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Full text: Die Noth an Kirchen in Berlin / Blasius, H.

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gegen 41000 Sitzplätze und etwa 10 000 Stehplätze vorhanden sind; 
das würden also 51 000 Plätze für 1 239 875 evangelische Einwohner 
sein. Um diese zu ermitteln, muß man 12,5 Prozent der wirklichen 
Einwohnerzahl -von dieser abziehen, als Angehörige nicht evangelischer 
Kulte. Rechnen wir nun von dieser Einwohnerzahl evangelischer Konfession 
37 Prozent ab, als den zu Gottesdiensten noch nicht zulässigen Kindern 
zukommend, so haben augenblicklich 781 112 kirchlich Mündige, d. h. zum 
Kirchengang Berechtigte und eigentlich Verpflichtete nicht mehr als 
41 000 Sitzplätze und 10 000 Stehplätze zur Verfügung. Nimmt man 
zwei Gottesdienste in allen Kirchen am Sonntag an, so wird jeder Be 
rechtigte etwa 7 mal im Jahre einen Sitz- oder Stehplatz finden. Das 
ist ein Mißverhältniß, welches nicht schwer genug beklagt werden kann, 
und welches zu unhaltbaren Zuständen führen muß, zum großen Theil 
schon jetzt geführt hat; zu einer vollen kirchlichen Verwahrlosung. 
In Wirklichkeit liegt aber die Noth an Kirchen noch erheblich an 
ders und zwar zum Schlimmeren. Will man ein wahres Bild in dieser 
Hinsicht haben, so muß man das Centrum von Berlin, welches von Alters 
her ausreichend mit Kirchen versehen und für jene räumlich unerreichbar 
ist, ganz von den Vorstadtsgemeinden trennen. So hat z. B. die Kloster 
kirche mit 750 Sitz- und 450 Stehplätzen gar keine eigentliche Gemeinde, 
die Marienkirche mit 1650 Sitz- und 400 Stehplätzen nur eine solche 
von 3000 Seelen und in der allernächsten Nähe sind weitere geräumige 
Kirchen. Man braucht nur einmal auf den Nathhausthurm zu gehen 
und die Stadt zu überschauen, da trennt sie sich in die oben angegebenen 
zwei Theile ganz von selbst. In der Nähe befindet man sich in einer 
kleineren mit Kirchen reich versehenen Stadt; draußen aber sind weite, 
weite Strecken ohne zum Himmel strebende Thürme. Man erkennt sie schon 
äußerlich, die Massengemeinden mit ihrem winzigen Kirchlein, denen eigentlich 
Gasometer, gewaltige Bahnhofshallen und Fabrikschlote Silhouette verleihen. 
Da ist die Markus-Gemeinde, die für 111 000 Seelen 1400 Sitz- 
und 200 Stehplätze hat; die Zionskirche mit 100 000 Seelen und 1700 Sitz- 
und 300 Stehplätzen; die Zwölf-Apostel-Kirche mit gar nur 800 Sitz- 
und 200 Stehplätzen für 73 000 Seelen. 
Für den inneren Stadtkreis gehen 216 200 evangelische Seelen mit 
17 228 Sitz- und 4650 Stehplätzen ab, so daß für die Außengemeinden 
1 023 675 Seelen mit 19 528 Sitz- und 6670 Stehplätzen in den wirk 
lichen Gotteshäusern übrig bleiben! Gingen alle Berechtigten der Außen 
gemeinden in die Kirche, so würde nach der oben für die ganze Stadt 
geführten Rechnung jeder nur 4 mal im Jahre einen Platz finden. 
Aber selbst diese Zahlen sind noch zu hoch. Die Gemeinden sind 
ihrer Armuth nach und des faktischen Bedürfnisses wegen gezwungen, einen
        
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