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Full text: Anton von Werner und die Berliner Hofmalerei / Khaynach, Friedrich von

So 
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daß die Religion das Handeln des Menschen nur sehr wenig 
beeinflußt und daß sic die gewaltige» ihm eingebornen Triebe 
keineswegs dämpft, lind anstatt daß von der alleinselig 
machenden Religion alle Welt voll werde, klagen gerade die 
Pfaffen ani meisten über den täglich zunehmenden Un 
glauben. Ilnd das ist wahr. Mit Hohn wendet sich die frische, 
fröhliche Jugend, der Ernst der Männer von jener greisen 
haften Lehre und Leere ab und die Frommen können froh 
sein, wenn sie einige von den Abtrünnigen als schwache, sich 
vor dem Tode fürchtende Greise, noch in elfter Stunde be 
kehren dürfen. Viele fallen auch aus Geschäftsrücksichten von 
der Religion des freien Geistes ab, beim das Christentum 
ist eine vorzügliche Kapitalanlage. Man kan» reich, ange 
sehen und mächtig dabei werden. General und Minister 
wird man nicht als ehrlicher Heide, wohl aber als verlogener 
Christ. Hätte diese Religion eine gute Grundlage, dann 
hätte sie sich gerade die Intelligenz erobern müssen, aber in 
Wahrheit verfügt sie nur über eine rohe, fanatisierte Masse. 
Offen gestanden — derartige Herzensergüsse sind in 
diesem unfreien Zeitalter nicht sonderlich politisch. Denken dürfte 
man derartige Dinge schon, dagegen hat kein Pfaff etwas einzn- 
wenden. Aber seine gottlosen Ueberzeugungen auch aussprechen 
— nein, das ist niederträchtig! Aber wir Heiden haben auch 
schon unseren Lohn dafür! Wir jagen nicht nach Orden 
und bekommen zur Strafe auch keine. Unsere Kunst geht 
nicht in Sklavenketten zum preußischen Hofe und malt Uni 
formen und Kanonen, wie mein erlauchter Kunstkosak, oder 
am Kreuz verendende Könige der Juden, wie der selige 
Pfannschmidt. Nein, das thut sie nicht, aber dafür geschieht 
cs ihr auch recht, wenn sie brotlos, geworden ist. ' Wir be 
stechen in der Jugend nicht — und werden im Alter zur 
Strafe auch nicht bestochen. Wir vertragen »„s nicht mit 
dem lieben Gott und noch weniger mit seinen Stellvertretern 
auf Erden, als da sind Könige, Hohepriester und Schrift-
        
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