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Full text: Anton von Werner und die Berliner Hofmalerei / Khaynach, Friedrich von

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geben. Daran sind nicht zum wenigsten die Ehefrauen der 
Herren schuld. Heiraten thun aber die meisten, und zwar 
sehr oft in jungen Jahren. Oft ein armes Frauenzimmer 
vder ein liederliches Modell, welche, wie jeder Kenner mir 
zugeben wird, an Gemeinheit noch tief unter den Prostituierten 
stehen. Damit sind aber die Künstler nicht nur gebunden, 
sondern ihre Lebensstellung ist dauernd zerstört. Er hat 
nichts, sie hat nichts, kurz es geht eine lange, aussichtslose 
Misere los. Anders wird die Sache, wenn man schöne oder- 
reiche Weiber heiratet. Diese wollen aber nicht nur gut 
leben, sondern großartig leben, und nun beginnt jener Herz 
und Charakter tötende Gesellschaftstrubel, in dem ebenfalls 
viele untergehen. Einige verkehren da in wirklich vornehmer 
Gesellschaft, die zwar anständiger, aber auch viel langweiliger 
ist, als jene Zirkel bei der reichen, großenteils jüdischen 
Kaufmanns- und Kommerzienratswelt, wo die Mehrzahl dcr 
Künstlerfamilien antichambrieren muß, um sich das Geld zu 
ihren Vergnügungen bei jenen Protzen zu verdienen. Ver 
schuldet sind sie meistenteils bis über die Ohren und oft 
genug muß der Gerichtsvollzieher in den übereleganten 
Wohnungen und Ateliers Umschau halten. Man sagt, daß 
er da gewöhnlich nicht viel sindet, denn die prachtvollen 
Möbel sind entweder geliehen oder sie gehören nominell dem 
Schwiegervater oder einer Schwägerin, Sehr beliebt ist 
in vielen dieser Familien das Einkindersystem und Keinkinder- 
system, aber da, wo man sich den Luxus von Kindern ge 
statten zu können glaubt, haben die arme» Geschöpfe später 
Grund genug, ihren Leichtsinn und ihre Thorheit, welche sie 
in der Wahl ihrer Eltern so unvorsichtig sein ließ, bitter zu 
bereuen. Dabei strömt die Damenflvra einen feinen Halb- 
weltdnft ans, der sich für den Beobachter schon ans der 
pvintierten Entrüstung ergiebt, mit der man über die 
offiziell anerkannte Halbwelt die Nase rümpft. Von meh 
reren derartigen Frauen weiß eben halb vder ganz Berlin, 
daß sic die Maitressen hvchgeborner Persönlichkeiten sind,
        
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