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Full text: Die Preisbewerbung um das National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I in Berlin / Hossfeld, Friedrich Oskar

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Fast zwei Jahrzehnte sind vergangen seit den Tagen, da die 
deutsche Kunst vor die hohe Aufgabe gestellt ward, die Zeit des 
grofsen Krieges durch ein Gebilde aus Stein und Erz zu verherr 
lichen. Damals galt es ein nationales Denkmal am Kheinstrome zu 
errichten, einen Markstein wiedergewonnenen Machtbewufstseins und 
ein Zeichen des Dankes zugleich für die wunderbaren Fügungen, 
durch die das Vaterland zur Einigung und das geeinigte Deutschland 
von Sieg zu Sieg geführt worden war. Es ist hier nicht der Ort zu 
untersuchen, inwieweit mit dem Denkmale, welches sich jetzt am 
Kande des Niederwaldes erhebt, das Ideal der künstlerischen Ver 
körperung dieser Empfindungen erreicht ist, — zweifellos ist, dafs 
das deutsche Volk auch noch nach der Aufrichtung jenes Ruhmes 
males das Bedürfnifs fühlte, durch ein dauernd sichtbares Zeichen 
die Dankesschuld seinen heldenhaften Vorkämpfern und insbesondere 
Dem abzutragen, den die Vorsehung zum Werkzeuge jener Grofs- 
thaten gemacht, und unter dessen friedliebender und gesegneter Re 
gierung Deutschland sich zu seiner Machtstellung emporhob. Die 
Zeit dafür kam mit dem Hingange des grofsen Kaisers, und in 
solchem Sinne erging im Januar dieses Jahres die Aufforderung zu 
dem Wettkampfe, der zur Zeit im Vordergründe des deutschen 
Kunstlebens steht. Entwürfe für ein Nationaldenkmal also sind 
es, welche durch diese Preisbewerbung gewonnen werden sollen, 
Pläne für ein von der Nation gewidmetes Denkmal der Verherr 
lichung der ganzen grofsen Zeit, deren Mittelpunkt Kaiser Wilhelm I. 
bildet — zu errichten in der Hauptstadt des geeinten, neugeschaffenen 
Reiches. Ueber diese Auffassung der Aufgabe lassen die Bedingungen 
des Preisausschreibens keinen Zweifel, und sie sei hier von vorn 
herein betont, denn sie -wird bei der Beurtheilung der Entwürfe zum 
Hauptausgangspunkte gemacht werden müssen. 
Die Denkmalpläne sind seit dem 11. d. M. in den letzten, nach 
dem Lehrter Bahnhofe zu belegenen Sälen der Ausstellung für Un 
fallverhütung öffentlich zur Schau gestellt. In ihrer Anordnung darf 
man nicht eine Gruppirung nach Inhalt oder sachlichen Gesichts 
punkten irgend welcher Art erblicken wollen, vielmehr konnten bei 
der Beschränktheit des zur Verfügung stehenden Raumes und bei 
der ungleichen Behandlung der einzelnen Entwürfe lediglich äufsere 
Gründe, Umfang der Modelle und Zeichnungen, Gröfse der von ihnen 
beanspruchten Boden- oder Wandflächen usw. mafsgebend sein. 
Mancher unüberlegte und leicht hingeworfene Tadel, dem wir in 
dieser Beziehung in der Tagespresse begegnet sind, würde vermuth- 
lich unterdrückt worden sein, wenn man sich die Schwierigkeiten 
klar gemacht hätte, mit denen die mit der Anordnung der Ausstellung 
Betrauten zu kämpfen hatten. Mag hier und da die schwächere 
Leistung einen besseren Platz, das hervorragendere Werk eine 
weniger günstige Aufstellung gefunden haben, des letzteren Vorzüge 
werden unbeeinträchtigt ihre Würdigung finden; im allgemeinen ist 
mit vielem Takte das Richtige getroffen worden. Auch die Dichtig 
keit der Nebeneinanderstellung hat man in übertriebener Weise be 
mängelt. Zugegeben, dafs das berechtigte Bestreben, möglichst viele 
Modelle im grofsen Mittelraum, dem sog. Marinesaale, zu vereinigen, 
hier und da zu etwas gedrängter Anordnung geführt hat, die rich 
tigen Standpunkte für die Betrachtung lassen sich überall nehmen; 
nur vielleicht etwas günstigere, ruhigere Hintergründe hätten wir 
einzelnen hervorragenden Bildwerken gewünscht. 
Der Ruf der Reichsvertretung zum Wettkampfe hat die Künstler 
schaft zu freudigem und begeistertem Schaffen bex-eit gefunden, und 
wenn unter den 147 Betheiligten die Zahl derer, die bei der Preis- 
ertheilung ernstlich in Frage kommen werden, sich als verhältnifs- 
mäfsig klein herausstellt, so ist die Summe dessen, was diese geleistet 
haben, doch so bedeutend, dafs das mehrfach vernommene Wehklagen 
über das Ausbleiben des erhofften Michelangelo durchaus unberechtigt 
erscheint. Ueberhaupt verdient die leichtfertige und wohlfeile Art 
entschiedene Zurückweisung, wie gediegene und in jeder Beziehung 
ernst zu nehmende Leistungen, an die die schaffenden Künstler mit 
voller Hingabe ihr bestes Können gesetzt haben, mit ein paar witzeln 
den, prickelnden Schlagworten bereits vierundzwanzig Stunden nach 
Eröffnung der Ausstellung in diesem und jenem Blatte der Tages 
presse abgethan werden. Ein ernster und gewissenhafter Beurtheiler 
wird vielmehr aus der Ausstellung das Bewufstsein mit sich nehmen 
können, dafs die deutsche Kunst die neunzehn Friedensjahre, die sie 
ihrem Kaiser Wilhelm verdankt, nicht ungenutzt gelassen hat, und 
dafs sie bei der Pflege eines gesunden Realismus und einer zum 
Theil bewundernswerthen „Mache“ es nicht verlernte, auch die 
höchsten xxnd idealsten Ziele zu verfolgen. Wir werden sogar 
manchem Entwui'fe begegnen, der sich in seinem Gedankenfluge und 
seiner Begeisterung wohl zuweit vom Boden des Erreichbaren ent 
fernt hat. Dafs es, wie bei jeder Preisbewerbung, an dilettantischen 
Erzeugnissen und Leistungen unfreiwilliger Komik nicht fehlt, ist 
selbstverständlich und in diesem Falle besonders begreiflich. 
Es wurde bereits angedeutet, dafs bei der voi'liegenden, mehr 
vorbereitenden Pi-eisbewei-bung die Gesamtauffassung der Auf 
gabe eine wesentliche Rolle spielt. In engem Zusammenhänge mit 
ihr steht die Platzfrage, auf deren Lösung vornehmlich, und unter 
Umständen ausschliefslicli, das Ausschreiben abzielt. Um ein Bild 
des Ergebnisses der Wettbewerbung nach diesen Richtungen hin zu 
gewinnen, erscheint es im vorliegenden Falle besonders unerläfslich, 
die Entwürfe vor einer Besprechung im einzelnen grappenweis zu 
sammenzufassen und zu untersuchen, welche Vorzüge und Nachtheile 
allgemeiner Art sich gegenüb erstehen. Ein abschliefsendes Urtheil 
wird dann nur gewonnen werden können durch die That des schaffen 
den Künstlers. Zwei grofse Gesichtspunkte sind es, unter welche 
sich die verschiedenen, uns in der Ausstellung entgegentretenden 
Auffassungen bringen lassen: die Vorstellung der Person des Kaisers 
und die Wahl des Platzes für das Denkmal, der erste mehr oder 
weniger bildhauerischer, der zweite der Hauptsache nach architek 
tonischer Natur. In inniger künstlerischer Wechselbeziehung stehen 
beide, und man begegnet mit den besten Lösungen da, wo sich Meister 
beider Künste zu engem Bunde vereinigt haben. Freilich wird — 
auch bei dem ernstesten Bestreben, die naheliegende Vorliebe für 
architektonische Lösungen zurückzudrängen, können wir diese Ueber- 
zeugung nicht unterdrücken — die eingehende Mitai-beit des Bild 
hauers zeitlich erst an zweiter Stelle einzutreten haben. In erster 
Linie wird, sobald sich beide Künstler über den Grundgedanken ge 
einigt haben, der Architekt ans Werk gehen und der Platz gewählt 
oder geschaffen werden müssen, denn ein Nationaldenkmal, kein rein 
persönliches Kaiser Wilhelm-Denkmal ist es, um das es sich handelt. 
Ebensowenig aber, wie die Architektur ein solches hervorbringen 
kann ohne die Schwestei'kunst, die dem Werke in der Erfindung der 
Kaisergestalt die letzte und höchste Vollendung giebt, ebensowenig 
ist ein lediglich bildhauerisches Werk imstande, der Aufgabe in 
ihrem vollen Umfange gerecht zu werden. Die Entwürfe letzterer 
Art bieten somit eine für die Ausführung in Betracht kommende 
Lösung namentlich dann nicht, wenn sie sich, wie mehrfach der Fall, 
mit jedem beliebigen Platze einverstanden zu erklären scheinen. 
Neben den inneren Gründen hierfür ist besonders auf einen dabei 
in Betracht kommenden mehr äufserlichen, aber überaus wichtigen 
Punkt, auf die Frage des Mafsstabes hinzuweisen. Es ist lehr 
reich zu beobachten, wie selbst an sich bedeutende, lediglich bild 
hauerische Werke bezüglich des Mafsstabes im dunklen tasten oder 
vollständig neben das Ziel getroffen haben. Der Bildhauer wird
	        
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