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Full text: Anton von Werner und die Berliner Hofmalerei / Khaynach, Friedrich von

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sein Vaterland soll man lieben. Das verlangt der gute Ton 
so. Existiert überhaupt ein deutsches Vaterland? Gemeinhin 
versteht man unter dieser Bezeichnung den neügegründeten 
Bundesstaat oder das Kaiserreich Preußen, dessen Hut ein 
Hohenzoller und dessen Gehirn der Reichstag ist. Durch die 
überragende, gigantische Figur eines preußischen Junkers, 
genannt Bismarck, ist dieser Staat durch Strönie von Blut 
ins Leben gerufen. Daß bei diesem rein militärischen Unter 
nehmen viele Millionen deutschredende Leute vergessen sind, 
das ficht die Reichsdeutschen wenig an. Die weiten baltischen 
Länder, die herrlichen österreichischen und schweizerischen 
Alpenländer sind politisch von uns getrennt und können, wie 
Österreich vor wenigen Jahrzehnten, unsere erbittertsten 
politischen Gegner werden. Vaterland ist eben leider nicht 
mehr Rasse, Sprachgemeinschaft und Volk, sondern der jeweilige 
Staat, die jeweilige Regierung geworden. Ein neuer Krieg 
und wir haben wieder ein neues Vaterland. Vor 1866 nannte 
der Bayer seine Heimat Bayern, der Preuße die seinige 
Preußen und der Hannoveraner die seinige Hannover. Seit 
dem es aber dem raublustigen Preußen gefiel, alles eßbare 
Land in seiner Nachbarschaft zu verspeisen, und noch die 
Kaiserkrone zum Dank dafür ertrotzte, ist der Begriff des 
deutschen Vaterlandes wieder ein anderer geworden. Der 
Begriff ist also ein sehr wechselvoller und, wie man sieht, 
von Raub- und Kriegszügen abhängig, sowie von politischen 
Abmachungen und Gebietsübertragungen beeinflußt. Fiele 
es etwa Preußen ein, auch noch Sachsen zu fressen, dann 
müßten die Unterliegenden ihre Heimat wegwerfen ivie ein 
schmutziges Hemd und dem Sieger zujubeln. Thun sic das 
nicht, wie der Hannoveraner, dann nennt man sie Vaterlands- 
Verräter und bornierte Oppositionsmänner, die nicht einsehen 
wollen, wie unendlich das deutsche Reich unter der Annexion 
Sachsens, gewonnen habe, daß das eine politische Notwen 
digkeit gewesen sei und was dergleichen königlich preußische 
Redensarten mehr sind.
        
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