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Am Spandauer Thor

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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Stadt eingedrungen. Lin anmuthig gewundener wasserlauf legt sich eng an den 
Festungsgürtel, ein Stadtgraben von enormer Breite. Rechts der glänzende 
Wasserspiegel ist natürlich der „Spree-Fluvius", der Karpfenteich möge verzeihen, 
daß man ihm für ein Semester seinen ehrlichen Namen abstreitet. Line mit Busch, 
werk verbrämte Einbuchtung begünstigt die Vorstellung, als ob dort noch eine 
Fortsetzung des Wassers anzutreffen sei, der eigentliche Flußlauf zwischen den 
Schwesterstädten Berlin und Lölln. Da die Spree im wittelalter ungleich mehr 
Wasser als heute nach Spandau abführte, so kann auch die stattliche Ausdehnung 
des Beckens weiter kein Befremden hervorrufen. Der Stadtgraben erhielt seine 
Füllung direkt aus der Spree, umgab in einem Halbkreis die Stadt und mündete 
am Stralauer Thor wiederum im Flusse. Das Außenthor, auch Durch, 
laß ha us genannt, wächst mit einer mächtigen Substrnktion von fest vermauerten 
Feldsteinen aus dem Wasser empor. In diesen aus dem Sande ausgegrabenen 
Granit - Findlingen ist das älteste Steinbaumaterial der wark zu begrüßen, es 
hastet ihm also immer ein sehr alterthümliches Gepräge an. Der Oberbau des 
Durchlaßhauses besteht aus Backstein. Die Gliederung des Bauwerks ist durchaus 
einfach und zweckmäßig. Als Widerlager dienen zwei viereckige Pfeiler an der 
Vorderfront» oben steil abgeschrägt, dazwischen der schlichte Spitzbogen der Durch, 
fahrt, im Obergeschoß ist ein Lrker auf Konsolen vorgekragt, links schmiegt sich an 
den Untertheil des Baukörpers ein pultförmig abgedachter Anbau und rechts hat 
der korrespondirende Annex eine halbkreisartige Gestaltung, die an die Apsis der 
romanischen Bauweise erinnert. Nur der Lrker hat zwei Ausgucköffnungen, sonst 
nirgends ein Fenster oder eine Schießscharte, die Thorhüter hatten ihre Augen 
eben nur aus die Brücke zu richten. An Zierformen besitzt das Durchlaßhaus 
lediglich zwei Spitzbogenblenden oberhalb der Strebepfeiler und eine rechteckige 
Blende über dem Thorbogen, das ist herzlich wenig. Die Alt. Berliner Bau- 
meister gingen, wie wir noch weiter sehen werden, von der Anschauung aus, daß 
prunkvolle Dekorationen an den Festungswerken zu den auf dieser Welt über. 
flüssigsten Dingen gehören. Allerdings ist das steil ansteigende Walmdach mit 
den beiden metallenen Kugelspitzen auf dem First und der keck vorspringenden 
Traufkante dazu angethan, den bärbeißigen Ernst des Außenthors zu mildern. 
Wie solide das Haus ausgemauert ist, sehen wir an der schweren Tonnenwölbung 
der Durchfahrt am besten. Treten wir in die engen Kabinen rechts und links ein, 
so können wir uns eine Vorstellung machen, wie die schwere Zugbrücke mit ein. 
fachen Vorrichtungen gehoben und gesenkt wird. 
Der Lrker im Obergeschoß ist gleichfalls kein Schmuckstück, sondern auf den 
bitteren Lrnst der Nothwehr eingerichtet. An der NIauer, an den weichen und 
Thürmen dienten die Lrker als ein Schutzmittel im Nahkampfe, wenn man 
schwere Steine vom Zinnenkranz auf die Angreifer herabschleuderte, mußte man
        
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