolgen für bestimmte, ausreichend sicher identifizierbare Entstehungs- und/oder Betroffenheitsräume beeinflussbar sind. Die öffentliche Hand ist in besonderem Maße gefordert, die Umsetzung der Klimaanpassung in den Quartieren voranzubringen. Instrumente des Planungshandelns sollten künftig immer auch Instrumente der Klimaanpassung werden. Dies gilt vor allem im Hinblick auf die urbanen Räume, die durch die negativen Folgen des Klimawandels betroffen sind, da sich hier Vermögenswerte, Einrichtungen und empfindliche Personengruppen konzentrieren. Klimatische Veränderungen können hier ein erhebliches Schadenspotenzial entfalten. Hinzu kommt, dass die meisten klimatischen Veränderungen durch die besonderen Charakteristika des urbanen Raumes in ihrer Wirkung verstärkt werden. Mit Blick auf die Berliner Situation bekommen die mehrfach belasteten Planungsräume im erweiterten Innenstadtbereich herausragende Bedeutung. Die Berliner Siedlungsstrukturen werden sich künftig an den Anforderungen einer wachsenden und zugleich kompakten Stadt der kurzen Wege ausrichten. Bei der kompakten Stadt soll die Dichte der Stadt zwar zunehmen, das Maß an Versiegelung aber möglichst gering gehalten werden. Außerdem wird viel Wert auf eine Durchgrünung der Quartiere zu legen sein und auf eine Vielzahl von Freiräumen, zum Beispiel durch öffentliche Plätze, Quartierparks und Ähnliches. Die positiven Effekte für das Stadtklima hängen dabei von der Größe, der Zusammensetzung (zum Beispiel Bäume, Sträucher, Grasflächen) und der Vitalität der Grünflächen sowie von der weiträumigen Vernetzung der bebauten Flächen mit den Grünund Freiräumen ab. Sind diese klein, inselartig und isoliert angeordnet, sind die positiven Auswirkungen nur sehr gering. Ein weiteres Merkmal der kompakten, flächensparenden Stadt ist, dass eine starke Nutzungsmischung angestrebt wird, um mehrere Nutzungen wie 288 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 beispielsweise Wohnen mit Läden, Büros und Dienstleistungen an ein und demselben Ort zu ermöglichen. Das Modell der kompakten Stadt bietet in diesem Kontext die Chance, durch Freiräume bewusst planerische Vorsorge für Kaltluftschneisen, Erhöhung der wohlfahrtsfördernden Grün- und Freiflächen und ähnlichen Klimaanpassungsmaßnahmen zu treffen. Generell kann gesagt werden, dass sich die kompakte Stadt durch eine günstige Umweltbilanz auszeichnen kann. Bezogen auf die Wirkfolgen des Klimawandels ist die Umweltgerechtigkeitsfrage in ihrer intragenerationellen Dimension relevant, weil der Klimawandel vor allem von denjenigen sozialen Gruppen als besonders gravierendes Problem wahrgenommen werden dürfte, bei denen bereits eine Betroffenheit durch gesundheitsrelevante Umweltbelastungen vorliegt. Das Risiko des Anstiegs der sozialen Spannungen, zum Beispiel durch den Dualismus der klimaoptimierten Quartiere einerseits und der hochverdichteten mehrfachbelasteten Innenstadtbereiche mit niedriger Klima-Lebensqualität andererseits, wird zunehmen. Letztere Gebiete sind gegenüber den Klimafolgen, wie Hitzeepisoden, Stürmen, Hagel, Starkregen und Überschwemmungen, besonders exponiert und verwundbar. Mit Blick auf die hochverdichteten Quartiere können als Wirkfolgen des Klimawandels vor allem die steigende Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch Extremereignisse, ein steigender Energiebedarf für Kühlung und sinkender thermischen Komfort festgehalten werden. Ein gegenläufiger Effekt sind der geringere Energiebedarf für Heizzwecke im Winter, der sich positiv auf die Heizkosten sowie die Emissionsmengen brandstoffbezogener Schadstoffe auswirken wird. Die Betroffenheit einkommensschwacher Bevölkerung ist hier in besonderem Maße gegeben, da gerade diese häufig in hochverdichteten und mehrfachbelasteten Quartieren lebt. Zum Schutz dieser Menschen vor klimabedingten Gesundheitsrisiken wird daher – vor allem in den mehrfach belasteten Gebieten – zu prüfen sein, welche der prinzipiell planungsrelevanten Auswirkungen des Klimawandels im jeweiligen Planungsraum auftreten können. In diesen Quartieren sind die Gefahrenquellen in besonderem Maße lokalisiert. Gleichzeitig können sich räumliche Auswirkungen von Veränderungen der Klimaparameter (wie zum Beispiel Temperatur und Niederschlag) in einer unterschiedlichen Größenordnung manifestieren. Die Erfassung der lokalen Betroffenheit ist daher ein kontextbezogener Prozess. Sie muss sowohl die klimatischen Veränderungen, die lokalklimatischen Besonderheiten, begründet beispielsweise durch die Stadt- und Nutzungsstruktur, als auch die sozioökonomische Situation des jeweiligen Betrachtungsraums reflektieren und sollte daher direkt vor Ort mit den Akteuren durchgeführt werden. Die klimabedingten Wirkfolgen in den einzelnen Planungsräumen sind somit ein komplexes Produkt, welches durch soziale, ökonomische, ökologische und physisch-infrastrukturelle Faktoren sowie die Exposition des Quartiers beziehungsweise der Betroffenen gegenüber den Einwirkungen des Klimawandels bestimmt wird. Dieses Beziehungsgeflecht wird mit dem Begriff Verwundbarkeit (Vulnerabilität) beschrieben (siehe auch Kapitel 3.3: Umweltbelastungen, Umweltressourcen und Gesundheit, Seite 85). Nach der Definition des IPCC zeigt die Verwundbarkeit an, „inwieweit ein System für nachteilige Auswirkungen der Klimaänderung, inklusive Klimaschwankungen und -extreme anfällig ist beziehungsweise nicht fähig ist, diese zu bewältigen. Die Verwundbarkeit leitet sich ab aus dem Charakter, der Größenordnung und der Geschwindigkeit der Klimaänderung und -abweichung, der ein System ausgesetzt ist, ebenso wie der Empfindlichkeit und Anpassungskapazität dieses Systems“ (IPCC 2014). Die Verwundbarkeit setzt sich demnach aus den Komponenten der klimatischen Veränderung (Exposition), der Prädisposition eines Raumes (Empfindlichkeit) und dessen Fähigkeit zur Bewältigung der Folgen (Anpassungskapazität) zusammen. Die vorliegenden Berliner Umweltgerechtigkeitsanalysen, vor allem die Ergebnisse der entwickelten integrierten Mehrfachbelastungskarten können daher – mit Blick auf die Bewertung der Klimafolgen – bereits als eine Vorstufe zur Erfassung der „Verwundbarkeit“ beziehungsweise der Beschreibung der „Betroffenheit“ verstanden werden. Das Leitbild der kompakten Stadt, die angestrebte weitere Verdichtung des Stadtkörpers als Orientierungsrahmen, die Stärkung der Vielfalt in den Quartieren sowie die Beibehaltung der Polyzentralität als wesentliches Kennzeichen der Berliner Stadtentwicklung wird die Nutzungs- und Stadtstruktur in den nächsten 10 Jahren nicht wesentlich verändern. Dies gilt auch mit Blick auf neue baurechtlich zulässige Gebiete, wie beispielsweise das „Urbane Gebiet“ oder 289 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Veränderungen im städtischen Außenraum. Die Rahmenbedingungen für die Nutzungsund Stadtstruktur mit ihrem Einfluss auf Umweltfaktoren wie die Luftgüte oder die bioklimatische Belastung bleiben somit weitgehend bestehen. Es ist daher notwendig, Grün- und Freiflächen als Erholungs- und klimatische Ausgleichsräume weiter zu qualifizieren und auf die Anforderungen des Klimawandels auszurichten. Zusätzliche großflächige Ausweisungen im Bereich der Innenstadt sind nicht zu erwarten. Auch ist nicht zu erwarten, dass sich die Sozialstruktur grundlegend verändern wird, da durch die regelmäßigen Analysen und Bewertungen auf Verschiebungen der sozialen Problematik mit den erforderlichen Anpassungen, wie beispielsweise mit den Programmen beziehungsweise Instrumenten der Städtebauförderung, reagiert wird. Die im Rahmen des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes verwendeten umweltbezogenen Kernindikatoren Luftgüte, Lärmbelastung, Grün- und Freiflächenversorgung sowie die bioklimatische Belastung haben bis auf den Indikator „Lärmbelastung“ Klimarelevanz. Der Kernindikator Sozialstruktur hat Relevanz im Hinblick auf die Betroffenheit. Vor diesem Hintergrund und vor allem mit Blick auf die Betroffenen sind die mehrfach belasteten Gebiete im Sinne der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk) diejenigen vulnerablen Gebiete in der Hauptstadt, welche im Hinblick auf den Klimawandel und den hiermit verbundenen Wirkfolgen besonders gefährdet sind. Die Integration der Umweltgerechtigkeitsanalysen in die laufenden Planungsprozesse ist somit ein wichtiger Baustein, um die Klimaresilienz der Hauptstadt sowie den gesundheitlichen Schutz der Menschen – vor allem in den mehrfach belasteten Quartieren – zu erhöhen. Literatur Aström, C., Orru, H., Rocklöv, J., Strandberg, G., Ebi, K. 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Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA, 709-754. Spekat, A., Enke, W., Kreienkamp, F. 2007: Neuentwicklung von regional hoch aufgelösten Wetterlagen für Deutschland und Bereitstellung regionaler Klimaszenarios auf der Basis von globalen Klimasimulationen mit dem Regionalisierungsmodell WETTREG auf der Basis von globalen Klimasimulationen mit ECHAM5/MPI-OM T63L31 2010 bis 2100 für die SRES-Szenarios B1, A1B und A2 (Endbericht). Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens: Klimaauswirkungen und Anpassungen in Deutschland – Phase I: Erstellung regionaler Klimaszenarios für Deutschland des Umweltbundesamtes. Umweltbundesamt, Dessau. Download Bericht: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3133.pdf (Zugriff: 24.10.2017) WHO (World Health Organization Europe) (Hrsg.) 2015: Implementing the European Regional Framework for Action to protect health from climate change. A status report, Copenhagen. 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Die Leipzig-Charta (2007) verdeutlicht, dass das Instrument der integrierten quartiersbezogenen Stadtentwicklung dazu beitragen kann, sektorales Denken und Handeln zu überwinden, breite Beteiligung zu organisieren und Interessensausgleich – vor allem in den benachteiligten Quartieren – zu erreichen. Der Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz orientiert sich an diesem Leitbild und untersetzt die nachhaltig ausgerichtete Stadtentwicklung und Umweltplanung im Land Berlin. Durch die Integration in das Berliner Planungssystem wird den planenden Fachverwaltungen auf der Senats- und auf der Bezirksebene ein praxistauglicher Orientierungsrahmen gegeben, um der ungleichen sozialräumlichen Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen und Umweltressourcen gezielt entgegenzuwirken. Hierfür stehen neben den unterschiedlichen formellen und informellen Planungsinstrumenten auch die umweltrechtlichen und finanzpolitischen Instrumentarien zur Verfügung. Diese Instrumente sind zu kombinieren und je nach Ausgangslage variabel aufeinander abzustimmen, um das gesamte ausdifferenzierte Instrumentenset mit seinen vielfältigen Synergien und Wechselwirkungen zum Einsatz zu bringen. Weitere wichtige Akteure, die das neue Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ gezielt voranbringen können, sowie Eigentümer, Bauherren, Planer und Investoren. Auch die Berliner Smart-City-Strategie kann erheblich dazu beitragen, den integrierenden Leitgedanken der Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien – konkret und im Rahmen einer nachhaltig ausgerichteten sozialräumlich ausgerichteten Umweltpolitik – umzusetzen. 7.1 Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ im Kontext der „Leipzig-Charta“ sowie des Berliner Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung Umweltgerechtigkeit im Kontext der Leipzig-Charta Die Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt aus dem Jahr 2007 verdeutlicht, dass das Instrument der integrierten Stadtentwicklung dazu beitragen kann, sektorales Denken und Handeln zu überwinden, breite Beteiligung zu organisieren und Interessensausgleich im städtischen Raum zu erreichen. Sie betont zum anderen, dass den benachteiligten Stadtteilen und Bevölkerungsgruppen im gesamtstädtischen Kontext besondere Aufmerksamkeit zu widmen sei, um den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft zu stärken. Unter anderem wird in der Leipzig-Charta festgestellt, dass „alle Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung gleichzeitig und gleichgewichtig zu berücksichtigen sind.“ Hierzu zählen wirtschaftliche Prosperität, sozialer Ausgleich und eine gesunde Umwelt. In der Charta wird ferner festgehalten, dass es im Sinne einer vorausschauenden Stadtentwicklungspolitik notwendig ist, Anzeichen einer sich verschlechternden Stadtquartierssituation zu erkennen und mit Blick auf spätere Kostenersparnisse frühzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten. Vor allem Instrumente der integrierten Stadtentwicklung können dazu beitragen, sektorales Denken und Handeln zu überwinden, breite Beteiligung zu organisieren und den Interessensausgleich im städtischen Raum zu erreichen. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Sozial- und umweltepidemiologische Studien weisen seit längerem darauf hin, dass Menschen mit niedrigem Sozialstatus tendenziell stärker durch negative Umwelteinflüsse belastet sind. Sie sind häufiger von verkehrsbedingten gesundheitsrelevanten Belastungen wie Lärm- und Luftschadstoffen betroffen und haben darüber hinaus weniger Zugang zu öffentlichen Grünflächen. Durch die sozialräumliche Orientierung des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes werden die Grundsätze der Leipzig-Charta aufgegriffen, weiterentwickelt und vertieft. Die Sozialraumorientierung ist in diesem Sinne ein geeigneter ressortübergreifender Ansatz für eine integrierte Planung. Sie nimmt die kleinräumigen Gegeben- 295 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 heiten vor Ort in den Fokus und ermöglicht ein gemeinsames raumbezogenes Handeln. Hinzu kommt, dass die Betroffenen in den Quartieren umfassender und gezielter in den Umgestaltungsprozess ihres unmittelbaren Wohnumfeldes eingebunden werden können, um sie für diesen Prozess zu gewinnen. Strategien und Maßnahmen zur Verminderung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen sind Bausteine, um die Lebens- und Umweltqualität in den Gebieten mit Mehrfachbelastungen nachhaltig zu verbessern. Unerlässlich für eine sachliche Debatte ist eine umfassende Bestandsaufnahme. Die neue Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption leistet als wichtige Entscheidungsgrundlage und Orientierungsrahmen an der Schnittstelle von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik hierzu einen wichtigen Beitrag. Die kleinräumigen Umweltbelastungsanalysen sind somit eine fundierte Grundlage, um den Diskurs über eine nachhaltige Stadtentwicklung in der Hauptstadt weiterzuführen und inhaltlich zu vertiefen. Mit Blick auf die Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt ist das neue Themenfeld Umweltgerechtigkeit ein Schlüsselbereich, um die Ansätze einer integrierten Stadtentwicklungspolitik zu stärken und gleichzeitig die benachteiligten Quartiere im gesamtstädtischen Zusammenhang stärker in den Vordergrund zu rücken – als Erfolgsbedingung einer nachhaltigen und urbanen Stadt. Umweltgerechtigkeit im Kontext der Berliner Nachhaltigkeitsstrategie Nachhaltigkeit in ihren drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales ist ein ressortübergreifendes Leitprinzip für die gesamte Berliner Landespolitik. Die Herausforderungen, denen sich Berlin in diesem Zusammenhang stellen muss, erfordert integriertes Handeln von Politik und Verwaltung unter Einbindung aller gesellschaftlichen Akteure. Der Stadtentwicklungsplanung und Umweltpolitik kommt in diesem Zusammenhang herausragende Bedeutung zu. Sie hat das Ziel, die Chancengleichheit von verschiedenen städtischen Teilräumen und Quartieren sowie von unterschiedlichen Alters- und Sozialgruppen der Stadtgesellschaft zu wahren. Dies gilt vor allem mit Blick auf die benachteiligten Quartiere der Hauptstadt. Quartiersbezogene Ansätze sollten daher verstärkt politische Aufmerksamkeit bekommen. Das Themenfeld Umweltgerechtigkeit ist ein wichtiger Bestandteil der nachhaltig ausgerichteten Berliner Stadtentwicklungsplanung und Umweltpolitik. Als Querschnittsthema berührt es wesentliche Lebensbereiche und mit Blick auf die funktionalen Wechselwirkungen auch die kommunalen Aufgabenfelder. Der umfassende Berliner Nachhaltigkeitsansatz integriert das neue ressortübergreifende Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ und macht das Thema zu einem wichtigen zusätzlichen Instrument, um Dimensionen von Nachhaltigkeit in alle Handlungs- und Politikfelder zu integrieren. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Stadtentwicklung, Städtebau, Luftreinhalteplanung, Lärmminderungsplanung sowie für die Aktivitäten, um Berlin klimaneutral zu machen. Weitere wichtige Bereiche einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Stadtpolitik ist die gute Versorgung mit Grünund Erholungsflächen und ein sehr leistungsfähiger ÖPNV, der durch einen stark wachsenden nicht motorisierten Individualverkehr ergänzt wird. Die nachhaltige Entwicklung mit den sozialen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Anforderungen ist die Grundlage für die zukunftsfähige Stadt. Für die Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit in den mehrfach belasteten Gebieten der Hauptstadt ist das Leitbild der Nachhaltigkeit als ein übergeordneter Orientierungsrahmen ein Essential. Der Berliner Senat hat in jüngster Zeit den Aspekt der Nachhaltigkeit als eine der zentralen Zukunftsaufgaben und -zielsetzungen in verschiedene Strategieansätze aufgenommen, unter anderem in das Stadtentwicklungskonzept 2030, in den Stadtentwicklungsplan Wohnen (StEP Wohnen), in die Machbarkeitsstudie Klimaneutrales Berlin 2050, in die Luftreinhalte- sowie in die Lärmminderungsplanung. Für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsaspekte sind praktikable Lösungsansätze zu entwickeln, um die Fortschritte und Defizite datenbasiert verfolgen, beschreiben und messen zu können. Verständliche und prägnante Informationen ermöglichen die Beurteilung des Standes und langfristiger Trends in den verschiedenen Handlungsfeldern nachhaltiger Entwicklung. Für die politische Ebene stellen die entwickelten Indikatoren sowohl aus der Nachhaltigkeits- wie auch aus der Umweltgerechtigkeitsstrategie ein einfach handhabbares und transparentes Instrument zur Erfolgskontrolle von Strategien und Maßnahmen dar. Sie haben vor allem im Hinblick auf die 296 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Früherkennung von stadtentwicklungsplanerischen und umweltpolitischen Handlungsbedarfen große Bedeutung. Mit dem „Kernindikatorenset zur nachhaltigen Entwicklung Berlins“ und dem dazugehörigen Datenbericht des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg aus dem Jahre 2012 liegt eine fundierte Datenbasis vor, um die künftige Stadtentwicklung und Umweltplanung nachhaltig auszurichten. Dieses Kernindikatorenset setzt sich aus 16 Einzelindikatoren zusammen, die alle durch langfristige Zeitreihen von statistischen Datenerhebungen gestützt werden. Somit sind Aussagen (Trends) über zeitliche Entwicklung und Zielerreichung des jeweiligen Indikators möglich. Die Kernindikatoren zur nachhaltigen Entwicklung Berlins sind gesamtstädtisch ausgerichtet und nehmen keine räumliche Differenzierung vor beziehungsweise ermöglichen keine Feinanalyse der jeweiligen gesamtstädtischen Umweltsituation. Diese Lücke wird durch das zweistufige Umweltgerechtigkeitsmonitoring geschlossen. Es ist kleinräumig (sozialräumlich) ausgerichtet und zeigt konkrete Handlungsbedarfe in Teilbereichen der Stadt auf. Die quartiersbezogene Lebens- und Umweltqualität sowie die gesundheitlichen Rahmenbedingungen werden räumlich präzisiert und als Gesamtüberblick nebeneinander gestellt. Der aus Kern- und Ergänzungsindikatoren bestehende Umweltgerechtigkeitsansatz ergänzt und untersetzt somit die (gesamtstädtisch orientierten) 16 Berliner Nachhaltigkeitsindikatoren. Mit den „Kernindikatoren zur nachhaltigen Entwicklung Berlins“ sowie mit den Indikatoren des zweistufigen Umweltgerechtigkeitsmonitorings hat der Metropolenraum Berlin eine umfangreiche und fundierte Daten- und Faktenbasis für die Charakterisierung und Konkretisierung seines Umweltgerechtigkeitsund Nachhaltigkeitsprofils. Diese neue Wissensbasis ist ein Frühwarnsystem und ein wichtiges auf Nachhaltigkeit angelegtes Instrument einer Politikfolgenabschätzung, auch im Sinne einer Überprüfung stadtrelevanter Strategien und Maßnahmen, auf ihre Verträglichkeit mit dem Ziel, die Lebensbedingungen in mehrfach belasteten Gebieten zu verbessern. 297 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 7.2 Handlungsfeld „Umweltgerechtigkeit“ – Strategien und Maßnahmen auf der Senats- und bezirklichen Ebene Aufgaben und Rahmenbedingungen auf Landes-, Bezirks- und Quartiersebene Die weitere Entwicklung des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes, vor allem jedoch die praktische Umsetzung, erfordern das Engagement und die Intervention von vielen Beteiligten. Den Senats- und den Bezirksverwaltungen kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu. Hierbei sind die berlinspezifischen Besonderheiten der Bezirks- und Verwaltungsstruktur ebenso zu beachten wie die zivilgesellschaftlichen Akteure und die Bürgerinnen und Bürger, die sich mit umweltpolitischen und stadtplanerischen Fragestellungen befassen. Die klare Akzentsetzung in der Stadtentwicklungs-, Gesundheits- und Umweltpolitik ist eine wesentliche Voraussetzung, den neuen Umweltgerechtigkeitsansatz erfolgreich zu implementieren. Darüber hinaus ist ein strategischer Zusammenschluss von Stadtentwicklungs-, Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik, Wohnungsbau und Verkehrsplanung notwendig, um tragfähige Kompromisse für politische Entscheidungen vorzubereiten. Die kleinräumigen Umweltbelastungsanalysen bieten eine sehr gute Grundlage, „Umweltgerechtigkeit“ in das Berliner Planungssystem und in die Arbeit der planenden Fachverwaltungen zu integrieren und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Die Umsetzung kann nur im Rahmen der laufenden Aufgaben erfolgen, um die Kosten für die privaten Akteure, für die Haushalte des Landes und der Bezirke zu begrenzen. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Umweltpolitik, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz Dr.-Ing. H.-Josef Klimeczek Die Umweltgerechtigkeitsanalysen sollen nicht als rechtlich verbindliches Instrumentarium eingeführt werden. Sie sind eine zusätzliche Entscheidungshilfe und Orientierungsrahmen für Fachverwaltungen auf der Senats- und auf der Bezirksebene. Die Umsetzung integrativer Strategien und Maßnahmen ist aufgrund der vorhandenen Verwaltungsstrukturen schwierig. Gründe sind vor allem der zweistufige Aufbau der Berliner Verwaltung mit den zur Hauptverwaltung gehörenden Senatsverwaltungen und die ihnen nachgeordneten Behörden sowie die politisch und administrativ eigenständigen zwölf Bezirke als untere Verwaltungsebene. Hinzukommen die teilweise sehr differenzierten Zuständigkeiten, die Zuschnitte der einzelnen Fachressorts beziehungsweise Fachverwaltungen und das oftmals schwierige administrative Zusammenwirken. Auch die Aufgabenzuweisung, die Gliederung der Verwaltung sowie die Aufteilung der Stadtratspositionen in den Bezirken erschweren die Erarbeitung integrierter ressort- und fachebenenübergreifender Ansätze und Handlungskonzepte. Instrumente und Strategien zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit – Bereich Stadtentwicklung, Städtebau und Umwelt Um Umweltgerechtigkeitsaspekte vor allem in die Ressorts Gesundheit, Stadtentwicklung, Städtebau und Umwelt sowie im Berliner Verwaltungshandeln zu implementieren, sind die vorhandenen Instrumente und Potenziale gezielt zu nutzen und anzupassen. Hierbei ist zu prüfen, inwieweit die vorhandenen stadtentwicklungs- und umweltplanerischen Instrumentarien geeignet sind, das neue Handlungsfeld zu unterstützen und rechtlich zu flankieren. Vor allem nachfolgende in der Praxis bewährte Instrumente, Handlungsfelder und Umsetzungspartner sowie Akteure kommen in Frage, mit denen Strukturen geschaffen und Prozesse befördert werden können. Grundsätzlich kann zwischen formellen (unter anderem Gesetze und Verordnungen, Fachrecht) und informellen Instrumenten (unter anderem Konzepte, Aktionspläne, Programme, Leitlinien) unterschieden werden. Die nachfolgenden Abschnitte stellen Überlegungen zu Handlungsfeldern und Instrumenten vor, die in der weiteren Entwicklung von Handlungsstrategien, Maßnahmen und integrierten Ansätzen weiter entwickelt und fachlich-inhaltlich vertieft werden können. Bauleitplanung Ein zentrales Steuerungsinstrument zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit ist die Bauleitplanung. Der Flächennutzungsplan (FNP) als vorbereitender Bauleitplan formuliert die Grundzüge der räumlichen Entwicklung Berlins und gibt einen Überblick über die wichtigsten Planungsziele der Stadt. Dazu gehören unter anderem Aussagen zur angestrebten Bebauungsdichte oder die Darstellung von Grün- und Freiflächen. Der FNP mit seinen Inhalten ist behördenverbindlich und trägt mit seinen Darstellungen wesentlich dazu bei, die bioklimatische Situation und die Grün- und Freiflächenversorgung in den mehrfach belasteten Gebieten zu verbessern. Auf der FNP-Ebene können zudem Aussagen im Hinblick auf 298 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Flächen für Nutzungsbeschränkungen oder für Vorkehrungen zum Schutz gegen schädliche Umwelteinwirkungen im Sinne des Bundes-Immissionsschutzgesetzes getroffen werden. Weiter können Grün- und Freiflächen ausgewiesen werden. Aussagen zur Umweltgerechtigkeit sind als nachrichtliche Kennzeichnung im FNP nicht möglich, da eine nachrichtliche Übernahme gemäß § 5 Abs. 4 BauGB eine nach anderen gesetzlichen Vorschriften festgesetzte Planung der Regelung voraussetzt, die beim Umweltgerechtigkeitsansatz nicht vorliegt. Eine Berücksichtigung im Erläuterungsbericht zum FNP ist dagegen denkbar. Unabhängig hiervon besteht unter Umständen die Möglichkeit, das Thema Umweltgerechtigkeit im Rahmen der Umweltprüfung beziehungsweise des Umweltberichtes zu FNP-Änderungen zu berücksichtigen. Dies muss jedoch geprüft beziehungsweise abschließend geklärt werden. Gleiches gilt für die Bebauungsplanung als verbindliche Bauleitplanung. Im Rahmen der Bebauungsplanung können Festsetzungen getroffen werden, die einen sehr wirkungsvollen Beitrag zur Verminderung der Umweltbelastungen in den hoch belasteten Quartieren leisten. Zu nennen sind hier insbesondere Festsetzungen im Hinblick auf die Art und das Maß der baulichen Nutzung, zur Schaffung oder zum Erhalt von Grün- und Freiflächen, Verkehrsflächen oder Flächen für das Parken, Gebiete, in denen zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen im Sinne des Bundes-Immissionsschutzgesetzes bestimmte luftverunreinigende Stoffe nicht oder nur beschränkt verwendet werden dürfen. Darüber hinaus können verbindliche Aussagen zur Bepflanzung von Gebäuden und Straßenräumen getroffen werden. Diese Regelungen entfalten im Gegensatz zu den Darstellungen des FNP Rechtswirkungen für und gegenüber jedermann. In diesem Zusammenhang – und mit Blick auf die einzelnen Themenfelder – ist zu beachten, dass durch das Gesetz zur Förderung des Klimaschutzes bei der Entwicklung in den Städten und Gemeinden vom 22. Juli 2011 (BGBl. I S. 1509) und durch das Gesetz zur Stärkung der Innenentwicklung in den Städten und Gemeinden (BGBl. I S. 1548) weitere Regelungen zum Schutz des Klimas in das Bundesrecht aufgenommen wurden. Der Gesichtspunkt der „Umweltgerechtigkeit“ bietet in diesem Zusammenhang eine sinnvolle Ergänzung, die wegen der bewährten zweifachen Bürgerbeteiligung der Bauleitplanverfahren ausreichende Berücksichtigung finden kann. Im Rahmen der Bauleitplanung ist die „Umweltgerechtigkeit“ ein Abwägungsbelang, der sich insbesondere vor dem Hintergrund der bundesrechtlich gewollten „Nachverdichtung“ (siehe § 13a BauGB) bewähren muss. Dabei sind konkrete informelle Planungen zur Beförderung der „Umweltgerechtigkeit“ geeignete Instrumente, bei der Abwägung der unterschiedlichen Belange gegeneinander und untereinander zu einer besonderen Gewichtung diese städtebaulichen Belanges zu kommen. Landschaftsprogramm Das Landschaftsprogramm einschließlich Artenschutzprogramm ist ein strategisches, gesamtstädtisches Instrument der Planung, um integrative Umweltvorsorge zu betreiben. Es verfolgt auf gesamtstädtischer Ebene das Ziel, ökologische Belange im Städtebau mit einzubeziehen. Dies betrifft insbesondere die natürlichen Grundlagen – Boden, Wasser, Luft – sowie ausreichende Erholungsflächen. Das Landschaftsprogramm ist mit 20 Jahren die Grundlage für die darauf aufbauenden Landschaftspläne und die Entwicklung von Grünund Freiräumen in der Stadt. Im Rahmen der aktuellen Fortschreibung des Landschaftsprogramms wird unter anderem auch auf die besondere Stellung des Schutzgutes hingewiesen. In diesem Zusammenhang werden ein Vorsorgegebiet Boden sowie sonstige Böden besonderer Leistungsfähigkeit ausgewiesen sowie Hinweise zu Vermeidungs-, Minderungs- und Ausgleichsmaßnahmen für den Boden gegeben. Mit Blick auf den Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz kommt dem Boden indirekt große Bedeutung zu. Der Boden ist als Grundlage von Pflanzenwachstum und Biodiversität von herausragender Bedeutung. Boden liefert, puffert und speichert Niederschlagswasser. Hinsichtlich der Indikatoren Bioklima und Klimawandel trägt der Boden wesentlich dazu bei, dass Grünflächen stadtklimatisch entlastend wirken. Dies gilt auch für die Bodenversiegelung. 299 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Quartiersbezogene Leitbilder/Leitlinien Zur Umsetzung eines kleinräumigen Umweltgerechtigkeitsansatzes können mit den Bewohnerinnen und Bewohnern für die unterschiedlichen Planungsräume Leitbilder entwickelt werden, die einen praxistauglichen Orientierungsrahmen vorgeben. Das Leitbild ist eine wesentliche Grundlage für ein quartiersübergreifendes Planungs- und Entwicklungsmanagement und könnte die Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit zum Inhalt haben. Auf dieser Grundlage können Leitlinien entwickelt werden, die gemeinsam mit dem Bezirk, Senat und den Vor-Ort-Betroffenen abgestimmt werden. Dieser gefundene Konsens bindet alle Akteure in dem jeweiligen Quartier durch flexible und doch starke Regelungen. Durch die Leitlinien soll verhindert werden, dass Einzelmaßnahmen die abgestimmte Grundstruktur aufweichen und die Zielsetzungen unterlaufen. So können auf drängende neue quartiersbezogene Fragestellungen gemeinsam Antworten gefunden werden. Stadtentwicklungsplanung/Stadtentwicklungsmanagement Die Stadtentwicklungspläne konkretisieren die Zielsetzungen der Flächennutzungsplanung und formulieren Leitlinien und Zielsetzungen für die unterschiedlichen Themenfelder. Insbesondere die Stadtentwicklungspläne Verkehr, Klima und Wohnen sind geeignet, Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit in den mehrfach belasteten Stadtbereichen aufzuzeigen. Hierbei ist zu beachten, dass die Berliner Stadtentwicklung seit Jahren den Leitbildern der kompakten Stadt und der Stadt der kurzen Wege folgt, wobei die Innenentwicklung im Vordergrund steht. In diesem Rahmen kann die Aufnahme von Umweltgerechtigkeitsaspekten dazu beitragen, zukunftsorientierte Antworten zu finden, denn die mehrfach belasteten Stadtquartiere sind die vulnerablen Gebiete gerade im Hinblick auf den Klimawandel. Aufgrund ihres informellen, themenoffenen und integrierten Charakters bietet die Stadtentwicklungsplanung ein herausragendes Planungsinstrument, um die Bereiche Umwelt, Stadtentwicklung, Soziales gesamtstädtisch zu betrachten und das neue Themenfeld als „Leitbild“ zu verankern. Zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit in den Quartieren der Hauptstadt ist ein strategisch und kooperativ ausgerichtetes Stadtentwicklungsmanagement eine weitere wichtige Grundlage. Im Kern geht es hierbei um die systematische Verknüpfung von Leitlinien und Konzepten mit begrenzten Ressourcen. Wichtige Instrumente sind hierbei vor allem die mittelfristige Investitions- und jährliche Budgetplanung, Förderprogramme und entsprechende Vereinbarungen. Landschaftsplanung Gegenstand der Landschaftsplanung sind der Naturschutz und die Landschaftspflege. Neben den gesetzlich verankerten Instrumenten gehören auch informelle Planungen wie beispielsweise die Strategie Stadtlandschaft Berlin, die Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt oder Konzepte zur Hofbegrünung zu den einschlägigen Instrumenten. Mit Blick auf den Berliner Umweltgerechtigkeitsansatz ist von Bedeutung, dass in den Landschaftsplänen Erfordernisse und Maßnahmen zur Verwirklichung der Ziele aufzuzeigen sind. Sie sind bei Planungen und in Verwaltungsverfahren im Hinblick auf Auswirkungen auf Natur und Landschaft zu berücksichtigen. Die Landschaftsplanung bildet damit die programmatische Grundlage für quartiersbezogene Verbesserungen im Hinblick auf die Qualifizierung der Freiräume – auch mit Blick auf die Erholungsfunktion. Der Landschaftsplan hat somit die Möglichkeit, die Erholungsvorsorge in den mehrfach belasteten Gebieten zu verbessern und zu fördern. Landschaftspläne bilden darüber hinaus die Grundlage für die Investitionsplanung im Hinblick auf investive Maßnahmen zur Verbesserung der Freiräume in den Planungsräumen. Wie in den Bebauungsplänen können auch in den Landschaftsplänen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit durch zeichnerische und textliche Festsetzungen beeinflusst werden. Erreichbarkeitsplanung Die kleinräumigen Analysen können aufgrund der vielfältigen Folgeerscheinungen als Grundlage für verkehrspolitische und -planerische Strategien und Maßnahmen genommen werden, die auf eine Reduktion sozialräumlicher Belastungen hinwirken, denn die städtische Verkehrsentwicklung berührt direkt oder indirekt alle fünf Kernindikatoren des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes. Auf der Grundlage der Belastungsanalyse der Kernindikatoren kann als weitere verkehrspolitische Strategie eine sozialraumbezogene Mobilitätsanalyse entwickelt werden, indem kontinuierlich verhaltensbezogene Verkehrs- 300 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 daten erhoben und mit Blick auf gezielte Maßnahmen weiterverarbeitet werden. Kern dieser Mobilitätsanalyse ist – in Anlehnung an die sogenannte „Accessibility Planning“ in Großbritannien – die Entwicklung einer „Erreichbarkeitsplanung“, die die Erreichbarkeit von Bildungs-, Gesundheits- und Einkaufseinrichtungen im näheren Wohnumfeld darstellt beziehungsweise aus denen die Versorgung der Bevölkerung mit Verkehrsangeboten ersichtlich wird. Diese Kategorien können – auch mit Blick auf lokale Aktionspläne – durch spezielle Indikatoren (zum Beispiel Zugänglichkeit für Fußgänger, Barrierefreiheit, Zufriedenheit, Information, Kriminalität/Angst vor Kriminalität) ergänzt werden. In diesen Erreichbarkeitsindikator kann zudem auch die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen in den Quartieren als zusätzliche Information integriert werden, da subjektive und objektive Kriterien (Entfernung und Zeit) oftmals nicht deckungsgleich sind. Ziel der Erreichbarkeitsplanung ist die Identifikation von Problempunkten im Hinblick auf eine schlechte Versorgung, ihre Behebung beziehungsweise der Ausgleich von Nachteilen durch fehlende Mobilität vor allem in den mehrfach belasteten Quartieren. Die visuell erkennbaren Erreichbarkeitsdefizite hätten vor allem Bedeutung für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, die über keinen Pkw verfügen und somit alternativ auf öffentliche Verkehrsangebote angewiesen sind. Dies wäre ein weiterer wichtiger Schritt, um der sozialen Ausgrenzung und mobilitätsbezogenen sozialräumlichen Disparitäten nachhaltig entgegenzuwirken. Lärmaktionsplanung Möglichkeiten einer Integration von Daten zur sozialen und gesundheitlichen Lage können auch im Rahmen der Lärmaktionsplanung erfolgen. Die Bandbreite der Handlungsmöglichkeiten bei dieser Integration kann von der verbal-argumentativen Erwähnung von Belastungen bis hin zu einem Handlungsprogramm reichen. In Berlin ist die Fortschreibung des Lärmaktionsplanes im Januar 2015 durch den Senat beschlossen worden. Mit diesem Aktionsplan werden Maßnahmen zur Reduzierung der Belastungen durch Verkehrslärm im Ballungsraum Berlin vorgestellt. Der Plan zielt auf den Abbau lärmbedingter Belastungen im Wohnumfeld und insbesondere solcher Beeinträchtigungen, die sich nachteilig auf die Gesundheit der Bewohner eines Quartiers auswirken. Er ist damit ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Umweltsituation in von Lärm belasteten Gebieten und damit grundsätzlich geeignet, einen Beitrag zur Schaffung von mehr Umweltgerechtigkeit zu leisten. Es ist zu beachten, dass bei der Lärmminderungsplanung eine Differenzierung nach sozialen Indikatoren nicht vorgesehen ist. Nach den gesetzlichen Vorschriften knüpft die Lärmminderungsplanung am Grad der Beeinträchtigung und an der Zahl der beeinträchtigen Personen an. Bei gleicher Lärmbelastung in mehreren Gebieten ergeben sich aus den Unterschieden in der Sozialstruktur daher keine Prioritäten. Allein die Zahl der Betroffenen spielt eine Rolle, so dass Wohngebiete mit einer hohen Dichte und Bevölkerungszahl in der Regel vorrangig mit geeigneten Lärmschutzmaßnahmen versorgt werden sollen. Den Planungsträgern ist jedoch ein Ermessensspielraum eingeräumt, so dass auch soziale Erwägungen im Sinne der Umweltgerechtigkeit eine Rolle spielen können. Dies könnte beispielsweise durch die Integration von Sozialdaten in die Lärmaktionsplanung befördert werden. Finanzierungsinstrumente (insbesondere im Besonderen Städtebaurecht) Bedeutend zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit in den Quartieren sind auf der operativen Ebene die Förderprogramme des Bundes, der Länder und der Europäischen Union. In diesem Zusammenhang stellt die Städtebauförderung einen wichtigen Baustein für die Finanzierung von Maßnahmen dar; die Umweltgerechtigkeit ist hier als Querschnittsziel („Gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse…“, § 136 BauGB) enthalten. Die meisten der im Rahmen der Bund-Länder-Programmgestaltung aufgelegten Städtebauförderungsmittel beinhalten Möglichkeiten, ausgewählten gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen in den Quartieren gezielt entgegenzuwirken. Horizontaler Werteausgleich Der Werteausgleich wird durch Art. 85, Abs. 2, Satz 2 der Verfassung von Berlin vorgegeben. Hier heißt es: „Bei der Bemessung der Globalsummen für die Bezirkshaushaltspläne ist ein gerechter Ausgleich unter den Bezirken vorzunehmen.“ Der produktbezogene Werteausgleich soll die Bezirke dabei in die Lage versetzen, Unterschiede in der sozialen Infra- 301 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 struktur ausgleichen zu können. Im Bereich der sozialen Infrastruktur werden Unterschiede in der Ausstattung und der daraus folgenden Leistungserstellung durch den produktbezogenen horizontalen Finanzausgleich berücksichtigt. Die Umsetzung erfolgt unter Berücksichtigung sozialer Indikatoren sowie durch die Ermittlung einwohnerbezogener Kennziffern und daraus abgeleiteter Planmengenansätze. Analog zum Monitoring Soziale Stadtentwicklung können auch die Aussagen des Umweltgerechtigkeitsmonitoring beziehungsweise der kleinräumigen Umweltbelastungsanalyse künftig im Sinne eines Werteausgleichs für einzelne Produkte der (umweltbezogenen) Infrastruktur in die Berechnung der Finanzmittelzuweisung des Senats an die Bezirke mit herangezogen werden. Grundsatzbeschlüsse zu Umweltgerechtigkeit Die Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit vor allem in den benachteiligten Gebieten der Hauptstadt kann durch entsprechende Beschlüsse auf der Senats- wie auch auf der bezirklichen Ebene maßgeblich beeinflusst werden. Hierdurch wird Umweltgerechtigkeit als Ziel und Aufgabenstellung sowohl in der bezirklichen wie auch auf der Senatsebene einen hohen politischen Stellenwert eingeräumt. Grundlage kann hierfür beispielsweise ein BVV-Beschluss sein, der eine strategische Klärung gewährleistet und eine Selbstbindung beinhaltet. Hierdurch wird eine wesentliche Grundlage für die Implementierung eines neuen Politikansatzes geschaffen. Mit Blick auf die handelnde Verwaltung kann diese politische Willensbekundung die Basis für ressortübergreifende Ansätze zur Umsetzung von mehr Umweltgerechtigkeit sein. Sie geben der Verwaltung den notwendigen (politischen) Rückhalt und können darüber hinaus detaillierte Handlungsanweisungen für die einzelnen Fachressorts beinhalten. Umweltgerechtigkeitsindikator/-faktor Verbesserungen der Umweltqualität in Gebieten mit einer hohen sozialen Problemdichte lassen sich nicht direkt durch die Bauleitplanung erreichen. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung eines Umweltgerechtigkeitsindikators eine Möglichkeit, den Umweltgerechtigkeitsansatz systematisch in das Planungsgeschehen zu integrieren. Dieser Umweltgerechtigkeitsfaktor kann als umweltbezogenes Planungsinstrument zur Sicherung und Entwicklung ökologischer Standards festgesetzt werden. Hierdurch könnte dieser Faktor als Richtschnur für ökologische Maßnahmen vor allem in mehrfach belasteten Gebieten Anwendung finden, indem er zur Standardisierung und Konkretisierung von Umweltqualitätszielen beiträgt. Der Umweltgerechtigkeitsfaktor ist von seiner Anlage querschnittsorientiert und könnte so entwickelt werden, dass er bei allen Planungen (Fachplanung, Entwicklungsplanung, Bauleitplanung) zu beachten ist. In diesem Zusammenhang ist der integrierte Umweltgerechtigkeitsfaktor eine informelle Planung im Sinne des § 1 Abs. 11 Baugesetzbuch, wenn er von einer Gemeinde beschlossen wird. Entsprechend § 1 Abs. 6 BauGB ist er bei der Aufstellung von Bauleitplänen zu berücksichtigen und geht in die Abwägung ein. Dabei sind nach § 1 Abs. 7 BauGB die öffentlichen und privaten Belange gegeneinander und untereinander gerecht abzuwägen. Der Faktor könnte deshalb bei der Alternativenprüfung verschiedener Standorte direkt in die Planung einfließen. Dies gilt insbesondere auf der Ebene der Flächennutzungsplanung, der Ebene, auf der am besten über Alternativen nachgedacht werden kann. Wesentlich ist hierbei, dass der Umweltgerechtigkeitsfaktor in dieser Planungsphase keinen Abwägungsvorrang hat. Er würde allerdings die Vorbelastung eines Gebietes im Hinblick auf das Vorhandensein gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen verdeutlichen, die zwingend zu berücksichtigen ist. Dabei muss eine Gemeinde den Belang in Abhängigkeit von der Art der Nutzung – Gewerbegebiet (GE) grundlegend anders als allgemeine Wohngebiete (WA) –, der Neuplanung oder der Bestandsüberplanung und des vorrangigen Planungsziels in die Abwägung einstellen. Im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung des Klimawandels kann dem Faktor – ähnlich wie dem Biotopflächenfaktor – zukünftig noch eine größere Bedeutung beizumessen sein. Umweltprüfungen Ein weiteres wichtiges Instrumentarium zur Herstellung von mehr quartiersbezogener Umweltgerechtigkeit sind Umweltprüfungen wie die Strategische Umweltprüfung (SUP), die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) oder die Umweltprüfung in der Bauleitplanung (UP). Diese Instrumente ermitteln auf den unterschiedlichen Ebenen die Auswirkungen von Programmen, Plänen und Projekten auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit und 302 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 somit auch auf die relevanten Bereiche der Umweltgerechtigkeit. Diese Instrumente sind grundsätzlich erweiterungsfähig, so dass Aspekte der Umweltgerechtigkeit verstärkt berücksichtigt und von der Konzeptebene bis zur Projektebene integriert werden können. Planungswettbewerbe Ein weiteres wichtiges Feld, um innovative Lösungsansätze für die quartiersbezogene Umsetzung des Umweltgerechtigkeitsansatzes zu erhalten, sind Wettbewerbe, die gezielt Umweltgerechtigkeitsaspekte als Wettbewerbsvorgabe aufnehmen. Hier bieten sich insbesondere städtebauliche, stadtplanerische und landschaftsarchitektonische Ideen- und Realisierungswettbewerbe an. In Berlin gelten für diese Wettbewerbe besondere ökologische Planungskriterien. Diese könnten gezielt erweitert werden, so dass Umweltgerechtigkeitsaspekte bei der Entscheidung stärker gewichtet werden. Planspiele Ein wesentliches Instrument, mit dem die Umsetzung des Berliner Umweltgerechtigkeitsansatzes praxisbezogen simuliert werden kann, sind Fallstudien und Planspiele. In diesem Zusammenhang geht es um die Überprüfung der Praktikabilität und Tragfähigkeit von administrativen oder umwelt- und planungsrechtlichen Vorgaben zur Minderung gesundheitlich relevanter Umweltbelastungen. Dieser Fallstudienansatz, beispielsweise im Rahmen der Bauleit- und informellen Planung oder in Baugenehmigungsverfahren, ermöglicht Formulierungen von typischen Problemlagen und liefert wichtige und auch generalisierbare Erkenntnisse über die Funktionsweise von Regelungen und die einschlägigen Verwaltungsabläufe. Es können relevante Fragestellungen intensiv mit kommunalen Praktikern auf der Grundlage bisheriger Erfahrungen beziehungsweise abgeschlossener und laufender Planungsvorgänge analysiert werden. An diesen Expertenrunden sollten vor allem Vertreterinnen und Vertreter der kommunalen Planungs-, Grünflächen-, Umwelt-, Gesundheitsämter, der Bauaufsicht und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der entsprechenden Fachressorts auf der Senats- beziehungsweise ministeriellen Ebene teilnehmen. Städtebauliche Verträge Eine weitere Möglichkeit, Umweltgerechtigkeitsaspekte gezielt in die Planungen und in die Umsetzung zu integrieren, sind städtebauliche Verträge gemäß § 11 BauGB, die in der Regel zwischen der öffentlichen Verwaltung und den privaten Investoren geschlossen werden. Durch ihren kooperativen Ansatz sind flexible Handlungsmöglichkeiten vorhanden, so dass sie ein geeignetes Instrument sind, den Umweltgerechtigkeitsansatz in die Stadtentwicklung und die gesundheitsorientierte Umweltplanung zu integrieren. So können beispielsweise Vereinbarungen zur Dach- und Fassadenbegrünung sowie zu Pflanzbindungen getroffen werden, die nachhaltig zur Minderung der quartiersbezogenen Umweltbelastungen beitragen. Aktionspläne Zur Umsetzung der Umweltgerechtigkeitsaspekte im Rahmen einer gesundheitsorientierten Stadtentwicklung und Umweltplanung sind Aktionspläne ein sehr geeignetes Instrument. Sie benennen einen Katalog dringlicher und vorbildhafter Vorhaben und Maßnahmen, die gleichzeitig einen prioritären Handlungsbedarf mit hohem Illustrationscharakter verbinden. Aktionspläne, die entsprechende Aktionen und Handlungskonzepte aufzeigen und diese im Stadtgebiet verorten, sind nicht statisch, sondern ein Kursbuch. Sie sind gleichzeitig eine Grundlage für den Dialog in der Stadtgesellschaft und können bei sich verändernden Rahmenbedingungen fortgeschrieben und den Entwicklungen angepasst werden. Urbane Landwirtschaft Auch die urbane Landwirtschaft kann in den hoch belasteten Quartieren einen konkreten Beitrag zur Stärkung ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, zur dezentralen Energieversorgung und zum Klimaschutz leisten. Urbanes Gärtnern ist ein niedrigschwelliger Einstieg in die partizipatorische Stadtentwicklung. Zentrale Elemente des urbanen Gärtnerns sind Partizipation, Gemeinschaft, die Aneignung von Flächen sowie politisches Handeln. Die Orte des urbanen Gärtnerns und der urbanen Landwirtschaft bieten Raum für neue Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements, auch von sozial benachteiligten Menschen. Diese neuen Formen der stadtnahen Landwirtschaft erfordern für 303 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 die Umsetzung die Entwicklung entsprechender Rahmenbedingungen, die durch den Senat oder durch die Bezirke gezielt unterstützt werden können. Strategien und Maßnahmen anderer Fachressorts und Bereiche Das Themenfeld Umweltgerechtigkeit ist querschnittsorientiert. Gesundheit ist hierbei eine zentrale Zielsetzung, die vor allem durch die Orientierung an Grenz-, Richt- oder Schwellenwerten bei der Bearbeitung der einzelnen Themenfelder sowie an dem lebensweltlich orientierten Ansatz zum Ausdruck gebracht wird. Diesem Aspekt kommt besondere Bedeutung zu, weil im Rahmen der Stadtentwicklungspolitik gesundheitliche Ansätze bisher noch nicht umfassend Berücksichtigung finden. Vor diesem Hintergrund können auch Handlungsfelder mit einem starken Bewohner- beziehungsweise Betroffenenbezug zur Förderung des Umweltgerechtigkeitsansatzes – vor allem vor Ort – erheblich beitragen. Um die Wirkungszusammenhänge von Umwelt, Stadtentwicklung, Gesundheit und sozialer Lage zu erkennen und Impulse für die Weiterentwicklung und Umsetzung des neuen Themenfeldes zu geben, ist die gezielte Einbindung von Wissenschaft und Forschung eine grundlegende Voraussetzung. Gesundheit Auch der Bereich Gesundheit bietet Möglichkeiten, den kleinräumigen Umweltgerechtigkeitsansatz gezielt umzusetzen. Die Ergebnisse der kleinräumigen Untersuchungen, insbesondere die Darstellung der gesundheitlichen Auswirkungen durch Umweltbelastungen und Umweltressourcen, können in entsprechend aufbereiteten Gesundheitsberichten, die beispielsweise den Fokus auf Kinder, alte Menschen oder generell auf vulnerable Bevölkerungsgruppen richten, besonders behandelt werden. Die Sensibilisierung für die Problematik könnte durch die Thematisierung in der Landesgesundheitskonferenz deutlich erhöht werden. Eine begleitende Arbeitsgemeinschaft könnte Vorschläge für entsprechende Zielsetzungen erarbeiten, die dann der Verwaltung als Handlungsempfehlungen zur Verfügung gestellt werden. Die kleinräumigen Umweltdaten könnten mit gesundheitsbezogenen Daten aus der Landesgesundheitsberichterstattung oder dem Krebsatlas verknüpft werden, um auf der Grundlage von weiterem fachlichen Hintergrundwissen die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Stadt- und Umweltplanung untersuchen zu können. In den hoch belasteten Quartieren beziehungsweise in den am stärksten betroffenen Sozialräumen können entsprechende spezifische Beratungsangebote, gegebenenfalls Beratungsstellen für chronisch Kranke und/oder umweltmedizinische Angebote initiiert oder verstärkt werden. Zur systematischen Integration des Umweltgerechtigkeitsansatzes in die Aufgaben der planenden Fachverwaltungen könnten mit den Bezirken entsprechende Zielvereinbarungen für den Gesundheitsbereich geschlossen werden. Verbraucherpolitik Unter Verbrauchergesichtspunkten könnten in den einzelnen Planungsräumen Daten über das Konsumverhalten der Bewohnerinnen und Bewohner ermittelt werden. Im Vordergrund stehen hierbei Fragen bezüglich der Konsumgüter im Bereich der Ernährung, Bekleidung und Wohnen. Welche Umweltauswirkungen haben Herstellung, Transport, Nutzung oder Entsorgung für die mehrfach belasteten Gebiete? Welche Kriterien spielen in der Konsumentscheidung eine Rolle? Wie können diese Entscheidungen mit Blick auf die Steigerung der Lebensqualität in den hoch belasteten Planungsräumen beeinflusst werden? Aus Verbrauchersicht ist von Bedeutung, wie die Geschäfte organisiert sind und welche Bedeutung sie für den täglichen oder periodischen Bedarf haben. Welche Entfernungen müssen für den Einkauf und Konsum zurückgelegt werden? Wie kann ein partizipatives Miteinander zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und Unternehmen, die durch den Standort verbunden sind, entwickelt werden? Die Bildung von Netzwerken kann hierbei unterstützend wirken, da sich in diesem Rahmen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren identifizieren lassen, die Wissen über umweltbewusstes Verbraucherverhalten, vor allem im Hinblick auf Veränderungsmöglichkeiten, gezielt weitergeben können. Dieser Sensibilisierungsprozess kann durch ein kleinräumig ausgerichtetes Verbrauchermonitoring unterstützt und forciert werden. Mit Blick auf Berlin würde dies bedeuten, dass das Verbrauchermonitoring als Ergänzung zu den bereits bestehenden Stadtbeobachtungssystemen weiterentwickelt wird. 304 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Umweltbildung Ein wesentliches Ziel der Umweltbildung ist es, das Wissen über ökologische Zusammenhänge zu vermitteln. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung für die gezielte Beteiligung im Sinne einer Verfahrensgerechtigkeit. In diesem Zusammenhang und auch mit Blick auf die benachteiligten Gebiete in der Hauptstadt muss berücksichtigt werden, dass die gängigen Umweltbildungsangebote die sozial schwächer gestellten Zielgruppen zu wenig erreicht. Dem kann durch spezielle Förderangebote entgegengewirkt werden. Ziel sollte es sein, vor allem die Betroffenen in den hochbelasteten Quartieren zu sensibilisieren und das individuelle Verhalten anzupassen. Darüber hinaus wird das Themenfeld „Umweltgerechtigkeit“ zunehmend auch im Hochschul- beziehungsweise universitären Kontext behandelt. Dies ist eine wichtige Weichenstellung, da Lösungsmöglichkeiten auf der stadtplanerischen, umweltpolitischen oder gesundheitswissenschaftlichen Ebene beispielsweise durch Abschlussarbeiten „vorgedacht“ und experimentell untersucht werden können. Dies können wichtige Ansätze sein, auf die die planenden Verwaltungen in den Bezirken oder auf der Senatsebene aufbauen können. Weitere Akteure zur Umsetzung von Umweltgerechtigkeit Neben den politischen Akteuren und den planenden Fachverwaltungen gibt es eine Vielzahl von Akteuren, die das neue Themenfeld Umweltgerechtigkeit gezielt voranbringen können. In diesem Zusammenhang wird zu prüfen sein, wie Aktivitäten und Initiativen, die auf Bürgerengagement beruhen, gefördert und wie der Dialog mit Eigentümern, Bauherren, Planern und Investoren gezielt vorangebracht werden kann. Projektentwickler/Bauherren Die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft kann erheblich zur Herstellung von mehr (quartiersbezogener) Umweltgerechtigkeit beitragen. In diesem Zusammenhang kommt den Projektentwicklern, Bauherren und Investoren herausragende Bedeutung zu. Zur Arbeit der Projektentwickler – insbesondere in der Immobilienbranche – zählt vor allem die Planung und Realisierung konkreter städtebaulicher Vorhaben und Projekte. Dies erfordert in der Regel die eingehende Untersuchung der Rahmenbedingungen sowie die Erarbeitung von Konzepten und Entwicklungsvarianten als Grundlage für kommunalpolitische Entscheidungen. Die Projektentwickler setzen sich – ähnlich wie die Betroffenen – stark mit der Situation vor Ort auseinander. Daher ist es besonders wichtig, sie als Akteure und Umsetzungspartner zur Verbesserung der quartiersbezogenen Umweltqualität zu gewinnen. Der Dialog mit den Wohnungs- und Baugenossenschaften, mit kommerziellen Projektentwicklern und Investoren, privaten Bauherren und Hauseigentümern sowie mit den Mieterverbänden ist somit ein wichtiger Bestandteil umsetzungsorientierter Strategien und Maßnahmen. Interessensvertretungen/Verbände/Initiativen (Nichtregierungsorganisationen) Strategien und Maßnahmen zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit müssen mit den Interessensvertreterinnen und -vertretern der Wirtschaft, wie beispielsweise der Industrie- und Handelskammer, der Architektenkammer und Planerverbänden, wie dem Bund Deutscher Architekten (BDA), dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA), der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landschaftsplanung (SRL), Institutionen der Wirtschaftsförderung, den Ver- und Entsorgungsunternehmen sowie Unternehmen, die als Grundstücks- oder Grundeigentümer Verantwortung für die Umsetzung der vielfältigen Vor-Ort-Maßnahmen im Bestand tragen, diskutiert werden. Einen wichtigen Umsetzungsbeitrag können auch Verbände, Netzwerke und Initiativen leisten. Inhaltlich orientieren sie sich an den klassischen Themen des Umweltschutzes. Einen breiten Raum nehmen aber auch projektorientierte Arbeiten beziehungsweise die Orientierung an Einzelthemen ein. Die hier organisierten Bürgerinnen und Bürger sind Multiplikatoren sowie Unterstützer, die Einfluss auf wichtige Umsetzungspartner oder auf eigene Projekte und Maßnahmen zur Minderung der Umweltbelastungen nehmen können. Akteure vor Ort (Partizipation) Die Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit als Zielvorgabe erfordert gemeinsames Handeln unterschiedlicher Politikbereiche und eines breit gefächerten Kreises von Akteuren. Nicht zuletzt sind es die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort, die im Sinne der Ver- 305 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 fahrensgerechtigkeit umfassender an der (Um-)Gestaltung ihres unmittelbaren Wohnumfeldes beteiligt werden sollten. Niedrigschwellige und generationsübergreifende Beteiligungsverfahren bereits in der Phase der Planung sind vor allem in sozial benachteiligten Stadtquartieren erfolgreich, um die Betroffenen zu erreichen und für diesen Prozess zu gewinnen. Im Sinne des sozialräumlichen Umweltgerechtigkeitsansatzes ist das Projekt Umgestaltung des Nauener Platzes in Berlin-Mitte ein Beispiel für die Verbesserung des Wohnumfeldes durch Verfahrens- und Beteiligungsgerechtigkeit. Hier wird deutlich, wie durch eine kooperative Herangehensweise sowie eine systematische und gezielte Integration der Betroffenen bewohnergetragene Maßnahmen entwickelt werden können, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen im Quartier nachhaltig zu verbessern. Literatur Bunge C (2008): Umweltgerechtigkeit – Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. Empirische Befunde und zukünftige Herausforderungen. In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID) Ausgabe 2/2008: 5-9. Hornberg C, Bunge C, Pauli A (2011): Strategien für mehr Umweltgerechtigkeit – Handlungsfelder für Forschung, Politik und Praxis. Universität Bielefeld: Bielefeld. Klimeczek H-J, Luck-Bertschat G (2008): (Sozial-)räumliche Verteilung von Umweltbelastungen im Land Berlin – Umweltgerechtigkeit als neues Themen- und Aufgabenfeld an der Schnittstelle von Umwelt, Gesundheit, Soziales und Stadtentwicklung, In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID) Ausgabe 2/2008: 26-29. Klimeczek H-J (2011): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Entwicklung und Umsetzung einer neuen ressortübergreifenden Strategie. In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID), Ausgabe 2/2011: S. 19. Klimeczek H-J (2012): Umweltgerechtigkeit durch Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit – Strategien auf Landesebene. In: Bolte G, Bunge C, Hornberg C et al (Hrsg): Umweltgerechtigkeit, Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit: Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven. Bern: 205-218. Klimeczek H-J (2012): Umweltgerechtigkeit – Eine neue ressortübergreifende sozialräumliche Strategie im Land Berlin. In: Planerin, Heft 3/2012. Klimeczek H-J (2014): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Zur methodischen Entwicklung des zweistufigen Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitoring. In: Umwelt und Mensch – Informationsdienst (UMID), Ausgabe 2/2014: S. 16-22. SenGUV (2011): Handlungsfeld Umweltgerechtigkeit – Entwurf des Basisberichtes. Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz. Unveröffentlicht. SenStadt (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin) (Hrsg.) (2009): Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/index.shtml (Abrufdatum: 20.7.2011) SenStadt (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin) Umweltatlas. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/ (Abrufdatum: 20.7.2011) SenStadtUm (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt) Flächennutzungsplanung für Berlin – FNP-Bericht 2015, Berlin, Januar 2015. SenStadtUm (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung) BerlinStrategie I Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030, Berlin, November 2014. Europäischer Strukturfonds – Das Operationelle Programm des EFRE 2014-2020, KOM Beschluss OP, Genehmigung 16.12.2014. 306 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Instrumente und Ansatzmöglichkeiten zur Herstellung von mehr umweltbezogener Gerechtigkeit in den Berliner Quartieren Instrumente und Ansatzmöglichkeiten zur Stärkung von Gesundheitsbelangen im Rahmen strategischer Planung Bereich Stadtentwicklung/Städtebau Bauleitplanung weitere Instrumente nach BauGB besonderes Städtebaurecht informelle Instrumente der Stadtentwicklung Landschaftsplanung Instrument Flächenbezug Verantwortlich rechtliche Grundlage Flächennutzungsplan (vorbereitende Bauleitplanung) ganz Berlin Senat BauGB §§ 1 ff. BauGB §§ 5-7 Bebauungspläne (verbindliche Bauleitplanung) Teilbereiche, Baugrundstücke Bezirke, Senat BauGB §§ 1 ff. BauGB §§ 8-10 städtebauliche Verträge Teilbereiche, Baugrundstücke Senat, Bezirke BauGB § 11 Vorhaben- und Erschließungspläne Teilbereiche, Baugrundstücke Bauwillige BauGB § 12 Eingriffsregelung (Kompensationsmaßnahmen) Baugrundstücke, Ausgleichsflächen Senat, Bezirke BauGB § 1a BNatSchG §§ 14 ff. GAK/LaPro Bln städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen Teilbereiche Senat BauGB §§ 165 ff. städtebauliche Sanierungsmaßnahmen Teilbereiche Senat BauGB §§ 136 ff. Stadtentwicklungspläne (StEP) • StEP Klima • StEP Wohnen • StEP Industrie und Gewerbe • StEP Verkehr • StEP Ver- und Entsorgung (Grundlagen) • StEP Zentren ganz Berlin Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (1) BauGB § 1 Abs. 6 Nr. 11 Planwerke Teilbereiche Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (2) Transformationsräume (aus BerlinStrategie) Teilbereiche Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (2) stadtplanerische Konzepte Teilbereiche (und Leitbilder) Senat AGBauGB Bln § 4 Abs. (2) integrierte städtebauliche Entwicklungskonzepte (ISEK) Teilbereiche Bezirke VV Städtebauförderung Landschaftsprogramm (einschließlich Artenschutzprogramm) ganz Berlin Senat NatSchG Bln § 8 BNatSchG § 10 Landschaftspläne Teilbereiche Bezirke NatSchG Bln § 9 BNatSchG § 11 Biotopflächenfaktor/ BFF-Landschaftspläne Teilbereiche Bezirke 307 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Instrument Flächenbezug Verantwortlich rechtliche Grundlage Umweltverträglichkeits-­ prüfung Projektgebiete Senat, Bezirke UVPG strategische Umweltprüfung Projektgebiete Senat, Bezirke SUPG, EAG Bau Städtebauförderung • Aktive Zentren • Stadtumbau Ost und West • Städtebaulicher Denkmalschutz • Soziale Stadt (Quartiersmanagement) Teilbereiche Senat, Bezirke Stadterneuerung (Sanierungsgebiete) Teilbereiche Senat, Bezirke Wohnungsneubaufonds Baugrundstücke Senat, IBB Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung (BENE) Teilbereiche Senat, Bezirke Planungsverfahren Wettbewerbe und Gutachterverfahren Teilbereiche, Baugrundstücke Senat, Bezirke, Liegenschaftsfonds, Bundesbehörden, öffentliche Unternehmen, städtische Wohnungsgesellschaf­ ten, Private öffentliche Bauprojekte Hoch- und Tiefbau Baugrundstücke • Parks und Grünanlagen • Straßen und Plätze • Schulen und andere Gebäude der öffentlichen Infrastruktur Senat, Bezirke Bauberatung/ Baugenehmigungen Bauberatungsangebote der Bezirke Baugrundstücke Bezirke Selbstverpflich­ tungen Vereinbarungen zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit in den Quartieren ganz Berlin/einzelne Liegenschaften Senat, Berliner Unternehmen und Verbände Bodenschutz Sanierungsuntersuchungen Teilbereiche Senat, Bezirke Prüfverfahren Förderprogramme ? § 3 BauO Bln § 8 BauO Bln § 71 BauO Bln § 85 BauO Bln § 13 Abs. 1 BbodSchG § 9 ff. BBodSchV 308 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 umweltbezogene Informationen Instrument Flächenbezug Verantwortlich rechtliche Grundlage Flächennutzungsplan (vorbereitende Bauleitplanung) Teilbereiche Senat, Bezirke BauGB § 3 Abs. 3 UVPG § 9 Abs. 1a UIG § 2 Abs. 3 Bebauungspläne (verbindliche Bauleitplanung) städtebauliche Verträge Vorhaben- und Erschließungspläne Eingriffsregelung (Kompensations­ maßnahmen) Städtebauförderung • Aktive Zentren • Stadtumbau Ost und West • Städtebaulicher Denkmalschutz • Soziale Stadt (Quartiersmanagement) Stadterneuerung (Sanierungsgebiete) Wohnungsneubaufonds Berliner Programm für nachhaltige Entwicklung (BENE) Wettbewerbe und Gutachterverfahren Bauberatungsangebote der Bezirke 309 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Instrumente und Ansatzmöglichkeiten zur Stärkung von Gesundheitsbelangen im Rahmen strategischer Planung – Bereich Gesundheit Instrument Flächenbezug Verantwortlich rechtliche Grundlage Gesundheitsförderung Gesundheitskonferenzen ganz Berlin Senat § 20 Präventionsgesetz – PrävG Gesundheitsförderung Gesundheitsberichterstattung ganz Berlin Senat Gesundheitsförderung Aktionsprogramm Gesundheit ganz Berlin Senat, Bezirke lokale Gesundheitsförderung Fachplan Gesundheit Teilbereiche Senat, Bezirke Gesundheitsförderung Gesundheitsfolgenabschätzung ganz Berlin, Teilbereiche Senat, Bezirke Gesundheitsförderung Gesundheitsverträglichkeitsprüfung Teilbereiche Senat, Bezirke Instrumente und Ansatzmöglichkeiten zur Stärkung von Gesundheitsbelangen im Rahmen strategischer Planung – Sonstige Instrument Flächenbezug Verantwortlich Grundsatzbeschluss zu Umweltgerechtigkeit ganz Berlin, Teilbereiche Senat, Bezirke Planmengenverfahren Teilbereiche Senat, Bezirke Kommunale Förderprogramme/ Maßnahmen ganz Berlin, Teilbereiche Senat, Bezirke Umweltbildung Formelle und informelle Angebote für bestimmte Zielgruppen ganz Berlin, Teilbereiche Senat, Bezirke Beteiligung/ Partizipation Flächennutzungsplan (vorbereitende Bauleitplanung) ganz Berlin, Teilbereiche Senat, Bezirke Werteausgleichsverfahren der Bezirke rechtliche Grundlage Art. 85 II der Verfassung von Berlin Bezirksverwaltungsgesetz §§ 20-25 und Abs. 6 und 7 BauGB § 3 Bebauungspläne (verbindliche Bauleitplanung) städtebauliche Sanierungsmaßnahmen stadtplanerische Konzepte (und Leitbilder) 310 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Exkurs 3: Umweltgerechtigkeit – Aspekte des allgemeinen und besonderen Städtebaurechts Exkurs 3.1: Umweltgerechtigkeit – Aspekte der formellen und informellen Planung Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Abteilung Zentrales Dr. jur. Nina Dieckmann Entscheidungen über die Gestaltung der Umwelt- und Lebensverhältnisse werden auch bei der Stadtplanung getroffen. Diese kann daher nicht weggedacht werden, wenn es um die Umsetzung des Umweltgerechtigkeitsgedankens geht. Dieser Beitrag beleuchtet mit Blick auf die Bauleitplanung, informelle Planungen und die Stadterneuerung, auf welche Weise dies möglich ist. Formelle Bauleitplanung Wichtigstes Instrument zur Lenkung und Ordnung der städtebaulichen Entwicklung ist die Bauleitplanung. Die zwei wesentlichen Komponenten der Umweltgerechtigkeit – der Umweltschutz und die Gesundheit – finden sich im Planungsrecht bereits wieder. Beispielsweise fordert die Planungsleitlinie des § 1 Abs. 6 Nr. 7 BauGB auch die Berücksichtigung der Umweltschutzbelange ein und es sind bei der Aufstellung der Bauleitpläne die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse zu berücksichtigen (§ 1 Abs. 6 Nr. 1 BauGB). Diesen Vorgaben gedankt, ist das Planungsrecht grundsätzlich gerüstet, Konfliktsituationen, wie sie zum Beispiel in Gemengelagen anzutreffen sind, zu bewältigen oder ihnen vorzubeugen. Freilich lassen sich bestehende Konfliktsituationen aufgrund von Bestandsschutz und Duldungspflichten häufig nicht gänzlich beseitigen.1 Darüber hinaus sollte aber auch der dem Umweltgerechtigkeitsbelang ebenfalls innewohnende Gedanke des Ausgleichs von Umweltbelastungen in den Planungsprozess implementiert werden. Ein solcher Ausgleich wäre etwa in der Weise denkbar, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltqualität vorrangig in stärker beziehungsweise mehrfach belasteten Gebieten vorgesehen werden.2 Um einen solchen Ausgleich sicherzustellen, sollte der Katalog der bei der Aufstellung der Bauleitpläne zu berücksichtigenden Belange (§ 1 Abs. 6 BauGB) erweitert werden. Für die Formulierung des neuen Belangs könnte § 2 Abs. 2 Nr. 1 Satz 1 Raumordnungsgesetz Vorbild sein, wonach „ausgeglichene soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse“ anzustreben sind.3 Gemäß § 1 Abs. 7 BauGB sind die öffentlichen und privaten Belange – also auch Umweltund Gesundheitsschutzbelange – bei der Aufstellung der Bauleitpläne gegeneinander und untereinander gerecht abzuwägen. Hierbei kann – unter Wahrung des Gebots der gerechten Abwägung – ein bedeutsamer Beitrag zugunsten der Umweltgerechtigkeit geleistet werden. Als Ergebnis der bauleitplanerischen Abwägung erfolgt eine Darstellung im Flächennutzungsplan oder Festsetzung im Bebauungsplan4, die nachfolgend näher betrachtet werden. Die Möglichkeiten eines Flächennutzungsplans – dem vorbereitenden Bauleitplan –, Umweltgerechtigkeit zu fördern, sind vielfältig. § 5 Abs. 2 BauGB enthält einen (nicht abschließenden) Katalog der Darstellungsmöglichkeiten. Zu diesen zählt die Kennzeichnung der für die Bebauung vorgesehenen Flächen nach der allgemeinen Art ihrer baulichen Nutzung (Bauflächen), nach der besonderen Art ihrer baulichen Nutzung (Baugebiete) sowie nach dem allgemeinen Maß der baulichen Nutzung (§ 5 Abs. 2 Nr. 1 BauGB). Umweltgerechtigkeit hängt entscheidend davon ab, ob und wo eine Flächennutzungsplanung Wohnbauflächen, gemischte Bauflächen und gewerbliche Bauflächen zulässt. Ein Gebiet wird je nach Platzierung der Gebiete/Flächen beziehungsweise ihrer Zuordnung zueinander in geringerem oder stärkerem Maß von Umweltbelastungen betroffen sein. In gleicher Weise bieten auch die Festsetzungsmöglichkeiten bei einem Bebauungsplan – dem verbindlichen Bauleitplan – viel Raum, dem Umweltgerechtigkeitsbelang Geltung zu verschaffen (vergleiche § 9 Abs. 1 BauGB). Letztlich sei angemerkt, dass möglicherweise eine Planungspflicht besteht, wenn ein Gebiet stark beziehungsweise mehrfach belastet ist. Gemäß § 1 Abs. 3 Satz 1 BauGB müssen die Gemeinden die Bauleitpläne aufstellen, sobald und soweit es für die städtebauliche Entwicklung und Ordnung erforderlich ist. Anhaltspunkte für das Vorliegen eines solchen 1 Vgl. Söfker, in: Ernst/Zinkahn/ Bielenberger/Krautzberger, Baugesetzbuch, 110. EL 2013, § 34 Rn. 52; Battis, in Battis/Krautzberger/Löhr, Baugesetzbuch, 12. A. 2014, § 1 Rn. 110 f. 2 Vgl. auch Bunge, in: Bolte/Bunge/ Hornberg/Köckler/Mielck (Hrsg.), Umweltgerechtigkeit, Bern 2012, S. 175 (180). 3 Vgl. hierzu Kloepfer, Umweltgerechtigkeit. Environmental Justice in der deutschen Rechtsordnung, Berlin 2006, S. 106 ff.; ders., Aspekte der Umweltgerechtigkeit, in: Hornberg/Pauli (Hrsg.), Umweltgerechtigkeit – Die soziale Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen. Dokumentation der Fachtagung vom 27. bis 28. Oktober 2008 in Berlin, Bielefeld 2009, S. 144 (153). 4 Vgl. Mitschang, ZfBR 2010, 534 (535). 311 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Handlungsbedarfs lassen sich etwa aus der für Sanierungsmaßnahmen geltenden Definition der städtebaulichen Missstände in § 136 Abs. 2 und 3 BauGB gewinnen.5 Im Rahmen von § 136 Abs. 3 BauGB spielen auch Umwelt(gerechtigkeits)faktoren eine Rolle (Lärm, Luft, Bioklima, Freiflächenversorgung). Bei einem stark beziehungsweise mehrfach belasteten Gebiet dürften daher häufig auch städtebauliche Missstände vorliegen, so dass in diesen Fällen eine Planungspflicht zu erwägen sein könnte. Einschränkend muss festgehalten werden, dass diese Planungspflicht einen Ausnahmecharakter darstellt und nur dann zum Tragen kommen kann, wenn qualifizierte städtebauliche Belange von besonderem Gewicht vorliegen. Informelle Planungen Die informellen Pläne und Programme, wie beispielsweise Stadtentwicklungspläne und Rahmenpläne, dienen der Entwicklung städtebaulicher Konzepte und unterstützen damit die formelle Bauleitplanung. Werden die informellen Planungen von der Gemeinde beschlossen, müssen sie bei der Aufstellung der Bauleitpläne berücksichtigt werden (§ 1 Abs. 6 Nr. 11, Abs. 7 BauGB).6 Nicht (förmlich) beschlossene Planungen, etwa Gutachten, müssen freilich ebenfalls einbezogen werden, sofern sie für die Abwägung wesentliche Daten und Bewertungen enthalten.7 Informelle Planungsinstrumente haben den Vorteil, dass mit ihnen mangels formeller Vorgaben flexibel Konzepte entwickelt werden können. Daher sind sie geradezu dazu berufen, auch Umweltgerechtigkeitsbelangen Gehör zu verleihen, wie nachfolgend anhand eines Stadtentwicklungsplans von Berlin verdeutlicht wird. Ein Stadtentwicklungsplan stellt eine auf das gesamte Stadtgebiet bezogene räumliche Planung dar und formuliert Leitlinien, Strategien und Maßnahmen. In Berlin gibt es unter anderem den Stadtentwicklungsplan Klima (StEP Klima).8 Dieser identifiziert die für den Klimaschutz bedeutsamen Handlungsfelder, zu denen auch das Bioklima und Grün- und Freiflächen zählen – beides Umwelt(gerechtigkeits)faktoren. Der Stadtentwicklungsplan Klima erläutert die zur Verbesserung nötigen Maßnahmen, beispielsweise die Anpflanzung von Straßenbäumen und die Entsiegelung von Flächen. Auf Karten werden die prioritären Handlungsräume abgebildet.9 Bei deren Festlegung spielt es keine Rolle, ob ein Gebiet stärker beziehungsweise mehrfach belastet ist. Es erscheint indes angezeigt, in diesem Fall grundsätzlich einen prioritären Handlungsbedarf anzunehmen, sofern das Bioklima beziehungsweise die Freiflächenversorgung einen der Belastungsfaktoren darstellt. Auf diese Weise würden diese Gebiete in den nötigen Fokus gerückt und könnte Umweltgerechtigkeit vorwärts gebracht werden. Im Ergebnis können der StEP Klima wie auch andere Stadtentwicklungspläne, zum Beispiel der verkehrsbezogene, zu bedeutsamen Bausteinen auf dem Weg zu mehr Umweltgerechtigkeit ausgestaltet werden. Ähnlich können auch sonstige informelle Planungen zu diesem Zweck eingesetzt werden, etwa die Rahmenpläne, die der Entwicklung eines einzelnen Stadtteils dienen. Bei den Planungen ist freilich eine ausdrückliche Auseinandersetzung mit der Thematik anzustreben, welche bislang kaum anzutreffen ist. 5 So BVerwG, NVwZ 2004, 220 (222). 6 Ausführlich hierzu Uechtritz, ZfBR 2010, 646 (648). 7 Dirnberger, in: Spannowsky/ Uechtritz (Hrsg.), Beck‘scher OnlineKommentar BauGB, Stand: 1. Dezember 2013, Edition 24, § 1 Rn. 128. 8 Herausgeber: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, August 2011. 9 Vgl. die Karten 03 und 05 des Stadtentwicklungsplans Klima. 312 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Exkurs 3.2: Bedeutung und Umsetzung der Umweltgerechtigkeit in der Bauleitplanung 1. Einleitung Im Rahmen des Forschungsvorhabens „Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum“ wird die Umweltgerechtigkeit als ein normatives Leitbild verstanden, das auf die Vermeidung und den Abbau der sozialräumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen sowie die Gewährleistung eines sozialräumlich gerechten Zugangs zu gesundheitsbezogenen Umweltressourcen abzielt.1 Die Zusammenhänge zwischen sozialer Lage, Umweltqualität und Gesundheit, sind belegt2 und könnten sich in einer wachsenden Großstadt wie Berlin mit steigenden Mieten zukünftig noch verschärfen. Wenngleich auch das Thema der Umweltgerechtigkeit bereits seit einiger Zeit in der Fachliteratur diskutiert wird,3 ist dieses bislang in der Bauleitplanung nur wenig beachtet. Welche Anknüpfungspunkte sich für die Berücksichtigung der Umweltgerechtigkeit in der Bauleitplanung ergeben und wie diese konkret im Rahmen der Flächennutzungsplanung und der Bebauungsplanung berücksichtigt werden können, soll im Folgenden kurz skizziert werden. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Abteilung Städtebau und Projekte Dr.-Ing. Tim Schwarz 2. Oberziele der Bauleitplanung Der in § 1 Abs. 5 S. 1 BauGB4 formulierte Begriff der nachhaltigen Entwicklung enthält die Aufgabe, die sozialen, wirtschaftlichen und umweltschützenden Anforderungen in Einklang zu bringen. Die hieraus resultierende Aufgabe der Bauleitplanung ist es, unter Berücksichtigung eines intergenerativen Ansatzes, einen Ausgleich für möglichst alle Ziele des Nachhaltigkeitsgedankens zu erreichen, ohne einem bestimmten Belang von vornherein einen Vorrang oder ein besonderes Gewicht einzuräumen.5 Da es im Rahmen der Umweltgerechtigkeit um den Abbau der sozialräumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen sowie die Gewährleistung eines sozialräumlich gerechten Zugangs zu gesundheitsbezogenen Umweltressourcen geht, fügt sich diese in den Grundsatz einer nachhaltigen städtebaulichen Entwicklung ein. Denn die Bauleitplanung soll eine dem Wohl der Allgemeinheit entsprechende sozialgerechte Bodennutzung gewährleisten und dazu beitragen, die menschenwürdige Umwelt zu sichern und die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zu entwickeln. 3. Planungsgrundsätze und planerische Abwägung Auch die in § 1 Abs. 6 BauGB enthaltenen Planungsgrundsätze bedürfen einer näheren Betrachtung im Hinblick auf ihre Bezüge zur Umweltgerechtigkeit. Schließlich müssen diese Belange in die bauleitplanerische Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB eingestellt und gewichtet werden. 3.1 Planungsgrundsätze Die Oberziele der Bauleitplanung werden in dem nicht abgeschlossenen Katalog der Planungsgrundsätze in § 1 Abs. 6 BauGB konkretisiert.6 Diese dient dem Plangeber gleichsam als „Checkliste“ für die Zusammenstellung des Abwägungsmaterials. Jeder Planungsgrundsatz kann dabei einem oder auch mehreren bauleitplanerischen Oberzielen zugeordnet werden. Die Umweltgerechtigkeit ist dabei nicht explizit aufgeführt.7 Aufgrund ihres Bezugs zu sozialen und umweltbezogenen Aspekten können aber einzelne Planungsgrundsätze wiederum der Umweltgerechtigkeit zugeordnet werden. Zu nennen sind dabei insbesondere die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse (Nr. 1), die Wohnbedürfnisse der Bevölkerung (Nr. 2) und der Umweltschutz (Nr. 7). Dabei ist allerdings zu beachten, dass die einzelnen Planungsgrundsätze in der konkreten Situation auch konkurrierende Zielstellungen beinhalten können. So kann der Aspekt der Schaffung von Wohnraum in Konkurrenz zur Erhaltung von Freiflächen treten, obgleich beide der Innenentwicklung dienen und einen Beitrag zu einer nachhaltigen städtebaulichen Entwicklung leisten können. Insofern geht es bei der Zusammenstellung des Abwägungsmaterials zunächst nur um die Erfassung der verschiedenen betroffenen Aspekte. Eine übergreifende Betrachtung, welche soziale und umweltbezogene Aspekte zu einem Ausgleich bringen kann, ist erst Gegenstand der eigentlichen Abwägung im konkreten Planungsfall. Neben der Ermittlung durch den Plangeber sind dabei natürlich die Beteiligung der Öffentlichkeit und der Behörden sowie der Träger öffentlicher Belange von Bedeutung, die maßgeblich zur Zusammenstellung des Abwägungsmaterials beitragen. 1 Umweltbundesamt (Hrsg.), Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum – Entwicklung von praxistauglichen Strategien und Maßnahmen zur Minderung sozial ungleich verteilter Umweltbelastungen, Dessau-Roßlau, 2015, S. 46 f. 2 Vgl. den Beitrag von Köckler, Umweltgerechtigkeit – Rahmenbedingungen und Grundlagen in diesem Buch. 3 Vgl. zum Beispiel Kloepfer, Environmental Justice und geographische Umweltgerechtigkeit, DVBl. 2000, 750 ff. 4 Baugesetzbuch (BauGB), in der Fassung der Bekanntmachung vom 23. September 2004 (BGBl. I S. 2414), zuletzt geändert durch Gesetz vom 20. Juli 2017 (BGBl. I S. 2808). 5 Vgl. Battis, § 1 BauGB, in: Battis/ Krautzberger/Löhr, Baugesetzbuch Kommentar, 13. Auflage, München 2016, Rn. 45. 6 Vgl. Battis, in: Battis/Krautzberger/Löhr, Baugesetzbuch Kommentar, 13. Auflage, München 2016, § 1, Rn. 47. 7 Diekmann, Umweltgerechtigkeit in der Stadtplanung, NVwZ 2013, 1575 (1577). 313 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Darüber hinaus von Bedeutung ist auch die Berücksichtigung der Ergebnisse eines von der Gemeinde beschlossenen städtebaulichen Entwicklungs-, Klimaschutz- oder Energiekonzeptes oder einer sonstigen städtebaulichen Planung nach § 1 Abs. 6 Nr. 11 BauGB.8 Diese sogenannten informellen Planungen sind der Bauleitplanung nicht gleichgestellt, aber die Planung hat sich mit diesen insofern auseinanderzusetzen, soweit diese abwägungsrelevante Belange beinhalten.9 Speziell für die Bauleitplanung in Berlin ergibt sich ergänzend zu § 1 Abs. 6 Nr. 11 BauGB eine Pflicht zur Berücksichtigung nach § 4 Abs. 1 AGBauGB10. Danach hat ein Stadtentwicklungsplan einen Empfehlungscharakter und ist die Grundlage für alle weiteren Planungen. 3.2 Abwägung An die Zusammenstellung des Abwägungsmaterials schließen sich die Gewichtung und der eigentliche Abwägungsvorgang an. Schon an dieser Stelle muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass keinem der zu berücksichtigenden Planungsgrundsätze bereits von vornherein ein besonderes Gewicht zukommt.11 Entsprechend hat damit auch die Umweltgerechtigkeit keinen Vorrang vor anderen Belangen. Zwar ist diese ein Teilaspekt der oben genannten Planungsgrundsätze und insofern auch als sonstiger Belang in die bauleitplanerische Abwägung einzustellen. Das Gewicht der einzelnen Belange hängt allerdings von den Planungszielen in der konkreten Situation ab. Diese objektive Gewichtigkeit der von der Planung berührten Belange ist in jedem Planungsfall erneut zu ermitteln. Eine städtebauliche Planung ist dabei regelmäßig unterschiedlichsten Interessen ausgesetzt und muss daher immer mehreren Belangen Rechnung tragen. Als Ergebnis dieser Abwägung kann allerdings nur eine Darstellung oder Festsetzung im Bauleitplan vorgenommen werden. Entsprechend muss der Plangeber bei zu treffenden Abwägungsentscheidungen notwendigerweise mit der Bevorzugung des einen Belangs den oder die anderen Belange zurückstellen. Hiervon ist auch die Umweltgerechtigkeit als Querschnittsthema nicht ausgenommen. Im Rahmen der Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB sind die öffentlichen und privaten Belange gegeneinander und untereinander gerecht abzuwägen.12 Hieraus ergibt sich der Anspruch an die Planung, einen gerechten Ausgleich zwischen den von ihr berührten Belangen herbeizuführen. Maßgebliche Bedeutung hat hierbei der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Dieser verlangt eine Gesamtabwägung zwischen der Schwere des Eingriffs und dem Gewicht und der Dringlichkeit der ihn rechtfertigenden Gründe.13 Das bedeutet, dass der Ausgleich zwischen den betroffenen öffentlichen und privaten Belangen zur objektiven Gewichtigkeit der einzelnen Belange im Verhältnis stehen muss.14 Praktische Bedeutung bekommt dies bei der Umweltgerechtigkeit insofern, dass mögliche Maßnahmen, welche die Umweltgerechtigkeit berücksichtigen, verhältnismäßig sein müssen. Im Umkehrschluss ist ein schlichtes „Wegwägen“ dieser Belange gleichfalls nicht möglich, wenn diese entsprechend betroffen sind oder der Plangeber dem Aspekt der Umweltgerechtigkeit als erklärtes Planungsziel in der konkreten städtebaulichen Situation ein entsprechendes Gewicht beimisst. 4. Umweltgerechtigkeit und Umweltprüfung Bei der Aufstellung der Bauleitpläne ist gemäß § 2 Abs. 4 S. 1 BauGB für die Belange des Umweltschutzes nach § 1 Abs. 6 Nr. 7 BauGB und § 1a BauGB eine Umweltprüfung durchzuführen.15 Aufgabe der Umweltprüfung ist die Ermittlung und Bewertung der voraussichtlichen erheblichen Umweltauswirkungen auf die Schutzgüter der Umweltprüfung nach § 1 Abs. 6 Nr. 7 BauGB und deren Beschreibung im Umweltbericht. Der Aspekt der Umweltgerechtigkeit kann dabei dem Schutzgut Mensch zugeordnet werden.16 Ausgeklammert werden im Rahmen der Umweltprüfung allerdings soziale Aspekte beziehungsweise der Ausgleich von Umweltbelastungen in Verbindung mit sozialräumlichen Aspekten. Vielmehr werden die Umweltauswirkungen eines Vorhabens beziehungsweise die Auswirkungen auf ein Vorhaben unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppierung erfasst. Insofern kommen soziale Aspekte erst im Rahmen der eigentlichen Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB zum Tragen, wenn die Ermittlung, Beschreibung und Bewertung der Umweltauswirkungen im Rahmen der Umweltprüfung bereits abgeschlossen ist. Die Integration der Umweltgerechtigkeit würde eine Erweiterung der Umweltprüfung bedeuten, die sich bislang rein auf die umweltbezogenen Auswirkungen der Planung 8 Diekmann, Umweltgerechtigkeit in der Stadtplanung, NVwZ 2013, 1575 (1580 f.). 9 Vgl. Stüer, Handbuch des Bau- und Fachplanungsrechts, 5. Auflage, München 2015, Rn. 1577. 10 Gesetz zur Ausführung des Baugesetzbuchs (AGBauGB), in der Fassung vom 7. November 1999, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 23. Juni 2015 (GVBl. S. 283). 11 Vgl. Battis, in: Battis/Krautzberger/Löhr, Baugesetzbuch Kommentar, 13. Auflage, München 2016, § 1, Rn. 100. 12 Grundlegend hierzu: BVerwG, Urteil vom 12.12.1969 – IV C 105.66; BVerwG, Urteil vom 5.7.1974 – IV C 50.72. 13 BVerfG, Beschluss vom 17.l0.1990 – 1 BvR 283/85 –, NJW 1991, S. 555. 14 Vgl. Battis, in: Battis/Krautzberger/Löhr, Baugesetzbuch Kommentar, 13. Auflage, München 2016, § 1, Rn. 102 15 Ausgenommen von der UP-Pflicht sind hiervon allerdings Bauleitpläne, die im vereinfachten Verfahren nach § 13 BauGB aufgestellt werden, oder Bebauungspläne der Innenentwicklung nach § 13a BauGB, die im beschleunigten Verfahren aufgestellt werden. 16 Vgl. hierzu den Beitrag von Weiland: „Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen – Spurensuche und Ansatzpunkte“, in diesem Buch. 314 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 beschränkt. Eine solche Entwicklung hin zu einer Nachhaltigkeitsprüfung ist allerdings nicht völlig neu. So wurde zum Beispiel die Strategische Umweltprüfung in Kanada um eine Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen erweitert.17 Für eine solche Weiterentwicklung der Umweltprüfung im Rahmen der Bauleitplanung beziehungsweise der Strategischen Umweltprüfung (SUP) wäre allerdings eine Änderung des UVPG18 beziehungsweise eine Initiative auf europäischer Ebene zur Änderung der SUP-Richtlinie19 notwendig. Aber auch bereits heute können die Datengrundlagen der Umweltgerechtigkeit Bedeutung für die Umweltprüfung haben. Denn die Erfassung der verschiedenen Indikatoren, wie zum Beispiel der Kernindikatoren Lärm- und Luftbelastung, können einen Beitrag zur Bewertung im Rahmen der Erfassung von Vorbelastungen leisten. Dies gilt insbesondere auch dann, wenn eine Mehrfachbelastung durch verschiedene Umweltfaktoren vorliegt. Darüber hinaus kann die fortlaufende Erfassung von Umweltbelangen im Rahmen der Umweltgerechtigkeit auch für das Monitoring genutzt werden. So kann die Verbesserung oder Verschlechterung einzelner oder mehrerer Kernindikatoren Hinweise für unvorhergesehene Umweltauswirkungen liefern, die dann näher zu untersuchen sind. 5. Umsetzung in der Bauleitplanung Das Ergebnis der Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB sind die Darstellungen und Festsetzungen des jeweiligen Bauleitplans. Insofern ist an dieser Stelle zu prüfen, inwiefern die Aspekte der Umweltgerechtigkeit über die Inhalte des Flächennutzungsplans oder des Bebauungsplans umgesetzt werden können. 5.1 Flächennutzungsplan Nach § 5 Abs. 1 BauGB hat die Flächennutzungsplanung die Aufgabe, für das ganze Gemeindegebiet die sich aus der beabsichtigten städtebaulichen Entwicklung ergebende Art der Bodennutzung nach den voraussehbaren Bedürfnissen der Gemeinde in den Grundzügen darzustellen. Es geht dabei also um die grundlegende Steuerung der Bodennutzung. Die auf der Stufe der vorbereitenden Bauleitplanung getroffenen Bodennutzungsentscheidungen wirken über das Entwicklungsgebot in die nachfolgende Ebene der Bebauungsplanung hinein. Ein Überblick zu den möglichen Inhalten des Flächennutzungsplans gibt der nicht abschließende Darstellungskatalog in § 5 Abs. 2 BauGB. Unter dem Gesichtspunkt der Umweltgerechtigkeit sind dabei insbesondere die „„für die Bebauung vorgesehenen Flächen nach der allgemeinen Art ihrer baulichen Nutzung (Bauflächen), nach der besonderen Art ihrer baulichen Nutzung (Baugebiete) sowie nach dem allgemeinen Maß der baulichen Nutzung (§ 5 Abs. 2 Nr. 1 BauGB), „„Grünflächen (§ 5 Abs. 2 Nr. 5 BauGB) und „„Flächen für Nutzungsbeschränkungen oder für Vorkehrungen zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen (§ 5 Abs. 2 Nr. 6 BauGB) relevant. Mit diesen Darstellungsmöglichkeiten können mittel- und unmittelbar Aspekte der Umweltgerechtigkeit berücksichtigt werden. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Zuordnung von Bauflächen untereinander sowie zu den Freiflächen im Rahmen der Flächennutzungsplanung. Denn als gesamtgemeindliches Bodennutzungskonzept hat der FNP einen Planungshorizont von circa 10 bis 15 Jahren. Entsprechend können Daten zur Umweltgerechtigkeit wie zum Beispiel Mehrfachbelastungen bei der Auswahl beziehungsweise der Prüfung von Standortalternativen bereits hier berücksichtigt werden. Dies gilt insbesondere für Neuausweisungen von Bauflächen oder Baugebieten, da hier entsprechende Überlegungen bei der Zuordnung der Flächen eine Rolle spielen können. Eingeschränkter dürfte sich dies im Siedlungsbestand darstellen,20 da die Steuerungsmöglichkeiten des Flächennutzungsplans sich hier – abgesehen von Änderungen im Hinblick auf die Nutzungsart – weitgehend auf die Wiedergabe des Bestandes beschränken. Darüber hinaus spielen seine Aussagen für die Zulassung von Bauvorhaben im Siedlungsbereich auf der Grundlage von § 34 BauGB keine Rolle.21 5.2 Bebauungsplan Anders als bei der vorbereitenden Bauleitplanung handelt es sich bei dem Festsetzungskatalog in § 9 Abs. 1 BauGB um eine abgeschlossene Auflistung möglicher Festsetzungen eines Bebauungsplans.22 Im Interesse der Umweltgerechtigkeit können insbesondere folgende Festsetzungen unmittelbar oder mittelbar von Bedeutung sein: 17 http://www.uvp.de/de/arbeitsgemeinschaften/ag-nachhaltigkeitspruefung, Zugriff am 28.12.2016. 18 Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG), in der Fassung der Bekanntmachung vom 24. Februar 2010 (BGBl. I S. 94), zuletzt geändert durch Artikel 2 Absatz 14b des Gesetzes vom 20. Juli 2017 (BGBl. I S. 2808). 19 Richtlinie 2001/42/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Juni 2001 über die Prüfung der Umweltauswirkungen bestimmter Pläne und Programme (ABl. EU Nr. L 197/30) vom 21.7.2001. 20 Vgl. Mitschang, Umsetzung des Leitbilds der Innenentwicklung – eine Bewertung der städtebaulichen Planungsinstrumente, in: Mitschang (Hrsg.), Innenentwicklung – Fach- und Rechtsfragen der Umsetzung, Frankfurt am Main 2007, 23 (36). 21 Vgl. Schiller, in: Bracher/Reidt/ Schiller, Bauplanungsrecht, 8. Auflage, Köln 2014, Rn. 142. 22 Vgl. Bracher, in: Bracher/Reidt/ Schiller, Bauplanungsrecht, 8. Auflage, Köln 2014, Rn. 260. 315 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 „„die Art und das Maß der baulichen Nutzung (§ 9 Abs. 1 Nr. 1 BauGB), „„Flächen für geförderten Wohnungsbau (§ 9 Abs. 1 Nr. 7 BauGB) „„Flächen für Personen mit besonderem Wohnungsbedarf (§ 9 Abs. 1 Nr. 8 BauGB) und „„Grünflächen (§ 9 Abs. 1 Nr. 15 BauGB), „„Gebiete, in denen zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen im Sinne des BImSchG bestimmte luftverunreinigende Stoffe nicht oder nur beschränkt verwendet werden dürfen (§ 9 Abs. 1 Nr. 23 a BauGB), „„die von der Bebauung freizuhaltenden Schutzflächen und ihre Nutzung, die Flächen für besondere Anlagen und Vorkehrungen zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen und sonstigen Gefahren im Sinne des BImSchG sowie die zum Schutz vor solchen Einwirkungen oder zur Vermeidung oder Minderung solcher Einwirkungen zu treffenden baulichen und sonstigen technischen Vorkehrungen (§ 9 Abs. 1 Nr. 24 BauGB). Über die Art der baulichen Nutzung kann generell die Nutzung beziehungsweise Nutzungszuordnungen sowie über das Maß der baulichen Nutzung die städtebauliche Dichte im Plangebiet bestimmt werden. Insbesondere die nicht überbaubaren Grundstücksflächen oder auch die Grünflächen haben dabei maßgeblichen Einfluss auf die Freiflächenversorgung eines Gebietes. Unmittelbar zum Tragen kommen können Aspekte der Umweltgerechtigkeit bei der räumlichen Bestimmung von Flächen für den förderfähigen Wohnraum im Rahmen der Anwendung des Berliner Modells der kooperativen Baulandentwicklung23 oder bei der Bestimmung der Flächen für Personen mit besonderem Wohnungsbedarf. So werden in der Planungspraxis für den förderfähigen Wohnungsbau regelmäßig Geschosswohnungsbauten vorgesehen, die oftmals auch im Sinne eines lärmrobusten Städtebaus als Riegelbebauung zu stärker lärmbelasteten Straßen vorgesehen sind. Im Sinne einer gleichmäßigen Verteilung von Umweltbelastungen für die Bewohner eines Quartiers, unabhängig von dem sozialen Status, kann dies durchaus kritisch hinterfragt werden. Natürlich kann dem entgegengehalten werden, dass auch für eine solche Riegelbebauung die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse gelten und entsprechende Nachweise über Schallschutzgutachten zu erbringen und entsprechende Festsetzungen zu sichern sind. In den lärmbelasteten Innenstadtgebieten kann dies allerdings oftmals nur durch passive Schallschutzmaßnahmen erreicht werden, die über § 9 Abs. 1 Nr. 24 BauGB festgesetzt werden können.24 Vor dem Hintergrund einer stärkeren Berücksichtigung des Aspekts der Umweltgerechtigkeit könnten dann allerdings andere Aspekte wie zum Beispiel die Freiflächenversorgung stärker berücksichtigt werden, um Mehrfachbelastungen zu vermeiden oder zumindest die Beeinträchtigungen durch ausgleichende Maßnahmen zu mindern. Diese Aspekte bleiben jedoch weitgehend auf den Neubau beschränkt. So kann die Bauleitplanung natürlich auch für die Überplanung von Bestandsnutzungen eingesetzt werden.25 Im Hinblick auf den Bestandsschutz greifen die Festsetzungen eines solchen Bebauungsplans allerdings regelmäßig erst dann, wenn Änderungen zum Beispiel bei der Nutzung erfolgen. Darüber hinaus sind Maßnahmen zur Vermeidung von Umweltbelastungen, die an der Emissionsquelle ansetzen, wie zum Beispiel Geschwindigkeitsbeschränkungen26 nicht, oder wie zum Beispiel beim sogenannten Flüsterasphalt nur eingeschränkt in der Bauleitplanung festsetzbar.27 6. Fazit Die Umweltgerechtigkeit kann als Teilaspekt des bauleitplanerischen Nachhaltigkeitsgrundsatzes des § 1 Abs. 5 BauGB eingeordnet werden. Entsprechend lassen sich auch einzelne Planungsgrundsätze nach § 1 Abs. 6 BauGB den sozialen und umweltbezogenen Aspekten der Umweltgerechtigkeit zuordnen. Eine eigenständige Berücksichtigung oder eine besondere Vorgabe für die Gewichtung in der Abwägung kommt der Umweltgerechtigkeit bislang allerdings nicht zu. Dies gilt gleichermaßen auch für die Umweltprüfung in der Bauleitplanung, welche soziale und wirtschaftliche Aspekte im Sinne einer Nachhaltigkeitsprüfung bislang unberücksichtigt lässt. Insofern bleibt es für die Bauleitplanung bei der Berücksichtigung der Umweltgerechtigkeit im Zusammenhang mit den Planungsgrundsätzen nach § 1 Abs. 6 BauGB sowie als sonstiger Belang im Rahmen der planerischen Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB. Einen Ansatzpunkt für eine stärkere Berücksichtigung könnte die Aufwertung zu einem informellen Konzept, zum Beispiel in Form eines Stadtentwicklungsplans bilden. 23 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Hrsg.), Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung, Berlin 2015. 24 Vgl. Schrödter W. in: Schrödter (Hrsg.), Baugesetzbuch, 8. Auflage, Baden-Baden 2015, § 9 BauGB, Rn. 187. 25 Vgl. Decker, Bestandsschutz im bebauten Bereich, in: Mitschang (Hrsg.), Umbau im baulichen Bestand – Fachund Rechtsfragen, Frankfurt am Main 2015; 53 (65). 26 Vgl. Battis, in: Battis/Krautzberger/Löhr, Baugesetzbuch Kommentar, 13. Auflage, München 2016, § 9, Rn. 66. 27 VGH München, Urt. V. 16.03.2010 – 15 N 04.1980 – Juris, Rn. 26. 316 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Für die Umsetzung sind beide Ebenen der Bauleitplanung gleichermaßen geeignet. Der Flächennutzungsplanung als strategischem Instrument zur Steuerung der Bodennutzung und damit der Zuordnung von unterschiedlichen Nutzungen auf der Ebene der Gesamtstadt kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Denn bereits bei der Nutzungszuordnung untereinander können Mehrfachbelastungen entsprechend berücksichtigt werden. Aber auch in der verbindlichen Bauleitplanung können durch die räumliche Verortung von Flächen für den geförderten Wohnungsbau Aspekte der Umweltgerechtigkeit umgesetzt werden. Insofern ist die Bauleitplanung sowohl vom Verfahren als auch von den möglichen Inhalten offen für eine Berücksichtigung der Umweltgerechtigkeit in der konkreten Situation. Maßgeblich für die Berücksichtigung sind dabei natürlich die Kenntnisse der entsprechenden Informationen im Rahmen der Zusammenstellung des Abwägungsmaterials. 317 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Exkurs 3.3: Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen – Spurensuche und Ansatzpunkte Einführung Universität Leipzig, Institut für Geographie Prof. Dr. Ulrike Weiland Umweltprüfungen gelten als geeignete Instrumente, um Umwelt- und Gesundheitsbelange in der räumlichen Planung und bei Vorhabenzulassungen zu berücksichtigen. Mit dem Begriff Umweltprüfungen werden im Folgenden Strategische Umweltprüfungen (SUP) und Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) nach UVP-Gesetz sowie Umweltprüfungen in der Bauleitplanung (UP) nach dem BauGB zusammengefasst. Umweltprüfungen sind nicht nur auf die physische Umwelt und den Naturhaushalt bezogen, sondern haben einen klaren Auftrag, auch soziokulturelle und gesundheitliche Aspekte zu prüfen und zum Schutz von Umwelt, Gesundheit und Wohlbefinden beziehungsweise Lebensqualität der Bevölkerung beizutragen. Umweltprüfungen in der Bauleitplanung haben zum Beispiel unter anderem auf den Schutz gesunder Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Sicherheit, die Wohnbedürfnisse und die Erholung der Bevölkerung, auf sozial stabile Bewohnerstrukturen etc. zu zielen (§ 1 Abs. 6 Nr. 2 BauGB). Gesundheitsschutz wird zunehmend unter dem Oberbegriff der Umweltgerechtigkeit diskutiert; man geht davon aus, dass ein wirksamer Gesundheitsschutz nur möglich ist, wenn die komplexen Wechselwirkungen von Gesundheit, Umweltexposition und sozialer Lage angemessen berücksichtigt werden (vergleiche Hornberg et al. 2011: 38). Diese Differenzierung könnte zu einer qualitativen Verbesserung der bisher recht pauschalen Berücksichtigung des Schutzguts ‚menschliche Gesundheit‘ in Umweltprüfungen führen. Bisher ist das Konzept der Umweltgerechtigkeit noch in Diskussion; allerdings gibt es einige Kernpunkte. Danach zielt Umweltgerechtigkeit einerseits auf Verteilungsgerechtigkeit sowohl von Umwelt- und Ressourcennutzungen als auch von Umweltbelastungen ab sowie andererseits auf Verfahrensgerechtigkeit bei der Öffentlichkeitsbeteiligung in Planungsund Entscheidungsverfahren (Bunge 2014: 21). Vorsorgegerechtigkeit zielt darüber hinaus auf zukünftige Generationen, somit auf Zukunftsfähigkeit beziehungsweise den Langzeitaspekt des Nachhaltigkeitsprinzips: Heute lebende Generationen sollen die Umweltqualität in einer Weise erhalten, dass die Entwicklungschancen zukünftiger Generationen nicht beeinträchtigt werden (vergleiche Hornberg et al. 2011: 28; dort weitere Quellen). Das Berliner Umweltgerechtigkeitskonzept fokussiert auf die sozialräumliche Verteilungsgerechtigkeit zentraler Umweltbelastungen. Umweltgerechtigkeit als querschnittsorientiertes Thema und Brückenkonzept fordert die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen geradezu heraus, von den Gesundheitswissenschaften (vergleiche Bolte et al. 2012) über die gesundheitsbezogene Raumforschung und -planung (vergleiche ARL 2014; Böhme et al. 2015) bis zur Fach- und Interessenvertretung für Umweltprüfungen (vergleiche UVP-Gesellschaft 2014). Dabei trifft das Konzept der Umweltgerechtigkeit in Deutschland auf das lange in Umweltrecht und -politik verankerte Vorsorgeprinzip (vergleiche Kühling 2014), zu dessen Umsetzung unter anderem Umweltprüfungen dienen; eine theoretische Auseinandersetzung zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Konzepte steht noch aus. Die vierstufige ‚Integrierte Berliner Umweltgerechtigkeitskonzeption (IBUk)‘ (SenStadtUm 2016: 87 ff.) befasst sich mit der Verteilungs(un)gerechtigkeit von Umweltbelastungen. Ein bisheriges wesentliches Ergebnis stellt die ‚Integrierte Mehrfachbelastungskarte‘ dar, in der die kumulierte Belastung jedes Planungsraums durch Lärm, Luftschadstoffe, Grünflächen(unter)versorgung und die bioklimatische Belastung mit dem Sozialstatus verknüpft wurden, woraus sich ein differenziertes Bild der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen in Berlin ergibt. Wenn in der 2. Handlungsebene der Konzeption Leitbilder, Ausgleichskonzeptionen und Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltqualität mit dem Ziel der Steigerung der Umweltgerechtigkeit gefunden sind, dann sollen diese in das Berliner Planungssystem aufgenommen und anschließend in der 3. Handlungsebene in den verschiedenen städtischen Handlungsfeldern umgesetzt werden. Die 4. Handlungsebene dient der Evaluation, deren Ergebnisse im Sinne eines lernenden Systems Nachsteuerungen ermöglichen sollen. 318 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Umweltprüfungen kommen in der 2. Handlungsebene der IBUk ins Spiel, wenn zum Beispiel für den Landesentwicklungsplan, die Bauleitpläne, das Landschaftsprogramm, Landschafts- und Grünordnungspläne, Abfallwirtschaftskonzepte und -pläne, Verkehrsplanungen, Luftreinhalte- oder Lärmminderungspläne (strategische) Umweltprüfungen durchgeführt werden müssen oder wenn Umweltverträglichkeitsprüfungen für Vorhaben durchzuführen sind. Im Folgenden wird untersucht, inwieweit das Konzept der Umweltgerechtigkeit bereits Niederschlag in Umweltprüfungen gefunden hat und ob sich bereits Ansatzpunkte für eine Verankerung von Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen benennen lassen. In Form einer Spurensuche werden zunächst rechtliche Grundlagen, Leitfäden und Arbeiten zur Praxis von Umweltprüfungen dahingehend untersucht, inwieweit sie Umweltgerechtigkeit ansprechen beziehungsweise operationalisieren. Sodann werden Ansatzpunkte zur Integration von Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen gesucht. Der Verfasserin ist bewusst, dass in diesem Beitrag hoch komplexe Zusammenhänge sehr knapp dargestellt werden (müssen). Detailliertere, tiefer gehende Ausführungen bleiben weiteren Arbeiten vorbehalten. Umweltgerechtigkeit in Rechtsgrundlagen, Leitfäden und Praxis von Umweltprüfungen? In den rechtlichen Vorgaben für Umweltprüfungen werden ausdrücklich die Bevölkerung, ihre Lebensumwelt beziehungsweise der Mensch und seine Gesundheit adressiert. Bereits in der UVP-Richtlinie aus dem Jahr 1985 werden als Gründe für die Durchführung von UVPen unter anderem der Schutz der menschlichen Gesundheit und die Verbesserung der Umweltbedingungen als Beitrag zur Lebensqualität der Menschen genannt. Dies beinhaltet auch das psychische und soziale Wohlbefinden des Menschen. Mit der SUP-Richtlinie von 2001 wird diese Sichtweise bestätigt (vergleiche Gassner et al. 2010: 24). Mit der Integration der menschlichen Gesundheit in das deutsche UVP-Gesetz wurde die deutsche Rechtslage an internationales Recht angepasst und klargestellt, dass neben Folgen für die Gesundheit der Menschen auch zum Beispiel sozialräumliche Auswirkungen durch Verkehrstrassen oder bergbaubedingte Umsiedlungsmaßnahmen in die Umweltprüfungen einzubeziehen sind (vergleiche Bunge, Nesemann 2005: 38). Allerdings ist weder in Rechtsgrundlagen noch in Leitfäden zu Umweltprüfungen ein Hinweis auf Umweltgerechtigkeit zu finden. Weder die EU-Richtlinien zur SUP (V/42/EG) und zur UVP (2011/92/EU; 2014/52/EU; vergleiche Balla, Günnewig 2016) noch das UVPG enthalten Vorgaben zur Berücksichtigung von Umweltgerechtigkeit; Gleiches gilt für Gassner et al. (2010). Umweltgerechtigkeit ist auch im BauGB, der Rechtsgrundlage für die Umweltprüfung in der Bauleitplanung, nicht verankert. Allerdings sind nach § 1 BauGB der Schutz gesunder Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie umweltbezogene Auswirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit zu berücksichtigen; diese Vorgaben sind zwar interpretationsbedürftig und unterliegen der Abwägung, aber sie können auch im Hinblick auf Gerechtigkeitsaspekte ausgelegt werden. Die Tatsache, dass Umweltgerechtigkeit in den rechtlichen Grundlagen nicht erwähnt wird, mag darin begründet liegen, dass diese vorwiegend Verfahrensvorgaben enthalten, und dass Umweltprüfungen als unselbstständige Teile behördlicher Verfahren gelten, sie folglich in diese integriert werden und sie – über die oben angesprochenen allgemeinen Schutzziele wie Schutz von Bevölkerung, Gesundheit, Wohlbefinden etc. hinaus – die konkreten Zielvorgaben und Bewertungsmaßstäbe dieser Rechtsgebiete übernehmen, das heißt der Bauleitplanung, des Immissionsschutzes, der Wasserwirtschaft etc. Umweltgerechtigkeit ist bisher kein Ziel im Umwelt- und Planungsrecht. Gemäß der nahe am Regelungstext orientierten Auslegung der Rechtsgrundlagen machen auch Leitfäden für Umweltprüfungen (zum Beispiel BSMI 20072; SenStadt 20063, UBA 2009) keine Vorgaben beziehungsweise geben keine Empfehlungen zur Berücksichtigung von Umweltgerechtigkeit bei Vorhaben, Plänen und Programmen. Auch aktuelle Forschungen zur Weiterentwicklung von Umweltprüfungen (unter anderem Rehhausen et al. 2015; 319 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Balla, Günnewig 2016) befassen sich nicht mit Umweltgerechtigkeit. Dies überrascht insofern, als die Gesundheit des Menschen nun ausdrückliches Schutzgut von Umweltprüfungen ist und von einem engen Zusammenhang zwischen Gesundheit, Umweltexposition und sozialer Ungleichheit und letztlich Umweltgerechtigkeit ausgegangen wird (vergleiche Bolte et al. 2012). In Bezug auf die Praxis der Umweltprüfungen wird konstatiert, dass deren gesundheitsschützendes Potenzial nicht ausgeschöpft werde und dass die Kriterien zu grob und letztlich „ungeeignet zur Erfassung und Bewertung sozialräumlicher Verteilungen von Umweltbelastungen“ seien – die jedoch als „zwingende Voraussetzung“ für die „Integration von Umweltgerechtigkeit in die Umweltprüfung“ angesehen werden (Baumgart 2012: 274). In der kommunalen Praxis muss darüber hinaus die Bedeutung von Umweltprüfungen dahingehend relativiert werden, dass Umweltprüfungen in bebauten Bereichen nur auf einem Teil der Flächen beziehungsweise nur für einen Teil der Planungsfälle durchgeführt werden müssen; sie sind nicht erforderlich bei der Baurechtschaffung nach § 34 BauGB im unbeplanten Innenbereich, bei vereinfachten Verfahren nach § 13 BauGB und in der Regel nicht bei beschleunigten Verfahren für Bebauungspläne der Innenentwicklung nach § 13a BauGB. Somit erhalten hier andere Instrumente zur Umsetzung von Umweltgerechtigkeit einen höheren Stellenwert. Wie sieht es in der Praxis mit der Berücksichtigung von Gesundheits- und Umweltgerechtigkeitsaspekten in Umweltprüfungen aus? Nach einer bundesweiten Fallstudienanalyse, in der auch der Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg mitwirkte, wird Umweltprüfungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen eine hohe Relevanz für die Verbesserung gesundheitsrelevanter Umweltbedingungen gegeben, wobei die Möglichkeiten zur sozialräumlichen Differenzierung als ‚mittel‘ eingestuft werden (Böhme et al. 2015: 101). In der Praxis aber „komme das Schutzgut Mensch, einschließlich der menschlichen Gesundheit, häufig zu kurz“. Zwar werde „das Schutzgut Mensch (…) in der strategischen Umweltprüfung beziehungsweise Umweltverträglichkeitsprüfung meist explizit behandelt, aber eher mit Standardformulierungen. Von der Möglichkeit, in das Prüfverfahren auch soziale und gesundheitliche Benachteiligungen sowie sozialräumliche Aspekte einzubringen, werde bislang wenig Gebrauch gemacht“ (Böhme et al. 2015: 110/104). Bisher fehlen konkrete und handhabbare Bewertungsmaßstäbe, gesundheitliche Risiken werden häufig nur indirekt über die Umweltmedien berücksichtigt, und die menschliche Gesundheit werde beispielsweise nur über den Indikator „zu Erholungszwecken nutzbare Freiflächen“ berücksichtigt (Baumgart 2012: 275 f.). Die möglichen Ursachen für diese unbefriedigende Situation sind vielfältig. Es gibt noch viele offene Forschungsfragen zu Wirkungszusammenhängen sowie Methoden- und Datendefizite, und eine schwierige kommunale Haushaltslage führt zur Konzentration auf Pflichtaufgaben. Ein weiteres Hindernis besteht darin, dass politische Diskussionen zu den erforderlichen Wertmaßstäben für Umweltgerechtigkeit kontrovers und bisher nicht bis zu einem handhabbaren Ergebnis geführt wurden – wobei die schwierige Aufgabe der Zielfindung im politischen Raum erfolgen muss, aber Voraussetzung für eine stringente, zielorientierte Durchführung von Umweltprüfungen ist. Ansatzpunkte für die Berücksichtigung von Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen Trotz dieser eher ernüchternden Ergebnisse werden im Folgenden Ansatzpunkte für die Berücksichtigung von Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen gesucht, mit Schwerpunkt auf dem Menschen und dem Schutzgut menschliche Gesundheit. Begonnen wird mit einem theoretisch-konzeptionellen Ansatz, dessen Diskussion auch für Umweltprüfungen und Umweltgerechtigkeit interessant erscheint. Danach werden konkretere Ansatzpunkte vorgestellt. In Bezug auf Umweltprüfungen kann der Diskurs um Umweltgerechtigkeit nicht losgelöst von raumbezogenen Gerechtigkeitsdiskursen geführt werden, worauf hier nur kurz hingewiesen werden kann. In Raumplanung und -forschung wird aktuell diskutiert, die Kriterien für Daseinsvorsorge und gleichwertige Lebensverhältnisse neu zu justieren (vergleiche ARL 320 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 2016). Dabei wird auf den Fähigkeiten-Ansatz (capabilities approach) von Amartya Sen und Martha Nussbaum Bezug genommen, nach dem eine alleinige Umverteilung von Ressourcen und Belastungen zur Erreichung von Verteilungsgerechtigkeit nicht für ausreichend gehalten wird, sondern Gerechtigkeit als „gradueller Prozess“ verstanden wird. Der Ansatz geht insofern über Verteilungsgerechtigkeit hinaus, als mit ihm Chancengerechtigkeit angestrebt wird, indem die unterschiedlichen Fähigkeiten der Individuen berücksichtigt werden, die Gesellschaft zur Realisierung eines besseren Lebens für ihre Mitglieder aufgerufen wird und der Staat hierbei eine aktivierende Rolle einnimmt (vergleiche Huber 2016). Statt der bisherigen ‚Output-Orientierung‘ in Form der Sicherstellung einer angemessenen Ausstattung mit materieller Infrastruktur gehe es bei einer ‚Outcome-Orientierung‘ vielmehr darum, die „Vielfalt der Individuen und ihre unterschiedliche Vulnerabilität“ in den Blick zu nehmen und in einem präventiven Ansatz gesunde Wohn- und Lebensverhältnisse anzustreben. „Hierbei sind soziale Ungleichheiten im Hinblick auf (umweltbezogene) Verteilungsgerechtigkeit besonders zu berücksichtigen. Die Bedürfnisse der vulnerabelsten Gruppen sollten beachtet werden“ (ARL 2016: 7). Übertragen auf die Integration des Umweltgerechtigkeitsansatzes in Umweltprüfungen bedeutet dies, dass über Verteilungsgerechtigkeit hinaus Chancengerechtigkeit und umweltbezogene Verfahrensgerechtigkeit zu konzipieren, diskutieren und implementieren sind. Bisherige Vorschläge zu Berücksichtigung von Umweltgerechtigkeit in der Raumentwicklung sind breit gefächert und eher formaler Natur; sie reichen von der Verankerung von Umweltgerechtigkeit als gesetzlicher Pflichtaufgabe über die Einführung separater Verfahren bis zur Integration von Umweltgerechtigkeit in bestehende Instrumente. Als separate Verfahren werden Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen, Gesundheitsfolgenabschätzungen oder Health Equity Impact Assessments bereits durchgeführt oder vorgeschlagen, wobei hier eine große Methodenvielfalt besteht (vergleiche Aschemann et al. 2015; Hornberg et al. 2011: 80 ff.; Nowacki, Mekel 2012: 283 ff.). Auch die in mehreren Bundesländern in Entwicklung befindlichen Fachpläne für Gesundheit zählen zu den Instrumenten, die Informationsgrundlagen für Umweltprüfungen enthalten können. Anregungen zur Berücksichtigung von Umweltgerechtigkeit in Umweltprüfungen sollen mit Blick auf das gesamte Planungssystem entwickelt werden, um „planerische und umweltrechtliche Instrumente kombinieren und als ein aufeinander abgestimmtes Instrumentenbündel für mehr Umweltgerechtigkeit einsetzen“ zu können (Böhme et al. 2015: 26). Da die Integration von Gesundheits- und Umweltgerechtigkeitsaspekten in die bekannten Verfahrensabläufe von Umweltprüfungen für realistischer gehalten wird als die Einführung neuer Verfahren, wird im Folgenden auf einige Verfahrensschritte von Umweltprüfungen wie Scoping, Erstellung des Umweltberichts/der Unterlagen des Trägers des Vorhabens und das Monitoring eingegangen. Bei einer zukünftigen Methodenentwicklung empfiehlt sich zu prüfen, welche Ansätze der gesundheitsbezogenen Prüfverfahren für die Umweltprüfung genutzt werden können. Gleiches gilt für den noch in Entwicklung und Erprobung befindlichen Fachplan Gesundheit (vergleiche Baumgart 2013; LZG NRW 2014); die Nutzung von Synergieeffekten scheint bei einer abgestimmten Entwicklung möglich. Angesichts des noch wenig entwickelten Diskussionsstandes wird im Folgenden keine systematische Differenzierung zwischen den verschiedenen Ebenen und Formen von Umweltprüfungen vorgenommen; aufgrund der Rechtslage ist jedoch davon auszugehen, dass Umweltgerechtigkeitsaspekte am leichtesten in Umweltprüfungen der Bauleitplanung berücksichtigt werden können. Ein enger thematischer Bezug besteht außerdem zu Landschaftsplänen, Luftreinhalteplänen und Lärmminderungsplänen. Screening: Bereits beim Screening, das heißt bei der Vorstrukturierung der Umweltprüfung, ist der Einbezug von Gesundheits- und Umweltgerechtigkeitsaspekten ratsam und besonders dort möglich, wo entsprechende aktuelle Daten und Bewertungen sozialräumlicher Verteilungen von Umweltbelastungen wie die Berliner Integrierte Mehrfachbelastungskarte vorliegen. Wenn die Karte (die aufgrund des Bearbeitungsstandes 2013 lediglich Hinweise zu Mehrfachbelastungen geben kann) für ein Untersuchungsgebiet einer 321 Umweltgerechtigkeit im Land Berlin | Basisbericht 2017/18 Umweltprüfung eine Mehrfachbelastung anzeigt, so ist