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Zur Geschichte der Berliner Festungswerke

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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die Strecke zwischen der Waisenbrücke und kleinen Siralauer Straße. Ls ist also 
mit Händen zu greifen, weshalb die Berliner diese beiden Theile des Spreeufcrs 
mit Mauern eingesäumt haben. An dem schon gekennzeichneten Oberbaum hatte 
die Berliner Mauer jenen Thurm, der Jahrhunderte lang schlechtweg der padden- 
thurm hieß. In lauen, poetischen Sommernächten haben offenbar die dort 
stationirtcn zahllosen Frösche das ehrwürdige Gemäuer so laut und aufdringlich 
angcquakt, daß der herrliche Name sich von selbst ergab und auch der daran 
stoßenden Gasse nicht vorenthalten werden konnte. 
Die Alterthumsfreunde und Lokalpatrioten haben sich oft genug in beweg 
lichen Ieremiadcn über die vollständige Zerstörung der alten Berliner Festungs- 
werke ergangen. So mancher Thurm, so manches Mauerstück hat doch sicherlich 
der Entwicklung des Verkehrs nicht im Wege gestanden. Warum mußte Alles 
mit Slumps und Stiel vertilgt werden? Mit welcher Pietät würden wir heute 
den paddenthurm, hätten wir ihn noch, hegen und pflegen, ein wie behagliches 
Alter würden wir ihm bereiten! Im Larock-Zettalter hatte man indessen wenig 
Sinn für die mittelalterlichen Bauwerke, ja man scheute sich gelegentlich nicht, 
einen hochehrwürdigen romanischen Dom im Innern durch Barock-Geschnörkel 
zweifelhafter Güte zu verkleistern oder auch ein Backsteingemäuer, das in seiner 
technischen Feinheit heutzutage die Kenner entzücken würde, hinter einem unsagbar 
öden Kaltmantel zu verstecken. Der Große Kurfürst ließ die alten Werke stehen, 
weil er ein sparsamer Herr war und die Ausgaben scheute, welche das Nieder 
reißen erforderte. . Sein Nachfolger ging um so unbarmherziger vor. Doch ein 
allzuschwerer Vorwurf ist gegen den kunstsinnigen König nicht zu erheben, denn 
sicherlich ständen die Hauptheile der Festungswerke heute noch, hätte ihnen ein 
hervorragender künstlerischer Werth inne gewohnt. So vollblütig die Alt-Berliner 
gewesen, eine künstlerische Ader haben sie nicht besessen, das ist eine unumstößliche 
Thatsache. Die Stadtkirchen und Kapellen sind nichts weniger als imponirende 
Leistungen, auch der privatbau, das Handwerk, die Wissenschaft und andere Kultur- 
zweige gingen niemals über die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens hinaus. Die 
Alt-Berliner waren virtuosen im Essen und Trinken, — die Chronisten gebrauchen 
etwas schärfere Ausdrücke dafür — sie hatten ein erstaunliches Mundwerk, genau 
wie heute, sie besaßen eine nüchterne Klarheit, einen praktischen Sinn, der dem 
kostspieligen Raffinement in weitem Bogen auswich, alle die guten Dinge, die Leib 
und Seele erhalten, genossen sie nach der (Quantität, nicht aber nach der (Qualität. 
Die Berliner Thorbauten sind ohne Zwe fel höchst brauchbare, keineswegs aber 
schöne Erzeugnisse gewesen. Und doch war Berlin keine arme Stadt, die Bürger 
erfreuten sich eines für mittelalterliche Verhältnisse kolossalen Grundbesitzes und 
wenn sie gewollt hätten, nun, solch herrliche Bauwerke, wie die Tangermünder, 
Stendaler, Brandenburger, Stargardtcr, Greifswaldrr, Königsbcrger, Partner,
        
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