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Plan und Straßen-Namen von Alt-Berlin

Full text: Offizieller Führer durch die Spezial-Ausstellung Alt-Berlin / Rapsilber, Maximilian

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am bösesten beleumundete Gasse Sellins, eng, finster und von Scbmutz starrend. 
Ursprünglich ein schmaler Gang von der Heiligengeiststraße zu dem an der Spree 
stehenden Rundthurm, der die Rainen Durchgang, Wassergasse, Spreegäßlein und 
unter dem Großen Kurfürsten „Fffauengäßlein" führte. Die letzte Bezeichnung 
knüpft an die hier Iabrhunderte lang domicilirte Prostitution niedrigster Gattung 
an. Die üble Vergangenheit dieser Gasse lebte in mündlichen Ueberlieferungen 
drastischer Art bis in die Witte dieses Jahrhunderts fort. Die Gaffe war so eng, 
daß die dort einlogirten Weibsbilder sich von Fenster zu Fenster über die Straße 
hinweg befehden konnten. Lin auch in anderen Städten beliebtes Wittel, sich 
handgreiflich bemerkbar zu machen, bestand darin, daß die Angreiferin ihrem 
Vis-ä-vis mit einem Reisbcfen in die Visage fuhr. Bei solcher Gelegenheit soll es 
sich, so wurde erzählt, einmal ereignet haben, daß ein wüthendes Dämchen die Balance 
verlor, aus dem Fenster stürzte und stch das Genick brach. Zur Strafe wurde ste 
am Hochgericht auf dem Tcufelslustgarten (dem heutigen Gartenplatz) vom Henker 
eingescharrt, ohne indessen auch hier Ruhe zu finden. Denn in stürmischen Rächten 
soll ein mit dem Reisbesen bewaffnetes Gespenst einen wilden Rundtanz um den 
Galgen exekutirt und in blinder Wuth das Galgenholz mit dem Besen bearbeitet 
haben. In einem nicht viel besseren Ruf stand früher die Rosenstraße, welche, ich 
erröthe, es auszusprechen, im 16. und 17. Jahrhundert die „Huren-Gasse" hieß. 
Das war ein amtlicher, vom Rath bestimmter Rainen, der 1383 im Todlen- 
Register und 1674 gar im Trau-Register der Marienkirche nachzuweisen ist. Haus 
an Haus restdirtcn in dieser Gaffe die „an der Unehre sitzenden grauen". Der 
Scharfrichter, der freundnachbarlich an der Stadtmauer sich angesiedelt, war mit 
der Ausübung der nicht sehr rigorosen Sittenpolizei betraut. Lin Ldikt aus dem 
Jahre 1486 bestimmte, daß die Bewohnerinnen der Rosengasse ein kurzes Wäntelchen 
als weithin sichtbares Abzeichen ihrer Sonderstellung in dem ehrbaren Gemein 
wesen zu tragen hatten, so oft sie stch auf der Straße blicken ließen. Wie oft 
dieser Ukas umgangen wurde, ist nicht gezählt worden. Als nach der Reubcsesti- 
gung Berlins am Lnde des 17. Jahrhunderts das Spandauer Thor verlegt und 
der Hauptverkehr durch die arge Gasse geleitet wurde, erschien eine Namensänderung 
angebracht. Die Bezeichnung „Roftn-Gasse" ist jedoch ironisch zu verstehen, wie 
lucus a non lucendo. Straßenbenennungen mit einer spöttischen Rüance sind 
auch sonst gebräuchlich gewesen. So erhielt die Werdersche Rosenstraße ihren schönen 
Namen von den wüsten und schmutzigen Schifferherbergen, denen Jeder gern im 
weiten Bogen aus dem Wege ging. 
Um noch einige alte Straßennamen anzuführen, möchte ich erwähnen, daß 
auch die ülosterstraße mit einer ganzen Reihe von Benennungen für einzelne 
Theile bedacht war. Da begegnen wir Namen wie Neben dem grauen Kloster, 
Gegen dem grauen Kloster, Am Iörgenthore, Am Oderberger Thore, Auf dem 
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