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Gamelîje und Suk en-Nabhâsîn

Full text: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 / Krug, Karl

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Gamelije und Suk Nen-abhäsin. 
der Nachbarn. Am anderen Tage ging die Frau mit diesen Zeugen zum 
Kadi und setzte eine Beschwerde Uber das Benehmen ihres Mannes durch, 
was ihm nach der Vorschrift des Koran achtzig Stockstreiche eintrug. Den 
Antrag auf Scheidung zu stellen weigerte er sich aber trotzdem. 
So nahm die Mustergattin einen neuen Plan auf, der um so leichter 
für sie war, als die öffentliche Meinung bereits gegen den Mann sprach. Schon 
in der dritten Nacht war der Liebhaber wieder hinbestellt; sie aber knebelte 
ihren schlafenden Mann an Händen und Füssen und liess ihn durch den 
Galan mit augenblicklichem Tode bedrohen, wenn er einen Laut von sich 
gebe. Eine Stunde lang musste der Unglückliche in dieser Lage bleiben und 
allerlei Liebkosungen mit ansehen, dann verschwand der freche Gast, die Frau 
band die Stricke los und empfing ihre zwar verdienten, aber unzeitgemässen 
Schläge. Denn das Geschrei und Schimpfen lockte die Nachbarn zum zweiten 
Male ins Haus; als die Frau ihnen klagte, dass ihr Gatte rasend sei, glaubten 
sie es und sagten Tags darauf vor dem Kadi einstimmig in diesem Sinne aus. 
Auch der Richter zweifelte nicht mehr, sondern befahl, den armen Teufel in 
den Muristän (das Irrenhaus von Kairo) zu schaffen. Nun heuchelte die 
Arge wieder Mitleid und bat, ihn daheim pflegen zu dürfen, was alle An 
wesenden zu Segenswünschen rührte. Das eiserne Halsband und die Kette, 
in welche man Irre zu legen pflegte, wurden ihr natürlich zur eigenen Sicherheit 
ins Haus gebracht und der Mann daran festgeschlossen. Der Liebhaber kam 
jetzt allnächtlich, doch wies der Gefangene den Gedanken an eine Scheidung 
mit vieler Energie zurück. Täglich sahen die Nachbarn nach seinem Be 
finden und erwiderten auf seine Anklagen stets: „Allah mache dich wieder 
gesund!“ Vier Wochen später riss der Frau die Geduld, und sie liess den 
lästigen Menschen nun doch in den Muristän führen. Die Nachbarn aber 
machten, als er das Haus verliess, ihrem guten Herzen noch einmal Luft. „Es 
ist nirgends Hülfe oder Rettung als bei Allah!“ tröstete der Eine; der Andere 
meinte: „Wie traurig, er war wirklich ein braver Mann!“ Der Dritte: „Ja, 
ja, die schwarzen Badingan-Früchte sind reif; das ist eine gefährliche Periode“. 
Nach einem halben Jahre aber begriff der ruinirte Ehemann, dass er die 
Waffen strecken müsse; er fing an zu parlamentiren, die Scheidung wurde 
vollzogen und er erlangte die Freiheit wieder, indem er sich als beruhigt 
erwies. Aber der vormalige Aschenhändler stand gesellschaftlich doch zu tief, 
als dass die gescheidte Frau ihn nun zu ehelichen gewagt hätte; er blieb für 
sie, was er bisher gewesen war, und sie äusserte betrübt, der Geschmack am 
ehelichen Leben sei ihr verdorben. Nur die Magd plauderte nach und nach 
den Sachverhalt aus, und so wurde der kuriose Fall zum Stadtgespräch. 
Im Uebrigen wollen wir hoffen, dass der Harim die allgemeine 
Aufmerksamkeit nicht gänzlich von den architektonischen Sehens 
würdigkeiten des arabischen Hofes abziehe. Mit den besonderen 
Eigentümlichkeiten der einzelnen Konstruktionen haben wir uns 
schon im bisherigen Verlaufe der Wanderung bekannt gemacht; hier 
finden sie sich in neuer, wirksamer Zusammenstellung vor.
        
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