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Full text: Die Preisbewerbung um das National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I in Berlin / Hossfeld, Friedrich Oskar

eben bei der Feststellung der Gröfsenverliältnisse seines Werkes in 
den meisten Fällen des Beistandes des Architekten nicht entrathen 
können. 
Wenn, um zunächst bei der Begrenzung des architektonischen 
und bildnerischen Antheils an der Erfindung des Denkmales zu 
bleiben, die feineren Verschiedenheiten der Vorstellung des Kaiser 
bildes fürs erste nicht in Betracht kommen, so gilt dies nicht von 
dessen Auffassung in der Hauptsache. Es ist für die Architektur, 
die im vorliegenden Falle eine gewissermafsen dienende Stellung ein 
nimmt, für den Platz des Denkmals nicht gleichgültig, ob der Kaiser 
realistisch portraitmäfsig in der rein menschlichen Schlichtheit seines 
Wesens, mit der er den Zeitgenossen entgegentrat, in der Uniform, 
die er täglich trug, auf dem Pferde, welches er zu reiten pflegte, 
dargestellt wird, oder ob man ihn bildet, wie er dem Fernstehenden 
und vielleicht späteren Geschlechtern wohl erscheinen mag: als den 
Träger der gewaltigen, geschichtlichen Majestät des deutschen Kaiser 
thums, im Hermelinmantel, mit Reichskrone und Scepter, verklärt 
und gewissermafsen zugesellt den grofsen Kaisergestalten der Ver 
gangenheit. Die Wahl zwischen beiden Auffassungen ist sehr schwer, 
immer vor Augen gehalten, dafs es sich nicht um ein rein persön 
liches, sondern um ein Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms handelt. 
Hier die ganz besonders für die Mitwirkung des Architekten dank 
bare, verlockende Vorstellung alter Kaiserherrlichkeit, dort die be 
rechtigte Forderung der Mitwelt, die ihren Kaiser Wilhelm in seinem 
Hauptdenkmale haben will, wie sie ihn von Angesicht zu Angesicht 
stets gesehen. Auf der einen Seite die ohne Verstofs gegen die ge 
schichtliche Treue gegebene Möglichkeit der idealeren, vielleicht in 
höherem Grade künstlerischen Gestaltung, die aber doch mehr all 
gemein die Kaiserwürde als die Person Wilhelms I. giebt, auf der 
anderen Seite die für den Bildner gewifs überaus anziehende Mög 
lichkeit der feinsten, portraitmäfsigen Individualisirung des Mannes, 
der seinem Volke nie in jenem Kaiserornat gegenübergetreten ist, 
dessen Person mit der schlichten Uniform verwachsen war, und dessen 
einfacher Sinn so wenig zu Prunk und Kaiserpomp neigte, dafs er 
diesen selbst da zu verschmähen schien, wo derselbe seine bedeutungs 
volle Berechtigung hatte. 
So wird es erklärlich, dafs vielfach, und gerade in Entwürfen, 
die zu den besten zählen, eine Darstellung des Kaisers gewählt 
worden ist, die zwischen beiden Auffassungen vermittelt. Der Kaiser 
wird dargestellt in grofser Uniform, den Helm mit wallendem Feder 
busch auf dem Haupte, aber angethan mit dem kaiserlichen Mantel, 
in der Rechten bald den Marschallstab, bald das Reichsschwert, 
wohl auch einen Lorbeerkranz, auf einem Rosse, das hier mehr, dort 
weniger von der heutigen Art abweicht und jenen Rassen ähnelt, 
wie wir sie an den Reiterbildern italienischer oder heimisch-barocker 
Kunst bewundern. So ungern man bei einem grofsen künstlerischen 
Wurfe von einem „Compromisse“ etwas wissen möchte, es ist nicht 
zu leugnen, dafs eine solche vermittelnde Auffassung vieles für sich 
hat — möglich sogar, dafs sie in der entscheidenden Stunde die 
meisten Stimmen auf sich vereinigt. 
Wenn zu bezweifeln ist, dafs die vorliegende Preisbewerbung 
bereits zu einem endgültigen Ergebnifs führen wird, so steht fest, 
dafs sie die schwierigen Vorfragen allgemeiner Art in befriedigender 
Weise klärt. Insbesondere gilt dies von der Platzfrage. Die 
Standorte, welche im Ausschreiben als zulässig bezeichnet werden, 
sind folgende: 
1. die Schlofsfreiheit, sei es mit sei es ohne Einschränkung des 
sie begrenzenden Wasserlaufs; 
2. ein Platz in der verlängerten Achse der Strafse Unter den 
Linden auf der Ostseite der entsprechend zu verbreiternden Schlofs- 
brücke; 
3. der Opernplatz; 
4. der Pariser Platz; 
5. der Platz vor dem Brandenburger Thore; 
6. und 7. die Charlottenburger Chaussee bis zur Siegesallee, oder 
die Siegesallee vom Königsplatz bis zur Charlottenburger Chaussee, 
in beiden Fällen unter entsprechender Einschränkung der angrenzenden 
Parkanlagen; endlich 
8. der Königsplatz. 
Die Schlofsfreiheit wurde — freilich theilweis unter erheblicher 
Erweiterung — von 22 Bewerbern für die Aufstellung des Denkmales 
gewählt. Sechs ersahen sich den Platz an der Schlofsbrücke aus, 
wenn auch nicht alle im strengen Anhalt an das Programm, neun 
den Opemplatz. Der Pariser Platz wurde von 23 Verfassern benutzt, 
27 entschieden sich für den Platz vor dem Brandenburger Thore, 
während die gleiche Zahl ihren Denkmalbau in die Charlottenburger 
Chaussee vorschob und zum Theil bis zu deren Kreuzung mit der 
Siegesallee hinausrückte. Neun Künstlern ist die Siegesallee und 
elfen der Königsplatz als der geeignete Standort erschienen, acht 
endlich haben Plätze vorgeschlagen, welche nach dem Programme 
nicht zugelassen waren, so die Stelle der Universität, den Platz der 
Kunstakademie, den kleinen Stern, den Theil des Thiergartens, 
dessen Achse der Ahornsteig bildet, usw. Die Gesamtzahl der Ge 
nannten beträgt 142, unter ihnen befinden sich drei mit mehreren 
Platzvorschlägen, während bei acht Entwürfen der Platz nicht fest 
gestellt werden konnte, da sie überhaupt nicht zur Ausstellung ge 
langt sind.*) 
Fafst man die zulässigen Plätze in Gruppen zusammen, so er 
geben sich zunächst, rein örtlich genommen, aber doch von wesent 
licher Bedeutung für die Denkmalauffassung, deren zwei: auf der 
einen Seite die Plätze in der alten Stadt innerhalb des Branden 
burger Thores, auf der anderen diejenigen vor dem Thore, im Thier 
garten oder, wenn man will, im neuen Berlin. Die Vorzüge der 
einen oder anderen Gruppe sind schon, solange die Denkmalfrage 
schwebt, der Gegenstand lebhaften Meinungskampfes gewesen. Man 
hat einerseits die Behauptung aufgestellt, das Denkmal Kaiser 
Wilhelms müsse seinen Platz „in der Stadt“ finden, mit der er aufs 
innigste verwachsen war, sein Standbild dürfe keinesfalls „draufsen, 
vor dem Thore“ stehen, und andererseits wurde ausgeführt, wie 
gerade das neue, nach dem Westen zu sich mächtig entwickelnde 
Berlin die Stelle sei, welche dem nenen Reiche gehöre und minde 
stens das gleiche, wenn nicht ein höheres Anrecht auf das Ruhmes 
mal des Kaisers habe. Behält man im Auge, dafs es sich um ein 
vom deutschen Volke zu errichtendes Nationaldenkmal handelt, so 
wird man zu letzterer Ansicht hinneigen müssen. Verkehrt wäre es 
gewesen, den deutschen Gedanken soweit auszudehnen, dafs man den 
Platz irgendwo an einem durch die Natur bevorzugten Punkte der 
deutschen Lande suchte, etwa, wie geschehen, am Kyffhäuser. Denn 
dieser sagenumwobene Berg gehört nun einmal dem Kaiser Barbarossa, 
und nicht unserer Zeit. Auf der anderen Seite aber erscheint es 
engherzig und kleinlich-berlinerisch, den Begriff der Reichshauptstadt, 
in die das Denkmal gehört, durchaus auf das alte, innere Berlin be 
schränken zu wollen. Dieser Ansicht ist auch die Mehrzahl der 
betheiligten Künstler. Während von allen Bewerbern 66 die innere 
Stadt, 76 dagegen Plätze aufsei'halb derselben wählten, hat sich von 
den Bedeutenderen der weitaus gröfsere Theil für die zweite Lage 
entschieden. Der Austausch der entgegengesetzten Meinungen hat 
nunmehr während anderthalb Jahre schon fast zur Ermüdung geführt, 
und die meisten vorgebrachten Gründe sind mehr der Ausflufs all 
gemeiner Empfindungen, als das Ergebnifs praktischer und künst 
lerischer Erwägungen. 
Stellt man diese letzteren an, so fragt es sich, wo, durch welche 
Plätze die günstigsten Bedingungen oder überhaupt die Möglichkeit 
für eine freie und bedeutende Gestaltung des als Nationaldenkmal 
aufzufassenden Werkes gegeben sind. Unter diesem Gesichtspunkte 
werden sich die zugelassenen Plätze anderweit in drei Gruppen 
theilen lassen. 
Zur ersten Gruppe zählen diejenigen, auf denen sich nur rein 
bildhauerische Denkmäler ohne besonderen architektonischen Hinter 
grund denken lassen; es sind der Opernplatz und der Platz auf der 
Ostseite der Schlofsbrücke. Der letztere hat die wenigsten Lösungen 
gefunden, genau genommen nur zwei, die Nummern 40 und 42; denn 
von den oben angeführten, auf diese Stelle entfallenden sechs Plänen 
kommen zwei als unzureichende dilettantische Arbeiten nicht in 
Betracht, während zwei andere, auf die wir später noch zu sprechen 
kommen, von der Programmvorschrift insofern abweichen, als sie 
das Denkmal seitlich der Schlofsbrücke anordnen. Die geringe 
Zahl ist erklärlich, der Platz der denkbar ungünstigste. Die Stand 
punkte für die ruhige Betrachtung eines Bildwerkes fehlen, dieses 
selbst wird an einer Stelle mitten in den Verkehr gesetzt, wo der 
selbe in einem Mafse ungeregelt ist, wie an wenigen Punkten der 
Stadt. Auch durch die im Entwürfe Nr. 40 („Was sein Volk er 
träumt, gedacht, Kaiser Wilhelm hats vollbracht“) geplante Regelung 
der Umgebung würde an der Sache nicht viel gebessert werden. 
Und die Gesamtdarstellung des etwas seltsamen, aber einen talent 
vollen Bildner verrathenden Entwurfes 42 („Ohne Kaiser kein Reich“) 
kann nicht davon überzeugen, dafs der Blick auf das Schlofs und in 
den Lustgarten durch die Aufstellung eines Denkmals an dieser Stelle 
gewinnen werde. 
Wenn einer der Plätze sich für ein lediglich plastisches Werk 
eignet, so ist es der Opernplatz, und er ist auch stets in erster 
Linie von denen genannt worden, die sich für ein rein persönliches 
Kaiserdenkmal ausgesprochen haben. Merkwürdigerweise haben sich 
für ihn aber nur zwei Bildhauer entschieden. Die meisten Lösungen 
sind architektonische, und eine von überzeugender Wirkung ist nicht 
unter ihnen. Der Platz ist auch zur Entwicklung eines architek 
tonischen Aufbaues in keiner Weise geeignet. Verhältnifsmäfsig 
klein und mit bemerkenswerthen öffentlichen Gebäuden umgeben, die 
ihm sein bestimmtes Gepräge verleihen, verträgt er weder in seiner 
*) es sind dies die Arbeiten Nr. 7, 9,18, 90, 113, 132, 135 und 140.
	        
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