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Am Markt

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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Opus hat genau dieselben Eigenschaften und es ist eine alte Thatsache, daß Liner 
genau so baut, malt oder komponirt, wie er von Natur äußerlich geartet ist. 
Man vergleiche zum Beweis dafür Michelangelo mit Raffael, Mozart mit Beet 
hoven. Das Haus Nr. 13 hat einem wohlhabenden Krämer gehört. Cs hat 
unten den üblichen Laden, oben einen geräumigen Bodenraum, welcher eine Hslz- 
thür nach außen aufweist, und hier hinauf wurden mit einer Winde die Säcke 
und Kis n mit den kolonialwaaren emporbefördert. Eine derartige Einrichtung 
ist in den meisten Fällen das Charakteristikum eines alten Kaufhauses. Dann 
aber Nr. 14 und 15 ein Haus, das an Eleganz der Bauart in Alt-Berlin seines 
Gleichen nicht hat. Ursprünglich war es nur ein schmales Giebelhaus. Die 
schlanken Spitzbogenblenden des Obergeschosses, der rank aufsteigende Staffelgiebel 
sind eine wahre Freude, die eigenthümlichen Fifchblasen-Blenden in der Höhe sagen 
uns, daß das Haus der Epoche der Spätgothik angehört. Der kurze Längs 
flügel ist, wie an dem niedrigen Erdgeschoß erkenntlich wird, eine spätere Erweite 
rung und endlich der winzige portalbau ist in einen der alten Durchgänge zwischen 
den Brandmauern der Häuser eingezwängt. Noch später und so auch auf der 
Ausstellung ist das Haus in die Hände von zwei Besitzern übergegangen, daher 
sah sich der eine gezwungen, von dem Barocknachbar das Portalhäuschen zu er 
stehen, um einen Zugang zu seinem Gebäude zu bekommen, und der Besitzer des 
einstöckigen Barockhauses mußte sich eine Freitreppe anlegen. Es ist erfreulich, zu 
sehen, wie herzensgute Nachbarn die Alt-Lerliner gewesen sind. Davon werden 
wir noch weiterhin manchen Beweis erbringen können. Wenn man von der 
guten alten Zeit sprechen will, so ist es gewiß im Hinblick auf solche Gepflogen 
heiten am Platze. 
Ein ebenso interessantes Bild bietet die Häuserreihe auf der Westseite des 
Markts. Wenn auf der Ausstellung Himinelsrichtungen erwähnt werden, so 
knüpfen sie an die Topographie des alten oder neuen Berlin an und nicht an 
diejenige des Treptower Parks. Der Leser, dem derartige Bezeichnungen geläufig 
sind, wird ohne Weiteres z. B. die Gstfeite von der Westseite der Spandauer Straße 
und die Schattenseite von der Sonnenseite der Georgenstraße zu unterscheiden 
wissen. Dem Besitzer des Hauses Nr. 17 ist ein großer Theil der Front durch 
den Nachbar verbaut, um nun doch ein wenig zur Geltung zu kommen, schob er 
einen Erkerbau im Obergeschoß weit vor die Fluchtlinie und stützte ihn durch 
schönprofilirtes Konsolgebälk, das ergiebt eine malerische Silhouette, dazu erwarb 
er noch ein schmales zweistöckiges Grundstück, in welchem er einen Laden einrichtete. 
Daneben Nr. 18 wohnte ohne Zweifel ein Alt-Berliner Original, es war „der 
Mann von dem dusteren Hause". Ein verbissener, weltscheuer Sonderling, der 
weit in der Welt herumgekommen, mit hochfliegenden Plänen nach Berlin heim 
gekehrt, wetzen seiner feinen Lrabanter Manieren aber von den Mitbürgern arg
        
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