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Das Rathhaus

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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uns, daß eine Wiederherstellung des Rathhauses in den Jahren i486 bis 1494 
stattgefunden hat. In jenen Jahren ist auch die Lücke am Thurm mit dem oben 
erwähnten Einschiebsel ausgefüllt worden. Jur Keller dieses Gebäudetheils befand 
sich ein Gefängnis;, der sogenannte Krautgarten, und der Raum im Erdgeschoß 
war von einem Sterngewölbe überspannt, wie es am Ende des 15. Jahrhunderts 
in Berlin und anderen Orten Mode war. 
Doch die Bauausführung muß eine wenig sorgfältige gewesen sein, denn 
schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts sind wiederum Reparaturen nothwendig 
geworden. Der Thurm war dem Einsturz nahe und mußte infolge dessen er 
neuert werden. Ferner gab der prachtliebende Joachim II., der von dem schmuck 
losen Rathhause seiner Residenz sich unangenehm berührt fühlte, die Anregung 
zum Ausbau der Rathsstube. Da ging man einmal mächtig ins Zeug, über 
wölbte 1555 den Raum und stattete ihn prunkvoll aus, die Dekoration bestand 
aus einer eigenthümlichen Mischung von Formen der Gothik und Frührenaissance. 
Unterdessen war bereits die Gerichtslaube ihrer Bestimmung entzogen, die Ein- 
führung des römischen Rechts brachte eine von der früheren abweichende Gerichts 
praxis mit sich. Ehedem gaben die Schöffen vor Gottes Angesicht unter freiem 
Fimmel ihren Wahrspruch ab, jetzt aber waltete die Themis am grüne" Tisch in 
dumpfiger, roh getünchter Gcrichtsstube. Die Stadt, welche Joachim I. wieder 
mit der Gerichtsbarkeit begabt, hatte die zur Rechtsprechung erforderlichen Räume 
iin Rathhause. Bald finden wir sie in dem Hause mit den Bogenlauben an der 
Spandauer Straße, dann wieder in einem Anhängsel an der entgegengesetzten 
Seite des Rathhauses, besonders überliefert wird auch, daß man die einstöckige 
Rathswage erhöht, um dort im Obergeschoß die Gerichtsstuben anzulegen, und 
darüber im Dachboden befand sich die städtische Folterkammer. Als die Arkaden 
der Gerichtslaube geschlossen wurden, hielt in den ehrwürdigen Raum der mächtigste 
aller Götter seinen Einzug, der Mammon. Dort hauste er bis zum Jahre 1763 
über den Kasse» der inittclinärkischen Städtegruppe, deren Vorort Berlin war. 
Die damaligen Stände, darunter auch die Städte, hatten die bittere Pflicht, die 
ungeheuren Schuldenlasten, die Joachim II. fortgesetzt dem Lande bescherte, zu 
decken. Das machte den Finanzkünstlern viel Kopfzerbrechen und es mag Zeiten 
gegeben haben, wo in dem Stadt-Gewölbe — so wurde die Gerichtslaube um 
getauft — das Mißvergnügen sich in tiefen Seufzern und in vernehmlich ge 
murmelten Kraftworten Lust machte. Im 17. Jahrhundert, kurz vor dem 'Ableben 
des Großen Kurfürsten, scheinen die Stadtväter bereut zu haben, gerade ihren 
schönsten Raum der Kasse eingeräumt zu haben. Einer Anregung des Geheimen 
Raths folgend, versah der Magistrat den Rathskeller mit feineren Weinen. Es 
war mehrfach vorgekommen, daß vornehmen Gästen als Ehrentrunk ein elender 
Krätzer gereicht wurde, das verbat sich der Kurfürst mit aller Entschiedenheit.
        
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