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Gamelîje und Suk en-Nabhâsîn

Full text: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 / Krug, Karl

Gamelije und Suk en-Nabhäsin. 
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pfing aber die Erlaubniss, eine Schule zu halten, weil er den Koran ohne 
Anstoss hersagte. So konnte er die Hauptlektionen überhören, und für den 
übrigen Unterricht musste, da „seine Augen zu schwach waren“, immer der 
älteste und begabteste Schüler eintreten. Aber das Verhängniss gedachte sich 
einer armen Frau zu bedienen, welche gelegentlich mit einem Briefe ihres auf 
der Wallfahrt nach Mekka begriffenen Sohnes bei unserm Fikih erschien. 
Zum Vorlesen aufgefordert, sah der brave Mann ernst in das Schreiben und 
schwieg hartnäckig. Schliesslich gerieth die Frau in Angst, weil sie auf 
schlechte Kunde in dem Briefe schloss. „Soll ich schreien?“ fragte sie. — 
,.Ja“, war die dumpfe Antwort. — „Und meine Kleider zerreissen?“ — 
„Ja.“ — Die betrübte Mutter glaubte genug zu wissen, eilte nach Hause, 
stimmte die Todtenklage an, und vollzog alle Trauergebräuche für ihren 
Sohn. Nachdem der erste Kummer schon vorüber war, traf dieser für todt 
Gehaltene wieder ein, empfing seine Vorwürfe und erklärte nun, dass der 
Brief genau das Gegentheil enthielt. Der Fikih schmauchte gerade sein 
Abendpfeifchen in Gesellschaft von mehreren würdigen Bezirksältesten, als 
die Frau dazwischen fuhr und ihn zur Rede stellte. Diesmal schwieg er nicht, 
sondern entgegnete gelassen: „Nur Allah kennt die Zukunft! Konnte ich 
denn wissen, ob dein Sohn auch wirklich gesund hier ankommen würde? 
Besser, du hieltest ihn für todt, als dass du ihn dein Lebtage vergebens er 
wartetest.“ Das leuchtete zwar nicht der armen Mutter, wohl aber den ver 
ständigen Nachbarn ein, und sie riefen einstimmig: „Fürwahr, unser neuer 
Fikih ist ein Mann von gewaltigem Scharfsinn!“ Von da ab war sein Re 
nommee gesichert, und — vor Briefen zum Vorlesen hatte er gleichfalls Ruhe. 
Lange hernach ergab sich erst, dass er schon bei seiner Bewerbung um das 
Schulmeisteramt auf diesen Streich gerüstet war. 
Der Sebil Kichya verkleidet die Spitze eines Häuser-Dreiecks, 
dessen eine Seite und Grundlinie (nach ,,Kait Bey“ hin) wir schon 
betrachtet hatten. Auf der Seite aber, die zur Strasse Nabhäsin rechnet, 
befindet sich ein geräumiger Laden, in welchem ein Händler aus 
Kairo Waaren von rothem Thon darbietet, dann ein zweites Geschäft, 
dessen Hauptartikel Blumen aus Perlen sind, die sehr geschickt ent 
worfene eigenartige Muster bilden. Gegenüber öffnet sich aber vor 
dem Lagnado’schen Cigarrettenverkauf eine kleine Pforte. Neugierig 
treten wir ein und passiren ein schmales, geheimnissvolles Gässchen, 
an dessen Ende sich wieder eine Thür aufthut. Wir stehen nun im Mittel 
punkteeinerorientalischen Hausanlagegrösseren Fusses: rechts breitet sich 
die buntePracht des arabischen Hofes aus, linksaberdarf man durch 
zwei grosse Fenster mit Muschrabijen-Gitterung kühn in das Innere 
eines Harems (Harim nach aegyptischer Aussprache) blicken. 
Sehenswürdigkeiten von einem derartigen Interesse für Europäer, 
die ausserdem doch Jeder selbst aufzusuchen sich beeilt, sollten eigentlich
        
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