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Die Sukkarîjeh und Umgebung

Full text: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 / Krug, Karl

Die Sukkarijeh und Umgebung. 
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richesse vor, so erlaubt die störend vorgebaute Lage des einen Hauses 
den Wunsch, dessen Schätze irgend wo anders betrachten zu können, 
nur nicht gerade hier. Indessen versöhnen uns die hübschen 
Dinge, Geräthe und Sächelchen beider Läden schliesslich wieder 
einmal mit dem Bestehenden. 
Architektonisch so einfach gedacht, dass es als abendländisches 
Bauwerk in Grau nur wenig Interesse herausfordern würde, bringt 
dieses „Thor der Barbiere“ von El-Azhar eine ältere und nachgerade 
selten vertretene Phase der arabischen Entwickelung vor Augen. 
Seinen Namen trägt es mit der That, denn zu Kairo üben rechts und 
links in den Seitenkammern der Thorfahrt Leute jenes Gewerks ihre 
schaumumhüllte Arbeit an den Köpfen der muslimischen Studierenden 
aus. El-Azhar ist nämlich keineswegs bloss eine simple Moschee, 
sondern augenblicklich die bedeufendste Universität der islamischen 
Welt. Ihr Erbauer war Gohär, der Feldherr des ersten Fatimiden 
Muizz (vgl. S. 58), die Schild- und Pinienmuster des doppelten Portals 
weisen somit noch auf die Zeiten hin, als der Araber sich erst 
tastend auf dem Gebiete der eigenen Stylbildung bewegte. Sonst ist 
der grosse Complex später vielfach vergrössert, verschönert und um 
gebaut worden; die Errichtung der Hochschule geht bereits auf Muizz’ 
Sohn Asis und das Jahr 988 zurück. 
Ein geräumiger Säulengang bildet den Hof und zugleich den Haupt- 
Unterrichtsraum von El-Azhar. Andere Säulenhallen sind durch Verschlage 
in besondere Kollegien abgetheilt worden; die Studirenden aber finden sich 
je nach den Herkunfsländern dort zusammen. So giebt es eine Säulenhalle 
der Türken (d. h. der kleinasiatischen und europäischen), der Westafrikaner, 
Syrer, Yemenser, Oberaegyter, Nubier u. s. w. Die Hörer besuchen diese 
Lehrmoschee gewöhnlich drei Jahre hindurch, manche indessen auch be 
deutend länger. Kollegiengelder werden ihnen nicht abgefordert, sondern 
aus dem freilich sehr schmalen Dotationsfonds der Anstalt bestritten. Die 
Scheichs, d. h. die Professoren, müssen, da sie auch sonst keinerlei Gehalt 
beziehen, ihren Lebensunterhalt nebenher suchen, indem sie entweder kirch 
liche Aemter annehmen oder Privatunterricht ertheilen. — Bei der Vorlesung 
sitzt der Schech mit gekreuzten Beinen in der Mitte, die Zuhörer in gleicher 
Stellung rings um ihn herum. In der Regel wird das Buch, welches seinem 
Inhalte nach den Gegenstand der Vorlesung ausmacht, Satz für Satz vorcitirt, 
und dann im gleichen Schritt erklärt. Sobald ein Hörer das betreffende 
Werk auswendig kann und auch die Erklärung beherrscht, schreibt ihm der 
Schech in sein Exemplar die Erlaubniss, dass er nunmehr selbst darüber vor 
tragen dürfe.
        
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