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Full text: Anton von Werner und die Berliner Hofmalerei / Khaynach, Friedrich von

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der Rührung in den treuen blauen oder braunen Augen 
besingt man in ganz besonders schlechten Versen seine Nation 
und damit sich selber. Bei dem Worte „deutsch" funkeln 
glühend die Blicke, fuchtelt man mit den Armen und strampelt 
mit den gewaltigen Männerbeinen, dies Wort bezeichnet gleich 
sam die kvmprimirte Vollkommenheit, Schönheit, Ritterlichkeit, 
Güte und noch ganz andere Tugenden. Das ganze Volk 
scheint ein Ausbund von Vortrefflichkeit zu sein. Wenn man 
dann aber die Menschen besieht, die übrigens tu der ganzen 
Welt dieselben Phrasen dreschen, dann bekommt man einen 
heiligen Schrecken. Die schmutzigen Pbilistergesichter, die un- 
verschämten Bureaukraten, Soldaten und Polizisten, dann 
gar die Priesterkaste, die schwarzen Teufel Jehovas — 
bei der ewigen Natur — die Lust vergeht mir, diese Mensch 
heit noch weiter in ihre Schachteln zu teilen! Links und 
rechts die rücksichtsloseste Streberei unö Kriecherei, die 
schamloseste Erwerbgier. Aber der deutsche Frosch versteht 
es wirklich, sich zum Ochsen aufzublähen, wenn er sich mit 
Idealen vollgesoffen hat. Diese theoretischen Idealisten sind 
gewöhnlich praktisch die rücksichtslosesten Realisten, die ganz 
genau wissen, wo man Geld verdient und wie man in die 
Höhe kommt. Besonders preist man die Keuschheit der 
deutschen Frauen, obwohl man ganz genau weiß, welch ein 
riesiges Vergnügen es ihnen macht, zu Zweien im Bett zu 
liegen und die reizendsten Zotengeschichten sich zu erzählen, 
wenn man „unter »ns Pfarrerstöchtern" ist. Fabelhaft soll 
übrigens die „Treue" der deutschen Männer sein. Selbst 
Schiller hat darauf ein Gedicht gemacht. Ich persönlich halte 
es hier mit den Frauen, die über die Treue der Männer, 
allerdings in anderem Sinne, wenig Gutes zu sagen wissen. 
Leider bin ich einer von jenen Unglücklichen, die ihre Ideale 
verloren haben, und so mag es gekommen sein, daß diese 
blaue Blume der Romantik sich vor mir verborge» hält. 
Mögen die Beamten ihr Vaterland lieben! Sie werden 
dafür bezahlt. Mögen die Soldaten Patrioten sein lind
        
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