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Full text: Die Noth an Kirchen in Berlin / Blasius, H.

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In Wien (glaube ich) hat man einmal, als man das Geld zum 
Kirchbau nicht zusammen hatte, zuerst aus dem Vorhandenen den Thurm 
gebaut. Und die Kirche ist fertig geworden, denn Alle gaben; ein Theil 
schon aus Aerger darüber, daß der Platz gleichsam durch eine halbe 
Ruine verunziert wurde. 
Jeder giebt leichter für eine Sache, die bereits begonnen, als für 
eine, deren Zukunft noch im Zeiteuschooße liegt. 
Es giebt noch einen Weg, die Mittel zu einer Kirche auf dem Wege 
der Betheiligung Privater aufzubringen, und das ist der oft mit Glück 
betretene, der Veranstaltung von mehrmaligen Lotterien. Wären wohl 
der Prachtbau in Köln und andere je beendet worden, ohne daß die 
Lotterien die nöthigen Mittel zusammengeholt? 
Ich weiß nicht, aus welchen Gründen die Behörden eine solche nicht 
gestatten wollen. Nach Rücksprache mit kompetenten Personen würde 
die Erlaubniß für evangelische' Kirchen dazu nicht zu erlangen sein. 
Aber ohne Erlaubniß der Behörden ist diese Frage eine rein theoretische 
und praktisch nicht durchführbare. Darum unterlasse ich auch, sie weiter 
zu diskutiren. 
Es bleibt nun einer einzelnen Gemeinde das Recht, ihre Eingesessenen 
zu besteuern und auf dem Wege der Umlage die Gelder zum Bau einer 
nothwendigen Kirche zu sammeln. Nach § 50 der Verwaltungs-Ordnung 
für das kirchliche Vermögen in den östlichen Provinzen der preußischen 
Landeskirche vom 15. Dezember 1886 ist dies zweifellos zulässig und 
die folgenden §§ bis 58 geben genau den Modus an, wie eine solche 
Steuer erhoben wird. Allein es giebt so viele äußere und innere Gründe, 
die es wohl dem Gemeindckirchenrath und der Gemeindevertretung einer 
einzelnen Parochie schwer machen können, einen solchen Beschluß für ihre 
Bedürfnisse zu fassen. 
Ta das Bedürfniß in Berlin auch sich nicht auf eine einzelne 
Gemeinde beschränkt, sondern allgemein ist, so würde sich eine Erhebung 
von Steuern aus Gesammt-Berlin viel eher rathen, als eine solche in 
einem Einzelbczirke, welche viel mehr böses Blut als eine Ge- 
sammmtumlage erregen würde und wegen Verzug der Verpflichteten 
aus einer Parochie in andere recht schwer einzutreiben wäre. Wir 
haben ja eine Kirchensteuer, welche erhoben wird. Dieselbe ist aber 
gering. Sie wird von der siebenten Steuerstufe au aufwärts in einer 
Jahresrate im Betrag von 5(4 Prozent des Veranlagungssolls erhoben 
und war im Jahre 1887 auf 350 000 Mark veranschlagt. Eine nam 
hafte Erhöhung derselben ist recht leicht denkbar und bei der außerordent 
lichen Noth auf kirchlichem Gebiete dringend erforderlich. Es würde das 
auch gar nichts Unerträgliches oder gegenüber anderen Orten Ungerechtes 
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