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Full text: Die Preisbewerbung um das National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I in Berlin / Hossfeld, Friedrich Oskar

So grofs gedacht und poetisch empfunden das Ganze ist, ebenso 
meisterhaft ist seine architektonische Durchbildung. Die Formen 
sind die einer reichen und dabei straften, edlen Hochrenaissance, 
welche auf den ersten Blick erkennen läfst, dafs ihre Erfinder unter 
dem Einflüsse Paul Wallots standen. Ueberhaupt giebt die Denk- 
mäler-Ausstellung Gelegenheit zu beobachten, wie die Kunstweise 
des Erbauers vom Keiehstagshause unter den Jüngeren Schule macht. 
Eine ganze Reihe tüchtiger Entwürfe zeigt die Einwirkung seiner 
Eigenart. Mit derselben vornehmen, bei aller Prächtigkeit fast 
herben, in einzelnen Zügen an das Mittelalterliche anklingenden 
Renaissance, wie wir sie am Entwürfe und noch mehr an den fertigen 
Theilen des neuen Reichstagshauses bewundern, verbindet sich die 
gleiche vollendete Beherrschung der Hausteinteehnik, das sichere 
es ist Wilhelm L, künstlerisch verklärt und von einer Erfindung, wie 
sie treffender schwer zu denken ist, vorausgesetzt, dafs man sich über 
haupt für diese Auffassung entscheidet. Aus einem Gusse mit dem 
Reiter ist das Rofs, das ihn trägt. Auch dieses ist kein unwahres 
Gebilde aus anderer Zeit, es ist ein Pferd heutigen Schlages, durch 
die Kunst veredelt nur und zu einer des kaiserlichen Reiters würdigen 
Vollkommenheit erhoben. Diese Kaisererscheinung hat der Künstler 
auf einen mäfsig hohen, kurzen, ganz einfachen Sockel gestellt. Er 
ist fast schmucklos, nur ein mächtiges, wohl etwas zu grofs 
ausgefallenes Adlerwappen, von schwebenden Kindergestalten be 
kränzt, schmückt seine Vorderseite, und auf seiner hohen, un 
gegliederten Sockelstufe sind Palme, Schwert und Lorbeerkranz nieder 
gelegt. 
Abb. 3. Holzstich von 0. Ebel. 
Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. 
Entwurf von Bruno Schmitz in Berlin. (Ein erster Preis.) 
An siebt. 
Treffen des Mafsstabes im baulichen Gerüst sowohl wie in der 
schmückenden Zuthat, bei der das Figürliche und das mit Vorliebe 
gepflegte Heraldische eine wichtige Rolle spielen. 
Die Auffassung des Kaisers ist bei Rettig und Pfann selbst 
verständlich die, welche mehr den Kaisergedanken als die Person 
Wilhelms I. giebt. Der romantische Grundgedanke der Gesamt 
erfindung führte zu ihr mit zwingender Nothwendigkeit. Ein Modell 
der Kaisergestalt ist dem Entwürfe nicht beigegeben. Die schön 
vorgetragene Innenperspective läfst zwar die Deutung zu, als sei 
eine etwas freiere, sozusagen moderne Auffassung beabsichtigt, die 
— freilich ganz skizzenhafte — Darstellung des Schnittes dagegen 
zeigt das Standbild in vollständig mittelalterlichem Gepräge. Und 
diese Kaiserauffassung ist es, welche, bei aller Anerkennung der 
grofsen architektonischen Schönheiten und des hohen Gedankenfluges 
der Arbeit, deren Ausführbarkeit in der vorliegenden Fassung doch 
in Frage stellt. 
Einem Kaiser im Krönungsgewande begegnen wir auch in dem 
Denkmalentwurfe des Architekten Bruno Schmitz in Berlin, einer 
Kaisergestalt, die gewifs sehr viel dazu beigetragen hat, die Stimmen 
der Preisrichter auf diesen geistvollen Vorschlag zu vereinigen. Trotz 
Krone, Mantel und Scepter ist das aber kein mittelalterlicher Kaiser, 
Ohne jede weitere unmittelbare Zuthat steht das Standbild, den 
Blick dem Brandenburger Thore zugewandt, in grofsartiger Ein 
samkeit vor einem wuchtigen architektonischen Hintergründe an der 
Kreuzung der Siegesallee. Die Architektur und ihr bedeutungsvoller 
Schmuck sind ausschliefslich auf das Kaiserbild bezogen und tragen 
so in hohem Mafse dazu bei, seinen Eindruck zu heben. Alles 
andere, die Standbilder der Königlichen Prinzen, der Staatsmänner 
und Kriegshelden, und all’ die Zuthat, welche das Nationaldenkmal 
erfordert, sind von dieser Stelle ferngehalten und in eine Hallen 
anlage verwiesen, die das Hauptdenkmal an der Kreuzung mit dem 
Brandenburger Thore verbindet und zu diesem in gedankliche Be 
ziehung setzt. 
Beim Schmitzschen Denkmale besteht der bauliche Hintergrund des 
Kaiserstandbildes, wie aus dem umstehenden Lageplane Abb. 4 zu er 
kennen ist, in einem mittleren Thorbau und zwei seitlichen Flügeln. 
Der erstere gliedert sich wieder in dreiTheile: In der Mitte ein mit rund- 
bogiger, gefelderter Tonne überdecktes Triumphthor, welches über den 
Bogen der Stirnseiten durch Giebelfelder abgeschlossen und mit 
einer offenen 'Kuppelhaube überbaut ist. Zu beiden Seiten niedrigere, 
gleichfalls tonnenüberdeckte Durchgänge. In der Wand zwischen 
diesen und der mittleren Thoröffnung, gegen letztere gewandt und
	        
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