Path:
Text

Full text: Anton von Werner und die Berliner Hofmalerei / Khaynach, Friedrich von

;> 
wohl Reichstag genannt, wo wahre Menschen gemacht und 
bewilligt werden. Etwa zwei Millionen wahre und höhere 
Menschen besitzen wir schon, doch werden, nrn einem tief 
gefühlten Bedürfnis abzuhelfen, alle paar Jahre einige 
hunderttausend Bajonette mehr in die Welt gesetzt. 
Trotz aller dieser großen Vorzüge hat es die Stadt Ber 
lin noch nicht vermocht, auch eine Kunststadt zu werden. 
Nichtsdestoweniger glaubt es eine zu sein und es ist um so 
wütender auf diesen Ruhm erpicht, je weniger es seiner 
Sache sicher ist. Obwohl man dort ebensoviel Leinwand 
verschmiert wie anderswo und ebensoviel Thon zu Statuen 
zerknetet, es fehlt eben jenes gewisse Etwas, jener Kunst 
geist, vor allem eine fest in allen Herzen eingewurzelte und 
durch Jahrhunderte befestigte Volkskunst. Dafür aber be 
steht eine Hofkunst, wenn inan dieser „Kunst" die Ehre 
anthun darf, sie Kunst zu nennen. „Am liebsten geht sie 
zu Hofe und sie fühlt sich wohl in ihrem Sklaveukleide," 
hat der treffliche Fr. Th. Bischer über die dortige Kunst- 
wirtschaft gesagt und wir wollen, um die Wahrheit dieses 
Wortes zu beweisen, uns ein wenig die Künstler und ihr 
Schaffen, ihre Ausstellungen und ihr Verhältnis zum Hose 
ansehen. Und wenn wir auch gleich eine Anzahl echter 
Künstler, die teilweise die bedeutendsten Sterne der Gegen 
wart sind, nennen können, so beweist das nur, wie gering 
deren Einfluß auf die Kunst ist, während die unverschämte 
Mißwirtschaft und Mistwirtschaft noch immer unangefochten 
regiert, den Ton augiebt, die Ausstellungen macht und mit 
der Unduldsamkeit, die aller kleinen Tyrannen Erbteil ist, 
jede freie Bewegung rücksichtslos niederhält. Das Berlin 
der Gegenwart ist aus allen Gebieten ebenso wie in seiner 
„Kunst" eine Bastei des Protzentums und der Emporkömm 
linge und die heilige Kunst, ohne einiges Verständnis ober 
flächlich von Fürsten protegiert, die nicht wie Gott alles, 
sondern die alles besser wissen, ist noch weit davon entfernt, 
ihren lichten Schein in die Herzen voll Goldgier und Geistes
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.